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Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen

1In der Regel scheue ich das Lesen von riesig angelegten Familiensagen. Seit den Buddenbrooks vor Jahren habe ich um solche einen Bogen gemacht. (Nicht etwa weil die Buddenbrooks schlecht seien, Gott bewahre, sondern weil mich der Umfang schreckt und mir zumeist die Geduld fehlt, mich in eine Welt mit 20 Charakteren und Intrigen, Geburt, Hochzeit und Sterben hineinzudenken.) Irina Teodorescu hat nun mit Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen aber eine Familiensaga geschrieben, die die Geschichte von knapp acht Generationen auf 140 Seiten erzählt, genau meine Kragenweite also.

Das große Problem der Familie Marinescu ist nicht nur die Habgier des Urahns Gheorghe, sondern dessen hierauf begründeter Mord an einem Banditen. Der ungepflegte Mann mit dem Schnauzbart ist so etwas wie der Robin Hood der Region und hat sitzt momentan auf einem gewaltigen Vermögen. Listig lockt Gheorghe ihn in seinen Keller, lässt ihn dort erbärmlich verhungern und presst ihm vor dessen Tod noch den Standort seiner Schätze ab. Neben dieser Information nutzt der Bandit seinen letzten Atem zur Aussprache eines Fluchs über die gesamte Familie Marinescu, der bis ins Jahr 2000 währen wird und dem die Erstgeborenen jedes Familienzweigs zum Opfer fallen. Trotz des neuerlangten Reichtums und damit einhergehender Machtpositionen gelingt es keiner der Mütter ihre Söhne zu schützen, auch nicht durch entbehrungsreiche Pilgerfahrten.

Maria die Hässliche, Margot die Schlange oder Maria die Versaute sind nur drei der unglaublichen Gestalten, die Irina Teodorescu durch ihre Maxisaga im Miniformat rasen lässt. Jede ihrer Figuren ist derart irrwitzig komponiert, dass die Lektüre eine wahre Freude ist. Faulheit und Durchtriebenheit, Angst und Habgier, Geiz und weitere niederste menschliche Charakterzüge alles findet sich in Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen wieder. Eine Komposition, die in ihrer Rasanz derart unterhaltsam ist, dass man aus dem Lachen über die Geschichte und das Staunen über Teodorescus Kunstfertigkeit nicht herauskommt. Es ist zu hoffen, dass auf diesen ersten Roman der Autorin alsbald ein zweiter folgt.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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2s Kommentare

  1. Danke für diesen Tipp! Mit Familienchroniken geht’s mir da ganz ähnlich wie dir….und ich habe schon länger nicht mehr zum Genre gegriffen. Vielleicht sollte ich es mit diesem Exemplar mal probieren!
    Lg, Cara

    • 54books 54books

      Entschuldige die lange Verzögerung!
      Ja, dieses Buch ist sicher eine gute Möglichkeit, um sich dem Genre wieder zu nähern und glänzende Unterhaltung noch dazu.
      Beste Grüße.

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