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Mit Hingabe, Herzblut und Heinrich Heine

Eingewachsen, zwischen hohen Bäumen, in zweiter Reihe und mit Blick auf die Außenalster liegt das Verlagsgebäude von Hoffmann und Campe im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Ein feudales Anwesen auf dem einer der ältesten und renommiertesten Verlage Deutschlands residiert. HoCa steht für gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher, so fasste es der Verleger Daniel Kampa zusammen, für Autoren wie Heinrich Heine, Siegried Lenz, José Saramago, Doris Lessing, Matthias Politycki und Sachbücher von Hellmuth Karasek, Helmut Schmidt oder zuletzt Jaron Lanier. In diesen heiligen Hallen bin ich heute Gast.

Eingeladen hat mich Ute Nöth. Sie verantwortet den Bereich E-Publishing und mit ihr hatte ich bereits Kontakt als HoCa Blogger zu Doris Lessing ins Kino schickte. Als nun der neue Verleger Daniel Kampa, vormals bei Diogenes, nach nur kurzer Eingewöhnungszeit in Hamburg den neuen Atlantik Verlag aus der Taufe hob, wurden erneut Blogger angeschrieben und mit einem kleinen Geschenkpaket auf den neuen Verlag aufmerksam gemacht.

Buch_der_Lieder_Heinrich_Heine_1827_CoverMit diesem klingelte der Postbote in Münster just nachdem ich meiner Studienstadt den Rücken gekehrt hatte. Das hanseatische Paket gelangte so über Umwege erst drei Wochen später zu mir in die Stadt, aus der es kam. Per Email dankte ich für die Post, gab die Adressänderung und erste Rezensionsexemplarwünsche durch. Nun bestünde aufgrund neuer Nachbarschaft auch die Möglichkeit die Bücher per Boten geliefert zu bekommen oder ob ich mir sie nicht gleich im Verlag, inklusive kleiner Führung, abholen wollte, frug Ute per Email zurück.

Nun also werde ich an der Pforte empfangen und in Utes Büro wartet bereits ein Stapel Bücher auf mich. Beim Tee sprechen wir über unsere Werdegänge und stellen schnell fest wie klein die Blogosphäre und die wahrnehmbare Buchbranche im Internet ist. Alte Bekannte und lesenswerte Blogs, Aktionen und Interviews, Klischees, aber besonders interessant natürlich für den Blogger die Innenansicht: wie nehmen Verlage Blogs wahr und können diese gegenüber dem klassischen Feuilleton bestehn. Die Glaubwürdigkeit, Leidenschaft für Literatur und ein persönlicherer Bezug lasse viele Leser heute eher dem freien Blogger als der Journalie vertrauen, sind wir uns einig. Dazu kommt, dass das Feuilleton nicht im Ansatz der Flut von Neuerscheinungen Herr wird, Unterhaltungsliteratur, selbst anspruchsvolle, an dieser Stelle selten besprochen wird. Ganz bewusst wendet sich also der Atalantik Verlag auch an die Literaturkritik im Internet.

Im Anschluss besuchen wir die Herstellungsabteilung, Design und Verkauf, treffen die Presseabteilung in Person von Julia auf der Treppe und dürfen den Conference-Call aus London nicht verpassen, dieser dann wieder ohne Bloggerbesuch. Im Büro einer Lektorin stehen zwei große Kisten voller Manuskripte, alles Zusendungen allein aus dem April, nach Jahrzehnten im Beruf könne sie aber meist bereits anhand des Anschreibens, spätestens aber nach der Lektüre des Exposés schlechte Bücher aussortieren. Weglegen kann ich auch schnell. Und auch Ute hat Übung darin. Aus ihrer Tätigkeit bei einer Selfpublishing-Plattform weiß sie, durch welche Berge an Manuskripten man sich wühlen muss, um Perlen zu finden.

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In jedem Raum liegen Bücher in verschiedenen Evolutionsphasen: Manuskripte, Korrekturfahnen und solche mit Imprimatur-Stempel, Lizenzausgaben und die schönen Hardcover, denen HoCa seinen guten Ruf verdankt, an den Wänden die Devotionalien aus fast 300 Jahren Verlagsgeschichte, darunter auch der in meinem Elternhaus hängende Harry in späten Jahren von Horst Janssen. Und ja, lässt mich Ute wissen, manche Autoren kommen auch noch persönlich vorbei. Oder man trifft Siegfried Lenz auf dem Sommerfest zusammen mit Karasek, Ulrich Wickert, Wolfgang Niedecken und Wolf Biermann, im Garten der angrenzenden Heinrich Heine Villa.

Der träumende Literaturliebhaber stellt sich einen Verlag als summenden Bienenstock geschäftiger Menschen vor, die voller Leidenschaft einem Job nachgehen, der arbeitsaufwändig und schlecht bezahlt ist, dies aber, aus Liebe zur Literatur und dem Antrieb gute Bücher für ihre Leser herauszugeben, gerne auf sich nehmen. Nach zwei Stunden im Inneren kann ich dieses Traumbild bestätigen. Ich war umgeben von freundlichen, fröhlichen Menschen, die mit Herzblut und Hingabe Bücher produzieren; gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher. Erstaunlich, aber dann doch nicht verwunderlich, dass ein verhältnismäßig kleines Team einen solchen Verlag stemmt. Vielen Dank!

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Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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5s Kommentare

    • 54books 54books

      Gibt es nicht bei dir in der Nähe irgendwen besuchenswerten? Wobei ja nicht alle Verlage Lust auf Besuch von Bloggern haben, die meisten ja nicht mal auf Emails von diesen Internetmenschen.

  1. Ein toller Bericht – danke, dass du uns an deinem Besuch bei HoCa teilhaben lässt. Ich bin gespannt auf die mit dem neuen Verleger Daniel Kampa sicherlich eintretenden Veränderungen im Verlagsprogramm und speziell darauf, wie sich hier die deutschsprachige Literatur entwickelt. Dir viel Freude mit den neuen Büchern und alles Gute!

    • 54books 54books

      Hallo Caterina,
      Daniel Kampa hat mit der Gründung eines neuen “Unterverlages” innerhalb des ersten Jahres sicher schonmal ein Ausrufezeichen gesetzt und scheint vor Ideen nur so zu sprühen. Wir dürfen also wirklich gespannt sein, was da noch alles kommt.
      Liebe Grüße

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