Kategorie: Sonstiges

Tag für Tag festhalten, reflektieren, revidieren – Notizen zur Zeitwahrnehmung in Corona-Tagebüchern

Tagebücher als Krisenphänomen: Während der Corona-Pandemie tauchten vielerorts und in verschiedenen medialen Formaten Journale auf und werden zum Teil bis heute weiter fortgesetzt. Die Konjunktur des Tagebuchs wurde auch vom Feuilleton schnell als Thema aufgegriffen, wenn auch nicht unbedingt mit positiver Wertung. Julia Encke schrieb in der FAS vom 5. April von „Gedankenkitsch“ und urteilte, dass „mit diesem ganzen hohlen Pathos und der Trostprosa […] gar nichts gewonnen“ sei. Marie Schmidt verschob in der Süddeutschen Zeitung vom 16. April den Akzent ein wenig. Auch sie beschreibt zwar das „Protokoll der Krise“ als so „vielstimmig und wirr wie die Krise selbst“, stellt aber die Frage, wie denn überhaupt literarisch über sie zu schreiben sei. Beide greifen in ihren Beiträgen Fragen auf, die Kathrin Röggla schon in einem Text in der FAZ vom 21. März mit dem Titel „Prognosefieber“ thematisiert hatte: dass jene Versuche des Auf- und Mitschreibens vor allem in Hinblick auf Verschiebungen in der Zeitwahrnehmung zu perspektivieren seien. Literatur müsse sich einmal mehr als Zeitkunst beweisen. Diese Forderung steht im Kontext unzähliger Äußerungen zur Zeitwahrnehmung in der Corona-Pandemie, die im Philosophie-Magazin genauso zu finden sind wie im Tagesspiegel, in den Twitter-Timelines genauso wie in den angesprochenen Tagebüchern. Um diese geht es im Folgenden im Besonderen. Als Gegenstand der Diskussion im DFG-Forschungsprojekt „Schreibweisen der Gegenwart. Zeitreflexion und literarische Verfahren nach der Digitalisierung“ an der Universität Greifswald  dienten insbesondere das kollektive Tagebuch auf 54books, das Journal von Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung sowie das mehrstimmige Tagebuch auf der Internetseite des Literaturhauses Graz unter Beteiligung von Kathrin Röggla.

 

Welchen Wert haben Tagebücher, die wissend für die Öffentlichkeit geschrieben werden? Unter einem Tagebuch versteht man zunächst die Sammlung intimster Gedanken, es ist eine Form der privaten Reflexion, es wird nicht geschrieben, um eine Wirkung auf Lesende zu haben. Besondere Formen stellen die Journale von Literat*innen dar, da diese sich der nachträglichen Veröffentlichung vielleicht schon beim Verfassen bewusst waren. Bei den Corona-Tagebüchern, die momentan überall und in jeder Form (als Video, Podcast oder Text) zu finden sind, gibt es verschiedene Ansätze. Teils schreiben (oder streamen) Privatpersonen, teils Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, wie etwa der Wirtschaft. Es sind häufig Texte von Menschen, die von Entschleunigung sprechen und diese auch persönlich im Home-Office in den eigenen vier Wänden, oft mit Balkon oder Garten, wahrnehmen. Verzerrt es nicht die Realität, wenn hauptsächlich die dokumentieren, die vom Kampf gegen die Pandemie am wenigsten spüren? Wenn sie nicht aus dem Krankenhaus, dem Supermarkt oder vom Leben auf der Straße berichten, was für eine Funktion haben die Tagebücher dann? Sie versuchen, den Ausnahmezustand festzuhalten, zu verarbeiten, zu bewerten, jedoch nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen. Wie der Hashtag #weareallinthistogether vermitteln die Tagebücher Trost und stiften Gemeinschaft. Aus ihnen ist herauszulesen, dass die Monothematik der Coronapandemie und der gesteigerte Nachrichtenkonsum mehr und mehr Menschen bedrücken. Für wen sind die öffentlichen Tagebücher dann geschrieben? Wenn das gegenwärtige Publikum nicht interessiert ist, bleibt der Blick in die Zukunft. Coronatagebücher sind Dokumente, die für die Zeit nach Corona geschrieben werden und vermutlich auch im Herbstprogramm der Verlage zahlreich vorhanden sein werden.

Auf dem Blog 54books  ensteht ein kollektives Tagebuch von 29 Autor*innen, das mit dem Ziel geführt wird, Veränderungen zu dokumentieren und u.a. Tweets zu archivieren. Das gemeinsame Schreiben an einem Projekt, das die durch die Pandemie geschlossenen Landesgrenzen überwindet, führt schon während des Entstehungsprozesses zur psychischen Erleichterung bei den Autor*innen: „Ich merke, wie gut mir das Schreiben an diesem kollektiven Tagebuch tut. Manchmal, wenn ich eine Notiz hinterlassen will, sehe ich, dass andere gerade auch schreiben, und ich stelle mir vor, wie sie irgendwo auf dem europäischen Festland vor ihren Bildschirmen sitzen und tippen und korrigieren, während ich hier an meinem Schreibtisch auf der Insel genau das Gleiche mache. Eine Gemeinschaft von Schreibenden in Zeiten der sozialen Distanz“ (Marie Isabel Matthews-Schlinzig, 54books). Die unmittelbare Gegenwart im Schreibprozess kombiniert mit der Gleichzeitigkeit des Schreibens als Erfahrung gemeinsamer Gegenwart steht der verzögerten Veröffentlichung gegenüber: Die Texte sind schon veraltet, wenn sie erscheinen.

Es sind Spannungsverhältnisse, die die Zeitwahrnehmung dominieren: Hartmut Rosa spricht von einer erzwungenen Entschleunigung, die für uns körperlich und wirtschaftlich spürbar ist. Diese Lücke, die die scheinbar freie Zeit mit sich bringt, wird nach Rosa von der „mediale[n] Berichterstattung über das Fortschreiten der Epidemie in Echtzeit […| symptomatisch“ ausgefüllt. „Das soziokulturelle Leben spaltet sich gerade in ein physisch entschleunigtes ‚realweltliches‘ und ein hyperventilierendes digitales Leben.“ Auch in den Tagebüchern von 54books spiegelt sich dieser Aspekt wider. Auf der einen Seite wird die Entschleunigung des Alltags bemerkt, die sich bei einem Autor sogar auf das Lesetempo auswirkt: „Ich lese mehr, ich lese langsamer“ (Viktor Funk, 54books). Auf der anderen Seite steht ein zunehmendes Unwohlsein, das sich im Umgang mit den Sozialen Medien entwickelt: „Die Menge an Berichterstattung und digitalem Lärm steht in einem schwer aushaltbaren Missverständnis zur (scheinbaren?) Ungewissheit der Situation“ (Marie Isabel Matthews-Schlinzig, 54books). Oder: „Ich lese regelmäßig twitter und merke, dass es nicht gut tut, ich es aber auch nicht lassen kann. Jede*r postet ständig Artikel wie es jetzt weitergehen könnte. Es entstehen Diskussionen über Fake-News, die heute keine Fake-News mehr sind. Alle regen sich auf, niemand weiß genaues“ (Charlotte Jahnz, 54books). Die Stimmung ist angespannt und dominiert von der Sorge um eine ungewisse Zukunft. Marlene Kayen, die Vorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs, begründet in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung die Konjunktur des Tagebuchschreibens wie folgt: „Ich habe den Eindruck, dass sie sich einen kleinen Fluchtraum aufbauen, in den sie sich zurückziehen und ungefiltert Sachen aufschreiben. Vielleicht lassen sich deshalb an Tagebüchern so gut psychische Entwicklungen beobachten.“ In den Journalen werden nur die subjektiven Wahrnehmungen der Pandemie festgehalten, hier wird die enge Verknüpfung von persönlicher Wahrnehmung und Zeit besonders deutlich. Es ist eine gegenwärtige Fokussierung auf den Moment, ein Konservieren des Jetzt und eine Form der Beruhigung, da es für den Moment des Schreibens nur um das Jetzt geht. Die wegfallende, gewohnte Strukturierung eines Tages, verbunden mit dem Warten auf Neuigkeiten und das Ende der Pandemie, führen zu einem Schwebezustand, zu einem Leben neben der Zeit. Maike Ladage schreibt dazu auf 54books: „Immerzu verwundert. Ausnahmezustand ständig präsent, gleichzeitig seltsames Aus-der-Zeit-Fallen und ganz Gegenwärtig-sein.“ Das tägliche Schreiben liefert den Rhythmus, der dem Alltag mittlerweile fehlt, selbst die Bus- und Zugpläne folgen nun einer anderen Zeitrechnung: „Seit Mittwoch ist jetzt immer Samstag. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben eine neue Zeitrechnung für uns angefangen.“ (Rike Hoppe, 54books)

Zuletzt sind Tagebücher aber auch eine Form, etwas von sich zu konservieren und zurückzulassen, weil selbst der eigene Ausgang ungewiss ist. Das Schreiben tritt somit dem Vanitas-Gedanken entgegen, der durch den Tod als definitiven Endpunkt der Lebenszeit aktuell präsenter ist: „Die Verheerungen, die das Virus anrichtet, sind unserer Fantasie überlassen. Sterbende bleiben isoliert, nicht einmal Angehörige dürfen zu ihnen. Der Weg, den letztlich jeder allein geht, ist nun ein einsamer. Ihre Gesichter sehen wir dann manchmal doch: Wenn sie uns aus italienischen Todesanzeigen entgegenblicken, noch aus dem Leben, aus ihrer Vergangenheit in unsere Gegenwart“ (Marie Isabel Matthews-Schlinzig, 54books).

(Lena Pflock)

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Bis vor einigen Wochen war es noch die Digitalisierung, die von vielen für eine grundlegend veränderte Zeitwahrnehmung, eine radikale Fokussierung auf die Gegenwart und einen neuen Begriff von Gegenwart verantwortlich gemacht wurde. Dabei war nicht immer klar, ob durch die digitalen Medien nun eine „breite Gegenwart“ (Gumbrecht) entstanden ist, die von nicht vergehenden Vergangenheiten überschwemmt wird, oder ob der „present shock“ (Rushkoff) im Gegenteil eine Kultur des Präsentismus hervorgebracht hat, in der Vergangenes instantan vergessen wird. Und auch die Frage, ob alles immer schneller wird, wenn alles jetzt passiert, oder vielmehr Stagnation und Stillstand zu verzeichnen sind, blieb zwischen den divers zirkulierenden gegenwartsdiagnostischen Statusmeldungen offen. Einig war man sich nur darin, dass sich die Wahrnehmung und das Verständnis von Gegenwart krisenhaft verändert haben und dass diese Veränderungen mit dem Schlagwort der Digitalisierung erfasst und begründet werden können.

Das neue Coronavirus sorgt nun für eine merkwürdige Überlagerung und Verschiebung dieser Thesen, Debatten und Szenarien, für eine verschobene Wiederholung, die die einschlägigen Stichworte aus dem Digitalisierungsdiskurs – weltweite Netzwerke der Übertragung, der Zustand des always-on, permanente Aktualisierung – wie auch die entsprechende Krisenrhetorik auf einer anderen Ebene reproduziert und reanimiert. „In der Krise, die uns alle derzeit so fordert, erleben wir einen Moment enorm verdichteter und beschleunigter Gegenwart“, stellt, wie viele andere, Ende März 2020 der nordrheinwestfälische Ministerpräsident Armin Laschet fest und folgert: „Das Jetzt fordert unsere ganze Aufmerksamkeit.“ Hier werden nun nicht die digitalen Medien, die alles auf die Gegenwart ausrichten, als Verursacher einer Krise identifiziert, der „Moment enorm verdichteter und beschleunigter Gegenwart“ wird vielmehr auf ein Virus zurückgeführt. Auf ein infektiöses, halblebendiges Etwas, das, wie zwischenzeitig spekuliert wurde, auf „nassen Märkten“, zwischen weggespültem Blut und Dreck, von Tieren auf den Menschen übergesprungen sein soll, mittlerweile aber weltweit zirkuliert und mehr oder weniger zeitgleich die ganze Menschheit betrifft.

Dass viele darüber im Modus ständig aktualisierter, sich schnell ausbreitender Updates informiert werden, ist dann aber doch wieder der Digitalisierung geschuldet, die das etablierte System der Massenmedien durch die Kanäle der Sozialen Medien maßgeblich ergänzt und erweitert, sodass sich ein merkwürdige Parallelität der Topik des Viralen ergibt: Der exponentiellen Ausbreitung des Virus korrespondiert in noch nicht hinreichend berechneten Ausmaßen die rasante, durchaus treffend als ‚viral‘ bezeichnete Ausbreitung von Nachrichten, Gerüchten und individuellen Statusmeldungen zum Virus – und mithin auch die Ausbreitung der Auffassung, dass es unsere Zeitwahrnehmung grundlegend verändert. Verstärkt wird dieser Eindruck auch dadurch, dass dieses Coronavirus neu ist und seine Aktivitäten wie deren Folgen in vielen Hinsichten unabsehbar sind. Selbst diejenigen, die sich professionell mit Viren befassen, wissen immer noch vergleichsweise wenig über es und müssen den zwischenzeitig erreichten Wissenstand permanent revidieren, korrigieren und aktualisieren.

Auch deshalb liegt es nahe, dass der unübersichtlich mehrgleisigen Zirkulation viraler Prozesse zwischen Menschen und Medien geradezu massenhaft mit dem Schreiben von Tagebüchern begegnet wird. Der Rekurs auf ein etabliertes, spätestens seit Samuel Pepys Aufzeichnungen aus dem 17. Jahrhundert zudem epidemieerprobtes Medium ermöglicht es, den diffus global zirkulierenden Bedrohungsszenarien mit einer individuell begrenzten, selbst fokussierten Perspektive zu begegnen, die durch die Veröffentlichung in den Sozialen Medien aber zugleich den Anschluss an andere oder auch den öffentlichen Diskurs ermöglicht, über die vermeintlich eigene Filterblase oder die weiter ausgreifenden Netzwerke digital vermittelter Kommunikation.

Als Medium der Fokussierung auf die Gegenwart, mit dem man das, was aktuell passiert, Tag für Tag festhalten kann, in dem Veränderungen (wie auch deren Ausbleiben) schrittweise notiert, reflektiert und, gegebenenfalls gleich am nächsten Tag, revidiert werden können, wirkt das Tagebuch der derzeitigen Situation auf besondere Weise angemessen. Da es zugleich einen Rahmen bildet, in dem ohnehin häufig über Zeitverhältnisse reflektiert wird, insbesondere über die Aporien und Paradoxien der schriftlich vermittelten Gegenwartsfixierung, ergeben sich schnell weitere Interferenzen mit eben der Situation, die durch das Virus entstanden ist.

Viele der aktuell entstehenden Corona-Tagebücher thematisieren nicht nur, sondern reproduzieren auch selbst jenes Neben- und Miteinander von Verlangsamung und Beschleunigung, das auch im politischen Diskurs den Eindruck eines „Moments enorm verdichteter und beschleunigter Gegenwart“ prägt. Einerseits liegt die „Halbwertszeit vom Neuigkeitswert“, wie Kathrin Röggla in ihrem Corona-Tagebuch auf der Website des Literaturhauses Graz feststellt, „bei ca. sechs Stunden“, andererseits ist, wie sie nahezu zeitgleich in einer Tageszeitung, der FAZ, ergänzt, „das öffentliche Leben stillgestellt, das Sozialleben eingefroren“. „Ich kann nicht Schritt halten, der Diskurs bewegt sich in rasender Geschwindigkeit vorwärts, die Situation kann sich jederzeit ändern. Was heute dementiert wird, ist morgen Realität“, reflektiert Röggla eine auch in vielen anderen Corona-Tagebüchern geteilte Wahrnehmung der aktuellen Situation. Wenn sie feststellt, dass sich alles „zu schnell“ bewegt und alles „morgen“ schon „durch neue Nachrichten“ abgelöst wird, beschreibt sie zugleich aber auch den üblichen Aktualisierungsmodus von Tagebuch und Tageszeitung. Der zeigt allerdings, trotz digitaler Vernetzung, in der gegenwärtigen Situation geradezu überdeutlich seine Grenzen: „Ich komme also nicht durch zu der Gegenwart der Lesenden“, schreibt Röggla angesichts einer fünftägigen Verzögerung bei der Veröffentlichung des Online-Tagebuchs, „bin irgendwie in der Vorzeit zuhause, aus der ich wie hinter dicken Glasscheiben winken kann, während es, kaum dass ich es niedergeschrieben habe, schon heißen kann: ‚Ha, damals, als wir noch diese Probleme hatten!‘“ Dieses eher redaktionell denn medial verursachte Problem verschiebt sich nochmals im Blick auf den Zeitindex der Maßnahmen und Prognosen, mit denen der Ausbreitung des Virus begegnet wird. Da man immer erst ein, zwei Wochen später wissen kann, was die aktuell durchgeführten Maßnahmen gebracht haben, ist im Prinzip auch die unmittelbare Gegenwart schon von dicken Glasscheiben umstellt, die verspätete Einsichten, verfrühte Aktivitäten und angemessene Aktualisierungen nicht immer als solche sichtbar machen (was aber vielen auch schon vor Corona als Kennzeichen der Gegenwart galt).

Röggla hebt noch eine weitere Form dieser Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hervor, die gegenwärtig besonders deutlich hervortritt, aber genau genommen auch schon früher zu beobachten war: „Während immer neue Nachrichten hereinbrechen in immer engmaschigerem Takt, deren Hyperaktualität seltsamerweise noch nicht einmal enervierend wirkt, verhält es sich doch oft so, als würde ich das immer Gleiche lesen.“ Die monothematische Fokussierung nahezu aller Kommunikationsmedien zeitigt ihre hypnotischen, zugleich aufregenden wie beruhigenden Effekte nicht zuletzt dadurch, dass permanent auf allen Kanälen gesendet wird, auch wenn es, wie häufig, nichts, zumindest nichts Neues zu melden gibt. Die vielen Tagebücher und die ungezählten Statusmeldungen in Sachen Corona, die viele Timelines der Sozialen Medien wie einen monothematisch fokussierten Gruppenchat erscheinen lassen, reflektieren diese Konstellation gewissermaßen in Echtzeit – und setzen sie eben dadurch im Modus der Logik des Viralen auch fort.

„Kann es sein“, fragt sich Thomas Stangl im Grazer Corona-Tagebuch, „dass all das, was uns eben noch als gegenwärtig, aktuell, dringlich erschienen ist, von nun an völlig fremd wird, weil sich einfach das Koordinatensystem geändert hat?“ Und Kathrin Röggla schreibt: „Werde ich jetzt eine Springerin zwischen den Zeiten (Gegenwart, Zukunft 1 und Zukunft 2, rasende Vergangenheit)? Zukunft ist durch die drohende Destabilisierung auf heikle Weise wieder vielfältig geworden, die breite Gegenwart beendet. Diese Schwierigkeiten werden uns noch lange begleiten. Es ist nicht abzusehen, was das heißt, dass jetzt eine neue Ära beginnt.“ Der Vorschlag, den Röggla im Nachdenken über die Rolle von Prognosen aus ihren eigenen Prognosen ableitet, ist so einfach wie komplex und bildet nicht zuletzt einen brauchbaren Gegenentwurf zu der von Paolo Giordano in seinem Corona-Tagebuch schon jetzt in Buchform vorliegenden Forderung, „der Epidemie einen Sinn zu geben“.

Röggla setzt auf das Programm einer Literatur, das möglicherweise auch deshalb angemessen und zeitgemäß wirkt, weil es für viele – auch für Röggla – nur bedingt ein grundlegend neues Koordinatensystem oder den Beginn einer neuen Ära in Aussicht stellt: „Eigentlich wären Texte ja hilfreich, die versuchen, die Lage zu erkennen, und insofern sich doch der konkreten Beschreibung des Alltags zuwenden, aber eben einer, die nicht auf etwas hinaus will, der Matrix eines Alarmismus genauso wenig wie dem Programm einer Weltrettung folgend, einer der gemischten Realitäten, die dem Nebeneinanderher von neuer Logik, alten Problemen, unerwarteten Auswirkungen der Situation gerecht wird. […] Es wird ein Arbeiten mit verschiedenen Zeitmodi sein müssen, die Zeitebenen müssen wieder in Kontakt miteinander kommen, und so wird sich Literatur in dieser Situation mehr denn je als Zeitkunst erweisen müssen.“

(Eckhard Schumacher)

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Durch die Veröffentlichung im Wochentakt verlieren die Corona-Tagebücher bereits ihren unmittelbaren Tagesbezug: Es werden schon beim Lesen nur Rückblicke vermittelt, man denke beispielsweise an die inzwischen selbstverständlichen Kontaktsperren, die in den jeweiligen Beiträgen gerade erst erlebt werden. In dem Sinne ermöglichen Corona-Tagebücher auch schon Tage nach ihrer Veröffentlichung ein kollektives Erinnern an gemeinsam erlebte Maßnahmen, vertraute Gedankengänge werden dort noch einmal aufgerollt; sie haben aber auch eine schwierige Beziehung zu der gegenwärtigen Lektüre, streuen noch mehr Reflexionen in die Monothematik der Coronapandemie und geben Einblick in einen veränderten Alltag, dem die aktuell Lesenden bereits selbst ausgesetzt sind. Dementsprechend tragen sie zur Stiftung einer kollektiven Identität bei und dienen als Orientierungshilfe, funktionieren aber vor allem als (kulturelle) Archive für folgende Generationen, indem die Tagebücher als gewählte Publikationsform Authentizität und Teilhabe vermitteln können.

Gemeinsam ist den Tagebüchern allen: die Zeitphasen sind beleuchteter denn je. Ein rasantes Tempo in der Ausbreitung des Virus und die folgenden politischen Maßnahmen lassen Beiträge und Gedanken schnell als überholt erscheinen, die Berichterstattung in Echtzeit und die Omnipräsenz des Themas in den Nachrichten führen nicht selten zu dem Eindruck einer sich überschlagenden Gegenwart. Kathrin Röggla erkennt in ihren Beiträgen zum Corona-Tagebuch des Literaturhauses Graz darin ihre eigene Position als Schreibende, in der sie „nicht durch zu der Gegenwart der Lesenden“ kommen könne und stattdessen in der „Vorzeit zuhause“ sei.

Eben dort empfindet Nava Ebrahimi bereits den Ausspruch ihres Sohnes, er habe im Traum mit seiner Oma Pizza gegessen, „wie ein Echo aus einer anderen Zeit“. Schon die Monate vor Corona liegen im Zeitempfinden so weit zurück, dass die Vergangenheit weiter wegrückt, nicht mehr erreichbar ist. Die jetzt so erwünschte „Normalität“ wird wie aus einer anderen Welt erlebt, in der sich Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr richtig aneinanderfügen können. Der durch die Pandemie empfundene Orientierungsverlust wird von den einen durch eine Flucht in ihre Erinnerungen an vergangene Zeiten, Kindheitsmomente und frühere Reisen kompensiert, andere versetzen sich in eine imaginierte Nach-Corona-Welt, in der die Möglichkeiten wieder unbegrenzt erscheinen. Carolin Emcke hingegen stört sich in ihrem Tagebuch in der Süddeutschen Zeitung an den vielen Fragen des „Danach“, des Erinnerns an die Pandemie. Sie seien bloß „ein Fluchthelfer der Phantasie“, stattdessen empfindet sie die Gegenwart, ihre Gegenwart, als übrig gebliebenen Handlungsraum, der „sich verwandeln lässt in etwas, das [ihr] gehört“.

So unterschiedlich das Zeitempfinden bereits innerhalb der Tagebücher ist, so wenig bildet es dennoch das Empfinden derjenigen ab, die gar nicht die Zeit haben, um über das Verhältnis der Zeiten zu sinnieren. Tagebuch zu schreiben ist auch ein Privileg. Wenn der Soziologieprofessor Hartmut Rosa in einem Interview mit dem Philosophie Magazin äußert, dass wir nun dem „Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus“ entfliehen könnten und jetzt Zeit hätten, kann dies angesichts der Sorge um das finanzielle, vor allem aber gesundheitliche Überleben vieler und der intensiven Mehrbelastung systemrelevanter Berufe schwer für die Gesellschaft insgesamt greifen. Trotzdem sieht Rosa das Potenzial eines kollektiven Resonanzmomentes und damit von etwas kollektiv Neuem sowie die Chance, dem „Hamsterrad“ unserer auf Steigerung fixierten Gesellschaft zu entkommen und stattdessen zu entschleunigen. Es wird sich zeigen, wie allgemeingültig sich der Eindruck von Entschleunigung und einem anderen Lebenstakt halten kann, oder ob es, angesichts der jetzt schon wieder öffnenden Geschäfte und Lockerungen, für manche nur ein kurzer Ausflug in ein langsameres, verändertes Leben war. Vielleicht wird sich das Zeitverständnis nicht so monumental ändern, wie es aktuell stellenweise vermutet wird, sicher ist bloß: Die Zeit ist spürbarer geworden. Lebenszeit, Gesprächszeit, Kontaktzeit, Arbeits- und Freizeit werden für manche aus einer neuen Perspektive beleuchtet, für andere sind sie schwieriger einzuteilen, aber ob die Pandemie zur kollektiven Erfahrung eines neuen Zeitempfindens führt, wird sich angesichts der heterogenen Lebensrealitäten zeigen müssen.

(Annica Brommann)

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Die Krisentagebücher, die jetzt geschrieben werden, offenbaren auch eine Krise des Tagebuchschreibens – zumindest jenen Tagebuchschreibens, das versucht, die Krise zu erklären. Und sie offenbaren die Krise der Krise: Hartmut Rosa sieht die (Corona-)Krise als Bestätigung dessen, was ihm ohnehin bereits klar war: Dass die Krise der Dauerzustand ist, schon lange die Normalität ersetzt hat. Was will man also noch sagen bzw. schreiben? Und warum soll das jemand lesen? Wer überhaupt? Jemand aus der Zukunft? Schreiben für eine ‚neue Normalität‘, wie sie heute beschworen wird?

Marlene Streeruwitz schreibt auf ihrer persönlichen Homepage darüber‚ wie „die Welt geworden“ ist, ihren selbstbewusst bis augenzwinkernd betitelten „Covid19 Roman“. Es ist nicht irgendeiner, keiner unter vielen – es ist „Der Covid19 Roman“. Darin geht es um Betty, die ihr Haus nicht verlassen kann und die von Versionen ihrer selbst und ihren Gewissensbissen heimgesucht wird. Der Roman gibt sich in der Betitelung der einzelnen Kapitel als Fortsetzungsserie aus, die bis heute (21. April 2020) eine Season mit zehn Folgen hat – wie gemacht zum Durchbingen. Dieses online verfügbare und fortgesetzte Schreiben macht zumindest ein Angebot, was den Lektüremodus in Zeiten der Coronakrise angeht: Lesen und Scrollen und Geschriebenes inhalieren, bis nichts mehr da ist. Wenn dann die Browseraktualisierung per F5-Taste kein Update mehr bringt, steht man da, alleingelassen vor so viel Gegenwart, mit der man etwas anfangen muss – wie nach einem sonntäglichen Netflix-Binge. Vor einem ähnlichen Problem (einer ähnlichen Krise?) steht auch das Schreiben in Streeruwitz’ ‚Covid19 Roman‘. Es versucht, täglich neu anzusetzen, um einer Gegenwart zu begegnen, die gerade jetzt vor einem steht. Als „Fläche. Ohne Richtungen“, wie es dort heißt. Dauert Gegenwart nur drei Sekunden oder wird sie hier flächig und erhält damit ein ganz anderes Format? Wenn die Corona-Tagebücher eines zeigen, dann, dass irgendwann der Vektor, das Koordinatensystem abhandenkommt, wenn man nicht mehr für die Zukunft schreibt oder versucht, die Gegenwart, die vor und unmittelbar hinter einem liegt, auf eine Prognose hin zu befragen. Irgendwann ist alles nur noch da. Wie eine Fläche.

„Wenn alles jetzt passiert“, so der Untertitel der deutschen Übersetzung von Douglas Rushkoffs Digitalisierungskritik Present Shock, dann kann das auch ganz ohne Akzeleration zu viel sein. Nehmen wir einmal an, die Gegenwart dauert wirklich nur drei Sekunden, dann kommt ja trotzdem direkt danach noch eine. Und noch eine und wieder eine. „I can’t stand feeling like this another second, and the seconds keep coming on and on.” So versucht Kate Gompert, eine Figur aus dem 1996 erschienenen Roman Infinite Jest von David Foster Wallace, auszudrücken, wie sich die Depression anfühlt, unter der sie leidet. Die Gegenwart prasselt auf uns ein, gerade jetzt, als Sturzregen von Sekunden (während die Tagebuchlektüre zumindest die Einsicht zu Tage gefördert hat, dass es in der Wirklichkeit schon seit Wochen nicht mehr geregnet hat). Der Vergleich mit der Depression scheint nicht allzu abwegig, so schreibt auch Marie Schmidt in der Süddeutschen Zeitung vom 16. April, Streeruwitz’ Texte handelten davon, „[w]ie sich die Gegenwart depressionsähnlich aufwölbt.“ Während Carolin Emckes Journal-Texte in der gleichen Zeitung flanierend und die Welt observierend Kreuzberg umschreiten, kommt hier die Risikogruppe zu Wort. Diejenigen, die die Wohnung nicht verlassen können und die in diesen Zeiten von… vor lauter Gegenwart nicht wissen, wohin. Das (Tagebuch-)Schreiben als therapeutische Maßnahme? Ein Schreiben, das nicht bereits im Moment des Entstehens auf Rezeption aus ist, das vielleicht sogar gar nicht um sie weiß, nur für sich schreibt, befreit von Aktualitätszwang?

Die Normalität, die Krise, die Gegenwart und wie man sie aufschreibt. Bei aller Aktualitätsforderung: Es scheint, als sei es gerade die Leere dieser Zeit, dem das Tagebuchschreiben begegnen könnte.

(Philipp Ohnesorge)

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Wann bricht ein Tagebuch ab? Kann man sich dafür entscheiden aufzuhören? Die Form der täglichen Eintragung könnte prinzipiell bis zum Tod des oder der Schreibenden fortgesetzt werden. Angenommen, der Anlass der Tagebücher, die die Corona-Pandemie begleiten, ist eine dreifache Verschiebung in der Zeitwahrnehmung: Erstens ein Bruch, der ein Bewusstsein der eigenen Geschichtlichkeit eröffnet. Zweitens die konkrete Erfahrung eines Stillstands oder einer permanenten Gegenwart, ohne dass ein Danach denkbar wäre. Diese Erfahrung ist drittens begleitet von einer verstärkten Wahrnehmung insbesondere digitaler Informationsverbreitung als eine Form der Beschleunigung. Wann wäre es unter diesen Voraussetzungen Zeit, die Corona-Tagebücher wieder zu beenden?

Der Bruch in der Zeit macht je nach Perspektive entweder etwas ganz anderes sichtbar oder gerade das, was sowieso schon da war, aber nicht gesehen wurde. Beispiel für ersteres wäre das Corona-Tagebuch in 54books, dessen Anstoß die Vermutung ist, einer grundlegenden Transformation beizuwohnen: „In diesem kollektiven Tagebuch wollen wir sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert.“ Auch bei Carolin Emcke, die für die Süddeutsche Zeitung in einem „Journal“ „politische-persönliche Notizen“ aufzeichnet, findet sich die Rede von „Wörtern, deren Bedeutungen sich verschieben“. Gerade in der ersten Woche akzentuiert Emcke die zeitliche Dimension der Verschiebung: 1. durch ein Zitat aus Büchners Leonce und Lena, in dem vom Aus-der-Zeit-Gehen die Rede ist; 2. durch die Kontrastierung ewig göttlicher Gegenwart, die sich in der Musik Bachs zeige, mit den täglichen Aktualisierungen zur Lage; und 3. durch verschiedene Formulierungen, die um einen Takt und einen Rhythmus der Zeit kreisen, der wieder in Einklang mit dem individuellen Rhythmus gebracht werden müsse. Im Gegensatz dazu steht die zweite Lesart. Der Bruch wird beispielsweise von den Beschleunigungstheoretikern Armen Avanessian und Hartmut Rosa auf je unterschiedliche Weise ins Spiel gebracht, beide sehen in ihm aber eine Bestätigung dessen, was sowieso schon vorhanden war: Gerade durch diesen Bruch werden die grundlegenden Probleme der kapitalistischen Arbeits- und Lebensweise sichtbar und die Notwendigkeit der Veränderung wird umso dringlicher. Genau genommen erkennen sie eine Kontinuität in der Makroperspektive auf das politische und wirtschaftliche System, wenn auch, zumindest bei Rosa, in der Mikroperspektive des eigenen Erlebens ebenfalls der Eindruck der Entschleunigung zu dominieren scheint.

Für die Tagebücher scheint diese Kontinuität jedoch nicht denkbar. Sie gehen vom Bruch aus und stellen ihm die Regelmäßigkeit des täglichen Aufzeichnens gegenüber. Sie setzen täglich neu an und wiederholen dadurch den Bruch, während sie ihn zugleich kompensieren. Die „Normalität“, die dem Bruch vorausgeht und die Voraussetzung des Tagebuchschreibens ist, wird im regelmäßigen Takt des Schreibens wieder aufgegriffen. Die Tagebücher werden dann irrelevant, wenn wir sie vergessen können, weil wir die Regelmäßigkeit des Aufzeichnens nicht mehr als Ausnahme wahrnehmen. Wenn die Wahrnehmung der Differenz, die der Bruch ist, der Indifferenz gewichen ist.

(Elias Kreuzmair)

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (11)

Dies ist der elfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10)

Das mittlerweile über 132 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

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Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

20.04.2020

 

Tilman, Hamburg

In gebührendem Abstand sind wir gestern mit der Familie B/B spaziert. Dabei haben wir immer wieder durchgemischt, dass jeder mal mit jedem sprechen konnte. Ich werde sehr für mein Brot gelobt – das ich natürlich bereits in Vorkrisenzeiten buk! – und nach dem Rezept gefragt. Als wir uns verabschieden, treffen wir noch K. K sagt, “Alter, Tilman was war das für ein geiles Brot.” B/B sagt, “ja mega, wir haben eben auch schon gesagt, dass […]” Ich mache darauf aufmerksam, dass sie verschiedene Brote gegessen haben, also nicht nur verschiedene Werkstücke, sondern auch verschiedene Varianten. Jetzt denken bestimmt alle, dass ich ein verdammter Hexer bin. Ich gehe nach Hause und backe einen Hefezopf. (Der ist auch gelungen.)

Vorhin war ich dann bei A. Der soll jetzt mein neuer Hausundhofgitarrenbauer werden, nicht dass ein solcher Amateur wie ich das bräuchte, aber wer weiß, wozu das mal gut ist. Musikgeschäfte sind ähnlich der Trinität des Kompetenzgefälles – Weinläden, Skateshops, IT Fachleute – so eine Sache. Auf der einen Seite muss Dein Gegenüber mitbekommen, dass Du kein absoluter Neuling bist, auf der andern muss deutlich werden, dass Du seine Überlegenheit in fachlichen Dingen absolut anerkennst. Ich gebe also (1.) zu Protokoll, dass sich da amtliche Lollar Vintage Single Coils in der Tele befinden und (2.) dass ich gar nicht würdig bin, eine mit solchen Tonabnehmern bestückte Gitarre zu spielen. Vielleicht wäre das bei A. gar nicht nötig gewesen, der scheint ein aufrechter, vorurteilsfreier Mann zu sein. 

Fabian, München

Nur wenn man scheitert, wächst man auch – Headline, von heute oder aus dem Archiv, weiß ich nicht, habe keine Lust bloß, nachzusehen, und so außergewöhnlich ist das ja auch nicht, lebensbehilflich von Wachstum – seit wann wächst man eigentlich, bzw. mehr als bloß aus alten Kleidern hinaus, bloß, dass es sauer aufstößt, ein wenig, mich jetzt zu fragen, inwieweit das Selbstoptimierungsparadigma mit dem neoliberalen, zum Wachstum verdammten Kapitalismus globalisierter Märkte, bonmot, denn tatsächlich korrespondiert, blöde Frage, werfe ich ein, gegen mich selber, und stelle mit eine weitere, oder postuliere, ein Henne-Ei-Problem, und wie’s um den globalisierten, westlichen Menschen bestellt wäre, wenn sich an Stelle das Wachstumszwangs lebensratgebender psychologisierter, oder wahlweise Bullshitbingo-Ausrufer, und über und über und über sich selbst hinaus, und abwägend zwischen Zynismus und böserer Peolemik, für die aber hier die Ausdrucksmittel merkwürdigerweise fehlen, vielleicht doch noch ein Bier aufmachen, ein Phantasma von wegen keineswegs kostensparend bestmöglicher Ressourcennutzung gebildet hätte, wenn es schon sein muss, dass es mir nicht möglich zu sein scheint, usn abseits ökonomischer Zergliederungen zu denken, vielleicht doch lieber kein Bier mehr diese Woche, während gerade meine Position sich des Priviliegs erfreuen zu können scheint, sich vom, in gewissen Maßen, von Stillstand keine Rede, eingeschränkten Mobilitätsgraden und Körperkontaktdefiziten, mögen sie vorhanden sein, noch, gerade ökonomisch nicht bedroht fühlen zu müssen – quasi Tiefenentspannung als intersubjektives und -relationales Defizit.

Marie Isabel, Dunfermline

Ich frage mich, warum die Einträge spärlicher werden. Ist das Schweigen ein Zeichen der Gewöhnung? Oder der willkommenen Rückkehr teilweisen Alltags? Weil ja z.B. in Deutschland wieder bestimmte Geschäfte und Institutionen öffnen dürfen, während andere geschlossen bleiben. Ich lese nach, was wo wann wer und stoße auf das schöne Wort ‘Flickenteppich’. Fliegender Teppich wäre noch toller. Mit dem ließe sich unversehens und umweltfreundlich reisen, oder zumindest in sicherem Abstand über den Häusern schweben, in denen liebe Menschen wohnen, und winken, so von oben herab halt, aber doch ganz nah. Kultureinrichtungen, Schwimmbäder, Fitnesscenter – was ist mit Cafés? – etc. bleiben noch geschlossen. Darunter Orte, die mir im Moment fast am meisten fehlen. Außerdem: Abstandspflicht und Personenzählen überall; eventuell Sicherheitspersonal, das Eingänge kontrollieren soll. Buchhandlungen mit Türsteher klingen nur theoretisch cool. Maskenermutigung, weil sich zur Pflicht irgendwie niemand durchringt, angenehm zu tragen sind die übrigens nicht auf Dauer, das nur nebenbei. Werden sich die Menschen an diesen eigenwillig in eine scheinbar rückkehrende Normalität eingebauten Neuzustand gewöhnen oder ihn zumindest aushalten, und wie lange? Und was werden sie mitnehmen aus Lockdown-Zeiten? Eine differenziertere Wertschätzung für alltägliche Dinge? Für bis dahin selbstverständliche Freiheiten? Für andere Menschen und deren Bedürfnisse? Oder wird niemand etwas anders sehen, weil die existenzielle Bedrohung dann doch nicht so tief empfunden wurde, wie gedacht? (Die Angehörigen der Verstorbenen ausgenommen, denn ihr Leben ist zweifelsohne nicht mehr das gleiche.) Wird man den allgegenwärtigen Tod wieder vergessen, wenn nicht jeden Tag entsprechende (hoch selektive) Zahlen verkündet werden? Im Radio hier auf der Insel heute morgen Warnungen vor den psychologischen Folgeschäden der derzeitigen Beschränkungen. Vielleicht hat sich die Welt ja auch schon verändert, wir wissen es nur noch nicht.

21.04.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Irgendjemand mäht immer den Rasen. Das Gras in den umliegenden Gärten hat momentan einen noch schwereren Stand als sonst schon. Alternativ werden Autos gewaschen. Oder Wäsche. Oder beides. Die Sonne scheint jetzt schon seit Tagen so freundlich und ausdauernd, als fühle sie sich allein zuständig für die geistige Gesundheit der Inselbewohner. Nur der Löwenzahn strahlt noch gelber und ist zumindest um unser Haus sowie im Umland omnipräsent. Schmetterlinge und Co. freut’s. Laut BBC heute morgen hat die wöchentliche Todesrate in England und Wales den höchsten Stand seit zwanzig Jahren erreicht; die Zahlen für Schottland sind wohl ähnlich. Die Berichterstattung entwickelt sich und mit ihr ändern sich die Schlagzeilen. Es kann sein, dass auch GB über den Berg ist, zumindest für den Augenblick. Aber die Statistik zeigt auch: zwar geht eine Mehrheit der zusätzlichen Sterbefälle auf das Konto von Covid-19 aber eben nicht alle. Man wisse noch nichts Genaues, es werde Jahre dauern, die Situation zu analysieren. Instinkt und gesunder Menschenverstand zeigen sich wenig überrascht, aber ich weiß: Wissenschaft braucht Zeit, und für vorschnelle Schlüsse sollte frau sich nicht hergeben. 

Slata, München

Und wir beginnen, Leggins zu  tragen und Jogginghosen, lernen Geduld und Streit, der okay ist, der sich aushalten lässt, der sein darf. Die Wohnung wird zum sicheren Zufluchtsort, Nachbarn ab und zu, ja, im Treppenhaus, vor dem Müllcontainer, unter dem Balkon irgendwo, aber wir ignorieren einander und es ist schön so. Wir geben weniger Geld aus und schicken das Meiste, was wir an Paketen bestellen, wieder zurück, ein Anlass mehr, nach draußen zu gehen, wir brauchen mehr Essen, Schnittblumen, Putzlappen, Servietten, Toilettenpapier, tatsächlich, wobei dieses Thema, so typisch deutsch, finden wir. Emil zeigt sich einverstanden mit Spaziergängen, ohne großartige Versprechungen, einfach mal so, traut sich beim Fahrradfahren eine Hand zu heben, darf jeden Tag zwei große Kugeln Eis auf dem Marktplatz, weil er uns leid tut, weil er keinen außer uns hat gerade. Die Zeit lässt sich anhand des Wachstums einer Gurkenpflanze messen, jeden Tag zwei, drei neue Blätter, in Abhängigkeit von der Bewölkung, giftgrün, dünne Schlingen, Fangärmchen, wir wickeln sie vorsichtig um einen Holzstab.

22.04.2020

 

Nabard, Bonn

Ramadan steht vor der Tür und niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis verspürt die Vorfreude die wir sonst die letzte Jahre immer hatten. Alles wird von dieser Pandemie bestimmt. Es wird keine Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen geben. Keine gemeinsame Taraweh-Gebete (nächtliche Andacht) und von Eid-Fest ganz zu schweigen. Und wenn ich mir die letzten Tage die Menschenmengen, die steigenden Erkrankungszahlen und Toten sehe dann bin ich mir nicht sicher ob wir von einer “Normalisierung” bis zum Opfer-Fest sprechen können.

Überhaupt, von neuer “neuer Normalität” sprach J. Spahn. Was soll das heißen? Dieser Zustand darf nicht unsere Norm werden. Nur können wir gemeinsam dafür sorgen diese “Normalität” zu überwinden. Aber der Mensch ist anpassungsfähig. Ich bin gespannt was von all dem was wir jetzt erleben, sich dauerhaft etablieren kann. Vielleicht wenn jemand krank ist, nicht zur Arbeit zu gehen? Oder die allgemeinen Hygiene-Vorschriften? Lustig, wir im Westen sind so von uns überzeugt, sind so “zivilisiert”, viele haben sich vor der Pandemie nicht mal regelmäßig die Hände gewaschen. Naja. Habe heute frei, viel Sonne und Vitamin D warten auf mich. 

