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Friederike Helene Unger (1741(?)-1813) und die Behauptung weiblicher Individualität

So ganz genau weiß man nicht, wann Friedrike Helene Unger geboren worden ist – vermutlich kam sie 1741 als uneheliches Kind von Friedrich Rudolf Graf von Rothenburg zur Welt, wer die Mutter war, weiß man nicht. Sie wuchs bei dem Prediger und Übersetzer Johann Peter Bamberger und dessen selbst schriftstellerisch tätiger Frau Antoinette auf, und vermutlich ist es auch dieser Konstellation zu verdanken, dass Friederike Helene Unger eine für ein Mädchen ihrer Zeit außergewöhnlich gute Erziehung erhielt. Zudem erhielt sie nach dem Tod des Vaters 1751 eine Rente auf Lebenszeit, die es ihr erlaubte, Johann Friedrich Gottlieb Unger beim Aufbau seiner Druckerei zu unterstützen – heiraten sollte sie ihn aber erst viel später, 1785.

Leider blieben die Rentenzahlungen schon bald aus, weswegen Friederike Helene Unger gezwungen war, ihren Lebensunterhalt durch Schreiben und das Übersetzen unter anderem Rousseaus zu verdienen. Sie schrieb auch viele kleinere Auftrags- und Gebrauchstexte, 1784 aber erschien ihr erster Roman „Julchen Grünthal. Eine Pensionsgeschichte“. Hier wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, das durch die Erziehung in einem Pensionat und allerlei Lektüren immer weiter auf Abwege gerät – der Roman enthält also zahlreiche Anspielungen auf andere Werke, nimmt damit kritisch-ironisch zur zeitgenössischen Lesewutdebatte Stellung, und plädiert dafür, Mädchen zu Hause zu erziehen. So recht progressiv ist Ungers Frauenbild also nicht, es bleibt weithin in den für die Zeit üblichen Grenzen – jedoch lässt sie die Geschehnisse so ungehindert aus einer patriarchalischen, chauvinistischen und reaktionären Perspektive erzählen, dass diese ironisch-satirisch gebrochen wirkt.[1] Kritik an der zeitgenössischen Mädchenerziehung und an Geschlechterrollen wird also deutlich, wenn auch nur implizit. Verstärkt wird dies jedoch dann in der späteren, deutlich erweiterten Fassung des Romans von 1798, die Julchen nach weiteren Eskapaden und Irrungen nach Hause zurückkehren lässt. Damit wird dieser Roman dann nicht nur zu einem weiblichen Bildungsroman (wiederum in der Form des Prüfungsromans, wie schon bei Sophie von La Roche), sondern in dem hinzugefügten zweiten Romanteil wird nun auch deutlich Kritik an einem einzig auf Frauen bezogenen Tugendbegriff und der mangelhaften Vorbereitung auf das Leben durch eine unzureichende Erziehung geübt. Vor allem aber wird nun ein Recht auf Selbstbestimmung und darauf, Fehler machen zu dürfen, auch für Frauen eingeklagt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem späteren Roman Ungers, „Bekenntnisse einer schönen Seele“ von 1806, dessen Autorschaft zwar nach wie vor nicht restlos geklärt ist, der aber inzwischen doch mehrheitlich Friederike Unger zugeschrieben wird. Auch dieser Roman weist zahlreiche intertextuelle Bezüge auf, vor allem zu Rousseau, aber auch zu Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, aus dessen Binnenerzählung auch der Titel für den Roman entnommen wurde. Schon damit wird der Anspruch deutlich, hier einen weiblichen Bildungsroman zu erzählen: Und tatsächlich erzählt hier die Hauptfigur Mirabella einem Cäsar, der ein Freund von ihr und ihrer Freundin Eugenie ist, ihre Lebensgeschichte, ihren Bildungsgang. Vor allem will Mirabella erklären, wie es zu dem merkwürdigen Zustand gekommen sei, dass sie, obwohl sie eine unverheiratete ‚alte Jungfer‘ ist, dennoch ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft werden konnte. Mirabella will ihre „Individualität“ erläutern – und das in einer Zeit, in der Frauen Individualität weithin abgesprochen wurde – und fordert damit das Recht für Frauen ein, eigene Erfahrungen zu machen, „bleibende Falten zu schlagen“, die den Charakter ausmachen. Bleibt Mirabellas Frauenbild auch sonst in den Grenzen der Zeit – sie ordnet den weiblichen dem männlichen Verstand unter und findet, Frauen sollten nicht Shakespeare lesen, da könnten sie ja am Ende gleich auch Pferde zureiten – so beansprucht sie doch für Frauen Individualität und ein gewisses Recht auf Selbstbestimmung. „Die Ironie des Romans besteht darin, daß in die Beschreibung dieses individuellen weiblichen Lebensentwurfs – wie schon in die ‚Geschichte des Fräuleins von Sternheim‘ [von Sophie von La Roche] und bei ‚Julchen Grünthal‘ – Bemerkungen über das ‚typisch Weibliche‘ eingeflochten sind, die der Geschlechtscharaktertheorie (insbesondere Humboldts) entsprechen und den Eindruck erwecken, die Ich-Erzählerin teile diese Ansichten. Ihr Lebensweg, ihr Räsonieren über ästhetische, theologische, politische und moralische Fragen, das sie als ‚Selbstdenkerin‘ ausweist, ihre literaturkritischen Urteile […], ihre Forderung nach einer eigenen Individualität und deren Umsetzung, ihre Existenz als unverheiratete und doch angesehene Frau (dabei war die ‚alte Jungfer‘ traditionell Zielscheibe des Spotts der Gesellschaft und der Satire) konterkarieren aber diese Ansichten, durchbrechen die von der Geschlechtscharaktertheorie gesteckten Grenzen und zeigen die Möglichkeiten eines weiblichen Bildungsromans auf, wie es ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hat.“[2]

