Kategorie: Rezensionen

Menschentraum: Natur. Über Sophie Steins Roman „Amanecer“

von Samuel Hamen

 

Der Wunsch ist klipp und klar: sich zu versichern, der „Käpt’n“ der eigenen Seele zu sein. In ihrem Romandebüt schickt Sophie Stein hierfür eine Studentin namens Aziza für ein Auslandsjahr nach Nivaria. Bereits hier wird klar, dass Amanecer ein Buch der Überschreitung sein möchte: Nivaria ist der historische Name für Teneriffa, der seit Jahrhunderten außer Gebrauch ist. Mit dem Flugzeug auf Nivaria zu landen ist also vor allem eins: ein Statement, dass sich Zeiten und Orte ineinanderschieben lassen.

Auf der Insel lernt Aziza über ihre WG einige junge Leute kennen. Während einer gemeinsamen Wanderung sprechen sie über Baumwesen und Geister. Bevor Aziza (und mit ihr der Leser) sich vorsehen kann, wird sie den Guanchamánes vorgestellt, einer Gesellschaft, die sich der „Pflanzenkunde“ und „Mythenlehre“ verschrieben hat. Ihr Ziel? „Eine Art universelle Suche nach Sinn und Spiritualität.“ Die Rede ist von der Natur der Dinge und den Dingen der Natur, unterfüttert von einer Entfremdungsdiagnose, wie auch Anti-Moderne sie gerne aufstellen: Wir leben im Hier und Jetzt das flache, das falsche Leben. Dabei liegt die wahre Erkenntnis doch, so die Guanchamánes, in der Natur und im Traum, bestenfalls also: im Traum einer Vereinigung mit der Natur.

Das Wissen der Sekte

Für Aziza, die ob ihres Alters und ihres unsicheren Gemüts anfällig ist für solche existenzerweiternden Angebote, ist es auch ein Versprechen: Wenn sie erst eine tiefere Bewusstseinsstufe erreicht hat, kann sie sich, so ihre Hoffnung, mit dem Verschwinden ihrer Schwester ebenso auseinandersetzen wie mit dem Aufwachsen bei einer psychisch kranken Mutter. Es sind die Guanchamánes, die ihr die Möglichkeit an die Hand geben, sich zu emanzipieren: „Vermutlich hat ein Teil von mir immer damit gerechnet, dass etwas in der Art passieren würde. Hat sogar darauf gewartet, dass es passiert. Dieser Teil von mir empfindet nun eine gewisse Erleichterung. Denn er hat dem Schein der Welt nie getraut.“

Amanecer ist in vielerlei Hinsicht zeitgenössisch. Stein spürt dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur nach. Ihre Figuren und ihre Sprache geben sich dabei dem Reiz der „Mythenlehre“ hin, die auf einer binären Weltanschauung fußt, wie sie typisch ist für abgeschottete Communities: hier das Intensive, dort das Laue, hier das Wissen, dort das Know-How, hier die Nähe, dort die Distanz, hier das Leben, dort der Tod.

Dass die Gegenwart angeblich herabgewirtschaftet und tot ist, ist im Augenblick ein beliebter und je nach Deklinationsweise ziemlich konservativer Topos der Literatur. Die Diagnose taucht im ultraromantischen Manifest ebenso auf wie in den Debüts von Simon Strauß und Pascal Richmann. Stein ist sich dieser problematischen Konstellation durchaus bewusst. Dass der Traum, in den die Sekte in einem Labor versetzt wird, sich für einige als Albtraum erweist, in dem sich Grenzen zwischen Wachheit und Sedierung auflösen, das ist für die Autorin womöglich eine Art Absicherung, um darauf hinzuweisen, was passiert, wenn man sich einer Lehre dogmatisch hingibt: Es gibt keinen Ausweg mehr aus dem eigenen Kopf. Der letzte Satz von Amanecer markiert in dem Sinne das Ende einer solch gefährlichen Versenkung: „Wach auf.“

Ein Roman ohne kohärente Linie

Aber so richtig nehme ich dem Roman diese Ideologiekritik nicht ab, die wohl dazu dienen soll, die Rückbesinnung auf traditionelle lokale Wissenskulturen, wie die Guanchamánes sie betreiben, ex negativo zu legitimieren. Dafür ist Steins Sprache zu grandios, zu affirmativ vis-à-vis den Wundern des echten Lebens, die Aziza auf knapp zweihundert Seiten endlich erfahren darf: „Der Wal ist so nah, dass wir die Furchen und Seepocken auf seiner steingrauen Haut erkennen können. Ich blicke in sein geöffnetes Maul, größer als ich selbst, und auf das Hornplattendickicht, das sich darin zu einem außerirdischen Grinsen verzieht. In diesem Augenblick ist alle Düsternis aus meinem Innern fortgespült. Mein Herz ist ein sonnengewärmter Stein, der sich knackend ausdehnt.“

Bei alledem nimmt sich Stein, die Romanistik, Philosophie und Indologie studiert hat, etliche Freiheiten abseits des gängigen belletristischen Realismus – das ist eigentlich eine begrüßenswerte Abweichung vom Standard, gerade für eine Debütantin. Der Mimetismus, das heißt: das Konzept, durch eine möglichst getreue lineare Beschreibung der Welt als Text deren Erfahrbarkeit zu wiederholen, ist im derzeitigen Mischmasch aus Fiktionen, Semi-Fakes und Pseudo-Wahrheiten, eh an sein Ende gelangt. Mit seinen gestalterischen Mitteln kann er jedenfalls dem, was gerade im Flow der Medien und Wirklichkeiten abgeht, nicht gerecht werden. „Chaotisch, fragmentarisch, an- und abschwellend, zugleich unzusammenhängend und untrennbar verbunden, weigert sich dieser Roman, die Illusion einer kohärenten Linie zu erschaffen und das Chaos zu glätten.“ So schreibt die 1995 geborene Stein auf literaturkritik.de über António Lobo Antunes’ Roman Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Damit hat sie ihr eigenes Programm eigentlich ziemlich gut umrissen.

