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Kurt Drawert – Was gewesen sein wird

Inzwischen mehr als 10 Blatt umfassender Fax-Wechsel mit Kurt Drawert, der tiefbeleidigt seine Teilnahme an einer Veranstaltungsreihe der HAMBURGER AKADEMIE absagt: Das gedruckte Programm […] spricht von „jüngeren und unbekannteren Autoren“ […]. Wie von der Tarantel gestochen reagierte mein lieber Kurt, welch Tort ihm angetan werde mit dem Etikett „unbekannt“. Was sogar stimmt. Er ist ja […] mit vielen Preisen dekoriert. Dennoch ist er einem größeren Publikum eben „unbekannt“: Als ich neulich mit einem ZEIT-Redakteur über evlt. Interviews/Porträts sprach und, treuer Vasall, wieder den Namen Drawert nannte, kam prompt: „Das wäre evlt. ganz interessant – mal einen ganz Unbekannten.“ Dürfte ich ihm nie erzählen.
Aus: Tagebücher 2002-2012 – Fritz J. Raddatz, 26. Juni 2002

Vor dreizehn Jahren war der angesprochene Drawert 46 Jahre alt und damit gewiss kein junger Autor mehr, ein relativ unbekannter ist er bis heute leider geblieben. Dafür kann es nur eine Erklärung geben, denn er gehört sicher zur Creme derer, die wir haben: er schreibt zu viel in zu wenig beliebten Genres und er ist zu klug!

Eisenmann-DrawertIn erster Linie ist Kurt Drawert Lyriker und als solcher tatsächlich mit vielen Preisen dekoriert, doch auch für seine Prosaarbeiten wurde er bereits prämiert und hier mit so wohlklingenden Auszeichnungen wie dem Uwe-Johnson- oder dem Ingeborg-Bachmann-Preis. In seinem umfangreichen Werk finden sich allerdings, habe ich mich nicht verzählt, nur zwei Romane (von 1992 und 2008) und dies ist eben die Gattung, die wahrgenommen wird und auf Bestsellerlisten steht. Wie viel man allerdings verpasst, habe ich mir am Band Was gewesen sein wird vor Augen geführt.

In dem Sammelband sind Essays von 2004 bis 2014 enthalten, darunter auch der über 100 Seiten lange über Madame Bovary. In diesem beschreibt er die Reise, die er auf den Spuren des Romans und seiner Figuren durch Frankreich unternimmt.

Warum nun aber ausgerechnet Drawert den achttausendsten Sekundärtext zur Bovary schreiben muss, führt er vielfach sehr kunstvoll vor. Es ist kein bloßer Reisebericht, sondern die Geschichte eines Fans, eines Literaturwissenschaftlers und Mannes vom Fach, die Beleuchtung eines der größten Romans der Weltliteratur aus vielen verschiedenen Positionen. Die Analysen des Textes sind zum Teil so brillant, dass man gar nicht genug Tinte im Füller hat, um alle zu markieren. Gleiches gilt für seine Texte über Kafka oder die abgedruckte Rede zur Verleihung des Rainer-Malkowski-Preises. In letzterer geht er selbst das Problem des Untergehens der Gattung der Lyrik im Meer der Neuerscheinungen eines überfluteten Buchmarkts, aber auch das seiner Meinung nach insgesamt sinkende Niveau des Veröffentlichten, ein. Sieht aber auch die Probleme bei der Unlust des Lesers sich auf Texte einzulassen:

Ein Umgang mit komplexen literarischen Texten, die sich erst in der Rezeptionsbegabung des Lesers entfalten, findet mehrheitlich kaum noch statt. Bei einer Lesung vor wenigen Tagen wurde ich vom Veranstalter mit den sicher gut gemeinten, aber verunglückten Worten begrüßt, dass ich, nun ja, ein wohl doch etwas schwieriger Autor sei und bitte nicht so lange lesen möchte. Aber kann eigentlich etwas schwieriger, komplexer und rätselhafter sein, als das Leben selbst, das zu verstehen wir uns bemühen mit den Mitteln der Sprache und der Literatur?

Abseits der, hier nicht zu vertiefenden, Debatte erkennt man bereits in diesem Absatz die Schärfe der Gedanken und der Position Drawerts, aber auch seine Liebe zur Literatur, die ganz besonders zu knistern beginnt, wenn er mit hundertjähriger Verspätung auf den Brief eines tumben Leser Kafkas reagiert und diesem die Schönheit dessen Literatur erklärt. Nicht in Worte zu fassen, in welche Worte Drawert Kafkas Schaffen fasst/fassen kann – großes Können! Und in diesem Lobgesang ist noch gar nicht angesprochen was der Autor in weiteren Texten über die Sprache Victor Klemperers oder seine Kritik der politischen Rhetorik leistet.

Es kam während der Lektüre – ein Essayband am Stück! – dass mich Drawert in seiner Brillanz erschlagen hat, aber haben Sie keine Angst vor jemandem, der schlauer ist als Sie: lesen und lernen Sie lieber von ihm. Lassen Sie sich mal wieder auf komplexe Texte ein!

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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