Janine, Flensburg

Wir haben selbstgenähte Gesichtsmasken geschenkt bekommen, von einer Freundin. Auf meiner sind Chihuahuas. Ich wollte unsere Freundin für die Masken bezahlen, doch sie will nichts. Sie sagt, sie habe es gern getan, sie habe schließlich die Zeit und sie fühle sich außerdem schäbig, an einer Krise etwas zu verdienen. Ich verstehe, was sie meint, aber gleichzeitig auch nicht. Überall nähen jetzt Frauen (von nähenden Männern habe ich bislang noch nichts gehört oder gesehen) daheim Gesichtsmasken für das soziale Umfeld. Wieder Stunde um Stunde unbezahlte Arbeit, die möglichst diskret und ohne Maulen erledigt werden soll. Eine muss es ja machen. Das Motto, auf das sich gerade das ganze Land stützt, wie mir scheint. Aber das stimmt nicht, es war natürlich auch davor schon so, dass Frauenzeit unentgeltlich für das Kollektiv zur Verfügung stehen sollte. Es ist Zeit, das Fürsorgegehalt endlich in der Politik, in den Medien, an den Abendbrottischen zu thematisieren.

Marie Isabel, Dunfermline

Ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, aber die Gedanken gleiten immer wieder davon, wie auf einer Rutschbahn, in die Stadt, zum Flughafen, ins schottische Hochland, in Cafés, Parks, Bibliotheken, ins Museum, wo ich vor einem Gemälde stehen und mich hineinsaugen lassen kann in die Präsenz, die virtuelle Rundgänge und Reproduktionen (hallo, Walter Benjamin) eben doch nicht reproduzieren können, und dann wieder, Radio an, Internet, die unsäglichen Nachrichten, die tatsächliche Todeszahlen reproduzieren, vor ‘collateral damage’ (also noch mehr Toten durch verschleppte Krankheiten) warnen, und in denen von ‘social distancing’ bis mindestens Ende 2020 die Rede ist, und Tests (oder dem Fehlen dieser), und einem Militär, das sich ob seiner logistischen Leistung laut selbst auf die Schultern klopft und etwas vom Krieg gegen den unsichtbaren Feind schreit, es ist wie eine schlechte Farce, mit vielen Wiederholungen, mies geschrieben auch, klar, (eventuell spannend: eine teilweise virtuell abgehaltene Parlamentssitzung, geht das überhaupt?), und ich begreife, dass die Zeiten, in denen ich dachte, ich bräuchte den Umgang mit anderen Menschen nicht oder kaum, vorbei sind, und dass – worüber übrigens auch im Radio reflektiert wurde – mein Hirn den gewohnten Input vermisst, und dazu gehört nunmal das wunderbare Chaos der Begegnung mit Fremden und Freunden und und und und und und und, so sehr ich mich auch, mindful and all that, an der Natur und am Augenblick erfreue, genuin tief erfreue, so sehr fühlt sich das nicht selbst gewählte Alleinsein wie eine Schnur an um den Hals, die würgt, und das trotz aller Dankbarkeit dafür, dass ich ein Zuhause haben darf, in dem schmackhaft gekocht und gebacken wird, in dem geschrieben und übersetzt und Musik gehört (und manchmal in der Küche getanzt), Sport gemacht und von Bergen und Reisen geträumt wird, etc., ist alles sehr selbstbezogen, klar, an die Konsequenzen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, den frau momentan teils in Zeitlupe teils im Schnellfortlauf beobachten kann, für mich wie für alle anderen mag ich gar nicht – also betreibe ich eine Spendenaktion für eins der britischen Maggie’s Centres, die sich um Krebskranke kümmern, schreibe mal bessere mal schlechtere Gedichte und gehe mit einigen davon hausieren, denke darüber nach, wie und wo ich den nächsten Auftrag herbekommen könnte, laufe, was die Füße tragen, prokrastiniere, wechsele zwischen Terry Pratchett, Bernardine Evaristo und diversen anderen Autor:innen hin und her, plane Briefe und Postkarten, schreibe hier, obwohl ich eigentlich arbeiten müsste, etc. – was ich jetzt auch wieder, endlich, tun werde.

Nabard, Bonn

Der Abend vor dem Fastenmonat Ramadan und zum ersten Mal spüren wir in meiner Familie nach Wochen sowas wie “Normalität”, etwas bekanntes. Es herrscht eine ruhige, zufriedene Atmosphäre. Etwas was wir lange vermisst haben. Es geht vielen Freunden und ihren Familien ähnlich. Ich hoffe wir alle bleiben in dieser Zeit weiterhin gesund.

Parallel zu diesen Zeilen übt jemand in der Nähe Schlagzeug spielen! Ich seh mich schon in drei Wochen, jedes Mal kurz vor’m Iftar (Fastenbrechen) ihn erst leise und dann immer lauter zu verfluchen. Bitte entschuldige im voraus Unbekannter Nachbar. 

Fabian, München

Das wird nichts, nein, das, räuspert man sich innerlich, nur, wie um, Bedeutungsvöllerei könnte man es nennen, im Selbstgespräch, innerlich, bloß, das theatralische und existessentielle der gefühlsuntermauert betonten  Exzessmonotonien ex aequo Gedankenschleifen durch die Imitation eines diskursiven Reflexes zu plausibilisieren, vor sich selbst, immerhin, mehr, das, und, nichts zu erwarten, also Tiefe, wenn man so will, auch, Floskelhaftigkeiten, das hat seinen Reiz auch, mal sehen, und die Zeit vergeht oder verrinnt, wie Sand, schneller jetzt, in den Augen, krustig, in den Winkeln, Einwurf, Würze der Tage, und ein neues, erneutes, bedeutungsschwangeres, pseudo, Räuspern, aber jetzt mehr vor dem Hintergrund des Kristallisationspunkts, den abzuwarten tiefere Erkenntnis des Salzes kulminierter Zeit verspricht, während das Produkt der Kulmination, im Endeffekt doch nur eigener Körperfunktionen, nach den geringsten Berührungen schon zwischen den Fingern zerbröselt, ohne, das, merkliche Spuren zu hinterlassen, schwer, wird nichts, etwas Offensichtlicheres zu finden, als die Bedeutungslosigkeit emotionaler Zustände und Involviertheiten vor dem Hintergrund in Analogie zu stellen, ironisch natürlich, wenn der direkte, zum Glück, oder Körperkontakt fehlt, oder einen fatalistischen Beigeschmack zu bekommen, wenn die persönlichen, mehr als weniger kleinen Verzweiflungen und Empfindlichkeiten im Kontakt sich, gar nicht bereit, davor zu kapitulieren, sich vor die großen Zusammenhänge zu stellen, eine, man nimmt es natürlich nicht ernst, noch für existentiell, durch und durch egoistische, man möchte nicht sagen, Abkapselung, wo doch, im letzten Schritt und ultraironisch, es doch so nahe läge, das, unter Anführungszeichen, Verhalten national(istisch)er Strukturen in Analogie, direkt proportional, zu denken.

24.04.2020

 

 

Tilman, Hamburg

Im Herbst letzten Jahres habe ich eine Wohnungsräumung durch eine Gerichtsvollzieherin begleitet. Weil sich das alles lange zog, tauschten wir Nummern aus, damit sie mich auf dem Laufenden halten kann. Später schickte sie mir per Whatsapp noch Bilder von einzelnen Gegenständen “Gehört das der Schuldnerin?” oder “Soll das auch weg?”

Der Gerichtsvollzieherin geht es auch zu Coronazeiten gut. Sie macht Fahrradausflüge mit ihrem Sohn (außerdem ist sie großer New York Fan, war auch schon dort [eventuell sogar mehrmals?!]). Unser Kontakt ist abgebrochen, aber ihre Statusmitteilungen halten mich auf dem Laufenden.

Slata, München

Ab Montag werde ich nicht mehr in die Stadt fahren, da Maskenpflicht im Öffentlichen, deshalb fahre ich heute, das letzte Mal. Aufregung in der leeren S-Bahn, Bitte fahren Sie nur in dringenden Umständen, mein geliebtes München, Ab Montag den siebenundzwanzigsten April. Die Wahl der Schuhe früh morgens, keine Fahrradschuhe endlich, enge, lackierte, schöne Schuhe, der beste, am seltensten getragene Rock, eine Tasche anstelle des Rucksacks, ich bin bereit, ich komme. Dann aufgeregter Fahrscheinkauf, Einzelfahrkarten anstelle der Semestercard für halbes Jahr, fünf Euro pro Fahrt, ich bezahle, denn ich gönne es mir. Die S-Bahn leer und schweigsam, so, wie ich sie gern habe, angenehm kühl, geruchfrei, und ich sehe aus dem Fenster, dass München, ja natürlich, mehr ist als unser Dorf, in das wir zufällig, vor zwei Jahren, hineingeraten sind, ich stelle mir die Stadt als eine, ja eine Schönheit vor, die ich irgendwann schon kriegen, zu der ich irgendwann schon ziehen werde, warts nur ab, verlockend und unaushaltbar ist sie. Rapsfelder, Ansagen des Schaffners, blaukarierte weiche Sitze, ich betrachte jedes offene, nackte Gesicht, heute bin ich ein geladener Gast, nie war die Stadt reizender als heute, vielleicht, überhaupt, wäre die Welt besser, wenn sie weniger Menschen, und dann zurück und wieder Bad, Küche, Balkon, Rucksack und der kurze tägliche Mittagsschlaf nach dem vielen ermüdenden Lesen. 

Fabian, München

In den ersten Wochen hatte es einen gewissen Reiz, einander das Anonyme Tier zu identifizieren, das im Dokument den nicht vom Ersteller geladenen Autor*innen zugewiesen wird. Keiner hat sich die Mühe gemacht, statistisch zu erfassen, wie oft er oder sie als Anonymer Frosch auftauchte, als Einhorn, sogar Drache, Dinosaurier von Zeit zu Zeit, Axolotl oder, tatsächlich, das gab es, Quagga. Das hätte funktioniert, weil man sich selber nicht sieht, also welches Symbolbild einem zugewiesen wurde, und es ist ja kein Wunder, dass es eben den Reiz verliert, wenn man irgendwann alle Tier durchzuhaben meint oder darauf zu achten vergisst. Oder, Normalität hat schnell, um nicht den Euphemismus des Ausbleibens der Aufregung zu bemühen, etwas Abgehalftertes  an sich, das zeigt sich an den kleinen und pflanzt sich in den größeren Dingen fort.

 

25.04.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich füttere mein privates Journal mit Seiten aus dem kollektiven Tagebuch. Es kommt zu leichten Verdauungsbeschwerden. Der tägliche Wetterbericht: betrübt aber freundlich. Immer noch kein Regen. Bald werden wir wieder zu einer Wanderung aufbrechen, halb Richtung Wald, halb Richtung Bauernhof mit frischem Brot und Eiern und Scones. Auf dem Rückweg noch im Supermarkt Milch besorgen und ein paar Früchte, vielleicht. Sonst keine Veränderung. Der Lockdown dauert an. Ich sehe auf Twitter ein Foto aus dem Weinbergspark in Berlin Mitte, zumindest verortet der lakonisch-entsetzte Tweet es dort:

So viele Menschen auf einmal, so dicht beieinander, das hat hier schon lange niemand mehr gesehen. Gleichzeitig lese ich in der sozialmedialen Gerüchteküche, dass es im Süden der Insel an manchen Orten auch relativ ‘normal’ zugehe. Was soll frau glauben?

Immer wieder frage ich mich, was dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst eigentlich mit einem macht. Ich schaue mit Bewunderung virtuell den Eltern in meinem Freundes- und Familienkreis zu dabei, wie sie sich um ihre Kinder kümmern. Mit Bewunderung, aber auch mit Schmerz, erinnert doch die Allgegenwart von kleinen Menschen in anderen Haushalten an eine ungewollte Abwesenheit in unserem. In einer WhatsApp-Gruppe, durch die ich mit anderen Survivors in Kontakt stehe, fragen wir uns kollektiv, wie sehr die Ungewissheit der derzeitigen Situation an die Zeit nach der Diagnose und während der Behandlungen erinnert.

Alte Traumata kommen wieder hoch, und wie es manchmal so ist, merkt frau erst, wenn sie total erschöpft ist, was eigentlich vor sich geht. Da hilft nur das, was eigentlich immer hilft: lieb zu sich selbst zu sein, verständnisvoll, Ruhe zu geben, selbst wenn sich der Staub fingerdick im Sonnenschein häuft oder alte Kisten auszupacken wären, Löwenzähne den Garten übernommen haben, Arbeit sich auch am Wochenende weiterführen ließe, etc. Selbstschutz und Selbstfürsorge werden in Krisenzeiten überlebenswichtig, denn das hier ist ein Langstreckenlauf, dessen Parameter sich vielleicht ändern werden, der aber nicht so einfach enden wird. Es geht immer weiter.

Svenja, Köln

Am Montag hat das Semester in NRW angefangen und jetzt unterrichte ich fünf Seminare in drei Städten von zu Hause. Mittlerweile habe ich eine Routine in digitaler Lehre entwickelt. Ich schreibe den Studierenden vor der ersten Sitzung Emails über Technik und unsere Kommunikation, bitte sie, sich einen Wecker zu stellen, und verlinke ihnen Margarete Stokowskis Text über Homeoffice. Ich bilde mir ein, dass das Informationen sind, die meinem 20jährigen Ich geholfen hätten.
Für die Sitzungen bereite ich Skripts vor, am Anfang frage ich immer: Könnt ihr mich gut hören? – Das fragt meine Therapeutin bei jedem unserer Telefonate und es hatte mich sehr beeindruckt, als sie es das erste mal tat. Manchmal mache ich Witze, wenn ich vor lauter Zoom-Fenstern den Überblick verliere. Ich weiß jetzt, dass ich den Chat nach unten rechts ziehen muss, und einen Screenshot von den Teilnehmern machen, denn wenn man das Whiteboard benutzt, verschwinden ihre Namen und dann sagt man Dinge wie: Du da unten, rechts Mitte.

Im Fanseminar haben wir uns mit unseren Fangegenständen vorgestellt und ich habe erzählt, wie ich meine Lieblingsband im King Georg getroffen habe, dass sie aus Canada kamen und ich ihnen unbedingt mitteilen wollte, auf welchem obskuren Weg ich sie gefunden hatte. Dass ich mich dann nicht traute, sie anzusprechen, dass meine Freundin gehen wollte, dass ich schon geschlagen an der Garderobe meine Jacke holen wollte und dann ein Poster stahl um es dem Sänger als Eisbrecher unter die Nase zu halten. Wie er meinen Namen falsch schrieb, wie mir so schnell nicht einfiel, wie man J auf englisch sagt und wie er schrieb, dass ich sweet bleiben sollte. Ich erzählte nicht, dass er mich danach zu einem Osterfeuer einlud und ich nicht mitging, weil ich noch nicht in Köln wohnte und mich in einer fremdem Stadt verloren gehen sah.

Abends ging ich an den Rhein, es liegen noch zwei Geisterschiffe am Ufer. Ganz am Anfang der Krise hatte eins einen Eimer Rosen auf den Fußweg gestellt, damit die Spaziergänger sie mitnehmen können. Die Rosen sahen bereits sehr mitgenommen aus und ich ließ sie stehen, weil ich wusste, dass man solche Rosen in die Badewanne oder zumindest ins Spülbecken legen muss, aber ich wasche mich und mein Geschirr gerade sehr oft.

Auch dem Rückweg kam mir ein Mann in einer dunklen Straße entgegen. Er hielt sein Telefon vor dem Mund wie eine Zigarette und es erleuchtete sein Gesicht von unten als erzähle er eine Gruselgeschichte.

Slata, München

Ein Unvermögen, Zeit abzuschätzen, festzusetzen; eine schockierende Erfahrung, nicht Herr seiner Zeit zu sein. Anfangs, als alle dachten, es dauert einen Monat, schrieb man so drauf los, Beobachtungen, Bekenntnisse, eine Seltsamkeit nach der nächsten pointiert, und jetzt, wo es höchst vage Angaben über die Dauer und das Ende des Ausnahmezustands gibt, die keinen Hinweis geben auf die Aufnahme des Alltags ‒

Warum wünschen wir uns Normalität, weg von der Ausnahme, wollen eine Rückkehr zum Gewohnten, auf das sich nimmer etwas ändert. Das Normale, das ist so, hin und her, hin und her, irgendwann dann Hort am späten Nachmittag, Taschen auspacken, Ranzen, Hausaufgaben, Briefe, Unterschriften, Wäscheklammern, Pizza, Geschirr, schnellerschneller, am Wochenende dann Gartencenter, Plastikkübel, Geranien in vier verschiedenen Farben, von jeder Farbe einen Karton voll. Wie lebte es sich früher, davor denn, jeder ja auch mit dem Kind abwechselnd zuhause, gemeinsame Nächte mit Trinkflaschen, Ersatzschnullern, jeder trägt sich die Termine des anderen in den Kalender ein, plant Puffer ein für pünktliche Kindesübergabe, und jetzt, das Kind ist deutlich selbständiger, vernünftiger, kompromissbereiter, es lässt sich leben, ganz gut sogar, wir kaufen jeden Tag deutsche süße Erdbeeren, die ersten des Jahres, lassen uns Haare, Bärte wachsen, finden einander, ab und zu, wieder attraktiv, einmal, da lagen wir zusammen auf einer Decke draußen und sahen die Wolken an, ohne Handy, ohne gar nichts. Ich werde weise. Bald kann ich einen Berg erklimmen, davon gibt es genug hier in der Gegend, von dort aus Geduld, Achtsamkeit und einen Sinn der Dinge predigen.

 

Rike, Köln

Seit unbestimmten Tagen befinde ich mich in einem Livestream kann man nicht gestoppt werden. Die Phantasie, den Laptop mit doppelseitigem Klebeband an meinen Oberschenkeln festzugaffern, damit dieses Objekt während des Aufnehmens aller Mahlzeiten nicht runterstürzt, während ich damit durch die Wohnung laufe und dauernd irgendwer aus diesem Gerät heraus etwas sagt zu mir, meistens, ohne mich zu meinen. Wie ich mich jetzt an dem Objekt festkralle, als wäre es meine Familie, alle Menschen, die ich gerne hab und die Natur gleichzeitig. Die erste Online-Konferenz: BEYOND CRISIS. Ist die Coronakrise eine Chance oder ein Rückschlag für eine ökosoziale Transformation?“ „Can the real transformation designer stand up, please?“ Sich mit unbekannten Menschen austauschen ist wie in Butter baden. Der Konferenzleiter, ein Professor, isst Müsli in seiner Küche nach virtuellem Yoga. Abends tanzen die restlichen 90 Verbliebenen in ihren Zimmern zu Livestream, einer Frau geht dabei die Stehlampe kaputt, jemand hat sein Kind vor dem Laptop vergessen, durch die trashigen Homeoffice-Vernebelungsshintergründe von Zoom ist es 1-A-Videokunst aus den 2000ern. Es erinnert mich an den Moment in Magnolia, in dem es überall Frösche regnet und die verschiedenen Menschen, gefangen in ihren Situationen, alle alleine gemeinsam irgendwie sind.
Heute kommt ein Carepaket von der Mutter an. Seit gestern habe ich die Pflicht, im Nahverkehr kleine weiße Wölkchen über blauem Himmel zu tragen. In der Wohngemeinschaft ein verbindender Moment, als 4 junge Frauen die von anderen Frauen handgenähten Dinger über die Gesichter ziehen und ein Foto machen und sagen bitte lächeln, weil was sonst, Gesichtsmaskenwieschwanzvergleich. Ja, auch wir kennen keine Maskennähenden Männer scheinen damit beschäftigt, jetzt Experten zu sein. „Can the real transformation designer stand up, please?“ 

26.04.2020

 

Nabard, Bonn

Die ersten drei Tage im Corona-Ramadan. Keine Anrufe von Freunden und Bekannten mit Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen. Kein nörgelnder Hinweis meiner Mutter ich möge doch zum nächtlichen Gebet in die Moschee gehen. Gleichzeitig sitzen wir nach dem essen im Wohnzimmer und blicken teils fassungslos teils traurig richtig TV wo die große Moschee in Mekka völlig menschenleer ist. Nur die Kameraleute die einzelne Aufnahmen von der Kaaba machen und ein Imam der die Suren im Koran rezitiert.

Als Familie sind wir schon immer ein eingeschworener Haufen gewesen, jetzt habe ich das Gefühl dass wir einander noch mehr halt geben. Die Stunden vor dem Fastenbrechen waren immer die schwierigsten in denen, meistens meine Mutter, gekocht hat und wir Kinder nichts in der Küche zu suchen hatten. Jetzt durften wir alle aushelfen. Schneiden und schnippeln, den Teig kneten, den Salat anrichten und hier und dort würzen. Und die Minuten zählen bis wir das Fasten mit drei Datteln und einem Schluck Milch brechen können. Und wie es sich für eine große Familie gehört lachen und diskutieren wir am Esstisch über alle Themen der Welt, nur nicht über die Pandemie noch über steigenden Toten in Afghanistan. “Wer vermisst und trauert um sie schon?”, sagte meine Mama gestern Mittag, “ob eine Bombe oder ein Virus, seien wir dankbar dass wir hier sein dürfen und ihr Kinder gesund seid.”

Solche Sätze kenne ich schon seit ich denken kann, dankbar sein, hier sein zu dürfen. In Zeiten dieser Pandemie bin ich’s zumindest mehr denn jeh. 

Fabian, München

Kleine Gedankenblasen stürzen nach außen, die zugehörigen Gravitationszentren stürzen nach innen und “in der Mitte treffen sie einander”, zwangsgestört, neurotisch, oder nur beinahe, jetzt hat die Bundesregierung sich auf eine App geeinigt, wie schön, jetzt hat die Bundesregierung auf einen zentralen Ansatz verzichtet, oder sich vom Gegenteil überzeugen lassen – wer würde zentral, und zumindest wahrscheinlich angreifbar gesicherte, umfassende Bewegungsdaten von Bürgern schon missbrauchen wollen, andererseits, wer will das verstehen, also, wer, na klar, da sind sicher genügend Leute im Umfeld der entscheidenden oder entschiedenen Instanzen, die die technischen Infrastrukturen und Anwendungen softwareseitig gut genug verstehen, um den kurzfristigen Reizen des reizenden Anscheins einer nachhaltig erhöhten Maßes an Kontrolle über die Risiken der Situation ein zumindest gehöriges Bewusstsein für die ab- und unabwägbaren Risiken deines scheinbaren Höchstmaßes an Kontrolle für die Bevölkerung, vielleicht, an sich, entgegenzuhalten, und wie’s scheint sogar wirksam, wirklich, man wird sehen – wobei persönlich ich mir ohnehin nicht vorstellen kann, mein Smartphone deswegen jetzt, oder von jetzt an, plötzlich, öfters spazieren zu führen, außer Haus, tatsächlich, als bisher.

Nord Verlag – Skandinavische Literatur abseits von Krimis

von Isabella Caldart

 

Und plötzlich war der kleine Verlag sehr präsent auf Instagram – spätestens mit dem Roman „Ich, Unica“ von Kirstine Reffstrup, der von zahlreichen Bookstagram-Accounts empfohlen wurde. Erschienen ist er im Nord Verlag, gegründet von der 29-jährigen Camilla Zuleger. Das Besondere am Nord Verlag: Er sitzt in Kopenhagen, blickt aber auf den deutschsprachigen Buchmarkt – Zuleger veröffentlicht skandinavische Literatur in deutscher Übersetzung. Wie und wieso sie das macht, erzählt sie im Interview mit 54books.

 

Camilla, bevor wir über deinen Verlag reden: Wieso interessierst du dich als Dänin für Deutschland und die deutsche Sprache?

Camilla Zuleger (Gründerin des Nord Verlags)

In den meisten Grundschulen in Dänemark ist Deutsch nach Englisch die zweite Fremdsprache, auch ich hatte Deutsch seit der fünften Klasse als Unterrichtsfach. Später dann habe ich Deutsch studiert. Mir war klar, dass es eine Chance für mich sein würde, die Sprache richtig gut zu können. 2012 habe ich meinen Erasmus in Berlin gemacht. In Berlin leben recht viele Däninnen und Dänen und deswegen stand ich dort vor der Herausforderung, so wenig wie möglich auf Dänisch zu kommunizieren – schließlich war ich nach Deutschland gegangen, um nichts anderes als Deutsch zu sprechen! Zurück in Dänemark habe ich meinen Freund kennengelernt, der aus Deutschland kommt und mit dem ich seit fünf Jahren zusammen bin. Deswegen ist mein Leben deutsch-dänisch.

 

Du hast deinen Verlag 2017 gegründet. Wie kommt man darauf, in einer Zeit des von allen Seiten beschrieenen Rückgangs von Print und Leser*innen, einen Verlag zu gründen – und das auch noch alleine?

Zu sagen, Print sei tot, ist übertrieben. Es werden in Omnibussen keine Zeitungen mehr gelesen, aber gleichzeitig gibt es einen wahnsinnigen Boom von Indie-Magazinen und vielen kleinen Verlagen, die zeigen, wie man das anders machen kann. Mit Social Media als Gegenposition zu Print hat man neue Möglichkeiten, ein ganz anderes Publikum zu erreichen. Man muss seine Nische finden, und das habe ich getan. Es ist aber eine große Herausforderung, wenn man nicht im System ist, vor allem bezüglich der Bürokratie. Die Buchbranche wird unter anderem durch Libri, KNV und das VLB strukturiert, die Bücher listen und ausliefern. Um da reinzukommen, muss man schon etabliert sein. Mir wurde gesagt: Ruf an, wenn du einen Umsatz von 100.000 Euro im Jahr hast. Mein Glück war Instagram: Die Leute haben die Bücher gesehen und daraufhin in ihren Buchhandlungen bestellt. Und durch diese Nachfrage wurde ich doch im Zwischenbuchhandel gelistet, der merkte, dass man mit mir Geld verdienen kann.

 

Instagram ist also eine große Chance.

Auf jeden Fall! Deswegen mache ich schöne Bücher, die getreu dänischer Designtradition gestaltet sind. Außerdem glaube ich, dass der moderne Verbraucher eine emotionale Verbindung will; genau damit arbeite ich in meinem Tagesjob in einer Digitalagentur. Meine Zielgruppe kann sich mit mir identifizieren, sie kauft die Bücher, weil sie die Geschichte des Verlags gut findet. Das ist mein Vorteil, was Suhrkamp zum Beispiel nicht kann, da der Verlag eher eine Marke ist.

 

Du hast dich auf deutsche Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen spezialisiert. Wieso dieser Fokus?

Ich habe den Verlag direkt, nachdem ich mit der Uni fertig war, gegründet. Ich wollte mit Literatur arbeiten. Aber in der dänischen Branche einen Job zu bekommen ist fast unmöglich, weil sie einfach zu klein ist, es gibt nur drei, vier große Verlage. Und ich hatte keine Lust auf zehn unbezahlte Praktika, um irgendwann einmal einen richtigen Job zu bekommen. Ich habe mit Freund*innen über die Idee diskutiert, einen dänischen Verlag für deutsche Literatur zu machen. Allerdings: Deutschland gilt in Dänemark als uncool, und es würde zu lange dauern, einen solchen Verlag zu etablieren. Die Idee, es andersrum zu machen, stammt von meinem Freund. Das könnte funktionieren, dachte ich mir, Skandinavien hat ein Momentum in Deutschland, ist cool, und zwei Jahre später würde Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Also wenn, dann jetzt. Alles war weniger durchdacht, als ich gerne gehabt hätte, ich hatte keinen Businessplan, sondern stellte mir einfach die Frage: Was kann man machen? Zu den größten Herausforderungen gehörte am Anfang, den Buchhandlungen zu vermitteln, dass ich keine Selbstverlegerin bin, auch nicht selbst übersetze.

 

Du hast sehr unterschiedliche Bücher in deinem Programm. Welche besonderen Merkmale hat skandinavische Literatur?

Bei nordischer Literatur denken alle immer an Krimis, deswegen wollte ich als erstes ein Statement setzen – meine ersten beiden Bücher sind Lyrikbände. Generell habe ich nur eine einzige Regel: keine Krimis. Ich möchte gerne die Vielfalt präsentieren. Skandinavien hat eine besondere Literaturszene, es gibt drei Länder, in denen alle die Sprachen der anderen verstehen. Jedes Land hat eine Autorenschule wie Hildesheim, und das Coole daran ist, dass sie grenzüberschreitend funktionieren, dass dänische Autor*innen nicht unbedingt in Dänemark studieren. Deswegen kann man natürlich von „dänischer Literatur“ sprechen, aber eigentlich ist es eine skandinavische. Die Autor*innen besuchen für Lesereisen alle Länder, es gibt viel Austausch und ein gesundes System der Förderung, auch ich habe Förderung bekommen. In Skandinavien lohnt es sich als Verlag, ein Debüt herauszugeben. Die Bibliotheken in Norwegen beispielsweise kaufen 1000 Exemplare von jedem Debütanten, jeder Debütantin. So kann man sich auch Experimente leisten. Zudem haben die Autorenschulen eine Art BAföG, das heißt, es gibt finanzielle Sicherheit, das ist ganz exzeptionell. Das verschafft die Möglichkeit, nicht nur Literatur, die sich verkaufen lässt, sondern etwa auch Lyrik zu schreiben. Lyrik ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren groß geworden – vor allem bei jungen Autor*innen. Das hat auch etwas mit dem Internet zu tun, denn dieses Format passt gut in den Facebook-Feed oder die Captions bei Instagram.

 

Wie war das rückblickend, mit Lyrik zu starten?

Es war krass. Ich hatte nicht erwartet, dass es im Goethe- und Rilke-Land so schwierig sein würde. Ich hatte auch nicht erwartet, dass viele Buchhandlungen nicht einmal ein kleines Lyrikregal haben. In Dänemark wird selbst in den Ketten, die ihren Fokus auf Spielzeug legen, Lyrik verkauft. In Deutschland habe ich eine regelrechte Angst vor Lyrik erlebt. Das war eine Herausforderung. Am Ende hat es funktioniert; die Leute haben den Verlag auf Instagram entdeckt und fanden Lyrik cool.

 

Wie findest du die Bücher für deinen Verlag?

Ich habe das Privileg, dass ich alleine bin und keine Entscheidung rechtfertigen muss. Ich habe Bücher gewählt, die mir selbst gefallen, unabhängig davon, ob sie Erfolg versprechen. „Ich, Unica“ kam über eine Empfehlung: Ich hatte es selbst schon gelesen, aber erst in dem Moment, als mir die Übersetzerin Elke Ranzinger das Buch vorschlug, fiel mir auf: Natürlich, das muss ich machen! Elke hat es dann auch übersetzt. Generell verlege ich Bücher, die es verdient haben, ein größeres Publikum zu erreichen.

 

Wie gut ist die Buchbranche in Kopenhagen, in Dänemark vernetzt? Unterstützt man sich gegenseitig?

Ich habe versucht, mich ein bisschen aus der Szene rauszuhalten. Die meisten dänischen Autor*innen möchten sehr gerne auf Deutsch erscheinen. Ich habe einmal größer in Dänemark veröffentlicht, was ich mache, und war dann total überfordert von den vielen hoffnungsvollen E-Mails von Autor*innen, denen ich absagen musste. Deswegen versuche ich, unter dem Radar zu bleiben. Die Szene in Dänemark ist sehr klein und auf Kopenhagen konzentriert. Dadurch weiß ich genau, was hier los ist. Diesen Vorteil habe ich im Vergleich zu Verlagen aus Deutschland: Ich bin nicht von Agenturen abhängig, ich kann sofort zuschlagen, kenne viele Autor*innen. Victor Boy Lindholm, den Autor von „Gold“, hatte ich einfach per Facebook angeschrieben.

 

Siehst du dich dann eher der deutschen Buchbranche angehörig?

Ich fühle mich nicht als Teil der Buchbranche in Deutschland, weil es eine physische Distanz gibt. Ich kann nicht bei jedem Event dabei sein. Diese Outsider-Position gibt mir aber ein gewisses Potential, ich bin flexibel und kann überraschen.

 

Du leitest den Nord Verlag alleine. Wie darf man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen? 

Ich selbst kümmere mich um Kommunikation, Presse, Instagram, Buchhaltung, Verkauf und Business Development, außerdem habe ich eine Grafikerin, die die Buchgestaltung macht, und arbeite mit verschiedenen Übersetzer*innen zusammen. Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen wurde von meinem Freund Lars Bliesener übersetzt; wir gingen dann den Text gemeinsam durch, bevor Marie Krutmann das Lektorat übernahm. Es ist schwierig, von einem Alltag zu sprechen, die Grenzen sind fließend. Zwischen 9 und 17 Uhr arbeite ich für die Agentur, davor, ungefähr ab 8 Uhr, erledige ich Verlagssachen, um auf der Arbeit den Kopf freizuhaben. Auch meine Freizeit geht für den Verlag drauf, meinen Urlaub verbringe ich für gewöhnlich auf den Buchmessen oder in Berlin. Das klingt ein bisschen wahnsinnig, aber ich mache das total gerne. Ich habe durch den Verlag viele tolle Menschen kennengelernt, deswegen ist das zumindest gefühlt keine Arbeit. Mir ist allerdings wichtig, dass klar ist: Der Verlag ist zwar ein Projekt nebenbei, aber nicht „nur“ ein Hobby. Ich mache das, weil ich Lust darauf habe, nehme es aber auch ernst, denn ich weiß, dass ich beim Verlegen die Verantwortung für das Werk einer anderen Person trage.

 

Und wie sieht dein Leben derzeit aus? Was hat sich wegen der Coronakrise für dich verändert?

Mein Verlag ist finanziell unabhängig, weil ich einen Fulltimejob habe und so nicht den Druck, profitabel sein zu müssen. Aber es ist schon super ärgerlich, dass ich nicht zum Indiebookday nach Berlin konnte, wo Veranstaltungen in den Buchhandlungen ocelot und Pankebuch geplant waren. Dänemark war schon vor Deutschland von Corona betroffen. Als ich den Indiebookday abgesagt habe, reagierte man in Deutschland noch überrascht. Events haben eine enorme Bedeutung für mich, weil ich nicht alles über das Internet machen kann. Ich glaube, vielen Firmen wird jetzt klar, dass sie ein Online-Konzept brauchen, auch Verlage denken neu, wie sie Bücher auf Social Media präsentieren können. Soweit bin ich schon, ich muss nicht unbedingt vor Ort sein und bin somit als Verlag unabhängig.

 

Photo by Sandro Kradolfer on Unsplash

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (9)

Dies ist der neunte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8)

Das mittlerweile über 120 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

 

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Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

10.04.2020

Viktor, Frankfurt

Zwei Bekannte berichteten mir, dass sie ganz überrascht darüber sind, wie intensiv und positiv sie die Zeit mit ihren Kindern erleben (es sind zwei Mütter). Die eine meint, sie überlege sogar, ihre Kinder vom Kindergarten abzumelden (was sie nicht tun wird, da bin ich mir sicher). Vor diesen Gesprächen war in der FR der Leserinnenbrief einer Psychologin aus Mainz, die in einer Familienberatungsstelle arbeitet und die berichtete, dass die Gewalt in einigen Familien steigt. Sie nannte einige Beispiele von Misshandlungen und Überforderungen, die ganz akut waren.

Das klingt abgedroschen, aber es trifft wohl zu: Wenn wir mit einer nicht zu ändernden Situation konfrontiert sind, dann zeigen sich Charakterzüge, die wir sonst nicht sehen würden oder unter anderen Umständen verstecken können.

Was mir auch auffällt: Menschen, die am Anfang der Corona-Krise sagten, sie kämen allein sehr gut zurecht, sagen nun, dass es doch einen Unterschied gebe, ob sie freiwillig oder gezwungenermaßen allein sein müssen.

Slata, München

Eine gewisse abstrakte Freude macht sich breit, das schon, Schokoladenküken, Stifte zum Eierfärben, Marzipanbonbons, ich stelle mir einen idealen Tag vor, einen wenigstens in den fünf Wochen, wie das glückliche Kind die Blumentöpfe auf dem Balkon absucht, Topf für Topf, eine Schokoladenfigur nach der anderen, den vollgefüllten Korb zufrieden auf den Küchentisch stellt, und dann färben wir Eier und backen einen Kuchen und es wird so wunderbar alles, so gut organisiert, durchgeplant und vorbereitet. Die Nachbarn haben Ostereier aus Neonplastik in ihrem Garten hängen. Die Schweißnaht auf diesen Eiern sieht nach einem Kaiserschnitt aus, die Küken rausgeholt, wieder zugeklebt, als wäre nichts passiert. Ich will konsumieren, sage ich, Die einfachste, billigste, im übertragenen Sinn, Art von Freude, will alte Sachen wegschmeißen und neue Sachen kaufen, Sommerkleider, leichte Leggins, Leinenröcke, koreanische Gesichtspeelings, dann noch Plastikeier halt, will wenigstens einmal die Woche reduzierte Wintermützen anprobieren, die Adrenalinkicks bleiben aus, und ich beginne ernsthaft zu überlegen, ob das gerade etwas ist, was man Enthaltsamkeit nennt.

 

Sandra, Berlin

Mein Partner sagt ja gern, ich bin die größte (aber trotzdem seinerseits sehr geschätzte) Klugscheißerin, die er kennt. Oh, und wie er recht hat. In diesem Sinne, to whom it may concern: https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/der-oder-das-Virus

Ansonsten: Ich schreibe lebe schreie schlafe und wache hier weiter, in meiner kleinen Lebensbox. Ab und zu muss ich hier raus (kein Balkon, kein Garten, ein Kind). Und nein, wir hatten keinerlei Besuch seit dem KontakteinschränkungsDings, nur auf meinem Bildschirm treffe ich mich mit Freund_innen. Wir trinken, reden, spekulieren, widersprechen uns. Eigentlich nehmen wir uns mehr Zeit füreinander als üblich, ich führe lange Gespräche mit Menschen, die ich sonst selten sehe. Täglich gehe ich mit dem Kind raus, wir sind süchtig nach Licht und Sonne, beobachten Käfer, Katzen, Eichhörnchen, Menschen, sammeln Äste und Steine, untersuchen die Erde, lauschen den Geräuschen der Vögel. Das Kind grüsst alle Vorbeikommenden, brabbelt energisch gestikulierend drauflos und steckt so gut wie alle mit seiner unerschöpflich guten Laune an, die auch seine Stürze, und damit einhergehende Schrammen nur kurzfristig trüben können. Ein einziges Mal waren wir ultrakorrekt Distanzspazieren mit einer Freundin, aber davon schrieb ich ja schon. Ich habe bis heute große Schwierigkeiten mit Hierarchien, Regeln und Beschränkungen, aber hier mache ich, machen wir keine Ausnahmen. Gestern brachte der Paketbote eine Packung schwarze Plastikhandschuhe aus Latex Größe M. Sie erinnern mich an den Frühling vor zwei Jahren, die Hände meiner Tätowiererin, das Surren der Nadel, das Vibrieren unter der Ruhe, die einsetzt, wenn die Nervenenden den Schmerz akzeptieren, Körper und der Geist loslassen. Ein bisschen wie der innere Dialog beim Meditieren. Oder beim Schreiben. Heute ist der erste Osterfeiertag, mir waren Feiertage nie wichtig, meist arbeite ich. Das lange Wochenende beginnt mit der letzten Überarbeitungsrunde an meinem Romanmanuskript. Ich bin unruhig, ich drücke mich vor dem Anfangen vor dem Ende, so auch mit diesem Text. Eigentlich ist ein Text niemals fertig, es ist unmöglich. Das Ende ist niemals das Ende. Aber es gilt, rechtzeitig loszulassen. 

Und dann fällt mir noch mein Lieblingsneologismus von 2010 ein: ESKAPISMUSKATAPULT

 

Fabian, München

Ich kann jetzt sechzehn Fesnter neben- und übereinander gleichzeitig darstellen; ein unwahrscheinlicher Luxuseffekt der Situation, der ohne sie zumindest nicht so bald zustande gekommen wäre. Nicht, dass sich dadurch irgend’was änderte, am Blick auf und in die digitale Umwelt. Aber es fühlt sich anders an. Etwas weiter, immerhin, und ganz sicher wire wie jede Adaptierung von Perspektivenschnipseln allein der Eindruck sich bald verflüchtigen, oder so sehr in die Gewohnheit übergehen, wie innerhalb von wenigen Tagen die Covid-19-Situation. Nur ein paar Tage lang fühlte ich mich bedroht, stellte an mir, ganz offensichtliche allerdings, Phantomsymptome fest, ohne mich mit der ausführlichen, möglichen Symptomatik ausführlich auseinandergesetzt zu haben, die sich dann aber dann direkt proportional zur Intensität sozialer Kontakte verflüchtigten und im selben Maß wieder auftraten – heute videotelefonierte ich zwei Stunden mit einer Freundin, Romanbesprechungen, trainierte und beobachtete, wie die vor Kurzem gepflanzten Chili-Pflänzchen die direkte Sonneneinstrahlung draußen am Balkon inzwischen sehr viel besser zu vertragen scheinen, ohne den ganzen Tag lang mehr als den Müll runtergebracht zu haben, und einen riesigen Verpackungskarton. Mir ist klar, dass es, an und für sich, eine Luxusposition ist, nicht zu vegetieren, gerade, für jemanden, der auch sonst die großen sozialen Räume eher scheut.

 

11.04.2020

 

Viktor, Frankfurt

Vielleicht verstehe ich die Krise immer noch nicht umfassend. Ich wundere mich über so viel Angst um mich herum. Ich sehe Menschen mit Masken im Wald, wo der Abstand zu anderen sehr groß ist oder wo es kaum anderen Menschen gibt. Ich sehe Menschen nervös werden, wenn sie jmd für einen Moment zu nahe kommen. In Umfragen ist die Bereitschaft sehr groß, den Lockdown zu verlängern, manche wollen härtere Maßnahmen. Eltern wollen die Schulen länger geschlossen halten.

Ich traf letztens jmd im Wald mit seinem Kind, unsere Kinder düsten dann auf ihren Rädern hin und her, der Bekannte erzählte, er hätte einige Nachbarn seit Wochen nicht gesehen, die hätten sich komplett abgeriegelt.

Die MHH (Medizinische Hochschule Hannover) testet jetzt eine Tuberkulose-Impfung, die das Immunsystem stärken und so abwehrstärker gegen das Coronavirus machen soll. Vor dem Spiegel stehend sehe ich auf meinem linken Oberarm die Narben der Tuberkulose-Impfungen, die ich als Kind bekommen habe.

Persönlich kann ich dieser Zeit etwas abgewinnen. Aber ich merke auch, dass ich nicht so recht die Angst um mich herum verstehe, ich nehme sie nur wahr.  

 

Slata, München

Trennungsraten natürlich auch, Scheidungsraten, massenweise laufen Pärchen auseinander, suchen wieder nach bezahlbaren Einraumwohnungen, Ehegatten zerren an den Kindern, streiten sich über Unterhalt und Elternrecht, googeln, jeder heimlich, abends, an seinem Handy, der eine auf dem Ehebett, der andere auf dem Sofa im Wohnzimmer, wie viel ein Anwalt kostet und wie man die Kinder für sich behalten kann. Alte Greise gar, die das erste Mal Monate zusammen verbringen auf kleinstem Raum, vierundzwanzig Stunden am Tag, stellen plötzlich fest, dass es ja nicht auszuhalten ist, dass sie sich geirrt haben in ihrer Wahl und die Jahrzehnte, das ganze Leben davor vielleicht mit jemand Falschem verbracht, die Enkel sind schockiert, rufen sie besorgt an, aber die Alten bleiben standhaft, sie diktieren einzeln Einkaufslisten und bitten, ab jetzt zwei gesonderte Lebensmitteltüten vor der Tür abgestellt zu bekommen, getrennte Haushaltsführung, Trennung von Tisch und Bett.

 

Fabian, München

Maxim Biller fühlt sich intellektuell unterfordert. Spannend daran, dass er über die mediale Überrepräsentation der Pandemie hinaus seine Unterforderung kurz und knapp mit Desinteresse begründet. Er interessiert sich nicht für Biologie, etc. und vielleicht ist es das ehrlichste, was jemand bisher über das eigene Verhältnis zur gegenwärtigsten Gegenwart gesagt hat, die uns zur Verfügung stand, um einfach darüber hinweg zur Literatur zu gehen, als hätte er und in Bezug auf die gegenwärtigste Gegenwart nichts zu gewinnen. Man kennt vielleicht keinen anderen Gegenwartsautoren, der auch nur mit im Ansatz vergleichbarer Präzision die eigene Egozentrik dialektisch zu kontrastieren in der Lage wäre.

 

Rike, Köln

Das Gefühl von 50er jahren in der 2020 Trashversion. Alle (viele) spielen Kernfamilie, selbst die, die nicht wollen. Menschenfahrradketten von ausflügenden Muttervaterkindern mit Helmen und Fähnchen, die dürfen, rosa/blaue Farbkonzepte, der Rest rumbummelnde Einzelmenschen oder Pärchen, selbst die, die nicht wollen, sehen phänotypisch so aus. Lippenstift auflegen für das Einkaufen gehen, weil Highlight des Tages. Raus in die Natur sagen oder den Rasen mähen, ein Heim werkeln, Samstag Abend den Grill anschmeißen und niemanden einladen. Diese Vibes. Ich ziehe mir mein türkises Frotteeshirt an, das mich an Handtuch und Sonnencreme erinnert und rede mir ein, ich lauf zum Strand. Es klappt überraschend gut, paradoxe Intervention nennt man das glaube ich, vielleicht ist das auch der falsche Begriff. Durst nach Gesprächen mit Unbekannten. Lust auf Mayo-Ei und Cocktailobst im Supermarkt. Samstag Abend alleine Sektbowle trinken am offenen Fenster und den Dackel beobachten, (Freddy), der seinem Herren seit Tagen davon läuft. Der Herr brüllt dann immer. Dass ich den Namen seines Hundes kenne, seinen aber nicht. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

  1. Wut ist kein österliches Gefühl. Also fülle ich sie in Flaschen und lagere sie bis nach den Feiertagen. Beschriftet: Dem NHS mangelt es an Schutzkleidung = mehr Medizinier und Krankenschwestern sterben (https://www.bbc.co.uk/news/health-52242856). Auffallend viele von ihnen People of Colour. Der Gesundheitsminister schiebt die eigene Verantwortung anderen in die Schuhe = Masken etc. würden verschwendet, u.a. von der Bevölkerung (https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/coronavirus-face-masks-uk-shortages-nhs-workers-matt-hancock-a9460011.html). Während sie anderswo verpflichtend werden. Man fordert medizinisches Personal im Ruhestand auf, wieder in den NHS zurückzukehren – mit direktem Patientenkontakt. Wo doch das Risiko mit dem Alter zunimmt. = Die ersten sind bereits tot. Personalmangel, klar. Planerisches Versagen der letzten Jahre? Exodus von EU-Bürgern wegen des Brexit? Erwähnen die Tories nicht. Stattdessen sprechen sie von ‘gefühlten’ Mängeln (https://www.bbc.co.uk/news/uk-52252470). Voll funktionsfähige Beatmungsgeräte werden vom Set einer Krankenhausserie der BBC an Krankenhäuser gespendet … Ich werde noch viele Flaschen brauchen.
  2. Trotz allem scheint nach anfänglichem Zögern die Sonne, und auf Gründonnerstag folgt Karfreitag, und schon ist Ostersamstag. Ich gehöre keiner Konfession an, aber die Emotionalität und Symbolik des christlichen Osterfests tut mir in diesem Jahr gut. Der Gottesdienst im Fernsehen (aufgezeichnet schon im Winter in der King‘s College Chapel in Cambridge) wirkt wie der sprichwörtliche Balsam. Ich erinnere mich an Ostern in einer kleinen Vorortkirche im weißrussischen Minsk, das Segnen des Brotes, das von Kerze zu Kerze weitergereichte Osterlicht, den freudigen Ton der getauschten Grußworte: Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden! Mich überkommt Dankbarkeit.
  3. Dankbarkeit dafür, dass ich gesund bin und meine Familie und Freunde – einige von ihnen sind chronisch krank – bisher von der Pandemie verschont wurden. Dass ich mein Leben mit einem geliebten Menschen teile, für den ich morgen früh ein Riesenschokoladenei im Garten verstecken werde. Dass ich die Wohnung österlich dekorieren kann, einen Hefezopf backen, Gedichte schreiben, in Feld und Wald spazieren gehen. Dass es warm genug ist für leichtere, luftige Kleider. Dass plötzlich vor unserer Haustür Pflanzenableger für unseren kleinen Garten auftauchen – Geschenk einer Nachbarin. Dass ich relativ schmerzfrei bin. Dass es Menschen gibt, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen. Dass sie es vielleicht auch für mich tun würden.
  4. Am Abend dann noch einmal Nachdenken: Für alle, die nicht an Covid-19 erkrankt sind und niemanden kennen, der positiv getestet wurde, die im home office arbeiten und keine Verwandten im Gesundheitswesen haben, findet die Pandemie hauptsächlich im Fernsehen und im Supermarkt statt. Abstrakt trotz der persönlichen Einschränkungen und irgendwie weit weg. Vielleicht daher die ab und an in den Knochen nagende Angst. Klar, die Luft draußen ist sauberer. Flugzeuge sieht und hört frau kaum noch. Fahrzeuge weniger. Dafür sind manche Waren noch nach Wochen ausverkauft. Hefe, zum Beispiel. Weswegen eine Freundin jetzt versucht, selbst welche herzustellen. Was dabei vor allem wächst, sind Zweifel. Überhaupt gibt es momentan so viele Gründe zu zweifeln. U.a. der ungenügenden Zahl von Tests auf der Insel besteht Unsicherheit über die tatsächlichen Fallzahlen. Soll man nun eine Maske tragen oder nicht? Auf Twitter fragen Menschen, ob sie die einzigen seien, die ihren Einkauf desinfizieren. Nein, machen wir auch, ruft man ihnen entgegen. Fluch und Segen der sozialen Medien. Alle können sich mit allen anderen vergleichen. Dazu kommt, dass je nach Land unterschiedliche Regeln gelten. In Dänemark beispielsweise, whatsApped mir eine Freundin dort, sind Zusammenkünfte von bis zu 10 Personen erlaubt. Kein Wunder, dass sich neben mehr oder minder genauen Informationen irgendwann auch Falschinformation und Verschwörungstheorien multiplizieren.

 

12.04.2020

 

Rike, Köln

Ich verstecke jetzt Ostereier vor mir selber in meinen 3 Blumentöpfen, das ist keine paradoxe Intervention, eher Schizophrenie, aber keine andere Wahl und das gesuchte Gefühl. Die Kinder mit dem Garten von oben beobachten beim Eiersammeln. Immer wenn die große Schwester losrennt, rennt der Bruder auch (panisch). Das Gefühl völliger Sicherheit, beim Beobachten nicht entdeckt zu werden, weil selten Menschen in den Himmel schauen. Notiz: Mehr in den Himmel schauen, wenn Stresspanik. Hans sagt, sie kann das nicht zu lange machen, sie kriegt dann Platzangst. Sie kriegt Angst vor der eigenen Kleinheit. Die Kinder schlagen Sprachnachrichten für die Oma vor. Verschiedene Oma-Opa-Sprechchöre werden aufgenommen. Als sie frohe Ostern Oma Gerswid aufsagen, kriegen sie so eine Stimme. Roboterkinder, Dressurstimme, dabei hat ihnen das in dem Moment niemand vorgesagt. Wieder das Gefühl von 50er Jahre. 

 

Shida

Auf dem Land ist wirklich so ziemlich alles anders als in der Stadt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe seit dreizehn Jahren in fünf mehr oder weniger großen Städten gelebt, die im Vergleich zu meinem Herkunftsort reine Metropolen sind. Mir sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land in ihren Facetten völlig egal, denn auf dem Land langweile ich mich und will schnell weg, das ist alles, was mich interessiert.

Corona verändert mal wieder alles. Corona färbt jede noch so kleine Eigenheit des städtischen bzw. des ländlichen Lebens, macht die Unterschiede sichtbar, für die ich nie Interesse hatte.

Hier, wo ich gerade unterkommen konnte, wohnt man in Häusern, nicht in Wohnungen. Man kann den Müll rausbringen, wann man will und muss nicht durch ein belebtes Treppenhaus gehen, Türen und Tonnen anfassen, die man sich mit Nachbar:innen teilt und die den ganzen Prozess des Müllrausbringens zu einer weiteren Corona-Falle machen. Hier sitzt man im Garten oder im Vorderhof, weil einem zwar ein komplettes Haus zur Verfügung steht, man trotzdem ein Gefühl der Enge hat. Hier muss man ein Auto haben, um einkaufen zu können und dass man einen Wocheneinkauf für eine ganze Familie im Einkaufswagen stapelt, ist hier auch außerhalb Coronas die reinste Selbstverständlichkeit. Hier gibt es keine Türsteher:innen am Eingang des Supermarktes, denn im Supermarkt sind sowieso nur drei Leute. Die drei Leute fahren keine U-Bahn, müssen aktuell nicht auf Menschenansammlungen verzichten, denn die gibt es hier sowieso nie, und sie wären mit Markierungen auf dem Boden vermutlich maßlos überfordert. Das haben sie nämlich noch nicht auf Fotos im Internet gesehen, denn das Internet funktioniert hier nur so rudimentär, dass man ewig auf jedes Foto wartet.

Ich bin nun seit zwei Wochen hier, in erster Linie wegen der Personen, mit denen ich die Isolation verbringe und für die der Faktor des Rausgehen-Könnens elementarer ist als für mich. In den zwei Wochen sind mir eine Millionen Dinge aufgefallen, die sich hier so grundsätzlich von meinem Leben in der Stadt unterscheiden und die alle den Effekt haben, dass Corona uns hier mehr und mehr als Idee und immer weniger als reale Gefahr erscheint. Mir fällt wieder ein, dass ich es deswegen unerträglich fand, auf dem Land aufzuwachsen. Man kann sich hier immer einbilden, man hätte mit der Welt da draußen nichts zu tun. Egal, welche Debatten geführt werden, welche politischen Umwälzungen geschehen, welche Viren rumgehen: Die Illusion, dass man selbst die ferne Insel ist, die nichts damit zu tun hat, will sich immer wieder aufdrängen und bestätigt wissen. Im Fall der Viren genieße ich es zum ersten Mal, dass die Zahlen hier tatsächlich so viel geringer sind.

P.S.: Superviel Liebe für alle Klugscheißer:innen da draußen! Ich korrigiere meinen privaten Klugscheißer jetzt sofort und fange an, alle zu verwirren und einfach mal DIE Virus zu sagen. Vielleicht setzt es sich durch. Und wenn Corona vorbei ist, habe ich gewonnen. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich schaue per Video meinem dreieinhalbjährigen Neffen in Suffolk beim Ostereiersuchen vor dem Aufstehen zu. Die Begeisterung des Kleinen wird übertroffen vom Fleiß der großen Versteckt-Habenden. Das Beutelchen für die Süßigkeiten, das an seinem linken Handgelenk baumelt, scheitert schon am ersten Riesenei (gibt es die mittlerweile in Deutschland eigentlich auch?). Am Ende ist seine Mutter bepackter als er selbst, und er verkündet glücklich: ‘Come on, let’s go eat chocolate!’ Als später mein Mann das Erwachsenenosterei findet, das ich für ihn im Garten versteckt habe, sehe ich, wie seine Augen leuchten. Ich freue mich mit. Mit meinem Neffen. Mit meinem Mann. Mit mir selbst, als ich ein auf Daumendruck blökendes Minischaf auspacke, das uns meine Schwester zu Ostern geschickt hat. Es steckt eben doch ein Kind in uns allen.

 

Slata, München

Waren wir früher fast stolz darauf, auf genügende Distanz zu achten, jedem sein Revier zu überlassen, mittlerweile abends jeder seins zu machen, Respekt und Gleichgewicht und, ja, den anderen ein gutes Beispiel geben (Was, er geht abends echt ins Kino, ohne dich? Was, fährst du für eine Woche weg, alleine?), stellt sich nun heraus, dass es kosmetisches Gehabe war. Planten wir selbst die seltensten Urlaubsreisen sorgsam, keine zehn Tage, nie, eine Woche mehr als genug, was sollen wir da machen, die ganze Zeit zusammen, und jetzt, fünf Wochen ‒ Sprechen wir nun zueinander, vermeiden wir Blickkontakt und sagen etwas vor uns hin, in den Raum hinein, oder richten unsere Rede an das Kind oder an jemanden Imaginären, den großen Anderen vielleicht, ekeln uns voreinander schon, lassen sich die besten Gefühle füreinander nicht durch Homeoffice vernichten, und etwas groß zu sagen gibt es auch nicht mehr.

 

13.04.2020

 

Janine, Flensburg

Meine dänische Schwiegermutter hat Ostern gefeiert, im Kreise ihrer Geschwister und deren Familien. Sie hätten extra einen besonders großen Tisch ausgeliehen, damit sie mit Abstand sitzen konnten. Mir fällt dazu sehr viel ein, aber ich sage nichts; mein Dänisch ist zu schlecht und mit Englisch ist es in diesem Fall einfach nicht dasselbe. 

 

Shida

B. und ich haben ungläubig hin- und herdiskutiert, am Ende den Kalender rausgeholt, ganz am Ende mit dem Kontroll-Finger die Wochen abgezählt: Es sind vier Wochen Rückzug aus dem normalen Leben, aus der Welt, aus allem. Diese Erkenntnis wiederum ist nun vier Tage her. Sind vier Wochen und vier Tage Isolation nun viel oder wenig? Das ist wohl genau das, was wir auch nicht einschätzen konnten, deswegen das Hin- und Herdiskutieren. Gibt man zu, dass es viel ist und nimmt sich damit die Energie, womöglich noch länger so weitermachen zu müssen? Meine Strategie von Anfang an war, nicht anzufangen, von Corona genervt zu sein. Wenn man nicht weiß, wie lang es am Ende dauern wird, ist das die Energie, die wir noch brauchen werden. Genervtsein ist der Luxus, den man sich aufsparen muss für die wirklich harten Momente. Innerlich pendelt man seine Geduld trotzdem auf den 19.April ein, in der vollkommen naiven Hoffnung, dass es danach normal weitergeht (was es nicht wird, I know). In den kommenden Tagen wird man mehr wissen und es ist doch immer der letzte Abschnitt der Strecke, auf dem man die Geduld dann doch verliert und gerne aufgeben möchte. Gleichzeitig denke ich: Wie viele Leute haben (zumindest hier auf dem Land, wie gesagt, besondere Rahmenbedingungen, eigener Umgang) Ostern irgendwie doch nicht mehr so richtig an den Vorgaben festgehalten, wie viele Leute gehen gerade im Kopf mehr und mehr die Ausnahmen durch, die man vielleicht doch auch langsam machen könnte, weil man doch einiges getan hat, um das Risiko möglichst gering zu halten. Wäre also vielleicht gerade doch der wichtigste Zeitpunkt für klare Hinweise, Anweisungen, Ausblicke, und wenn sie lauten: Die Schulen und Kitas bleiben weitere vier Wochen geschlossen, jetzt reißt euch alle noch mal zusammen.

Hier in dem winzigen Dorf gehen die Kinder “klappern”, um die Kirchenglocken traditionell über Ostern zu ersetzen. Es scheppert einige Minuten auf den Straßen, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass hier überhaupt Kinder vorhanden sind und dass die dann auch noch ernsthaft um 7 Uhr morgens aufstehen, um Kirchenglocken zu ersetzen (und dabei dann zwei Meter Abstand zueinander halten und Mundschutz tragen? Hmm.). Dabei sind sie dieses Jahr vermutlich wichtiger als sonst. Selbst ich als Atheistin freue mich über ihr Signal, ihre Geräusche, ihr Dasein, ihr Engagement. Es ist vielleicht, neben dem geänderten Feiertagsprogramm im Fernsehen, das Einzige, was gerade an Ostern erinnert. Überhaupt, Fernsehen, das ist sowas, was ich letzte Woche wiederentdeckt habe und wie immer nach einer Zeit der Abstinenz haben mich die Werbespots in ihren Bann gezogen. Es gibt so viele Quarantäne-Werbespots, plötzlich so viel Werbung für Tiefkühlpizza und Abholservices. Mir hat das Fernsehgucken gutgetan, endlich hat die Werbung mal meine Lebenssituation verstanden.

Morgen geht der normale Arbeitswahnsinn wieder los. Ich mag meine Peergroup (ok, Kernfamilie ist das Wort, das man eigentlich dafür benutzt) und genieße unsere gemeinsame Zeit. Aber normaler Weise ist mein Zuhause mein Büro und damit der Ort meines einsamen, konzentrierten Denkens. Die Stunden am Tag sind normaler Weise die, in denen ich nicht nur meine eigene Chefin, sondern die Chefin meines Zuhauses bin. Seit Corona teile ich mein heiliges Büro plötzlich rund um die Uhr. Als hätte man plötzlich die freie Wildbahn um sich, weil man einmal nicht gut aufgepasst hat. Ich vermisse es so sehr, konzentriert allein zu arbeiten, die meditative Stille beim Denken. Und Alter, wie vermisse ich es, in Städte zu fahren, in Hotels unterzukommen, abends auf Bühnen zu sitzen, Menschen zu treffen, Menschen zu sprechen, ganz selbstverständlich Literatur im Fokus zu haben. Aber das sind diese Momente, in denen man wieder aufhören muss, zu denken. Sonst klappt gar nichts, falls es Mitte der Woche heißt: Die Beschränkungen werden um vier Wochen verlängert.

 

Sarah, München

Manchmal rasen die Katzen einfach los, über die schrundige Wiese und zur Gartentür hinaus, mit hochgestelltem Schwanz in einem ausgestreckten Galopp. Nach ein paar Minuten kommen sie dann wieder im Gang eines gelassenen, siegreichen Tigers. Wenn sie so rennen – es ist kein Jagdrennen, denn Katzen jagen nicht rennend, sondern lauernd – habe ich mir bis vor ein paar Wochen immer gedacht: Das muss die Furcht sein, die sie packt. Die Furcht, dass sie vielleicht plötzlich nicht mehr hinaus können. Sie kommen aus Rumänien. Straßenkatzen. Hungrig, aber frei. Dann kamen sie in die Tötung und von da nach Deutschland, wo sie zwei Jahre in einer kleinen Wohnung gelebt haben. Sie wissen also was es heißt, Freiheit zu verlieren.

Seit dem Shutdown denke ich jetzt jedes Mal, wenn die Katzen in ihrer Frucht um die Freiheit davonjagen: Ob es uns auch so gehen wird? Wenn das alles wieder vorbei ist? Wird uns die Furcht um unsere Freiheit manchmal überfallen wie ein Rasen, das uns in die Städte stürzen lässt? In die Bars, Kinos, Restaurants? Hungrig nach Freiheit und anderen Menschen? Werden wir wieder für unsere Grundrechte kämpfen? Für ein digitales Vergessen zum Beispiel?

Vielleicht kommt es aber auch so, dass wir ganz und gar vergessen, wie das geht, das mit der Freiheit. Weil das Gefängnis nicht der Lockdown ist, sondern die Angst. Und dass diese Angst uns bleiben wird. Je länger der Lockdown dauert, desto schwerer wird sie sich abschütteln lassen. Denn schon jetzt denken wir bei Bildern von Menschenansammlungen: AUSEINANDER! IHR WAHNSINNIGEN! Das muss hängenbleiben. Oder?

Trotzdem stelle ich mir die Zeit danach als Fest vor. Mit Tischen und Stühlen auf den Straßen, bunten Lampions in den Bäumen und Menschen, die einander in den Armen liegen. Und uns alle stelle ich mir als Tiger in Menschengestalt vor, die gelassen in ihr Revier zurückkehren, aus der Freiheit, von der sie doch wussten, dass sie auf sie gewartet hat.

 

Fabian, München

Man dürfe nicht davon ausgehen, das wire wie das “Es war eine Zeit” Bruce Willis’ in Lucky Number Slevin als Ausgangs- und Knotenpunkt der Erzählung. Es lässt sich vielleicht und ohne Weiteres behaupten, dass es sich dabei nicht um die cleverste mögliche Eröffnung eines durchaus sehr cleveren Films handelt. Nun ist der durchschnittliche deutsche, überregional-mediale Kommentar zumeist (intellektueller) deutscher Kommentatoren zweifellos kein clever geplotteter amerikanischer Film mit Millionenbudget, aber es ist doch auffällig, wie viele der sozusagen intellektuellen Kommentatoren der Krise sich dazu verschworen zu haben scheinen, die Komplexität aller möglichen und notwendigen und wahrscheinlichen Maßnahmen und Folgen und Begleiterscheinungen der und zur Bewältigung der Krise und entgegen jeder facherkenntlichen Enigmatik auf die Phrase, Corona habe “die Welt fest im Griff” herunterzubrechen. Das ist perfide, als ob es der Alternativlosigkeit der Feststellung bedürfte, um die jeweilige Alternativlosigkeit des Folgenden zu untermauern, umso perfider oder wahlweise achtloser, wenn die hohle Phrase dazu dient, eine Diskursverschiebung zu naturalisieren, die, nach allem was wir wissen, längst nicht ausgemacht sein kann. Wahlweise ärgerlich, wenn “wir” als Kollektiv, nagut, ganz zu schweigen von den kontemplierenden Individuen ihrer Beiträge, die sich der Phrase bedienen, genug über das Virus wüssten. Das Virus hat ganz sicher die Zellen fest im Griff, die es zur Reproduktion nutzt, wie Covid-19 die schwer erkrankten Körper vorweg aller Maßnahmen fest im Griff hat, aber alles darüber hinausgehende ließe sich höchstens als vielschichtiges Ineinandergehen von Entscheideungskaskaden und -bäumen im kausalen Zusammenhang zwar, immerhin, vorstellen, sodass sich eher, vielleicht, behaupten ließe, die Welte habe, als Diskursmoment, Corona fest im Griff.

 

Emily, Rostock

Inzwischen treffen mein Therapeut und ich uns einmal in der Woche in einem Chatroom um gemeinsam zu atmen. Ich weiß, dass wir uns dabei gleichermaßen lächerlich vorkommen, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Generell versuche ich mir nur noch wenig anmerken zu lassen. 

 

14.04.2020

 

Jan, Hannover

Heute ist Nochntag. Mit lautem Getöse zerren die Männer von der städtischen Abfallwirtschaft die Müllcontainer aus ihren vergitterten Verschlägen und treiben sie auf dem Bürgersteig zusammen. Zumindest einmal in der Woche bringen sie so noch etwas Leben in die Straße. Seit dem Lockdown haben die Paketboten der konkurrierenden Dienste insgesamt exakt ein Päckchen für unsere Nachbarn bei mir abgegeben. Vor dem Lockdown kam ich oft schon an einem einzigen Tag auf drei bis vier Sendungen, die ich treuhänderisch bis zur ihrer Abholung in unserem Flur lagerte. So war ich jederzeit bestens über die breit diversifizierten Bedarfe und Bedürfnisse in unserem Haus informiert. Der Rekord waren acht Pakete an einem Tag. Jetzt aber hocken alle Nachbarn den ganzen Tag lang in ihren Wohnungen und warten wie Junkies selbst auf ihre verschiedenen Zusteller, als wären ihre Online-Orders die letzte Verbindung zu einer ansonsten unerreichbar gewordenen Außenwelt.

Kleiner Hund, die große Diva, kommt angewackelt, streckt sich und posiert vor seiner Bücherwand, als würde gleich eine Videokonferenz starten. Ich bin so unwichtig, dass ich seit Ausbruch der Pandemie noch nicht eine einzige richtige Videokonferenz hatte, nur Koch- und Trink-Calls, aber Kleiner Hund ist auf allen Kanälen bestens vernetzt. Das Tier, wie wir es liebevoll nennen, hat in den vergangenen Wochen etwas zugenommen, obwohl wir es achtsamer ernähren, als es uns bei uns selbst je gelänge. Dass wir die Walkies-Runden lockdownbedingt etwas kürzer gehalten haben, macht sich bemerkbar. 

Gleich wird der Wecker klingeln, um uns aufgeregt an seine wichtige Rolle in unserem Haushalt zu erinnern, aber ich bin ihm bereits um eine Stunde voraus. Vor dem Badezimmerspiegel zwinge ich mich zu meinem morgendlichen Kniebeugen-Regime. Auch ich habe zugenommen, was den sportlichen Wert dieser Verrichtung natürlich spürbar erhöht; mehr Gewicht bedeutet mehr Kraftaufwand, ich kümmere mich um mich. Mein Haar wellt sich schon über die Ohren, und vergangene Woche ist auch noch der Barttrimmer kaputt gegangen. Die Krise hat viele Gesichter, meines wuchert langsam von allen Seiten zu.

Die Kids mit den BMX-Bikes (nennt man das heute noch so: BMX? Kids??), die ich früher nie hier gesehen habe, drehen schon wieder gelangweilt ihre Runden im Hof, die dicken Reifen surren über das Pflaster, aus einem Smartphone-Lautsprecher bellt heiserer Delinquenten-Rap. Frühaufsteher-Kids, aha, die werden es noch weit bringen. Der Wecker klingelt, Kleiner Hund antwortet mit kurzem, rhythmischen Fiepen. Gleich werde ich ein paar Downloads starten, meine Fähigkeiten zur Lokalisierung, Beschaffung und dezentralen Ablage digitaler Unterhaltungsinhalte haben sich seit dem Lockdown deutlich verfeinert. Catch and chill. Man kann vielleicht nicht mehr verreisen, aber man kann immer noch jederzeit seinen Standort im VPN ändern.

Die Barista-Boys haben den Espresso zu fein gemahlen. Meine Pyjamahose hat ein Loch. Heute ist Nochntag.

 

Shida

Der Bericht der Leopoldina in Halle ist eine der wichtigen Grundlagen für weitere Entscheidungen, hat Merkel mehr oder weniger angekündigt. Seit gestern liegen deren Einschätzungen vor. Ich bin von den möglicher Weise berechtigten Kritikpunkten, die Menschen daran finden, genervt, weil ich keine Ruhe habe, mich damit auseinander zu setzen. Der Bericht klingt in meinen Ohren plausibel (schrittweise zur Normalität zurück, Schulen für bestimmte Jahrgangsstufen in kleinen Gruppen und mit Mundschutz wieder öffnen, Negativfolgen auf Psyche der Menschen in Isolationszeit nicht unterschätzen und so weiter) und gleichzeitig ist es völlig egal, wem er wie plausibel erscheint denn er ist kein Garant für nichts, was in den kommenden Tagen entschieden wird. Ich finde, er klingt nach Hoffnung, nach dem kleinen Stück hellem Himmel, auf das man starrt, wenn es regnet. Die Vorschläge sind für meine persönliche Arbeitssituation trotzdem niederschmetternd. Die prall gefüllten Arbeitstage werden bleiben. Das ist nach wie vor alles machbar und händelbar und kein Grund zum Losheulen. Es würde nur wirklich sehr helfen, es gäbe eine Pause davon. Einmal ausschlafen zu dürfen, überhaupt einmal dem Schlaf, den der Körper für sich einfordert, nachgeben zu dürfen, nämlich so ungefähr 15 Stunden am Stück. Einmal kurz Wochenende von Corona bitte, dann geht es schon wieder.

Heute stürze ich mich wieder mit mehr Energie in den Roman, an dem ich arbeite. Figuren, die ich mir ausdenke, fühlen sich an wie der eigene Nachwuchs, ich will, dass es ihnen gut geht und sie tun mir mit ihrem Eigenleben wiederum gut. Im Moment würde ich ihnen gerne Dankeskarten dafür schicken, dass mir die Arbeit an ihnen eine Welt ohne Corona liefert. Eine Welt, in der ich entscheide, dass es hier kein Corona gibt und niemals geben wird.

 

Slata, München

Irgendwie soll da morgen was beschlossen werden, keine Ahnung, da wurde etwas gesagt vor ein paar Tagen im Radio, also das klang so, als ob da was beschlossen werden müsste, und auch, vielleicht, ob Schulen öffnen, Horte und Friseursalons, das, was uns fehlt gerade, stell dir vor, wie da alle auf einmal in den Urlaub aufbrechen, das wird was geben, hej, da wird wieder alles zusammenbrechen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig mitbekommen habe, also mitgehört, weil wir grad gegessen haben und die Hälfte verpasst, zum Ende hin erst auf laut gestellt, aber irgendwas muss da ja gesagt worden sein, woher hätte ich mir das gemerkt, dass morgen, am Mittwoch, irgendwas beschlossen werden soll, ich warte dann bis Mittwoch nochmal ab, ob da was verkündigt wird, und bestelle dann ein Set, ein einfaches, als Erste Hilfe sozusagen, einen guten Kamm, eine Schneidemaschine und eine scharfe Schere.    

 

Nefeli, Berlin/Hamburg

Ich glaube, ich bin nicht mehr wirklich alltagstauglich seitdem ich kaum mehr Termine habe. Diese Woche wird irgendwas beschlossen und dann gibt es vielleicht wieder Normalität. Das ist für mich ein bisschen so angsteinflößend wie die Abwesenheit jeglicher Normalität. Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr so richtig, wie das geht. Zurück nach Hamburg gehen, ins Büro, Schlafrhythmus, die Liebsten treffen, auf der Straße Bier trinken, Termine ausmachen, Google Kalender pflegen. Mir kommt das alles befremdlich vor, jetzt wo ich mir all das abtrainiert habe. Ich sitze auf dem Fensterbank und die Sonne knallt rein. Beim Lüften merkte ich allerdings, dass es gar nicht warm ist. Ständig wird man reingelegt. 

 

15.04.2010

 

Sarah, München

Seit wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, koche ich noch mehr als sonst. Oder eher: Gewissenhafter und Detailverliebter als sonst. Denn vor Corona musste ja auch Essen auf den Tisch. Und in unserer Familie bin ich der Koch- und Einkaufmensch, während mein Mann der Wäsche- und Aufräummensch ist. Kochen war schon immer ein Weg, ohne großes Nachdenken kreativ zu sein. Nun nehme ich mir mehr Zeit, experimentiere herum, lese sogar in Kochbüchern nach, was ich sonst höchstens zu Weihnachten oder Geburtstagen mache. 

Und ich merke, wie ich in meinem Kopf auf Reisen gehe, daran denke, wie wir entschieden haben, dass eine Familie ein Waffeleisen braucht. Oder der Reiskocher erinnert mich an meine ehemalige Mitbewohnerin, die ihn mir zum Auszug geschenkt hat und wie ich dastand, zwischen meinen Kisten, mit dem Kochtopf in der Hand und heulte. Und dann sind da noch die fünf rumänischen Kochlöffel. Handgeschnitzt. Ich koche gern mit ihnen. Sie liegen gut in der Hand, haben eine angenehme Größe und eine tatsächliche Mulde, so dass man mit ihnen auch gut abschmecken kann. Bis zum Fall des eisernen Vorhangs aß man in Maramures, wo die Löffel herkommen, auch mit diesen handgeschnitzten Löffeln. An die Zeit in Maramures erinnere ich mich eigentlich gern. Aber nicht so sehr an den Kauf der Löffel. Denn es war einer dieser Imperialisten-Momente, aus denen es keinen Ausweg gibt. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes kam ein Mann auf uns zu, sonnengegerbt und die linken drei Vorderzähne weg, vielleicht war er Mitte vierzig, oder fünzig, auf eine raue Art hübsch, trotz der Zähne. Er hielt die fünf Löffel in der Hand, streckte sie mir entgegen. Sehr fröhlich und siegesgewiss. Och wollte keinen Löffel. Er blieb eisern. Und schließlich kaufte ich alle fünf. Weil sie so unfassbar billig waren und ich mich in der Situation als reiche Touristin (in Maramures ist jeder, der es sich erlauben kann zum Spaß zu verreisen reich) zum Schreien unwohl fühlte. 

Nun stehen die Löffel mit anderen Kochgeräten in einem alten Sektkühler. Und seit Corona erinnern sie mich nicht mehr nur an ihren Verkäufer und vermutlich auch Erschaffer. Sie erinnern mich auch an das Krankenhaus in Sighet (offiziell Sighetu Marmației), wo auf dem Klinikgelände das Rudel wilder Hunde lebt und in den Betten die Matratzen fehlen. Ich muss an die gespendete Klinikausrüstung aus Deutschland denken, die Rostflecken hat und aus den sechzigern ist. An die Ärzte und Schwestern, die schon vorher den Mangel verwaltet haben, würdevoll und ernst und mit viel Fachwissen. Wie viele Beatmungsgeräte es wohl bei ihnen gibt? Corona gibt es natürlich auch in Rumänien. Und es wird auch nicht vor der Idylle von Maramures haltmachen. Und wenn schon New York um Beatmungsgeräte betteln muss, wie wird es wohl dort gehen, dort, wo 

 

Nabard, Bonn

“Was bringt dir das alles? Ist es überhaupt was Wert wenn du dich so aufopferst? Wozu machen wir das alles, nur damit am Ende ein Vollhorst unsere Arbeit kaputt macht oder die Leute es nicht wertschätzen!? Nabard! Pass bitte auf dich auf! Wann hattest du das letzte mal Zeit für dich? Für Musik? Kunst? Inspiration? Deine Umwelt? Verlier dich nicht, mein Bruder!” 

Habe Alex seit London Anfang März nicht mehr gesehen, er ist wieder in Marburg. Ich in Bonn. Dennoch weiß er, spürt er, dass vieles mich momentan stresst.

Habe kurz runter gespickt und gesehen dass parallel zu mir jemand schreibt und nach mir fragt; 

Hallo Sandra! Ja mir geht’s gut. Ich bin angehender Arzt im praktischen Jahr und war bis eben noch im Krankenhaus. Stressig aber ich liebe es. Und du? Wir haben einen Garten und während meiner Quarantäne war es mein Spot, ab der zweiten Woche, jeden Morgen dort frühstücken. Bis mittags sitzen und was lesen. Naja, meiste Zeit YouTube Videos schauen. Ich wollte gerade laufen gehen aber ich dachte ich tippe euch diese Zeilen. 

Zurück zu Alex; ja, er hat recht. Sich für etwas einsetzen und engagieren kostet Kraft. Vieles bleibt auf der Strecke ohne das man es merkt. Virtuell ist man für alle da. Doch was ist virtuelles wert? Ersetzt es die Umarmung eines geliebten Menschen? Das gemeinsame chillen auf dem Balkon? Das Gefühl wenn beide von den Zeilen des Lieblingskünstlers berührt werden? Der Handschlag wenn man etwas fühlt und es zum Ausdruck bringen will? 

Lustigerweise traf ich am nächsten Tag einen alten Arbeitskollegen aus der Zeit wo ich als MTRA in einem Bonner Krankenhaus arbeitete. Er arbeitet jetzt im Schwesternhaus und sprang gestern bei uns ein. Ich saß im Arztzimmer als er an der Tür stand und die Tür nicht aufbekam. Ich ging zur Tür, öffnete sie und sah ihn. Mit seinen 1,95 wirkte er vor fast 7 Jahren noch riesig jetzt sah ich ihm gefühlt in die Augen und ohne zu überlegen umarmten wir uns für mehrere Minuten! Lachten, freuten uns und ließen alle Emotionen heraus. Alt ist er geworden, er stehe kurz vor der Rente und freue sich dass ich es soweit geschafft habe. Seine beiden Söhne studierten jetzt. Er müsste wieder rüber, wir gaben uns beide die Faust zum Abschied. 

Dieser Moment wo ich einen alten Freund umarmen konnte zeigte mir nochmal wie wichtig realer Kontakt mit unseren Mitmenschen ist. Hoffentlich verlernen wir es nach dieser Pandemie nicht.

An Sandra die gerade ihre Zeilen tippt, ich sehe welchen unendlichen Akt du und andere leistet. Worte können nicht ausdrücken wie sehr ich mir wünsche das es sich ändert! Ich will mit euch kämpfen. Hoffentlich können wir das gemeinsam ändern! Zu deiner letzten Frage; JA! Mit jedem Tag mehr. Hab einen schönen Abend und euch  viel Vergnügen mit unseren Zeilen. 

 

Sandra, Berlin

Wo war ich? Ah, auf dem Eskapismuskatapult. In neue Texte hineintauchen und alle 5 Minuten wieder hinaus. Rückenschmerzen vom Kind herumtragen. Kopfschmerzen vom andauernden Nachrichten hören lesen sehen. Kann mich nicht konzentrieren. Apropos:

Während ich diese Zeilen ins googledoc tippe, tippt ein anderer Mensch parallel zu mir. Ich sehe die Zeilen vorwärts und rückwärts laufen, wenn getippt korrigiert gelöscht wird. Das ist ziemlich witzig und ich stelle mir vor, dass mein unsichtbares Gegenüber sieht wie ich tippe mich vertippe lösche von vorne anfange. Hallo anderer Mensch! Wie gehts denn dir so? Hast du noch einen Job? Hast du einen Balkon? Einen Garten? Ein gutes Gewissen? Hast du dir deine Schreibzeit auch gestohlen?

Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich an die unzähligen Menschen denke, denen es viel schlechter geht an mir. Aber es geht mir trotzdem nicht gut. Ich bin zornig, ich bin müde.

In Merkels Rede kein Wort zur Carearbeit (Nein, es geht nicht um „Verzicht“!), zu den Eltern, die arbeiten und kinderbetreuen müssen, ich könnte auch Frauen schreiben, die arbeiten und kinderbetreuen müssen, denen niemand Ausfallshonorare zahlt, von denen erwartet wird beides zu schaffen, die unmöglich beides schaffen können, nicht auf Dauer. Alleinerziehende werden ohnehin wie so oft ignoriert. Diese unsere Gesellschaft schenkt den Frauen nichts.

Ohne Familienpolitik kann und darf Wirtschaftspolitik nicht mehr gedacht und gemacht werden. Und wie @bergdame so treffend schreibt: Familien sind alle Menschen mit Kindern, die Verantwortung für Kinder tragen.

Oh! Ich hab Antwort von meinem tippenden Kollegen. Hallo Nabard. Mir gehts nicht so gut. Siehe oben, ich bin sehr zornig, sehr müde. In meinem Kopf hab ich auch einen Garten. Muss mal wieder Blumen gießen, der Rasen sieht schon etwas angetrocknet aus, der Hund vom Nachbarn hat Löcher gegraben, die Katze einen Vogel gefressen. Federn überall. Willst du immer noch Arzt werden? War ein gutes Parallelschreiben, der wandernde Cursor hat mich motiviert. Jetzt beginnt meine Abendschreibschicht mit open end. Find ich gut, dass du nach wie vor Arzt werden willst, lieber Nabard. Take care! 

Ich korrigiere und schreibe meine Texte meist endlos um. Aber jetzt lass ich das einfach mal so stehen. 

 

Emily, Rostock

Was sich vor meiner Haustür abspielt: eine Gruppe Männer trinkt Bier auf einem Fensterbrett im dritten Stock. Ein Hinterhof wird umgegraben. Eine Schlange beim Bäcker, bei der Drogerie, beim Metzger. Ich kann nichts dagegen tun, dass mir die Situation mit jedem Tag unwirklicher vorkommt. Ich habe Angst und Sorge verlegt und manchmal muss ich mich auswringen, um sie wiederzufinden. Ein Gefühl als wollte ich mich zum Weinen zwingen. Ich muss mich aktiv daran erinnern, warum ich Ostern nicht mit der Familie verbracht habe, warum irgendwann das Geld knapp wird, warum mein Flug nach Griechenland vom namenlosen Kundenservice annulliert wurde.

Erst vor ein paar Stunden wurde beschlossen, wie die Lockerungen im Land aussehen werden. Fast beschämend: ich denke erstmals nicht an die Risikopatient*innen und die Kranken. Ich denke, dass ich mir die Ostseestrände ohne all die Menschen kaum vorstellen kann. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Sagt einem ja keiner, dass in Flaschen abgefüllte Wut frau irgendwann kräftig um die Ohren fliegt. Hilft außerdem wenig, wenn du dann bedröppelt mitten im Schlamassel stehst und dein Blick auf immer neue Schlagzeilen trifft, die dich innerlich explodieren lassen.

Etwa, dass ein Viertel der Corona-Toten in Schottland aus Pflegeheimen gemeldet wurden (https://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-52292001). Auf BBC Radio4 schildert eine Frau, das Heim ihrer Mutter habe telefonisch mitgeteilt, dass Letztere im Fall einer Corona-Infektion keine Krankenhausbehandlung erhalten werde. Das, in Kombination mit dem grassierenden Mangel an Schutzkleidung, klingt fast wie ein Todesurteil. Ich möchte gern Juristen dazu hören: Auf welcher rechtlichen Grundlage werden solche Verfügungen über die Nicht-Versorgung von Menschen getroffen?

Dann wird heute verkündet, dass man wieder Abschied nehmen dürfe von sterbenden Angehörigen (https://www.bbc.co.uk/news/uk-52299590). Die Maßnahme wirkt irgendwie zynisch aus dem Mund von Gesundheitsminister Hancock, der Schutzkleidung und ausreichende Tests gefühlt jeden Tag neu verspricht, aber wenig zustande bringt, ganz zu schweigen von anderen Versagensbaustellen.

Teile der Bevölkerung bekleckern sich gerade ebenfalls mit wenig Ruhm, wie ein Beispiel aus Edinburgh zeigt: Da gibt es doch wirklich Menschen, die ihnen Fremde, die sich beim Spazierengehen zufällig treffen und miteinander unterhalten, unvermittelt anschreien, beschuldigen, nicht genügend Abstand zu halten und dann mit dem Maßband zur (scheiternden) Beweisführung schreiten (https://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-edinburgh-east-fife-52230081). Unter anderen Umständen: comedy gold.

Dann die Meldung über Channel 4 (https://www.channel4.com/news/pregnant-nhs-nurse-dies-with-coronavirus-but-baby-saved), dass am Ostersonntag eine 28jährige Krankenschwester an Covid-19 gestorben ist; nur Tage vorher war ihre jüngste Tochter durch Kaiserschnitt gesund zur Welt gekommen. Obwohl unklar bleibt, wie sie sich angesteckt hat, ist klar, dass sie bis ca. Mitte März noch Patientenkontakt hatte. Wieso man, in einer angekündigten Pandemie, eine hochschwangere Frau überhaupt einem Risiko ausgesetzt hat, bleibt mir schleierhaft. Ist es purer Zufall, dass es sich um eine Frau of Colour handelt?

Das ist natürlich nicht der ganze Katalog des gerade alltäglichen Wahnsinns, aber wenn ich jetzt noch von Flüchtlingen in Seenot oder Klassenunterschieden in der Bewältigung des Lockdown anfange, mag ja gar keiner mehr weiter lesen. Da hilft nur, mit etwas besseren Nachrichten die Wutflut einzudämmen: Also ende ich für heute mit dem fast 100jährigen Kriegsveteran Captain Tom Moore, der seit einiger Zeit mit einem Rollator unermüdlich rund um seinen Garten in Bedfordshire stapft, um Geld für den NHS zu sammeln. Eigentlich wollte er £1,000 zusammenbekommen. Inzwischen sind es mehr als £4 Millionen.

Prinzipiell ist die Idee, den NHS durch Spendenaktionen mitzufinanzieren, absurd; aber Fakt ist: das Geld fehlt, und die Großartigkeit dieses einen Menschen macht zumindest gefühlt manche Widrigkeit wett.

PS: Ich verspreche bald wieder weniger Presseschau und mehr Introversion oder was dafür gelten mag.

PPS: 16. April: Nun hat Captain Moore, noch vor seinem 100sten Geburtstag, 100 Runden um seinen Garten gedreht. Laut BBC sind £12 Millionen für den NHS zusammengekommen. !!!