Statt dann auch selbst gelungen anti-linear zu erzählen, verausgabt der Text sich in Bildern und Assoziationen. Was als Wildwuchsprosa gedacht ist, die abseits der abgetretenen Pfade nach allen Seiten hin ausschlägt, ist bei näherem Hinsehen vor allem dauerbenebelt in Anbetracht all der Adjektive und Metaphern, die sich aneinanderreihen lassen, um Azizas psychedelischer Wahrnehmung zu entsprechen. Durch die träumerische Entgrenzung, ein an sich interessantes Prinzip, um einen Text zu enthemmen, lässt sich in Amanecer sprachliche Hudelei so recht einfach als subjektivistische Opulenz ausgeben: „Die zarten Kämme der Dünung streichen luftig über den flachen Strand und lösen sich wie Kiemen schillernder Fische in Abendlicht auf. Ich muss mich mit dem Meer versöhnen, bevor ich gehe.“

Ein Insider-Text

Angetrieben wird Amanecer durch eine Ladung Naturphilosophie, ein wenig New-Age-Flair und ein bisschen Simulationstheorie, wie sie die Poststrukturalisten vor einigen Jahrzehnten vortrugen. Das führt aber nicht wirklich irgendwo hin, so interessant die Kombi auch ein mag, ergeben sich aus ihr doch dringliche Fragen danach, wie sich „terrestrisch leben“ (Bruno Latour) lässt, wie sich das Verhältnis des Menschen zur Erde neu denken und darstellen lässt. Aber vielleicht muss ein Roman, der sich der Immersion ins Naturhafte verschreibt, Tools wie Analyse, Selbst- und Diskurskritik größtenteils ausblenden, um an sein Ziel zu gelangen. In Amanecer gibt es jedenfalls keine überzeugende Instanz, die Natur-Kultur-Fantasien als das bezeichnet, was sie eben auch sein können: „unser kindisches Verlangen nach Rückkehr und Regress, der Zwang Raum und Zeit einzustülpen.“ (Eva Hayward)

Bis zuletzt fragte ich mich, zu welchem Zwecke denn nun alles dekonstruiert, mythisiert, verphilosophiert und renaturiert wird. Ist das ein ökologisches Manifest, gepaart mit einer Kritik in der Nachfolge der deutschen Romantik, die sich an einem Realismus stört, der es uns nicht erlaubt, die „wahren“ Probleme zu ahnen? Ist es ein feministisches Projekt, die „Geschichte der Vernunft“ (Hélène Cixous) hinter sich zu lassen, indem die Sprache intensiviert wird? („Ich bin vor seiner trübseligen Rationalität davongerannt, denn ich spreche diese Sprache nicht, ich fürchte mich vor ihrem dunklen Sog, in dem kein einziges Wort mehr seine ursprüngliche Bedeutung trägt, in dem ich mich nicht zurechtfinde.“) Oder ist es eine Abfuhr an jegliche Funktionalität – nichts als wuchernde Ästhetik, die vorführt, dass sich eine unbändige Welt nicht bändigen lässt, schon gar nicht in und durch Literatur?

Als Insider-Text, der er leider bis zum Schluss bleibt, kann sich Amencer dieser und anderer Fragen leichthin entledigen, indem er sich zuraunt, nach tieferen Regeln zu operieren – genau wie die Guanchamánes, die mehr wissen als der uneingeweihte Rest. Sicherlich kann man sich während des Lesens auch bedenkenlos der „Mythenlehre“ hingeben und dem Roman darüber zusätzliche Einsichten bzw. Genüsse abgewinnen. Aber jenen, die auch als Lesende Distanz als Gewinn, nicht als Verlust erachten, verwehrt Amanecer das, was er der Hauptfigur schenkt – die Möglichkeit einer Teilhabe: „Zurückgeblieben ist ein Gewirr aus kryptischen Symbolen, die mir nichts mehr sagen. Die Regenbogenzeichen haben aufgehört zu mir zu sprechen.“

 

 

Abkehr vom Mann – Pauline Harmanges „Ich hasse Männer“

von Christina Dongowski

 

Ich würde Moi les hommes, je les déteste (zu deutsch: Ich hasse Männer) von Pauline Harmange wahrscheinlich nicht kennen, hätte nicht ein Typ namens Ralph Zurmély das Verbot des Büchleins in Frankreich gefordert und den Verlag mit einer Strafe von 45.000 Euro bedroht. Auch wenn es den Anschein haben könnte, Ralph Zurmély ist nicht der klassische sexistische Kommentar-Typ aus dem Netz, mit dem sich jede Frau herumschlagen muss, die etwas äußert, das auch nur entfernt nach Feminismus klingt. Nein, Ralph Zurmély ist Referent im französischen Ministerium für die Gleichstellung von Mann und Frau. Weiterlesen

Kunstautonomie als rechtes Ideal – Von Neo Rauch bis Uwe Tellkamp

von Peter Hintz

 

Wie mit einem ekelerregenden, persönlichen Angriff auf die eigene publizistische Arbeit umgehen? Der neue, gerade bei Wagenbach erschienene Essay Feindbild werden des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich ist nicht nur Resümee seines Konflikts mit dem weltberühmten Leipziger Maler Neo Rauch, sondern zeigt, wie Ullrich im Modus der kunsttheoretischen Analyse wieder Distanz zu Rauch herstellen will. Rauch hatte letztes Jahr ein großformatiges Schmähporträt von Ullrich gemalt, das den ebenfalls in Leipzig lebenden Kritiker als sogenannten “Anbräuner” karikierte, der aus seinen Fäkalien Nazi-Vorwürfe auf eine Leinwand malt. Daraufhin wurde Ullrich zum Ziel rechter Blogs gemacht, die ihn nun mit einem digitalen Shitstorm überzogen, und zum Hohn versteigerte Rauch schließlich sein Gemälde auf einer großen Charityauktion. Weiterlesen

Vom Nutzen der wirklich langen Sicht – Das Handbuch für Zeitreisende von Kathrin Passig und Aleks Scholz

von Marie Isabel Matthews-Schlinzig

 

„Earth is our only time machine.“
Dana Levin

Es gibt viele Arten, in der Zeit zu reisen: Atmen Sie ein und aus und Schwupps – sind Sie ein wenig weiter in die Zukunft gerückt. Das Internet bietet ebenfalls Möglichkeiten, besonders schön: die ‘Erdkugel aus alter Zeit’. Diese zeigt Ihnen u.a. an, wie sie vor, sagen wir, 470 Millionen Jahren aussah, als sich die ersten Korallenriffe formten. Manche Zeitreise vollziehen Sie unfreiwillig: als Mutter etwa während der jüngsten Pandemie, die einen teils in die 50er Jahre zurückzuversetzen schien. Weiterlesen

Keine weiten Felder – Deniz Ohdes „Streulicht“

von Simon Sahner

 

Mit acht Schlägen auf die Bass Drum, die klingen wie das Wummern einer Maschine, beginnt der Song Iron Man der Band Black Sabbath. Dann fängt Ozzy Osbourne an, den Mann aus Stahl zu beschreiben: „Has he lost his mind, can he see or is he blind – nobody wants him, he just stares at the world.“ Der fünfzig Jahre alte Song passt (fast zu gut) in die Welt der Erzählerin aus Deniz Ohdes Debütroman Streulicht (Suhrkamp). Wenn das Album der britischen Heavy-Metal-Band am Abend im Partykeller bei ihrem Schulfreund Pikka in Dauerschleife läuft, muss sie an die schwieligen Hände ihres Vaters denken, der im nahen Industriepark arbeitet. Weiterlesen

Privilegien und Effekthascherei – Der Zeitgeistjournalismus des Magazins „Tempo“

von Simon Sahner

 

