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Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713-1762) und die Reform des deutschen Theaters

Zu den literaturgeschichtlich zentralen Ereignissen des 18. Jahrhunderts gehört die Theaterreform durch Johann Christoph Gottsched und Louise Adelgunde Victorie Gottsched, genannt Gottschedin, seine Frau. Ziel dieser Reform war es, ein nationales deutsches Theater nach französischem Vorbild entstehen zu lassen: Die Wanderbühnen, die bislang aus dem Stehgreif spielten, sollten in Zukunft schriftlich fixierte Stücke spielen, die den Zuschauer ganz im Geiste der Frühaufklärung moralisch besserten, der Beruf des Schauspielers sollte mehr Akzeptanz erhalten und die wirtschaftliche Not der Schauspieler sollte gelindert werden. Damit die Schauspielgruppen aber überhaupt angemessene Stücke spielen konnten – das Drama des Barock war für die vernünftige Dichtkunst, die dem Ehepaar Gottsched vorschwebte, zu schwülstig – mussten erst einmal entsprechende Stücke in deutscher Sprache entstehen: ‚Natürlich‘ sollten sie sein, also schlicht und logisch, dem Vorbild des französischen Dramas folgend, und die Vernunft des Publikums sollten sie fördern.

Entsprechende Stücke und die ihnen zugrundeliegenden theoretischen Ausführungen schrieb aber nicht nur Johann Christoph Gottsched allein, viel mehr kann man die Theaterreform als eheliches Gemeinschaftsprojekt bezeichnen: Maßgeblich beteiligt war daran auch Luise Adelgunde Victorie Gottsched, die eine so hoch gebildete wie literarisch begabte Vertreterin der Aufklärung war.  Am 11.4.1713 in Danzig als Tochter des Arztes Johann Georg Kulmus und einer Mutter aus einer Augsburger Patrizierfamilie geboren, hatte sie das Glück, eine für ein Mädchen gute Ausbildung zu erhalten und schon früh Französisch und Englisch zu lernen. Vor allem wurde sie auch in Poesie unterrichtet, und mit 14 schrieb sie bereits so ausgezeichnete Gedichte, dass sie das Interesse Johann Christoph Gottscheds weckte. 1729 lernte er sie bei einem Besuch kennen und im Folgenden hielten beide Briefkontakt, wobei es in diesen Briefen nicht nur um Literatur ging: Gottsched warb auch um sie. Die Mutter stellte sich jedoch gegen eine Verbindung der beiden.

1734 kam es dann doch zur Verlobung, 1735 zur Hochzeit: Und die Gottschedin beteiligte sich nun nicht nur rege an den Vorhaben ihres Mannes, indem sie die Korrespondenzen führte, die Bibliothek aufbaute, unterschiedliche Bücher und Zeitschriften übersetzte, Schriftstücke abschrieb, Rezensionen schrieb, sondern vor allem auch indem sie eigene Voruntersuchungen zu den Werken ihres Mannes wie der „Sprachkunst“ oder der „Deutschen Schaubühne“ durchführte und zu beiden auch eigene Beiträge lieferte. Schnell wurde sie so eine Person des literarischen Lebens – die sich auch so schnell nichts vorschreiben ließ: Obwohl Frauen keinen Zutritt zu Vorlesungssälen hatten, folgte die Gottschedin ihrem Mann, der Professor war, heimlich in seine Vorlesungen, zudem lernte sie Latein, was normalerweise Frauen verwehrt blieb. Außerdem schrieb sie eine „Geschichte der lyrischen Dichtkunst der Deutschen“, für die sich aber leider kein Verleger fand. Von damals herrschenden Vorstellungen, was eine Frau zu tun und zu lassen habe, hielten jedenfalls beide Eheleute offensichtlich nicht viel.

Luise Adelgunde Victorie Gottsched übersetzte nicht nur Theaterstücke, sie schrieb auch selbst einige Tragödien, vor allem übernahm sie im großen Projekt „Theaterreform“ aber den Bereich der Komödie. Ihr bekanntestes Stück ist „Die Pietisterey im Fischbein-Rocke“ von 1736, wie der Name schon sagt handelt es sich ganz im Sinne der Aufklärung um eine Satire auf die schwärmerische religiöse Strömung des Pietismus: Darin nutzt ein Magister Scheinfromm die Abwesenheit von Herrn Glaubeleicht, um auf Frau Glaubeleicht Einfluss zu nehmen, die „ihr Denkvermögen zugunsten pietistischer Frömmigkeit und Scheingelehrsamkeit aus[schaltet]“.[1] Scheinfromm möchte die geplante Hochzeit der jüngsten Tochter der Familie mit Herrn Liebmann verhindern, an die Stelle von Herrn Liebmann soll Herr Muckersdorff, ein Verwandter von Scheinfromm, treten, und per Ehevertrag soll auf diesen das ganze Vermögen der Familie Glaubeleicht übergehen.

Das Stück – das sich an dem französischen Stück von Guillaume-Hyacinthe Bougants „La Femme Docteur ou la Thélogie Janseniste tombée en Quenouille“ orientiert, welches die Gottschedin schon vor ihrer Hochzeit im Jahr 1732 gelesen hatte – spielt in Königsberg, zu dieser Zeit einer Hochburg des Pietismus in Deutschland. Dort wurde das Stück sofort verboten – überhaupt scheint das Stück den Nerv der Zeit getroffen zu haben, wurde es doch Anlass für ein neues, strenges Zensuredikt in Preußen. Mit Ärger hatte vielleicht auch die Gottschedin selbst gerechnet, die den Text, der vermutlich nie aufgeführt worden ist, anonym veröffentlicht hat[2] – und der Verleger Breitkopf aus Leipzig, der daher fiktiv nicht Leipzig sondern Rostock, eine Hochburg des Anti-Pietismus, als Druckort auf das Titelblatt setzen ließ.

Am 26.6.1762 starb Luise Gottsched in Leipzig als eine Frau, die „Aufklärung“ auch als Frau gelebt hatte.

Werke u.a.: Die Pietisterey im Fischbein-Rocke 1736; Der Zuschauer. Eine Übersetzung der Zeitschrift „The Spectator“ von Joseph Addison und Richard Steele 1739-43; Die ungleiche Heyrath  1743; Die Hausfranzösinn oder die Mammsell 1744; Herrn Alexander Popens Lockenraub. Übersetzung aus dem Englischen 1744; Der Witzling 1745; Das Testament 1745; Der Aufseher oder Vormund. Übersetzung aus dem Englischen 1745; Sämtliche kleinere Gedichte, nebst d. Leben, hg. v. ihrem hinterbliebenen Ehegatten 1763; Briefe, 3 Bde. 1771/72.

[1] Magdalene Heuser: Die Pietisterey im Fischbein-Rocke. Oder die Doctormäßige Frau. In einem Lust-Spiele vorgestellet (1736), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 170.

[2] Andererseits ist das anonyme Veröffentlichen für von Frauen verfasste Werke aus dieser Zeit aber schlicht normal gewesen, verstieß doch weibliche Autorschaft noch massiv gegen damalige Vorstellungen.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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4s Kommentare

  1. Nicole Nicole

    Sehr spannend, danke

  2. Nora Nora

    Vielen Dank für den Artikel!

    Sie ist wohl nicht 1973 geboren.

    • Katharina Herrmann Katharina Herrmann

      Haha, stimmt, Danke!

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