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Lesen lassen – Die Kassette ist tot, lang lebe die Kassette!

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Als Kind habe ich Kassetten gehört! Gab es Bandsalat nahm man einen Bleistift und rollte alles wieder auf, wollte man gekaufte (bespielte) Tonträger überspielen, klebte man die beiden Löcher auf der Oberseite mit dünnen Streifen Tesafilm zu, wollte man selbst bespielte vorm Überspieltwerden von Anfängern bewahren, brach man die beiden Plastikpinökel heraus, zum Aufnehmen musste man dann …

Doch schon als mein Bruder zur Grundschule ging, lag die Kassette im Sterben. Die CD hatte schon lange auf-, nein überholt, es gab MP3-Player, die MiniDisc war damals bereits gescheitert und meine Festplatte fasste mehr Musik als jede Sammlung meiner Eltern. Nur das Genre Hörbuch stemmte sich gegen die Moderne und wurde zum Teil noch auf Band ausgeliefert. Die ersten Teile von Harry Potter kamen in Doppel-Hüllen, später wurden Pappkisten für das Fassen der Lesung eines Bandes nötig. Jedem der unkt alle 16 (?) Kassetten des vierten Bandes gingen spielend leicht auf nur eine MP3-CD (heute gibt es alle sieben Bände auf 14 CDs), möchte ich folgende Anekdote entgegenhalten:

Der jüngste Sohn meiner Eltern war damals vielleicht zehn Jahre alt, seine große Schwester kurz vor dem Abitur, sein großer Bruder Zivildienstleistender (eine Tätigkeit, an die sich nur die Altvorderen erinnern können, die noch die Kassette kennen), seine Eltern waren bereits dreimal Eltern und er lauschte tagein tagaus Harry Potter, gelesen von Rufus Beck. Die offene Bauweise unserer Wohnung und die Gnade, die dem Jüngsten wohl stets zuteil wird, führte dazu, dass alle Anwesenden mithörten.

Natürlich kamen die Bänder durcheinander, also sprang die Hörgemeinde notgedrungen zwischen den Teilen. Dies stellte aber für niemanden ein Problem dar, alle waren tief im Stoff und konnten inzwischen die größten Teile mitsprechen. Bis sich nun aber der Verlag dieser Reihe darauf versteifte die letzten Bände nicht mehr auf Kassetten herauszubringen, kam es zu einem tragischen Zerwürfnis der eingeschworenen Fangemeinde im Hause W. Überall flogen zerkratzte CDs herum, niemand merkte sich bei welchem “Track” man gerade gewesen war als man das Vorlesen stoppte, die ersten Scheiben verweigerten den Dienst und Rufus Becks Stimme schallte nur noch selten durch unsere Wohnung, andere Hörbücher wurden für die Gemeinschaft nie wieder angeschafft.

Seitdem habe ich keine Geduld mehr für Hörbücher. Schuld kann also nur der Tod der Kassette sein.

Denn als ich wiederum Kind war, spielte sich Ähnliches, nur mit weniger Beteiligten, mit Jim Knopf ab. Die Kassetten waren nahezu unkaputtbar und starteten immer dort, wo ich zuletzt geendet hatte. Und dies ist tatsächlich eines der Hauptvergehen der Verlage: die Stückelung der Tracks ist nicht großzügig genug. Ich setzte mich doch nicht vor meinen CD-Player und spule zu Minute 15:37, ist ja schließlich kein Kassettenrekorder.

Weil ich neben meinem guten Geschmack, aber auch über eine sagenhafte geistige Wendigkeit verfüge, habe ich mich in letzter Zeit wieder an Hörbücher und -spiele herangewagt. Dies sind die Beobachtungen, die man nebenher notierte:

+ man kann sagenhaft gut geistig unanstregende Dinge nebenher tun
– ich bin viel zu ungeduldig, um geistig unanstrengede Dinge länger als 15 min zu tun

+ man kann viel schneller, viel mehr Bücher hören als lesen
– ich bekomme nur die Hälfte mit, weil ich ja keine geistig unanstregenden Dinge dabei tue

+ man kann dabei einschlafen
– man kann dabei einschlafen (und findet nie wieder raus wo man war)

+ die Sprecher lesen viel besser als die meisten anderen Menschen, die einem sonst so vorlesen
– die Stimme in meinem Kopf reicht mir völlig (und ist sehr wohlklingend)

+ es gibt sehr (!) gute Hörspielbearbeitungen von Klassikern
– bei Hörspielen habe ich immer die Besorgnis Einzelheiten der Prosa zu verpassen

Ach und es gibt soviel mehr Positives, aber ich habe das Problem im Hörbuch nicht markieren zu können und im Gesamteindruck lese ich viel zu gern selber, als dass ich jemals ein begeisterter Hörer werden würde und vieles andere mehr. Damit dieser Text aber nicht nur Fixierung von Hörbuchwissenschaft und meiner Vergangenheit dient, habe ich fünf Hörtipps für ambitionierte Einsteiger und Fortgeschrittene gesammelt.

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Ein klassisches Hörspiel mit dem König unter den deutschen Sprechern Gert Westphal, das atmosphärisch in Perfektion Kafkas Prosa umsetzt.

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Eine Box voller Stefan Zweig Geschichten, was gibt es Besseres? Bin im Zug zum Ende von Brennendes Geheimnis eingeschlafen. Hatte mir vorher aber notiert unbedingt Teile des Anfangs in Über mich zu übernehmen, im Buch hätte ich einfach markiert.

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Das Debüt des Mitbegründers des Hamburger Vorzeigeclubs Uebel & Gefährlich von 2011 fängt viel Charme der Hansestadt ein. Der Clubbesitzer und Journalist schreibt sehr unterhaltsam, Florian von Manteuffel liest wunderbar und zusammen ergibt das leichte, aber gute Unterhaltung.

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Was ganz anderes no.1: kann man aus Tagebüchern vorlesen? Ja man kann und es macht erstaunlich viel Spaß, nicht nur weil Max Frisch viel Interessantes aus seiner Zeit in Berlin zu erzählen hat, sondern weil auch das Uninteressante wunderbar verpackt wird. Max Frisch hat immer noch keinen Telefonanschluss in der neuen Wohnung? Mehr davon!

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Was ganz anderes no. 2: Aus den ganz großen frühen Jahren des Benjamin von Stuckrad-Barre sind diese Live-Aufnahmen. Mit “Gastauftrittseinsprengseln” von Christian Kracht, Harald Schmidt und Christian Ulmen, den ebenfalls ganz großen der späten 90er. Zeitreise in das Damals, als es noch Kassetten an jeder Ecke gab.

Falls Du, lieber Leser, eines dieser Hörbücher genießen willst, magst Du Dich bei mir melden, ich überspiele das dann und sende es unfrei per Bote im Eselkarren zu Dir.

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Folge 54books.

1 kommentar

  1. Wunderbar!
    Als Kind hörte ich Märchenplatten, vorzugsweise Kalif Storch (MUTAAAABOOOOORRRRR!), später gelegentlich Kassetten. Aber heute geht das bei mir nicht mehr, ich schlafe dann nämlich immer ein. Vielleicht müsste ich es mal bei der Hausarbeit versuchen, so macht es ein Freund von mir und findet es schnafte.
    Liebe Grüße
    Petra

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