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Punktum Verlag und Fuckfisch von Juliette Favre

Deutschland hat eigentlich genug Verlage, so dass es nicht auch noch der kürzlichen Gründung des Hamburger Punktum Verlags bedurft hätte. Warum dies aber doch ein lohnenswertes Unterfangen für die Kulturlandschaft darstellen kann, zeigt Fuckfisch von Juliette Favre eine der ersten Veröffentlichungen von Punktum.

Das Genre des Jugendbuchs ist grundsätzlich für mich eher uninteressant. Meine Neugier an von älteren Menschen ausgedachten Geschichten über die zahllosen vermeintlichen Abziehbildprobleme der Heranwachsenden hält sich in Grenzen. Es gibt die Schnulzen (Liebe auf der Klassenfahrt) und die Zeigefinger-Bücher (Drogen, Magersucht, der neue heiße Shit: Cybermobbing) nur kein Spektrum dazwischen, Interpretationen sind nicht nötig, hat man sich bis zum Ende durch berieseln lassen. Eine Ausnahme mache ich ausnahmsweise bei Fuckfisch, denn Juliette Favre war beim Schreiben erst 14 Jahre alt und vielleicht habe ich es also mit einer Primärquelle mit Spektrum zu tun.

Rabiat beginnt die junge Dame und bereits vorweg darf angemerkt werden, dass sie dieses Provokationslevel nicht zu halten vermag.

Die Zeit der Babymuschis und Stringtangas ist angebrochen. Ich bin vierzehneinhalb Jahre alt, ich hatte schon viele Male Sex, und ich bin nicht bereit, meinen Freund aufzugeben. Meine Mumu ist so glatt rasiert wie der Schädel meines Onkels, und in meiner Arschritze ist pinke Spitze, die ich für sieben Euro bei H&M gekauft habe (natürlich von Kindern aus China fabriziert).

Beliebigkeiten aus dem Sexleben eines frühreifen Teenies könnten nun folgen, doch Juliette Favre bekommt schnell die Kurve und verarbeitet in einem zwischen arrogant und einsichtig, aggressiv-aufmüpfig und resignierend changierenden Ton das vermeintliche Elend ihres Daseins: Streit in der Klasse, Alkoholexzesse und der neue Freund der Mutter, der Verlust des Exfreunds und die Gier der Jungs nach Sex und allem was damit zu tun hat. Der Vortrag als Ich-Erzählerin Victoria gibt der Geschichte den authentischen Zug den man erwartet, der aber trotzdem nicht vorhersehbar wird.

Letztens habe ich wieder mal so ein Mädchenbuch gelesen, das von einem durchschnittlichen fünfzehnjährigen Mädchen handelte. Und es hat mich total aufgeregt, weil alles, was da drin stand, totale Lügenscheiße war.

Fuckfisch ist kein Standardbuch für Teenies, sondern eines das, mit den zwar vorhersehbaren Schwächen einer derart jungen Autorin, eine sehr eigene Stimme hat. Ich würde nicht scheuen Fuckfisch an Heranwachsende ab 12 zu verschenken, zum Verderben reicht das nicht. Die überspitzte Darstellung dürfte so im Kopf eines Jeden in dem Alter bereits gespukt haben.

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Hätte einer der großen Verlage dieses Buch “gemacht”, wäre sicher versucht worden es zu einem Skandalroman der Jugend aufzublasen, was es weder ist noch sein möchte. Die verhältnismäßige Stille um Fuckfisch bei einem kleinen, dazu sehr jungen Verlag bietet Juliette Favre hoffentlich den Raum für weitere Entwicklung, denn dass hier eine junge starke Stimme mit Talent heranwächst wird an vielen Stellen deutlich.

Lob für die Fadenheftung und die Idee alle Bände in diese zurückhaltende optische Reihe zu fassen, doch auch leichter Tadel für das etwas zu weiße Papier, das aufgrund der Haptik keine Begeisterungsstürme bei mir hervorruft. Das Format der Bände dagegen sehr gelungen und angenehm zu lesen, würde das Buch nicht zum Zuschnappen neigen, ungewohnt bei einem Hardcover.

Man kann den beiden Köpfen des Punktum Verlags, Gabi Schnauder und Patricia Paweletz, nur viel Erfolg wünschen, wir brauchen doch die Kleinen – und immer schön indie bleiben.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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