Ende des Jahres 2006 berichtete der Spiegel unter dem Titel Das Ich-ich-ich-Magazin über eine ungewöhnlich umfangreiche (fast 400 Seiten) Sonderausgabe des Magazins Tempo, das es zu diesem Zeitpunkt seit bereits zehn Jahren nicht mehr gab. Auf dem Cover dieser Sonderausgabe prangte ein Porträt von Kate Moss, auf dem sie mit laszivem Blick über die nackte Schulter in die Kamera schaut, eine Zigarette hängt zwischen den Lippen. Die langen Haare sind zerzaust. Der Titel kündigt an: “Endlich! Die Wahrheit”. Ich erinnere mich sehr genau an dieses Cover, zudem an eine kontrastreiche Fotostrecke von einem oberkörperfreien Lukas Podolski; außerdem an ein Bild, das über hunderttausend Zigaretten zeigte, die Helmut Schmidt in den letzten Jahren geraucht haben soll, und an eine aufsehenerregende Aktion, die zahlreiche Prominente hinters Licht führte. Weiterlesen

Leere Nostalgie – Die Serie ‚Berlin, Berlin‘ wird zum Film

von Charlotte Jahnz

 

Nostalgie ist ein Geschäft. Mit dem Erwachsenwerden einer Generation – und das heißt vor allem mit ihrem Liquidewerden – entsteht eine Industrie, die den Mitgliedern ihrer Generation die eigene Kindheit, verpackt als Retrowelle oder Remake, neu verkauft. Im vergangenen Jahr gingen viele Bands auf Tourneen mit Alben, die 15 Jahre alt waren. Und so fand ich mich letztes Jahr an einem heißen Junitag im schicksten Emo-Outfit auf einem sehr schlecht abgemischten Konzert von Taking Back Sunday wieder, in der Hoffnung noch einmal 15 sein zu können – es hat nicht funktioniert.

 Ein Berlin, Berlin Film ist in diesem Kontext ein naheliegendes Projekt. Denn Berlin, Berlin war in den 2000ern die deutsche Serie. 2004 wurde sie sogar mit einem International Emmy Award ausgezeichnet. Im Schnitt  sahen 16,6 Prozent aller 14- bis 29-jährigen Fernsehzuschauer*innen zu. Die Serie bot zu einer Zeit, in der alle noch lineares Fernsehen guckten, gerade für junge Frauen Rollenbilder, die innovativ waren. Eine Serienheldin, die „nicht nett” sein wollte, geradeheraus sagte, was sie dachte und alle Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens durchlebte.

Und nun ist Lolle Holzmann, die Heldin der Serie (2002-2005), zurück. 15 Jahre nachdem sie mit Sven, ihrem Cousin und vermeintlicher großer Liebe, in ein Flugzeug nach Australien stieg, steht sie vor dem Traualtar und ist kurz davor Hart zu ehelichen. Hart? Ja, Hart. Svens bester Freund und vor 15 Jahren Nachbar von Lolles WG. Er ist außerdem Vater des Kindes ihrer Mitbewohnerin Sarah und war damals so sehr friendzoned, dass man sich fragt, was in den letzten 15 Jahren passiert sein muss, dass diese Szene den Spielfilm eröffnet. Allein, der Film erklärt es nicht.

Man könnte es einen geschickten Schachzug nennen, dass der Film vieles aus der Serie unter den Tisch fallen lässt. Aber es ist erstaunlich, dass ein Film, der sein Entstehen offenkundig dem Kalkül auf eine spezifische (und gerade sehr lukrative) Form von Millennial- Nostalgie verdankt, abgesehen von ein paar Einblendungen von Originalszenen aus der Serie, so wenig Nostalgie zu bieten hat. Nach 15 Jahren fragt sich die Berlin, Berlin-Fangemeinde schon, was wohl aus den Protagonist*innen der Serie geworden ist. Steht Lenny noch im Comic-Buchladen oder hat er sich jetzt auf Graphic Novels spezialisiert? Verkauft Tuhan in seinem Imbiss jetzt fancy Bowls? Was wurde aus Fatman? Wurde die WG von einem Investor gekauft, der die gefühlten 150 Quadratmeter in ein Luxus-Loft inklusive Infinity Pool auf dem Dach umgebaut hat? Hat Lolle noch Kontakt zu ihren Ex-Freunden Moshe, Alex oder Felix?

Sie alle fehlen im Film, stattdessen tauchen neue Charaktere auf. Denn ohne weiblichen Sidekick für Lolle funktioniert Berlin, Berlin nicht. Eine solidarische Frauen-Freundschaft war auch immer Kern der Serie. Die Freundin wird im Film von Janina Uhse als Dana verkörpert. Dana ist jünger als Lolle und leistet zusammen mit ihr Sozialstunden in einer Schule ab. Ihre Figur gibt es wahrscheinlich, damit man den Film auch mit Menschen sehen kann, die zwischen 2002 und 2005 noch zu jung waren, um sich die ARD-Vorabendserie anzuschauen. Jetzt darf sich auch die Generation Y endlich einmal alt fühlen.

Damit bricht der Film mit dem, was sich die Fans der Serie wohl erhofft hatten. Sie sind mit Lolle „groß geworden“, nach dem Serienende 2005 sind sie älter geworden, jetzt in „gefestigteren Verhältnissen“ als es Lolle 2002 mit ihren Aushilfsjobs war und blicken mit Wehmut auf diese Zeit zurück. So geht es zumindest mir, die ich im Zuge des Films auch noch einmal die ersten Folgen der Serie geschaut und mit Entsetzen festgestellt habe, wie weit weg  sich das alles anfühlt. Es gab Klapphandys, der Berliner Hauptbahnhof war noch nicht eröffnet und meine feste Überzeugung, dass sich Mode seit Anfang der 2000er nicht geändert hat, wurde auf den Prüfstand gestellt. Dabei war das doch erst gestern, dass ich mit 14 vor dem Fernseher saß und mich aufregte, dass Lolle sich für Sven und nicht für Alex entscheidet. Wie erwachsen unsere Generation geworden ist, merkt man spätestens, wenn man von einer abgreiferischen Neuauflage einer Jugenderzählung bitter enttäuscht wird.

Das Netteste, das man über den Film sagen kann, ist, dass er belanglos ist. Die Story ist halbseiden, hat Plotlöcher und am Ende die magere Lektion, die schon die Serie immer wieder predigte: „Man braucht keine Männer, um glücklich zu sein.“ Dazwischen wird Lolle von Dana aus nicht plausiblen Gründen mit K.O.-Tropfen betäubt, aus ebenso nicht plausiblen Gründen ein Auto gestohlen und ein Crystal-Meth-Labor im „östlichen West-Harz“ entdeckt. Denn dort, im „östlichen West-Harz“, spielt der Film die meiste Zeit. Was ein wenig zu der Frage führt, warum man ihn nicht “Östlicher West-Harz, östlicher West-Harz – der Film” genannt hat.  Dort fackeln die Protagonistinnen ein Hippie-Dorf ab, während Hart und Sven auf der Suche nach Lolle Bekanntschaft mit einem Bären machen, der Svens Handy frisst. Auf der Suche nach Lolle stellen ihre „Herzensmänner” fest, dass sie, mit mittlerweile auch schon fast 50 Jahren, ganz schön alt geworden sind. Dann geht es, verfolgt von Crystal-Meth-Dealern und wütenden Hippies, irgendwie noch um Geld, bevor am Ende alle von dem unnötigen Roadtrip nach Berlin zurückgekehrt sind und alles wieder gut wird, aber genauso offen bleibt. 

Den einzigen Lichtblick bilden zwei weitere Bekannte aus der Serie. Rosalie, die statt Schauspielerin Gangsterbossin geworden ist, und der neurotische Harald, mittlerweile zum Hippietum konvertiert, sind beide noch genauso verquere Charaktere wie sie es in der Serie waren. Ansonsten bleibt zwischen umweltbewusstem Berlin-Mitte-E-Auto, einer Grafikagentur, die von bösen Amerikanern dann doch nicht gekauft wird und Lolles tickender biologischer Uhr nicht mehr viel Zeit für Tiefe. Tiefe steckt wenn überhaupt in der schwierig zu durchschauenden Story um Dana, deren – ACHTUNG SPOILER – Freund zuerst tot, dann doch nicht tot, dann doch wieder tot ist. Die inneren Kämpfe einer depressiven Frau, die sich für den Tod ihres Freundes und vieles andere verantwortlich fühlt, passen überhaupt nicht zur klamaukigen Atmosphäre des Films und so verunglückt der Schluss dann auch komplett.

Fast wünscht man sich sogar Lolles nervige Mutter zurück, die ihr passiv-aggressive Anweisungen für ihr Leben und – wenn sie schon dabei ist – auch für das Drehbuch dieses Films gibt. Aber auch bei Lolles Eltern ist es wie mit den allermeisten Charakteren aus der Serie in diesem Film: es ist als hätte es sie nie gegeben. Liebe Kulturindustrie, wenn ihr uns schon unsere Jugend zurückverkaufen wollt, dann gebt euch wenigstens mehr Mühe.

 

Photo by Randy Tarampi on Unsplash

Ohne Helm und ohne Gurt – Ulf Poschardts ‚Mündig‘

Ulf Poschardt ist für die deutsche Social-Media-Landschaft das Paradigma des unangreifbaren Trolls. Es gibt viele, die im Netz eine eitle und lächerliche Figur abgeben, es gibt viele mit einer Biografie voller krachender Misserfolge, die im Medienbetrieb dennoch unaufhaltsam aufsteigen, es gibt viele Mächtige und Reiche, die kompromisslos öffentlich Partei für die Reichen und Mächtigen ergreifen, aber niemand vereint dies alles wie »Drulf«.

Ulf Poschardt: Mündig

Selbstverständlich macht es das nicht zu einem unmoralischen Akt, seine Bücher zu lesen. Im Gegenteil ist es eine horizonterweiternde Erfahrung, sich tief in sein Denken hineinzubegeben, gerade wenn man ihn vor allem als Verfasser grammatikalisch mangelhafter Einzeiler kennt, in denen das Wort »Moral« ausschließlich pejorativ gebraucht wird.

Man muss davon ausgehen, dass Poschardt, der einer der paar mächtigsten Medienmenschen in Deutschland ist und seine Macht doch stets konsequent herunterspielt, sein Gehabe durch sein intellektuelles Gewicht legitimiert sieht. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Mündig (Klett-Cotta, 271 S.) gelesen, um die Rück- bzw. Innenseite des Twitterclowns Poschardt kennenzulernen, und ich habe es nicht bereut. (Am Rande bemerkenswert: Der Rücken des – sehr schönen – Buchs ist so gestaltet, dass man nach gängiger Konvention davon ausgehen müsste, hier habe jemand namens Mündig eine Biographie über Ulf Poschardt geschrieben. Honi soit qui mal y pense.)

Der Band ist eine lose Sammlung teils bereits veröffentlichter Texte, die Poschardt an die kantische Tradition des »Sapere aude« angeschlossen sehen will. In den schlaglichtartigen Betrachtungen auf locker bedruckten Seiten geht es der Reihe nach um Intellektuelle, Pädagogik, Demokratie, Konsum, Mediennutzung, Digitalisierung, Unternehmertum, Autorennen, Liberalismus, Partykultur, Linke, Männer, Frauen, Künstler*innen und Leben insgesamt. An diesen Themen möchte Poschardt aufzeigen, was Mündigkeit bedeutet, immer im Gegensatz zu einem angeblichen Zeitgeist, in dem (seit irgendwann zwischen 1980 und 1990) freiwillige Unmündigkeit gesellschaftlicher Trend sein soll.

Das Kapitel über Motorsport (130–141), das weitgehend vom Tod Ayrton Sennas 1994 handelt, darf dabei als Schlüssel gelten:

Natürlich ist es gut, dass […] niemand mehr tödlich verunglückt, aber der Formel 1 wurde damit ihre existenzielle Beglaubigung genommen, es mit der Fortschrittserzählung radikal ernst zu meinen. (138)

Poschardt, der sich gerne auf Heidegger bezieht und Senna fast zur Christusfigur hochstilisiert, sieht Mündigkeit in ihrer höchsten Ausprägung dort, wo man »in der Gefahr nicht umkommt, sondern in ihr das Rettende erkennt« (140). Sie ist für ihn letztlich eine gelebte Gesinnung: eine praktische Disposition zur Veränderungsbereitschaft, zur Offenheit, zum existenziellen Risiko, zur Erkenntnis- und Erlebnisfreude. Verschiedene Genusspraxen wie etwa exzessives Feiern und spontaner Sex (158–168), Skaten (143 ff.) oder das Wohnen in Lofts (93–97) gelten hierfür als paradigmatisch, vor allem aber das schnelle und riskante, aber souveräne Autofahren. Beständiges Raunen, das unverantwortliche Fahren als Inbegriff der Freiheit könnte im Zuge der angeblichen allgemeinen Bewegung hin zur Unmündigkeit verboten werden, ist ein Leitmotiv des Buchs und ergänzt sich gut mit den Autometaphern (v.a. »Drift«), die ebenso durchgehend die Sprache prägen.

Die Trennwand zum voluntaristischen Wahnsinn ist da natürlich dünn. Der Mündige, wie Poschardt ihn (und sich in ihm) imaginiert, ist jemand, der nicht nur kein idealer Verkehrsteilnehmer sein will (12), sondern der »aus Lust mehr riskieren« will als andere, »Panikmacher und Angsthasen« (18) verachtet und sich in der Verweigerung um der Verweigerung willen gefällt: »Ich glaube nicht, dass es eine Angst davor geben sollte, etwas nicht zu machen, von dem man glaubt, man müsse es machen« (17f.; nebenbei bemerkt kein Ruhmesblatt für das Lektorat bei Klett-Cotta, dass ein so ungeschlachter Satz durchgekommen ist). Die para-epikureischen Vorüberlegungen dazu, dass man sich aus Gründen der Genussoptimierung und »Abweichungsverstärkung« halt auch mal zurückhalten müsse, statt immer nur aufs Gas zu drücken (18), wirken wie eine nachträgliche verlegene Ergänzung, die zudem von Poschardts enthusiastischer Übernahme der Parole »Never lift«, die gerade dazu auffordert, niemals den Fuß vom Gas zu nehmen, am Schluss wieder konterkariert wird (254).

