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Fleisch!

Becker MedienBereits der dritte Beitrag zur Zeitschriftenkultur und nun zu einer, die ich schon seit es sie gibt lese (ja ich habe auch die Ausgabe “Selber räuchern”, die inzwischen für dreistellige Beträge bei ebay über den Tisch geht) und mich immer, immer wieder bei fast jedem rechtfertigen muss.

Nein es handelt sich nicht (nur) um ein Magazin für kochende Chauvinisten und Sexisten mit Geld. Anders als die Kochhefte an der Supermarktkasse, aber auch nicht so konservativ wie z.B. die “Essen und Trinken”, findet man in der Beef Rezepte der gehobenen Küche und für Hobbyköche mit Leidenschaft und Anspruch. Neben den üblichen Themen-/Rezeptkomplexen Spargel/Fleisch/Gemüse/Weihnachtsbraten/Osterlamm etc. pp., gehören auch neue Varianten von Klassikern wie Burgern, Hot Dogs oder Saucen zum Repertoire dieses Bookazines. Alle Rezepte sind für den Vorgebildeten verständlich und bereits beim Lesen ein Genuss. Dass diese durchweg anspruchsvoll sind und nicht zwischen Tür und Angel gekocht werden können, versteht sich von selbst – eindeutig keine Anfängerlektüre, oder nur für den der hoch hinaus will – trotzdem handelt es sich nicht um unmögliches Hexenwerk.

Ausreißer nach oben, sind zwar nicht ausgeschlossen, aber ebenso gewollt, denn nicht jeder möchte sich das japanische Messer für 1500 € kaufen, braucht den Smoker im Garten um einen Blauwal selber zu räuchern oder besitzt die Ausrüstung für Sous vide-72 Stunden-Kochen von Schweinenacken. Trotzdem sind die Artikel darüber interessant und die wenigstens, die Magazine über Oldtimer oder Sportwagen lesen, haben einen zu Hause oder das Geld sich irgendwann einen zu kaufen. Das Palawer über Sinn und Unsinn, das man sich von seinem die Beef durchblätternden Besuch in diesem Zusammenhang anhören muss, ist also meist leider sehr kurzsichtig. Auch Fiktion wird gelesen, sogar Bücher über Aliens, Vampire und Werwölfe… zurück zum Thema:

Akut nervig finde ich persönlich nur den latenten Sexismus, der wohl mit der Nischenwahl und dem Pochen auf dieser zusammenhängt. Hierzu gehört leider auch die ewige Wiederholung von Grillrezepten, Grills und Grillmethoden, dry-aged Fleisch und die achte Steakkunde. Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach um verschenktes Potenzial, denn alle anderen Berichte sind bestens recherchiert, interessant und sehr gut geschrieben; egal ob es sich um Reisen auf die Märkte Asiens, die Produktion von Gin, Port, Käse, den Handel mit Fröschen oder einen Besuch auf deutschen Spargelfeldern handelt. Die Jungs der Beef sind journalistische Könner und (absolutes Highlight)Becker Medien die Fotos sind mit das Beste was es an deutschen Kiosken zu finden gibt: arrangierte Fischschwärme, unter die sich ein, entsprechend dem anschließend vorgestellten Rezept, zubereiteter Kollege gemischt hat, von Hummern tropfende Sauce im Anschluss über die Reportage zu Hummerfischern oder zerschossene Desserts. Solche Bilder auf solchem Papier machen es zur Pflicht das ganze Heft vor dem Lesen einmal durchzublättern.

Eine solche Aufmachung, und auch dies muss man dem nur blätternden, nörgelnden Besuch entgegenhalten, kostet für ein Heft den Kunden eben auch einen Zehner und das ist richtig und angemessen – keine Diskussion! Wer einfache Rezepte mit Handyfotos will, soll bei Chefkoch.de schauen.

Ich kaufe also weiter die Beef, ertrage deren prolligen Untertöne und die Besserwisserei des Besuchs, denn das Heft macht Spaß.

(Fotos © Westermann Studios)

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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