Die Romane Ungers machen, wie schon deutlich wurde, vor allem auch deutlich, was für eine genaue Kennerin der zeitgenössischen Literatur und gesellschaftlichen Debatten sie war. Wiederholt versuchte Unger in literarische Debatten einzuwirken, und dabei wurde immer wieder deutlich, wie ablehnend sie den Berliner Romantikern, insbesondere den Gebrüdern Schlegel, gegenüber stand. Interessanterweise schien besonders das progressive Frauenbild dieses Kreises Unger zu stören – wie das zu ihren eigenen, eher scheinbar konservativen Ansichten passt, muss hier offen bleiben. Aber nicht nur die Berliner Romantiker sind Gegenstand ihrer Kritik: In „Albert und Albertine“ von 1804 macht sie sich auch über literarische Zirkel, die aus lauter Goethe-Verehrung einen Zahnstocher Goethes aufbewahren, pädagogische und philosophische Diskurse ihrer Zeit lustig. Albert, der sich in Albertine verliebt hat, wird Mitglied eines solchen Kreises, um in Albertines Nähe zu sein – denn ihr Onkel steht dieser Gruppe von Goetheverehrern vor. Das hilft Albert alles nichts: Als Albertine erfährt, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist, findet sie an ihrer Unabhängigkeit so großen Gefallen, dass sie seinen Antrag ablehnt. Erst als ihre Situation sie dazu zwingt, wird Albertine in eine Ehe einwilligen – auch in diesem Roman setzt sich also Unger mit den Problemen der weiblichen Geschlechtsrolle und mit dem Recht der Frau, selbstbestimmt zu leben, auseinander, auch wenn Unger dabei nicht so weit geht wie beispielsweise Caroline Auguste Fischer.

1804 starb Friederike Helene Ungers Mann, und sie erbte seinen Verlag. Damit dürfte sie eine der ganz frühen weiblichen Verlegerinnen gewesen sein – leider währte dieser Zustand nicht lang, da sie auch die mit Verlag verbundenen Schulden erbte und 1809 bankrottging. Am 21.9.1813 starb Unger verarmt in Berlin.

[Ein Bild der Autorin existiert meines Wissens nicht.]

Werke u.a.: Vermischte Erzählungen und Einfälle zur angenehmen Unterhaltung 1783; Die Damen dürfen doch auch ein Wort mitreden? Oder etwas über das neue Gesangbuch; Julchen Grünthal, eine Pensionsgeschichte 1784; Der Betbruder, ein Lustspiel nach Molière’s Tartuffe, frei übersetzt 1787; Der adelsüchtige Bürger, eine Posse 1788; Naturkalender zur Unterhaltung der heranwachsenden Jugend 1789; Neuestes berlinisches Kochbuch, oder Anweisung, alle Speisen, Saucen und Gebacknes zuzurichten 1785–1789; Der Mondkaiser, eine Posse in 3 Aufzügen 1790; Julchen Grünthal. Neue durchaus veränderte und mit einem 2ten Bde vermehrte Ausg. 1798; Vaterländisches Lesebuch für Land- und Soldatenschulen 1799; Gräfin Pauline 1800; Prinz Bimbam, ein Mährchen für Jung und Alt 1802; Albert und Albertine 1804; Bekenntnisse einer schönen Seele 1806; Die Franzosen in Berlin, oder Serene an Clementinen in den Jahren 1806, 1807 u. 1808 1809; Der junge Franzose und das deutsche Mädchen, wenn man will, ein Roman 1810.

[1] Vgl. Hansjügen Blinn: „Das Weib wie es seyn sollte.“ Der weibliche Bildungs- und Entwicklungsroman um 1800, in: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. vollst. neu bearb. und erw. Auflage, Stuttgart 1999, S. 86.

[2] Ebd., S. 89.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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2s Kommentare

  1. […] mit ihrer ganz eigenen Persönlichkeit und Geschichte sind, geht es weiter zu 54books und zum Thema Friederike Helene Unger und der Behauptung weiblicher Individualität. Katharina stellt uns Friederike Helene Unger und ihre Werke vor. Unger, die eine Kennerin der […]

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