Instapoetry und Öffentlichkeit -„Rupi Kaur Live“

von Magdalena Korecka

„Rupi Kaur Live“ heißt das im Sommer in den USA und Kanada auf Amazon Prime erschienene, Online-Special der 28-jährigen Dichterin. Die einstündige Performance, gefilmt in Los Angeles im Jahr 2020, vor Corona also, beinhaltet Lesungen von Gedichten aus den millionenfach verkauften Anthologien milk and honey (2014), the sun and her flowers (2017) und home body (2020). Berühmt wurde Kaur durch eine Menstruations-Fotoserie und ihre kurzen, mit eigenen Illustrationen versehenen Gedichte auf Instagram. Dieser Instapoetry folgen mittlerweile 4.4 Millionen Leser*innen (@rupikaur_). 

Für das Special wurde die visuelle Form  der Gedichte mithilfe einer eigenen Ästhetik in das theatralische Format ‘übersetzt’: „Rupi Kaur Live“ besteht aus einer imposanten blumen-geformten, sich farblich immer wieder ändernden Bühne und aus Bewegtbildern auf einem Screen von außerordentlicher Größe. Ergänzt wird das ganze durch harmonische Musik, die Gedichte wie das folgende, untermalt: 

„i want to apologize to all the women/i have called pretty./ before i’ve called them intelligent or brave. / i am sorry i made it sound as though/something as simple as what you’re born with/is the most you have to be proud of/when your spirit has crushed mountains/from now on, I will say things like, you are resilient / or, you are extraordinary. / not because i don’t think you’re pretty. /but because you are so much more than that.”

Ein visueller-magischer Hauch?

Die Gedichte verhandeln postkoloniale, ökokritische und feministische Themen, gehen aber auch immer wieder auf Persönliches ein: Liebesbeziehungen, Depression, sexueller Missbrauch, migrantische Identität. Die Schwere dieser Inhalte wird zwischendurch durch Kaurs Humor entlastet. Das multimediale Spektakel besteht aus fünf Teilen, dem Aufbau der Bücher folgend, und variiert durch symbolisch aufgeladene Farben, welche das gesamte Bühnenbild einnehmen: Beginnend mit Weiß und Verlust, Blau und Trauer, Violett und Familie bzw. Widerstandsfähigkeit, Rot/Orange und Liebe bzw. Sensualität und Gelb als Ermächtigung. Kaurs fließende Handbewegungen scheinen auch die vor allem in den Spoken-Word-Elementen der Performance sicht- und spürbare anmutige, fast schon magische, Aura zu begleiten, die durch das madonna-artige Auftreten Kaurs, inklusive langer weißer Robe, barfüßigem Auftritt und goldenem ‚Heiligenschein‘- Schmuck verstärkt wird.

Polarisierende Instapoetry: Reaktionen

„I was there for the filming! This was SOOOOOOO magical, and I cannot wait to experience it again. 🥰“ 

„Cringe. This is unsufferably awful. […] At best she’s a motivational speaker for disaffected tweens. But she is not a poet.” 

Das sind nur zwei Beispiele für Community-Reaktionen zum offiziellen Trailer des Specials. Überschwängliches Lob neben starker, oftmals beleidigender Kritik –  beides ist repräsentativ für die polarisierende Reaktion auf Rupi Kaurs Special und auf die Poetin. Beides spiegelt die öffentliche bzw. literatur- und kulturwissenschaftliche Bewertung des Phänomens Instapoetry. Dazu gehören der etwa der Essay „The Cult of the Noble Amateur” der Lyrikerin und Kritikerin Rebecca Watts, der 2018 im prestigeträchtigen Literatur-Journal PN Review erschienen ist, oder das 2021 publizierte Essay des Germanisten Moritz Baßler in Pop. Kultur und Kritik, „Der Neue Midcult“. Beide zeichnen sich durch eine ablehnende Haltung gegenüber des neuen literarischen Phänomens Instapoesie und gegenüber neueren, ‚realistischen‘ Gegenwartsphänomenen von Lyrik und Literatur aus. 

Entsprechende Gegenpositionen zu beiden Artikeln erschienen sowohl auf Hollie McNishs Blog, deren Lyrik Watts nicht rezensieren wollte, als auch in The Guardian sowie in der Süddeutschen Zeitung . Obwohl es Millionen von Fan(-Communities) und unzählige positive mediale und auch ein paar akademische Berichte zu demokratischen Potentialen der Social Media Lyrik gibt, wird in den nächsten Absätzen vor allem die starke, emotionale Ablehnung thematisiert. Begründungen dafür involvieren interessanterweise den Ex-USA-Präsident Donald Trump.

Populistische Literatur?

