Zurück zum Content

Die liebsten Liebesgeschichten

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

SONY DSC

“Sorry, ich lese keine Liebesromane, und ich kenne auch keine außer dem Werther.“ So hätte meine unbedachte Antwort auf Frank Duwalds Frage lauten können, als er mich bat, bei seiner Reihe Die liebsten Liebesgeschichten mitzumachen. Wohlüberlegt, wie meist, habe ich mir aber keine Gedanken gemacht und zugesagt, über Werther kann man ja immer mal zwei, drei Zeilen schreiben. Nun schlich ich an meinen Regalen vorbei und belud mir die Arme mit zu erwähnenden Büchern: alles Liebesgeschichten.

Aber was ist schon eine Liebesgeschichte? Geht es nicht sowieso in jeder Form von Literatur immer nur um Liebe: Liebe zwischen Graf und Gräfin, Graf und Bauernmädchen, Eheleuten, Dahergelaufenen, Vampiren und Mondscheinmädchen, Monstern und Burgfräulein usw. usf. Die Bücher, welche ich mir auf den Arm lud, könnten unterschiedlicher nicht sein, und da sie bereits zweistellig sind, nur wenige Worte zu jedem.

Lehrjahre des Gefühls – Gustave Flaubert
In Flauberts L’Éducation sentimentale (Übersetzungen u.a. auch als Die Schule der Empfindsamkeit, Die Erziehung des Herzens, Die Erziehung des Gefühls) verliebt sich Frédéric Moreau in eine verheiratete Frau. Aufgrund dieser unerfüllt bleibenden Liebe verliert sich Moreau in Affären und versucht sich als Weltmann, um am Ende in Liebe und Leben zu scheitern.

Die Wahlverwandtschaften – Johann Wolfgang von Goethe
Ein überaus unterhaltsamer Roman aus der Feder des Dichterfürsten. Zwei Paare verlieben sich “über Kreuz“ und sind hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Pflichtgefühl. Der Versuch, der Liebe zu entsagen, misslingt, und tragische Ereignisse nehmen ihren Lauf.

Oblomow – Iwan Gontscharow
Ilja Iljitsch Oblomow ist ein russischer Adliger, der, auf seinen Reichtum gebettet, die eigene Faulheit zur Lebensmaxime kultiviert hat. Die Überwindung der Lethargie bahnt sich an, als Oblomow sich in Olga verliebt. Doch die Trägheit ist stärker als die aufkeimende Liebe.

Tante Julia und der Kunstschreiber – Mario Vargas Llosa
Ein inzestuöses Verhältnis des Neffen zu seiner (nur) vierzehn Jahre älteren Tante im Lima der 50er, eine Militärdiktatur und der ewige Kampf von Autoren um Anerkennung, zwischen dem eigenen Anspruch, Unterhaltung und der Notwendigkeit des Geldverdienens. Große, nobelpreisgekrönte Unterhaltung aus Südamerika – Anspruch und Unterhaltung in symbiotischer Liebe.

High Fidelity – Nick Hornby
Rob wird von seiner Freundin verlassen und nimmt dies zum Anlass, über die verflossenen Lieben seines Lebens zu sinnieren, sortiert in einer Top 5. Nick Hornby lässt den Trennungsschmerz mit Popmusik verschmelzen, ein Genuss für alle, die schon mal versucht haben, im Plattenladen um die Ecke ihre Sorgen abzugeben.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
Eine große Liebe in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, ein Buch über Verlust, Treue und die Kraft zweier Menschen, sich trotz des ihnen widerfahrenden Unrechts einander zu begleiten. Wen dieses Buch nicht berührt, der hat kein Herz.

Ansichten eines Clowns – Heinrich Böll
Eines meiner ersten Lieblingsbücher, welches ich trotz aller Leidenschaft immer nur schlecht an andere vermitteln kann (entweder die Leute mögen keine Clowns oder sie mögen Böll nicht, meist sogar beides). Hans Schniers Leben und Karriere als Komiker zerbricht, nachdem ihn seine Freundin Marie nach einer Diskussion über die religiösen Voraussetzungen einer möglichen Ehe verlassen hat. Verlogene Moral in Nachkriegsdeutschland zwischen nationalsozialistischen und katholischen Werten.

Brand’s Haide – Arno Schmidt
Ein Kurzroman zum Herantasten an das Werk Schmidts. Der Kriegsheimkehrer Schmidt freundet sich mit zwei Flüchtlingsfrauen an und verliebt sich in eine. Im Deutschland 1946 stehen diese zarten Bande aber vor erheblichen materiellen Schwierigkeiten.

Mitten ins Gesicht – Kluun
Stijn begleitet seine krebskranke Frau beim Sterben. Selten so viel geweint und einer der Gründe, warum ich keine Krebsbücher mehr lese.

Eine blaßblaue Frauenschrift – Franz Werfel
Leonidas ist ein höchst erfolgreicher, weil aalglatter, Beamter im Wien der 30er Jahre. Sein Leben und seine Karriere geraten ins Wanken, als eine verflossene Jugendliebe mit der Bitte an ihn herantritt, sich für ihren Sohn einzusetzen. Nachgerechnet vermutet er, dass es sich um den gemeinsamen handelt und er denkt darüber nach, sein Leben zu ändern. Aber …

Die Leiden des jungen Werther – Johann Wolfgang von Goethe
Mein absolutes Liebeshighlight. Man hasst oder liebt den empfindsamen Werther in seiner Liebe zu Lotte, hält ihn für ein Weichei oder den Helden seiner Leidenschaft. Gleich, wie man sich entscheidet, dieses Buch muss man gelesen haben!

Ach, um das jetzt klarzustellen: ich lese keine Liebesromane!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Dandelion von Frank Duwald.

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 452 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

5s Kommentare

  1. Für Nick Hornby bekommst du von mir ein Herzchen <3
    😉
    Grüße
    Mareike

  2. Ich habe den Kluun jetzt schon seit Jahren im Regal stehen und traue mich einfach nicht ran. Und nach dem was Du geschrieben hast, wird das wohl auch noch eine Weile so bleiben.

    “Die blaßblaue Frauenschrift” lesen wir im Dezember im Bookclub – bin schon sehr gespannt drauf.

    100% Zustimmung für Remarque – ein wunderschönes Buch, auf Tante Julia freue ich mich noch und als Musikfreak bin ich natürlich überzeugte High Fidelity Liebhaberin 🙂

  3. Die Liebesgeschichte im “Zauberberg” fand ich gut. Nicht deplatziert, nicht zu viel Raum einnehmend.
    “Martin Eden” ist mein Lieblingsroman und wird von vielen als Liebesgeschichte gelesen. Bei dem Buch stört mich das fast gar nicht, weil für mich die Klassenunterschiede und die schriftstellerischen Versuche des Protagonisten alles Andere überschatten.

    • 54books

      Beim Zauberberg kann ich Dir nur zustimmen: Nicht deplatziert, nicht zu viel Raum einnehmend – alles absolut auf den Punkt, in einem Satz. Martin Eden kenne ich (noch) nicht, ist aber notiert, oder meinst du überschatten negativ?

  4. Oh ja, Mitten ins Gesicht fand ich auch heftig. Tante Julia und der Kunstschreiber fand ich ok, von dem Buch habe ich aber so eine herrliche gelbe Ausgabe. Und Werther habe ich gerade gelesen, ich tendiere leider eher zum Weichei. Aber gelesen haben sollte man ihn! Richtig!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: