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Johanna Schopenhauer (1766-1838) und das Verarbeiten von Unglück durch Kunst

Johanna Schopenhauer war eine bemerkenswert eigenwillige und selbstbewusste Frau: Als Goethe sie auf die Begabung ihres Sohnes Arthur hinwies, antwortete sie: „Ich habe niemals von zweien Genies innerhalb einer Familie gehört!“ – und sah dabei natürlich sich selbst als das Genie der Familie. Ein gutes Verhältnis hatte sie damit zu ihrem Sohn nicht, dessen Begabung sie damit ja verkannte – dafür hat dann die Literaturgeschichtsschreibung und der Kanonisierungsprozess wiederum ihr Genie verkannt, denn als solches konnte sie als Frau ja auch gar nicht in diese eingehen, ihrem Erfolg zu Lebzeiten zum Trotz. Dabei hat die Geschichte sicherlich Platz, um sich zweier Genies aus der Familie Schopenhauers zu erinnern.

Am 9.7.1766 in Danzig als Tochter des Kaufmanns und Ratsherrn Christian Heinrich Trosiener und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Lehmann geboren, erhielt sie eine für das gehobene Bildungsbürgertum typische Mädchenerziehung und musste mit 18 – auch das ein durchaus übliches Schicksal, was die Angelegenheit ja aber nicht weniger tragisch macht – den damals schon 37 Jahre alten, reichen Heinrich Floris Schopenhauer heiraten. Die Ehe war eine typische Konvenienzehe, die beide unglücklich machte – was Johanna Schopenhauer literarisch verarbeiten sollte. Immerhin ermöglichte das Geld des Ehemannes ihr aber viele und weite Reisen, über die sie ebenfalls schrieb.

Auch nach dem Tod von Heinrich Floris Schopenhauer 1805 war sie somit finanziell durch ihr Erbe abgesichert, 1806 zog sie nach Weimar und führte dort einen beliebten Salon, in dem zweimal in der Woche Goethe, Wieland, Fernow, Schütz, Meyer und Kügelgen ein- und ausgingen. Überhaupt war sie mit Goethe eng befreundet, vor allem nachdem sie half, dessen von der besseren Gesellschaft in Weimar ausgeschlossene Frau Christiane in diese einzuführen: Sie lud diese als erste zu ihren Teegesellschaften ein, während Frauen wie Charlotte von Schiller und Bettina von Arnim nur voll Dünkel auf sie herabblickten. An ihren Sohn Arthur schrieb Johanna Schopenhauer in diesem Kontext 1806: “Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben.” Johanna Schopenhauers Tochter Adele – die übrigens auch Schriftstellerin wurde und in einer gleichgeschlechtlichen Liebensbeziehung mit Sibylle Mertens-Schaaffhausen lebte – nannte Goethe „Vater“.

Noch enger war allerdings Johanna Schopenhauers Freundschaft zu dem Jenaer Professor für Ästhetik Carl Ludwig von Fernow, der erheblichen Einfluss auf ihre kunsthistorischen und schriftstellerischen Interessen hatte. Als dieser 1808 starb, begann sie zu schreiben: Sie verfasste seine Biografie, um seine Schulden zu bezahlen, und war damit so erfolgreich, dass sie weiterhin schrieb. Immer schlechter dagegen wurde ihr Verhältnis zu ihrem Sohn Arthur, die Beziehung zwischen beiden zerbrach 1814 endgültig, als Johanna Schopenhauer sich weigerte, seiner Forderung nachzukommen und sich von dem jungen Regierungsrat Georg Friedrich von Gerstenbergk, der inzwischen bei ihr eingezogen war, zu trennen. Schon zuvor hatten die beiden kein gutes Verhältnis, auch als Arthur in Weimar war, wohnte er nicht bei ihr, sie schrieb ihm: „An meinen Gesellschaftstagen kannst du abends bei mir essen, wenn du dich dabei des leidigen Disputierens, das auch mich verdrießlich macht, wie auch alles Lamentierens über die dumme Welt und das menschliche Elend enthalten willst, weil mir das immer eine schlechte Nacht und üble Träume macht und ich gerne gut schlafe.“[1] Nun, man kann wohl nachvollziehen, wie sie darauf kam, das zu schreiben…

1819 verlor Johanna Schopenhauer einen Großteil ihres Vermögens durch den Bankrott ihrer Bank: Fortan musste sie durch das Schreiben Geld verdienen, und das gelang auch einigermaßen, sie war eine der bekanntesten Autorinnen ihrer Zeit – dennoch waren ihre Lebensverhältnisse nun deutlich bescheidener. Die finanzielle Situation spitzte sich in den folgenden Jahren, vor allem da nach einem Schlaganfall 1823 ihr Füße gelähmt blieben, immer weiter zu: 1837 wandte sie sich mit einem Bittbrief an den Großherzog Karl Friedrich von Sachsen-Weimar und dessen Frau, die ihr eine Ehrenpension gewährten. Am 16.4.1838 starb sie in Jena.

Ihre Romane spiegeln wie schon angedeutet ihre Biografie: So handelt ihr erster und bekanntester Roman „Gabriele“ (1819/29), der von der zeitgenössischen Kritik auch sehr positiv aufgenommen worden ist, von der jungen Gabriele von Aarheim, die der wahren Liebe immer wieder entsagen und stattdessen in einer unglücklichen Konvenienzehe leben muss, was sie zwar durch die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaften zu kompensieren versucht, woran sie aber dennoch zugrunde geht. Diese Motive finden sich in mehreren Werken von Schopenhauer. „Gabriele“ ist immer wieder mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ verglichen worden und tatsächlich zeigen mehrere Merkmale des Romans – die „edle Gesinnung“ insbesondere der Hauptfigur, die Harmonie der tragischen Figurenkonstellation, die auch schon Goethe in dem Roman erkannte – wie stark Johanna Schopenhauers Werk ein Werk der Weimarer Klassik ist. Allerdings besteht ein erheblicher Unterschied zu Goethes Roman darin, dass Schopenhauers Romanwelt „eine unüberbrückbare Kluft zwischen Männern und Frauen [offenbart], die zwar in der Harmonie der Kunst kurzfristig überwunden werden kann, aber grundsätzlich in der gesellschaftlichen Einschränkung des weiblichen Lebensraumes wurzelt.“[2] Die Perspektive einer Frau ist hier naheliegender Weise eben eine andere als die eines Mannes.

Werke u.a.: Carl Ludwig Fernow’s Leben 1810; Erinnerungen von einer Reise in den Jahren 1803, 1804 und 1805, 3 Bde. 1813–1817; Novellen, fremd und eigen 1816; Reise durch England und Schottland 1818; Ausflucht an den Rhein und dessen nächste Umgebungen im Sommer des ersten friedlichen Jahres 1818; Gabriele. Ein Roman, 3 Bde. 1819–1820; Johann van Eyck und seine Nachfolger, 2 Bde. 1822; Die Tante. Ein Roman, 2 Bde. 1823; Erzählungen, 8 Bde. 1825–1828; Sidonia. Ein Roman, 3 Bde. 1827–1828; Novellen, 2 Bde. 1830; Ausflug an den Niederrhein, 2 Bde. 1831; Sämmtliche Schriften, 24 1830/1831; Neue Novellen 1836; Die Reise nach Italien 1836; Richard Wood, 2 Bde. 1837; Briefe an Karl von Holtei 1870; Nachlass, 2 Bde, hg. von Adele Schopenhauer 1939.

[1] Zitiert nach: Volker Spierling: Schopenhauer zur Einführung, Hamburg 2002, S. 8.

[2] Anke Gilleir: Gabriele. Ein Roman (1819/29), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 396.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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