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Henry David Thoreau – Das reine Leben – Walden

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben und nur den wesentlichsten Dingen des Lebens gegenüberstehen. Ich wollte versuchen, ob ich nicht seine Weisheiten empfangen könnte, damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Nichts anderes als das Leben wollte ich leben. Das Leben ist so kostbar. Wenn es irgend möglich war, wollte ich nicht verzichten. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen. Hart und spartanisch wollte ich leben, um alles auszurotten, was nicht Leben war, einen breiten Schwaden zu schlagen dicht über dem Boden. In die Enge wollte ich das Leben treiben und es auf die einfachste Formel bringen. Erwies es sich als wertlos, gut, dann wollte ich seine ganze unverminderte Nichtigkeit erfahren und der Welt kundtun. War es aber herrlich, so wollte ich das aus eigener Anschauung kennenlernen und bei meinem nächsten Ausflug einen wahrheitsgetreuen Bericht geben.

Alle Jahre wieder gibt es so eine Art Henry David Thoreau Revival. Jede Generation entdeckt den Autor von Walden oder Leben in den Wäldern für sich (zumeist wohl nach dem ersten Sehen von Dead Poets Society mit Robin Williams). Thoreau, der Sohn eines Bleistiftfabrikanten, Harvardabsolvent, lehnte es ab als Lehrer seine Schüler körperlich zu züchtigen, gründete daher eine eigene Schule, wollte nicht den Krieg der USA gegen Mexiko mitfinanzieren und zahlte daher keine Steuern, seine Schrift Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat inspirierte sowohl Mahatma Gandi als auch Martin Luther King zu ihrem gewaltfreien Widerstand.

Sein meistgelesenes Werk bleibt aber Walden, die Geschichte Thoreaus Auszugs aus der Zivilisation in eine Blockhütte am Waldensee. Zwei Jahre lang lebte er, wenn nicht ganz isoliert, so doch zumindest abgeschieden, inmitten der Natur. Er war auf der Suche nach der richtigen Art zu leben und sollte sich danach mit neuer Kraft seinem Kampf gegen die Sklaverei widmen. Er schreibt über Genügsamkeit und Art und Zweck des Lebens, über Lesen, Laute und seinen Kamin, über Tiere im Winter und als Nachbarn, die Seen, das Dorf und sein Bohnenfeld. Thoreau war ein ganz zupackender Philosoph, ein Praktiker, und einer der ersten modernen Aussteiger, was ihn bis heute so interessant macht.

509_cover_thoreau (RGB)Eine neue Möglichkeit sich Leben und Werk zu widmen bietet nun der Knesebeck Verlag, bei dem die Graphic Novel Thoreau – Das reine Leben von Maximilien Le Roy und A. Dan erschienen ist.

In großen Bildern verschmilzen Philosophie, der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Eremitentum und das gesamte restliche Leben des Schriftstellers bis zum Tod. Die Autoren nehmen sich Zeit und Raum auch den Leerlauf der Geschichte darzustellen, die Natur einzufangen, die einen so zentralen Punkt im Leben Thoreaus einnimmt. Durch zu große zeitliche Sprünge wird der rote Faden des Lebens, das eben keine lineare Geschichte ist, allerdings etwas zu häufig und drastisch unterbrochen, so dass kein richtiger Lesefluss entsteht. Auch wenn die Schwierigkeit ein solch wachselhaftes Leben zwischen Aufständen und Isolation darzustellen offensichtlich ist, hätte man diese Schwäche vielleicht durch einen stärkeren Fokus auf einzelne Teilaspekte legen können, eventuell sogar sich nur auf seine Rolle in der Bürgerbewegung oder seine Philosophie legen können. Trotzdem stellt die Graphic Novel einen guten Start in die nähere Beschäftigung mit dieser interessanten Person der amerikanischen Zeitgeschichte dar.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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3s Kommentare

  1. Gut, dass das “Revival” auch hier zelebriert wird – bei einem Blog mit H.Mann, Tolstoi, Zweig und Rilke im Header aber vielleicht auch gar nicht so erstaunlich 😉
    Ein gut gemachtes Graphic Novel (früher sagte man ja etwas abwertend: Comic) ist bestimmt eine gute Gelegenheit, bei Thoreau “einzusteigen” – ich hatte bisher nur die englische Ausgabe von “Walden” im Regal und habe angesichts der sprachlichen Hürde doch immer schnell wieder aufgegeben.

    • 54books 54books

      Hallo Jan,

      auch Walden lohnt, vielleicht nochmal in sein Kapitel über das Lesen einsteigen, das ist besonders stark, eventuell packt es Dich dann. (Gegen die Sprachbarriere gibt es eine 7€ Anaconda Hardcover Ausgabe.)

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