Lebkuchen, Lichterglanz, Lametta…und Liebe: Das gelingsichere Weihnachtsfilmrezept

von Kristina Bedijs

Jedes Jahr veröffentlichen Kochzeitschriften in ihren Dezemberausgaben Rezepte für Weihnachtsplätzchen. Wer das über ein paar Jahre verfolgt, hat bald einen guten Überblick über die Kekssorten, die zu Weihnachten offenbar am besten ankommen, sowie über die Zutaten, ohne die ein Keks nur ein Keks, aber kein Weihnachtsplätzchen wäre. Ganz ähnlich ist es mit weihnachtlichen Film- und Serienproduktionen. Auch da gibt es einige bekannte Genres, die besonders häufig eine Verfeinerung mit weihnachtlichen Elementen erleben.

Viele Weihnachtsfilme sind RomComs, also romantische Komödien, in denen sich ein Liebespaar findet, und zwar zur Weihnachtszeit. Die RomCom ist international eines der populärsten Filmgenres überhaupt. Zugleich ist es eines der Genres mit den stabilsten inhaltlichen und formalen Merkmalen, also einem Featureset der „typischen Liebesgeschichte“, das über die Jahrzehnte entlang gesellschaftlicher Verhaltensnormen entwickelt wurde und in popkulturellen Werken immer wieder aufs neue aufgerufen und aktualisiert wird. Den Filmen liegt eine bürgerlich-romantische Idealvorstellung der „wahren Liebe“ zugrunde, nach der genau diese Frau und dieser Mann (nur selten sind die Liebespaare nicht heterosexuell) füreinander bestimmt sind. Ihr Zusammenfinden ist eine Geschichte von Hindernissen, deren Überwindung auf lustige Weise erzählt wird, sodass eine RomCom in aller Regel ein Happy End (also ein glückliches Liebespaar) hat.

Diese Erzählung passt in die Weihnachtszeit, schließlich ist Weihnachten in christlich geprägten Ländern seit dem späten 18. Jahrhundert das Fest der Familie, bei dem rund um die Geburt Jesu Christi und vor der Folie der Heiligen Familie das Glück zelebriert wird, als ein Zusammensein von Vater,Mutter und Kind(ern). Zugleich ist Weihnachten das Fest der Liebe – während damit ursprünglich die Liebe Gottes zum Menschen und in späteren Jahrhunderten dann die Nächstenliebe gemeint waren, beziehen wir die Liebe in unserer säkularisierteren Gegenwart eher auf Familie und auf Partnerschaft. Was liegt also näher, als das populäre Grundrezept der RomCom um ein bisschen weihnachtliche Dekoration zu ergänzen?

Same old Christmas movie

Auch Weihnachten hat in unserem Kulturkreis inzwischen ein festes Set ikonischer Merkmale etabliert, die wir alle kennen: Schnee, die Farbkombination Rot/Grün, Glitzer(schnee), Rentiere, Weihnachtsmann und zahlreiche mehr, außerdem eben einige „Romantik-Features“, da Weihnachten immerhin das Fest der Liebe ist. An Weihnachten sollen alle glücklich verliebt und bei ihrer Familie sein, so will es auch die Popmusik: Chris Rea mit „Driving Home for Christmas“ und Mariah Carey mit „All I Want for Christmas is You“ haben sich an das Weihnachtssong-Rezept gehalten – der Hit ist ihnen gelungen. Und natürlich hat auch die Filmindustrie schon lange erkannt, dass hier ein (narratives) Grundrezept – ähnlich wie beim Plätzchenteig –  mit den richtigen Gewürzen und Verzierungen unendliche Variationen eröffnet. 

Daraus ist ein Subgenre entstanden, das seit einigen Jahren als Hallmark Christmas Movies bezeichnet wird – benannt nach dem amerikanischen Sender Hallmark Channel, der jährlich ab Oktober nicht nur quasi rund um die Uhr Weihnachts-RomComs ausstrahlt, sondern auch einen immensen Output an neuen und doch immer wieder ähnlichen Produktionen liefert.

