Zurück zum Content

“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Letzte Artikel von Tilman Winterling (Alle anzeigen)

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 307 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

2s Kommentare

  1. Annegret Annegret

    Als gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Liebhaberin der Poesie würde ich sagen: Übersetzung mißlungen. Und das Geld ist so was von hinausgeworfen!
    Als Übersetzer hat man nicht alle Freiheit der Welt und darf vor allen Dingen nicht den Sinn verdrehen! Da hat sich Suhrkamp keinen Gefallen getan. Lyrik hin, Lyrik her, etwas hinzuzufügen verändert das Gedicht!
    Schade, daß Dir das Vergnügen, das Lesen einer ordentlichen Übersetzung des Gedichtes, entgangen ist.

  2. Ulrich Schneider Ulrich Schneider

    Danke für den Artikel! Mir ist das Gleiche schon einmal bei den Übersetzungen zu Bob Dylan aufgefallen. Es wird jede Menge hineingedichtet, was der Autor wahrscheinlich gar nicht wollte. Daher bestand Dylan bei allen Übersetzungen immer darauf, dass die Zeilenzahl exakt eingehalten wird. Und 18 € für ein Gedicht ist doch sehr happig!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: