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Kategorie: Schöne Bücher

Die Prachtausgaben des jungen Mannes

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Bei meinem Umzug nach Hamburg fielen mir drei schmale Bücher in die Hände, die vorher in meinem Regal fast verschwunden sind. Sie ähneln sich im Schwarz, Weiß, Rostrot ihrer Prägedrucke und doch hat jeder Band ein anders gestaltetes Titelblatt. Als junger Schüler, vielleicht im Alter von 14 oder 15 Jahren, habe ich in einem Anflug von Wissens- und Weltendurst diese Texte von Nietzsche, Boethius und Seneca* erworben. Ähnlich wie die Romane des Jahrhunderts von Suhrkamp sind diese schmalen Bände einer der frühen Bausteine meiner Liebe zu Büchern; nicht (nur) zu deren Inhalt, sondern in diesem Fall vor allem, Jahre vor dem eBook, zu ihrer Form. Weit entfernt sich mit spärlichem Taschengeld Dünndruckausgaben leisten zu können, griff ich also zu diesem 6-7 € teuren Ersatz.

Die Kleine Bibliothek der Weltweisheit versammelt berühmte Werke zur klugen und richtigen Lebensführung. Sie befassen sich mit den zeitlos gültigen Fragen: Was überhaupt ist Glück? Was müssen wir tun, wie sollen wir handeln? […] Jeder dieser Texte ist als Meisterwerk der Weltweisheit und Lebenskunst in das Gedächtnis der Menschheit eingegangen.

Diese, zuerst nur auf 12 Bände angelegte, Bibliothek, die bis heute auf 34 Titel angewachsen ist, war auch einer der vielen Bausteine meiner Neigung zu Klassikern. Bücher, die sich über viele Generationen hinweg bewährt haben, immer wieder empfohlen werden und der trügerische, wie falsche, Gedanke irgendwann den Kanon abgeschlossen zu haben und einfach alles zu wissen – mit 14 hat man noch Träume. Wobei: Die Reihe der Weltweisheit wird nicht fortgesetzt, wer also alle 34 Bände von Boethius bis Tolstoi gelesen hat, weiß alles was man wissen muss und kann in Ruhe fernsehen.**

Eine derart liebevoll gestaltete Reihe ist ein Fest für den Buchliebhaber und zeigt was auch mit dem häufig gestalterisch vernachlässigtem Taschenbuchformat möglich ist.

IMG_20140424_013624*Was hätte der Junge für ein Latinum machen können, wäre der Wissensdurst so stark gewesen Seneca im Original zu lesen. Ist ja auch lustiger.
** Auf Nachfrage bei C.H Beck, die die Reihe zusammen mit dtv verlegen, teilte man mir mit, dass die Reihe sehr wohl fortgesetzt wird. Haltet also die Augen beim Buchhändler offen, so etwas Weltweisheit hat noch niemandem geschadet und die Bücher sind sehr viel schöner anzuschauen als ein Fernseher.

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Wollte ich schon immer mal lesen

Beim Bücherkauf verfalle ich in einen merkwürdigen Rausch, vor allem wenn es um vermeintliche Schnäppchen, also Restauflagen, Mängelexemplare o.ä., geht. Klassiker und große Autoren kaufe ich einfach. Will heißen mit der Rechtfertigung “Wollte ich schon immer mal lesen” greife ich zu, egal wie umfangreich, egal wie schlecht dem Ruf nach die Lesbarkeit; es handelt sich um Klassiker und eine Occasion und schon ist er der meine. Auszüge aus den Ergebnissen: Die Auslöschung von Thomas Bernhard (knapp 650 Seiten), Die Brüder Karamasow in 2 Bänden (über 1000 Seiten), Deutschstunde von Siegfried Lenz (570 Seiten) und so weiter und so fort. Wann soll ich die lesen? Weiterlesen Wollte ich schon immer mal lesen

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Fluchen lernen mit Don Quijote

Welcher Zuschauer wäre da nicht in Lachen ausgebrochen angesichts der Verrücktheit des Herrn und der Einfalt des Knechts? S. 329

Don Quijote? Durchgeknallter Kerl und Windmühlen! – Alle meinen Cervantes’ Don Quijote zu kennen, außerdem zu wissen, dass er schwer zu lesen ist, weil sehr alt und dick. Und so wäre auch ich geneigt gewesen um dieses Buch einen Bogen zu machen, gäbe es nicht meinen Hanser Neuübersetzungslieferanten in Oldenburg. Auch wenn über die Güte der Übersetzung von Traditionalisten mit jeder Neuerscheinung gestritten wird, hat der Hanser Verlag es geschafft Größen ihres Faches für diese wunderbare Reihe zu gewinnen: Elisabeth Edl, Barbara Conrad oder, wie im vorliegenden Fall, Susanne Lange. Dazu kommt, dass man sich bei Hanser möglichst an das Original halten will und daher Urfassungen oder ungekürzte Versionen herausgibt. Für mich als Leser hat dies den Vorteil, dass ich, wenn ich mir diese Klassiker vornehme, nicht eine zusammengeklitterte Fassung in einem Billigband mit Pappedeckel lesen muss, sondern den handlichen Leinenband mit Lesebändchen und fadengehefteten Dünndruck in den Händen halte, der dem Original in Sprache und Zusammenstellung besonders nahe ist, wie in dieser Reihe üblich versehen mit einem umfangreichen Nachwort und Erläuterungen. Nach Anna Karenina, Moby Dick, Oblomow, Die Kartause von Parma sowie Krieg und Frieden hab ich nun also den ersten Band Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha von Miguel de Cervantes Saavedras gelesen. (Zur Rezension von Band 2)

“Was ist das für ein Mann, Herr, der so seltsam aussieht und so seltsam spricht?” “Wer sonst”, antwortete der Barbier, “als der treffliche Don Quijote von der Mancha, Geißler aller Frevel, Heiler allen Unheils, Beschirmer aller Jungfrauen, Schrecken aller Riesen und Sieger aller Schlachten?” S. 573

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Honoré Daumier: Don Quijote auf seinem Pferd Rosinante (um 1868)

Ein verarmter Landadliger wohnt in der Mancha, uns heute besser als Kastilien bekannt, und verbringt seine Tage damit Ritterromane zu lesen. (Cave! auch wenn manchem das Erscheinungsjahr des Quijote von 1605 sehr lang her erscheinen mag – Ritter gab es da nicht mehr!) Der phantasievolle, bereits gealterte, Junggeselle hat sich eine stattliche Bibliothek zusammengesammelt, diese aber, anders als ich, auch komplett gelesen, und verfällt immer mehr in den Wahn seinen Helden nacheifern zu wollen. Ausgerüstet mit einer alten Rüstung und einer Schindmähre, die er Rosicante tauft, bricht er auf Abenteuer zu erleben, ernennt eine verflossene Jugendliebe, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat zu seiner idealistisch geliebten Maid und empfängt den fehlenden Ritterschlag von einem Wirt. Tragischerweise wird der tapfere Mann von allen Realisten meist ohne viel Federlesen verdroschen. Bei einem Lazarettbesuch im eigenen Hause beschließt er, immer auf Authenzität bedacht, sich einen Knappen zu nehmen und rekrutiert den Bauern Sancho Panza auf seinem Grauohr. Der kleine Dicke und der große Dünne (haben hier Dick und Doof geklaut?!) ziehen nun erneut los, während zur späten, zu späten, Rettung Don Quijotes in seinem Haus seine Bibliothek vom befreundeten Pfarrer und dem Barbier des Dorfes geschändet werden.

Gleich zu Beginn findet der berühmte Kampf gegen die für Riesen gehaltenen Windmühlen statt. Aber Quijote kämpft auch gegen Weinschläuche, befreit Gefangene, die sich aufgrund seiner dreisten Forderungen sofort gegen ihn wenden oder erlöst einen misshandelten Knecht von seinem Herrn, der sich dafür umso ärger an diesem rächt, sobald der Ritter außer Sichtweite ist. Die einzelnen Abenteuer werden immer wieder von den Geschichten derer durchzogen, die der fahrende Ritter auf seinem Wege trifft. Als Barbier und Pfarrer ausziehen, um ihren Freund mit einer List wieder nach Hause zu locken, gerät das ganze in ein aberwitziges Schauspiel, dass nur Don Quijote und Sancho Panza nicht so recht zu durchschauen, immer aber erklären können.

Diese Begründungen der quijoteschen Bemühungen, die Rechtfertigungen und Erklärungen für Fehlschläge bilden einen stetigen Höhepunkt, und wenn es im Zweifel ein Zauberer war, der sich gegen die beiden Helden wadt. Sancho Panza scheint trotz seiner Einfältigkeit immer wieder den Wahn seines Herren zu durchschauen, doch der Vernuft tritt Quijote entgegen, so auch als Sancho die für einen Helm gehaltenen Schüssel eines Barbiers als solche enttarnen will.

“Wirklich, Sancho, […] du hast den kürzesten Verstand, den je ein Knappe auf der Welt besaß oder besitzt. Ist es die Möglichkeit, dass du schon so lange mit mir ziehst und immer noch nicht begriffen hast, dass bei den fahrenden Rittern alles nach Hirngespinst, Torheit und Ungereimtheit aussieht […]? Und nicht etwa, weil es das wirklich wäre, sondern weil immerzu ein Schwarm von Zauberern unter uns wandelt, die all die Dinge verzaubern und vertauschen und so verkehren, wie es ihnen beliebt, je nachdem, ob sie uns begünstigen oder vernichten wollen. […] Und welch weise Voraussicht des Zauberers, der mir gewogen ist, dass alle für ein Becken halten, was wirklich und wahrhaftig der Helm des Mambrin ist, denn so wertvoll ist er, dass ein jeder versuchen würde, ihn mir abzujagen, aber da ihn alle für eine Bartschüssel nehmen, macht ihn mir keiner streitig […].”

S. 252

Anders als so manche Bearbeitung für Film, Zeichentrick, Musik, Hörspiel etc. glauben lässt, ist Don Quijote aber nicht albern; es ist vielmehr die tragische Geschichte eines verstiegenen Idealisten. Allen Widrigkeiten zum Trotz kämpft der Ritter für das Gute, dass seine Bemühungen scheitern, liegt nicht nur an seinem Unvermögen, sondern auch an den Widerständen der zu Rettenden und zu Beschützenden oder der faktischen Unmöglichkeit. Und trotzdem lässt er sich nicht entmutigen, sondern setzt sich weiter ein, nie zweifelt er an seinen eigenen Grundsätzen und gerät auch durch Zureden oder Prügel nicht ins Wanken.

Cervantes schafft es durch das großzügige Einflechten von Geschichten, die Weggefährten der Beiden erzählen oder vorlesen, den Leser dem Quijote nicht ungnädig werden zu lassen, denn im Laufe der Lektüre kann einem der Ritter von der traurigen Gestalt in seiner Sturheit schon auf die Nerven fallen. Während also der Schäfer die Geschichte seiner unglücklichen Liebe darstellt oder der Pfarrer im Gasthaus eine Novelle vorträgt, wird der wahnhafte Ritter ausgesperrt, nach kurzer Verschnaufpause wird der Leser ihm wieder gewogen sein.

Don Quijote und Sancho Panza auf der Plaza de España in Madrid, im Hintergrund sitzend Cervantes
Don Quijote und Sancho Panza
auf der Plaza de España in Madrid,
im Hintergrund sitzend Cervantes

Die Sprache ist, habe leider keine andere Übersetzung zum Vergleich zur Hand, so übervoll an Bildern, wie der Roman an Geschichten. Anders als zu vermuten, vielleicht zu befürchten, kann auch der Leser mit einem Abstand von über 400 Jahren dieses Großwerk der Literatur ohne Anstrengungen lesen und verstehen. Die üppigen für jede Seite vorhandenen Erläuterungen lassen keine Frage offen und der aufmerksame Leser kann hierdurch viel über historische Ritterromane und deren Figuren, Spanien und die Welt lernen und erkennt was Don Quijote auch ist: ein perfekt komponierter Roman, der in der Sturktur des Einbindens von Episoden stark dem Decamerone ähnelt.

Wem dies alles noch nicht reicht, der darf in der Flut von Schimpfwörtern und Kraftausdrücken des Quijote baden: Gottloser Lump, Grobsack, Galgenspeck, Windbeutel, Schlagenzunge, Hurenbock, Himmelhund, Staublecker, Donnerhure. Nur diese kleine Auswahl an Herrlichkeiten kann nicht abbilden, welchen unglaublichen Spaß die Lektüre dieses Romans macht. Ich kann sie jedem interessierten Leser nur ans Herz legen, der erste (?!) moderne Roman schlägt auch heute noch fast alle nach ihm erschienen. Die Windmühlenepisode, mag sie auch noch so häufig zitiert werden, ist nur ein winziger Ausschnitt und lässt nur Erahnen welche Kraft und Freude in diesem Buch steckt.

Band 2 liegt schon bei mir bereit.

 

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Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer – Buch für die einsame Insel?!