Hallmark Christmas Movies setzen genau auf die Mischung der  Muster, die von der RomCom und von weihnachtlicher Popkultur bekannt sind. Für Brian Moylan ist es gerade das, was für viele den ungeheuren Reiz des immer gleichen Weihnachtsfilms ausmacht:

„Das Tolle an Weihnachten ist, es ist immer gleich. Du gehst zu denselben Feiern, du besuchst dieselben Verwandten, du bekommst noch einen Pulli von deiner Mutter, der dir nicht passt, weil sich für sie seit deiner Teenagerzeit deine Kleidergröße nicht geändert hat. Es ist eine nette, saubere Formel, so wohltuend wie ein Schluck Eiergrog.“

Wie die Filmplots von RomComs und Hallmark Christmas Movies sind auch die Beziehungen, die uns darin präsentiert werden, oft nach bestimmten Regeln normiert. Implizit wird vorausgesetzt, dass alle Menschen sich eine Beziehung wünschen, durch die sie sich selbst aufgewertet fühlen. Vor allem für die Frauenfiguren bedeutet das: Single zu sein ist nur bis zu einem gewissen Alter eine akzeptable Option, dann aber wird das Finden und Festhalten des „richtigen“ Mannes zum obersten Lebensziel. Ein häufiger Plot in RomComs ist deshalb die Single-Frau auf der hindernisreichen Suche nach dem perfekten Partner – üblicherweise mit einem glücklichen Paar am Ende.

Auch die norwegische Netflix-Serie „Weihnachten zu Hause“ („Hjem til Jul“, 1. Staffel 2019, 2. Staffel 2020) ist so eine Erzählung von einer Partnersuche. Schauen wir uns einmal an, welche Zutaten „Weihnachten zu Hause“ aus dem Basic-Rezept der RomCom und aus der Weihnachts-Verfeinerung der Hallmark Christmas Movies übernimmt, sodass die Serie schließlich als skandinavische Version der romantischen Weihnachtskomödie daherkommt.

White Lie Christmas

Wie viele Weihnachtsfilme ist die Serie ähnlich wie ein Adventskalender als Countdown bis zum Heiligabend aufgebaut. Für die 30-jährige Krankenpflegerin Johanne beginnt der Advent jedes Jahr mit einem Kaffeetrinken bei ihren Eltern, an dem auch ihre Geschwister mit ihren Familien teilnehmen – oberflächlich betrachtet glückliche Ehepaare mit entzückenden Kindern. Jedes Jahr steht die Frage im Raum, wann Johanne endlich auch einmal mit einem Partner erscheint, und zwar vor allem an Heiligabend. In diesem Jahr ist sie so entnervt von dem familiären Druck auf ihr Beziehungsleben, dass sie kurzerhand einen Freund erfindet. Weil alle so erleichtert und begeistert reagieren, bringt sie es nicht übers Herz, die Lüge zurückzunehmen, und beginnt mit ihrer Mitbewohnerin Jørgunn die Suche nach einem Mann, den sie Heiligabend als ihren Partner vorführen kann.

Johanne begibt sich auf einen Date-Marathon, um die Erwartungen zu erfüllen. Aber es darf natürlich auch nicht irgendein Partner sein. Johannes Date-Dezember ist eine Abfolge teils lustiger, teils trauriger Rückschläge und Enttäuschungen, wobei jedes Mal ein weiterer Punkt auf einer inoffiziellen Kriterienliste für die perfekte Normbeziehung hinzukommt.

Gleich zu Anfang der ersten Episode wird deutlich gemacht, dass das Single-Dasein einer Frau im Advent ein Problem ist. Johanne ist nach dem Familien-Adventskaffee, der sie in die Notlüge getrieben hat, in der Stadt unterwegs. Die Verkäuferin am Wollstand erklärt ihr die Gewinne bei der Weihnachtsverlosung: ein Urlaub für zwei, ein Wellness-Wochenende für zwei, ein Pärchenhandschuh. Man sieht Johanne an, wie unwohl sie sich beim Zuhören fühlt. Anschließend will sie in einer Boutique einen Weihnachtspyjama kaufen – und wird von der Verkäuferin darüber informiert, dass es diesen nur im Zweierpack oder für Familien gibt. Johanne kauft also einen Doppelpack. In der nächsten Einstellung sitzt sie im Weihnachtspyjama auf dem Sofa und erzählt ihrer Mitbewohnerin Jørgunn, die den zweiten Pyjama trägt, von ihrer Notlüge. Jørgunn rät ihr zuerst, einfach die Wahrheit zu sagen. Johanne wehrt ab – sie scheint inzwischen auch selbst die Idee gar nicht so falsch zu finden, an Heiligabend einen Partner zu haben.

