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Céline Minard – Das große Spiel

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Buchbloggerin, schreibt das Internet voll, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

Übersetzt von Nathalie Mälzer.

Keine Ahnung, was immer alle mit Bergen und Wandern haben, wo doch die Natur keinen Geist hat. Also ich bleibe ja lieber zu Hause, ich bin ja aber auch grundsätzlich eher ein bisschen faul. Wenn man zu Hause bleibt, kann man dort Bücher lesen, das ist praktisch, dann hat man nämlich gleich noch eine Ausrede dafür, sich gar nicht bewegen zu müssen. Man kann beispielsweise klassische Sagen lesen, dann weiß man, dass die Götter auf einem Berg, dem Olymp (ja, wirklich!), wohnen. Man kann die Bibel lesen, dann weiß man, dass Berge ein Ort der Rettung (Noah strandete auf einem, Psalm 121 etc.), in jedem Fall aber ein Ort der Begegnung mit dem Transzendenten (Isaaks Opferung, Mose auf dem Sinai etc. etc.) sein können. Und wenn man dann noch ein bisschen rumgoogelt, was zuhause auch besser geht als auf so einem Berg beim Wandern, findet man heraus, dass es überall auf der Welt heilige Berge gibt, dass den Berg als herausgehobenen Ort mit „Transzendenz“ zu verbinden also wohl eine kulturübergreifende Idee zu sein scheint.

Und dann kann man auch „Das große Spiel“ von Céline Minard lesen, wenn man nicht lieber über Gesteinshubbel trampelt und sich Blasen an den Füßen holt. Die namenlose Erzählerin dieses Romans hat sich nämlich ein Stück Berglandschaft gekauft, sich dort ein mit etlichen Segnungen der Zivilisation versehenes high-tech-Domizil errichtet, um sich aus der Zivilisation, unter der sie schrecklich leidet, weil alle doof sind, zu verabschieden, um herauszufinden, ob man gegen sich selbst Schach spielen kann, ob man die Isolation aushalten kann, ob Not ein Umstand, ein Seelen- oder Körperzustand ist, kurz: Es geht eben um existentielle Erfahrung.

Und das in anderer Weise als in Haushofers Roman „Die Wand“, an den man unweigerlich beim Lesen des Klappentextes denken muss (und diese Assoziation führte dazu, dass ich das Buch gekauft habe, denn „Die Wand“ ist ein hervorragender Roman – aber tatsächlich, auf ganz andere Art „Das große Spiel“ eben auch, wenn auch vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger hervorragend), denn in „Die Wand“ ist das Exil nicht selbst gewählt (oder vielleicht doch, wenn man davon ausgehen will, dass die Protagonistin sich die Wand nur einbildet), vor allem aber ist es nicht möglich, dem Exil zu entkommen: Die Not ist wirklich existentiell und wird mit der Zeit drückender. In „Das große Spiel“ ist das nicht der Fall.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich all das so mit maximal augenrollendem Gestus nacherzähle, aber diese Form von Zivilisationskritik, dieses Waldgängertum, ist eben für mein Empfinden maximal albern, vor allem dann, wenn die Protagonistin trotzdem Handy und Laptop hat, um sich im Zweifelsfall in die Zivilisation zurückbringen zu lassen. Das ist eine Form der Zivilisationskritik, die bloßer Gestus ist und auf der Gewissheit wächst, ohne Probleme in diese Zivilisation zurückkehren zu können.

Aber: Ganz so platt funktioniert der Roman dann doch nicht. Tatsächlich ist „Das große Spiel“, so viel ich ideologisch daran drollig finde, ein ästhetisch sehr gelungener Roman, und vermutlich ist er sogar ideologisch interessanter als andere Romane ähnlichen Fahrwassers. Denn Minard lässt ihre Figur die eigene Misanthropie unterlaufen, sie lässt sie zum Tier werden und sich gleichzeitig selbst transzendieren und bricht damit gängige raunende Waldgängerei, überhaupt die Vorstellung von Selbsttranszendierung durchaus auch auf.

