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Konstantin Richter – Die Kanzlerin

Die Bundestagswahl 2017 steht kurz bevor, habe ich gehört, und während mir vor wichtigen politischen Abstimmungen in England, Amerika und Frankreich in den letzten Jahren immer wieder Artikel zu der Frage auffielen, welche Bücher man lesen könne, um etwas über die Stimmung, die Probleme oder die Gesellschaft in diesen Ländern zu erfahren, herrscht im deutschen Kulturjournalismus diesbezüglich auffälliges Schweigen: Lediglich in der Süddeutschen Zeitung gab es einen ähnlichen Artikel und interessanterweise empfehlen hier die Befragten fast durchgehend entweder Sachbücher oder Belletristik in Übersetzung bzw. von vor ein paar Jahrhunderten – deutschsprachige Literatur der Gegenwart scheint irgendwie zu diesem Thema nichts zu erzählen zu haben. (Falls ich entsprechende Artikel übersehen haben sollte, wäre ich um entsprechende Hinweise wirklich dankbar.)

Das ist aber natürlich Unfug, in den letzten zwei Jahren sind zahlreiche erzählende Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren erschienen, die man mal darauf hin lesen könnte, was sie eigentlich über die deutsche Gesellschaft vor der Wahl zu erzählen haben. Es scheint mehr der deutschsprachige Kulturjournalismus zu sein, der kein Interesse an Politik oder politischen Lesarten von Literatur hat, als die deutschsprachige Literatur selbst. Das ist recht schade, mich hätte eine Liste mit entsprechenden Empfehlungen sehr interessiert.

Ohne eine solche Liste musste ich nun also selbst in den Buchladen gehen und nach Literatur, die aktuell etwas zur Bundestagswahl zu erzählen haben könnte, Ausschau halten, und leider griff ich zu dem offensichtlichsten Buch: Zu „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“ von dem Journalisten Konstantin Richter. Es geht – wer hätte es gedacht – hier vor allem um die Phase des Jahres 2015, in der Merkel die Grenzen öffnen ließ: Konstantin Richter hat aber dem eigenen Anspruch nach keine Reportage geschrieben, sondern „eine Fiktion“, er will davon erzählen, was die Kanzlerin in dieser Zeit gedacht und gefühlt haben könnte, laut Klappentext lässt er dabei „Merkel als tragikomische Figur von Shakespeareschem Format lebendig werden“. Nun darf man einem Autor seinen Klappentext wohl nicht vorhalten, er kommt ja in der Regel nicht von ihm, aber dieser Klappentext ist völlig falsch: Tragikomisch ist nicht einmal das Buch selbst, das einfach langweilig ist, Figuren literarischen Formats fehlen hier völlig, lebendig wird hier auch nichts, außer einem Jahrhunderte alten Frauenbild.

„Die Kanzlerin“ ist schlicht keine Literatur: Man merkt Konstantin Richter den Journalisten zu sehr an. Er kann die Ereignisse des Jahres 2015 nachzeichnen, aber wenn es darum geht, das Innenleben von Figuren zu erzählen, fällt ihm kaum mehr ein als ein paar Kalauer. Es gibt ja Literatur, die von inneren Konflikten politisch mächtiger Figuren lebt: Die Dramen des im Klappentext bemühten Shakespeares, die Dramen Schillers, um nur die offensichtlichen zu nennen. In „Die Kanzlerin“ gibt es keine inneren Konflikte, gibt es kein Ringen, dieses Buch schärft nicht den Blick für die Realität, man erfährt nur, dass Konstantin Richter Frauen offensichtlich für ein bisschen dumm hält.

Die Erklärung der Ereignisse ab dem Herbst 2015 ist nach Konstantin Richter sehr einfach: Merkel war ein bisschen unglücklich und wollte so gerne glücklich sein, deswegen hat sie die Grenzen für die Flüchtlinge, die ihr zujubelten, geöffnet, und als sie dann wieder unglücklich wurde, weil keiner sie mehr lieb hat, bemühte sie sich wieder um eine Grenzschließung. Das ist sehr platt und dürfte dem Entscheidungsgang einer doch sehr intelligenten Frau nicht entsprechen – das zumindest, dass Merkel sehr intelligent ist, kann man ihr ja denke ich unabhängig vom politischen Lager, in dem man sich befindet, noch zweifelsfrei zusprechen.

Nicht so aber Konstantin Richter: Dieser vergleicht Merkel schon recht früh mit der weltfremden Marie Antoinette (S. 28) und hält diesen Vergleich über den Text hinweg aufrecht (z.B. S. 72), immer wieder lässt er Merkel an Marie Antoinette denken. Ihre Entscheidungen folgen Richter zufolge ihrem Gefühlshaushalt, der auch dadurch bedingt ist, dass Merkel nicht nur weltfremd ist, sondern auch sich selbst fremd, da sie zu viel über sich selbst gelesen hat (S. 19). Es gelingt der Kanzlerin im gesamten Roman kaum – oder doch nur unter Mühen – ihre eigene Situation oder das politische Tagesgeschehen rational zu durchdringen, überhaupt ist das Sache keiner einzigen weiblichen Figur in diesem Roman: Auch die andere weibliche politische Figur, die zumindest peripher eine Rolle spielt, die Büroleiterin, entscheidet emotional und verweigert Zusammenarbeit, wenn sie beleidigt ist. Vielsagend auch, dass Richter über die beiden schreibt, sie hätten „etwas von zwei klugen, aber nicht so gutaussehenden Schulmädchen“ (S. 99). Das sagt viel über Richter aus, wenig über Merkel.

