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Februar 2015

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

722Lebensstufen – Julian Barnes
Michael Maar hat eine hohe Meinung von Julian Barnes und ich eine hohe Meinung von Michael Maar, daher habe ich nach Als sie mich noch nicht kannte (naja, ok) nun auch das neuste Werk Lebensstufen gelesen. Die hymnischen (F.v. Lovenberg in der FAZ) oder völlig aussagefreien Besprechung kann ich nicht nachvollziehen. Die vorgeschaltete Geschichte der Ballonfahrt und der Liebe zwischen Fred Burnaby und Sarah Bernhardt taugt nicht mal als schön erzählte Parabel (für was? die Liebe?) und das anschließende Klagelied Barnes’ auf seine verstorbene Frau verkommt zu einer wehleidigen Selbstbetrachtung. Mir soll keiner vorwerfen ich sei ein gefühlloser Trampel, aber die Litanei auf die Verstorbene erscheint mir zum Teil derart intim, dass ich sie nicht lesen möchte und dann wieder derart alltäglich, dass sie für mich keinen Mehrwert hat. Ich will den Schmerz des Einzelnen nicht klein reden, und speziell nicht den von Julian Barnes, aber die Trauer hätte er mit sich und den ihm Nahestehenden ausmachen sollen, Geld sollte man nicht dafür bezahlen.

351Die jungen Leute – J.D. Salinger
Was hat J.D. noch in seinem Nachlass versteckt? Bis dieser gelüftet wird, müssen sich die Bewunderer mit dem Wenigen bisher Veröffentlichten begnügen. Hierzu gehören auch diese drei frühen Geschichten. Bereits aus diesen des damals noch sehr jungen Mannes lässt sich der spätere Star erahnen: in den Dialogen liest man seine Lakonie, dazu seine kurzen, aber detaillierten Beobachtungen. Ob man von einem anderen Autor diese drei sehr kurzen Stories veröffentlichen würde, wage ich zu bezweifeln, dieses 80 Seiten Büchlein – in schönem roten Leinen – ist für die Fans des scheuen Titanen aber ein Muss, das Nachwort von Thomas Glavinic eine informative Beigabe. Zum Einstieg dann aber doch lieber und immerwieder Der Fänger im Roggen.

347Jahre mit Ledig – Fritz J. Raddatz
Der Mann hatte einen Plan. Einen Tag vor dem Erscheinen dieses kleinen Büchleins, seines 40., stirbt Effjott in der Schweiz. Bedenkt man Zeitpunkt und Sterbeort wird es sich wohl, wie immer angekündigt, um begleiteten Suizid handeln. Somit handelt es sich bereits, vom Erscheinungstermin her, um die erste pousthume Veröffentlichung des Verlegers, Autors, Journalisten, Essayisten, Krawallbruders, Dandys und Unruhestifters – zwei fertige Bücher liegen noch bei seinem Nachlassverwalter.
Raddatz würdigt in Jahre mit Ledig einen seiner großen Förderer Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Viele Anekdoten kennt der geneigte Tagebuch- und Autobiographieleser bereits, aber nicht minder unterhaltsam als in den Vorwerken werden sie hier in einem wunderschönen, grünen Leinenbuch präsentiert. Blumig rauschend, elegisch schildert Raddatz wie eh und je, lobt sich und andere und nimmt mit in eine ferne Zeit im Nachkriegsdeutschland als das Büchermachen noch ein Abenteuer und Verleger noch Halunken und Schlitzohre waren.
FJR wird mir fehlen!

416Madame Bovary – Gustave Flaubert
Endlich habe ich die Neuübersetzung von Elisabeth Edl gelesen, diese verdient noch eine ausführliche Besprechung.

“Wenn ich schon etwas Neues anfange, dann richtig. Flaubert ist sozusagen der Nachkomme Stendhals, aber der Apfel ist weit vom Stamm gefallen, sprachlich und stilistisch. Außerdem hat sich bei mir auch so eine Art kleiner Größenwahn ausgebildet: Jetzt machst du die größten Romane Frankreichs neu – nach den zwei Hauptwerken Stendhals die zwei Hauptwerke Flauberts, „Madame Bovary“ und die „Éducation sentimentale“. Danach sehen wir weiter, ich habe keine Angst, dass mir der Stoff ausgeht.” Elisabeth Edl 2012 in der FAZ.

372Vor den Vätern streben die Söhne – Thomas Brasch
Siebzig Jahre wäre Brasch im Februar geworden. Als Hommage an den fast vergessenen Autor beider Deutschlands habe ich mir daher diesen kleinen Roman vorgenommen, der nach seinem Erscheinen 1977 sofort zum Bestseller wurde. Brasch, der Filmemacher, Lyriker und – wie sein Freund und Grabredner Raddatz – Unruhestifter, schildert in kleinen teils verwobenen Miniaturen das Leben in der DDR. Eine völlig andere Sicht, gerade für mich als fast Nachwendekind. Brasch ist kraftvoll, zornig, zärtlich, anklagend und nachsichtig zugleich. Mit Sicherheit nichts für jeden, aber ein besonderes Zeitzeugnis eines Autors, der hoffentlich nicht vergessen wird.

646Astronauten – Sandra Gugic
Einen modernen unaufgesetzten Ton hat die Openmike-Preisträgerin Sandra Gugic. Wenige schaffen es jugendlich zu klingen ohne es mehr zu sein ohne sich anzubiedern. Eine ausführliche Rezension wird Saskia in der nächsten Zeit liefern: “Sechs sehr unterschiedliche Menschen erzählen im Debütroman von Sandra Gugic von sich selbst, und allmählich enthüllt sich, wie ihre Wege sich überschneiden, wie sie Vertrauen fassen, es enttäuschen und doch aneinander hängen – wie sie ihre Maßnahmen gegen die Kälte der Welt treffen.” Guter Erstling bei C.H.Beck (s.u.).

060Arbeit und Struktur – Wolfgang Herrndorf
Nicht gelesen, aber gehört und immer noch wunderschön und furchtbar traurig, kraftvoll, erschüttern, lebensbejahend und verzweifelt.

“Wie ehrlich und detailliert Herrndorf seine depressiven und wahnhaften Phasen beschreibt, als hätte ein anderer als er selbst diese erlebt, gnadenlose Analysen, die immer eindringlicher werden, wenn man die gespielte Distanz aufbricht indem man sich erneut vor Augen führt, das Herrndorf über sich schreibt. Der Schmerz, den er durch literarischen Abstand zu verbergen sucht und doch offen zugibt.”

549KL, Gespräch über die Unsterblichkeit – John von Düffel
Was soll ich denn hiermit anfangen? In fiktiven Interviews und Begegnungen trifft der namenlose Journalist und Philosoph, unter anderem und vor allem den Modeschöpfer KL, aber auch das moderierende Vollweib BS oder ein Heide Simonis Double. Was als schöne Idee, nämlich das gänzlich andere Interview und Porträt von Prominenten, die sonst nur die üblichen Fragen beantworten, beginnt, verläuft ohne jeglichen Unterhaltungswert im Nichts, auch lernen tue ich nichts. Das Stärkste an diesem Buch ist die Idee für das Cover, zu Ende gelesen habe ich es nur, weil es so wenige Seiten hatte und ich immer noch auf einen Knackpunkt gewartet habe, der aber am Ende leider ausblieb.

665Das Monster von Neuhausen – Ernst Augustin
Zusammen mit von Düffel und Julian Barnes streitet sich Ernst Augustin um den Titel Die größte Zeitverschwendung des Monats. Ein Patient unterzieht sich einer Operation, die missglückt. Der zur Rechenschaft gezogene Chirurg streitet alles ab und belastet seinerseits die Gegenseite, bloß zu simulieren. Im Buch selbst wird auf knapp 110 Seiten aus Sicht des Verteidigers der Prozess gegen den sich rächenden Patienten ausgebreitet. Doch was Ernst Augustin hier lamentiert ist bei keinem Gericht in Deutschland üblich, hat keinen Witz, keine Sprache, keine Story und nicht mal eine literarische Form. Warum C.H.Beck so etwas verlegt, wenn sie eine Gugic (s.o.) verlegen können, ist mir ein Rätsel. Die Höchststrafe dieses Buch zu lesen.

130Alles ist jetzt – Julia Wolf
Ich bin befangen, mach du, sagt mir Saskia, die sich gar nicht mehr einkriegt über das Romandebüt ihrer Freundin und unserer 54stories-Autorin Julia. Ganz sicher die Überraschung des Monats, ausführlichere Rezension folgt auch hier.

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Folge 54books.

7s Kommentare

  1. Besonders freue ich mich über die Empfehlung von Thomas Brasch, mit dem ich (leider) weder verwandt noch verschwägert bin. Doch der Name führte mich schon in frühen Jahren zu diesem Buch, das ich sehr schätze. Auch wenn Thomas Brasch, der Schriftsteller ;-), ansonsten recht schwer zugänglich ist, hier schreibt er wirklich zeitlos bewegend.

    Darüber hinaus kann ich dann den biografischen Roman seiner Schwester sehr empfehlen: “Ab jetzt ist Ruhe” von Marion Brasch. Wunderbar amüsant und zugleich interessant gelingt es ihr über ihre beeindruckende Familiengeschichte zu fabulieren. Und das ihr dies ohne Lamentieren gelingt ist angesichts der Einzelschicksale ihre Brüder und des Vaters wirklich bemerkenswert.

    • 54books

      Das Buch von Marion habe ich auch gesehen, aber nicht gelesen. Habe bei YouTube aber eine Vorstellung mit Beleuchtung der familiären Hintergründe gesehen, das klingt sehr spannend – was eine verrückt-interessante Familienkonstellation.

  2. Danke für den Überblick – besonders für die erfreulich respektlose Sicht auf den neuen Julian Barnes… Ich kann die nicht enden wollenden Hymnen auch nicht so recht nachvollziehen.

    • 54books

      Habe erst gezuckt, ein so persönliches Buch so zu besprechen, aber gerade das ist es ja was es so unerträglich macht. Freut mich, wenn es anderen auch so ging!

  3. Auf deine genauere Besprechung von Madame Bovary freu ich mich schon! Ein spitzen Buch!

  4. Hallo Tilman,

    ich weiß es ist Buchmesse, aber vergiss nicht deine Madame Bovary Rezension 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

    • 54books

      Keine Sorge, sie liegt hier noch, aber dafür brauche ich Zeit 🙂

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