1. Gebot juristischer Klausuren: Du sollst keine Besinnungsaufsätze schreiben!

So wurde es mir vor dem Examen eingetrichtert. Wer im Examen über Dinge schreibt, die nichts mit dem eigentlich zu lösenden Fall zu tun haben, läuft Gefahr bzw. ist auf dem besten Weg durchzufallen. Die einzige Gefahr, die mir beim Schreiben eines Besinnungsaufsatzes innerhalb einer Literaturkritik droht, ist der abgesprungene Leser. Hier also der Besinnungaufsatz über ein Mammutwerk, das ich zum Zeitpunkt der Rezension nicht mal im Ansatz beendet habe, aber dazu sogleich.

© Peter Lindlein - CC BY 3.0 de
© Peter Lindlein – CC BY 3.0 de

Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre von Heimito von Doderer gehört mit Sicherheit in die Kategorie des modernen Klassikers. In der vorliegenden Ausgabe von C.H.Beck umfasst sie schlanke 950 Seiten und selbst Daniel Kehlmann, einer unserer Vorzeigeintellektuellen gibt im Nachwort zu, dass er, salopp ausgedrückt, viele Dinge in diesem Buch nicht versteht. Sagen wir, etwas ernster, der Zugang ist recht schwierig. Dreimal startete ich die ersten 30 Seiten, dreimal las ich den berühmten ersten Absatz von dem abgefahrenen Bein der Mary K. und über Bulgaren und Rumänen in Wien. Und an diesem wird schon die Schwierigkeit der Lektüre offenkundig: Parenthesen und in diesen noch eine solche, als würde Doderer während er schreibt noch eine dringend zu erzählende Begebenheit einfallen, die nicht auf-, sondern eingeschoben wird. Dazu kommt, dass sich das “epische Gefüge [des Romans] zerlöst […] in das Einzelne, Episodische, in Assoziationen, Reflexionen und Kommentar” (Fritz Martini in: Deutsche Literaturgeschichte). Man weiß nicht mehr was genau zur Handlung gehört und was nicht, die unvermitteleten Zeitsprünge tun für die Verwirrung ihr übriges. Verlässlich eigentlich nur der Ort der Handlung; zumeist die, in Wien realexistierende, Strudlhofstiege, aber Achtung: was für die Handlung in den Jahren 1923 bis 1925 gilt, gilt nicht zwangsläufig für die Rückblenden in die Jahre 1911/12, hier reist der Leser vielmehr durch ganz K.u.K.-Österreich. Adalbert Schmidt fasst es in Literaturgeschichte unserer Zeit so zusammen:

Die keineswegs romanhafte Handlungen des […] Werkes, der seelischen Topographie einer Stadt, werden immer wieder von Abhandlungen und Reflexionen über die verschiedensten Themen (über geschichtliches Denken, lateinische Grammatik, Sprachgeschichte, dicke Damen, Kaffeehausatmosphäre nebst einem in spätmittelhochdeutscher Sprache verfaßten Bericht über einen Hexenprozeß) überwuchert […].

Doderer hat also alles drin: ein Panoptikum Wiens nach der Jahrhundertwende, in der Vor- und Zwischenkriegszeit. Dieses Buch ist derartig verwinkelt, seine einzelnen Geschichten so unabhängig, dass man bei jedem Wiederlesen Neues entdeckt. Die, sagen wir diplomatisch, für 950 Seiten spärliche Handlung um Melzer macht den Einstieg in ein schweres Buches auch nach längeren Lesepausen erstaunlich leicht.

Man interessiert sich gar nicht für all die groß- und kleinbürgerlichen Wiener Schicksale, all die Verwicklungen und Verstrickungen? Dann kann, so Kehlmann, Doderers Beschreibungskunst allein die Lektüre zum reinen Glück machen. Nur langen Atem sollte man haben. Beispiel gefällig? Bereits das dem Roman vorangestellte Gedichte, inzwischen auch in Wien an der Strudlhofstiege angebracht, lässt die Kunst Doderers erkennen.

Wenn die Blätter auf den Stufen liegen
herbstlich atmet aus den alten Stiegen
was vor Zeiten über sie gegangen.
Mond darin sich zweie dicht umfangen
hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
die bemooste Vase in der Mitte
überdauert Jahre zwischen Kriegen.