 

Fabian, München

Was zur Hölle ist relevant. Was wäre konsequenter an der Annahme, die Fragen zu stellen wäre dem Versuch, sie sich zu beantworten, vorzuziehen. Etwas macht, etwas sieht zeitversetzt, die ganze “Corona-Kultur” ist eine Kultur inhärenten Zeitversatzes, ganz zweifellos, oder? Unser Unfähigkeit, die Welt zu erfassen, bestätigt sich in der zur Regel konvertierten Ausnahme von der Regel pluralistischer Berichterstattung; das ist zu einfach – was soll’s? Es gibt immerhin noch Nebenschauplätze, aber keinen Bezug auf die Krise dort, die sich nicht in der möglichen Welt unwahrscheinlicher Dramen realisiert. Zoos, die zur Ernährung der einen die Schlachtung der anderen Terie zur Disposition stellen, aus reinen, brutalen Kostengründen, Dispositiv der Fragilität von Institutionen, deren ganz selbstverständliche Stabilität des schönen Scheins in Friedenszeiten keiner infrage stellt. Und ganz sicher gibt es noch weniger plakative Beispiele und ganz sicher äußerst sich’s als unangemessen grobe Verkürzung, wenn man dabei das Gefühl hat, dass Facebook etwa schon einen Grund haben wird, mit dieser zweifelhaften Funktion der Vorfilterung der “relevantesten” Kommentare sehr häufig eher militante Eindimensionalist*innen zu bevorzugen, für die die Welt, und mit ihren engen Perspektiven durch die thematischen aber immer gleichen Bezüge, nicht in die Widersprüche, Zufälle und Ambivalenzen zu zerfallen  scheint, die zur Verfügung stünden, immer.

 

Matthias, Jena
Die Fernseher sind so groß, dass es Wohnzimmerfenster gibt, die fast völlig davon ausgefüllt werden. Man schaut in ein fremdes Wohnzimmer und es ist einfach, als schaute man auf einen großen fernen Bildschirm, und genau das tut man ja auch. Das ist mir früher nie aufgefallen, aber ich gehe jetzt anders durchs Viertel.
Der Spielplatzsand, der in den vergangenen Wochen mit der Sandmaster-Siebmaschine durchgearbeitet und geharkt wurde, harrt hinter rotweißem Flatterband darauf, dass Kinder irgendwann wieder zum Spielen nach draußen dürfen.

Ich habe immer noch leichte Atemschwierigkeiten, die ich mir nicht erklären kann. Vielleicht nehme ich auch nur meinen ganz normalen Atem falsch wahr? Es ist leider aktuell völlig unmöglich, noch unmöglicher als sonst, sich unvoreingenommen mit der Wahrnehmung des eigenen Atems auseinanderzusetzen. Ein Leibphänomenologe hätte vermutlich seine Freude an mir. Ich will einfach nur, dass es aufhört.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (8)

Dies ist der achte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7)

Das mittlerweile über 112 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

 

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

7.04.2020

Nabard, Bonn

Mein erster Tag in “Freiheit”. Meine erste Woche als gesunder Mensch. Ich gehe nach Wochen wieder einkaufen und sehe die Menschen sich plötzlich anders verhalten. Als würde eine unsichtbare Hand der Angst über sie alle liegen von der ich mich irgendwie befreit fühle. Sofern das Virus den Regeln der Immunologie, Physiologie und Biochemie folgt, was es tut,  haben diejenigen die daran erkrankt waren und nun gesund sind, eine Immunität entwickelt. Bis zu dem Zeitpunkt wo es mutiert und sich anpasst.

Aber jetzt werde ich in die Stadt fahren, zwei Termine wahrnehmen. Im Rewe einkaufen. Veganes Eis hat mir meine Schwester empfohlen. Morgen darf ich wieder ins Krankenhaus, lernen, praktizieren, helfen. Die Ärzte freuen sich das ich gesund wiederkomme. Ich freue mich dass sie alle gesund geblieben sind. 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich unterhalte mich mit einem befreundeten Autor über das Wesen des Erinnerns. Darüber, dass wir uns wundern, wie wenig wir oftmals erinnern, von einem Raum, einer Begegnung, einer Reise, auch weil sich Manches im Leben erst viel später als bedeutsam erweist. Dass es Momente gibt, in denen unerwartet und überwältigend lebhaft Erinnerungen in uns auftauchen, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass wir sie haben. Dass eben diese schweigenden, zurückhaltenden Erinnerungen dennoch in uns fortarbeiten, uns vielleicht leiten, vielleicht aber auch Unsinn treiben. 

Wie werden wir die jetzige Zeit erinnern, in ein paar Monaten, Jahren, Jahrzehnten? Als Zeit der Angst? Der Entblößung von Lücken und Lügen im System Kapitalismus? Der zunehmenden häuslichen und staatlichen Gewalt? Der Großzügigkeit und unerwarteten Hilfsbereitschaft? Der Hilflosigkeit? Der unbändigen Kreativität? Des Muts? Der erzwungenen, genossenen, verhassten Intimität? Des Verzichts? Des Erstarkens nationaler Egoismen und Reflexe? Der Polarisierung? Der Solidarität? Als Zeit, in der wir ernsthaft darüber diskutieren, ob es erlaubt ist, allein im Park auf einer Bank zu sitzen und ein Buch zu lesen (schon immer ein subversiver Akt). Und wie werden verschiedene Altersgruppen sich erinnern? Kinder, die jetzt gern mit Altersgenoss:innen spielen würden, die Fremden noch weiter aus dem Weg gehen müssen als sonst, und die andererseits erleben dürfen, wie das ist, wenn Mutter und Vater oder Mutter und Mutter oder Vater und Vater oder nur Mutter und nur Vater den ganzen Tag unter der Woche daheim sind, vielleicht noch weniger entspannt und müder, dafür aber, zumindest, anwesend.   

Zukünftige Erinnerung spielte auch in der Rede der englischen Königin eine Rolle, die dieses Wochenende ausgestrahlt wurde. Je länger ich ihr zuhörte, umso weiter rückten ihre Worte in die Vergangenheit zurück: “I hope that in the years to come, everyone will be able to take pride in how they responded to this challenge. And those who come after us will say the Britons of this generation were as strong as any, that the attributes of self-discipline, of quiet, good-humoured resolve, and of fellow feeling still characterise this country. The pride in who we are is not part of our past. It defines our present and our future.” [Cut zu Bildern von Menschen, die vor ihren Häusern auf der Straße und in Supermärkten applaudieren und zu Bildern von Kinderzeichnungen mit Regenbögen, die in den letzten Wochen überall im Land an den Fenstern aufgetaucht sind.] Und die Stimme der Königin kommentiert: “The moments when the United Kingdom has come together to applaud its care and essential workers will be remembered as an expression of our national spirit. And its symbol will be the rainbows drawn by children.”

Die Rhetorik des Nationalen und des Stolzes ist bekannt, und ich finde sie ermüdend. Von den evozierten Tugenden – besonders dem ‘fellow feeling’ – hätte ich mir nicht nur als Einwanderin in dieses Land viel mehr gewünscht während der Brexit-Debatten der letzten, zermürbenden Jahre. Werden die Gräben, die während dieser Zeit aufgerissen sind, durch die Pandemie kleiner werden? Ehrlich gesagt, ich bezweifle es, aber ich lasse mich gern positiv überraschen. Am Ende berühren mich die Worte der Königin dann doch noch, wenn hinter dem jahrzehntelang trainierten Gesichtsausdruck der royalen Rolle die Mutter, Großmutter, Urgroßmutter aufscheint: “We will be with our friends again; we will be with our families again; we will meet again.”

Fabian, München

Etwas “Tolles” an der Situation ist die Nicht-Verfügbarkeit eines Fail-Safes – zu viele Variablen, möchte man’s auf ein Bonmot runterbrechen; und natürlich, es ist gleich schön wie die Feststellung banal scheint, dass die, soweit von hier aus sichtbar, funktional ausdifferenzierten, man verzeihe den Luhmann-Kalauer, Gesellschaften “der” Welt die Kontingenz (neu) direkt proportional mit der Neuheit aller möglichen Details, umständehalber, bewältigen. Nichts besonderes, aber schön zu beobachten, wie sich die aus der Historie gezogenen Theorie-Ansätze und ihre im beobachtenden Bewusstsein soweit festgesetzten Fragmente real in Szene gesetzt sich zu bestätigen scheinen, unter, versteht sich, dem Vorbehalt der immer beschränkten Reichweite des sinnbildlichen Auges und dem Fallstrick eines gewissen Zynismus, wenn man, so weit entfernt, darüber hinwegsieht, dass die Kontingenzbewältigung mit realen Kosten (von Menschenleben, ökonomischen Werten, im weitesten Sinne, Existenzen, oder was immer man mit dem geringen Abstand, der zur Verfügung steht, dafür hält) einher, mindestens, geht, während sich reale Gewinne aus der Krise, wenn überhaupt, noch gar nicht abschätzen lassen, und ohnehin noch, mit merklicher Breitenwirkung, kaum jemand bis niemand über Bedingungen nachzudenken scheint, die über die Wechselwirklichkeiten der Sicherung menschlichen Lebens mit “dem” empirischen Gespenst “der” Wirtschaft hinausgingen. Schade eigentlich, oder bloß zu früh, um da mehr zu sehen, als die aus der Zukunft der Krise herüberwehenden Symptome eines, mit Mark Fisher, kapitalistischen Realismus ohne Alternative – von den verschwurbelten bis schlicht und einfach “zu” reduktiven Utopien aus einer längst vergangenen Zeit vor drei Wochen ganz zu schweigen, die da und dort aufploppten, um inzwischen aber wieder völlig das Feld den möglichst kurzsichtigen Forderungen der üblichen wirtschaftsliberalen Mahner überlassen zu haben.

Janine, Flensburg

Seit Wochen gehen wir so selten vor die Tür wie möglich. Man sieht es auch am Inhalt des Wäschekorbs. Ausschließlich Zuhause- und Schlafklamotten. Baumwolle, Fleece. Kindische Farben. Muster wie Pünktchen, Streifen, Sterne, Häschen. Der befüllte Wäscheständer schließlich sieht aus wie ein Symbolbild für „Waschtag in der Clownsschule“.

Slata, München

Jetzt irgendwie runterfahren, sich beruhigen, nur keinen Druck. Die Diss muss nicht diesen Monat schon beendet werden, der nächste Lyrikband muss nicht bis Ende der Quarantänezeit geschrieben sein, keine Lesungen, Gott bewahre, ein übersichtliches Leben also abseits grandioser Pläne. Entzugserscheinungen werden sichtbar, zitternde Hände, pulsierende Augen, es fehlt die tägliche Dosis Erfolgsdenken und Konkurrenz. Ich versuche mich an den Kürbispflänzchen zu orientieren, an den Sonnenblumenkeimlingen auf dem Balkon, sie wachsen langsam, Geduld, Geduld nur, Aufmerksamkeit und Zuversicht, gar nicht im moralischen Sinn, als praktische Sentenz oder Spiritualität, nein, ich meine es völlig sachlich, ich will am Ende dieser Zeit dazu kommen, mich, nur an sich, ohne alles, was ich machen sollte, könnte, mich nicht weniger wertvoll als diese Keimlinge auf dem Balkon zu schätzen.

8.04.2020

Sarah, München

Es gibt Dinge, die lassen uns nicht los. Ich meine nicht Traumata. Ich meine Passionen, Obsessionen, Faszinosa. Dinge, Ereignisse, die uns an irgendeinem Moment in der Kindheit packen und ab diesem Moment können wir nicht mehr von ihnen lassen. Für mich sind das Pflanzen und Insekten. Und nun trägt mich diese Passion durch dieses merkwürdige Corona-Frühjahr. In allen möglichen Näpfen und Töpfchen keimt und wächst es. Ich taste mich vor von den sicheren, vertrauten Projekten, der altvertrauten Tomatenzucht von einem halben Dutzend Pflanzen zu verwegenen Experimenten. Wassermelonen und mexikanische Minigurken (von denen ich noch nicht einmal weiß wie sie aussehen und schmecken werden), die nun in der Wärme von Plastikhüllen das Licht der Welt erblicken bestaune ich. Und ich bin mir nicht sicher, wer hier wen mehr päppelt. Jeden Morgen gibt es ein neues Blatt zu bestaunen, hat sich eine weitere Ranke gebildet. Die Zeit geht voran, sie bleibt nicht stehen. Die Pflanzen sind ein gewachsenes Kalendarium. Sie werden Früchte tragen. Vielleicht nicht genießbar. Wassermelonen in Deutschland sind eine wirklich merkwürdige Idee und wahrscheinlich geht es schief. Aber das macht nichts. Nein, es scheint mir geradezu unwahrscheinlich, dass dieser äußere Stillstand eine schmackhafte, süße Wassermelone hervorbringen kann. Aber Wachstum. Ranken. Blätter. Stille Bewegung. Trotzdem.

Jan, Hannover

Die Stadt um mich herum fühlt sich an wie ein Anzug, der zu weit geworden ist. Wie ein verlassener Badeort im Winter, in dem nur noch die mürrischen Einheimischen durch eine Kulisse schleichen, die für die Belustigung aufgekratzter, längst abgereister Besuchermassen ausgelegt ist. Geschlossene Geschäfte und Cafés warten hinter dunklen Schaufensterscheiben auf neue Gäste, neues Leben im Sommer. «Locktown», schrieb Oli Grimm (@freikampf) heute morgen auf Twitter. Mir schwirrt oft die Melodie von «Everyday Is Like Sunday» durch den Kopf, wenn ich durch das Viertel laufe, «the seaside town that they forgot to bomb». Auch wenn ich Morrissey nicht mehr hören mag.

Die Stimmung in der Stadt ist eigentümlich und ich möchte sie mit meiner Kamera einfangen, aber es gelingt mir nicht. Es fällt mir schwer, die Abwesenheit von etwas festzuhalten, und manchmal, zu selten ist mir das früher geglückt. Jetzt aber schieße ich Bilder von vollendeter Banalität und Langeweile, die ich später am Rechner wieder lösche. «Everyday is silent and grey», Pixel Edition.

Ich lebe in keinem Badeort, nicht an der See. Früher versuchte ich mir manchmal mit geschlossenen Augen vorzustellen, das Rauschen des Verkehrs auf dem nahen Kreisel wäre das Meer oder ein Hafen, vergebens. Doch selbst der Kreisel ist jetzt still geworden, auch das sonst so beständige Hupen und Bremsenquietschen der aufgeregten Autos (Deutsche können keine Kreisel) ist nahezu verstummt. Ich sitze auf dem Balkon und genieße die Sonne, die ihr warmes Licht großzügig über den beinahe leeren Parkplatz des Callcenters ausgießt. Aus der Ferne weht die abgehackte Stimme des Mannes herüber, der mit einem Megaphon die Kundenschlange vor dem wiedereröffneten Baumarkt  durch einen improvisierten Kordon aus Europaletten, Malerböcken und Flatterband dirigiert. Wie in einem Flashmob mit Sicherheitsabstand versammeln sich die Bohr- und Bastelfreudigen vor der mächtigen orangefarbenen Heimwerkerkathedrale, als wollten sie ein Statement abgeben: Wenn nicht mehr geschraubt und gedübelt wird in diesem Land, hat das Virus schon gewonnen.

Sandra, Berlin

Ich habe eine sehr sehr schlechte Serie von Anfang bis Ende gesehen (Unorthodox).

Ich habe Eis gegessen (Affogato, Vanilleeis in Espresso).

Ich habe versucht zu arbeiten (Wirklich?).

Ich habe wirklich versucht zu arbeiten.

Ich hatte einen Lachkrampf und zwei Wadenkrämpfe.

Ich habe ein bisschen geweint.

Ich habe im Supermarkt analog-Pac-Woman gespielt.

Ich habe Nachrichten geschaut gehört gegessen gestreamt geträumt.

Ich habe von DIY-Mundschutz-Tutorials gealbträumt.

Es ist Frühling, und mir ist nach Winterschlaf.

Und was ich im Übrigen noch sagen will:

Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. Ich will einen Garten. 

[da capo al fine]

Janine, Flensburg

Am späten Abend erst zum Hundestrand, dann zur Schusterkate gelaufen, dem einzigen unbewachten Grenzübergang zwischen Deutschland und Dänemark seit Wiedereinführung der Einreisekontrollen 2016. Doch auch hier kommt man nun nicht mehr rüber, die Brücke ist über ihre gesamte Länge im Zickzack mit rot-weißem Band abgesperrt. 

Auf der anderen Seite sieht man schemenhafte Gestalten, dänische Polizei, die sich mutmaßlich langweilt, ab und zu blitzt der bläuliche Screen eines Smartphones auf. Hinter ihnen, unsichtbar in der Dunkelheit, führt der im letzten Jahr fertiggestellte Wildschweinzaun aus dem Kollunder Wald hinaus und etwa zwanzig Meter in die Ostsee hinein. Der Zaun soll ein Bollwerk gegen die Afrikanische Schweinepest sein, Anfang Februar gab es noch einen Protestmarsch von Bürger*innen diesseits und jenseits der Grenze, in den Zaun wurden Plastikrosen gesteckt, aber darüber spricht gerade niemand mehr.

Am Strand sitzt eine Gruppe Jugendlicher und trinkt Alkohol. Sie machen mich wütend, weil sie mindestens zu fünft sind und natürlich null Komma null Abstand zueinander halten, gleichzeitig tun sie mir leid, weil sie wahrscheinlich ihre Gründe haben, kurz vor Einbruch der Nacht noch hier zu sein. Schätze, zuhause ist es beschissen und war es auch schon vor Corona.

Marie Isabel, Dunfermline

Ich möchte Zug fahren. Ich laufe zum Bahnhof und nehme die erste Verbindung, die kommt. Richtung Edinburgh. Es sitzt kaum jemand im Wagen. Eine Frau, die wippenden Kopfes Musik hört. Ein älterer Mann in dunkelgrauer Jacke. Draußen ist es dunkel. Schon spät. Als der Zug die Querung des Firth of Forth erreicht, schweben wir einen Moment lang über dem Wasser. Ein weiter Raum öffnet sich. Lichter an beiden Ufern senden Lebenszeichen. Da ist noch jemand wach. Menschen in kleinen oder größeren Häusern. Mit und ohne Garten. Alle gemeinsam allein. Ich schließe die Augen. Höre dem Räderschienenrattern zu. Es ist jetzt kälter als mittags, da die Sonne weiß und warm aus blauem Himmel schien, so als sei Sommer und wir hätten alle frei, so als könnte ich einfach zum Bahnhof laufen und Zug fahren, weit in dieses schöne Land hinein, und aus der Nacht in den Morgen, der doch unweigerlich auf das Heute folgen muss, und auf den ich jedesmal hoffe, wenn es dunkel ist, und ich die Augen schließe.

Svenja, Köln

Corona ist seit dreimal Müll runter bringen. Seit 23 mal wischen. Seit 48 mal Zähne putzen (nach dem Duschen muss man immer auch Zähne putzen). Corona ist seit 13 Dosen Kidneybohnen, seit sechs Brokkoliköpfen, seit 4 Paketen guten Humus aus dem türkischen Supermarkt und 3 Paketen schlechten Humus aus dem REWE. Seit Corona habe ich 13,47 Stunden Hörbuch gehören, 57 gedruckte Seiten gelesen und 147 digitale, aber manche habe ich auch überflogen. Ich habe sechs Fenster geputzt, 13 Serienfolgen gesehen, zweimal die Wäsche zum Waschsalon getragen und eine neue Zahnbürste gekauft. Ich habe zwei Arzttermine abgesagt und einen wahrgenommen. Ich saß 37,2 Stunden vor Zoom und habe 24 Stunden lang Skype benutzt, ich habe 14 Menschen angerufen und drei Anrufe nicht beantwortet, 2 Nachrichten nicht gelesen, aber 6245 Zeichen in SMS geschrieben und es ist immer noch Corona.

Ich habe über drei Autorinnen gelesen und mir ihre Namen aufgeschrieben. Meine Ordner haben jetzt auch welche: Archiv 2009–2011, 2011–2015, 2017–heute. Ich habe drei T-Shirts aussortiert und einen Brief beantwortet, zwei geschrieben, eine Postkarte bekommen und den Pfand weggebracht. Ich habe versucht meine Augenbrauen wachsen zu lassen. Ich wollte auch etwas Wildes im Gesicht, etwas, das die Ausnahme markiert, aber auch ein bisschen auf mein Potential als Nachdenkerin verweist. Am Anfang habe ich mir vorgenommen, einen strengen Plan zu haben, gut aufzupassen, jeden Tag etwas mit dem Körper zu machen, dass ich ihn nicht vergesse in der Stille. Ich habe eine Absage bekommen und hätte noch einen zweiten Brief geschrieben, aber dann ließ ich ihn liegen bis es wieder hell war und dann kam er mir albern vor.

Seit Corona habe ich 171 Stunden geschlafen und fünf Bilder von meinem Gesicht gemacht, aber sie haben mir alle nicht gefallen. Auf meinem Gesicht sind 48 neue Sommersprossen, die mag ich aber. Seit Corona hatte es 179,1 Stunden Sonne, kein Eis und keinen Schnee, aber 12 Tage mit Niederschlag. Ich war fünf Mal in Begleitung spazieren und den Rest alleine. Es hat mir gut gefallen, wenn ich unterwegs Fische oder Vögel oder Hunde gesehen habe. Einmal stand ich sehr lange vor einem geschlossenen Kosmetiksalon und betrachtete die zurückgelassenen Fische im Aquarium. Sie kamen mir außerordentlich schön und bunt vor, vielleicht gehört sich das so für Kosmetiksalonfische. Sie machten mürrische Gesichter, vielleicht weil sie wussten, dass sie jetzt lange niemand mehr betrachten würde und dann gab ich mir besonders viel Mühe.

Vor zwei Wochen kam ein Paket für einen Nachbarn. Ich hatte es angenommen und auf ihn gewartet. Als er nie kam, stellte ich es in den Flur und jetzt steht es seit zehn Tagen auf der Fensterbank. Manchmal drehe ich es um, sodass man die Anschrift richtig lesen kann, aber jemand im Haus dreht es immer zurück. Ich habe seit 39 Tagen niemanden mehr geküsst, aber das ist nicht die Schuld von Corona.

9.04.2020

Tilman, Hamburg

Am Dienstag war ich zu einem Termin beim Landgericht Hamburg. Im Rahmen der richterlichen Unabhängigkeit kann jede*r Richter*in selbst entscheiden, ob verhandelt wird oder nicht. 

Das ganze Landgericht ist ausgestorben. An der Tür – klassischerweise müsste man Pforte sagen – hängt ein Zettel, dass man wegen Corona und doch bitte nur, wer unbedingt muss usw. Ich schlendere also durch ausgestorbene Gänge und warte vor dem Sitzungssaal. Es findet nur ein Termin statt an diesem Tag, in diesem Raum. Der Fall an sich ist unspektakulär und aufgrund der Vorgeschichte gehe ich davon aus, dass der Gegner nicht erscheint. 

Ein junger Richter kommt vorbei grüßt nett, wir stellen fest, dass wir gleich gemeinsam verhandeln und der Gegner wohl nicht erscheint. So ist es dann auch. Der Termin ist daher entsprechend kurz, es sind nur wir beide. Es ergeht Versäumnisurteil. Warum er denn heute verhandelt, möchte ich vom Richter wissen, denn eigentlich lief der Prozess bisher über den Tisch einer Kollegin, die auch den Termin angesetzt hat. Die Kollegin ist in Quarantäne, sagt er, Kontakt mit einem Coronapatienten. Ich schlendere durch das leere Landgericht nach draußen und gehe mit R. Spaghettieis essen und Knackfolie knacken.

Matthias, Jena

Vorgestern hatte ich den zweiten Tag in Folge leichte Atemschwierigkeiten und Schmerzen in der Brust. Natürlich habe auch ich von den atypischen Covid-Verläufen gehört, bei denen außer unklaren Schmerzen keine Symptome auftauchten, und mir entsprechend Sorgen gemacht. Ich bin kurz vor 12 zum Hausarzt; um 16 Uhr hatte ich mehrere ausführliche Arztgespräche, EKG, Thoraxröntgen und Lungenfunktionsprüfung hinter mir und auf Verdacht auch schon einen Asthmainhalator bekommen. Wenn die Radiologiepraxis nicht am anderen Ende der Stadt gewesen wäre, wäre es schneller gegangen. Es wurde nichts diagnostiziert außer einer leichten Überblähung der oberen Lunge; ich solle wiederkommen, falls es schlimmer wird oder anfallartig auftritt. Ich befürchte, es ist irgendwie psychosomatisch. Vielleicht ein Selbstverstärkungsphänomen, weil man aktuell mehr auf seine Atemwege achtet? Mir ist es alles recht peinlich, aber zuhause bleiben mit Brustschmerzen wollte ich in Zeiten einer Lungenseuche nun auch nicht.

Heute, Gründonnerstag, Ostereinkäufe. Das Konsumverhalten ändert sich – ich habe zum ersten Mal überhaupt relevante Mengen auf dem Wochenmarkt eingekauft. Alles war zu bekommen. Es nötigt mir Bewunderung ab, wie gut offenbar sehr vieles weiterhin funktioniert, Gesundheitssystem, Lebensmittelversorgung, Nahverkehr.

Und natürlich alles mit Maske, die Pflicht gilt in Jena seit Montag quasi in allen öffentlichen geschlossenen Räumen, die man noch betreten darf. Eine ganz neue Erfahrung ist es, über Stunden hinweg den eigenen Atem zurückgeworfen zu bekommen. So rieche ich also, wenn ich Kaffee getrunken habe? Auch das ist mir peinlich.

Was ich beruhigend und hoffnungsvoll finde, ist, dass an allen großen und kleinen Baustellen der Stadt weitergebaut wird. Teils sogar mehr, schneller und früher als vor der Pandemie, da man die Zwangspause ausnutzt. Wenn der Ausnahmezustand wieder vorbei ist, hat Winzerla eine neu angelegte Kinderrutsche und renovierte Wasserläufe und Jena ein neues Bootshaus – und wer weiß, was noch alles fertig wird. Es weiß ja niemand, wie lange es alles dauert, aber dass weitergebaut wird, ist ein überall sichtbares Zeichen dafür, dass an eine Zukunft geglaubt wird, in der es wieder eine nicht-elektronische Öffentlichkeit gibt, und das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Sarah, München

Ein erster Einkauf mit Maske. Eine selbstgenähte, bei ebay gekauft. Die Gummibänder sind zu eng. Sie schneiden in die empfindliche Haut hinter den Ohren, zuerst nur ein Ziepen, steigert es sich in wenigen Minuten in einen Schmerz, der es mir schwer macht, mich zu konzentrieren. Und plötzlich steigt eine Wut in mir hoch, die mich völlig überrumpelt. Ich sehe mich die Maske herunterreißen und mich schreiend auf die beigefarbenen Fliesen des Supermarktes schmeißen. SO EINE VERFICKTE DRECKSSCHEISSE! Möchte ich auf einmal schreien. Jetzt. Hier. Ganz plötzlich. Ich bezahle, obwohl ich höchstens die Hälfte der Dinge zusammengesucht habe, die ich kaufen wollte, stürze zu meinem Auto, schmeisse den Einkauf in den Kofferraum und steige ein. Das Gummi zerreißt, als ich mir die Maske herunterzerre. Ich haue auf das Lenkrad, das kurz und erschrocken aufhupt. “SCHEISSE!” schreie ich endlich wirklich. Und nochmal “VERDAMMTE SCHEISSE!”. Es ist nicht ganz so befreiend, wie ich es mir im Supermarkt vorgestellt habe. Aber es hilft ein wenig. Dann starre ich für ein paar Minuten aus der Windschutzscheibe auf die noch kahle Parkplatzbepflanzung. In München kommt das Frühjahr immer später als im Rest von Deutschland. Ohne die Blätter ist der braune Rindenmulch besonders Trist. Die Maske. Sie hat sich am Schaltknüppel verfangen. Das Gummiband lässt sich ganz leicht wieder zusammenknoten, was ich auch gleich tue. Schuldbewusst. Warum diese Wut? Warum habe ich das vorher nicht gemerkt? Ich lege die Maske in meine Tasche, vorsichtig gefaltet, was eigentlich gar nicht meine Art ist. Meine Taschen ist immer ein Sammelsurium aus Zetteln, Müll und Fundstücken, wie Steinchen oder verlorenen Knöpfen. Ich positioniere die Maske noch einmal sorgfältig, als legte ich sie in ihr Bettchen, bis zum nächsten Mal. Verdammte Scheiße.

Shida

Liebes Tagebuch, endlich vertraue ich es dir an, denn ich habe herausgefunden, dass es alle machen: Ich hatte Besuch. Ehrlich gesagt schon ganze vier Mal. Ich schwöre, wir saßen nur draußen (nur möglich weil immer noch Exil auf dem Land dank fetter Privilegien), wir hielten Abstand, wir hatten zwischendurch sogar Mundschutz an, wir haben uns wirklich Mühe gegeben. Erst konnte ich deswegen nicht schlafen, dann fand ich es schön, dann lud ich neue Menschen ein (die verabschiedeten sich allerdings mit den Worten „Es war sehr doof“, vermutlich, weil es wiederum ihr erstes Mal war).

Ich bin so verflucht regelkonform, wenn Merkel sagt „Bitte soziale Distanz wahren“, dann bin ich die erste Person, die zwei Minuten später alle Verabredungen absagt. Ich habe nicht gewusst, dass es so viele Menschen gibt, die gar nicht nur mit ihrer allernächsten Isolationsgruppe abhängen, sondern zwischendurch andere Leute treffen. Aber alle auf dem Land machen das! Wenn man einmal anfängt, sich zu outen, geben alle es zu! Sie treffen sich heimlich! Pah! Erwähnenswert finde ich das übrigens nur, weil es so unglaublich schön zu durchschauen ist, wie sich alle dabei an irgendwelchen Entschuldigungen und Erklärungen festklammern und wie ich selbst vorne mit dabei bin. Wie wir in der Sonne sitzen, Kuchen essen und uns aufzählen, dass wir wirklich gesund sein müssen, denn wir sehen ja wirklich niemanden und gehen nur einmal die Woche einkaufen und waschen uns dauernd die Hände undsoweiter. Das sind tolle, beruhigende Gespräche, in denen wir uns gegenseitig die Absolution geben, perfekte Ausnahmen füreinander zu sein. Unangenehm wird es, wenn wir dann feststellen, dass wir die Grenzen doch irgendwie alle vollkommen unterschiedlich setzen. Ich am äußersten Rand (fasse Tassen für Gäste nur mit Tüchern an, rühre sie dann nicht mehr an, ziehe von mir berührte Kannen und Messer wieder aus dem Verkehr), die anderen am anderen äußersten Rand (die Kinder wird man ja wohl noch abknutschen dürfen! Nur noch einmal, nur noch mal kurz, Kinder husten doch sowieso immer!). Äh, Leute, so geht das eigentlich nicht, ihr müsst das doch alle so wie ich machen, denke ich hinterher und weiß auch, dass alle das gerade denken. Alle denken gerade, sie machen es genau richtig und wenn man einmal anfängt, aufzuzählen, was man gelesen hat und deswegen ganz genau weiß, dass man es ganz richtig macht, dann entspinnt sich das dreißig Millionste, langweiligste Gespräch unter Hobby-Virulog:innen, die vor einem Monat nicht mal wussten, was Virulog:innen sind. Ich halte mich auch stur an meine eigenen Erkenntnisse. Zum Beispiel daran, dass es DER Virus ist und nicht DAS Virus. Vor drei Wochen hat mich jemand zum ersten Mal darauf hingewiesen, dass ich das falsch mache. Schockierend, was man in einunddreißig Jahren auf der Welt immer noch nicht gewusst hat. Ich weigere mich trotzdem, mich zu korrigieren. An irgendwas muss man doch stur festhalten dürfen, bitte. Lasst mir den Virus.

Fabian, München

Grade ist es schwer, einen Gedanken zu fassen, oder nicht in Bedeutungsschwere abzugleiten, die, als befände man sich gewissermaßen an einem Scheidepunkt, gewissermaßen mehr Zeit einnimmt, im Alltag, oder was der immerhin nur halbe Arbeitstag davon übrig lässt.

Abgesehen davon, dass ein Teil dieser Tage jetzt im Homeoffice verbracht werden, hat sich daran nichts geändert, im Grunde, dass sich die Tage, die Nachtzeiten, schlafenderweise, nicht mitgezählt, in zwei Teile reißen, deren Einheit die Arbeit enthalten, die ich gerne mache, und einen meistens diffusen Rest. Das heißt, um nicht zu sagen, der Ausnahmezustand habe sich normalisiert, dass seine alles außer gewöhnlichen Elemente sich soweit in das Denken darüber integriert haben, dass das Nachdenken über die Außergewöhnlichkeit der Umstände und Maßnahmen sich an der Außergewöhnlichkeit der Maßnahmen und Umstände nicht mehr über die Perspektive hinaus stören, an der sie schließlich enden, gerade weil alle Aussagen, die darüber gemacht werden, noch so vage sind, notgedrungen.

Kulturkonsum 2/20

In der Rubrik “Kulturkonsum” stellen wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vor, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

 

Simon Sahner (@samsonshirne)

Als ich vor etwa zwei Jahren gesundheitlichen Gründen längere Zeit zuhause war, habe ich zwei Videospiele entdeckt, die mir damals sehr geholfen haben, innerlich zur Ruhe zu kommen und zu entspannen. Jetzt in diesen seltsamen und aufwühlenden Wochen, in denen viele Menschen mehr oder weniger in ihren Wohnungen festsitzen, habe ich mich wieder an die Spiele Journey und Flower erinnert, beide entworfen von dem Game-Künstler Jenova Chen.

Bei Journey reist man mit einer schwebenden Figur durch eine Wüstenlandschaft voller Ruinen und versucht einen Berg zu erreichen. Die traumartige Atmosphäre, die sanfte Musik und die weichen Bewegungen der Spielfigur, die durch Sanddünen gleitet, schwebt und kurze Strecken fliegt, machen das Spiel vor allem zu einer sinnlichen Erfahrung, bei der Wettbewerb oder Kampf keine Rolle spielen. Eine besondere Ebene des Spiels entsteht dadurch, dass es ein spezielle Form des Koop-Games ist. Manchmal erscheint mitten in all dem Sand eine zweite Figur, die von einer Person gespielt wird, die gerade irgendwo auf der Welt ebenfalls spielt – man erfährt nicht, wer da spielt, man kann nicht kommunizieren und streift einige Minuten gemeinsam durch die Spielwelt.

Flower ist noch einfacher gestaltet, aber auf seine Weise auch eine ungewöhnliche Spielerfahrung: Man spielt den Wind. Als Böe fliegt man durch Blumenwiesen und wirbelt Gräser, Blüten und andere Pflanzen auf, schlägt Loopings, fliegt scharfe Kurven und gleitet knapp über der Grasnarbe durch weite Landschaften. Das Besondere ist die Steuerung, die nicht wie sonst üblich durch die beiden Steuerknüppel geschieht, sondern durch das Neigen des Controllers in alle Richtungen. Das ist zudem eine amüsante Erfahrung, weil die Bewegungen, die man in anderen Spielen sinnloserweise macht, jetzt endlich eine Funktion haben.

(Beide Spiele sind für PS3 & 4, sowie für PC und Mac erhältlich)

 

Berit Glanz (@beritmiriam)

Ich versuche zu arbeiten, während ich drei Kinder zu betreue, Schulaufgaben abgleiche, mit dem Kindergartenkind Lego baue, aufpasse, dass wir nicht im Chaos versinken, Fristen einhalte (oder überschreite), zumindest manchmal meine Haare kämme und ich sehe Artikel mit Listen der extradicken Bücher, die man nun endlich mal lesen könne und ich kann nur müde grinsen, weil es mich ansonsten deprimieren würde. Der Arbeitstag verlagert sich in die Abend- und Nachtstunden und um Mitternacht bin ich dann so erschöpft, dass ich nicht weiterarbeiten kann, aber aus Trotz auch nicht schlafen will, immerhin ist das meine Zeit, in der keiner etwas von mir möchte – dann schaue ich Brooklyn Nine-Nine und fühle mich gut unterhalten. Außerdem habe ich angefangen Wordfeudeine Art Scrabble – zu spielen und ich bin wirklich erstaunlich schlecht darin. Ich spiele trotzdem mit Freunden, Bekannten und mit meiner Mama, über den Tag verteilt lege ich die Wörter, immer wenn es die Zeit zulässt. Mir gefällt es Menschen über den Tag hinweg so ein wenig nahe zu sein.

 

Marie Isabel Matthews-Schlinzig (@whatisaletter)

Seit einiger Zeit beschäftige ich mit dem Thema Identität sowie fiktionalen Werken, die sich diesem Thema auf formal spannende Weise widmen. Abgesehen von Filmen und Fernsehserien landen dabei zunehmend Publikationen von Autor:innen of Colour auf meinem nimmersatten Bücherstapel. Zwei davon sind gerade gelesen: Roger Robinson’s meisterhafter Gedichtband A Portable Paradise (T. S. Eliot Prize, 2020) versammelt wütend-anklagende, nachdenkliche, zartfühlende Verse. Ihre Energie und Humanität gehen unter die Haut. Identitäten und Alltag von Menschen of Colour spielen in den Gedichten immer wieder eine zentrale Rolle. Robinson thematisiert die sie prägenden historischen wie gegenwärtigen Bedrohungen ebenso wie ihre Kraft und Kreativität. Zu den berührendsten Gedichten des Bands gehören jene, die sich dem Brand des Grenfell Tower (eines Wohnhochhauses im Westen von London) widmen, bei dem 72 Menschen ums Leben kamen. Die poetischen Bilder, die Robinson für das Leid der Toten und ihrer Angehörigen findet, lassen die Schilderung intensiver und die nach wie vor unzureichende Entschädigung der Opfer umso skandalöser wirken. So heißt es von den Schatten der Verstorbenen, die zum Himmel aufstreben: „Amongst the cirrus clouds, floating like hair / they begin to look like a separate city.“

Das zweite gerade ausgelesene Buch, Olivia Wenzel’s Debütroman 1000 serpentinen angst ist an anderer Stelle bereits ausführlich besprochen worden, daher sei es hier nur kurz erwähnt: Die Geschichte einer jungen, ostdeutschen Frau of Colour besticht durch das inhaltlich wie formal entfaltete Prisma, das Facetten ihrer Identität hell ausleuchtet. Dabei geht das Narrativ, wie Robinsons Gedichte, mit schmerzhafter Ehrlichkeit immer wieder dahin, wo es weh tut. Etwa wenn die Erzählerin imaginiert: Weiße übernehmen Dienstleistungsjobs, Schwarze bekleiden gehobene berufliche Positionen. Solche Ideen sind auch in anderen Fiktionen gegenwärtig zentral. – Dazu zählt etwa die Serie Noughts and Crosses, die gerade im britischen Fernsehen läuft: Menschen afrikanischer Abstammung und dunkler Hautfarbe haben Europäer:innen unterworfen. Die Trennung zwischen beiden Gruppen ist strikt; schwarze Kultur prägt sämtliche Aspekte gesellschaftlichen Lebens. Die Adaption eines der gleichnamigen Bücher von Malorie Blackman zielt ins Herz der Vorurteile ihres Publikums und auf deren Überwindung. Für diesen Prozess sind die Begeisterung und die Irritationen, die sich bei unterschiedlichen Zuschauer:innengruppen angesichts der Umkehr der Macht- und Machtmissbrauchsstrukturen zwischen Schwarz und Weiß in Noughts and Crosses einstellen, ganz entscheidend.

 

Johannes Franzen (@johannes42)

Es ist ein Geständnis, das gerade wohl niemanden schockieren oder überraschen (oder interessieren) wird – aber ich lese zur Zeit nicht viel Belletristik, oder zumindest nicht schnell. Es mag zwar mehr Zeit da sein als sonst, aber man hat auch den Eindruck, dass diese Zeit schneller vergeht. Gerade habe ich mir den dritten und letzten Teil der Romanreihe von Hilary Mantel über Thomas Cromwell gekauft: The Mirror and the Light. Cromwell war einer wichtigsten Berater Heinrich des VIII (Der englische König mit den vielen Frauen, der aus The Tudors). Cromwell ist ein unplausibler Held für eine solche Reihe. Lange galt er als böser Geist, der dem König auf dem Weg in die geistige Verdunklung seines Tyrannentums als helfende Hand zur Seite stand. Mantel lässt Thomas Cromwell allerdings als modernen Menschen historisch auferstehen. Als genialen Planer und Politiker, als begabten Aufsteiger in einer Welt, in der nicht Kompetenz, sondern Vererbung über deinen Platz in der Gesellschaft entscheidet. Cromwell ist nicht immer gut, aber immer klug, und das macht ihn zum Sympathieträger der Erzählung. Mantels Bücher sind seit dem Erscheinen des ersten Teils 2009 eine Art von Phänomen geworden: massive Bestseller, die allerdings auch die höchsten ästhetischen Ansprüche der Kritiker*innen erfüllen konnten. Die ersten Teile haben beide den Booker Prize gewonnen.

Es handelt sich um einen Hype, dessen Berechtigung ich aus meiner eigenen Lektüreerfahrung bestätigen kann. Ich habe die ersten Bücher in wenigen Tagen gelesen. Jetzt ist es allerdings auch so, dass ich eine Schwäche für historische Romane habe, wahrscheinlich weil hier die meisten Reminiszenzen an das unschuldige, fieberhafte Lesen vor dem Deutschunterricht und dem Proseminar möglich sind. Aber bei Mantels Cromwell-Romanen verhält es sich noch einmal anders. Kein unmittelbares Eintauchen in eine angenehm distanzierte und gleichzeitig angenehm bekannte Welt; kein Spannungsaufbau durch Konflikte, die uns nicht mehr betreffen (Wird der Prior das Kloster auf Vordermann bringen? Schaffen es die Geschwister aus der brennenden Burg, bevor der schwarze Ritter etc.); stattdessen ein seltsam eliptischer Gedankenbericht, der sich wirklich wenig Mühe gibt, uns über die enorm komplexe politische Lage am englischen Königshof zu Beginn des 16. Jahrhunderts kohärent zu informieren. Um es deutlich zu sagen, ich weiß nicht, wie diese Romane funktionieren, und über weite Teile weiß ich auch nicht so recht, was gerade genau passiert. Wie zu Beginn des zweiten Teils habe ich auch zu Beginn des dritten Teils eigentlich alle Figuren, bis auf Cromwell und den König (Anne Boleyn ist da schon tot) vergessen (Wer ist Norfolk, wer ist Suffolk?) Trotzdem entwickeln diese Bücher einen heftigen Sog, eine Sucht danach, sich in ihrer Welt aufzuhalten. Aber ach, diesmal gibt es auch eine mentale Sperre. Seit zwei Wochen befindet sich das Buch nun auf meinem Lesegerät und ich bin immer noch nur bei 25 Prozent. Es ist, als wäre diese Zeit zwar stark auf Eskapismus angewiesen, macht uns aber (oder zumindest mich) auch eskapismusunfähig. Keine gute Konstellation. Keine gute Zeit für Romane.

 

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Ich habe mir bei den ersten Aufrufen der unabhängigen Buchhandlungen zur Unterstützung eine sehr große Zahl Bücher gekauft. Benjamin Maacks Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein habe ich ebenso wie Ich erwarte die Ankunft des Teufels von Mary MacLane mit Gewinn gelesen. Rivenports Freund von Damiano Femfert dagegen hat mich eher kalt gelassen, leider gilt das auch für Geschichten mit Marianne von Xaver Bayer, dessen Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich ich sehr liebte.

Trotz des weiterhin hohen Stapels habe ich nun aber noch M. Der Sohn des Jahrhunderts von Antonio Scurati mit immerhin knackigen 800 Seiten begonnen, nachdem ich letztes Jahr im Toskana Urlaub bei der Lektüre Francesca Melandris Alle, außer mir realisierte, wie wenig ich über italienische Geschichte im 20. Jahrhundert und den italienischen Faschismus weiß. Nach nur 150 Seiten erlaube ich mir noch kein Urteil, bin allerdings erstaunt wie geschickt der “Roman” in der Chronologie und zwischen den Charakteren springt. Dass ein solches Projekt wie M aber mit dem Feuer spielt, ist offensichtlich. Wie weit darf man das Menscheln eines Massenmörders darstellen (oder einen Massenmörder in der Darstellung menscheln lassen?), wie nah und sympathisch kommt mir Mussolini während der Lektüre? Bisher sehe ich es als weitere Anregung mich mit dem Themenkomplex auseinanderzusetzen und bleibe gespannt, wie sich die nächsten 670 Seiten entwickeln.

 

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (7)

Dies ist der siebte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6)

Das mittlerweile über 102 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

2.4.2020

 

Nabard, Bonn

Die zweite Woche in Quarantäne und so langsam bessern sich die Symptome. Als hätte man eine fiese Grippe durchgemacht. Abgeschottet von meiner Familie und Freunden, waren die letzten Tage von einer Monotonie geprägt, die mich viel hat nachdenken lassen. Heute sitze ich ohne Kopfschmerzen im Garten und kann etwas Sonne tanken. Gleichzeitig lassen mich meine Eltern wissen, dass sie nach anfänglichem Fieber und Übelkeit beide wohlauf sind.

Wir meinen immer, zu allen Erkrankungen ein passendes Heilmittel zu haben, zumindest ein Weg, damit umzugehen. Jetzt stehen wir vor einem Virus, der uns gänzlich unbekannt ist. Diese Angst und Ohnmacht kein Mittel dagegen zu haben, keine Virostatika, keine Impfung, als Mediziner fühlst du dich wehrlos. Wir sind doch die “Superhelden im weißen Kittel” und plötzlich stehen wir da und müssen mit den Achseln zucken. Eine tragische Art der Natur uns Demut zu lehren.

Nächste Woche kann ich wieder ins Krankenhaus. Einerseits freu ich mich, andererseits bin ich angespannt, was erwartet mich und kann ich meinen Beitrag dazu leisten um zu helfen? Krank werden kann ich ja jetzt nicht mehr.

 

Slata, München

Eines der wenigen Bücher, die ich während der Quarantänewochen las (denn ich lese viel lieber russische Frauenforen oder Werbeprospekte) war Don Quijote, ich las ihn so aufrichtig und genussvoll, dass ich manche Abende früher ins Bett ging, um ihn dann, endlich, herauszuholen, manche Abende nicht zum dreißigsten Mal Emails abrief in der Hoffnung, dass eine Agentur sich gemeldet, ein Verlag sich begeistert gezeigt hätte, brauchte auch kein Glas Wein vor dem Einschlafen, und dann, nach Don Quijotes Tod, verspürte ich eine ernsthafte Traurigkeit, warf das Buch ins Regal und schaute es nicht mehr an, wurde das Gefühl nicht los, jemanden verloren zu haben, um etwas betrogen worden zu sein.

Sandra, Berlin

April, April, seit gestern sind die meisten Verlage in Kurzarbeit. Leider kein Scherz. Amazon lässt die Verlage hängen, Bücher sind nicht system- äh umsatzrelevant und werden derzeit nicht eingekauft. Meine Lektorin berichtet mir, ich höre die Neuigkeiten zähneknirschend. Immerhin wird mein Titel, der im Herbst kommen soll, nicht verschoben. Ist das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ist mein Text überhaupt systemrelevant? Ich, die Autorin, bin es, der neuen Krisenordnung der Dinge nach, ja nicht. Auch das Börsenblatt berichtet über die Situation der Verlage – und der Artikel zeigt darüber hinaus mal wieder den Überhang männlicher CEOs und Verlagsleiter … Ah, was bin ich müde.

https://www.boersenblatt.net/2020-03-31-artikel-titelverschiebungen__kurzarbeit_und_eine_portion_optimismus-umsatzeinbruch_um_bis_zu_80_prozent.1840504.html?nl=newsletter20200331&nla=artikel1840504&etcc_newsletter=1

O.K. Und jetzt?

Um den Kopf frei zu bekommen spaziere ich ein paar Stunden SocialDistancing-Abstandskonform mit einer Freundin über das Tempelhofer Feld, wir reden und schweigen, das Kind freut sich unbändig über ein Flugzeug, die BMX-Bahn, einen besonders schönen Ast, eigentlich über alles, was es sieht. Woher nehmen kleine Kinder eigentlich diesen Optimismus? Gut, andererseits dürfen sie sich auch schreiend auf den Boden werfen. Ich stelle mir vor, dass ich nach dem Spaziergang nach Hause komme, das Kind meinem Partner in die Arme drücken, die Fenster öffne und alles, was sich die letzten Tage und Wochen angesammelt hat, hinaus schreie.

Aber stattdessen kommen wir heim, ich mache Tee, setze mich an meine Arbeit, schreibe weiter

https://other-writers.de/2020/04/02/wir-sitzen-hier/

 

Janine, Flensburg

Ich kann bis heute keine Notarztsirene hören, ohne aus der Gegenwart gerissen zu werden. Meiner Bekannten M. geht es so beim Geruch von Einweghandschuhen und dem Anblick von medizinischen Gesichtsmasken.

 

Fabian, München

Jemand denkt oder irrlichtert, ob es nicht besser wäre, wenn die Krise andauerte, allein ob der Aufschiebung diese gut geschmierten Status quos, irrlichtert, meint die Chatpartnerin, dass man sich keine Hoffnung zu machen brauche, da alles weiterginge, wie bisher, jagut, nein, Ungarn macht’s vor, wie man grade die Krise nutzt, um die totalitäten Umbauten bloß zu akzelerieren, Stichwort, auch Polen, fragt man (sich), des Vatervaterstaats – oder habe ich etwa etwas verpasst? Trump in dreißig Zutaten zur Krise, im Wesentlichen machen er (wir) einen fantastischen, fantastischen Job, irrlichternd, was hätte er nicht Arzt werden sollen, meine Güte, ein wenig amüsant ist das ja doch. Endlich einmal Andrić lesen, zusammen kochen wir Kasnock’n, leider kein Schnittlauch im Haus, zum ersten Mal trinke ich über Zimtholz geräucherten Lapsang Souchon aus Ceylon, zum ersten Mal chinesischen Schattentee nach südjapanischer Art. Das Leben ist ruhig hier. Einmal am Tag Fallzahlen checken, der Rest bleibt draußen, im Grunde, inzwischen, wie so oft lässt man hier, an diesem Punkt das Bedürfnis, informiert zu sein, vor der eigenen Ohnmacht kapitulieren und wann kommt eigentlich die deutschlandweite Mundschutzpflicht, oder woher sonst der Eindruck, die Bundesrepublik hinke den österreichischen Maßnahmen, aber immerhin konsequent, ein paar Tage hinterher.

 

Nefeli, Berlin/Hamburg

Ich möchte jetzt auch etwas in der Quarantäne lernen. Gestern habe ich zwei Dinge geübt: freihändig Fahrradfahren und Kopfstand. Das mit dem Fahrradfahren ging besser, S. kann sogar freihändig Kurven fahren, ich war froh, wenn ich bis drei zählen konnte, bis ich wieder rasch den Lenker griff. 1. 2. 3. Kopfstand war eher nervig und entstand aus einer verlorenen Wette mit S. heraus. Die Wette habe ich vergessen. Abends konnte ich dann nicht schlafen. Habe “Das Adressbuch” von Sophie Calle gelesen, habe mir gewünscht, Sophie Calle würde auch mich verfolgen, aber ich besitze ja noch nicht einmal ein Adressbuch und jetzt in Quarantäne führe ich eh ein sehr langweiliges Leben. Ständig das Gefühl der Unter- und Überforderung zugleich.

Zudem beginnt jetzt das neue Semester. Da ich eh ungern nach Lüneburg pendelte, finde ich es ganz gut, die Seminare am Küchentisch mit Schlafanzug und Kaffee zu erleben. Zugleich frage ich mich: wann werde ich eigentlich wieder eine Tagesstruktur haben? Ich bin nachts meist bis zwischen 2 und 3 wach, ich schlafe lang, ich habe das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben.

Das Highlight heute: Frühlingsputz und auf S’s Kleiderschrank im Staub seinen Namen mit dem Finger schreiben bevor ich alles sauber wische.

 

Emily, Rostock

Ich rechne aus, wieviele bußgeldpflichtige Vergehen ich bei meinem derzeitigen Kontostand begehen könnte. Zweimal Picknicken mit Freund*innen im Park ist gleich meine Miete. Einmal den Mindestabstand nicht einhalten, gleicht einem halben Jahr Mitgliedsbeiträgen im  Fitnessstudio.

Am Dienstag habe ich den ersten Geburtstag digital gefeiert und während wir im Kanon (anders ist es kaum möglich) Lieder anstimmen, schreibt N mir, dass ich schlecht aussehe und mich melden soll. Zwei Stunden lang versuche ich möglichst viel zu lächeln, gehe zwischendrin sogar ins Bad, um mir mit Rouge Akzente auf die Wangen zu setzen. Gestern habe ich dann Erich Kästner Gedichte auf das Briefpapier geschrieben, das mir L einmal für besondere Anlässe geschenkt hat. Positive Gedanken für die Menschen im Altenheim. Beinahe manisch suche ich nach Dingen, die ich für andere tun kann, um das Gefühl zu haben, überhaupt noch nützlich zu sein. Als mir gesagt wurde, ich wüsste nichts mit mir anzufangen, habe ich gedacht, dass es stimmt und war verletzt. Jetzt fällt mir auf, ich möchte einfach keine Zeit verschwenden, die drei Wochen sind so rasend schnell vergangen. Am liebsten 24 Stunden Produktivität. Es gibt kein Wochenende mehr. Keine Ruhephasen. Ich habe meine Schlafzeit auf die Hälfte reduziert.

Aus meinem Fenster muss ich beobachten wie Notarzt, Feuerwehr und Polizei vor meiner Haustür halten. Während sie auf Tragen zwei Menschen in das vordere Auto bugsieren, diskutiert der Videochat darüber, worauf sie sich nach der Krise am meisten freuen. Ich sage, darauf wieder essen bestellen zu können und nicht darauf, dass ich so etwas nicht mehr sehen muss. Die beste Antwort auf die Frage kommt aus Berlin. Endlich wieder U-Bahn fahren. Mehr Normalität gibt es nicht, ich kann es so gut verstehen.

 

Simon, Vorort von Freiburg

So langsam kann ich Phasen erkennen, die ich bei mir selbst in dieser Isolationssituation feststelle. Angefangen hat es so ab dem 12. März mit extremer Anspannung, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Das Gefühl überhaupt nicht greifen zu können, was gerade passiert und das, was man direkt vor Augen hat, die Welt um einen herum, nicht zu dem in Beziehung setzen zu können, was man in den Medien liest und von anderen hört. Je weiter der März seinem Ende zuging, beruhigte ich mich innerlich, immer noch irritiert und besorgt und aus dem Alltag geworfen, empfand ich Momente der Entspannung, der Regelmäßigkeit und der Ablenkung. Das war wiederum ein Gefühl, das sich angesichts dessen, was ich las und hörte, falsch anfühlte: Wie konnte ich Momente in dieser Situation relativ sorglos genießen, wenn draußen alles gefühlt zusammenbricht? Gleichzeitig merkte ich, dass ich diese Routine in der Ausnahmesituation brauchte und dass sie mir gut tat.

Jetzt, wo wir in den April kommen, merke ich Unruhe, Rastlosigkeit und Hilflosigkeit. Die Psyche, die sich auf den neuen Alltag einrichten wollte, fühlt sich jetzt doch eingeengt. Ich habe normalerweise kein Problem damit zuhause zu sein, niemanden zu sehen, allein zu sein. Aber jetzt geht es nicht mehr um freiwilliges Alleinsein, um selbstgewählten Rückzug, sondern jetzt heißt es nicht nur Isolation, es fühlt sich auch so an.

Und auch wenn es überall zurecht heißt, dass man sich selbst nicht unter Druck setzen sollte, weil man gerade viel verarbeiten muss und es in Ordnung ist, wenn man sich nur selten gut konzentrieren kann, wünschte ich, ich könnte diese Wochen doch besser nutzen. Auch weil ich in so einer privilegierten Situation bin, gerade weil ich mir relativ wenig Sorgen machen muss, sollte ich doch in der Lage sein, Dinge zu erledigen, kreativ zu sein, “etwas” zu schaffen. Und manches schaffe ich auch, aber es fühlt sich unzureichend an. Die Tage fliegen so dahin mit ihrer Leere. Ich höre von manchen, dass sie es ebenso empfinden, andere berichten vom Gefühl sich ziehender langer Tage. Mich macht vor allem unruhig, wie die Zeit in meiner Wahrnehmung rast.

 

3.4.2020

 

Rike, Köln

Ich laufe einer Frau hinterher, die einer Weinbergschnecke gleichend mit einem geschützten Gesicht hinter einem Rollator tapst, ich überhole sie 2x. Sie biegt in Zeitlupe um die Ecke und ich lasse sie noch einmal vorbeiziehen, bevor ich sie frage, ob sie Hilfe zum Einkaufen braucht, sie sagt nein, erst mal nicht, Pflegedienst pipapo, aber ich könnte ihr gerne meine Nummer geben. Ich date jetzt meine +- 85jährige Nachbarin statt irgendwelcher Dudes. Ich warte immer noch auf ihren Anruf. Ich weiß nicht, ob in diesem Kontext die 3-Tage-Regel auch gilt.

Neue Reizwörter: Atemschutzmaske, Klopapier, Risikogruppe, soziale Distanz, das C-Wort. Es ist so, wenn ich das Wort höre, werde ich ganz müde.

Wortermüdungserscheinungen.

Neues Wort: Balkonkäfig

 

Slata, München

Gewächshausexperimente sind das, uns, drei unterschiedlichste Menschen, körperlich und gefühlsmäßig zwar verbunden miteinander, aber drei einzelne Organismen, in einen geschlossenen Raum zu setzen, zu schauen, was da alles passieren mag, Protokoll führen.  Wenn wir das überleben, fünf Wochen ununterbrochen zusammen, ich meine, auch mehr vielleicht, bestimmt hört es nicht pünktlich auf wie versprochen, sondern dehnt sich aus auf weitere Wochen, wenn wir uns danach oder mittendrin nicht für immer zerstreiten, trennen vielleicht, wenn unser Kind keine unangenehmen Erinnerungen, keine verborgenen Traumata entwickelt, können wir stolz auf uns sein, ich meine es ernst, findest du nicht.

 

Marie Isabel, Dunfermline

1. Krisen verwirren, lösen Angst aus, Panik. Sie fokussieren aber auch das Wahrnehmungsvermögen. Prioritäten schieben sich zurecht. Das, was frau landläufig das ‘wirklich Wichtige’ nennt, nimmt vor ihr Aufstellung und stellt mit seinen schönen breiten Schultern viel Unwichtiges, sonst so laut Zeterndes, in den Schatten. Zu erkennen, was einem in Momenten existenzieller Bedrohung gut tut, und welche Zustände bzw. Gewohnheiten dringend zu ändern sind, weil letztlich das eigene Überleben (und vielleicht sogar das aller anderen auch) davon abhängt, ist das eine. Diese Erkenntnisse in die Zeit der zurückkehrenden ‘Normalität’ hinüber zu retten – so sie einem denn beschert ist – wird  eine große Herausforderung. Das gilt für Einzelne genauso wie für Gemeinschaften.
2. Hier wie andernorts begegnet mir das Wort ‘Experiment’ zur Zeit immer wieder. Ich muss an Heinrich von Kleist denken, dessen fiktive Welten ein einziges Menschenexperiment sind und daran, wie katastrophal, auf die eine oder andere Weise, seine Texte enden. Sage noch einmal einer, Literatur sei nicht systemrelevant. Zudem denke ich Isolation weiter und lande zwangsläufig bei Einzelhaft, und bei Foltermethoden. Bei Säuglingen, die man mit Stille umgab, um herauszufinden, welche Sprache sie aus sich heraus schöpfen würden, und die daraufhin starben. Wir haben das Glück, in einer digitalisierten Welt zu leben, in der es von Kommunikationsmedien nur so wimmelt. Dennoch und vielleicht genau deshalb wird nun deutlich, dass direkte Ansprache, Gespräche, Umarmungen, das Beisammensein mit Anderen, Fremden wie Freunden, die Berührungen durch andere atmende Körper, Laute, Worte, Gerüche, Bewegungen durch keine noch so ausgeklügelte Technik zu ersetzen sind.

 

Nabard, Bonn

Ja es ist so banal diese Monotonie. Man steht auf, macht sich fertig fragt sich, was man heute machen würde, macht nichts davon, putzt, meldet sich bei Menschen, von denen man dann keine Antwort erhält, fühlt sich allein, schaut in digitale Plattformen, sie signieren das man es nicht ist. Was fehlt ist die Umarmung und soziale Interaktion. Real. Was macht diese Isolation mit uns?

 

Robert, Warschau

Ich entwickele eine Obsession mit Karten. Ich mochte Karten schon immer, aber die Ausgangsbegrenzung führt kontraintuitiv dazu, dass ich noch viel mehr und aufmerksamer Karten studiere als sonst. Karten werden zur Repräsentation des Kontrollverlusts und zum Medium ihrer Wiedererlangung – im geographischen wie im virtuellen Raum.

Immer wieder aktualisierte Karten von weltweit auftretenden Fallzahlen, von Reise- und damit Ansteckungsrouten zeigen mir den Kontrollverlust auf. Sie ähneln in ihrer Ästhetik verblüffend der Karte des inzwischen zu trauriger Berühmtheit gelangten Spiels Plague Inc. – eine Ästhetik roter Punkte, sich ausbreitender roter Flecken und lang gebogener Fluglinien, an deren Ende neue Punkte aufscheinen.

Diese Karten bilden mehr oder weniger unbewusst auch die in Krisenzeiten weiterhin bestehenden oder sogar verschärften sozialen Spaltungen und rassistischen Dispositive ab. Warum sieht die rot eingefärbte Karte Afrikas – immer noch relativ wenige Fälle – so viel bedrohlicher aus als die detailliertere, mit helleren Rottönen versehene Karte der USA, wo die Fallzahl längst die Chinas überholt hat?

Diesem massenmedial repräsentierten Kontrollverlust setze ich die obsessive Kontrolle meines weiter schrumpfenden Raums entgegen, auch mit Hilfe von Karten. Weil die Parks in Polen geschlossen sind, sitzen wir über Spacerowniks (Spazierführern) und Karten unseres Warschauer Viertels, um unsere Spaziergänge minutiös so zu planen, dass wir um die Parks herumschleichen, evtl. architektonisch oder historisch interessante Orte mitnehmen und trotzdem die Regeln einhalten können, um nicht von den paarweise auftretenden Patrouillen von Armee und Polizei gestoppt zu werden. Ein Buch, das ich gerade lese – Miron Białoszewskis Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand – beinhaltet eine Strassenkarte Warschaus, zur Orientierung über die hektischen Geschehnisse des Aufstands. Das Strategiespiel “Warsaw” repräsentiert die gleichen Strassen als Karte, auf der sich die eigenen Avatare bewegen, immer in Gefahr, ins Sichtfeld eines Trupps deutscher Soldaten zu geraten. Verstecke, Zusammenstösse zwischen Partisanen der Armia Krajowa (AK) und der Wehrmacht, Versorgungs- und Schleichrouten, alles in der scheinbaren Ordnung einer Vogelperspektive repräsentiert, den Lesenden und Spielenden ein beruhigendes Gefühl der Orientierung inmitten chaotischer Ereignisse vermittelnd. Unser Wohnblock selbst war ein Stützpunkt der AK während des Aufstands. Diese Erinnerungen lege ich über unsere Spaziergänge, sie sind auch in den Spacerowniks präsent. Warschau ist ein historisches Palimpsest. So stelle ich Distanz her – den historischen Blick bin ich gewöhnt, er gibt mir eine Normalität zurück in der Art, wie ich den städtischen Raum erfasse. Meine Partnerin tut dasselbe mit einem ästhetischen Blick: Warschau ist auch ein architektonisches und künstlerisches Palimpsest, das sie mit der Kamera erkundet.

Karten dienen auch dem Eskapismus, die Karte von Gliese 667Cc zum Beispiel, die ich seit gestern aufmerksam studiere, um spielerisch ausserirdische Flora und Fauna zu erforschen. Eine ganz eigene Welt, die sich mir nur über eine topographische Karte, ein minimalistisches Display und die Beschreibungen einer Biologin, deren Anzug ich als KI steuere, erschliesst. Über In Other Waters, das Spiel, in dem ich Gliese 667Cc erkunde, schreibt eine Rezensentin: “In Other Waters remains calming and lovely throughout because the terrible secret already happened decades ago, and the planet survived. Life adapted, changed, and eventually thrived again. […]You can’t change the past in In Other Waters, you can just be a witness to it.”

 

Shida

Manche mögen da ja, solche Spaziergänge draußen, in der Natur, auf Feldwegen, an der frischen Luft, die Sonne scheint, die Grillen zirpen. Ich gehöre leider nicht dazu. Mich erinnert das an Pubertät und Langeweile, ich höre ein Hörbuch und zwinge mich weiterhin zu Spaziergängen wegen der Luft und der Bewegung und so. Das sind die 30 Minuten am Tag, in denen ich dann endlich was für mich mache – und dabei mag ich es nicht mal.

Bei jeder Überwindung und bei jedem Naserümpfen ob des Geruchs nach Kuhscheiße ist da dieses fette, neue Gefühl, um das ich immer gebeten hatte und nie für möglich gehalten hätte, es zu bekommen: Teil der privilegierten Gruppe zu sein. Entscheiden zu können, die Isolationszeit auf dem Land statt in der Stadt zu verbringen, zum Beispiel. Und die eintausend anderen akuten guten Bedingungen, die ich aufzählen könnte aber das ist superlangweilig, genau, wie an dieser Stelle aufzuzählen, welche Einbußungen und Einschnitte ich natürlich trotzdem auch habe. Dominant ist die Einsicht, dass so eine Pandemie mich in einem status quo getroffen hat und dass es ihr egal ist, ob ich es schwerer hatte als andere, an diesen status quo zu gelangen oder nicht und ob es vielleicht einfach jede Menge Glück war, das mich zu diesem status quo geführt hat. Das alles ist dem Virus egal. Er ist in unser aller Biografien eingetreten, hat uns da getroffen, wo wir gerade stehen und siehe da, bäm, ich gehöre zur Gruppe derer, die zwar gerne jammern würden, sich aber einfach eingestehen müssen, wie verflucht gut sie es haben. Ich hatte immer gedacht, dass Privilegien zu haben ein prima feeling machen würde, dass man immer Sonnenschein auspustet und Lavendelduft einatmet aber in Wirklichkeit fühle ich mich, als würde die Galle aller anderen an mir kleben und ich werde sie nicht mehr los. Perspektivwechsel der merkwürdigen Art. Deswegen verkneife ich mir meinen Vorwurf an all die Leute, die sich nicht an Regeln halten und wie ungeduldige Kinder fragen: „Wann hört das auf wann hört das auf wann sind wir da ich mag nicht mehr wann sind wir da“ Ich will brüllen, „Kommt halt klar, PANDEMIE, man, PANDEMIE, keiner hat gesagt, dass das Spaß macht und schnell vorbei ist.“. Aber das ist das, was die privilegierte Gruppe immer ruft. Sie ruft immer: „Stellt euch nicht so an“ und geht dann meditierend in der frischen Landluft spazieren.

 

Andrea, Tübingen

Müde. Ich bin so müde. Ja, das ist auch eine Metapher, wenn ich mir ansehe, wie Debatten immer wieder ein Mindestniveau unterschreiten: Nein, Kritik ist keine Zensur, Ja, wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Zynismus ist keine Haltung, die mir sympathisch ist, aber oft durchaus naheliegend. Müdigkeit überfällt mir auch angesichts von zeitdiagnostischen Apokalyptikern und philosophischen Hottakes wie “metaphysische Pandemie”. All diesen übersteigerten Corona-Zeitdiagnostiken durfte ich einen kurzen Text im Philosophie Magazin entgegenstellen, und das hat gut getan.

Ich bin auch tatsächlich müde. Ich habe in den letzten 14 Tagen gefühlt auf Skype & Zoom gelebt, für & mit vor allem germanistischen Kolleg*innen einiges für die digitale Lehre im Sommersemester vorbereitet, dazu viele Texte auf Anfrage über das #NichtSemester geschrieben, Interviews gegeben – das meiste in unserem #NichtSemester-Team, was wunderbar funktioniert hat -, und vor allem auf Twitter darüber diskutiert. Vieles war hinterherarbeiten, bewältigen, aber ich habe ajuch versucht, zu gestalten, nicht nur nachzuarbeiten. Der für mich wirklich ungewöhnliche Aktivismus hat mich gerade nicht von der Krise abgelenkt, sondern mir geholfen, mit der Unwägbarkeit der nächsten Wochen (?) umzugehen. Denn alles, was wir tun, hat damit zu tun: Was erwartet uns bis zum Semesterende? Lehre vorbereiten, Workload, Kommunikationsformen und Arbeitsweisen zu planen, ist davon gerahmt, und es ist mir wichtig, das anzuerkennen. Wenn jemand erklärt, das seien paradiesische Zustände zum wissenschaftlichen Arbeiten, frage ich mich schon, wie man sich so abkoppeln kann von den Verhältnissen. MIr gehen die Bilder von Menschen, die  beatmet werden, nach.

Was mir am meisten fehlt: Endlich wieder in Ruhe lesen, nur für mich. Und auch endlich andere Dinge abarbeiten, die zu kurz kamen, aber auch längst erledigt werden sollten. Wieder eine Balance der vielen Aufgaben finden.

Worüber ich froh bin: Spaziergänge. Heute wieder mit Schwänen in der Nachbarschaft. Hört mal hin:

 

Emily, Rostock

Seit dieser Woche soll die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern die Daten von Infizierten erhalten. Die ärztliche Schweigepflicht wird klammheimlich ausgesetzt, aber für einen Aufschrei fehlen alle Ressourcen abseits der Zeit. Wie virtuelle Demonstrationen funktionieren, habe ich auch in Woche 3 noch nicht begriffen. Ich habe den Überblick über die Hashtags verloren, die Prioritäten und Artikel, ich spende Geld und teile Beiträge und bin neidisch auf Menschen, die eine Obsession für Online-Rollenspiele entwickeln können. Es gibt so viel, um das ich mich kümmern möchte und immer gilt es Alternativen zu finden, um aus dem Wohnzimmer aktiv zu werden. Immer rückt das Persönliche in den Vordergrund. N fragt am Telefon, ob man überhaupt an einem Corona-Tagebuch mitarbeiten kann, ohne am Ende doch nur über den eigenen Liebeskummer zu schreiben.

Es bleibt die Frage danach hängen, wie sinnvoll es ist, die entstandene Lücke mit Kultur zu füllen. Wäre es vielleicht besser, wenn wir alle diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erst einmal fühlen würden?

 

4.04.2020

 

Janine, Flensburg

Ich gucke auf YouTube Literaturverfilmungen der BBC wie vor elf Jahren. Damals hieß das Virus der Stunde Schweinegrippe (H1N1), aber es war noch nicht sehr weit verbreitet, jedenfalls nicht so sehr, dass Vorsorgemaßnahmen im öffentlichen Leben Thema gewesen wären. Dennoch war ich besorgt, so wie einige Jahre zuvor während des Ausbruchs der Vogelgrippe (H5N1). Ich hatte kurz zuvor die Idee gehabt, meiner Mutter ein Paar Wellensittiche zu schenken, den Käfig ins Wohnzimmerfenster zu stellen, damit sie von ihrem Bett noch etwas anderes als den Fernseher zur Unterhaltung hätte. Ich sah davon ab. Wer wusste schon, ob diese Vögel nicht durch einen dummen Zufall das Virus aufschnappen und es weitergeben würden? Es war mir zu riskant.

Im Herbst 2009 besuchte ich Freunde in London. Wir saßen in der WG-Küche in Shoreditch, die vom Vermieter streng verbotenen Katzen liefen über den Tisch, vier Stück, zwei ausgewachsene und zwei kleine.

„Wo ist D.?“ fragte jemand.

„D. liegt oben in seinem Zimmer mit Schweinegrippe“, sagte meine Freundin, die das Ganze mit Humor nahm.

Es war einfach witzig. Schweinegrippe, really?

Auf der Toilette verbrauchte ich anschließend ein Viertel der Handseife, bemühte mich, bis zum Verlassen des Hauses bloß nichts mehr anzufassen.

Zurück in München ließ ich mich mit Pandemrix impfen, aus Sorge, ich könnte mich oder jemand anderen anstecken, vor allem meine Mutter. Wenige, die ich kannte, taten das, und ich bereute es sofort, weil es mir nach der Impfung so dreckig ging, einen Abend lang Fieber und Gliederschmerzen, Schüttelfrost auch, wenn ich mich recht erinnere.

Ich wollte einfach nur alles richtig machen.

Wie ich heute weiß, nahm ich damals an einer Art Massenexperiment mit einem zu dem Zeitpunkt nicht ausreichend getesteten Wirkstoff teil, der inzwischen keine Zulassung mehr hat.

Ich bin mir sicher, dass es im Laufe dieses, spätestens mit Beginn des kommenden Jahres, einen ersten Impfstoff gegen SARS-CoV-2 geben wird. Das Virus wird nach und nach hoffentlich dorthin gehen, wo auch H1N1 und H5N1 sind, ins Viren-Exil. Aber wo ist das?

 

Fabian, München

Das Private und das Politische sind noch nicht recht abgestimmt. Ein paar Wochen lang entsprach dieses kein Bedürfnis nach Berührung, intim, undsoweiter, den Anforderungen der Verwalter der Krise an die Körper ihrer Gesellschaften; und das ist nun ein schwacher Trost für die nicht gerade sich häufenden Momente, die diesen Anforderungen gerade nicht entsprechen wollen, ohne auch nur die Kraft zu haben, oder jede Gelegenheit, sich über die Rahmungen der Verordnungen hinwegzusetzen. Gequirlte SCheiße, dann stellt er sich vor, diese Verkörperung seiner Bedürfgnisse, jemanden zu umarmen, jemandes Haut zu spüren, jemandes Atem, es fragt ja keines dieser Bedürfnisse, elementar, nach seinen Umständen, das ist okay. Andrerseits ohnehin in der Möglichkeit der Wirkung auf den Körper so idealisiert bloß, wie man sich’s nur vorstellen kann, solange das Virus noch nichts von der unmittelbaren Bedrohlichkeit erhält, die über die Schreckensnachrichten hinaus, und die Anordnungen, ins Privatleben hätte sickern können, mehr Simulakrum als, der alternative, invasive Ansatz der Umschreibung doch recht festgefahrener Realitätenbündel eines kollektiven Bewusstseins, das hinausginge, über die zahllosen persönlichen, emotionalen, ökonomischen Prekariate seiner Elemente. Schwierig, die Gedanken oder dazu mit nicht total vorhersehbaren Dynamiken zu verstehen, tradierten Krisensymptomen so vieler Filme und Romane und Zombieapokalypsen; plötzlich der großartige Witz in “Juan of the dead”, der Infizierten gemäß öffentlicher Verlautbarungen als Dissidenten wider den kubanischen Sozialismus.

 

Birte, Darmstadt

Als Weihnachten 2004 der Tsunami die Küsten entlang des Indischen Ozeans verwüstete, lag mein damals 18 Monate alter Sohn auf der Intensivstation des Kölner Kinderkrankenhauses. Wegen einer schweren Lungenentzündung rang er nach zwei Thoraxdrainagen nicht nur nach Luft, zeitweilig wurde er beatmet.

Ich habe keine visuelle Erinnerung an die Tsunami-Katastrophe, weil ich das Medienereignis nicht mitbekommen habe, als es passierte. An der kollektiven Schockerfahrung habe ich nicht teilgenommen. Aber an das Intensivzimmer erinnere ich mich sehr gut. Do not go gentle into that good night.

 

5.04.2020

 

Viktor, Frankfurt 

13 Jahre Leben passen in einen Kofferraum (Kleidersammlung, Wertstoffhof) und paar Mülltonnen (Papier, Kunststoff, Restmüll). Ich habe den Keller ausgemistet. Ich habe mich dabei von Dingen getrennt, die mich mit drei Generationen verbinden verbanden. (Ich habe jeweils ein, zwei Sachen aufgehoben, Dinge, von denen ich hoffe, dass ich sie eines Tages der übernächsten Generation übergeben kann.) Ich habe manchmal mit mir gerungen, ich musste manchmal Pause machen, abends war ich im Wald und fühlte mich Hunderte Kilo leichter.

 

Birte, Darmstadt

Große Liebe für alle, die gerade nicht schon alles wissen, keine Tips geben, die nicht das Banalste zur Weisheit erklären oder wissen, wie man durchkommt. Werde ich dabei noch plump-vertraulich geduzt, stellen sich mir alle Nackenhaare auf. Tagebuchschreiben ist eine Form der Sinnstiftung, ich hab aber gerade keinen parat. Die Tage sind gleichförmig, auf den Markt zu gehen, mit Kolleginnen zu telefonieren, ein Ereignis. Ich bin doch keine Buribunkin.

Ich mach jetzt das, was ich immer tue, wenn ich der Aufmunterung bedarf: Jovanotti ganz laut aufdrehen. Sich den Sommer überwerfen und für den Moment ist alles gut.

https://www.youtube.com/watch?v=VHcAusNO3L4

 

Nefeli, Berlin / Hamburg

The perks of being someone’s Kontaktperson. Es bleibt dabei, dass ich mich dafür dankbar schätze, nicht allein zu sein. Ich würde wohl nie rausgehen. Stattdessen habe ich gestern ein paar Sommersprossen bekommen. Wir waren im Gleisdreieck-Park. Das schaffte Normalität. Ein Stand verkaufte sogar Kuchen und S. und ich konnten das tun, worin wir vermeintlich am Besten sind: Süßes naschen, dabei Kaffee trinken.

Am Tag zuvor hatten wir beide einen sozialen Tag. Ich traf Hannah, sie erzählte mir davon, dass sie einen neuen Job hat, sie näht nun Gesichtsmasken. Ich habe direkt ein paar bestellt. Wir liefen ewig die Straße auf und ab, teilten uns irgendwann ein Stück Pizza. Auch das schien fast normal, bis auf die Tatsache, dass ich sie nicht umarmen konnte. Das wird mit das Krasseste sein, endlich alle, die ich mag, umarmen zu dürfen.

Abends dann eine WebCam/Zoom-Party. Es gab Schnaps und ein Würfelspiel. Beim Abräumen zerbrach mir ein Glas in der Spülmaschine, just in der Sekunde, als S. im Wohnzimmer zwei Gläser umkippte und ebenso zerbrach.

Und wie viele Scherben braucht es, bis wir uns alle wieder normal fühlen? Ich fordere ja noch nicht einmal das Glück heraus. Ich muss gar nicht glücklich sein. Aber mich stabil zu fühlen, das wäre doch schon etwas.

 

Slata, München

Es wird warm, keiner hält sich mehr an die Regeln, die Leute stürzen sich auf Topfblumen draußen vor dem Discounter, atmen in der Kassenschlange einander ins Genick. Auf dem Balkon hinzugekommen sind

drei Lavendelsträucher

fünf lila Primeln

zwei Kürbisembryonen

eine gelbe Rose.

Wenn das Ganze irgendwann vorbei ist, denn irgendwann muss es ja vorbei sein, wird alles wieder verdorren, in sich zusammenfallen, erfrieren, und so säen wir Sonnenblumen, Pfefferminze und Dill, gießen sie aufmerksam, jeden Tag, befühlen die Erde mit den Fingerspitzen, stellen sie morgens raus in die Sonne, tragen sie abends behutsam ins Wohnzimmer rein.

 

Nabard, Bonn

Eine Amsel sammelt Holz für ihr Nest. Eine Hummel fliegt zur Tulpe. Vögel zwitschern während die Sonne mein Gesicht und meine Brust wärmt. Ich weiß nicht was für einen Tag wir heute haben. Es interessiert mich auch nicht. Ich weiß nur dass wir leben und die Natur um uns auch. Ein Windstoß pfeift mir meine Locken ins Gesicht, ich muss unbedingt einen Friseur ausfindig machen.

 

Marie Isabel, Dunfermline 

An Liefertermine von Supermärkten ist momentan kaum mehr heranzukommen. Einige Ketten räumen besonders Gefährdeten Priorität ein. Theoretisch kein schlechtes Prinzip. Wie genau sie an die persönlichen Daten der Kund*innen gelangt sind, frage ich mich. Andere Supermärkte bzw. Obst-/Gemüseboxen-Lieferdienste (etc.) nehmen keine Bestellungen von Neukund*innen mehr an. Die kreativsten und kundenfreundlichsten Lösungen finden kleinere, familiengeführte Unternehmen. Wie der Fleischerladen, der jetzt auch telefonisch aufgenommene Bestellungen zustellt, oder der Bauernhof (mit angeschlossener Bäckerei und Kaffeerösterei), der kurzerhand einen Online-Shop mit reduziertem Angebot (verschiedene Sorten Brot, Scones, Eier, Kaffeebohnen) eingerichtet hat. Kund*innen bekommen ein Tagesfenster, in dem sie die eigens für sie verpackte Ware abholen können. So machen sich mein Mann und ich (da wir autolos sind zu Fuß) auf den sechs-Meilen-Weg querfeldein und an (ansonsten dicht befahrener) Landstraße entlang. Mit Broten und Eiern (und zwei Scones) in Rucksack und Schultertasche kehren wir glücklich nach Hause zurück. Was für ein Luxus.

Statt, wie ansonsten jedes Wochenende in letzter Zeit, selbst den Backofen anzuwerfen, zeichne und aquarelliere ich Osterkarten. Für die engste Verwandschaft in Irland, Schottland, England, Deutschland. Kleine Farbtupfer der Zuneigung per Post als wiederkehrende Idee. Gleichzeitig bin ich zum Telefonieren nur bedingt aufgelegt, beantworte manche Emails erst nach Tagen, wähle sehr genau aus, wann ich wie mit wem kommuniziere. Obwohl mir Sozialkontakte fehlen. Das Paradox aufzulösen vermag ich nicht, aber vertraut ist es mir, aus meiner Chemotherapie-Zeit.

Die britische Regierung überlegt seit heute, auch sportliche Aktivitäten außer Haus zu verbieten

 

Weil es Menschen, verständlicherweise, im Frühlingssonnenschein vermehrt nach draußen zieht. Auf Twitter braut sich ein Sturm zusammen gegen die neue Beschränkungs-Idee. Sorgen um körperliche wie psychische Gesundheit werden laut. Ebenso die Frage, warum es schädlicher sein soll, Andere in frischer Luft zu umrunden als im Supermarkt. Mancher begreift diese Aufregung dagegen nicht, besonders Menschen in Italien, Spanien, Frankreich, wo die Regelungen bereits jetzt strikter sind. Wo hört, fragt eine unreflektierte Stimme in meinem Kopf, eigentlich Solidarität auf und fängt Kollektivhaftung an?

 

Fabian, München

Es ist ja nichts grade Neues, dass sich auch in der Zeit der Krise auf die durch die Gegebenheiten zwar Involvierten, aber nicht Betroffenen die psychischen Symptome nur genau so vorübergehend manifestieren oder zeigen, wie sich die Bereitschaft hält, mehr als nur die spannendsten Schlagzeilen mehr als bloß zu überfliegen, um sich so und ohne Rücksicht auf die diskursiven Folgen eine felsenfeste Meinung schon festgelegt zu haben, bevor überhaupt Zeit war, auf den Kommentarbereich zu klicken und sie abzuladen. Das wirkt so tautologisch, wie’s klingt, meistens; ein paar der Pappenheimer, oder genügend, wobei vielleicht das schon eine den Tatsachen nicht unbedingt genügende Wertung darstellt, kennt man ja schon, die da so, gefühlt, reflexhaft, die immergleichen ideologischen Fragmenthaftigkeiten in die Tasten hauen und in den immergleichen Grabenkämpfen ausufern lassen. Doch eine Form von guilty pleasure, dass es manchmal schon spannender ist, vor der Lektüre des jeweiligen Artikels in den Leserkommentaren abzutauchen. Nicht, weil’s sich besonders gut anfühlt, dass man in jeder möglichen Stellungnahme zu jeder möglichen mehr oder weniger historisierbaren Situation  die selben, oft stupenden Argumentationsmuster wiederfindet. Man kann sich ja nicht ernsthaft über die ganzen Menschen dahinter, und schon gar nicht konsequent, erhöhen, bloß weil die jeweiligen Reflexe vielen von ihnen ernsthaft dumm erscheinen lassen, und nicht ‘mal vor sich selber genügt zur Beruhigung des Unbehagens darüber die Feststellung der Invalidität jedes möglichen oder instinktiven Urteils über die Urteile der anderen, deren Erfahrungs- und Lebenswelten man nicht teilt und meistens nicht ‘mal tariert mit dem instinktiven Bewusstsein für die eigene, und dezidiert unter Anführungszeichen gedachte Fähigkeit, die, dezidiert unter Anführungszeichen, einfachen Muster zu durchschauen.

 

Sarah, München

Die Krise taugt nicht dazu, uns zu bessern. So heißt es in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung. Ja, vielleicht ist das so. Wir werden keine anderen. Und Angst lässt die viele Menschen sich ducken und nicht über sich hinauswachsen. Wie die Verteilungskämpfe um Klopapier und Schutzmasken eindrucksvoll belegen.

Und trotzdem kann ich es nicht lassen von der Revolution zu träumen. Denn Corona legt so vieles offen. Entblößt die Schwachstellen unserer Gesellschaftsordnung endlich auch für jene, die die Betroffenen und Mahner als ein bisschen überspannt dargestellt haben. Nun muss doch jeder sehen, dass die Betreuung von Kranken kein Geschäft sein sollte. Dass Alleinerziehende jede Unterstützung verdient haben. Dass Care-Arbeit ARBEIT ist. Und zwar von der härteren Sorte. Vielleicht auch, dass unser Tempo ein bisschen irre ist. In all dem Chaos, der wirtschaftlichen Probleme atmen erschütternd viele Menschen auf. Wie @mamaarbeitet.

Werden wir uns das merken? Und noch wichtiger: Werden wir uns wehren? Werden wir aufhören auf die Menschen herabzublicken, die aus Osteuropa kommen, um unsere Erdbeeren und unseren Spargel zu ernten, damit ihre Körper schinden (wer mal ein paar Stunden irgendwas geerntet hat, braucht keine weitere Erklärung), nur damit Obst und Gemüse für uns angenehm günstig bleiben? Ich hoffe es sehr. Mein Mann sagt, ich soll nicht von sowas träumen. Die Welt bleibt die Welt. Vielleicht. Aber irgendwann gab es ja auch Könige, die den Segen Gottes hatten.

Woche 5: 6. April bis 12. April

 

6.04.2020

 

Slata, München

Ich pflege feste Vorstellungen davon, was und wie Kinder nötig haben, was man ihnen anbieten, wie man ihren Tag regeln muss, Spiele im Freien, Felder, Gärten, Spielplätze, sowas, regelmäßige Projekte Wir legen ein Kräuterbeet an oder Bunte Ostereier aus Filz gestalten, ab und zu eine Waldwanderung oder ein Besuch beim Imker nebenan, viele gut gemachte Bücher, und andere Kinder natürlich. Jetzt sitzt Emil die meiste Zeit zuhause, im kleinen Zimmer mit Dachgeschossbalken, Hörbücher non stop, oder läuft im Flur mit einem Ball herum, es macht mich wahnsinnig, ab und zu gehen wir raus natürlich, solange es erlaubt ist ohne Gesichtsmaske, denn so ein Teil wird sich Emil garantiert nicht aufsetzen, aber es ist alles nicht wirklich gut, nicht zufriedenstellend, gar nicht. Auch, weil ich für mich selbst ganz andere Sachen will, als Spiele im Freien, Felder, Gärten, und Ostereier aus Filz. Kompromisse sind ätzend, sie machen mich nervös, und ich gehe den Tag lang genervt, mal verängstigt (wo enden wir nur), mal wütend (das ist doch einfach unerträglich) mit verschränkten Armen hin und her (wie Napoleon, bilde ich mir ein), merke, dass das Einzige, was ich gerade will, ein Mittagsschlaf auf dem Sofa ist.