Im Deutschen gibt es kein Wort für »contrarianism«, was schade ist, weil dies einen wichtigen Zug von Poschardts Denken beschreibt. Er ist im Zweifel für und gegen alles. Er bringt Adorno mit der Inneren Führung der Bundeswehr zusammen (66ff.), lobt und kritisiert das klassische Preußentum, weil es irgendwie sowohl zur Mündig- als auch zur Unmündigmachung des Bürgers tendiert (45ff./253), oder teilt flammend gegen Bildungsungerechtigkeit aus, um genau an dem Punkt, wo er tatsächlich etwas über die traurige Realität des archaischen gliedrigen Schulsystems sagen müsste, zu einem Angriff auf die hessische Bildungspolitik nach 1970 überzugehen (57). Rassistische Antidemokrat*innen wie Ayn Rand und Peter Thiel sind für Poschardt ebenso positive intellektuelle Bezugspunkte wie der Antisemit Jean-Luc Godard, sogar noch nationalsozialistischer Black Metal hat seine kulturelle Berechtigung (231f.): »Schönheit ist wichtiger als die Moral, wenn es der freie Weg sein soll. Und alles kann schön sein« (255).

Das Stakkato von Popkulturphänomenen, auf die reflektiert wird, wirkt allerdings über weite Strecken merkwürdig angejahrt. Poschardt fällt schon online damit auf, deutsche Mentalitäten der Gegenwart hartnäckig an Kulturprodukten zu messen, von denen schon Mittdreißiger heute wenig bis nichts mehr wissen (z.B. die ZDF-Serie Diese Drombuschs). Auch in Mündig orientiert er sich gern an Phänomenen der 80er- und 90er-Jahre: Kirchentagsrhetorik, Holger Börner (178), Guido Westerwelle, Rennfahrer der Zeit vor Michael Schumacher, Marxistische Gruppe (174), Unser Lehrer Doktor Specht (58), Sex and the City, immer wieder Popmusik der frühen 80er. Bei aller zwangscoolen Aufgedrehtheit haben Poschardts Überlegungen daher etwas merkwürdig Antiquiertes (er selbst würde vielleicht das Wort »überholt« bevorzugen). Die Passagen, die sich dann geballt an Fernsehserien von 2011 oder Hip-Hop und Autowerbung von 2018 abarbeiten, wirken bemüht und haben etwas von Sichbeweisenwollen eines Gealterten.

Das Ziel der ganzen Übung der »Mündigwerdung« ist letztlich eine Form der Lebensführung, zu deren Beschreibung Poschardt im Schlusskapitel auf vier Seiten nicht bloß Kant, sondern gleich auch noch Xenophanes, Sokrates, Descartes, Wittgenstein, Camus, Popper, Jeffrey Young und Ignatius von Loyola mobilisiert (245–248). Hier wird keine Abhandlung geschrieben, hier wird »gedriftet«, zwischen Feuilletonismus und Unternehmensberater-Lingo (»VUCA-Welt«, 250). Es ist aber relativ einfach, auf den Punkt zu bringen, was den hier gefeierten und geforderten Lebensstil ausmacht: Er bietet Individuen die Möglichkeit, an eigenständig dosierten Unvernunfterfahrungen in radikal subjektiver Weise zu wachsen. Dabei gibt es prima facie keine moralischen oder ästhetischen Grenzen, alles ist erst einmal erlaubt oder kann zumindest ausnahmsweise einmal ausprobiert werden, sofern das in einem Rahmen von bedeutsamer Selbsterfahrung geschieht. Dies verteidigt Poschardt gegen einen imaginierten, protestantisch-grünen Megatrend hin zum Sichbeugen ins moralische Diktat, in dem die Subjekte die Möglichkeit, sich frei für die Vernunft zu entscheiden, mit der Kenntnis anderer Optionen aufgeben, also in eine selbstverschuldete spießige Unmündigkeit marschieren (und dafür das Auto, »das dynamische Etui des Einzelnen und seiner Freunde und Familie« stehen lassen, 13).

Dieser Blick auf die Conditio humana ist natürlich nur möglich, solange es nicht irgendwelche echten existenziellen Bedrohungen gibt, die von der Menschheit gemeinschaftlich bewältigt werden müssen. Das Bewusstsein bestimmt hier das Sein. Die Notwendigkeit etwa, die Zivilisation als solche je wieder in einem kollektiven Existenzkampf verteidigen zu müssen, wie es im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, kommt nicht vor. Das verwundert, da Poschardt doch die geistigen Wurzeln der Nachkriegs-BRD so wichtig scheinen und er sich immer wieder kompromisslos gegen die AfD stellt. Es erklärt aber, warum er keine Probleme damit hat, immer wieder mit hart rechten Intellektuellen zu kokettieren. Dabei ist er selbst alles andere als »rechts«, sondern tut über lange Strecken seine Bewunderung für ausgewählte Ausschnitte des linken theoretischen Erbes sowie insbesondere den Linksliberalismus der Bundesrepublik vor 1982 kund und plädiert für zahlreiche klassisch sozialdemokratische Politikziele.

Vor allem aber ist es für Poschardt denknotwendig, dass es keine tatsächliche existenzielle ökologische Bedrohung gibt, weil dies seine Wertehierarchie umstieße. Windkraftanlagen (die immerhin mehr als ein Fünftel des deutschen Stromverbrauchs decken) sind für ihn nur »großgewordene[] Kindergartenpropeller[]« (13) und die vermutlich unabwendbare Unbewohnbarwerdung der Erde durch die Klimakatastrophe taucht bei Poschardt nur im Konditional und als Zweitmotivation ohnehin wünschenswerter Veränderungen im Konsumverhalten auf. Als lebensbedrohliche Realität ist sie für ihn lediglich ein Popanz der Grünen, eine »Angstreligion« (251).

– Wenig ist so alt wie das politische Buch von vorletztem Monat. Poschardts Buch wurde sichtlich vor der Pandemie geschrieben, und etwa die Behauptung, in jeder Krise würde »als Erstes die Freiheit des Einzelnen problematisiert, um dann im nächsten Schritt die Entmündigung als wohlwollende Einschränkung der Freiheit vorzubereiten« (16) wirkt heute, da an jeder Ecke, ob nun von Spitzenpolitikern, reichen Zeitungsherausgebern oder kleinen Facebooknazis, gefordert wird, Einschränkungen der individuellen Freiheit aufzuheben, und wenn es noch so viele Todesopfer fordert, noch antiquierter und formelhafter als ohnehin schon.

Die zentrale Prämisse ist der schon mehrfach genannte angebliche regressive gesellschaftliche Zug hin zur freiwilligen Unmündigkeit, zur Staatsgläubigkeit und zum Paternalismus. Woher Poschardt diesen Befund genau nimmt, ist unklar; er wird nie hergeleitet, sondern von der ersten bis zur letzten Zeile vorausgesetzt. Möglicherweise hat er vor allem mit seinen persönlichen Geschmacksurteilen zu tun; böse gesagt: Wer als Werkzeug nur ein Gaspedal hat, sieht in jedem Problem ein Tempolimit. Ich halte Poschardts optimistische Prämissen ansonsten für genauso falsch wie seine gesellschaftspolitische Voraussetzung. Die westliche Zivilisation und die Menschheit als ganze sind beide akut bedroht und große Kraftanstrengungen zu ihrem Erhalt sind notwendig. Knappe Ressourcen, zuvörderst Zeit und das winzige verbliebene Klimagasbudget, müssen notwendigerweise prioritär für diese Anstrengungen eingesetzt werden.

Selbstverständlich stimmt es, dass eine Welt ohne Möglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung auch nicht mehr lebenswert wäre, aber Poschardts Implikation, dass bereits eine Welt, in der es nicht mehr möglich ist, aus freier Entscheidung mit einem benzingetriebenen Auto lebensgefährlich schnell zu fahren, so wenig lebenswert wäre, dass sie auch genauso gut gleich untergehen kann, ist nicht nur spleenig, sondern mindestens ebenso nihilistisch wie die transgressiven Kulturprodukte, die dieses Buch feiert. Die wenigen Augenblicke, die der Menschheit welthistorisch gesehen noch bleiben, sind sicherlich besser darauf verwendet, ihr Ende abzuwenden oder es (was wahrscheinlicher ist) zumindest etwas hinauszuschieben und palliativ auszugestalten, als zur persönlichen Sinnstiftung von 911er-Fahrern beizutragen.

Mündig ist ein Buch, das Fahrlässigkeit predigt. Das ändert jedoch nichts daran, dass es immerhin diskutabel ist, also: einen Beitrag darstellt und nicht etwa desinformiert. Die Ungenauigkeiten, die man darin findet (so impliziert Poschardt, die Idee der Presse als »vierter Gewalt«, die zu Balzac, Carlyle und Burke zurückreicht, sei irgendwie spezifisch für die Nachkriegsbundesrepublik, 102; seine Falschschreibung von Dirk Roßmanns Namen lässt erkennen, dass Poschardt weitgehend ohne Recherche aus dem Kopf schreibt, 123), sind im Vergleich zu anderen politischen Büchern, die ich in den letzten Jahren in Händen gehalten habe, harmlos; ich habe Poschardt insgesamt mit erheblich mehr Gewinn gelesen als etwa Richard David Precht oder Thea Dorn. Dass er einer essayistischen Tradition angehört, in der sich an Phänomenen abgearbeitet wird, denen man Allgemeinheit und Wirkmacht einfach unterstellt, ohne sie je mehr als anekdotisch zu belegen, wirkt heute, da man selbst zu komplexen Trendfragen mit drei, vier einfachen Google-Eingaben wenigstens empirische Anhaltspunkte gewinnen kann, veralteter denn je. Aber ihm als Einzelperson kann man nicht vorwerfen, dass er das alte Spiel weiterspielt.

Zum Schluss verdient die sprachliche Manieriertheit des Buchs noch ein paar Sätze. Der vielfach karikierte Poschardt-Stil enttäuscht auch im Buchformat nicht. Der unbedingte Wunsch, auf Teufel komm raus allem größtes Gewicht zu geben, wenn beispielsweise aus dem deutschen Finanzminister mal eben ein »Schatzkanzler« wird (151), paart sich mit dem unwiderstehlichen Willen zur überraschenden Phrase und bringt Blüten hervor, die sich selbst eine Poschardt-Parodie der TITANIC nicht trauen würde (vgl. Anhang). Poschardts »Drift«, im ganzen Buch die Leitmetapher für »mündiges« Denken und Leben, geschieht ganz buchstäblich stets kurz vor dem Abriss seiner eigenen intellektuellen Bodenhaftung.

Was aber vielleicht das Allerwichtigste ist: Das alles ist komisch, aber es ist nicht unfreiwillig komisch. Auch wenn Poschardt als Person im realen Leben ungeheuer steif und linkisch sein kann, weiß er doch zumindest als Schriftsteller um das Groteske seiner Pose, ja forciert es sogar, weil für ihn »die Existenz eben auch ein Karneval ist, das Denken eine Clownerie, das Schreiben ein Gezappel« (33). Da kann dann auch das Lehrer- und Predigerkind Poschardt über andere »Lehrer- und Pfarrerskinder[]« herziehen (106) – denn:

Darum geht es: lachend zur Witzfigur zu werden. (196)

qed 🤡

Anhang: Die zehn größten Quatschsätze in Mündig

  1. »Der Türsteher vergibt die Mündigkeitshouseaufgaben.« (161)
  2. »In rhizomatisch geführten Betrieben sind die unterschiedlichen Tentakel eben auch Wahrnehmungsassistenten.« (125)
  3. »Heideggers Dystopie von der Herrschaft des Gestells ist als eine Art infames Entlastungs-Spa mächtig geworden.« (12)
  4. »[Jürgen] Klopp weiß, dass er nur mehr eine Anti-Aging-Cremetube entfernt ist von seinem kulturellen Schatten.« (196)
  5. »Godard hat den Linksradikalismus als Bi-Turbo für seine Überlegungen stets missbraucht.« (37)
  6. »Je feiner es [das Fahrwerk des mündigen Intellektuellen] justiert ist, umso besser die Straßenlage in den Debatten und die Traktion aus den Argumentationskurven hinaus.« (32)
  7. »Im Nachtleben wären mehr Kontrollen tödlich, zumindest für den freien Geist des Nachtlebens, jene Mischung aus Balz, Bordeaux und Petting.« (160)
  8. »Das belegen Jay-Z und Dirk Rossmann, Dr. Dre und Nicola Leibinger.« (123)
  9. »Teile des Buches bestehen aus einer Consommé von Texten, die in der ›WELT-Gruppe‹ erschienen sind.« (4)
  10. »Pop ist jetzt staatstragend, geht ein und aus im Weißen Haus (reimt sich)« (223).

Beitragsbild (unverändert): Lothar Spurzem (CC BY-SA 2.0 de)

Okayfinden – Leif Randts ‚Allegro Pastell‘

In Leif Randts handlichem Roman Allegro Pastell (Kiepenheuer & Witsch, März 2020, 288 S.) passiert wenig und die äußere Handlung ist mehr oder minder die abgeschmackteste, die man sich vorstellen kann: Ein nicht mehr ganz junger Mann führt ein zufriedenes Leben und eine glückliche Beziehung zu einer etwas jüngeren Frau, dann treten Irritationen ein, die unter anderem dazu führen, dass sie einem anderen Mann und er einer anderen Frau (die er aus seiner Vergangenheit kennt) näherkommt, und Entscheidungen werden erforderlich. Aber: In diesem Buch geht es nicht um die Handlung, sondern um anderes. Es steht in einer großen und alten Tradition des Erzählens, die die Fährnisse von Paarbeziehungen nutzt, um aus ihnen heraus Allgemeineres zu beschreiben. Was ist dieses Allgemeinere bei Allegro Pastell?