Rationale, realistische Einschätzungen des politischen Geschehens kommen in diesem Buch ausschließlich von Männern: Vom bayerischen Ministerpräsidenten (S. 67f.), dessen Warnungen Merkel schlicht ignoriert, weil sie ja glücklich sein will (und dabei reflektiert der Roman nirgends, ob Seehofers Idee, die Grenzen zu schließen, im Jahr 2015 irgendwie realisierbar gewesen wäre, ob es sich hier also wirklich um die „realistischere“ Sicht gehandelt hat; die Alpenregion ist und bleibt kaum „abschließbar“), oder vom ehemaligen indischen Ministerpräsidenten (S. 140f.). Merkel wird als Figur gezeichnet, die dann beleidigt reagiert, weil sie eigentlich von diesen Männern hätte gelobt werden wollen, und die dann, weil sie jetzt „unglücklich“ ist, einfach so einen Mitarbeiter entlässt. Nur zwischendurch hat sie kurze Momente, in denen sie die Lage realistisch einschätzt, aber diese Momente werden dann schnell wieder von gefühlsbetonter Getriebenheit verdrängt, ihre Reflexionen auf vorangegangene Entscheidungen werden ebenfalls nicht als rational, sondern lediglich als nachträgliches Schönreden der Vergangenheit gezeichnet, in denen Merkel sich bemüht, die Irrationalität ihrer Entscheidungen nachträglich als rational auszugeben (S. 169). Selbst eine intellektuell angemessene Selbstreflexion wird Merkel damit abgesprochen.

Überhaupt scheint Richter sehr an der Idee zu hängen, dass Merkel eigentlich auch nur ein schwaches Weibsbild ist, dass auf starke Männer angewiesen ist: Als sie sich in Heidenau, weil sie dort von Demonstranten beschimpft wird, verletzlich fühlt, ist sie dankbar dafür, dass der sächsische Ministerpräsident sie an der Schulter durch die Menge schiebt: „eine unangebracht patriarchalische Geste war das, die der Kanzlerin in diesem Moment aber überraschend guttat.“ (S. 28). Als Merkel unsicher ist, erhofft sie sich Rat von ihrem Mann, dem sie ohnehin eigentlich das ganze Prinzip ihrer Politik verdankt: „Er musste wohl doch bemerkt haben, dass sie etwas quälte. Dass sie seinen Rat benötigte. Sie hatte ihm unrecht getan. Und da spürte sie auch gleich die alte Zuneigung wieder, das Bedürfnis, sich in schwachen Momenten bei ihm anzulehnen und helfen zu lassen.“ (S. 51). Auch am Ende des Romans wird Sauer in einer sehr väterlichen, oberlehrerhaften Szene das weinende Schulmädchen Merkel, als die Richter sie sich wohl vorstellt, trösten dürfen: „Doch die Kanzlerin wusste in diesem Moment auch, dass sie sich wieder auf Sauer verlassen konnte. Dass er für sie da sein würde. Als Ratgeber. Als Mann. Und sie wusste noch etwas: Egal was in nächster Zeit passieren würde, sie hatte festen Boden unter den Füßen.“ (S. 162) Solche Sätze wären in einem Roman über einen männlichen Kanzler wohl kaum geschrieben worden.

Natürlich hat jeder schwache Momente und selbstverständlich ist genau die partnerschaftliche Beziehung der Ort, der einem in diesem Moment Rückhalt geben sollte. Natürlich kann man Merkel als Frau zeichnen, die sich auch bei ihrem Mann anlehnt, selbstverständlich kann man davon erzählen. Aber wenn man Merkel durchweg als Figur entwirft, die weltfremd und irrational ist, lediglich getrieben von ihren Emotionen, und Männer durchweg als rationale, starke, realistische Denker zeichnet, dann ist das doch vielleicht ein bisschen zu viel Weltbild des 19. Jahrhunderts und wird der politischen Realität, auch den Figuren Merkel, Seehofer und Sauer wohl kaum gerecht. Richter zumindest sagt damit mehr über sich selbst aus als über Merkel.

„Die Kanzlerin“ ist keine Literatur, sondern mehr Reportage mit ein paar verzichtbaren und nicht sehr klugen Mutmaßungen. Man findet in diesem „Roman“ alle Merkel-Klischees wieder, die genau so auch an jedem niederbayerischen Stammtisch geäußert werden dürften, allerdings findet man diese Klischees eben nur in ihrer Reproduktion wieder, nicht in ein einer satirischen Brechung, die irgendwie über das Klischee der weltfremden, selbstentfremdeten Kanzlerin hinausführen würde. Vor allem aber ist dieses Buch leider zutiefst unpolitisch, es hat auch selbst keine politische Vision, es verlegt politische Entscheidungsfindung rein auf die unterkomplex entworfene Gefühlsebene eines Individuums, löst sie damit aus der Geschichte und politischen wie gesellschaftlichen Strukturen globaler wie nationaler Art heraus. „Die Kanzlerin“ macht ein paar Herrenwitze über die Kanzlerin und wird hoffentlich völlig zu Recht in Zukunft genauso wenig von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden bis bislang.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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