Zurück zum Content

Rainer Maria Rilkes “Der Panther” nach Helmut Krausser

Der Panther – Das Cover von Helmut Krausser

Sein Blick, von vierzig Gitterstäben
müde, trägt kein Bild, zerfällt.
Als würde es nur Stäbe geben,
dahinter aber keine Welt.

Parcours dämonisch starker Schritte,
der sich im kleinsten Kreise dreht,
die Kraft als Tanz um eine Mitte,
in der, betäubt, sein Wille steht.

Manchmal schiebt sich die Pupille
lautlos auf – ein Bild dringt ein
ins Herz, durch angespannte Stille –
und hört für immer auf zu sein.

Der Panther – Das Original von Rainer Maria Rilke

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein


Krausser zu seiner Coverversion:

Ein nahezu perfektes Gedicht. Es bleibt Ansichts- bzw. Geschmackssache, ob man die behäbigere fünfhebige Originalversion, die dem trägen Gang des Panterhs eher entsprechen mag, der bierhebigen  vorzieht, die dem Tier mehr Spannkraft und Geschwindigkeit verleiht. Für mich war ausschlaggebend, daß überhaupt eine gedrängtere Version ohne entscheidenden Substanzverlust möglich ist, was ich bei der Arbeit nicht unbedingt vorausgesagt hätte.

Aus: Helmut Krausser – Verstand & Kürzungen
Mit freundlicher Genehmigung des DuMont Verlags

Kein CoverHelmut Krausser: Verstand & Kürzungen
gebunden, 222 Seiten
DuMont Buchverlag, Köln 2014 Buch bestellen
Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 374 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

4s Kommentare

  1. Pardon, aber was für ein Blödsinn. Als wäre die Ästhetik der Sprache, die in Kraussers Gedicht eben durchaus verloren geht, für die Gattung Lyrik irgendwie nebensächlich neben einem inhaltlich vermiedenen “Substanzverlust”. Wenn er derlei Texte als Fingerübung für sich verfasst – bitte. Aber das muss nun wirklich nicht veröffentlich werden.

    • 54books 54books

      Katharina du olle Sumpfkuh!
      Ich finde Idee und Umsetzung von Kraussers Coverversionen interessant und als Gedankenanstoß zum Befassen mit Klassikern grundsätzlich als veröffentlichen- und teilenswert. Natürlich möge jeder selbst entscheiden, welche Version er präferiert.

    • richard richard

      Warum soll denn “das Ästhetische der Sprache” verloren gehen? Sie wird doch nur durch eine andere Ästhetik ersetzt. “Muß nicht veröffentlicht werden”. Klingt ja wie nach einer Stasi-Prüfung. Warum nicht gleich verbrennen?

      • Katharina Katharina

        Unter einem Stasi-Nazi-Vergleich machen Sie’s wohl nicht, Richard. Alle Achtung.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: