Zurück zum Content

Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 354 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

Gib als erster einen Kommentar ab

    Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: