Das Leben in Zeiten der Willkür. Ahmet Altans Roman „Hayat heißt Leben“

von Gerrit Wustmann

„Ich schreibe diese Zeilen in einer Gefängniszelle. Aber ich bin nicht gefangen. Ich bin Schriftsteller. Ich bin weder dort, wo ich bin, noch dort, wo ich nicht bin. Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, doch ihr könnt mich dort nicht festhalten. Weil ich die Zaubermacht besitze, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.“

Diese Passage schrieb Ahmet Altan in einem der zahlreichen Briefe und Essays während seiner Haft in Silivri. Fast fünf Jahre wurde er dort als politischer Häftling festgehalten. Ein Teil der Texte erschien 2018 unter dem Titel „Ich werde die Welt nie wiedersehen“ in mehreren Ländern – nicht aber in der Türkei.

Altan ist einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes. Sein Name fällt in einem Atemzug mit Orhan Pamuk und Aslı Erdoğan. Eine unbequeme Stimme. Einer, der sich einmischt, mit seinen Büchern, als Journalist. 2007 gründete er die Tageszeitung Taraf, war ihr Herausgeber und Chefredakteur. Er thematisierte Tabus: die Unterdrückung der Kurden, den Genozid an den Armeniern. Er schrieb vier Romane über den Niedergang des Osmanischen Reiches (nur der erste liegt auf Deutsch vor: „Wie ein Schwertstreich“, Fischer 2018), die im Rückblick frappierende Parallelen zu Ära von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan aufweisen: Ein von der Realität entkoppelter Sultan, der überall Verschwörungen wittert und jeden ins Gefängnis wirft, der ihm nicht absolut treu ergeben ist. Noch so ein Satz aus Altans Gefängnis-Essays: „Mein Leben äfft meinen Roman nach.“

Nach den Gezi-Protesten vom Sommer 2013 und noch weit radikaler seit dem gescheiterten Putschversuch von 2016 initiierte Erdoğan eine Hetzjagd auf seine Gegner, zeitweise waren mehr als 100.000 Menschen aus politischen Gründen in Haft, bis heute werden tägliche Schauprozesse geführt, ein falsches Wort kann einen ins Gefängnis bringen. Erdoğan lässt Oppositionelle im Ausland entführen und in die Türkei verschleppen, hat Medien und Justiz gleichgeschaltet, seine Armee ermordet, Hand in Hand mit islamischen Extremisten, kurdische Zivilisten in Syrien. War die Türkei vor etwas mehr als zehn Jahren noch auf einem Weg demokratischer Reformen, ist sie heute ein repressiver und despotisch geführter Mafiastaat, in dem Widerspruch kaum noch geduldet wird.

In diesem Kontext erwischte es im Juli 2016 auch Ahmet Altan. In einer Talkshow einen Tag vor der Putschnacht äußerte er sich kritisch, wenige Tage später stürmte die Polizei seine Wohnung in Istanbul. Taraf wurde verboten, wie so ziemlich alle großen freien Medien. Altan wurde zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt. 2021 kam er dennoch frei, auch aufgrund von Druck aus dem Ausland und durch große Solidaritätskampagnen. Er sieht die Welt wieder – aber die fünf Jahre prägen ihn. Er ist ruhiger geworden seither, wohl auch, weil er in der Türkei bleibt, weil er nicht wie so viele andere ins Exil gegangen ist.

Noch in Haft wurde ihm 2019 der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Und während er einsaß schrieb er. Nicht nur kurze Texte, sondern auch einen Roman. „Hayat heißt Leben“ lautet der Titel, ins Deutsche übertragen von Ute Birgi-Knellessen, nun ebenfalls bei Fischer erschienen, 2021 mit dem Prix Femina Etranger ausgezeichnet.

Altan, der inzwischen über siebzig ist, hat für sein Buch die Stimme eines jungen Protagonisten gewählt. Ein Student in Istanbul. Fazıl liebt Bücher und zwei Frauen, die gleichaltrige Studentin Sıla und die mütterliche, fünfzigjährige Hayat. Fazıl und Sıla haben eins gemeinsam: Sie stammen aus wohlhabenden Familien, die alles verloren haben und sich in der neuen Armut vorsichtig vorantasten müssen. Fazıls Vater, ein Grundbesitzer und Landwirt, hat erst sein Geschäft und dann sein Leben verloren; Sılas Elternhaus wird von der Polizei gestürmt, aller Besitz der Familie enteignet.

Beide lernt er in einem Fernsehstudio kennen, wo er sich als Claqeur bei Unterhaltungssendungen ein paar Lira verdient, und obwohl er bisweilen ein schlechtes Gewissen hat, kann er doch nicht anders, als dieses Doppelleben zu führen: Bei Sıla findet er die langen Gespräche über Literatur und den wilden jugendlichen Sex, der ihn so erfüllt, während Hayat all seinen Ängsten, Sorgen, seiner oft erstaunlichen Unbedarftheit mit einer scheinbar von äußeren Einflüssen entkoppelten Sorglosigkeit dem Leben gegenüber begegnet. Hayat interessiert sich nicht für Literatur, stattdessen ist sie süchtig nach Dokumentarfilmen; Sılas Familie zerbricht an den sich wandelnden politischen Verhältnissen und der Willkür, während Fazıl sich weder für Politik interessiert noch sie versteht und daher erst mit gewaltiger Verzögerung begreift, dass das, was gerade im Land geschieht, auch ihn betrifft.

Fazıl wohnt in einer WG von Armen und Ausgestoßenen. Da ist die trans Prostituierte Gülsüm, die immer wieder auf der Straße verprügelt wird; da ist der, den alle nur als den „Dichter“ kennen, und der tatsächlich eine oppositionelle Zeitschrift herausgibt. Als sie verboten wird, will er fliehen, doch die Polizei steht schon vor der Tür. Fazıl muss mitansehen, wie der Dichter sich vom Balkon stürzt. Neue Leute ziehen ein, scheinen die WG-Bewohner auszuhorchen, und weil Fazıl für die Zeitschrift gelegentlich Artikel korrekturgelesen hat, dämmert ihm, dass auch er selbst nicht mehr sicher ist. Schließlich will Sıla das Land verlassen, bewirbt sich bei einer kanadischen Universität, weil sie in der Türkei keine Zukunft mehr sieht, nachdem ihre Dozent*innen verhaftet werden, weil sie einen offenen Brief unterschrieben haben. Fazıl ist hin- und hergerissen. Sıla und Hayat bilden zwei Pole seiner eigenen Persönlichkeit, und er weiß nicht, in welche Richtung es für ihn geht.

Ahmet Altan nutzt seine Figuren geschickt, um die Entwicklungen in der Türkei nachzuzeichnen, ohne dabei je allzu konkret zu werden. Er nennt keine Namen, er zeigt nicht offen mit dem Finger auf die Politik der regierenden AKP, er erläutert nicht, worum es geht, wenn man Seite für Seite spürt, wie die Verhältnisse immer unsicherer werden. Das muss er auch nicht. Sein türkisches Publikum versteht das alles, weil er die Realität im Hier und Jetzt zeichnet. Und die Botschaft an die noch jüngeren Leser*innen ist unübersehbar: Geht, solange ihr noch könnt! Verlasst dieses Land, denn hier gibt es keine Zukunft mehr.

Es verwundert kaum, dass Altan sich dabei auch mehrfach den stilistischen Schnitzer erlaubt, dem Studenten Fazıl die Gedanken des Schriftstellers Altan in den Mund zu legen: „Mit jedem Buch, das ich las, tauchte ich in eine andere Zeit, eine andere Umgebung ein und gewann, was noch wichtiger war, auf diese Weise eine andere Identität: Ich befreite mich von dem deprimierenden Gefühl, gefangen zu sein, und erlangte eine grenzenlose Freiheit. Leider war dieses Gefühl nicht anhaltend.“ Augenzwinkernd lässt er an einer anderen Stelle Fazıl und Sıla darüber sinnieren, ob man Passagen in einem Buch nicht manchmal bewusst schlecht schreiben müsse, um wahrhaftig zu sein (und da geht es dann um Dostojewski).

Dass der Roman dann auch eine sich als roter Faden durchziehende Liebeserklärung an die Literatur und das Lesen ist, unterbrochen von Einschüben über Dokumentarfilme, dürfte recht akkurat widerspiegeln, wie Altan einen beträchtlichen Teil dieser fünf Jahre in Gefangenschaft verbracht hat. „Hayat heißt Leben“ ist ein Buch über das Leben, über die Liebe zum Leben; es ist ein hochaktueller politischer Roman aus der Perspektive eines Unpolitischen; und es ist, das will er gar nicht verschleiern, ein Gefängnisbuch, ein direktes Produkt dessen, was Haft und Isolation mit einem Schriftsteller machen. 

Und es ist, auch das merkt man beim Lesen unweigerlich, das eine Buch, mit dem sein Autor nicht gerechnet hat, das aus seinem bisherigen Werk herausragt, obwohl es schmal ist (auf Deutsch knapp 250 Seiten); es ist der Versuch, mit einer Verzweiflung umzugehen, die sich ergibt, wenn der Autor selbst zum Subjekt seiner Literatur wird. Und während Hayat betont, dass sie keine Angst hat, dass sie alles erlebt hat und deshalb nichts mehr fürchten muss, lernt Fazıl, dass es weit Schlimmeres gibt, als kein Geld zu haben: Jeglichen Halt zu verlieren, weil die äußeren Umstände keinen Halt mehr ermöglichen.

Foto von Osman Köycü on Unsplash