Vielleicht lässt es sich so sagen: Wenn man jung ist, möchte man sich auf eine beeindruckende, aber unaufgeregte Weise von anderen abheben, sich zugleich eine unverwechselbare Identität schaffen und dabei vor allem keine Fehler machen, um nicht hinterrücks angreifbar zu werden. Wenn man älter wird, erkennt man, dass es im Leben noch anderes gibt, und dass es nicht schlimm sein muss, in gewissen Hinsichten langweilig, unspektakulär, nervös oder auch fehlerbehaftet zu sein. Es ist jedoch eine zumindest in gewissen Kreisen beliebte Vorstellung, dass es selbst in diesem abgeklärten Zustand (der häufig mit Erwachsensein gleichgesetzt wird) noch Kriterien gibt, an denen sich die Qualität einer Lebensform im Vergleich zu anderen entscheidet. Diese Kriterien müssen dann notwendigerweise sehr subtil sein, da ja gerade entschieden wurde, dass Langeweile, Verwechselbarkeit, handelsübliche persönliche Schwächen und Ähnliches nicht mehr die Maßstäbe sein können. Vom Aushandeln und Anwenden solcher Kriterien handelt Randts Buch. Es stellt von der ersten bis zur letzten Seite in erster Linie extrem nuanciert dar, wie bestimmte Menschen in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang über sich und übereinander urteilen, und das vor allem in ästhetischer Hinsicht.

Da mir zu Recht nachgesagt wird, dass die wenigen Rezensionen, die ich für 54books schreibe, immer zugleich die Verfasser*innen der Bücher als Personen in unzulässiger, höchst oberflächlicher Weise kritisieren, muss ich an dieser Stelle noch loswerden, dass ich von einem Autor, von dem es heißt, er lebe in Berlin sowie noch an einem zweiten Ort, und der auf offiziellen Fotos eine Baseballmütze trägt, ganz allgemein nur das Schlimmste erwartet habe und insbesondere nicht, dem skizzierten Projekt gerecht zu werden. Ganz im Gegenteil macht Randt seine Sache jedoch hervorragend. Ein so außerordentlich lesbares Buch, in dem es eigentlich um nichts geht, muss man erst einmal schreiben können. Doch zum Stil später mehr.

Die schwierige Sache mit dem Generationenbuch

Die ästhetische Grundoperation von Randts Figuren ist das Eigentlich-doch-ganz-okay-Finden, das von einem Hauch unaufdringlicher Kritik gefärbt ist. Die zugewandte, distanzierte, gleichschwebende Aufmerksamkeit, die sie sich selbst und einander widmen, immer im Bewusstsein eigener (leichter) Überlegenheit, hat etwas Therapeutisches, weswegen es nicht wunder nimmt, dass mehrere Personen im Buch Therapieerfahrung haben und eigentlich alle dazu neigen, wie Psychotherapeut*innen oder ihre Klient*innen zu reden, was im Text selbst reflektiert wird (94). Man könnte das Buch auf den simplen Nenner bringen: Einige westdeutsche Menschen im Jahre 2018 finden das meiste in sich und um sich herum eigentlich ganz okay, denken und reden in sehr reflektierter Weise darüber und erleben sich dabei ein ums andere Mal als lebenstauglich und stilsicher, gerade auch im Vergleich zu Dritten.

Es war wohl unvermeidlich, dass Randts Roman Generationenbuchcharakter zugesprochen wird. Nun ist es in Deutschland ohnehin schwierig geworden, als weißer, formal gebildeter Mensch unter 70 ein belletristisches Werk bei einem Verlag zu platzieren, das nicht irgendwie als Generationenbuch gelesen wird, aber Allegro Pastell hat es besonders dick abbekommen, denn die Hauptfiguren sind Tanja Arnheim (30), Berliner Autorin, die ihr erfolgreiches Romandebüt hinter sich hat, und Jerome Daimler, ein paar Jahre älter und selbstständiger Webdesigner. Die allen Generationenbuch-Verdikten zugrunde liegende falsche Gleichsetzung eines Milieus mit einer Generation bietet sich hier besonders an. Stellen wir uns vor, der kaum universeller zu denkende Plot um eine Fernbeziehung Maintal–Berlin und verschiedene Affären involvierte nicht zwei selbstbestimmt mediennah Tätige, sondern z.B. einen Verfahrenstechniker und eine Fachinformatikerin, jeweils festangestellt bei Sanofi bzw. der Telekom – viel repräsentativer für die jüngere deutsche Mittelschicht ginge es nicht, aber in Deutschland schreibt nun einmal niemand Romane über Fernbeziehungen zwischen Verfahrenstechnikern und Fachinformatikerinnen, hingegen rekrutieren sich Feuilleton und Literaturbetrieb aus auf Stilfragen fixierten Medienmenschen, wie sie diesen Roman bevölkern, weswegen verständlich ist, dass sie meinen, hier ginge es nicht bloß um sie, sondern um alle und alles. Dafür kann Randts Buch aber nichts, das nirgendwo einen universellen Anspruch auch nur impliziert. Dass er ein weiteres der vielen Bücher geschrieben hat, in dem es um Schriftsteller*innen geht, ist ihm nicht vorzuwerfen, und dass der Literaturbetrieb insgesamt es nicht schafft, einmal eine vergleichbar profilierte Neuerscheinung über das Leben von Thirtysomethings in repräsentativeren Lebenssituationen hervorzubringen, natürlich genauso wenig.

Alles eine Frage der Gestaltung

Worum geht es nun aber thematisch bei den feinen Unterschieden, die Arnheim und Daimler im allgemeinen Okayfinden dann doch machen? Was kennzeichnet das beschriebene Milieu außer einer Lebensform, die durch eine bestimmte Art ästhetischen Urteilens geprägt ist?

Da ist beispielsweise ein hochkompetenter, technisch perfektionierter Umgang mit Drogen, der durch das ganze Buch hindurch detailliert beschrieben wird, von Namen und Bruchrillen der verschiedenen Ecstasy-Tabletten, die per Smartphone-App identifiziert werden, bis hin zu Farbe und Modellbezeichnung des Vaporizers, mit dem Daimler »kleine Portionen verschiedener Hybridsorten« (112) Cannabis konsumiert. Im Gegensatz zum Klischee hergebrachter Popliteratur findet kein ostentatives Einordnen von Markenprodukten, Musik, Kultur und insbesondere überhaupt keine Ab- oder Aufwertung der Oberfläche der Konsumgesellschaft statt – mittelgutes asiatisches Essen in angejahrten Einkaufszentren oder Maultaschen im Speisewagen, selbstironisch Christ sein oder Hinduismus als Option zur Lebensgestaltung begreifen sind genauso einigermaßen in Ordnung wie Heiraten, mit 70 Datingapps benutzen, als nicht mehr junger Mensch hartnäckig einen »Melodic-Hardcore«-Lebensstil mit beginnendem Leberschaden (172) führen und alles andere auch. Die Charaktere beseelt ein Wille zur Offenheit, zum Gutfinden, dazu, »Freude nunmehr als eine stetige Option [zu] begreifen« (109). Dasselbe gilt für zwischenmenschliche Beziehungen, die in jeder Hinsicht (sexuelle Orientierung, emotionale Verbindlichkeit, Mono- oder Polygamie, Stellenwert von Sexualität überhaupt, Kinder haben oder nicht) Aushandlungs- und Gestaltungssache sind.