Viel ist hingesunken uns zur Trauer
und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.

doderer strudelhofstiegeWarum also dieses Buch lesen? Weil sich in einem solchen Werk ein ganzer Kosmos öffnet, weil durch seine Komplexität immer wieder neue Interpretationsmöglichkeiten entstehen. Die Komplexität führt natürlich zu einer schwereren Lesbarkeit, aber wer es einfach mag, greift zwischendrin wieder zur Unterhaltungslektüre – die Strudlhofstiege läuft nicht weg. Aber und das soll bitte das Ergebnis des Besinnungsaufsatzes sein, sie vermag auch soviel mehr zu geben als nur eine Geschichte, aber auch mehr als nur Sprachkunst – die Strudlhofstiege ist ein potenzielles Buch für die einsame Insel. Das Schicksal ist ein mieser Verräter hat man irgendwann zum 100. Mal gelesen und kann in der Geschichte und den Charakteren nichts neues mehr entdecken (ich möchte auch stark bezweifeln, ob hierfür eine 100-malige Lektüre notwendig ist); Doderer wird mit immer neuen, bisher unentdeckten Facetten aufwarten (allerdings wage ich auch nicht den Effekt von 100 Mal Strudlhofstiege abzusehen).

Wenn man sich ein solches Mammutwerk vornimmt, dann bitte auch in der entsprechenden Ausstattung. Der C.H.Beck Verlag macht in seiner Jubiläumsausgabe alles richtig und zeigt wie Büchermachen geht: in bedrucktes blaues Leinen gebunden,  gestaltetes Vorsatzblatt, topographischer Anhang mit den Schauplätzen des Romans in Wien und das Nachwort von Daniel Kehlmann, der sowieso besserer Kritiker als Schriftsteller ist – nimm das eBook!

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Oldenburg

So wie in Göttingen habe ich auch in Oldenburg meinen Local Dealer. Hier kaufe ich z.B. die Hanser Neuübersetzungen gebraucht, aber scheinbar nur von vorsichtigen Bibliothekaren mit Handschuhen gelesen. Dazu ein versiertes Fachgespräch über den Vergleich der Übersetzungen von Oblomow oder Moby Dick und die Feinheiten, die Cervantes Don Quijote Tolstois Krieg und Frieden überragen lassen. Schöne Buchhandlungen, ledergebundene Winklerausgaben alles Themen, die man unter der Brücke vor der Mensa der Universität Oldenburg besprechen kann. Besser als der Besuch jeder Buchhandlungen in der Stadt. – Versprochen!

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Schlaraffenland

In letzter Zeit habe ich ein Händchen für Bücher, die mich begeistern. Nach Navid Kermani hat mich nun Stevan Paul mit seinem Schlaraffenland enthusiasmiert. In dieser besagten Kombination kommen, ich darf kurz persönlich werden, meine drei Hauptleidenschaften zusammen: Kermani für die Musik, Paul für das Kochen und Essen und alle beide in gedruckter Form.

Stevan Paul ist gelernter Koch, kann also (wahrscheinlich) kochen, einer der Foodblogger in Deutschland, kann also (wahrscheinlich) schreiben und außerdem Foodstylist, Rezeptentwickler und Kochbuchautor, kann also (wahrscheinlich) auch nette Rezepte an seine Geschichten anhängen.

stevanpaulschlaraffenlandAuf Empfehlung hab ich mir nun sein Buch Schlaraffenland zugelegt, dass den Untertitel Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe trägt. Klingt nach einer ziemlich bunten Mischung und ist es auch! In 15 Kurzgeschichten nähert sich Paul in mannigfacher Weise dem Thema Kochen und Essen aus Sicht eines Professionellen (nicht das was ihr jetzt denkt!): Kellner, Lehrlinge, Chefköche, arbeitslose Köche, Restaurantkritiker und Foodblogger, aber auch dessen, der sicher die Zielgruppe dieses Buches ist – der kulinarisch Begeisterte und Begeisterungsfähige. 15 Kurzgeschichten, von denen man, wie sollte es anders sein, einige etwas mittelmäßig, eine sogar recht langweilig finden kann, ein paar aber überwältigend gut sind.

Von diesen möchte ich zwei herausgreifen, die meiner Meinung nach die ausufernde Welle des Foodpornos und der Küchennazis treffen charakterisieren.

Der von Magenproblemen geplagte Restaurantkritiker Georg Berger ist das Spitzenküchenbrimborium leid. Er mag keine Foie Gras mehr sehen, er mag sie schon gar nicht mehr in Kombination mit Apfel und Brioche und auch nicht als ersten Gang eines 12-Gänge-Menüs. Er sehnt sich nach Handwerkskunst, die sich gerne mit Kreativität paaren darf, so wie der Griesbrei seiner Frau, dem Einzigen was an schlimmen Tagen sein Magen noch verträgt. Dass Berger selber gar nicht kochen kann, seine beißenden Kritiken Jungköche aber ins berufliche Abseits stoßen können, zeigt dagegen auch die Perversion von der anderen Seite.

Der von seinem Nachbarn (Küchen-, Vegetarier- und Bionazi) genervte Foodblogger Niklas Bär kommt, aus Liebe zu seiner Frau in die Verlegenheit Hackfleisch aus dem Supermarkt zu kaufen und bei einem gemeinsamen Abendessen mit dem, ebenfalls bloggenden, Weltverbesserungsnachbarn kommt es zum Eklat. Nach den umfänglichen Vorbereitungen in Verstecken von Mikrowelle, Instant-Gemüsebrühe und Soßenbinder und dem Herausstellen von Edelolivenölen, geraten die beiden Alphatiere aneinander. Das Streitgespräch zwischen dem ehrlich authentischen Niklas Bär, der versucht immer häufiger auf Fleisch zu verzichten, bio, regional und nachhaltig kauft (“den ganzen Schlagwörterkatalog”) und doch zugeben muss, dass er es neben einer normalen Arbeit nicht immer auf den Wochenmarkt schafft. Schließlich müssen Niklas und der Leser einsehen, dass man eben nicht alles richtig machen kann: Lebt man vegetarisch bleiben doch wieder die Verfehlungen durch Flüge in den Urlaub, das jährlich neue Smartphone und die 8000 Liter Wasser, die für die Designer-Jeans draufgingen. Der Nachbar bleibt leider uneinsichtig und tritt einen Shitstorm los, in dem die Blogreputation Niklas’ den Bach runtergeht.

Stevan Paul schreibt nicht nur unglaublich gut, sondern verfällt bei aller Leidenschaft nicht in den sonst oft nervigen Foodvoyeurismus. Statt mit Produkten und Techniken zu prahlen, erzählt Paul Geschichten von Menschen, die eine Passion für das Kochen und Essen haben. Dass dies nicht ganz ohne Namedropping auskommt, versteht sich von selbst, ist aber immer in angenehmem Rahmen. Seine offene Art entlarvt nicht selten auch die Perversionen, die inzwischen in Teilen des Gastrogewerbes und dem gesamten Umfeld Standard sind. So geht es z.B. auf den meisten Foodblogs nicht mehr nur um das Prahlen mit Zutaten, sondern auch mit eigenen Fertigkeiten und Weltverbesserertum, statt um die Liebe, die Paul transportiert.

Zu dieser Leidenschaft des Kochenden, kommt die Leidenschaft des Mairisch Verlages, der dieses Buch in einer sehr sehr schönen Ausgabe vorlegt. Paul fügt jeder Kurzgeschichte noch ein Rezept eines in der Geschichte vorkommenden Gerichts an.

Ein durch und durch gelungenes Buch für jeden Leser der das Kochen liebt und Interesse an den Menschen hinter den Töpfen hat. Manche Geschichten habe ich bereits wiedergelesen.

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Navid Kermani – “Das Buch der von Neil Young Getöteten”

Auf der Rückseite von Das Buch der von Neil Young Getöteten überschlagen sich die Rezensenten förmlich: wunderbar, ästhetisches Wunder, eindringlich, witzig, aufrichtig, schön, klug usw. usf. Das sagen aber nicht die Hörzu, die Freundin und der Meppener Anzeiger, sondern Zeit, SZ und FAZ. Da ich institutionshörig und musikinteressiert bin, bei Suhrkamp keine schlechten Bücher erscheinen, schon immer den Zauber, den Neil Young auf manche auszuüben vermag, verstehen wollte, habe ich das Buch gekauft.

Jedem Musikinteressierten ist er schon über den Weg gelaufen dieser Neil Young und viele finden nicht so richtig den Zugang zu dem Mann mit der nasalen Stimme, der Band mit dem kunstlosen Geschrammel, wo andere ein kunstvolles instrumentales Wunderwerk abbrennen. Es kommt mir ein bisschen so vor, dass man ihn entweder hasst oder liebt, gleich Wagner oder Bob Dylan.

They all sound the same ruft jemand aus dem Publikum bevor das Konzert beginnt, ungemein schlagfertig tönt es It’s all one song zurück, eine kraftvolle Gitarre setzt ein. Nicht nur eine lustige Anekdote, die zu meiner Abizeit in meinem Freundeskreis zum geflügelten Wort wurde, sondern tatsächlich auch der Beginn des Konzertmitschnitts Year Of The Horse. Die Eier muss man erstmal haben, diese Kritik nicht nur spontan derart entwaffnend und selbstironisch zu kontern, sondern den Kritiker zum Conférencier seines eigenen Albums zu erheben.

dasbuchdervonneilyounggetoetenenEigentlich klingen alle Neil Young Songs gleich oder besser, es gibt nur zwei Arten des Neil Young Songs: den mit Akustikgitarre, nach Belieben noch Mundharmonika, vorgetragenen und den mit Rockband. Einer zog nun aber aus, uns eines Besseren zu belehren. Navid Kermani ist nicht nur Schriftsteller, sondern eigentlich (vor allem? so scheint mir) auch Religionswissenschaftler, zu Beginn des Buches aber auch Vater geworden und seine Tochter leidet unter 3-Monats-Koliken. Nicht zu beruhigen, lässt Kermani erst für sich, später auch für seine Tochter Neil Young laufen (nicht zur Apotheke, sondern seine Musik) und seine Stimme, seine Lieder sind das einzige, das sie zu beruhigen weiß.

Dies bildet den Rahmen für ein außergewöhnliches Buch! Tatsächlich kein reines Musik-, sondern auch ein Lebensbuch. Der Anfang kam mir zum Teil etwas beschwerlich daher, aber Kermani schreibt sehr einfühlsam und dadurch zeigt er, auch wenn er immer wieder das Gegenteil beteuert, was für Ahnung er von Musik hat, denn, vielmehr als bei einem Buch, zählt hier nicht die Analyse der Struktur, das Knowhow in Bezug auf Harmonien – denn das alles hört man.

Wunderschön, wenn Kermani von seinen Interpretationen und Gedanken zu einzelnen Stücken berichtet, besonders, wenn diese, Spotify und YouTube sei Dank, noch in der besprochenen Version im Hintergrund erklingen. Last Trip To Tulsa, Sugar Mountain, Down By The River und Out On The Weekend, alles Stücke, die mich dank dieses Buches nach Portugal begleitet und mir unglaublich gut gefallen haben. Aber auch die Analyse zu Pocahontas und (besonders) Cortez The Killer sind nicht nur, politisch und zeitgeschichtlich, interessant, sondern brillant geschrieben und haben mir z.B.das vorher unerträglich Cortez zu einem besonderen Highlight werden lassen.

Kermani ist dabei nicht ein kritikloser Neil-Young-Jünger, sondern sich durchaus der Fehler seines Helden und dessen Band bewusst.

Selbst das Geschmacksempfinden gutwilliger Laien strapazieren diese Einspielungen von Down By The River und Cowgirl In The Sand, auf denen die Musiker ihre Fehlgriffe auch noch vernehmbar kommentieren, über das Erträgliche hinaus, für Hartgesottene sind sie grandios.

Genau dieses Gefühl der Hartgesottenen kenne ich nur zu gut, habe ich vor Jahren noch jeden Oasis Mitschnitt aufgesogen und besonderes Highlight waren Fehler, Ansagen und andere Kleinheiten, die das Live-Erlebnis so besonders machen, war auch die Qualität der Aufnahmen teilweise mehr als gewöhnungsbedürftig. Doch der Autor ist auch der Schwierigkeit der Vermittlung dieses Gefühls und der Liebe zu einer speziellen Musik bewusst (gerade bei Frauen):

Meine Tochter wird, wenn nicht weitere Wunder geschehen, nie zu ihrer frühen Leidenschaft für Neil Young zurückkehren, aber ich hoffe darauf, daß sie die meine nicht minder freundlich als die Frauen belächeln wird, die mich eine Wegstrecke begleitet haben […]. Keine von ihnen habe ich zu Neil Young bekehrt [also eigentlich doch ein Jünger – 54books], aber sie alle denken noch immer an mich, sooft sie ihn hören.

Alles in allem ein wunderbares Buch, dessen Lektüre jedem Musikinteressierten nur ans Herz gelegt werden kann, aber auch Betrachtungen über das Leben enthält, die berühren (zum Ende hin, habe ich sehr ausgiebig markiert!). Ich werde es wieder lesen und wieder Neil Youngs Musik dazu hören und ich muss, ich kann nicht anders, sagen, alle Stimmen auf dem Buchrücken hatten recht: Ein wunderbares Musik-, Mystik- und Lebensbuch und ein ästhetisches Wunder (Stuttgarter Zeitung).

Bock auf Neil Young?

