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Dorothea Veit-Schlegel (1764-1839) und der Bruch mit der Tradition

Dorothea Veit-Schlegel ist zumindest wohl keine Frau gewesen, die Angst vor Veränderungen hatte: Am 24.10.1764 als Brendel Mendelssohn, Tochter des berühmten jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn und seiner Frau Fromet Mendelssohn in Berlin geboren. Der Vater ließ seine Söhne durch Hauslehrer ausbilden und unterrichtete sie auch selbst und ließ an diesem Unterricht gelegentlich auch seine Tochter teilnehmen, weshalb diese eine außergewöhnlich gute Ausbildung erhielt; jedoch wurde sie nicht philosophisch unterrichtet, Mendelssohn teilte die auch für die Aufklärer übliche Überzeugung, dass Gelehrsamkeit nichts für eine Frau sei.

Im Alter von 14 Jahren wurde Brendel Mendelssohn mit dem zehn Jahre älteren Simon Veit verlobt, den sie dann mit 18 auch heiratete. Sie bekamen vier Söhne, von denen jedoch zwei starben. Veit war als Bankier und Kaufmann viel beschäftigt, seiner Frau gegenüber war er fürsorglich und liebevoll – und dennoch empfand diese ihre Ehe als innerlich unbefriedigend. Sie hielt einmal in der Woche einen Lesezirkel in ihrem Haus ab und pflegte eine enge Freundschaft zu Henriette Herz, deren Salon sie besuchte. Ihre Verwandten dagegen nahm sie als ‚platt‘ war, wohingegen diese meinten, man habe ihr durch Schmeicheleien den Kopf verdreht. So oder so: 1797 lernte sie im Salon von Henriette Herz Friedrich Schlegel kennen, mit dem sie erst Freundschaft, dann Liebe verband – und damit veränderte sie ihren Namen zu Dorothea. Dieser Namenswechsel ist auch Ausdruck ihrer Selbstbefreiung aus einem von ihr als einengend wahrgenommenem persönlichen Umfeld, das sie für die schillernde Welt der Romantiker, der großbürgerlichen und adeligen Intellektuellen, verließ. Sie hoffte vielleicht, damit auch die Enge ihrer Geschlechterrolle zu verlassen: Denn der Festlegung von Menschen nach Geschlecht und Stand hatte Friedrich Schlegel in seiner Dorothea gewidmeten Schrift „Über die Philosophie“ eine Absage erteilt: Jeder Mensch ist ihm zufolge Individuum. Das bedeutet freilich nicht, dass Frauen und Männer für Schlegel gleich gewesen wären, auch er weist Frauen einen anderen Bereich zu, bewertet ihre Fähigkeiten als defizitär, auch er weist der Frau in „Lucinde“ die Rollen der Muse und der Mutter zu – aber für seine Zeit dürfte sein Frauenbild als vergleichsweise gleichberechtigend gelten.

1799 wurde Dorothea von Simon Veit geschieden, und obwohl sie ihre Ehe als „Sklaverei“ empfunden hatte, blieben beide weiterhin befreundet. Mit Schlegel lebte sie frei und öffentlich zusammen, beide wohnten und arbeiteten mit August Wilhelm und Caroline Schlegel in Jena und pflegten intensiven Austausch mit den anderen Angehörigen der Jenaer Romantik: Tieck, Novalis, Schelling, hatte ferner Kontakt zu Fichte, Brentano und Goethe – und Friedrich Schlegel löste in diesem Jahr mit seinem Roman „Lucinde“ einen Skandal aus. Auch Dorothea schrieb jetzt: 1801 erschien ihr Roman „Florentin“.

Allerdings bliebt dies ihr einziger eigener Roman: Vor allem arbeitete sie Friedrich Schlegel zu. Mehr Freiheit und ein neues Leben brachte ihr der Bruch mit dem alten Leben kaum: Da nun ihre Familie und ehemalige jüdische Bekannte mehrheitlich den Kontakt zu ihr abbrachen und die christliche Gesellschaft, auch die der Intellektuellen, sie als Jüdin mit ungewöhnlichem Lebenslauf keineswegs offen aufnahm – selbst nach der Trauung nicht – war sie stark isoliert und umso stärker an Schlegel gebunden. Dieser nahm ihre Arbeitskraft stark in Anspruch und sie ging in der Rolle der Zuarbeitenden und der Ehefrau nahezu auf. Sie übersetzte Romane, bearbeitete Texte aus dem Mittelalter, alles erschien unter dem Namen Schlegels. Sie schrieb Rezensionen, Schlegel gab sie heraus. Sie wirkte an seinen Werken mit, schrieb Manuskripte ab, dürfte auch in Gesprächen einiges beigesteuert haben – der zweite Band des „Florentin“, der noch hätte entstehen sollen, entstand nie. Hannah Arendt fällte ein Jahrhundert später das Urteil über sie: „Was bleibt ist, dass es ihr gelungen ist, sich an einen Menschen zu hängen und von ihm sich durch die Welt schleifen zu lassen. Ihr Leben ist unerzählbar, weil es keine Geschichte hat.“[1] Das ist trotzdem ein recht hartes Urteil – und dass Dorothea Veit-Schlegels Leben durchaus erzählbar ist, zeigen ja diverse Veröffentlichungen über sie. Und zumindest den ersten Teil des „Florentin“ hat sie fertig gestellt – und dass der zweite Teil nie geschrieben wurde, ist angesichts dessen, dass der Roman ohnehin Geschlossenheit verweigert, gar nicht untypisch oder unangemessen für die Romantik mit ihrem Hang zum Fragmentarischen.