Jørgunn überredet Johanne zu einem Speed Dating in einem Café. Alle Typen, die sie da kennen lernt, sind allerdings regelrechte Karikaturen, die in Sekundenschnelle deutlich machen, warum sie nicht durch „normalen gesellschaftlichen Umgang“ eine Partnerin finden. Als Johanne, irritiert und ein wenig enttäuscht, nach dem Event gerade gehen will, stößt sie mit einem Cafébesucher zusammen, dessen Sachen herunterfallen. Das bekannte Motiv der Liebe auf den ersten Blick, initiiert durch einen Zusammenstoß, wird aktiviert: Beim gemeinsamen Aufsammeln stellt sich heraus, dass er sehr nett ist und gerne mit Johanne ins Kino gehen möchte. Das ist bei einer normgerechten Partnerschaft wichtig: das Kennenlernen soll beiläufig erfolgen, gemeinsame Interessen sollen sich im Gespräch zufällig ergeben, man soll sich auf Anhieb sympathisch sein. Auf keinen Fall soll man ein Kennenlernen aktiv herbeiführen, so wie beim Speed Dating, wo die Enttäuschung geradezu zwangsläufig ist.

Leider stellt sich nach dem Kinobesuch heraus, dass der Mann aus dem Café auch eine Enttäuschung ist. Johanne hat ihn in ihren Lieblingsfilm „Tatsächlich Liebe“ – sozusagen der Prototyp der Weihnachts-RomCom – mitgenommen, und der Mann erklärt ihr hinterher ausführlich, warum dieser Film wirklich unerträglich, unlogisch und viel zu traditionalistisch ist. Ein wichtiges Feature des perfekten Partners ist, zu teilen, was dem anderen wertvoll ist, ohne sich zu verstellen.

Der Mann aus dem Café kommt aus einem weiteren Grund nicht in Frage: er holt für Johanne an einem Stand einen Liebesapfel und sagt, das Geld könne sie ihm später überweisen. Das wäre selbstverständlich in jeder Datekonstellation ein Affront, aber das Bezahlen ist bei heterosexuellen Dates noch mal stärker mit der traditionellen Idee behaftet, dass der Mann für die Frau zu bezahlen hat. Auch heute noch, wo auch Frauen Geld verdienen, gilt das häufig als Regel, offenbar auch in „Weihnachten zu Hause“.

Walking in a Tinder Wonderland

Weiter geht es nach dieser Enttäuschung mit Jørgunns Idee, für Johanne auf einer Dating-App einen Partner zu suchen. Da bald  Weihnachten ist, bleibt nicht mehr viel Zeit für die Partnersuche, der Grundsatz, dass gute Beziehungen aus Zufallsbegegnungen entstehen, muss über Bord geworfen werden. An Weihnachten einen Partner zu haben ist so prioritär, dass andere Regeln zurückstehen müssen. 

Zuerst muss Johannes Dating-Profil aktualisiert werden. Jørgunn will von Johanne wissen, wonach sie sucht: „Was willst du? Eine Frau? Einen Mann? Sie, er, es, oder beides?“ Diese kurzzeitige Offenheit für Queerness wird aber durch Johannes Reaktion umgehend wieder geschlossen: „Einen Mann!“ sagt sie lachend, als wäre gar keine andere Option denkbar. Der perfekte Partner in der Weihnachts-RomCom ist nach Möglichkeit vom anderen Geschlecht, das Ganze gedacht in einer binären Welt, in der es nur Männer und Frauen gibt. Das wird später bekräftigt: Johanne betrinkt sich auf der Weihnachtsfeier, wird von ihrer lesbischen Kollegin angeflirtet und geht auf der Heimfahrt auf diese Avancen ein – die Fummelei in der Straßenbahn endet aber abrupt mit einer Vollbremsung, bei der die Kollegin sich den Hals verrenkt und der Fahrer den Frauen eine vorwurfsvolle Ansprache hält, die ganze Situation also in totaler Peinlichkeit endet. Der richtige Partner für eine RomCom-Frau ist eben keine Frau, und lesbische Episoden geschehen nur versehentlich, wenn eine heterosexuelle Frau nicht ganz bei sich ist.

Das erste Date, das sie durch die App bekommt, geht schief. Doch der abgelehnte Mann geht ihr nach, macht ihr Vorwürfe wegen des verpatzten Abends und teilt mit, dass er ihre Abfuhr nicht hinnehmen wird. Erlösung gibt es erst, als ein zufällig dazugekommener Freund von Johanne dem empörten Typ das Desinteresse klar macht, was aus dem Mund eines Mannes dann auch akzeptiert wird – eine Erfahrung, die viele Frauen kennen, die einen aufdringlichen Interessenten erst loswerden, wenn sie einen beliebigen Mann in ihrer Nähe darum bitten, dass dieser ihren Freund spielt oder zumindest eine Ansage von Mann zu Mann macht. 

Santa Baby – Santa Oldie

Bei einem anderen Date nähert sich Johanne in mancher Hinsicht dem perfekten Partner – Johanne will ihn wegen des Altersunterschiedes – er ist 19 Jahre alt – zuerst nicht treffen, Jørgunn drängt sie aber, es wenigstens zu probieren. Es stellt sich heraus, dass Jonas sehr gut im Bett ist. Doch ihre Freundinnen sind sich einig, dass der Mann eher älter sein sollte. Schließlich könnten ältere Männer einer Partnerin auch einiges bieten, nicht zuletzt finanzielle Sicherheit, Bildung und Kultur.

Tatsächlich kann Jonas das durchaus vorweisen: Seine reichen Eltern haben bei ihrem Sohn für eine umfassende Bildung gesorgt, was Johanne beeindruckt. Als Mann in einer Heterokonstellation ist das auch seine Rolle – Johanne dagegen hat den Part, ihn zu bewundern. Sie selbst, die dem Publikum als vielseitig interessierte, kluge und lustige Frau präsentiert wird, bringt in der Beziehung zu Jonas nichts ein, womit sie ihn beeindrucken oder interessieren könnte. Hier zählen anscheinend nur ihre Schönheit und Erfahrung, was als „Mrs.-Robinson“- oder auch „Cougar-Phänomen“ auch ein Motiv der Populärkultur ist – siehe auch „Stifler’s Mom“ in American Pie.

Das Problem des Altersunterschied zeigt sich besonders auf Jonas’ Geburtstagsfeier in einem Club, wo der Kuchen, den Johanne ihm gebacken hat, deplatziert und “uncool” wirkt. Außerdem ist Jonas, als Johanne auftaucht, gerade dabei, ein fremdes Mädchen zu küssen. Er erklärt sich dann noch: er wird im Ausland studieren und will Johanne nicht im Weg stehen, da diese ja sicher bald Kinder haben wollen wird. Wir bekommen also vorgeführt, dass eine Paarbeziehung nicht nur Selbstzweck, sondern das Ziel der Familiengründung bei der Partnersuche immer schon mitzudenken ist, insbesondere bei Frauen. 

Auch Johannes Freundinnen hatten ihr schon nahegelegt, das Thema Kinder bei ihren Dates unbedingt im Kopf zu haben. Sie soll das Aussehen des Mannes bedenken und darauf achten, dass er für eine Familie sorgen kann. Ganz klassische Muster, die in „Weihnachten zu Hause“ zwar mit einem leicht ironischen Unterton in den Raum gestellt werden, aber letztlich doch als „irgendwie schon sinnvoll“ nachklingen.

Jonas wird als so verantwortungsbewusst dargestellt, dass er eine Beziehung mit Johanne nicht eingeht, weil er sich für den Part mit den Kindern noch zu jung fühlt. Zugleich wird Johanne ein Stück ihrer Selbstbestimmung abgesprochen: Enttäuscht erwidert sie „ich will jetzt keine Bälger mit dir“, aber beabsichtigte Kinderlosigkeit bei Frauen wird sehr häufig paternalistisch als vorübergehender Zustand betrachtet. Das Risiko, in einer Partnerschaft mit Jonas schließlich dauerhaft kinderlos zu bleiben (und möglicherweise dennoch glücklich zu sein), wird Johanne nicht selbst überlassen.

Henrik, lieber Henrik mein

Warum hat Johanne eigentlich keinen Partner, obwohl sie doch alles mitbringt, was die perfekte Frau in der Heterobeziehung mitbringen muss?

Die Antwort könnte sein: sie braucht keinen, um mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Das ist allerdings nicht die Antwort in RomComs, deren Plot darauf beruht, dass der Mensch nur zu zweit vollständig ist, und zwar mehrheitlich in einer heterosexuellen Beziehung. Single-Frauen sind in RomComs zwangsläufig auf der Suche nach ihrer „zweiten Hälfte“. Finden sie sie nicht, sind sie sehr häufig zu anspruchsvoll oder nicht schön oder cool genug und müssen an sich arbeiten, um doch noch mit Liebesglück belohnt zu werden – auch ein häufiger Plot in High-School-Filmen.

Oder es gibt, wie im Fall von Johanne, ein Ereignis in der Vergangenheit, das überwunden werden muss, zum Beispiel ein Expartner, der im Herzen noch präsent ist (manchmal auch zurückerobert werden soll). Natürlich scheitert ein Happy End in RomComs nicht daran, dass die Hauptfigur eine Trennung dauerhaft nicht bewältigt. Schon zu Beginn der ersten Staffel wird subtil ein potenzieller Partner für Johanne eingeführt: Henrik, der Stationsarzt, der in ihrer Gegenwart immer ganz nervös wird. Es ist ein bekanntes Manöver in RomComs, dass der „Love Interest“ schon früh auf der Bildfläche erscheint, aber von der Hauptfigur lange nicht richtig wahrgenommen wird, beispielsweise weil beide schon seit Ewigkeiten gute Freunde sind, weil sie aus unterschiedlichen Lebensrealitäten kommen oder weil die Hauptperson durch Flirts mit anderen abgelenkt ist.  

Lonely This Christmas? Kommt nicht in Frage

Johannes Partnersuche war bis zum Nachmittag des Heiligen Abends nicht erfolgreich, und so bringt sie zu ihrer Familie anstatt des erhofften Freundes ihre Mitbewohnerin Jørgunn, deren Freund und eine Patientin von ihrer Station mit. Sie stellt alle drei ihrer Familie als Menschen vor, die in den letzten Wochen für sie wertvoll waren. Unerwartet kommt noch Johannes Freundin Jeanette, deren Mann sich getrennt hat, nachdem sie ihm am Nachmittag einen Seitensprung gebeichtet hat. Auch sie wird herzlich und tröstend im Familienkreis aufgenommen.

Man könnte nun meinen, diese erste Staffel endet mit der Botschaft „Ein Partner ist schön, aber noch wichtiger ist es, verlässliche und gutherzige Menschen um sich zu haben“, oder sogar „Eine Frau entscheidet am besten selbst, mit wem sie sich umgibt“, was dem klassischen RomCom-Rezept eine etwas feministischere Note verleihen würde.

So endet es nicht. Stattdessen klingelt es an der Tür, und wir erleben einen Staffelfinal-Cliffhanger, der die kaum zu übertreffende Spannung, ob die Plätzchen im Ofen diesmal was werden, locker überholt. Die ganze Heiligabendgesellschaft einschließlich Johanne sind genauso gespannt wie das Publikum auf der Couch: Wer kann das sein? Johanne öffnet die Tür und… strahlt, ohne dass wir erfahren, wer oder was ihr da gegenüber steht. Man geht im Kopf die Optionen durch, und nach allem, was wir über das RomCom-Gelingrezept wissen, kommt eigentlich nur der Stationsarzt Henrik als Überraschungsgast in Frage.

Offenbar ist Johanne sich eben doch nicht allein genug, auch sie ist ohne Partner nicht vollständig. Sie kann sich einreden, bei all den tollen Menschen in ihrem Umfeld keinen Partner zu brauchen – sie macht sich offenbar etwas vor, und ihr Strahlen, als sie die Tür öffnet, spricht eine deutliche Sprache. 

Bei allen ironischen Brechungen und queer-offenen Experimenten, die „Weihnachten zu Hause“ mit dem heteronormativen Basisrezept der „klassischen“ RomCom bzw. des Hallmark Christmas Movies anbietet – die Kernbotschaft ist also doch wieder dieselbe: An Weihnachten müssen alle glücklich sein, eine Frau soll einen Partner haben und nur wenn das erfüllt ist, ist es ein Happy End. Wir haben es also letztlich mit einer skandinavischen Version eines Hallmark Christmas Movies zu tun – und dass Netflix für die Adventszeit 2022 bereits die dritte Staffel angekündigt hat, beweist, dass das Gelingsicher-Rezept auch in Europa bestens anschlussfähig ist. Mal sehen, welche besonderen Zutaten dann dabei sind.

Der Text ist die verschriftlichte Fassung eines Vortrags, der auf dem Workshop „Weihnachtsfilme lesen“ Ende November 2021 an der Fernuni Hagen gehalten wurde. In den Wochen bis Weihnachten erscheinen noch zwei weitere Beiträge dieser Reihe. Am Dienstag 07.12. und 14.12. finden zudem digitale Abendvorträge statt (Programm hier). Den Abendvortrag von Simon Sahner vom 30.11. kann man auf youtube nachschauen.

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