 

Viktor, Frankfurt

Meine Mutter hatte mir vor einigen Jahren ein Kochbuch gemacht mit ihrem Essen, das mir schmeckt. Dass sie nach dem Geschenk nur noch ein paar Jahre zu leben hatte, wusste damals niemand. Ich habe seitdem ein Dutzend Mal die Bliny versucht zu machen, wie sie das für mich aufgeschrieben hatte. Der Teig war entweder zu dick oder zu dünn, er riss in der Pfanne, verbrannte an einer Stelle und war an der anderen noch roh, er schmeckte manchmal zu sehr nach Eiern und ein ander‘ mal waren die zerrissenen, halb verbrannten Bliny zu ölig.

Eigentlich sind sie nicht kompliziert zu machen. Die Pfanne darf nicht zu heiß, der Teig will immer wieder umgerührt sein, zwischen den Bliny ein Klecks Öl in die Pfanne, daneben stehen bleiben, wenn die Bläschen im Teig aufsteigen und platzen, umdrehen.

In den letzten zwei Wochen sind mir die Bliny immer gelungen.

Im Wald sehe ich Menschen, die sich offensichtlich selten in den Wald verirren. Es sind so viele, wie ich das hier noch nie erlebt habe. Die neuen Waldbesucher sind so angezogen, dass sie ständig aufpassen, nicht “dreckig” zu werden. Ein Mann hilft einem Mädchen auf eine Wurzel zu klettern, die Wurzel ist größer als das Mädchen, noch voller dunkler Erde, der Baum fiel erst vor gar nicht so langer Zeit um. Die Waldbesucher laufen auf allen möglichen Pfaden, um Distanz zu halten. Ob das dem Wald gefällt?

 

Rike, Köln

Die Soundkulisse von Deutschland hat sich verändert. Mutmaßung: überall in Deutschland hört man es jetzt vermehrt Akkubohren, Dübelbohren, Rasenmähen, Staubsaugen, feine Geräusche von Fensterputzen, das Quietschen von Gummischwamm auf doppelverglastem Veluxfenster, wenn man genau hinhorcht. Weniger Autobahnbefahrgeräusch, weniger Menschengruppendurcheinanderredegeräusch, weniger Bierglasgegeneinanderschlag oder Porzellangeschepper, keine Demogeräusche von Leuten, die die selbe Sache sagen, dafür Straßenkreidekratzen oder die schnarrenden Geräusche von Polizistenmenschen, die die Personalien von Menschen aufnehmen, die Pappschilder leise mit Thesa an Straßenzäune kleben (das Geräusch, wenn Thesa von Rolle abgezogen wird, vermehrt): „Wir hinterlassen Spuren. Evakuieren statt Ignorieren.“ Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen – hört die irgendwer?

 

Sandra, Berlin

Ich wache in meinem schuhschachtelgroßen Arbeitszimmer auf, draußen die Stimmen von Mann und Kind, sie spielen, es ist kurz nach 7 Uhr morgens, heute wird das Kind 17 Monate alt, ich mache die Augen noch einen Moment zu. Die letzten Wochen habe ich immer wieder hier geschlafen, nach meinen Schreibnachtschichten, um mich nicht zu weit vom Text zu entfernen, die Ruhe zu halten, das Geschriebene im Kopf nachklingen zu lassen und mein Hirn nicht sofort wieder in den Mamamodus zu schalten. Auf meinem Tisch stapeln sich Notizen, auf dem Boden ein Hindernisparcours aus Büchertürmen, dazwischen das Schlafsofa. Es fühlt sich an wie Ferien.

Es ist schön, nicht allein zu leben, zu sein, in diesen Tagen, gleichzeitig ist es manchmal schwer, nicht allein zu leben. Ich bin ziemlich gut für mich allein.

Die Tage werden von den Nachrichtenmeldungen getaktet, den Essenszeiten des Kindes, den Arbeitseinheiten, den Spaziergängen und Zeiten, in denen ich mit dem Kind spiele, in denen es für sich spielt. Das Kind brabbelt in seinem hochsympathischen Alienkauderwelsch, das manchmal ein bisschen nach Hebräisch klingt, dann nach Klingonisch, dazwischen droppt es neue Worte in unserer Sprache, die wir auch verstehen, kommuniziert immer klarer, freut sich unbändig, wenn wir (wahrscheinlich denkt es: endlich!) verstehen und überhaupt freut es sich die meiste Zeit über alles mögliche, um im nächsten Moment einen Wutanfall zu bekommen, der in Sekunden wieder verfliegt. Meine Grundstimmung ist ähnlich: aufgekratzt, aufgeladen, wegen Nichtigkeiten werde ich aufgebracht.

Ich nehme meine Gedichte auf für einen Podcast, ich mache meine erste online-Lesung, beides macht mir mehr Spaß als erwartet. Ich schreibe to-do-Listen, deren to-do’s ich immer wieder neu übertragen muss, auf die nächste Liste. Für alles ist zu wenig Zeit. Die Müdigkeit, die ich seit Wochen nicht loswerde, tut ihr Übriges. Draußen tobt allem zum Trotz das Frühlingserwachen, und mir ist nach Winterschlaf. Im Rauschen der Nachrichtenmeldungen die Augen zumachen, wegdösen, nicht mehr denken, nur schlafen. Aber ich bin wacher, als mir lieb ist. Im Radio sagen Zukunftsforscher_innen, nach Corona soll es eine „neue Normalität“ geben. Wie wird diese aussehen?

Weiter als eine Woche in die Zukunft zu denken fällt mir schwer. Alles schwebt, die gemachten Pläne, die Möglichkeiten, die Ideen. Die Zeit dehnt sich, um im nächsten Moment weiter zu rasen. Ein Tagebuch sollte wohl täglich geführt werden, aber das klappt nicht, allein schon, weil manche Tage miteinander verschmelzen. Der März war lang und irre kurz. Nicht? Kommendes Wochenende ist Ostern, whatever, Feiertage waren mir immer schon egal. Ich frage mich: Wie lange wird dieser April dauern? Was davon wird uns in Erinnerung bleiben?

 

Shida

Am Telefon klingen meine Freund:innen überhaupt nicht traurig, während sie davon erzählen, dass sie gerade so oft traurig sind. Sie klingen so wie immer. Ich erzähle auch, dass es mir gerade oft nicht gut geht und klinge dabei, als würde ich von etwas Schönem erzählen. Dann sind wir uns gemeinsam einig, dass es uns ja im Vergleich auch gut geht. Heute sagt eine Freundin: „Ja. Man darf aber trotzdem traurig sein.“ und hat wie immer Recht mit allem.

Ich bin traurig. Es hat drei Wochen gedauert, bis sich dieses Gefühl breit gemacht hat, aber es ließ sich wohl nicht mehr länger hinauszögern. Wenn Menschen sich bei mir melden, bin ich traurig, wenn sie sich nicht melden, bin ich traurig, wenn sie mir nicht direkt antworten bin ich traurig und ich bin vor allen Dingen traurig, wenn ich selbst tagelang nicht antworte (was öfter vorkommt als dass man mir nicht antwortet). Ich bin traurig, wenn ich ihre schönen Gesichter in kleine Fenster gepresst in meinem Computer sehe und ich bin traurig, wenn mir Menschen erzählen, dass man die Kunst ganz toll online verfolgen kann: Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, alles online. Ich möchte weinen, bei der Vorstellung. Nicht, weil ich das schlecht finde oder so, schön für alle Beteiligten, wirklich! Aber mir tun alle so leid, dabei. Mein dominantes Gefühl bei all diesen Lösungen per Wlan ist Mitleid.

Das Haus, in dem wir die Isolation verbringen, ist das gleiche Haus, in dem wir Silvester gefeiert haben. In einem Anflug von betrunkener Panik hat ein Freund am frühen Morgen des 1.Januars 2020 die angebrochene Torte als komplettes Stück in den Gefrierschrank gestellt, weil er der Meinung war, man müsse sie vor irgendwas retten. Wir haben ihn ausgelacht, dafür, nicht zu knapp. Wir haben den 1.Januar hinweg über Optionen, was man mit der Torte machen kann, diskutiert, weil keiner die vielen Kilometer mit einer angebrochenen, tief gefrorenen Torte zurück ins echte Leben fahren wollte. Es gab die Stimmen, die die Torte wegschmeißen wollten, was ich schrecklich fand und es gab die Stimmen, die eine besser Idee verlangten, was ich mit Schweigen beantwortete. Am Ende haben wir sie im Gefrierschrank vergessen und sind ohne sie in unser noch unschuldig lächelndes Jahr 2020 gefahren.

Ich habe die Torte heute Mittag aus dem Gefrierschrank geholt und auftauen lassen. Ich habe dabei an Frederick gedacht, die Maus, die weise nicht mitmacht, als alle anderen Mäuse Vorräte in Form von Essen sammeln, weil sie Farben sammelt, um später Geschichten zu erzählen, wenn es Winter wird. Die Torte war auch an Silvester keine besonders gute Torte, aber sie ist ein Relikt aus der Vergangenheit, eine Erinnerung an sorglose Abende mit Freund:innen.

Stunden später, am Abend, tröstet mich die Torte, obwohl ich mir unsicher bin, ob sie noch so schmeckt, wie sie schmecken sollte, aber sie harmoniert mit den drei Gläsern Rotwein, die ich in mich reinschütte, als wäre es wieder Anfang des Jahres und ich lese endlich Ocean Vuongs Roman zu Ende und als meine Lieblingsfigur stirbt (es sind immer die Lieblingsfiguren, die sterben), heule ich endlich Rotz und Wasser und bin so froh, dass ich endlich heule, es tut so verflucht gut, in aller Ruhe einmal richtig zu heulen und man heult besser, mit Torte, viel besser.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (6)

Dies ist der sechste Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Das mittlerweile über 85 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

31.3.2020

 

Matthias, Jena

In Jena zeichnet sich eine Maskenpflicht ab, zunächst im ÖPNV und im Einzelhandel, ca. in einer Woche soll es so weit sein, die Leute müssen sich zuerst irgendwie mit selbstgenähten Masken eindecken. Zu kaufen gibt es schließlich keine.

Ich habe Anfang des Jahres begonnen, auf eine »Clean Desk Policy« hinzuarbeiten und bin jetzt nahezu am Ziel: Auf meinem Schreibtisch ist, verglichen zu früher, fast nichts mehr, meine Arbeitsunterlagen sind ordentlich in Mappen sortiert und liegen in einem Schubfach. Ausgerechnet während der Pandemie bekomme ich also etwas hin, was ich jahrelang nicht geschafft habe, und ich habe eine Art schlechtes Gewissen dabei, obwohl die Seuche ja keinen großen Einfluss auf meinen Arbeitsalltag hat. Das schlechte Gewissen ist ohnehin (bzw. in noch stärkerem Maße als sonst) ein ständiger Begleiter, seit die Belastungen durch die Epidemie völlig an mir vorbeigehen. Ich konsumiere, bestelle Essen und zahle meine Steuern, das war’s. Toilettenpapier ist übrigens problemlos zu bekommen, ich bin dem Eindruck auf den Leim gegangen, den die leergefegten Regale in mehreren Geschäften reproduzieren; in einer Drogerie war am Regalkopf eigens eine große, noch sehr volle Palette aufgebaut. Abgabe nur eine Packung pro Person.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Wir wohnen mit Aussicht. Von meinem Arbeitszimmer aus sehe ich den großen blauen Kran der Werft von Rosyth. Der Firth of Forth windet sich gemächlich und silbern ins Land. Dort versammelten sich kurz nach dem Waffenstillstand 1918 siebzig deutsche Kriegsschiffe. Filmaufnahmen zeigen die Flotte vor der roten Eisenbahnbrücke, die hier jeder mit ehrlicher Zuneigung liebt. Die beiden anderen Querungen, von denen in Nichtpandemiezeiten der Verkehrslärm zu uns herüberschwallt, gab es damals noch nicht. Sie fehlen mir wenig, die zahllosen Metallkäfige auf Rädern. Ich mag, wie viel ruhiger es um uns herum geworden ist. Entspannter. Auf der Straße vor dem Haus, der großen Kreuzung rechts daneben. Dafür strömen täglich Menschen mit und ohne Hund die Fußwege entlang. Als sei jeden Tag Osterspaziergang. Manchmal so viele, dass einige meiner Nachbarn auf Facebook darüber wuschig werden. Ich lausche den Frühlingsvögeln, deren Stimmen einmal nicht untergehen. Altansässige haben mir erzählt, dass hier bis vor wenigen Jahren noch überall Felder waren, alte Bauernhöfe. Davon ist kaum etwas geblieben. Eine der letzten Freiflächen, die ich noch als wilde Wiese schätzen lernte, wird gerade bebaut. Mit Blick auf die Werft, den Firth of Forth, die drei Brücken. Ich schaue wieder aus dem Fenster. Die Aussicht hat sich noch einmal geweitet, scheint es. Schnee bedeckt die Berge am Horizont.

 

Sandra, Berlin

Das Weitermachen hat etwas Absurdes. Als wäre nichts anders. Aufstehen, essen, arbeiten, am Wochenende raus ins Grüne. Und natürlich ist dabei alles anders. Der Spaziergang am Sonntag im Grunewald wird begleitet von polizeilichen Megafon-Durchsagen, man solle den schönen Tag genießen, aber Abstand halten und möglichst nirgendwo verweilen. Die täglichen Telefonate mit Familie, Agentur, Verlag, Freunden – dabei habe ich davor so gut wie nie telefoniert. Die neuen Verhaltensregeln des Draußen, wir dürfen das Kind nicht mehr mit anderen spielen lassen, alle Eltern versuchen die Kinder mit mehr oder weniger subtilen Tricks voneinander fernzuhalten, statt wie davor das gemeinsame Spielen zu fördern. Eine neue Unruhe zeigt sich im Verhalten des Kindes, es wacht um drei Uhr morgens auf, ist hellwach, und will sich nicht mehr beruhigen lassen – das mag ein Entwicklungsschub sein, aber genauso wahrscheinlich ist, dass die kleinen und großen Veränderungen spürbar sind, ebenso wie meine, wie unsere eigene Unruhe, die wir versuchen, unter dem Deckel zu halten. Es rumort in meinem Hirn, als wäre es ein hungriger Magen. Die Fragen nach einem DANACH. Was kommt danach? Und wann beginnt es wieder? Und wie wird das JETZT uns bis dahin verändert haben? Ich spreche Gedichte aus meinem Debüt für einen Podcast des Verlags ein, sie hören sich anders an im Kontext der aktuellen Ereignisse. Ich streiche am Vorschautext für meinen Roman herum. Alle Wörter scheinen ungeeignet. Die Bedeutungen, die Wahrnehmungen, die Befindlichkeiten der Worte und Dinge scheinen sich stündlich zu verschieben. Mein Blick geht immer wieder vergleichend zu den viel strengeren Maßnahmen in Österreich/Wien, dort habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht, dort leben die Menschen, die mich mit am besten kennen, dort sollen die Menschen ab sofort Schutzmasken tragen, erst mal nur im Supermarkt, aber wahrscheinlich bald überall. Alles nur eine Frage der Zeit, dann wird Deutschland nachziehen. Die Haut auf meinen Händen ist rot, trocken und schuppig vom ständigen Waschen. Manche posten Bilder ihrer rotgeschrubbten Hände in den sozialen Medien. Das Bild der von Schutzmasken halb verdeckten Gesichter auf den Straßen beunruhigt mich am meisten. Beim Kontrolltermin (es hustet seit Wochen) streckt das Kind die Hände nach der Maske unserer Ärztin aus, sieht uns fragend an. Wir machen einen Scherz daraus, der keiner ist.

Mein täglicher Gedanke: Ich will einen Garten.

 

Slata, München

Wenn wir hier reingehen, sage ich, Dann huste bitte nicht, und niese nicht, auf keinen Fall, verstehst du? Und geh an keinen näher ran als etwa so, von hier bis zur Tür, achte drauf, dass da Platz ist zwischen dir und den anderen. Berühr am besten keine Sachen, lass mich das machen, ich werde alles nehmen, was wir brauchen, dann bezahlen wir und gehen raus, berühr nicht dein Gesicht dabei, lass die Hände weg, von den Augen, von dem Mund, hier, nimm dir einen Kaugummi, steck ihn in den Mund, dann hat er was zu tun und du schiebst keine Finger rein, hier, gib mir das Papier, ich schmeiß es weg, berühr bitte keine Sachen, die wir nicht sicher mitnehmen und bezahlen, ok, so, bei drei gehen wir rein also, denk dran, nicht zu husten, bitte, sonst können wir ein Problem bekommen, eins, bist du sicher, dass du es schaffst nicht zu husten, zwei, drei ‒

 

Tilman, Hamburg

Am ersten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bin ich auf die Welt gekommen. Bis heute kann ich mir nur eine schlechte Vorstellung machen, wie meine Mutter während der Schwangerschaft gefühlt und gefürchtet haben muss. Bis heute hält sie sich eisern an bestimmte Regeln wie “keine Pfifferlinge aus Weißrussland!”, die mir unhinterfragt in Fleisch und Blut übergegangen sind. (Irgendwann habe ich mal gegoogelt, wie belastet Pfifferlinge aus Weißrussland wirklich sind – alles nicht so schlimm, las ich, halte mich aber trotzdem weiter an das Verbot meiner Mutter.) Mein Kind wird – wenn alles gut geht – nicht mehr in unsere diffusen Ängste und Befürchtungen geboren, mit großem Glück gibt es einen Impfstoff und wir führen wieder ein normales Leben. Aber was werde ich ihm dann für (ir)rationale Bräuche und Regeln mitgeben? Was bleibt von all dem für nahe und ferne Zukunft an und in uns hängen?

 

Sarah, München

Deutschland hört seinen Podcast. Deutschland träumt von ihm. Deutschland glaubt an ihn. Christian Drosten.

Er gibt den Menschen die Orientierung, die sie sich wünschen, oder es fühlt sich jedenfalls so an, dass er sie gibt. Und das reicht.

Die Locken, die sonore Stimme, das ebenmäßige Gesicht, der drahtige Körper. der leicht leidende Blick. Ein moderner Schmerzensmann, natürlich nicht am Kreuz. Aber immer ein wenig gequält von den Umständen. Selbstlos. Aufopferungsvoll. Christian Drosten ist das Komplettpaket vom sexy Erlöser mit der starken Schulter zum Ausweinen.

Bis vor kurzem ging mir das irgendwie ähnlich. Christian Drosten gefiel mir. Besonders seine uaufgeregte Art, die Bescheidenheit. Ein Mann, der öffentlich sagt: Das weiß ich jetzt nicht. Ein Mann, der öffentlich vertritt: Es ist nicht an mir das zu entscheiden. Auch wenn ich mir damit schmeichele, dass da auch ein Augenzwinkern dabei war. Wenn man etwas ein bisschen ironisch macht, dann bewahrt man sich ja, so wird behauptet, ein kleines bisschen Würde.

Aber seit ein paar Tagen kippt für mich das ganze. Ein Unbehagen hat sich eingeschlichen, wenn ich Drostens Ausführungen lausche. Liegt es an mir, nicht an ihm? Ich bin mir nicht sicher.

Ich bin dafür, dass wir den Experten zuhörern.

Aber warum dieses Verlieben in einen einzelnen Wissenschaflter? Warum sucht sich unser kollektiv EINEN? Und warum ist es schon wieder ein Mann? Dafür kann Christian Drosten natürlich nichts. Dass er ein Mann ist. Und auch Männer sagen gute Sachen und sind tolle Menschen.

Ich höre ihm gestern nur noch halb zu. Irgendwie bin ich genervt. Und zum Schluss kommt eine Suada. Er fühlt sich missverstanden. Er findet die Medien doof. Er ist ziemlich aufgeregt. Und redet viel von sich.

Ist er wirklich so bescheiden wie ich dachte? Oder ist er nur nicht ganz so großkotzig, wie ich es sonst von solchen Männern im Rampenlicht gewöhnt bin. Und applaudierte ich ihm also innerlich für ein Verhalten, welches eigentlich nichts besonderes ist, sondern einfach ein ziemlich durchschnittlicher Standart?

Tatsächlich habe ich entdeckt, dass er sich durchaus zu Dingen auslässt, von denen er nichts versteht.

Er forderte Zeitungen auf, ihre Corona-Inhalte kostenfrei zur Verfügung zu stelle, weil sie einen “Aufmerksamkeitsgewinn” aus der Krise haben. Dass das Anzeigenvolumen massiv eingebrochen ist und deshalt die finanzielle Situatione düster bis bedrohlich ist, das weiß er nicht. Aber er hat sich trotzdem dazu geäußert.

Klar. Passiert. Und das macht ihn nciht gleich zum Narzissten.

Aber Christian Drosten ist wohl einfach in vielem ein regular Dude.

Also liegt es nicht an ihm. Es liegt an mir.

Bin ich so patriarchal geprägt, dass ich, sobald ein Mann nicht die härtesten Silberrücken-Anzeichen hat, auf seinen Schoss will und es toll finde, dass er tatsächlich mal zugibt etwas nicht zu wissen?

Warum reden wir eigentlich nicht mit und über die Expertinnen? Denn die gibt es doch! Zum Beispiel Marylyn Addo, die Leiterin der Infektologie der Univerisätsklinik Eppendorf. Sie ist ganz ganz vorne mit dabei, auf der Suche nach dem Corona-Impfstoff. Wenn sie in den MEdien spricht, ist sie wunderbar klar. Und auch ein wenig heiter. Kein bisschen leidend. Sie sieht auch gut aus, ähnliche Liga wie Drosten, würde ich sagen. Sie hat sogar Locken.

Ich erinnere mich nicht daran, dass sie ein einziges Mal das Wort “ich” gesagt hätte. Während Christian Drosten das ganz gern benutzt.

Wir und Christian Drosten, es ist einfach noch mehr vom Same Old, same old … Fuck. So genau wollte ich das gar nicht wissen. Ich wollte eigentlich weiter sein. Marylyn Addo! Rette mich!

 

Svenja, Köln

Vielleicht habe ich wirklich social distancing gemacht. Vielleicht bin ich jetzt wieder da.
Gestern habe ich in der zweiten Woche Onlinelehre gemacht. Wir haben Adorno gelesen, ganz langsam und auf einer geteilten PDF. Der Text ist schwierig und hat daheim alle frustriert. In den Kommentaren am Rand stehen viele Fragen: „Was meint er damit?“ „Was ist denn jetzt das Argument?“. Als ich erkläre, dass die Kommentare uns weiterhelfen, sind manche erstaunt. Ganz oft wurden Stellen markiert, an denen der Text polemisch wird oder rhetorisch trickst. Nach jedem verstandenen Absatz versuchen wir, einen zusammenfassenden Satz zu formulieren.

Digital sind wir alle ganz schnell beieinander, aber auch ganz weit weg. Ich kann auf den kleinen Bildschirmen nicht erkennen, ob ich zu schnell spreche oder zu langsam, ob jemand mitkommt oder abdriftet oder gerade ganz anders beschäftigt ist.

Digitale Lehre macht mir deutlich, wie subtil ist sonst kommuniziere und wie plump ich dieses System gerade übertrage. Körpersprache muss übertrieben werden, damit ich sie erkenne.

Im dritten Seminar machen wir die erste Breakoutsession.

Ich frage ständig nach, ob alles klar ist.

Diesmal isst niemand Nudeln.

 

Fabian, München

Noch ist’s zu früh, um auch nur irgendeine oder Zwischen-Bilanz zu ziehen, für die von allem Überblick und informationell-evaluative Kapazitäten noch am frappierendsten fehlen. Dem entgegnet sich die schlagwörtliche Dunkelziffer, die mit der Schlagzeile kollidiert, der ersten Infizierten, einer afrikanischen Migrantin in einem griechischen Flüchtlingslager, “wo sie sich infiziert habe, wisse man nicht”, und auffiel sie bloß zufällig, in Folge, na toll, ihrer Entbindung, als man seit Monaten von den humanitären Katastrophen und seit mindestens Wochen von den drohenden einer ja ja nur noch zeitlich dispositiven in Folge eines Ausbruchs “der” Krankheit weiß; aber eine Tendenz zum Fehlversuch, immerhin, steht steht steht einem ja ganz maßgeblichen Hang zur Beschäftigung mit sich selbst einer Mehrzahl der sichtbaren Gesellschaften entgegen, Kolportage – die andern beschäftigen sich auch mit sich selbst, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit ihren Umständen, und es hat schon etwas von der Appropriation eigentlich unzugänglichen leids, wenn man das für existentieller hält, als die Ausspielung der Interessen “einer” Wirtschaft gegenüber dem mehrheitlichen Anspruch auf körperliche Unversehrtheit. Derweil Platinmünzen in Amerika, zwei an der Zahl, spektakuläre Überlegungen, nicht neu, aber gut, zur Rettung des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts, im Wert von Billionen, wird nie passieren. Ausspielung, wie sie schon seit, auch schon wieder, Wochen die Stimmungsbilder der Akteure im Schlagschatten dr Experten zu bestimmen beginnen. Die Bayreuther Festspiele finden nicht statt.

 

1.4.2020

 

Sandra, Berlin

Guten Morgen, ihr Nachbarn drüben auf dem Balkon in der Sonne (ich will einen Garten). Ja, wir sind hier drinnen. Guten Morgen Meditationsvideo, das ich laufen lasse, während das Kind kreischend zwischen Vergnügen und Wahn durchs Wohnzimmer rast (ich will Stille). Guten Morgen, Gemurmel, Raunen und Rauschen auf allen Kanälen (Ssssh!). Guten Morgen, blauer Himmel über Berlin (ich will raus aus der Stadt). Heute ist also der erste April, gratuliere, wir haben den endlosen März überstanden.

Und jetzt?

Ich mach die Pixies an und singe so laut mit, dass die Nachbarn drüben auf ihrem Balkon auch was davon haben: I had me a vision / There wasn’t any television / From looking into the sun / I’m looking into the sun

 

Jan, Hannover

Vergangene Woche hätte ich wieder meinen Routinetermin bei der Arbeitsagentur gehabt, wegen der Corona-Krise fiel er aus, verständlicher- und auch erfreulicherweise, denn viel zu erzählen gäbe es dort nicht. Mitte vergangenen Jahres hatte ich meinen Job gekündigt mit der vagen Idee, mich mit irgendetwas selbständig zu machen, mit der Betonung auf: irgendetwas. Ideen gibt es mehrere, darunter allerdings keine, die seither ein gewisses Maß an planerischer Konkretion erreicht hätte. Zunächst wollte ich nichts überstürzen, sondern erstmal meinen Kopf sortieren und sorgsam meine Begeisterungsfähigkeit wieder aufbauen, dann, zur Jahreswende, grätschte mir das obligatorische schlechte Gewissen von hinten in die Beine, weil ich mit dem Neustart nicht in die Puschen kam. Auf die protestantische Arbeitsethik, die man mir eingetrichtert hat, ist Verlass, zumindest auf Gewissensebene.

Dann kam Corona. Jetzt bin ich heilfroh, nichts gestartet zu haben, mit Mühe, Aufwand, womöglich Liebe und mit schmerzhaften Anfangsinvestitionen, das jetzt im Corona-Lockdown gleich wieder hilflos abschmieren, absaufen und vor die Wand fahren würde, um hier mal fröhlich einige Metaphern durcheinander zu werfen.

Aber wie wird es weitergehen, hinterher, wenn diese Virensache irgendwann, wann auch immer, endlich durchgestanden ist? In was für eine volkswirtschaftliche Situation werde ich, werden wir, wenn überhaupt je, unsere kleine, bescheidene Neugründung dann pflanzen? Und da ich von der Arbeitsagentur keine Leistungen erhalte (ich bin dort nur aus formalen Gründen gemeldet): Wie lange halten wir noch durch, bis die Sache (welche auch immer) nicht nur laufen, sondern sich auch tragen muss? Unsere Reserven reichen nicht unendlich und waren unvorsichtigerweise auf andere makroökonomische Rahmenbedingungen ausgelegt als auf eine globale Rezession von unbestimmter Dauer, langsam schmelzen sie ab, während es draußen wärmer wird.

Das sind Sachverhalte, die ich derzeit lieber verdränge, weil es bekanntlich die Verdrängung ist, die uns über Wasser hält. Stattdessen verkitsche ich mir meine bisherige Ziellosigkeit als weise Voraussicht. «Bleiben Sie gesund», hätte meine Betreuerin von der Arbeitsagentur als letzten Satz in die Mail schreiben können, mit der sie unseren Termin ersatzlos absagte. So wie es jetzt alle tun. (Seit neun Monaten versaue ich ihr nun schon ihre Vermittlungsstatistik. Ob sie bei der Arbeitsagentur auch schon diese umständlichen Zielvereinbarungsprozesse haben wie bei meinem alten Arbeitgeber?) Stattdessen stand da: «Bitte teilen Sie unverzüglich eventuelle Veränderungen mit.» Ich fürchte, da könnt Ihr noch lange warten.

 

Slata, München

Wie viele sich umgebracht haben mittlerweile zum Beispiel, weil Therapieräume geschlossen wurden, jeder Gang nach draußen schwieriger geworden, die Tabletten ausgingen schließlich und die Praxis nicht mehr erreichbar oder unerreichbarer geworden, so, dass endlich gar nichts mehr erreichbar, und da Hirngespinste sowieso nicht ansteckend, weiter mit den eigenen Gedanken, man findet sie, wenn das Schlimmste vorbei ist, der Geruchr von Desinfizierungsmitteln im Treppenhaus verflogen und die Nachbarn eine immer noch geschlossene, immer seltsamer riechende Tür bemerken ‒

 

Emily, Rostock

Es ist lächerlich: manchmal bin ich fast ein bisschen stolz darauf, dass die Zahlen im Bundesland so langsam steigen. Als hätten die Menschen bewusst etwas dafür getan, außer ihre Häuser möglich weit auseinander zu bauen. Als hätte ich überhaupt eine Verbindung zu dieser Region und würde mehr kennen als das Viertel, in dem ich lebe. M sagt, hier umarmt sich sowieso niemand. Der verordnete Abstand in Mecklenburg-Vorpommern liegt bei 2 Metern, nicht den üblichen 1,5. Damit wir überhaupt einen Unterschied bemerken. Ich habe mir meine Haare in meinem ursprünglichen Ton gefärbt. Niemand sieht es, ich selbst auch nicht. Nur die Strähnen sind jetzt so ausgetrocknet wie meine Hände. Wenn M die Stadt wieder verlässt, werde ich mich zurück in die Arbeit stürzen, bis dahin liege ich neben ihm auf der Couch und esse Kaubonbons. Ich weiß nicht, ob mein Therapeut noch Stunden anbietet und ich frage nicht nach. Auf der Straße wirken die Menschen entspannt. Sie tragen Jogginghosen und halten ihre Hunde an langen Leinen. Die Gewöhnung ist eingetreten und ich spüre keinen Anflug von Rebellion. Täglich läuft die Anzeige auf meinem Inhalator rückwärts, noch 70 Schub Cortison und ich warte darauf, dass mein Gesicht anschwillt.

Was im Kopf bleibt: Streiten und sich danach nicht umarmen können. Bloß kein Wort über Schnee schreiben.

 

Birte, Darmstadt

Ich bereite die Lehre vor. Es ist merkwürdig, an einer neuen Uni anzufangen und wirklich niemanden im virtuellen Seminar vorher zu kennen. Wir müssen distanziert einen Weg finden, gemeinsam im Seminar zu kommunizieren, zugleich werden die Aufgaben zeitflexibel sein, damit ich die Lebenssitutation der einzelnen zumindest im Ansatz berücksichtigen kann. Gerade bereite ich einen Fragebogen vor, eine Anregung die ich aus der Diskussion zu #virtuelleLehre von Patrick Reitinger bekommen habe. Bei mir wird es aber mehrere Antwortoptionen und Freitext geben.

Ich finde es schwer, den Studierenden nicht sagen zu können: dieser Zustand dauert so und so lange, dann wird es wieder anders. Ich muss ganz viel Flexibilität und Selbstkompetenz voraussetzen in einer fordernden Situation. Das einzige, was hilft, scheint mir derzeit zu sein: selbst auch flexibel zu sein. Anpassungen vorzunehmen, zu fragen, zuzuhören.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Eigentlich will ich über Kreatives schreiben: über #nanowrimo bzw. #napowrimo und mein neu gefasstes Vorhaben, an jedem Tag im April ein Gedicht zu verfassen. Über den inklusiven #internationalpoetrycircle (https://twitter.com/IntPoetryCircle), den die Dichterin und Schrifstellerin @TaraSkurtu ins Leben gerufen hat, um Menschen durch Gedichte über alle selbst- und fremdverfügte Isolation hinweg zu verbinden. Über die vielen Gedichte, die wie Leuchtkäfer nun täglich durch meine Timeline huschen. Über den legendären @SirPatStew, der seit einigen Tagen #ASonnetADay liest. Über …

Dann aber schaue ich doch wider besseres Wissen auf die BBC-Webseite und andere Gedanken drängeln sich in den Vordergrund: Frontline. Field hospital. Enemy. Heroes. Grim. Das Wörterbuch der Pandemie bedient sich aus dem des Krieges. 2.352 Menschen sind offiziellen Zählungen zufolge auf der Insel an den Folgen einer Infektion mit Covid-19 verstorben. Der jüngste war 13 Jahre alt. Wäre er noch am Leben, wenn die Schulen eher geschlossen hätten?

Ich verfolge die täglichen Pressekonferenzen aus London nur noch sporadisch. Was mir, abgesehen von verlässlichen Zahlen, fehlt, sind Informationen darüber, wie viele Menschen sich mittlerweile erholt haben. In der London Review of Books lese ich einen Bericht aus Italien. Anscheinend wurden dort Patient:innen, egal welchen Alters, mit Vorerkrankungen wie Krebs oder Diabetes aufgrund der Überbelastung des Gesundheitssystems teilweise nicht einmal mehr von Ärzten untersucht, geschweige denn intubiert. Der Guardian berichtet, in Wales habe eine Allgemeinarztpraxis Patient:innen mit lebensverkürzenden Erkrankungen gebeten, ein Formular auszufüllen, in dem sie für den Fall einer Covid-19-Infektion Wiederbelebungsversuche ablehnen. Inzwischen habe man sich für diesen Brief entschuldigt (https://www.theguardian.com/society/2020/mar/31/welsh-surgery-says-sorry-after-telling-the-very-ill-not-to-call-999).

Angesichts solcher Meldungen stockt mir als junger Krebs-Survivor das Blut in den Adern.

Der hiesige NHS ist mittlerweile komplett auf Notfallbetrieb umgestellt, scheint es. Vorsorgeuntersuchungen sind ausgesetzt. Zahnarztbehandlungen finden nur noch begrenzt und in zentralisierten, klinischen ‘Hubs’ statt. Die Kapazitäten, die von der Pandemie Betroffene binden (werden), fehlen an anderer Stelle.

Ich denke an all diejenigen, die jetzt eine Chemotherapie durchlaufen, deren Behandlungen sich verzögern, die in ihrer Brust, am Hals, in den Hoden einen Knoten ertasten (etc.) und vor Angst nicht mehr schlafen können, deren Wartezeit bis zu irgendeiner Form von Gewissheit sich noch einmal um wer weiß wie viele Wochen verlängert (diese Mühlen mahlen schon unter normalen Umständen teils eher langsam). Meine eigene Dauertherapie kann in seltenen Fällen lebensgefährliche Nebenwirkungen haben. Die Löcher im Sicherheitsnetz für Menschen mit chronischen Erkrankungen wachsen.

Gleichzeitig gehört unter anderem für Survivors die nun für alle omnipräsente Unsicherheit zum täglich Brot. ‘Wir haben, was solche (gesundheits- bzw. lebensgefährdenden) Situationen angeht, die Nase vorn’, meint dazu sinngemäß der an Krebs und zudem gerade an Covid-19 erkrankte BBC-Journalist George Alagiah

Seine Wortmeldung ist eine der positivsten, klarsten und ermutigendsten, die ich in den letzten Wochen gehört habe. Sie bestätigt etwas, was ich spätestens seit meiner eigenen Erkrankung weiß: Dass gesunde Menschen, ja Gesellschaften insgesamt, auf die Erfahrungen chronisch bzw. Schwersterkrankter mehr hören sollten. Die Stärke und Perspektive auf das Leben dieser Menschen ist eine Ressource von Kraft und Erkenntnis, die allen zugute kommen sollte.

 

Svenja, Köln

Ich lese einen Artikel darüber, dass das präsenteste Gefühl zur Zeit Trauer ist (“That Discomfort You’re Feeling Is Grief”). Der Autor erklärt, dass Trauer eine Reihe von Ausprägungen annehmen kann: Trauer über den Verlust von Normalität, Verbindung, Mitmenschen. Trauer über die unbestimmte, bedrohliche Zukunft. Der Autor bricht es noch auf die fünf Phasen von Trauer herunter, aber mich interessiert vor allem der letzte Absatz: Es hilft, dieses unbestimmte Gefühl ‘Trauer’ zu nennen und es durchzufühlen.

“Your work is to feel your sadness and fear and anger whether or not someone else is feeling something. (…) Sometimes we try not to feel what we’re feeling because we have this image of a ‘gang of feelings.’ If I feel sad and let that in, it’ll never go away. The gang of bad feelings will overrun me. The truth is a feeling that moves through us. We feel it and it goes and then we go to the next feeling.”

Ich habe mich gefragt, warum ich so oft Freund:innen anrufe und scheinbar das immergleiche erzähle. Warum diese Aktivität so mehr Raum in meinem ‘Alltag’ einnimmt, als sonst, wenn ich nie telefoniere. Vielleicht ist es Trauerarbeit.

 

Fabian, München

Nagut. Kein Weg nach draußen, nichts passiert, eine Nebenrecherche weltweiter Verdopplungszahlen, Kennziffer 8,9 und Kennziffer 8,2 blieben hängen. Ein wenig Frustration schieben, ich mekre, ich bin nicht, ich denke ich bin nicht persönlich genug, oder, aber Selbst bringt man auch abseits der personalisierenden Pronomen, ohne nach Persönlichkeiten zu greifen, ins Spiel, Künstler fordern Corona-Bonds und ich weiß nicht, in welches Eck mich das stellt, wenn selbst gemessen an der Tragik der Umstände ahistorisierte Solidarität ans Jetzt Jetzt Jetzt geklebt mir Unbehagen bereitet. Die Frustration kommt nicht daher, gestaltet sich “nun”, als doch rein persönlicher Effekt, ein emotionaler Reflex, der mehr nachwirkt, als dass er rational nicht doch, doch bewältigt worden wäre. Was sind Begegnungen, und noch so vermittelte, und noch, schon der Sicherheitsabstand nimmt eine Mittlerinstanz ein, die sich nicht durch Konventionen deckt; was wären, wenn sie selbst sich nicht mehr auswirkten, oder ein Bedürfnis, zu agieren, während natürlich Vor- und Vor- und Vorgeschichten-, man könnte sagen, -geflechte “hier” schon lange determiniert zu haben schienen, dass es besser ist, nicht zu viel, ganz sparsamen Dosen “den” Kontakt in Erwiderungen bloß sich, vielleicht wieder, entwickeln zu lassen. Und alles jetzt, oder das, in den Hintergrund bitte, oder unscharf stellen – als bräuchte man solche diffusen, auslaufenden Tage.

 

Rike, Köln 

Notiz: die utopischen Momente im Alltag verstärken. Heute, mit den Mitbewohnerinnen in den Park. Mit Handys und Kopfhörern und einer gemeinsamen Playlist ausgerüstet in 30m Entfernung zueinander ausflippen und alles wegschütteln. Wir tanzen im Shuffle in verschiedenen Rhythmen. Hundläufer bleiben stehen und schauen zu. Nichts ist peinlich und ich bin nicht einsam, obwohl ich physikalisch distanziert bin. Wir lächeln uns alle immer wieder zu. Han. tanzt um einen Baumstamm, L- beginnt an einem Punkt, wild über die Wiese zu rennen, Mi. liegt mit dem Rücken auf dem Boden und strampelt in die Luft. Ich springe und tanze einen Hund mit zu kurzen Beinen an, ich entdecke Bewegungen, für die sonst in einem Club kein Platz ist. Das Licht kommt gegen 6uhr von schräg und ist orange, der Park ist ein ehemaliger Friedhof, ein paar Grabsteine und ein Kreuzjesus stehen noch so rum und erinnern. Dahinter die Gleise. Eine Rangierlok ohne Anhänger fährt vorbei. Ich entdecke einen Baum, der einen Grabstein seit ein paar Jahrzehnten auffrisst. Irgendwie fast schon zu sinnbildhaft. Abends gehe ich spontan ins Theater (ins HAU in Berlin).

Ich fasse es nicht. Ich sitze vor diesem Laptop alleine in meinem Zimmer und stelle mir vor, wie in dieser Welt verteilt Leute allein in ihren Zimmern vor ihren Laptops sitzen und HELP ME MAKE IT THROUGH THE NIGHT gemeinsam isoliert alleine sind. Dieses Paradox von gemeinsam einsam, ich bin zu nah am Wasser gebaut. Virtuelle Vertrautheit. Die anderen machen Yoga in ihren Zimmern. Mein Semester wurde mir heute abgesagt, das heißt für das nächste Jahr doch auch für mich kein Geld und kein Muss. Irgendwie passiert bei mir keine Panik. Ich könnte Spargel ernten in Oberbayern, wenn ich nicht zu sehr eine deutsche Kartoffel bin. Vielleicht fahr ich mit dem Fahrrad hin. Die interviewten Landwirtschaftsbayern sagen, mit den Deutschen haben sie schlechte Erfahrung, denen ist das physikalisch was arbeiten immer zu anstrengend.1Irgendwie reagiert mein Gehirn auf das Chaos dankbar. Alte Denke wird radikal durchfurcht, irgendwas wird lockerer. In meiner Hausarbeit über Beschleunigung und Entfremdung schreibe ich heute das vorläufige Fazit: Die „Coronakrise“ betrifft fast ausnahmslos die gesamte Weltbevölkerung und bremst Menschen und Unternehmen aus. Sie machen nie vorher da gewesene Kontingenzerfahrungen. Das könnte der Moment sein, in dem eine Zeitenwende möglich ist. Das Virus zeigt an, dass das dynamische Wachstum tatsächlich zu einem „totalen Unfall“ führt. Dem Wachstumsimperativ muss ein neuer Imperativ entgegen gesetzt werden: Sei so langsam wie möglich. Es ist die Aufgabe der Geschichtenerzähler:innen einer Gesellschaft, dieses neue Narrativ zu etablieren, damit nach der Krise die Wirtschaftsweisen übertönt werden, die erzählen, die selbe Geschwindigkeit müsse wieder aufgenommen werden.“ Mein Vater ruft spät Abends an, weil das Foto von meinem umgetopften Affenbrotbaum nicht angekommen ist. Er hat sich schon die Zähne geputzt, aber er kann nicht einschlafen, wenn er nicht weiß, ob noch was kommt. Ich verspreche ihm, dass ich ihm morgen auch die Hausarbeit zum Korrekturlesen schicke. Oton Nachricht: „Bin gespannt. Der Verstand braucht frisches Futter.“ Jahrgang 1946. Ich bin so vollgestopft mit Gedanken, dabei war ich heute nur einmal im Park, ich komme trotzdem nicht hinterher mit den hängen gebliebenen Bildern. Die wirklich alte Frau mit einem Kopf in einem Tuch und schief gelaufenen Beinen wie verbogene Löffel, in einem langsamen Gang, der ich entgegen jogge. Die Frage von mir an mich selber, was die Alte mit meinem Mitleid anfangen soll. Was kann ich in meiner Situation für andere tun, außer spenden, soli-einkaufen und versuchen, anderen per Telefon beizustehen? Die Hunde, die im Park an mir vorbeirennen, von denen ich sehe, wofür ihre Körper ausgelegt sind (Galopp). Meine staksigen Beine, mein Nerdneck und die Frage an mich selber, wofür mein Körper eigentlich evolutiv mal ausgerichtet wär.

Mitgehörte Straßengespräche: „Aber es kam ja von China.“
„Hat dat Blomenjeschäft hat dat denn noch auf?“

Ich habe aufgehört, Nachrichten über Zahlen zu lesen. „Die sofortige Information hilft nicht mehr zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht.“ schrieb Virilio 1970.

1Ich kannte mal ein kleines 3jähriges kind, das sich diesen Satz von seinem Vater gemerkt hat und dann auch beim Spielen mit den anderen Kindern irgendwann immer anfing zu sagen: das ist

 

2.4.2020

 

Jan, Hannover

Gestern wie jeden Tag mit Kleiner Hund kreuz und quer durchs Viertel gelaufen. Noch nie bin ich so oft auf offener Straße angesprochen worden von Leuten, die man eigentlich nur vom Sehen kennt, weil man früher in denselben Cafés abhockte oder ähnliches, von Leuten also, denen man sonst allenfalls zunickt, wenn man ihnen im Stadtbild begegnet, wir sind schließlich immer noch eine Großstadt hier (zumindest aus kommunalrechtlicher Sicht). Jetzt aber reden die Leute. Man merkt, sie wollen, müssen nicht nur raus in die Sonne, sie wollen auch sprechen. Sie müssen kommunizieren. Notfalls sogar mit mir, dem riesigen Kerl mit dem mürrischen Gesicht und dem freundlichen Hund, der diese Art von öffentlicher Ansprache deutlich mehr gewohnt ist. Man bleibt stehen und unterhält sich darüber, wie es geht, wie man es aushält, was im Haushalt fehlt, wie lange es wohl noch dauert, ob das wirklich alles sein muss. In diesem Viertel ist man sofort beim distanzlosen Du, doch selbst die, die «das alles» für übertrieben halten, achten auf den nötigen räumlichen Sicherheitsabstand. Im Zweifel steht man lieber einen oder zwei Meter zu viel auseinander als zu wenig. (Ich höre und lese natürlich auch von anderen, distanz- und respektloseren Verhaltensweisen, aber ich erlebe die Menschen im Umgang überwiegend als vernünftig und vorsichtig. Als riesiger Kerl mit grimmigen Gesicht bin ich da aber sicherlich auch privilegiert, und Kleiner Hund mit seiner eklatanten, offensiven Niedlichkeit ist ohnehin ein Deeskalationswunder. Wir sind ein gattungsübergreifendes, mit einer Leine verbundenes Good-Cop-Bad-Cop-Team.) Die neue Verabschiedungsformel bei diesen ungeplanten Aufeinandertreffen in Parks und auf Plätzen lautet: «Ach, das wird schon alles wieder!», worauf entweder ein skeptisches «Na, hoffentlich!» zu erwidern ist oder ein optimistisches «Aber wann?»

 

Emily, Rostock

Abends habe ich jetzt mehr Zeit, aber ich stelle fest, dass ich keine Science-Fiction-Filme, keine Nachrichten und keine amerikanischen Late-Night-Formate mehr schauen kann. Alles zu dem ich normalerweise eine Distanz herstelle, rückt zu dicht an mich heran. Nachdem ich gestern das Gefühl hatte krank zu werden, liegt meine Körpertemperatur (laut Anzeige) jetzt bei 35,3 Grad und ich suche im Netz Unterkühlungstabellen nach Gewichtsklassen und mögliche Begründungen. Nachts der Traum an einem Steg festgekettet zu sein, während die Menschen am Ufer mit Ferngläsern eine nahende Sturmflut beobachten.

Zu früh morgens dann eine Nachricht. Stichwort Enttäuschung. Die Unfähigkeit zurück in schlechte Träume zu finden.

 

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (5)

Dies ist der fünfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Das mittlerweile über 70 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

27.3.2020

 

Viktor, Frankfurt

Denke nun länger darüber nach, ob ich das hier schreibe oder nicht, aber wann, wenn nicht jetzt offen sein … Ich bin zu 50-Prozent allein erziehend (der Ausdruck kommt mir komisch vor), d.h., seit der Trennung vor paar Jahren lebt mein Sohn eine Woche bei mir, eine Woche bei seiner Mutter. Im „normalen“ Alltag klappen die Wechsel gut, wir drei haben uns bestens aufeinander eingespielt und die Trennung war für jede:n das Beste, was uns passieren konnte.

In der Corona-Zeit hatte ich etwas Angst, wie das laufen soll. Homeoffice, mehr Zeit mit dem Kind, mehr Pflichten (Schule zu Hause usw), zugleich können wir den Kreis der Kontaktpersonen nur begrenzt minimieren wegen der Wohnungswechsel, weil es nun einmal Nachbarn, Partner und andere Menschen gibt, die da sind.

Ich habe erwartet, dass der Stress größer wird. Und er wurde größer. Täglich ein Mindestpensum an Schulaufgaben, täglich mehrmals kochen, Wohnung einigermaßen sauber halten, das Bedürfnis, hier zu schreiben, zu lesen, sich zu informieren  …

Was half, war ein „Ach, scheiß drauf“. Meine glücklichsten Kindheitserinnerungen sind die, in denen ich ein inniges Erlebnis mit meinen Eltern – vor allem meinem Vater – hatte. Es sind keine guten Schulnoten, es ist kein Lob für eine Leistung, sondern eine gemeinsame emotionale Erfahrung.


Als die Anfrage für eine Online-Lesung am 25.03. auf dem Twitter-Account des Internationalen Kulturzentrums Heidelberg kam, wollte ich zuerst absagen. Ne, dachte ich, das wird nie gehen, wenn mein Kleiner dabei ist. Er kann nur dann ruhig sitzen, wenn er zockt, und selbst dann arbeitet sein Körper, seine Beine sind in der Luft, die Hände fuchteln und ich sehe vor meinem geistigen Auge mein Handy irgendwo hin fliegen. Ich sprach mit ihm, ob er sich vorstellen könne, eine halbe Stunde ruhig zu sein. Ich erkläre, dass es kürzer als eine Schulstunde sei. Er verstand nur „Schulstunde“ und verdrehte die Augen. Wir übten. Beim Übungsvorlesen sprang er auf, zog Grimassen und tanzte. Ich schwankte zwischen Lachen und Verzweiflung und Stress (um nicht zu sagen Wut).

Ach, scheiß drauf, wenn er rumalbern will, soll’s so sein. Dann erklärte ich ihm noch vor der Online-Lesung, dass ich nervös bin, und dass es nichts mit ihm zu tun hat. Dann las ich. Und er lag neben mir auf zwei Stühlen, die er sich vorher zusammengeschoben hatte („Falls ich einschlafe.“) und blieb da ruhig liegen, bis ich fertig war.

„Es war sooo anstrengend. Aber ich habe es geschafft, ich habe es geschafft, ich bin ruhig geblieben!“ Er hüpfte nach der Lesung durch die Wohnung und freute sich über sich selbst. Und das war eigentlich der schönste Moment des Tages: seine Freude über sich selbst.

Die Verben und Nomen und die Rechenaufgaben, die wir diese Woche geübt haben, wird er vergessen. Aber ich hoffe sehr, dass der Vorlese-ruhig-bleiben-können-Abend in seiner Erinnerungen bleibt.

 

Sarah, München

Ich halte das nicht mehr lange aus, schreibt eine Freundin. Wenn ich noch lange meine Teenager-Tochter zu jeder Zeile Hausaufgabe bringen muss, müssen hier die Messer versteckt werden.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte, schreibt eine andere Freundin. Ich darf eigentlich noch nicht mal die Nachbarin sehen. Ich wohne alleine. Ich kann doch nicht Wochenlang keinen einzigen Menschen treffen?

Die einen ertragen die Nähe kaum, den anderen fehlt sie. Beide haben recht. Es gibt keinen guten Zustand. Und doch ist es, wie so vieles, einfach eine Verschärfung des Früheren. Auch vor Corona waren die einen zu überlastet, die anderen mit zu wenig Austausch. Nicht jeder, immer. Klar. Aber die Quarantäne friert unseren hauptsächlichen sozialen Zustand ein. Und der ist oft: Allein oder Kleinfamilie. Und wir brauchen eigentlich beides. Und mehr. Mehr Menschen. Ich habe jetzt verstanden, wie sehr mich auch die kleinen Begegnungen tragen. Die zwei scherzhaften Halbsätze in der U-Bahn. Das verständnisvoll-verschwörerische Anlächeln von Mutter zu Mutter, wenn man sich mit einem plärrenden Kleinkind auf dem Arm nach Hause kämpft, der etwas sinnentleerte, aber freundliche Schwatz mit der betagten Nachbarin. Dieses hauchdünne Geflecht aus Momenten der Nähe. Jetzt, wo es fehlt, ziehen sich die Leerstellen schmerzhaft durch die Tage.

 

Jan, Hannover

Gestern nachmittag marschierten T., Kleiner Hund und ich mal wieder unten am Fluss entlang. Der Weg auf dieser Runde führt am Krankenhaus vorbei, in dem mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist. Später wurde es abgerissen und neu aufgebaut, und dann wurde meine Mutter dort ständig eingeliefert, wenn sie wieder keine Luft bekam (oder in eines der vielen anderen Krankenhäuser in der Region, je nachdem, wo gerade noch ein Bett frei war, egal, ob es dort eine zuständige Fachabteilung gab, Hauptsache, keine unwirtschaftlichen «Überkapazitäten» bereithalten; ich kenne seither fast jede Notaufnahme und jede Intensivstation im Landkreis). Zwei Jahre nach meinem Vater starb auch sie. Mir ist also immer etwas mulmig zumute, wenn ich mit finster entschlossener Miene am Krankenhaus vorbeistapfe.

In den letzten Tagen habe ich mir immer wieder vorzustellen versucht, wie meine federleichte, von der COPD ausgezehrte, an den fortwährend brummenden und zischenden Sauerstoffkonzentrator geschnürte und immer weiter rauchende Mutter wohl diese pandemische Zeit überstanden hätte. Oder wie ich hilflos versucht hätte, meinem immer wieder das gleiche Lied auf der Mundharmonika spielenden Alzheimer-Vater den Ernst und die Notwendigkeit von Social Distancing zu erklären. Dann bin ich froh, dass sie das hier beide nicht mehr miterleben müssen. Auch T.s Eltern leben nicht mehr, bei ihnen kam der Tod überraschender und nicht so quälend. Unsere Familie hat Corona also nicht mehr erreicht, nur T. und ich sind noch da und ein paar verstreute fernere Verwandte hier und da; Großeltern gibt es schon lange keine mehr. Es mag oberflächlich klingen, aber das macht den Umgang mit dem Virus einfacher.

Aber jetzt, da der Tod die Familie weitgehend abgeräumt hat, sind offenbar die Freunde und Bekannten dran. Ich hatte gehofft, ich würde noch ein bisschen älter werden, bevor es wieder losgeht. Vor ein Monaten gab es den dritten Suizid von jemand, den ich recht gut kannte. Hatte ich bis dahin zumindest gedacht. Bei meinem besten Freund J. haben sie im vergangenen Sommer Krebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Seitdem versuche ich irgendwie zu akzeptieren, dass er sterben wird. Ich will mir von fucking Corona nicht kaputtmachen lassen, was die letzten gemeinsamen Monate sein könnten. Aber als Chemopatient ist er auf Distanz noch mehr angewiesen als die meisten. Seine Diagnose erhielt er im wohlvertrauten Krankenhaus am Fluss, das sie mittlerweile vornehm Klinikum nennen, dort saßen wir auf dem Bett und heulten. Die Tage danach marschierten wir jeden Tag mit Kleiner Hund auf dem Damm am Ufer entlang und versuchten, einen sinnvollen Weg zu erkennen durch das, was kommen würde. Stattdessen kam eine globale Pandemie.

Es ist ein wohltuend kalter Nachmittag, die Sonnenstrahlen gleißen durch die winterkahlen, mistelbepackten Äste der alten Baumriesen auf den Flusswiesen. Ein paar Krankenschwestern stehen in einem Glaskabuff vor dem Cafeteria-Ausgang des Klinikums und rauchen. Für Besucher ist das Krankenhaus geschlossen, Corona-Prävention. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die kühn geschwungene Westtribüne des Stadions, das sie nach dem Krieg auf dem zusammengeschobenen Trümmerschutt der zerbombten Stadt errichtet haben. Bis vor ein paar Jahren hatten T., J. und ich dort Dauerkarten. Und mein Vater war immer so aufgeregt gewesen, wenn ich ihn mitgenommen hatte! Jetzt liegt das Station nutzlos und still herum. Kleiner Hund eiert schnuppernd und schwanzwedelnd die Böschung hinab und hinauf, er mag es hier. Hundefreilauffläche. Ich setze meine finster entschlossene Miene auf und bin froh, als das Krankenhaus endlich hinter uns liegt. Von mir aus könnten sie es gleich nochmal abreissen.

 

Janine, Flensburg

Ausnahmezustand, alle reden vom Ausnahmezustand: die Medien, die sozialen Netzwerke, die Nachbar*innen, die Home Office-Kolleg*innen. Kollektive und begründete Angst, dass die Alten, die Kranken, die Schwachen in der Familie oder im Freundeskreis dieses Jahr nicht überleben. Bekannte erzählen mir davon, wie sie ihre Eltern oder Großeltern übers Telefon anflehen, so weit möglich zuhause zu bleiben, stay safe!!!, schildern das merkwürdige Empfinden bei dieser Rollenumkehr.

Auch ich habe Angst. Weil ich so ruhig bin. Es gruselt mich vor mir selbst, dass ich keine Panik empfinde und ich frage mich, was nur falsch ist mit mir. Dann weiß ich es wieder: Ich lebe einfach normal weiter. Weil nichts an dieser Situation neu für mich ist. Mein Krisenmodus, meine Alarmbereitschaft, meine Vorsichtsmaßnahmen, mein Verantwortungsgefühl. Meine Eltern leben in Nordrhein-Westfalen, bei Köln. Aktuell gibt es dort etwa 10.000 Corona-Infizierte.

Meine Mutter ist seit fast 40 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, inzwischen mehrfach behindert, Pflegestufe 5. Die Sorge, „was“ könnte mit ihr sein, begleitet mich und meinen Vater seit Jahrzehnten. Plötzliches Fieber, Halluzinieren, nächtliche Atemstillstände. Lungenentzündung, Infektionen, immer gerade noch rechtzeitig bemerkt, fünf vor zwölf. Als Kind führte mich mein Weg von der Schule oft nicht nach Hause, sondern direkt ins Krankenhaus, zu ihr.

Mein Vater, ebenfalls Hochrisikogruppe mit beinahe achtzig und diversen Vorerkrankungen: „Ich habe keine Angst vorm Sterben. Wir müssen alle mal gehen. Ich habe nur Angst, was dann mit deiner Mutter ist.“ Eine für ihn ganz gewöhnliche Aussage, in unseren Sonntagsnachmittagstelefonaten, seit fast zwanzig Jahren. Im Moment tätigt er sie lediglich noch ein wenig öfter und dringlicher.

Meine Mutter könnte ohne meinen Vater, der sich mithilfe eines Pflegedienstes um sie kümmert, nicht überleben. Mein Vater will nicht ohne meine Mutter sein, niemals. Sie haben mir schon vor Jahren mitgeteilt, wo und wie sie bestattet werden wollen: nebeneinander, in einer Urnenwand.

Seit Ausbruch von Corona denke ich manchmal, es gibt doch einen Gott, er hat mein Bitten erhört. Er hat diesen Virus geschickt, damit meine Eltern zusammen sterben können. Jetzt sitzt er da, gekränkt, zieht ein Journal heraus, eine saubere Liste: Hier. November 1999, da hast du es dir doch zum ersten Mal gewünscht! Doch er vergisst, schon wieder, dass das eine andere Zeit gewesen ist. Eine, in der er und ich noch eine Beziehung hatten.

Ich stehe am Küchenfenster und blicke über den Hafen und die Förde bis zum dänischen Ufer. Das Wetter ist so frühlingshaft klar, dass ich bis zu den Ochseninseln sehe und mir einbilde, selbst Annie’s Kiosk in Kruså zu entdecken, wo es die roten Pølser und die gigantischen Softeiswaffeln gibt.

Ich habe meine Eltern an Weihnachten zuletzt gesehen. Ich werde nicht hinfahren, man soll jetzt vorsorglich nicht reisen. Stattdessen werde ich auf den Anruf warten, wie abgemacht, für wenn „was“ ist.

 

Birte, Darmstadt

Ich würde so gerne mal auf die Shetlandinseln reisen, vielleicht käme @Wolfseule mit und wir blieben möglichst lange, hätten da ein Haus. Ich bin aber gar nicht so ein Outdoorfan, deshalb ist in meiner Vorstellung immer gutes Wetter und wenn nicht, dann schreibe ich eben. Gerade habe ich diesen schönen Tweet entdeckt, Seehunde singen in einer Bucht.

Wonach wir greifen in Ausnahmesituationen. Wie unsere Erfahrungen sind. Das soll jetzt gesammelt werden, für die nachfolgenden Historiker*innen und mein erster Gedanke war: bloß nicht.

 

Nefeli, Hamburg / Berlin 

 


Die Sonne scheint heute unverschämt unbekümmert. Trotzdem keine Lust gehabt, rauszugehen. Ich war um genau zu sein nur 8 Minuten draußen, habe S. beim Holzschleifen zugeschaut und mit ihm Salzstangen gegessen. Ansonsten habe ich den Platz auf dem Sofa kaum verlassen. Zwischendurch Verwunderung, wie lange und wie blendend das Licht sein kann. Heute früh dann die erste online-Hafenlesung aufgenommen. Ich war aufgeregt und dann traurig, weil es ja doch nicht ist wie die richtige Hafenlesung ist und dann aber wieder erleichtert, weil es besser als nichts ist.

Ansonsten träge. Schlecht und wenig geschlafen. Im Traum sammelte ich Steine in einer Wüste.

 

Slata, München

Der Abend als Versuch, den Kern dieses Tages auszumachen, ihn im Inneren abzutasten, mit den Fingerspitzen nach Unterschieden zu suchen, von allen Seiten, diesen Tag von anderen Tagen abzugrenzen. Emil kommt ins Zimmer und legt eine Wunschliste für seinen Geburtstag im November hin.

 

Rike, Refrath

Die Bauarbeiter hören laut by the rivers of babylon und brüllen sich gegenseitig im strahlenden Sonnenschein an.

Eine Onlinedatingapp fragt: what’s your ideal virtual date?

Außenwerbung trifft jetzt nicht mehr jeden.

Wir entwickeln langsam eine Sicherheit in der Unsicherheit,

schauen Pornos und befriedigen uns selber oder spielen wieder Chatroulette,

die meisten Unfallumarmungen passieren im Haushalt.

 

Andrea, Tübingen

Gestern Abend bin ich direkt nach der OnlineLesung von Berit Glanz – #CoronaReadings – ins Bett gefallen. Ich bin so alt, dass mir dabei eine Zeile aus dem Film “Harry und Sally” einfiel: “Das habe ich seit der achten Klasse nicht mehr gemacht”. Zu wenig Schlaf, nicht nur wegen viel Arbeit, sondern auch innerer Unruhe, Erschöpfung. Jetzt ist es besser. Nach dem Frühstück habe ich auch endlich wieder was zum #LyrikSamstag auf Twitter beigetragen!

In der ganzen letzten Woche habe ich so viel und so intensiv kollaborativ gearbeitet wie noch nie, in verschiedenen Gruppen und in schnellem Wechsel zwischen Dokumenten, Mails, Skype, Whatsapp, Twitter, dabei auch verschiedene Tools für die Lehre gemeinsam ausprobiert … Dazu kamen Absprachen für Artikel und Interviews zum Offenen Brief für ein #NichtSemester. Mehr als 6000 Wissenschaftler*innen haben ihn innerhalb einer Woche unterzeichnet, und das ist ein so starkes Signal! Gleichzeitig habe ich fünf Seiten für meine Germanistik als Einstieg in die digitale Lehre zusammengestellt, eine ganz pragmatische & niedrigschwellige Einführung nach dem Motto “Die Studierenden sind angemeldet, was nun?”-Kommunikation, und Kolleg*innen haben nun schon angefangen, das Papier mit Informationen, Vorschlägen, konkreten Erfahrungen weiterzuschreiben. Dass die Initiative für das #NichtSemester und das Engagement für eine möglichst gute digitale Lehre im Sommersemester Hand in Hand gehen, verstehen manche (teilweise absichtlich, um sich als ‘Macher’ präsentieren zu können?) offenbar gar nicht.


In der Germanistik organisieren sich gerade auch universitätsübergreifend Gruppen und Projekte zur digitalen Lehre. Das ist wunderbar zu sehen, und ich freue mich, dass ich ein Teil davon bin. Dabei geht es erstmal viel um Tools & Austausch von Material, aber hoffentlich bald auch um die Frage, wie wir die virtuelle Universität gemeinsam als einen auch emotionalen Raum gestalten können. Denn niemand weiß, was auf uns noch zukommt und unter welchen Bedingungen Lernen und Lehren stattfinden wird.

Einige wenige heftige Reaktionen auf das #NichtSemester haben mir auch gezeigt, wie schwer es ist, über Solidarität zu sprechen. Manche tun so, als würde man, wenn man im eigenen Verantwortungsbereich etwas für die am meisten belasteten Gruppen tun will, nicht sehen, wie es anderen geht, den Pflegekräften, dem gesamten medizinischen Personal, Kassierer*innen u.v.m. Aber für die einen etwas zu tun, bedeutet nicht, die anderen nicht zu sehen. Ich habe eine Petition für den besseren Schutz von Pflegekräften unterschrieben. Aber mehr kann ich da im Moment nicht tun. An der Uni dagegen schon. Es gibt eine Verantwortung im eigenen Alltag und im Beruf, die man wahrnehmen sollte, weil man hier mehr und konkreter etwas bewirken kann als das mit Solidaritätsadressen der Fall ist.

 

Shida

Zu diesen merkwürdigen Spaziergängen in der großen, gruselig stillen Stadt muss ich mich zwingen. Ganz toll, frische Luft, super fürs Immunsystem, ich würde am Liebsten nur drinnen sein und prügle mich raus, weil ich es mir hinterher ja dann doch immer danke. Wenn man ein paar Tage nicht draußen war und isoliert bleibt, ist ein Spaziergang auch die reinste Reizüberflutung. Jeder LKW kommt mir unverschämt laut vor, an jeder Ampel fahren die Autos viel zu nah an mir vorbei und die Osterglocken leuchten neon, als wären sie aus Plastik.

Im Park liegen in riesigen Abständen Menschen auf Picknickdecken und erholen sich von dem ganzen Mist. Drei Männer liegen nebeneinander im Gras und schlafen. Sie sind alle in Schwarz gekleidet, in einem Schwarz, das mal richtig Schwarz war und jetzt eher so eine Ahnung davon hinterlässt, wo diese Männer sonst schlafen. Ein weiterer Mann gesellt sich zu ihnen, legt seine Sachen neben ihnen ab. Er hat eine Plastiktüte voller Klamotten dabei und probiert die Pullis, Hosen, Shirts an, wechselt einfach so im Stehen die Klamotten. Die Männer würden an einem nicht-Corona-Tag nie so selbstverständlich hier liegen, sich sonnen und Klamotten testen. Jetzt wirken sie, als würde ihnen der Park gehören. Das ist nur fair, finde ich.

Auf einer Parkbank sitzen zwei sehr alte Männer, Kategorie Risikogruppe, und lachen miteinander. Sie sitzen beide jeweils ganz an einer Seite der Bank, halten also Abstand, der Corona-bedingt aussieht. Den Platz zwischen sich nutzen sie, um ihre Bierflaschen abzustellen. Sie sehen gut gelaunt aus, alle sehen heute gut gelaunt aus, es ist ja auch plötzlich Sommer. Vielleicht war das Problem der vergangenen zwei Wochen auch gar nicht Corona, sondern dass wir plötzlich Wintertemperaturen hatten, mit denen doch kein Mensch mehr rechnen wollte.

Ich mache mich wieder auf den Heimweg und denke über diese Männergruppen nach, denke an die Taxifahrer-Gang, über die ich an dieser Stelle vor einigen Tagen schrieb und stelle die steile These auf, dass die Männerbündnisse in diesen Tagen wie immer das stabilere Netzwerk sind als das, was alle anderen Personen untereinander aufbauen. Und dass der Mangel dieser Bündnisse – neben der gottverdammten unbezahlten Care-Arbeit und der unterbezahlten systemrelevanten aktuell plötzlich hoch beklatschten Arbeit – eine weitere Bürde für alle ist, die nicht zum Boysclub dazugehören und sich irgendwie durch diese Pandemie schleppen müssen. Das ist allerdings zugegebener Maßen keine richtig ausgefeilte These, es ist vielleicht noch nicht mal eine These sondern nur steil. Ich gehe auf jeden Fall weiter spazieren und suche nach den vergleichbaren Corona-Frauen-Gangs, Fortsetzung folgt also.

 

28.3.2020

 

Nabard, Bonn

Es ist eines dieser sonnigen Samstage die so friedlich wirken. Lasse seit einer Stunde Frank Ocean’s Debut Mixtape „Nostalgia!Ultra“ laufen. Diese schöne Stimme. Seit Dienstag hab ich Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen. Am Donnerstag musste ich einen Abstrich machen lassen, Verdacht auf CoVid19. Angeblich war einer der Patienten mit denen ich Kontakt hatte positiv. Schlimmer als das dröhnen im Kopf ist die Ungewissheit. Naja, jetzt erstmal in die Sonne, der Espresso duftet kräftig herb. Mein Geruchssinn ist also noch da.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich merke, wie ich mich aus der Welt draußen in meine eigene, kleine, mich selbst zurückziehe. Brot bäckt Trost. Schokokekse auch. Ostereier baumeln vor und hinter dem Haus an Zweigen. Um unser wie der Nachbarn Vergnügen (macht hier sonst niemand). Mein Mann räumt die Vorratsregale aus, um, ein. Ich putze, wusele. Verfalle beim späteren Spaziergang immer wieder in Laufschritt. Es ist still auf den Brücken über den Firth of Forth. Dafür bleibt es in den sozialen Netzwerken laut. Immer mehr Menschen verlieren Verwandte oder Freund:innen. Der Tod lugt aus ihren Nachrichten hervor, ein Abschreckgespenst. Wenn man, indem man zuhause bleibt, doch unsterblich werden könnte. Aber wer würde das wollen? Auf der Weide unten am Hügel Schafe mit ihren frischgeborenen Lämmern. Neugierig, näher an Zaun und Mauer als sonst. Nummer 28 hat zwei. Kinderaugen. Daheim wickle ich mich ein in Fantasiewelten aus Zelluloid und Papier, erlebe Abenteuer, gehe auf Reisen, vergesse.

 

Berit, Greifswald

Ich denke darüber nach, welche Geschichten wir als Referenz für unsere Realität nehmen, welche Vergleiche wir ziehen, um unser Erleben zu beschreiben. Auf Twitter sehe ich zahlreiche Tweets, in denen Vergleiche zu Computerspielen gezogen werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in unseren Bewegungen im öffentlichen Raum gelenkt fühlen und die naheliegendste Erfahrung, die wir damit in Vergleich bringen können, mit dem Steuern einer Figur in Computerspielen zu tun hat.


Zuvor unbewusst durchgeführte Bewegungen sind durch die neuen Regeln unnatürlich geworden, das Nachdenken darüber, wie man seinem Gegenüber auf dem Gehweg am geschicktesten ausweicht, über den kontaktärmsten Weg um andere Menschen herum, verändert die Bewegungen. Kleist schrieb 1810 in seinem Essay “Über das Marionettentheater” darüber, dass vollendete Anmut nur bei fehlendem Bewusstsein erreicht werden kann, wenn keine Reflexion die Natürlichkeit verfälscht. Dass scheinbar einfach Dinge sich verändern, wenn man anfängt über sie nachzudenken, sieht man beispielsweise daran, wie merkwürdig fremd sich der Körper anfühlt, wenn man sich plötzlich seines vegetativen Nervensystems bewusst wird, darüber nachdenkt, dass das Herz immer schlagen und die Lunge ständig Atemzüge durchführen muss und das ganz automatisch passiert. Vielleicht ist es durch die veränderten Regeln seit Corona ein wenig so, wenn man sich auf den Straßen bewegt: zuvor unbedachtes und automatisches wird plötzlich reflektiert und nun fühlt sich der öffentliche Raum fremd an.

 

Slata, München

Ich will keine gutgemeinten Links zu aktuellen Sterbezahlen in Italien, will nichts mehr lesen von Kirchenglocken, Urnen und Lastwagen mit Leichen, will nichts von Ausnahmefällen hören, wenn doch Junge, und doch Gesunde, und Kinder sogar. Will nichts von Kindern hören, denen es zuhause schlecht geht, will mich nicht fragen, ob ich zur Beerdigung meiner Oma fahren würde, und von der Begegnung dann mit meinen Eltern träumen, will an keine apokalyptischen Reiter denken, Armageddon und das Ende aller Dinge. Wenn ich es jetzt schaffe, dem Tod mit Würde zu begegnen, denn es geht ja um den Tod, der sowieso, bei jedem, irgendwann, wenn ich es schaffe jetzt, tatsächlich, werde ich, vielleicht, stell ich mir vor, nie mehr Angst vor etwas haben.

 

Rike, Köln-Kalk

Heute bin ich umgezogen. Etwas in der Grauzone zwischen illegal und legal tun, weil man zu dritt in einem Auto sitzt.
Ich bin nicht mehr gewohnt, an einem Tag verschiedene echte Orte zu sehen.
In der alten Straße regt sich die Nachbarin über einen vom Gehweg her einsehbaren Wäscheständer auf. Es gibt nichts Schlimmeres. In der Neuen spielen Kinder mit zotteligen lila gefärbten Haaren Federball auf der Straße. Unaufgeregtes Kinderspiel ist wie Lagerfeuer gucken.  Gestern Trostpreis im Edeka eine große Taschentuchpackung mit kleinen albernen Katzen drauf. Auf WDR4 die schlimmsten 3 Tage alten auf-alte-Hits-neu-vertonten Coronahits beim über den Fluss fahren, und es war trotzdem verstörend romantisch, verstörend und romantisch. Vielleicht besonders, weil auf der Autobahn die Autos fehlen.

29.3.2020

 

Nefeli, Hamburg/Berlin

Gestern gelesen, dass in Südkorea nun Auto-Kinos absolut angesagt sind. Können wir das bitte hier auch umsetzen? Schon als Teenie träumte ich ja davon, ein Date in einem Auto-Kino zu haben. Ich besitze zwar weder einen Führerschein, noch ein Auto, aber in Corona-Zeiten wäre ich einfach froh, mich mit jemanden in ein Auto zu setzen, einen südkoreanischen Film zu sehen, Gummibären und Dosenbier zu genießen. Das wäre ein kleiner schöner Traum. Stattdessen: mühevolles in den Tag kommen. Viel Nachdenken über den Begriff der “systemrelevanten Berufe”. Ich glaube, das wird ein wenig den Diskurs zwischen Eltern und Kindern revolutionieren. Anstatt zu fragen, ob die Kids nicht mal etwas Vernünftiges machen könnten, wird nach der Systemrelevanz gefragt. Mach doch mal was Systemrelevantes.

Ich mach absolut nichts Systemrelevantes die Tage. Ich verschiebe das Staubsaugen, ich komme noch nicht einmal dazu, meinen Pony nachzuschneiden. Es fühlt sich auch alles nach einem Experiment im Experiment im Experiment an. Eindämmung des Sozialen zur Corona-Prävention als Experiment, darin das Zusammenleben mit S als Experiment, darin das  Digitalsetzen von Veranstaltungen als Experiment. Und niemand, der einem sagt, ob und wann Experimente eigentlich als geglückt gelten.

Außerdem bin ich mittlerweile frustriert mit “Drop the Number”. So langsam langweilt mich das Spiel. Dann brauche ich ein neues Quarantäne-Sucht-Spiel.

 

Fabian, München

Sicher drückt sich etwas von den Umständen auch im Menschen ab, mehr, als man, als Mensch, im Moment glaubt, oder glauben kann. Weil die Maßnahmen schließlich vorübergehen, aber das auf Sicht fahren politischer Stimmen trifft zu, natürlich lehrt die Geschichte früherer Pandemien, etwa der der viel bemühten spanischen Grippe, eine faktische Absehbarkeit dessen, was passieren kann; was wäre etwa, wenn ein zweites, vergleichbar aggressives Virus auf den Plan träte, im Verhältnis von jetzt oder in fünf Jahren und keine Lehren gezogen worden wären dann, entgegen den vielen Utopisten, die noch vor einer Woche  auf den Plan zu treten begannen und da und dort das Ende eines globalen, ernsthaft, Leute, absehen können meinen zu müssen begannen, wenn sich für viele, von uns oder wem auch immer, in den ersten Stunden der Durchsetzung der Gesellschaften mit neuen Umständen alles ziemlich viel unabwägbarer angefühlt haben mag, aber und in vielerlei Hinsicht ganz sicher nicht systemumstürzend, nicht mal im entferntesten, sanftesten Sinn.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Was ich heute gelernt habe:

  1. Es gibt winzigkleine Schrauben mit großer Verantwortung.
  2. Nach dem ersten Schreck kommst du dir vor wie in einer Screwball-Komödie, wenn aus der Duscharmatur in senkrechtem Strahl Wasser spritzt.
  3. Nur weil Putzbedarf besteht, solltest du das Bad nicht gleich ertränken.
  4. Unbewusst den Pool zu vermissen, ist auch keine Entschuldigung.
  5. Pitschnasse Klamotten sind voll ok. Solange du nicht mehr drinsteckst.
  6. Immer zuerst den Hauptwasserhahn zudrehen. Und wenigstens Youtube konsultieren, wenn schon kein Fachmensch da ist.

PS: Ich bin sicher nicht die Einzige:


Shida

Wir sind abgehauen. Wir haben ein Auto (nicht unseres) gepackt und sind in ein leerstehendes Haus (nicht unseres) gezogen. Wir sind jetzt draußen auf dem Land, im buchstäblichen Nichts (nichts davon war illegal). Das Haus tröstet leise. Das letzte Mal haben wir es gesehen, als alles noch gut war. Hätte uns zu dem Zeitpunkt mal jemand gesagt, was in ein paar Monaten ist, wir wären doch ausgerastet vor Panik. Jetzt sind wir alle so routiniert. Verdrehen die Augen, wenn der Deutschlandfunk vor jeder Sendung schon wieder erklärt, warum das eigentliche Programm nicht mehr existiert. Weiß doch jeder man. Das Haus tröstet, als würde es sagen: “Kommt her, ich weiß schon, was Sache ist, ihr müsst nichts erklären, kommt einfach her, alles wird schon irgendwann wieder, im Schrank sind noch Kekse von Weihnachten.” Wenn man mich tröstet, bin ich immer sofort wieder sechs Jahre alt. Ich sitze hier und bin sechs Jahre alt und ziehe den Rotz hoch und fühle mich sehr gewertschätzt. Und merke, wie elendig müde ich bin, so unglaublich hundemüde, das kann nicht allein die frische Landluft sein. Ich habe Lust, was Witziges zu schreiben, aber dafür bin ich zu müde. Für neue Gedanken bin ich auch zu müde. Der letzte, neue Gedanke, den ich hatte, ist ziemlich alt. Ich habe Videos von den AfD Fraktionen in Bundes- und Landtagen gesehen, die sich demonstrativ nicht an die Vorgaben zur körperlichen Distanz halten und ganz nah beieinander stehen bzw. sitzen. In Krisenzeiten halten Menschen zusammen, habe ich gedacht, werden solidarisch, wo sie es sonst nicht waren; tun füreinander und für sich selbst Dinge, die sie sonst nie tun (und genießen es plötzlich, auf dem Land zu sein, wo sie es sonst nicht mögen). Aber die grundsätzlichen, allgegenwärtigen „Gefahrenherde“ und „tickenden Zeitbomben“, bleiben auch in der Krise das, was sie sind: Gefahrenherde und tickende Zeitbomben. Sie bleiben gefährlich, sie suchen sich nur neue Wege, um gefährlich zu sein.

Ich bin entweder zu müde oder zu gut erzogen, um ihnen gesundheitliche Folgen dafür zu wünschen.

 

Janine, Flensburg

Ich leide immer noch nicht merklich unter den Auflagen. Vor zwei Jahren bin ich aus München hierher gezogen, an die Ostseeküste, eine Stunde gemütlicher Fußweg bis zur deutsch-dänischen Grenze. Das hier ist nicht direkt der Arsch der Welt, aber so was wie ihr fusseliger Bauchnabel. Ich habe es vom ersten Augenblick an genossen. Wie privilegiert ich bin, gerade jetzt. Ich muss diese Zeit nicht in einer engen, stickigen Großstadt aussitzen, sondern hier oben, „wo andere Urlaub machen“.

Täglich gehe ich mit meiner Home Office-Kollegin am Hafen spazieren, zwischen uns zwei Meter Abstand, wir schreien uns zeitweise durch die Windböen an. Sie ist kurz vorm Durchdrehen aufgrund der Isolation. Sie tut mir leid, aber nachfühlen kann ich es bislang kaum. Es geht mir gut. Mein Alltag hat sich praktisch nicht verändert. Ich sitze immer noch den Großteil meiner freien Zeit vorm Laptop. Entweder Netflix oder Arbeiten am Manuskript. Ich rufe nur öfter die Seiten mit den Nachrichten aus aller Welt auf und schreibe mit mehr Leuten auf Whatsapp. Wenn ich noch mehr Ablenkung brauche, sind da mein Partner und unser Hund, und bisher sieht es nicht danach aus, als würden wir einander demnächst zerfleischen.

Meine Kollegin und ich gehen weiter, Richtung Werftgelände. Seit einigen Tagen sind mehr Möwen, Enten und Schwäne in Ufernähe zu sehen, vielleicht haben sie Hunger, weil weniger Senioren und Familien mit Kindern zum Füttern kommen. Ich weiche einem Radfahrer aus, der heftig klingelnd an mir vorbeiwill, ich komme dabei einer Frau zu nahe, die hinter mir geht, sie weist mich zurecht, dass man ausreichend Platz lassen soll.

Überall sitzen Menschen im Gras, brav verstreut und maximal zu zweit. Auffällig viele haben Alkohol in Flaschen, Dosen oder Tetrapaks dabei. Und Gläser, denen man ansieht, dass es „die guten“ aus der Vitrine oder von Oma sind.

Machen wir das morgen auch, fragt meine Kollegin. Ich hab so Lust auf Wein.

Tagsüber, um 14 Uhr? will ich fragen, aber diese Regeln gelten ja nicht mehr, wir lachen.

Am nächsten Tag können wir nicht spazierengehen, weil es in der Nacht Sturmflut gegeben hat, der Hafen ist überschwemmt. Das Wasser ist, ähnlich wie in den Kanälen von Venedig, nicht mehr tümplig braun, sondern sehr klar.

 

Viktor, Frankfurt

Heute mehrere Gespräche über die jetzt öffentlich diskutierte Triage geführt, also der Einteilung von Kranken in mehr oder weniger hoffnungsvolle Fälle. Zwei Sachen bleiben hängen: Erstens findet die Triage schon heute täglich in deutschen Kliniken statt, wenn zB entschieden wird, wer auf die Palliativstation kommt und wer ohne palliativer Pflege sterben muss. Und zweitens: Die Kriterien für ein Triage-System unterliegen zwar bestimmten ethischen Normen, aber diese Normen werden maßgeblich vom Gesundheitssystem einer Gesellschaft bestimmt. Und die dabei entscheidenden Frage ist: Ist das Gesundheitssystem profitorientiert, oder ist es solidarisch?

 

Woche 4: 30. März bis 5. April

30.3.2020

 

Simon, Vorort bei Freiburg 

Gestern habe ich das Wort “Paarantäne” gelesen. Meine Freundin und ich leben jetzt seit fast zwei Wochen zusammen hier und es werden vermutlich noch einige mehr. Wenn man ansonsten eine Fernbeziehung über mehr als 500km führt und sich ungefähr 2-3 mal im Monat für ca. 3 Tage sieht, ist das eine enorme Umstellung. Wir wurden gewissermaßen in das Zusammenleben gedrängt, haben uns dafür entschieden, die nächsten Wochen gemeinsam zu verbringen. Die Alternative wäre gewesen, dass wir uns auf unbestimmte Zeit nicht sehen würden. Das Unerträgliche an der Situation wäre weniger gewesen, sich nicht zu sehen, das ist man in Fernbeziehungen ja gewohnt, das Unerträgliche wäre gewesen, nicht zu wissen, wann man sich wieder sieht. Auch das Gefühl, in einer Extremsituation nicht füreinander da sein zu können, hätten wir beide nicht erleben wollen. Also los, auf eine unbestimmte, aber begrenzte Zeit unter widrigen Umständen zusammenwohnen. Selbst wenn wir seit über einem Jahr zusammen sind, haben wir noch nie so eine lange Zeit am Stück in einer Wohnung verbracht und schon gar nicht in einer Situation, in der das Verlassen der Wohnung nur eine Notfalloption darstellt. #stayhome heißt in diesem Fall auch #staytogether. Und es läuft gut bisher und ich bin sehr froh, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, in einer Wohnung, die für zwei Personen groß genug ist, diese Wochen zusammen zu durchleben. Heute morgen bat mich meine Freundin, vielleicht nicht jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen DLF Kultur anzumachen, müsse das jeden Morgen sein? Wir arbeiten uns gerade in einer Extremsituation durch die schönen und irritierenden Seiten des Zusammenlebens und wissen doch, dass das hier nur die Generalprobe sein kann, weil es eben keine realistischen Bedingungen sind – es ist wie ein Versuchsaufbau. Ab morgen werde ich mit Kopfhörern DLF Kultur hören und dabei Kaffee trinken.


Emily, Rostock

Allein mit dem Internet habe ich gedacht, es gibt nur noch eine Lesart der Situation, aber umso mehr ich mit meinem Umfeld zutun habe, umso deutlicher wird, dass ich wieder einmal strikter und unentspannter bin als die Menschen um mich herum. Gestern wollte ich nicht allein sein, aber mein Gegenüber ist so deutlich hörbar verschnupft, dass wir entscheiden, den Abend doch wieder getrennt zu verbringen. Noch immer telefoniere ich mit drei oder vier Menschen am Tag, aber ein Gefühl von Nähe will sich nicht mehr so recht einstellen. Mein Vater lernt in seiner Wohnung Koreanisch und kocht; ich schreibe mir jeden Tag auf meine To-Do-Liste, dass ich einen Apfelkuchen backen werde. Die Produktivität des Internets nagt an mir. Nachmittags hänge ich Essen an einen Zaun, damit auch diejenigen, die gerade durch das Raster fallen, etwas bekommen. Abends dann ein Telefonat mit einer befreundeten Gynäkologin. Wir erzählen uns das letzte halbe Jahr nach bis ihr Lieferessen kommt. Sie sagt, zum Kaiserschnitt müssen alle Patientinnen jetzt allein. Kein Besuch gestattet. Ich bin überrascht wie dünnhäutig ich geworden bin. Jede Nachricht dieser Art treibt mich stundenlang um.

Bevor wir auflegen sage ich, dass es meine Vorstellung einer guten Beziehung ist, sich während einer Pandemie gegenseitig die Haare zu schneiden.