Dabei hat Dorothea Veit-Schlegel im „Florentin“ eine männliche Figur gewählt, um auch die eigene Suche nach Heimat, Freundschaft und Liebe zu verarbeiten – sie verarbeitet all dies im Gegensatz zu mehreren bereits vorgestellten Autorinnen eben nicht in einer weiblichen Figur. Florentin, dessen Herkunft und Elternhaus im Dunkeln bleiben, sucht von Anfang an nach seinem Vaterland, er ist ein Fremdling auf Erden: Auf dem Weg zum nächsten Hafen – er will als Soldat an den amerikanischen Freiheitskriegen teilnehmen – rettet er dem Grafen Schwarzenberg das Leben, verbringt daraufhin einige Zeit auf dessen Anwesen, wo er dessen Tochter Juliane und deren Verlobten Eduard kennenlernt. Auf einem gemeinsamen Jagdausflug, bei dem sich Juliane als Mann verkleidet, erzählt Florentin seine Lebensgeschichte, der Roman erzählt also in zwei Richtungen: In die Vergangenheit und in die Zukunft. Unter anderem erzählt er hier, wie er Künstler wurde und wie seine Frau sein Kind abtrieb – weswegen er sie fast umbrachte und verließ. Überhaupt verlässt Florentin sehr gerne Orte und Menschen: Am Tag der Hochzeit von Juliane und Eduard reist er plötzlich ab, um die Schwester des Grafen, Clementina, zu besuchen, und auch am Ende des Romans ist Florentin schlicht: Spurlos verschwunden. Es gibt am Ende keine gelungene Eingliederung in die Gesellschaft, kein Vaterland, nur Verschwinden.

Statt die Geschichte einer weiblichen Figur zu erzählen, hat Dorotea Veit-Schlegel im „Florentin“ also eine zwischen männlichen und weiblichen Eigenschaften changierende Künstlerfigur geschaffen, durch die sie den männlichen Bildungsroman parodiert: Florentin hat keinen Vater und sucht das „Vaterland“, ganz im Gegensatz zu Goethes Wilhelm Meister, der seinen Vater ablehnt, Florentin selbst bleibt Vaterschaft verwehrt, die Frauenfiguren, die im „Wilhelm Meister“ Teil des Bildungsweges sind, haben auf Florentin keine große Wirkung, stattdessen schließt er sich lieber Männern an.[2] „Feste Geschlechterrollen, wie sie die zeitgenössische Auffassung als ‚natürlich‘ vorschreibt […] und wie sie ‚Wilhelm Meister‘ exemplarisch vorschreibt […], verschwimmen im ‚Florentin‘ und sind in Auflösung  begriffen.“[3] Was würde sich an Literaturtradition ändern, wenn man einen solchen Roman mit in die Reihe von Bildungsromanen aufnähme? Man würde vielleicht eine Tradition zumindest einmal überdenken, die derzeit auch normativ Männer auf Geschlechterrollen festlegt, die sie unter Umständen gar nicht erfüllen wollen: Die, noch einmal gut durch Freud festgeschriebene, Tradition, dass im Zuge des männlichen Bildungsprozesses eine Ablehnung der Vaterfigur bis hin zum Vatermord stattzufinden habe, wirkt bis heute fort. Männer werden durch solche Traditionen, wenn sie als normatives Muster im Wertungsprozess genutzt werden, literarisch genauso auf den Vatermord festgelegt wie Frauen auf die Unterordnung unter den Vater – im Jahr 2017 muss das aber eigentlich nicht mehr zwangsläufig der Maßstab sein, den man an Neuerscheinungen anlegt, nur weil man im 18. und 19. Jahrhundert Männlichkeit so festgeschrieben hat. Dorothea Veit-Schlegel scheint mir eine kritische Denkerin gewesen zu sein, die fähig war, Vorgegebenes zu hinterfragen.

Doch zurück zu ihr selbst: Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des „Florentin“ zerbrach das harmonische Zusammenleben mit August Wilhelm und Caroline Schlegel, man überwarf sich: 1802 zogen Dorothea und Friedrich Schlegel ins katholische Paris, 1804 ließ sich Dorothea dort protestantisch taufen, sie heirateten und zogen ins ebenso katholische Köln, wo sie vier Jahre später dann selbst beide katholisch wurden. Und als jetzt sehr überzeugte Katholikin zeigte Dorothea Veit-Schlegel durchaus auch missionarischen Eifer im Bekanntenkreis – allerdings war der Katholizismus unter Romantikern ja ohnehin beliebt.

Es folgte 1808 ein Umzug nach Wien, wobei sie dort ab 1820 in demselben Haus lebten wie Caroline Pichler. 1829 starb Friedrich und Dorothea zog zu ihrem Sohn Philipp Veit, der inzwischen auch katholisch geworden war, nach Frankfurt, wo sie am 3.8.1839 starb. Zuvor hatte sie noch alle Korrespondenzen mit ihrem Mann vernichtet.

Werke u.a.: Florentin 1801; Geschichte des Zauberers Merlin 1804.

[1]http://www.deutschlandfunk.de/dorothea-schlegel-erfinderin-der-romantischen-ehe.871.de.html?dram:article_id=301151.

[2] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche, Werke, Wirkung, München 2000,  S. 139-141.

[3] Ebd., S. 141.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

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1 kommentar

  1. Joel Joel

    Interessante Person mit einem beeindruckendem Leben. Sehr ausfürhliche und gut strukturierte Biografie über eine Frau, von der ich bisher noch nichts wusste.
    Liebe Grüße
    Joel von Büchervergleich.org

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