Denn die Frau, die sich hier in einer Berglandschaft den Elementen aussetzen will, wird in all ihrer misanthropen Ablehnung der Menschheit, die aus „Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen“ (S. 12 und diverse andere Stellen – diese Trias wird feststehend mehrfach wiederholt) mit der Zeit selbst – vielleicht – schwachsinnig, zumindest stellt nicht nur sie selbst entsprechende Mutmaßungen an, auch der Leser muss zunehmend erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Figur entwickeln: Und das fängt schon damit an, dass man nicht genau weiß, ob sie in den Bergen wirklich auf einen anderen Menschen trifft oder ob sie Tiere (ein Murmeltier) mit einem Menschen verwechselt. Ihre eigene Misanthropie hält sie zumindest nicht durch – und damit bekennt sich der Roman stärker zum menschlichen Miteinander als zum erwählerischen Einzelgängertum. Die Erzählerin entwickelt zudem selbst tierische Verhaltensweisen, wird also in der Isolation nicht zum der Menschheit überlegenen Menschen, sondern zum Tier, zur Natur, zur Idiotin, die sie eigentlich verachtet (es sei denn, die Natur wird hier als überlegen zum Menschen gedacht, das könnte auch sein, das wäre dann wiederum ein anderer Fall; mehrheitlich sprechen die Wertungen, die die Erzählerin ausspricht, aber nicht dafür). Sie „akklimatisiert“ tatsächlich, während sie noch darüber nachdenkt, ob es möglich ist, sich in dieser Berglandschaft zu akklimatisieren.

Am eindrucksvollsten wird das an der Sprache des Romans deutlich: Der Roman beginnt mit einem grammatikalisch brüchigen ersten Satz „Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde.“ (S. 5), die ersten ca. 30 Seiten des Romans lesen sich ungelenk und holprig, und je länger die Protagonistin in ihrem selbstgewählten Exil lebt, desto glatter wird die Sprache, bis sie am Ende stellenweise beinahe lyrisch ist. Die Sprache wird selbst Natur, insofern als gegen Anfang des Romans Naturbeschreibung letztlich nur durch das Handeln der Figur möglich ist – die Berge werden beschrieben als Raum, der durchschritten wird, als Raum, der bearbeitet wird – und gegen Ende die Natur in Bildern, insbesondere in belebten Bildern gefasst wird. Das ist schon bemerkenswert gut gemacht.

Ein bisschen störend sind dagegen leider die (zum Glück jeweils kurzen) philosophischen Einschübe, in denen es ganz unangenehm (und das sage ich als jemand, die der Sprache Heideggers ästhetisch durchaus etwas abgewinnen kann) heideggert. Da wird eben wirklich geraunt, da findet sich halt wirklich ein Jargon der Eigentlichkeit, der irgendwie ergriffen bedeutungsschwanger daherschwadroniert, als bergen seine Worte ein Geheimnis, das aber in Wirklichkeit gar nicht da ist. Beispielsweise eine Passage wie diese wirkt in all ihrer inkonsistenten freien Assoziation ehrlich gesagt so, als hätte Ada, die zentrale (und sehr nervige) Hauptfigur aus Juli Zehs „Spieltrieb“ in den letzten Jahren einfach viel Existenzphilosophie gelesen und würde nun in „Das große Spiel“ als literarische Wiedergängerin ihr Unwesen treiben:

„Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, sich verfügbar zu machen, seine Kräfte zu bündeln und sie zu mobilisieren, um das Problem zu lösen, das sich einem in den Weg stellt. Aber was passiert, wenn die Aufmerksamkeit sich auf gar kein Problem konzentriert? Wenn sie sich zum Beispiel auf die Atmung richtet, wird die Atmung dann zum Problem?