Watts verglich in einer stark polemischen und kulturpessimistischen Kritik  den Gedichtband Plum der britischen Dichterin Hollie McNish (2017) mit Donald Trumps populistischer Politik. Diese problematische Gleichstellung beruhte auf dem marktökonomischen Prinzip der Plattformen, auf denen, laut Watts, Instapoet*innen bloß nach Follower*innen jagen und nur einen Persönlichkeitskult aufbauen wollen. Auch wenn die Kommerzialisierung und das sogenannte ‘branding’ in der Instapoetry ein legitimer Kritikpunkt ist, wurde hier die Autonomie der Lyriker*innen in Bezug auf ihre Ziele oder Ausdrucksmöglichkeiten auf den Plattformen nicht beachtet, und auch nicht die Tatsache, dass der Literaturbetrieb, ungeachtet des Mediums, immer schon mit diversen Mitteln nach Leser*innen bzw. Käufer*innen von Literatur suchte, wie dies McNish in ihrer Antwort verdeutliche.  

Technologischer Pessimismus

Die Angst vor den Sozialen Medien ist ein weiteres Argument, das Watts benutzt, um Instapoesie und ihre Vertreter*innen zu degradieren. Sie fügt hinzu, dass Social Media die Menschen ‚verdumme‘ und ‚eine komplette Stagnation des Verstandes auslöse‘. Das erinnert stark an Tendenzen der Technikpanik in den 1960er Jahren als der Fernseher als neues mediales Format als gefährlich eingestuft wurde. Außerdem kommt hinzu, dass diese Art von Social Media- Lyrikformaten oftmals von jungen Frauen, häufig von People of Color, geschrieben oder auch performt werden. 

Es gibt eine Geschichte der Abwertung von Genres mit jungen, weiblichen Leserinnen. Emotionalität ist laut Bronwen Thomas ein Abwertungsgrund für Genres wie Instapoesie oder auch Young Adult Fiction. Dieser Kontext darf in einer Bewertung von neuen, literarischen Bewegungen nicht außer Acht gelassen werden, denn der öffentliche (Diskussions-)Raum ist kein neutraler Ort, sondern geprägt von Gender- und Ethnizitäts-/Nationalitätsverhältnissen, wie dies etwa Zofia Burr gezeigt hat [1].

Macht zirkuliert

Um sich verändernde Machtverhältnisse und die damit aufkommende Sorge, dass die Wissenschaft und Literaturkritik ihre Bedeutung verlieren könnte, geht es auch in Moritz Baßlers Essay über den neuen ‚Midcult‘. Tatsächlich publizieren Instapoet*innen wie Rupi Kaur, Amanda Lovelace oder Lang Leav oftmals zunächst im Eigenverlag und bekommen später einen Vertrag mit etablierten Verlagshäusern. Somit umgehen sie den ‚traditionellen‘ Weg des Publizierens. Das führt dazu, dass neue, oftmals in der Gesellschaft und auch in Verlagshäusern marginalisierte Stimmen Zugang zu (Mainstream-)Erfolg und zu kulturellem Kapital bekommen. Ob die (Literatur-)wissenschaft, die in Bezug auf Social Media-Lyrik noch in den Kinderschuhen steckt, mehr zu Instapoetry zu sagen hat, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.  

Fehlende Kunst?

Es wird immer wieder betont, dass nicht der Inhalt selbst das abzulehnende Element von Instalyrik sei – auch wenn dessen Bewertung als alleiniges Analysekriterium für Instapoetry als problematisch betrachtet wird –  sondern die fehlende Kunst. Dieser angebliche Mangel wird auch mit einer fehlenden Komplexität oder Ambivalenz benannt, zumindest in den Essays von Watts und Baßler, könnte aber noch weiter ausformuliert werden. Worin oder auch woran liegt der konkrete ‚ästhetische Mangel‘ der Instapoesie nun? Welche wissenschaftlichen Positionen stehen dahinter? Eine Kritik, die nicht von ‚Kitsch‘ im Sinne einer persönlicher Geschmackskategorie spricht, wäre wünschenswert. Denn über vorhandene ästhetische Werte in einem stark visuellen Medium bzw. generell über vorhandene oder nicht vorhandene Literarizität auf Instagram wird hier zwar schon diskutiert, darüber könnte aber auch noch weiter nachgedacht werden. Weitere Fragen, die sich stellen, wären, zum Beispiel, inwiefern die subjektivistische und emotional-aufgeladene Lyrik von Sylvia Plath nicht Parallelen zur Instapoetry aufweist und inwieweit dies ästhetisch als auch inhaltlich sichtbar ist. Solche und andere Fragen lassen sich zusätzlich diskutieren, wenn man die Instapoesie und ähnliche Phänomene nicht grundsätzlich aus dem akademischen Literaturkanon ausschließt.


[1] In Burr, Zofia. „Of Poetry and Power: Maya Angelou.“ Poetry and Cultural Studies. A Reader. Ed. by Maria Damon and Ira Livingston. Urbana/Chicago: University of Illinois Press, 2009. 428-436.

Photo by Alexander Shatov on Unsplash