Bock auf Cortez The Killer ohne Neil Young? (Die Neil Young Version ist in ihrer Kraft und Urwüchsigkeit durchaus einzigartig, Warren Haynes mit seiner Stimme und seinem Gitarrenspiel kitzelt aber nochmal ganz andere Emotionen heraus)

Unbedingt muss auch gesagt werden, dass es sich bei diesem Buch um ein ganz besonders schönes Taschenbuch handelt! Matter, irgendwas-farbiger (?) Einband, tolles, handliches Format und schöner Satz. Erinnert mich an Die kleine Bibliothek der Weltweisheit, in der ebenso schöne Bücher erschienen.

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Serien auf Englisch sind lustiger (Teil 1)

Es ist in letzter Zeit nicht nur modern, sondern vielmehr cool, fast obligatorisch, amerikanische Serien mit Originaltonspur zu sehen. Die Witze seien lustiger, die Synchronstimmen immer schlecht und der Genuss viel authentischer. In meiner Faulheit habe ich mich immer dagegen gewehrt, kann die Coolness (außer die, die in dem Beherrschen einer (Fremd-)Sprache liegt) nicht erkennen und störe mich in der Regel wenig an Stimmfarben und Intonation bei 20-minütigen Unterhaltungssendungen.
Grundsätzlich aber, und hier bekenne ich es öffentlich, ist es natürlich wirklich authentischer sich das Original zu Gemüte zu führen: das Bild in seinen Ausmaßen, Beschaffenheit und mit der Möglichkeit eines Perspektivwechsels im Museum und nicht nur bei der Bildersuche von Google anzusehen; das Konzert live zu erleben, vermittelt ganz andere Höreindrücke als das Ablaufenlassen der Konserve; die Lektüre des Textes wie er dem Autor aus der Feder floss ist ebenso authentischer – weil er eben das Original ist.

The Big Bang Theory, How I met your mother und Two and a half man sind sicher weit von einer Neuübersetzung entfernt. Klassiker der Weltliteratur dagegen genießen immer wieder diese Ehre.

Warum aber Neuübersetzungen? Bei dem von mir kürzlich besprochenen Südlich der Grenze, westlich der Sonne lag es beispielsweise auf der Hand. Die erste Übersetzung erfolgte anhand der Übersetzung, die vom Japanischen ins Englische vorgenommen wurde. Dass bei einer solchen Stille-Post-Methode viel der Sprachkunst des Autors verloren geht, zwangsläufig verloren gehen muss, liegt auf der Hand.

Jeder Neuübersetzung hat nicht nur die Chance die alten Übertragungen von Staub und heute nicht mehr genutzten Vokabeln, die uns vielleicht befremdlich vorkommen würden oder schlicht nicht passen, zu befreien; es besteht immer auch die Chance den Text, auch mit Hilfe neuerer Sprache, besser, wenn nicht besser, dann zumindest anders, wiederzugeben: die Melodie des Originals auch im Deutschen zu wahren, einzelne Wendungen mit Hilfe neuer Synonyme besser wiederzugeben und so Sprache und Stil des Autors, des Textes in seiner Ursprungsform zu erhalten.

Tolle Beispiele für die Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die beim Übersetzen bestehen können:

“Neu übersetzte Klassiker”: Alter Kunstwerkmeister, steh uns bei! | Feuilletion | FAZ
“Madame Bovary”: Die Freuden der Genauigkeit | Kultur | ZEIT ONLINE.

[…] ein weiterer Grund für den Erfolg von Neuübersetzungen: Es macht diebische Freude, sie mit den alten zu vergleichen.

Andreas Platthaus in der FAZ

Dazu kommen wir in Teil 2, wenn ich Moby-Dick gleich dreifach durchleuchten werde. Vielleicht erfahre ich dann auch endlich, ob ich Serien auf Englisch sehen muss.

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Kategorien wie gut und böse

Schon mal durch einen Buchladen gelaufen? Da gibt es Abteilungen/Regale, die meist logisch nach Oberbegriffen gegliedert sind. Taschenbücher, Hardcover – wer es ganz banal und global mag; Neuerscheinungen, Krimis, Sachbücher, Kochbücher, Humor usw. usf. etwas differenzierter.

Kategorien wie gute und schlechte Literatur existieren im Buchladen nicht. Natürlich wird aber auch nach der Bestsellerliste sortiert, denn was alle lesen, muss ja irgendwie gut sein, zumindest, wer will es dem Buchhändler verdenken, verkauft es sich. Mutige geben manchmal Empfehlungen, heben diese besonders heraus, schreiben gar ihr eigene Meinung auf Zettel und legen sie an die Bücherstapel. Weiterlesen Kategorien wie gut und böse

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