Kann diese Art von Gegenstand eine unabgelenkte Aufmerksamkeit hervorrufen? Weder durch ein Spiel noch durch Kunst noch durch Sport, ein Versprechen oder eine Drohung. Durch überhaupt keine Regel. Ganz nah an einem Risiko und einer Grundsatzentscheidung: lieber atmen als gären, lieber Blut saugen als Saft.“ (S. 66f.)

Na ja, gut, kann ja jeder trinken, was er mag. Aber natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 66 vom „In-der-Welt-Sein“ die Rede ist, natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 102 Leibniz („warum gibt es eigentlich etwas und nicht nichts“) anzitiert wird, weil damit eben gleichzeitig Heidegger („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“) zitiert wird, und natürlich ist Heidegger gemeint, wenn mit „Die Welt verändert sich, wir verändern uns, und in diesem Fluss gibt es nur das Band“ Heraklits „panta rhei“ angedeutet wird, denn Heidegger schloss u.a. an Heraklit an, usw. usw. Es heideggert eben. Und so wie bei misanthroper Zivilisationskritik sollte man halt, so gut der Roman ist, zumindest im Hinterkopf beim Lesen mitdenken, dass das nicht ganz harmlos ist, sondern eben: immer nahe am misanthropen Erwähltheits-Geraune (und ich stelle nicht partout Existenzphilosophie, mit der ich grundsätzlich etwas anfangen kann, unter den Verdacht, nicht ganz harmlos zu sein, sondern eine allzu gewollte Selbstergriffenheit, die sich in ihr Vokabular kleidet und die eben allzu sehr von der eigenen Überlegenheit, der eigenen überlegenen Wahrnehmungssensibilität, und damit von so etwas wie Erwähltheit ausgeht). Auch wenn dergleichen hier insgesamt vermieden wird. Aber der Roman hätte halt einfach auf S. 184 unten, nicht auf S. 185 in der Mitte enden sollen, dann hätte ich nicht abschließend nochmal mit den Augen rollen müssen. Man kann wohl nicht alles haben.

Davon abgesehen: „Das große Spiel“ ist sprachlich bemerkenswert und bricht zumindest in Nuancen mit altem Einsiedler-Kitsch. Die Protagonistin akklimatisiert sich. Sie wird zu Natur, ihre Sprache wird zu Natur. Sie trifft auf vermeintlich Unsterbliches – vielleicht aber auch nur auf Halluzinationen und ein Murmeltier, das bleibt offen – und versucht diesem ähnlich zu werden. Die Berge sind also auch hier Ort der Begegnung mit dem Transzendenten, Ort der Selbsttranszendierung als Selbstüberwindung, als Selbstveräußerung. Es könnte aber auch Wahnsinn sein. Es könnte aber auch wirklich Übernatürliches sein, auf das die Erzählerin trifft, und damit könnte es sich wirklich um die Auflösung der Genregrenze handeln, wie der Klappentext das so behauptet. Sicher sagen lässt es sich nicht. Und indem diese Spannung gehalten wird, ist dieser Roman eben wirklich ein lesenswerter. Am Ende hat „Das große Spiel“ nichts Schwärmerisches, trotz gelegentlichem Geraune. Glücklicherweise. Lest das ruhig mal, es ist recht gut.

Lest aber ruhig auch die sehr schönen und Interessanten Beiträge von anderen Blogger*innen zu diesem Buch:

(Beitragsbild von Denys Nevozhai auf unsplash)

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4s Kommentare

  1. ein wundervoller, sehr lehrreicher Bericht zu einem großartigen Buch. Ich verneige mich. Viele Grüße

    • Katharina Herrmann

      Also gäh, ich hab deinen gelesen, der ist viel schöner! Was mich daran erinnert, dass ich ihn verlinken wollte, das mache ich gleich mal. Aber Danke für die Blumen! 🙂

  2. Sehr schöne Rezension! Mich als fast ganz unbeheideggertem und auch unbewandetem (heieiei…) Leser hat der Roman ziemlich an Walden von Henry David Thoreau erinnert. Kein Wunder, aber zum Glück ist Céline Minards Roman so viel kurzweiliger!

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