Implizit spricht daraus ein ums andere Mal, dass die Protagonisten sich als Menschen überlegen begreifen, die eine geringere Reflexionstiefe erreichen, nicht in der Lage sind, die Reize in ihrem Leben so sensibel auszutarieren und für die daher noch nicht alle Phänomene genauso »ungebrochen angenehm und entspannt, teils erlösend und schön, aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal« (212) geworden sind, wie es etwa Sex für Daimler ist. Natürlich ist dieser Zustand nur auf dem Gipfel eines imposanten Berges aus Privilegien denkbar – Daimler wie Arnheim sind (insbesondere nach den Maßstäben ihres Milieus) körperlich sehr attraktive, sportliche, disziplinierte, intelligente und akademisch gebildete Menschen, deren Biographie keine Probleme aufweist, die ihre alltägliche Lebensführung materiell beeinträchtigen könnten, und deren Zukunft keine solchen erwarten lässt.

Was daher ebenfalls nicht in diesem Buch vorkommt, sind irgendwelche Geldsorgen, und alles andere würde auch das Konzept durchkreuzen. Soweit Finanzen überhaupt ein Thema sind, ist durch eine Balance zwischen ganz ordentlichem Einkommen aus selbstbestimmter, kreativer Tätigkeit, Absicherung durch reiche Eltern und selbstverständlichen Verzicht auf größere Ausgaben (wie etwa ein eigenes Auto) die Sicherheit gegeben, dass schon nichts passieren wird. Dies ist in der Tat die milieutypische, ja das geschilderte Milieu erst ermöglichende materielle Situation und zudem etwas, was in der Presse fortwährend als angebliches Generationenthema verhandelt wird. In Wirklichkeit ist das Erlangen und Behalten finanzieller Sicherheit für die Mehrheit der jüngeren erwerbsfähigen Deutschen natürlich eine der wichtigsten, wenn nicht überhaupt die wichtigste Lebenspriorität: Sämtliche einschlägigen Studien legen nahe, dass zwischen 60 und über 90 Prozent der Menschen in Arnheims und Daimlers Altersgruppe hierzulande großen Wert auf einen gesicherten Arbeitsplatz legen. Die junge »Generation«, der es »zu gut geht« und die daher Zerstreuung, existenzielle Herausforderungen oder Ähnliches sucht, existiert nicht als Generation (soweit Generationen überhaupt existieren, was die Sozialwissenschaft heutzutage mehrheitlich eher verneint). Sie ist lediglich ein Nischenmilieu, und es ist Randt zugute zu halten, dass seine Figuren niemals den Ausbruch suchen, weil ihnen bei aller Privilegiertheit doch sehr klar ist, wie gut es ihnen geht.

Keine Angst vor Adjektiven

Der Stil des Buchs ist das genaue Pendant zu seinem Inhalt: geschult am klassischen bürgerlichen Roman und in gewisser Hinsicht völlig konventionell, aber höchst ausgereift und vielfältig gebrochen. Das beginnt mit einem Einsatz englischer Vokabeln, der so übertrieben ist, dass er wie eine schiefe Anspielung auf die 80er-Jahre anmutet, in denen man deutschen Yuppies herablassend unterstellte, Ausdrücke wie »jetzt ist die Crew endlich komplett in der Location« zu benutzen. Wenn man bei Randt selbst durchaus noch einen »Vater«  hat, ist das korrekte Wort für einen Mann mit Kind im eigenen Alter »Dad«, alles ist »cute«, und »gebounct« wird auch. Die Beschreibungen sind stets dicht, präzise und wertfrei, und glücklicherweise ist nichts von der pathologischen Abneigung gegen Adjektive zu merken, die den deutschen Literaturbetrieb in weiten Teilen immer noch peinigt. Dabei transportieren die Adjektive stets Information, genauso wie die Dialoge, die die Großspurigkeit ebenso wie die Trivialität der Alltagskommunikation junger Akademiker*innen perfekt einfangen und dabei nie aufgesetzt oder unrealistisch wirken. Man kann es kaum hoch genug hängen, dass hier ein deutscher Roman vorliegt, in dem wirklich alle Dialoge gelungen sind und man niemals den Eindruck hat, hier würde nolens volens fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen geschrieben. (Sämtliche wörtliche Rede ist in diesem Buch übrigens, obwohl in Anführungszeichen stehend, kursiv gesetzt, was überraschenderweise nachhaltig irritiert.) Leise Ironie gegenüber den Charakteren zeigt sich bei den wenigen Unsinnsaussagen, die sie tätigen (wenn etwa Daimler Peter Handke zum Schweizer erklärt, 212) – fast wünscht man sich, Randt hätte darauf verzichtet zu demonstrieren, dass er dann doch noch eine Stufe höher steht als die eigenen Figuren.

Man muss das Konzept des Buchs nicht mögen, man kann es wahlweise statt als bloße Deskription auch als Anklage oder Bauchpinselung des beschriebenen Milieus lesen. Sicher lassen sich gesellschaftskritische Spitzen aus Allegro Pastell ableiten, lässt sich zeigen, dass das politische Bewusstsein der Protagonist*innen lachhaft unterentwickelt ist – wenn zum Beispiel Daimler über die gesellschaftsermöglichende Funktion von Antifaschismus reflektiert, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, ob er hierzu eigentlich beiträgt (83f.); oder wenn Arnheim vermutet, dass »die meisten in ihrem Umfeld sich eine globale Diktatur westlicher Wissenschaft wünschten, regional repräsentiert von Frauen, die viele Sprachen beherrschten und auf eine mütterliche Weise sympathisch aussahen« (222). Aber diese wenigen Momente sind nur eine Dreingabe aufs Dahinplätschern der glücksbewussten und lebenskompetenten Haupterzählung. Die Lektüre des Buchs lohnt sich so oder so bereits aufgrund der Qualität der Prosa. Tun Sie mir aber einen Gefallen und verzichten Sie darauf, wie Doris Akrap oder Ijoma Mangold zu glauben, es würde hier irgendeine Allgemeinaussage über »die deutsche Mittelklasse« oder eine ganze Generation oder gar Deutschland insgesamt gemacht. Das tut dieser Roman nicht und auch kein anderer.