 

Slata, München

Eine Möglichkeit, sich von allem Druck zu lösen, mit gutem Gewissen zuhause zu bleiben vor dem Laptop, egal, ob draußen ein Frühling anbricht oder ein letzter Schnee fällt, keine Zeit für Aufrechterhaltung sozialer Kontakte zu vergeuden, endlich ein An-Sich-Sein verspüren, nicht ablenken lassen von online-Lesefestivals, Schluss mit Werbung, mit aller Konkurrenz, wer was geschafft bisher und wie bekannt und wie beliebt geworden, die Zeit zum Anhalten bringen. Eine andere, schnell zwei Koffer packen, ins Auto werfen, ab zur Grenze, wieder, nochmal, irgendwo wird es schon ein Flugzeug geben, ein Pilot wird sich schon überreden lassen, uns auf eine unbewohnte Insel im Pazifik ‒ dann abwarten, bis die Menschheit ausstirbt, am Ufer sitzen, Kokosnüsse brechen, ein An-Sich-Sein verspüren.

 

Berit, Greifswald

Es hat geschneit, was mich immer glücklich macht. Wir haben eine Schneeballschlacht im Hinterhof gemacht, aber gegen Ende war es eher eine Wasser-Matsch-Schlacht. Als ich einen Eisball auf das linke Auge bekam, fühlte ich mich sofort wieder wie früher auf dem Schulhof, bloß das man sich als Mutter nicht an seinen Kindern rächen und ihre Gesichter mit Schnee bewerfen darf.

Später habe ich versucht zu arbeiten, aber ich habe dabei immer das Gefühl ein Teil dieses Orchesters zu sein, das auf der Titanic weiterspielt, während das Schiff untergeht. Man muss wohl eine funktionierende Zukunft denken, damit die Gegenwart einen Sinn ergibt, aber das fällt mir schwer gerade, besonders in Bezug auf leerlaufende Administrationsaufgaben.

 

Fabian, München

Schwer, etwas Offensichtlicheres zu finden. Nach der Arbeit, fast zuhause, diesmal nicht zu Fuß und an der letzten Umsteigehaltestelle noch zwischenstoppen, im Drogeriemarkt, derzeit “hoch gefragte” Hygieneprodukte kaufen, nach zwei Wochen mal wieder, man möchte ja vernünftig sein, aber der Verbrauch erhöht sich doch etwas, wenn drei Menschen mehr Zeit zuhause verbringen, oder viel mehr, als sonst. Vor zwei Wochen, man hält sich ja für vernünftig, gab es das noch nicht, aber jetzt ist selbst nach Einführung einer Beschränkung, eine Packung pro Kunden/in, und es ist schließlich erst Montag, immerhin abends, wieder bis auf zehnfünfzehn Stück, was ist los mit euch, ihr …, alles leergeräumt. Erstaunlicherweise scheinen inzwischen auch Hygiene-Küchenreiniger zu den stark nachgefragten Produkten zu zählen.

 

Rike, Köln-Kalk

Weil ich merke, dass ich meine Freunde lange nicht mehr in 4D gesehen habe, weil sie teilweise in Quarantäne sind, neue Idee gegen die Entfremdung und die soziale Distanzierung: Bei allen Fenstern der Freundschaften in der Nachbarschaft vorbeilaufen und ihnen Hallo winken. Ich verspreche, ich halte auf dem Weg 2m Abstand mindestens zu jeder Person. Und Spaziergänge alleine sind in Ordnung, oder bin ich jetzt eine Gefährderin? Bin ich asozial? Zwei alte Worte mit jetzt frischen neuen Bedeutungen.
Ich kenne Seb’s genaue Adresse nicht, weil er umgezogen ist, aber hinter dem Fairstore links rein hat er gesagt und dass er Probleme mit dem Dönergeruch hat, der von der Hauptstraße aus in seine Wohnung zieht. Mir fällt auf, ich habe lange nicht mehr wen überraschend Zuhause besucht. Ich habe noch nie jemanden überraschend exklusiv vor seinem Haus besucht. Angenehm unmodern und daneben. In meinem Kopf bin ich ein weiblicher Barde.

Auf dem Weg dahin sehe ich die diversen Arten der Ladeninhaber*innen, sich auszudrücken, dass sie zu sind. Man kann ihnen statt dessen auf Instagram folgen teilweise. Der Zettel vom HUMANA scheint auf Schreibmaschine geschrieben und dann 30x kopiert worden zu sein. Ein Laden mit Schaufensterpuppen, die kreative Formen von Atemschutzmasken tragen, liest allen Klopapierhamstern die Leviten per Aushang vor. Das geht weit über jede professionell unterkühlte geschäftsmäßige Handlung hinaus. Hinter diesen Geschäften sind richtig individuell getroffene Menschen. Nur das Backwerk hat einen stolzen Zettel auf die Fensterfront geklebt (WIR HABEN NOCH OFFEN) und das professionelle Layout zeigt seine Kettenhaftigkeit an.
An einem Zaun hängt Fladenbrot in Plastiktüten und beschriftete Beutel, auf denen Damenjacke, Handseife, Wollpullover steht. Ein Vater redet in einem alten klugen Tonfall auf sein Kind herunter und schiebt es zum Zaun, er wird neugierig wie ein eigenes Kind, weil er selbst so etwas noch nie gesehen hat. Eine Teilherde Papageien, die vor Jahren aus dem Zoo ausgebüchst sind, fliegt über die Hauptstraße, weil sonst niemand anderes da ist. Absurdes Pseudoparadies. Nur hin und wieder kommen mir Menschen mit halb verpackten Gesichtern entgegen und ich weiß nicht, ob sie mich anlächeln oder nicht. Im Hauseingang eines Bestattungshauses schützen sich Männer mit dunklen Bärten vorm Wind, einer sagt etwas über das Aussehen einer Frau, die Frau antwortet zurück: du bist auch schön. Die Bestattungshausfrau schiebt mit einem ängstlichen Blick die weißen Gardinen zur Seite und schaut, was lost ist. In einem Handyladen sind alle Handys in der Auslage entfernt. Es gibt Preise für Dinge, die es nicht mehr gibt. Ein Sonderangebot für eine Reiseapotheke in der Apotheke offenbart schlechtes Timing. Es gibt neue Plakate auf der Straße, die sagen, der Virus heißt Corona, die Wirtszelle Kapitalismus; alle Namen alle getöteten jungen Menschen in Hanau: Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nesar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Vili Viorel Paun, Fatih Saracoglu; eine anderes Plakat fragt, was passiert, wenn ich auf engstem Raum in einer Sammelunterkunft lebe und mein Zimmer teilen muss? Ein Sonnenstudio wirbt mit einer Flatrate für die 18-20 Jährigen. An einem Blumenbeet auf der Straße sind die Frühlingsglocken mit Raketenstöckern gegen blöde Hunde geschützt. Die auf die Straße zwischen die Phosyzien gestellten kaputten Elektrogeräte wirken auf Gentrifizierende wie Kunstinstallationen, für Gentrifizierte sind sie Schrott. Alles wie immer. Ein 1 Kubikmeter großer Plastiksack voll ausrangierter Weihnachtszweigen aus China vor einer Hauswand, auf der jemand in der Vergangenheit geschrieben hat: NO BORDERS, NO NATION.
Ich klingle 2x hintereinander bei Seb, ich hoffe, dass sein Fenster nach vorne auf die Straße zeigt, als ich eine Sprachnachricht aufnehme, öffnet sich im obersten Dachgeschoss das Fenster und ich bin stolz und froh gleichzeitig. Da oben sitzt ein Freund in 4D, eingeklemmt in einem Zimmer, aber er ist da und wir sehen uns. Wir unterhalten uns 5 Minuten von der Fußgängerzone zum Dachgeschoss, obwohl niemand auf der Straße ist, fühlt es sich etwas gezwungen an, als wenn wir auf einer Stehparty stehen und uns nicht richtig konzentrieren können auf das Gegenüber. Ich probiere, Smalltalk zu überspringen, aber es geht doch nicht so gut. Seb schreibt danach: Das ist total absurd. Also von der Situation her. Ich schreibe zurück: aber wenigstens mal ein bisschen ein anderes Erlebnis. Ich gehe weiter zu Jon’s Zimmer, auf dem weg dahin ein Friseur, der anbietet, ein kleines Flugzeug in die Hinterkopffrisur zu rasieren, wenn man es mag. Es gibt ein illustratives Foto von einem Hinterkopf mit einem Urlaubsflieger. Ich denke an Apreskiparties in Oberösterreich. Jon’s Rollladen ist bis nach unten zugeklappt. Es sieht aus wie ein Bunker von außen. Gestern, auf dem Weg in die Stadt, ist mir ein Panzer auf einem Tieflader begegnet, der hinter einem privaten Stadtjeep hergezogen wurde.
Ich frage mich, was für ein Privatmensch zum Hobby Panzer sammelt.
Unter Vicky’s Balkon hängt ein Transparent, das sich im Wind verheddert hat.
GRENZ   ÖTEN
Sie zeigt mir ein Peacezeichen. Sie kann nicht lange am Fenster stehen, sie hat ein Skypedate. Auf dem Rückweg schaut eine kleine tibetische Mönchsfigur fern, es läuft Bierwerbung und man sieht Wälder und Inselbilder und das braune Auge einer Frau in Großaufnahme. Die Kirschblüten sammeln sich in Rillen vor den Türeingängen. Die Welt ist noch da, wenn ich rausgehe. Alle Menschen sind noch da, sie existieren noch in 4D, ich muss nur in einiger Entfernung bei ihnen vorbei spazieren.

 

Janine, Flensburg

Ich war joggen. Ich weiß, das sagt man nicht. „Joggen“ klingt nach Jogginghose und Trinkhalle und RTL, man sagt „laufen“, dann weiß das Gegenüber, dass es einem doll ernst ist damit. Aber mir ist es ja nicht ernst. Ich will mich nur wieder bewegen. Ok, das Gefühl haben, vor allem wegrennen zu können. Das ist eine Weile schon schön.

Sehr bald muss ich pausieren. Die Luft ist noch eiskalt und schneidend, von den Bronchien löst sich Schleim, ich muss husten. Die Leute machen einen Bogen um mich.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (4)

Dies ist der vierte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Das mittlerweile knapp 60 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

23.03.2020

 

Andrea, Tübingen

Jeden Tag spazieren zu gehen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Es hat letzte Woche fast geklappt. Diese Woche will ich es wirklich jeden Tag schaffen. Lunge lüften, Kopf lüften. Das mit dem Kopf war heute nicht drin. Ich bin meine übliche kleine Hausstrecke gelaufen am Neckar. Es gibt eine Stelle, an der Schwäne sind, und es braucht nur einen kleinen Schlenker, dann kann man sie ganz nah sehen. Ich liebe das. Heute bin ich einfach vorbeigelaufen, habe es erst danach gemerkt. War offenbar gedanklich nicht *da*, wo ich eigentlich sein wollte.

Sonja, Köln

Ich bin ruhiger. Vor dem Supermarkt um die Ecke wartet man jetzt vor der Tür bis ein Einkaufender herauskommt, ein Türsteher winkt dann wortlos den nächsten rein. Ich muss nicht rein, Klopapier habe ich am Wochenende für 4,50 an einem Kiosk gekauft.

Ich bin ruhiger, weil ich jetzt viel in Kontakt mit Freund*innen und der Familie bin. Die Videochats sind voll besetzt, dass sich der Bildschirm bei Whatsapp in vier kleine Fenster teilt, und bevor wir anfangen durcheinander zu reden, machen wir erst alle einen Screenshot von unseren digital dicht gedrängten Gesichtern.

Jeder Spielplatz, an dem ich vorbeilaufe, ist gerahmt durch Absperrband, das sehr selbstverständlich im Wind weht. Das katastrophische Denken, das meine letzte Woche beherrscht hat, hat sich in ein angenehmes Gefühl der Entschleunigung und Akzeptanz verwandelt. Ich genieße das Alleinsein, wenn ich weiß, dass ich es nicht bin. Außerdem habe ich nun einen Coronaabschnittsgefährten. Seit Freitag. Wir hatten schon vorher Kontakt, wohnen beide alleine, arbeiten von zu Hause aus und irgendwann habe ich mich dann getraut und gefragt: Möchtest du mein Quarantänepartner sein? Er hat Ja gesagt. Nun spazieren wir zusammen, kochen uns wechselseitig Essen und besuchen uns in unseren Mittagspausen, um uns feste zu umarmen. Es geht mir gut. Eine Freundin skyped mich an. Am Samstag hat sie mich aufgebaut, heute bricht die Situation über sie herein.


Meine Schwester leitet eine Whatsapp-Audiodatei unsere “Familie 2.0”-Gruppe weiter:

“Hi Leute! Ähm, der Schwager von dem Heilpraktiker von meinem Paketlieferanten, der arbeitet beim Robert Koch-Institut und die haben gerade Experimente durchgeführt und das vielversprechendste, was die jetzt herausgefunden haben, is äh, wenn man sich Wachsmalstifte in die Nase steckt, am besten rote und blaue, dann ist man immun gegen Coronavirus. Das is halt noch nicht offiziell und so, weil die Studien noch nicht veröffentlicht werden, die noch nicht so weit sind, aber, ähm, das kommt von ganz intern. Also wenn ihr euch schützen wollt, dann wollt ich’s euch auf jeden Fall weitergeben. Also seid immer sicher und, äh, geht am besten nicht raus, es sei denn mit Wachsmalstiften in der Nase. Tschüss!”

24.03.2020

 

Viktor, Frankfurt

@geraeuschbar hat mir „Zen-Buddhismus und Psychoanalyse“ empfohlen und darin schreibt Fromm: „Es gibt viele affektive Empfindungen, für die eine bestimmte Sprache keine Bezeichnung hat, während eine andere reich an Ausdrücken ist, die diese Gefühle benennen. (…) Allgemein kann man sagen, dass eine Empfindung selten bewusst wird, für die die Sprache kein Wort hat.“

Und wenn eine Sprache die Worte dafür hat, aber ein Mensch es nicht lernt, seine Empfindungen zu erkennen? Weil er zum Abstumpfen gezwungen war, oder weil er die Wörter nicht kennt, aber trotzdem empfindet?

Wie fühlt sich das Unabsehbare an? Das Ungewisse? Es liegt offenbar eine Grundnervosität über allem, zumindest deuten manche Einträge in diesem Tagebuch darauf hin und manche Tweets:

Ich wundere mich zugleich darüber, wie die erzwungene Entschleunigung auf mich wirkt. Ich lese mehr, ich lese langsamer (und ich lese auch sonst sehr langsam), ich klebe länger an einzelnen Sätzen, lese sie noch einmal und noch einmal und dann erinnere ich mich an ein anderes Buch, im Kopf entsteht eine Landschaft aus Büchern, die durch Pfade miteinander verknüpft sind, Gedankenpfade. Das befriedigt ungemein.

 

Maike

Immerzu verwundert. Ausnahmezustand ständig präsent, gleichzeitig seltsames Aus-der-Zeit-Fallen und ganz Gegenwärtig-sein. Der Lebensmitteleinkauf wie der Fall in einen dystopischen Roman.

Aber auch das plötzliche Aufatmen, weil die Leute Abstand halten und ich merke, wie gut mir das tut. Mir war nie klar, wie sehr mich das alltägliche Gedränge vieler Menschen belastet hat.

 

Shida

Heute ging es mir kurz so richtig gut, mit guter Laune und allem.  Ich habe dann überlegt, was ich davor gemacht habe, um es möglichst oft, am besten durchgehend, ganz genau so ab jetzt täglich zu wiederholen. Ich kam dann zu dem naheliegenden Schluss: Ich habe mich nicht mit Corona beschäftigt. Ich habe einfach nur lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und dabei überhaupt kein Corona Moment Stopp noch mal zurück gespult bitte was war das das für ein Rauschen. Von wegen. Es war anders. Ich habe lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und Radio gehört. Im Radio ging es durchgehend um Corona, wie immer, und ich habe konzentriert zugehört, nicht etwa an etwas Wunderschönes aus der Vergangenheit gedacht oder so. Es gab keine Pause von Corona, ich hatte nur ein paar Minuten später vergessen, dass ich mich mit Corona beschäftigt habe. Da war er dann also, der Beweis Nummer 2: Ich habe mich an all das gewöhnt.

(Das Rätsel über die Herkunft der guten Laune ließ sich übrigens nicht klären. Vielleicht waren es einfach erste Anzeichen des Durchdrehens. Wie neulich, als B. mir einen witzigen Tweet zeigte und wir beide für viele Minuten lachend auf dem Boden lagen, ohne Geräusche außer leisem Jauchzen von uns zu geben und dabei zu weinen, als hätten wir noch nie in unserem Leben etwas witzigeres gehört:

Wimmelbücher erscheinen heute trotzdem sehr aus der Zeit gefallen. Die bunten Bilder von vollen Straßen, Autos, Menschen, Hunden, machen mich nostalgisch, ungefähr so, als würde ich mir eine Folge Wetten dass…? aus den 90ern anschauen.

 

Slata, München

Es sind eher die Reste der Sozialität, die uns stören, einzeln würden wir wunderbar unsere Tage am Computer verbringen, einmal am Tag kurz rausgehen in die Felder vielleicht, um vergleichen zu können, wie das Wetter heute ist, wie es gestern war, wie es sein wird morgen, und sonst wären wir völlig zufrieden mit unserem produktiven, konzentrierten, unaufgeregten Dasein. So aber bilden wir ein Kollektiv, irgendwie, von außen und auch von innen, und zum Abend hin, wenn es unanständig wird, weiter am Computer zu sitzen, wissen wir nicht recht, können wir uns mit Mühe daran erinnern, wozu man ein Gegenüber braucht.

 

Emily, Rostock

An einem Sonntag ist das Ganze nicht weiter schlimm, es fällt mir kaum auf. Zum Anfang der Woche kommt dann die Unruhe zurück. Freund*innen erzählen mir wie sie – allein in ihren Wohnungen – plötzlich laut aufschreien oder um sich schlagen und meine Mutter ist deprimiert, weil es keinen Grund mehr gibt, schöne, unbequeme Kleider anzuziehen. Ich rede mit der Espressokanne und zähle rückwärts bis zu dem Tag, an dem ich das letzte Mal einen Menschen umarmt habe. Anfang letzter Woche habe ich mir Weidenkätzchen und Pfirsichzweige gekauft. Ich habe jetzt schon Angst davor, dass sie verblühen und ich beim Aufwachen auf leere Vasen schauen muss. Statt den Blüten der Magnolie im Innenhof beim Wachsen zuzusehen, schreibe ich Emails. Der Buchstabe „E“ auf meiner Tastatur funktioniert nicht mehr. Ich kann nur unter erschwerten Bedingungen Pandemie schreiben. Epidemie. Was noch geht: Virus. Isolation. Social Distancing. Traurig und taub. In meinem Kühlschrank liegen zu viele Bierflaschen und ein bisschen Sorge habe ich vor dem ersten Mal betrunken ins Bett gehen ohne ein Gegenüber gehabt zu haben.

Vor der Klinik ein Banner, das allen Menschen in systemrelevanten Berufen für ihre Arbeit dankt. Auf beide Seiten leuchtend rot gesprüht: ACAB.

 

Fabian, München

Es ist dann noch recht schwer, ein seit Monaten aufgeschobenen Projekt monatelang immerhin im Hinterkopf in die eine oder andere Richtung geschoben habend, an verschiedenen losen Enden weitergeschrieben, deren Anknüpfungspunkte dann oft verlorengehen, jetzt wieder anzupacken, jetzt, wo man Zeit hätte, einerseits, und andererseits dem Kälteeinbruch zum Trotz, der vorgestern den Garten vorm Balkon, zumindest ein paar Stunden lang, bevor die Sonne doch alles wieder weggetaut hat, schneebedeckt hatte daliegen lassen, das schöne Wetter dort draußen und ein doch noch erstaunlich diffuses Gefühl einer Einübung in den totalitären Staat, wenn draußen die Mannschaftswagen der Münchner Polizei unter Androhung harter Bestrafung zum Zuhausebleiben auffordern. Jetzt, drei Tage später, könnte man auf die Idee gekommen sein, was für einen hirnrissigen Eindruck das macht; oder an den entscheidenden Stellen fühlt man sich der Kooperationsbereitschaft der Münchner Bevölkerung ausreichend sicher; oder eine potentielle personelle Knappheit im exekutiven Bereich führt dazu, und wir sind nur samstags und sonntags dran, gut, wir werden sehen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Nun also die Insel im #lockdown. Heute früh auf dem Mobiltelefon eine entsprechende SMS. Direkt von www.gov.uk. Woher haben die nochmal meine Nummer?

Im Radio erzählen Menschen davon, wie die Pandemie ihren Alltag verändert. Einer psychisch Erkrankten ist die professionelle Unterstützung weggebrochen; sie hofft nun auf Nachbarschaftshilfe. Ein älterer Mann macht sich gut gelaunt in seinem Garten zu schaffen. Ein Theaterproduzent versucht, so viele Schauspieler wie möglich weiter zu beschäftigen. Eine Mutter berichtet glücklich, dass einer ihrer Söhne nach über zwei Dekaden Funkstille plötzlich bei ihr angerufen habe.

Als ich am Nachmittag zum alleinsamen Spaziergang aufbreche, scherzt mein Mann, ich solle das Handy lieber daheim lassen. Für den Fall, dass die Regierung überwache, wie lange und wie weit ich laufe. Wenn sie meine Schritte zählen würden, wäre das ganz praktisch. Später, auf freiem Feld, fühle ich mich beobachtet von einem Satelliten, der im All in gerader Linie über mir hängt. Beruhigend, die Blätter der Kastanien aus ihren klebrigen Ummantelungen hervorbrechen zu sehen und die Farbtupfer überall: violet, blaulila, dottergelb, weiß, grün (alle erdenklichen Varianten), kaminrot. Die elektronische Tafel eines Verkehrsschilds vermeldet stauvergessen: ‘Covid-19 essential travel only’.

Es ist an der Zeit, in meinem Gedankenpalast ein neues Zimmer einzurichten. Darin wird alles, was mit ‘Little Miss Corona’ zu tun hat, weggesperrt. Die Tür ist einfallslos blutrot, darauf, mittig und in zersplitterter Form, eine überlebensgroße Darstellung des Virus, wie man ihr momentan überall begegnet. In dieses Zimmer hineingelauscht und -geschaut habe ich bislang nur kurz, die Tür gleich wieder zugemacht. Not a pretty sight.

Heute abend per WhatsApp die Nachricht einer Freundin, mit der ich Freitag noch unterwegs war: Sie hat angefangen zu husten.

 

Birte, Darmstadt

Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines temporären Zugangs zur Bayrischen Staatsbibliothek, damit ich da Digitalisate der Bücher lese und ggf. herunterladen kann, die im Büro liegen, in das ich nicht gehe. Die Beschaffungswege sind nahezu abenteuerlich, gegenseitig bietet man sich die Zugänge zu Bibliotheken an als würde man dealen. Ein Buch hat mir ein britischer Kollege als pdf über eine rumänische Kollegin besorgt, damit ich es den Studierenden zur Verfügung stellen kann. Eins ist am 19. März erschienen und weder an der Uni noch bei mir privat eingetroffen. Dafür kam heute nochmal Katzenfutter.

 

25. März

 

Sarah, München

Köpfe wandern vorbei an unserem Erdgeschossfenster, von morgens früh bis zum Sonnenuntergang zieht ein stetiger Strom vorbei. München spaziert und joggt, radelt und skatet. Wir wohnen in einem Randbezirk, hier ist die Stadt zu Ende, aber davor kommt noch ein Wald. In den Zeiten vor Corona war in unserer Straße nichts los. Es gab keinen Grund hierher zu kommen. Hier ist nichts. Noch nicht mal ein Briefkasten. Kein Zigarettenautomat und auch keiner für Kaugummis. Also kam niemand. Außer am Sonntag. Da kamen Menschen mit Hunden und solche ohne, und jene mit Kinderwagen und Laufrad im Kofferraum und suchten einen Parkplatz, um ihren Sonntagsspaziergang zu starten. Nun ist jeden Tag Sonntagsspaziergang. Das Ende der Stadt ist auf einmal beliebt.

Das noch etwas anders ist, fällt auf, wenn man mitgeht. Wo man früher aneinander vorbei schlenderte, einander ignorierte, um die gegenseitige Sonntagsfamilienblase nicht zu stören, geht man heute zögerlich aufeinander zu, beäugt den Abstand, wartet, lächelt ein wenig verschämt einander an. Corona, sie wissen ja.

Und irgendwie drängt sich Corona in alles, tropft in jeden Gedanken, wenn nicht als Wort, dann doch als Zustand, als Gefühl. Auch das Schreiben lässt es nicht in Ruhe. Obwohl doch schon ausführlich getwittert wurde, dass das jetzt verboten ist, über Corona schreiben. Nein, natürlich nicht. Weiß ja jeder. Will ja keiner. Und dann kommt es eben doch durch und zwängt sich aufs Papier.

Dieses makellose Blau

Es beginnt in der Ecke oben links, hinter dem Hochbett. Die Tapete verdunkelt sich, wirft schwarze Blasen, für einen Moment schein alles still zu stehen, und dann fegt der Feuersturm das Zimmer fort.

„Mama, du sollst bauen!“

Ob sie die Schmerzen spüren würden? Oder geht es so schnell, dass das Nervensystem blockiert, bevor die Gefühle durchkommen?

Sie geht in die Küche und steckt zwei Scheiben Toast in den Toaster. Der Raum ist dunkel und gemütlich, alles okay hier. Alles okay. Der Frischkäse ist schon ein bisschen eingetrocknet, eine gelbliche Kruste, die am Rand der Packung klebt. Sie hebt sie hoch zu ihrem Gesicht und sucht nach den dunklen Flecken von Schimmel. Die weiße Masse riecht wie immer, kühl, salzig und metallen.

„Mama! Essen!“ Die Freude in ihren Stimmen ist laut und grob, sie stupsen ihre kleinen Körper an ihren, springen auf der Stelle, die Arme nach oben gestreckt, als könnten sie so irgendwie ändern, dass ihr Kopf unerreichbar ist. Sie lächelt zurück, streicht über verstrubbeltes Haar, das Spiegeln von Emotionen ist so wichtig.

Die Sonne ist hell, der Himmel blau. So blau als wäre dahinter nichts, keine Schwärze, die auf die Nacht lauert. Er wirkt so echt, dieser Himmel über ihnen. Dabei ist Nichts an ihm wahr. Bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.

„Schau mal, ein Hubschrauber“, sagt der Kleine und zeigt hoch. Sie schaut nicht hin, da oben fliegt nichts, sie kennt das schon. „Ja“ sagt sie. „Schön.“

Wieder kommen die Flammen, diesmal fegen sie über die Straße, schmelzen den Asphalt, sie kann sehen, wie er zu kochen beginnt. Sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ob es einen Moment des Schmerzes geben wird?

„Guck mal, was ich kann!“ Der Große ist auf das Mülltonnenhäuschen geklettert. Sie schaut, die Hand über den Augen, so dass die Sonne ihr nicht die Sicht nimmt. Er breitet die Arme aus, der ganze Körper gestreckt, ein festgefügter Zellhaufen voller Spannung. „Ich fliege!“ schreit er und stößt sich mit beiden Beinen vom kieselbesetzten Waschbeton ab. Sie macht einen Schritt vorwärts und breitet die Arme aus. Sein Körper schlägt auf ihr ein, fast stürzen sie zu Boden, aber sie fängt sich mit einem weiteren Schritt auf. „Hast du das gesehen?“ Er nimmt ihr Gesicht in die Hände, seine Augen blitzen vor Stolz. Sie nickt und fragt sich, wie das eigentlich geht, dass die Augen so aussehen können, so voller Gefühl. Es sind doch am Ende nur gefärbte Fitzelchen, die ein schwarzes Loch umklammern. Sie lässt ihn langsam zu Boden gleiten und streicht ihm über die Stirn. „Hast du gesehen?“ fragt er noch einmal. Sie nickt und nimmt seine Hand. Den Kleinen greift sie mit der anderen und wuchtet ihn auf ihre Hüfte. Er ist schon so schwer, aber wenn sie ihn trägt, muss sie nicht darauf achten, wo er gerade hinläuft. Wenn sie ihm zuschaut muss sie manchmal an einen schlecht programmierten Roboter denken, der hin und her irrt, Dinge aufhebt, wieder hinwirft, immer auf der Suche nach der Logik in seinem Programm.

„Wohin gehen wir eigentlich, Mama?“ Der Große fragt ohne Argwohn in der Stimme. Eine reine Neugierde, an die sie sich gern erinnern würde, aber sie weiß nicht, ob sie sich je so gefühlt hat. „Einfach ein bisschen die Straße entlang“, antwortet sie schließlich. Sie weiß, er würde nicht lockerlassen, wenn sie schweigt. Das hat er noch nie akzeptiert. Deshalb hat sie sich angewöhnt das zu sagen, was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt. Wir gehen einfach ein bisschen die Straße entlang, weil es nichts gibt, wohin wir gehen können, weil es kein Versteck gibt.

„Warum können Menschen eigentlich nicht fliegen?“

„Weil wir keine Vögel sind.“ Sie weiß, das ist nicht genug als Antwort. Sie will anheben und etwas über Gewicht und Röhrenknochen sagen, über das Verhältnis von Spannweite und Körpergröße. Aber es gelingt ihr nicht so recht, die Gedanken so zusammenzufügen, dass sie sie aussprechen mag.

„Du fliegst, die ganze Zeit“, hört sie sich schließlich sagen. „Wir alle fliegen im Weltall.“ Auf dieser winzigen Kugel von der es kein Entkommen gibt.

„Cool!“ brüllt er und streckt seine Faust in die Luft. „Wie Superman! Wir sind alle Superman!“ Dann macht er sich los von ihrer Hand und klettert auf das Mäuerchen neben ihnen. „Fängst du mich auf der anderen Seite auf?“

„Ja“, sagt sie. „Natürlich.“ Sie blickt hinauf in den Himmel. In dieses makellose Blau.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Eigentlich sollte ich heute mit meiner Schwester in Deutschland ihren Geburtstag feiern. Beim Aufstehen merke ich, wie traurig ich bin, nicht bei ihr zu sein. Um ihr dennoch gut gelaunt gratulieren zu können, schicke ich erst einmal Nachrichten in alle Himmelsrichtung mit der Frage danach, wie es Freund:innen geht. Von der Mehrheit positive Rückmeldungen. Ein oder zwei bedenkliche Nachrichten. Ich halte die Daumen, versuche aus der Ferne da zu sein. So, wie frau es bei mir gemacht hat, als es mir schlecht ging. Wer es nicht selbst erlebt hat, ahnt vielleicht nicht, wie wichtig selbst kleinste Gesten der Zuneigung in schweren Zeiten sind. Wie nachhaltig sie wirken.

Deutschlandfunk Kultur berichtet über den PEN-Aufruf, der sich gegen die Verwendung des Begriffs ‘soziale Distanz’ und für Alternativen wie ‘körperlicher Abstand’ ausspricht. Berechtigt. Denke über ein positiveres Covid-19 Vokabular nach. ‘Solidarischer Abstand’ finde ich gut. Statt ‘Ausgehverbot’ fällt mir nur ‘Daheimbleiberlaubnis’ ein – zu nah am Euphemismus, oder? ‘Massenansammlungen’ sind ja eigentlich ‘Zusammenkünfte Vieler’. Von diesem Punkt aus weiterdenken, bitte.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/autorenzentrum-pen-gegen-begriff-soziale-distanz.265.de.html?drn:news_id=1113373

Auf meinem Nachmittagsspaziergang laufe ich anarchisch quer über den Golfplatz in unserer Nähe (Schottland hat gefühlt an jeder Ecke einen). Bislang habe ich mich fast immer nur brav am Rand herumgedrückt, nun fülle ich die weißen Flecken meiner mentalen Landkarte mit Farbe. Mir begegnen Bäume, Eltern, Kinder, Hundebesitzer, Vierbeiner, Vögel – 16 Elstern auf einen Schlag (ist das ein gutes Omen?). Die Geistergolfspieler stets unter uns, das Klackern der Bälle herrlich abwesend, ein Abenteuerpark, der darauf wartet, dass die Natur ihn zurückerobert. Irgendwie fühlt sich dieser leere Golfplatz wie die perfekte Metapher für den gegenwärtigen Zustand der Welt an, ich weiß nur noch nicht genau, warum.

 

Viktor, Frankfurt

Noch keine Gedanken dazu:
US-Pflegekräfte aus Krankenhäusern berichten aus ihren Corona-Erfahrungen und verschaffen damit einen Einblick in ein System, das sonst unsichtbar bleibt.

https://www.nytimes.com/2020/03/25/business/media/coronavirus-nurses-stories-anonymous.html

Wenn ich nicht in der Redaktion bin, versuche ich, mich nur ein-, zweimal am Tag gründlich zu informieren. Sonst werde ich zu unruhig und kann mich anderen Dingen nur schlecht widmen. Die digitale Nachrichtenwelt lässt einen nicht in Ruhe, wenn wir uns ihr nicht selbst entziehen. Dabei entwickelt sich alles, selbst bei Corona, nicht so schnell, wie die immer auf Klicks bedachten News-Sites es suggerieren.

 

Slata, München

Drachensteigen macht man im Herbst, brummt Emil, Ihr könnt das selber machen, aber dann, in den Feldern, findet er es toll und will die Führung übernehmen. Der Wind ist so stark, dass der Drache reißt, immer wieder kopfüber ins Gras fällt, wir falten ihn zusammen, wickeln die Schnur auf, tasten uns zurück, nach Hause.

 

Fabian, München

Eine, man lässt sich, heute Büro, dann Mittagessen und ein wenig, zwei, Sport, später Netflix und später den Freunden in und aus Österreich beim Spielen zuhören, drei, getoastetes Brot, Steam ist offenbar überlastet, eine Weile lang nur das Klicken der Schalter der mechanischen Tastaturen, vermutlich braune, vier, Switches, oder auch nicht, was weiß man schon, so genau hört man nicht, stattdessen eine Runde Starcraft, eine Mission einer Kampagne, die er selbst nach zwanzig Jahren Spielerfahrung, fünf, noch nicht zu Ende gespielt hat, ein wenig Sport, als hätte man sonst nichts zu tun, man hat ja sonst nichts zu tun, wenn ich das Büro heute mal nicht mehr ins Zimmer lasse, sechs Serien, mehr zur Gewährleistung zuverlässigen, allerdings, Hintergrundrauschens zur Grundierung der Nicht-gerade-Langeweile, aber eines, acht, nicht gerade Angekommenseins in den neuen Umständen, läuft die etwas, aber immerhin auf sympathische Weise alberne ORF-Netflix-Co-Produktion, neun, “Freud”, zehn, und gut, eine 610Serie Liegestütze zu guter Letzt, oder zumindest heute.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Diese Wohnung hier fühlt sich an wie eine sichere Burg, solang ich nicht raus muss, erscheint alles einigermaßen ruhig. Doch in ruhigen Momenten kriecht doch eine Unruhe die Beine herauf, manchmal fällt einen die Absurdität der Situation hinterrücks an und schleicht sich dann den Rücken hinauf, fällt dann wieder ab und kauert knapp über dem Boden. Wartet dort.

Gleichzeitig spüre ich wie eine seltsame Gewöhnung eintritt, die mich auch wiederum beunruhigt. Ich meine, diese Gewöhnung auch in der Berichterstattung zu spüren. Der Deutschlandfunk hat einen neuen Podcast unter dem Titel Alltag einer Pandemie. Es hat keine zwei Wochen gedauert bis wir die Situation teilweise zum Alltag erklärt haben und jeden Abend beim Kochen höre ich die täglichen Berichte aus verschiedenen Regionen des Landes. Auch die Fallzahlen scheinen nachlässiger veröffentlicht zu werden oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich die Seiten des RKI, der John Hopkins University und der Badischen Zeitung nicht mehr im regelmäßigen Rhythmus von 15 Minuten neu lade. Diese vermeintliche Ruhe fühlt sich trügerisch an, als wüssten wir noch gar nicht, was da auf uns zukommt und als glaubten wir auch noch immer, dass das Schlimmste vielleicht doch an uns vorbeiziehen würde. Auch meine ich in meinem Umfeld eine Beruhigung festzustellen, die Gespräche in Chats und in den Skype-, Facetime- und Zoomanrufen drehen sich nicht mehr ausschließlich um Corona.

Die warme Frühlingssonne dieser Tage macht das alles noch surrealer. Wenn man spazieren geht, über die Felder und die letzten Wochen vergessen würde, nichts würde darauf hindeuten, dass gerade Chaos herrscht.

 

Emily, Rostock

Es gibt eigentlich nur noch zwei Handlungsorte: meine Wohnung und den Hafen, der am Ende der Parallelstraße beginnt. Solange ich mich nicht aufraffen kann, den Schlauch meines Fahrrads zu reparieren, ist mein Radius furchtbar beschränkt. Heute der erste Tag, an dem ich hinterfrage, wozu es gut ist, aufzustehen und mir die Haare zu waschen. Die meisten meiner Freunde verbringen die Quarantäne mit ihren Partnerinnen und ich versuche eine halbe Stunde lang, die Katze der Nachbarn auf meinen Balkon zu locken. Aus der Ferne die Nachricht „Be my Quarantine“, auf die ich keine Antwort weiß. Alle Arbeitskontakte, die mich anrufen, haben ihre Nummer unterdrückt, weil sie so ein kleinwenig Kontrolle behalten. Ich denke, es wird Zeit, die Schrauben an meinem Wasserhahn nachzuziehen und die Schublade meines Kleiderschranks zu reparieren. In anderen Städten wird abends um 19 oder 21 Uhr applaudieren. In meinem Hinterhof beginnt ein Blockflötensolo und dann singen sie gemeinschaftlich „Der Mond ist aufgegangen“. Weil es noch immer hell ist, kann ich sie dabei beobachten.

 

26. März

 

Jan, Hannover

Der Beginn der räumlichen Distanzierung ging zunächst einher mit neuen (oder eben gar nicht so neuen, aber bisher von uns nur selten genutzten) Formen der Online-Gemeinsamkeit: Der abendliche Sun-Downer mit Freund*innen aus drei Städten auf Skype oder im WhatsApp-Videochat. Gemeinsam kochen und essen mit den Nachbarn in Facetime. (Die Online-Bandprobe meiner Frau mit ihrem Gitarristen scheiterte allerdings, zu viel Zeitversatz.) Ersatz-Gemeinschaft im Display.

In Woche 1 der Sozialen Distanz habe ich mehr Zeit mit Facetime verbracht als vorher in drei Jahren zusammengenommen. Man lässt sich lustige Sachen für die Bildgestaltung einfallen, schiebt ein niedliches Stofftier vor die Kamera oder wählt eine expressionistische Kameraperspektive und Lichtsituation. Ich habe mir sogar eine Smartphone-Halterung für meine Kamerastative bestellt, um keine abenteuerlichen Konstruktionen mehr bauen zu müssen, wenn man beim Videochat beide Hände freihaben möchte.

Aber jetzt beobachte ich eine gewisse Videomüdigkeit bei mir, cam chat fatigue. Das aufgekratzte Durcheinanderkrähen, das aus dem zu kleinen Smartphone-Lautsprecher plärrt, und die leicht überdrehte Euphorie beim virtuellen Anstoßen empfinde ich zunehmend als anstrengend, ich beobachte mich dabei, wie sich mein Gesicht in eine Kulisse verwandelt. Ich grinse unentwegt in die Kamera, obwohl ich eigentlich nur müde bin, und kontrolliere ständig das Bild, das wir von uns machen, im Minifenster oben links. Und die unaufhörlichen, unausweichlichen Corinna-Witzchen strengen mich an, obwohl ich natürlich unentwegt selbst welche rausfeuere, gute wie nicht so gute, ich kann gar nicht anders. Das ist noch zwanghafter als Händewaschen. Lachen soll ja bekanntlich die beste Medizin sein, aber es kann auch eine verdammt bittere Medizin sein.

Mittlerweile hat die Häufigkeit der Online-Zusammenkünfte wieder abgenommen, und ich habe nicht den Eindruck, dass es nur an mir liegt. Es ist schön, sich zu sehen. Aber manchmal macht einem der schwarze Rahmen des iPhone-Gehäuses, der die Gesichter der anderen einhegt, die herrschende Distanz nur noch schmerzlicher bewusst.

 

Nefeli, Hamburg/Berlin 

Vor zwei Tagen hat mich S. mit dem Auto aus Hamburg abgeholt und nach Berlin verfrachtet. So sind wir eben zu zweit in Quarantäne und ich bin nicht allein meiner Misere ausgesetzt. Seine Wohnung ist größer, aber mein Traum, alle Nachbar:innen um 21 Uhr dazu zu bringen, “Someone like you” von Adele zu singen, ist hier bei all den älteren Menschen nicht möglich. Auf der Autobahn wurde S. geblitzt und kurz darauf sahen wir eine Sternschnuppe, die senkrecht ins Nichts fiel. Als käme mir das Leben, die Welt und mein Sein nicht schon komisch genug vor. Und dann schämte ich mich, weil ich mir nichts Sinnstiftendes wünschte, sondern nur etwas Privates. S. hat mir später das Handyspiel “Drop the Number” gezeigt, ich habe es innerhalb von zwei Tagen des intensiven Spielens schon geschafft, 44.738 Punkte zu erzielen, was wirklich gut ist, aber vielleicht sollte ich mein Selbstbewusstsein nicht aus einem Handyspiel ziehen. Und so ein wirklicher Trost ist es auch nicht, wenn ich die 16 auf die 32 ziehe und dann die nächste 16 kommt und dann ploppt es und ich denk mir “geil”. Ich hab wenig Struktur, jetzt noch weniger als Pre-Corona. Da tut es gut, S. um sich zu haben, der eine feste Abendroutine hat, der auch viel rausmöchte. Ich würde ja ansonsten wirklich nur drinbleiben. Mich macht Sonne nicht glücklicher. Sie ist einfach da, das ist okay. Heute Abend gibt es Fisch, ich muss daran denken, meine Mutter anzurufen. Und ich will mich auch bei meinen Freund:innen melden, die alle allein in ihren Wohnungen sitzen. Und Mails schreiben. Und Abrechnung machen. Den nicht ausgetrunkenen Tee von gestern trinken. Aufpassen, mich nicht zu betrinken. Nicht auf YouTube versacken. Jetzt wäre die Zeit zum Lesen da aber ich bin so unkonzentriert. Und jammern bringt auch so furchtbar wenig, es ergeht ja zu vielen so.

 

Matthias, Jena

Vermutlich geht es mir nicht anders als den meisten, aber der tägliche Blick auf die Fallzahlen und dann der Klick zum Desktop-Taschenrechner, um die Steigerungsrate zu gestern auszurechnen, ist ein Ritual geworden. Meine Lieblingsmedizinerin findet, die Zahlen sähen gar nicht so schlecht aus, insbesondere die sehr geringe Sterberate in Deutschland findet sie beeindruckend. An ihrer Klinik werden inzwischen alle stationären Aufnahmen routinemäßig getestet. Von Twitter aus gesehen kann man hingegen meinen, dass gerade ein abgewirtschaftetes Gesundheitssystem unter der Seuche zusammenbricht und die Eingriffe in die Freiheit der Bevölkerung zugleich den Weg in einen totalitären Post-Covid-Staat bahnen. Je länger der ganze Zustand dauert, desto allergischer werde ich gegen eine bestimmte Sorte politischer Hottakes. Ich muss darauf achten, in dieses Tagebuch nicht immer nur dieselben Beschwerden darüber hineinzuschreiben.

Mein Arbeitsalltag ist so normal, dass es mir fast Angst macht. Dabei ist nichts von dem, was ich tue, irgendwie »systemrelevant«. Ich rechne damit, dass ich in spätestens 2–3 Wochen mit mehr oder minder sanftem Zwang dazu herangezogen werde, irgendwelche Verwaltungsaufgaben in Testlabors oder beim Gesundheitsamt zu machen.

Wir haben die Sorge wochenlang weggeschoben, aber langsam beschäftigt auch uns die Frage, was wir tun, wenn unser Toilettenpapier alle wird. Die Regale scheinen wirklich nachhaltig leergefegt. Als braver Jenaer Bürger habe ich bei einem größeren Anfall von Online-Shopping heute auch schön beim lokalen Einzelhandel bestellt, zwar nur zwei Instrumentenkabel, aber immerhin.