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Kategorie: Manus Rezensionen

Der Kaufmann von Venedig

I.

Antonio steckt in der Kleme. Sein bester Freund Bassanio will um die Hand der Portia anhalten, einer Adligen  und Erbin reicher Besitztümer; die Liebeswerbung sprengt schon früh den Geldbeutel des jungen Venezianers. Antonio sieht sich in der Pflicht, dem geliebten Freund zu helfen, und nimmt selber Schulden beim jüdischen Verleiher Shylock auf sich. Noch ist der Kaufmann aus Venedig unbekümmert, erwartet er doch reich beladene Handelsschiffe, die alsbald in die Lagunenstadt einlaufen sollen.

Shylock, von den antisemitischen Anfeindungen der Venezianer verbittert, lässt sich auf den Schuldenhandel ein, weil er aber all seinen Hass und Gram auf Antonio projeziert, setzt er ein Schriftstück auf, dass Shylock im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners berechtigt, Antonio ein Pfund Fleisch vom Leib zu schneiden. Noch arglos geht Antonio auf diesen Handel ein.

Es kommt, wie es kommen muss: Schiffe verschollen, Geld bei Freier Bassanio, Antonio hart am Ruin, und Shylock fordert die Einhaltung des Vertrages.

In einer turbulenten Gerichtsverhandlung pocht der Jude auf sein Recht; denn Recht ist  etwas, was ihm in den Jahren in Venedig viel zu selten zuteil wurde. Er besteht darauf, Antonio „das Pfund Fleisch aus der Brust herauszuschneiden“ und hält bereits Messer und Waage feil; der Advokat Balthasar wird beauftragt, über den bestehenden Fall zu Urteilen.

Zunächst sieht sich Shylock triumphierend und fordert vehement die martialische Tat, doch Balthasar (der bald als verkleidete Portia erkannt werden wird) wird unmissverständlich „Denn weil du auf das Recht pochst, sollst du Recht bekommen, mehr als du begehrst“. Shylock  habe vertragsgemäß Anspruch auf das Pfund Fleisch, doch darf er keinen Tropfen Blut dabei vergießen. Tue er es doch, so sei er schuldig, Hand an einen Bürger Venedigs gelegt zu haben und würde zugleich zum Tode verurteilt, sein Besitz würde an die Stadt fallen. Und noch mehr: Das Gesetz besage gar, wenn ein Fremder einen Bürger Venedigs verletzen wolle oder nach dem Leben trachtet, sei die eine Hälfte seines Besitzes dem geschädigten Bürger, die andere dem Staat verfallen, noch bevor es zur Tat gekommen sei. Shylock wird der Ausweg zuteil, durch Gnade des Dogen zum Christentum zu konvertieren und seine Tochter an den Christen Lorenzo zu verheiraten; verarmt verlässt er daraufhin das Gericht.

Am Ende wird multibel geheiratet, und obendrein kommt auch noch Antonios verschollene Flotte an.

(Anmerkung: In der Inhaltsangabe wurde aus Gründen der Fokussierung bewußt auf das Portia-Bassanio-Gebalze und die weiteren Liebespaar-Subplots verzichtet-  hole ich gerne bei „LoveAndLit“ nach.)

II.

Soweit zur Synopsis, und noch ein Kommentar in eigener Sache. Ich als medizinisch gebildeter Nicht-Jurist kann fachlich gesehen wohl eher die operativen Handlungsvorhaben Shylocks professionell beurteilen als eine qualitative Rechtsanalyse liefern. Dennoch möchte ich meine eigenen Gedanken zu diesem Beispiel einer „Komödie“ in der Auffassung des elisabethanischen Zeitalters beisteuern.

Wer die Zusammenfassung liest, wird nicht umhin kommen, Herrn Shakespeare hier einen gepflegten Antisemitismus zu attestieren. Auf der einen Seite der Jude Shylock; als Vice-Figur (lasterhaft) ein absoluter Unsympath, der am Ende zurecht gebrochen und gedemütigt in die Wüste geschickt wird, kein Haus, kein Geld, keine Tochter sozusagen. Auf der anderen der vor Schwermut trotzende Antonio, dessen „Rolle auf der Weltenbühne eine Traurige“ ist und dessen Handeln die Freundesliebe ist, selbstlos bis ins Bein.

Shylock ist der BÖSE! Hätte man das gedacht? Wo doch der berühmteste Monolog (übrigens auch der einzige Text des Shylock, der die ihm zuteil gewordene lebenslange Ungerechtigkeit anprangert) ein Appell an alle Beteiligten ist:

-„Und was ist sein Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude  Hände? Organe? Körperteile? Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Genährt mit der selben Nahrung? Verwundet mit den selben Waffen? Den selben Krankheiten unterworfen, geheilt mit den selben Mitteln? Gekühlt und gewärmt durch den selben Winter und Sommer – so wie ein Christ?

Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns dann nicht rächen?“-

 Doch was ist das Böse an ihm? Er pocht auf sein (vertragliches) Recht. Als Summe seiner Enttäuschungen soll dieser Vertrag, den er vor dem hohen Gericht einfordert, im wahrsten Sinne „fleischliche“ Erfüllung erfahren. Und er glaubt an dieses Recht, da ihm anders „Gerechtigkeit“ nicht zu wiederfahren scheint.

 Balthazar: „Es ist so, ihr müsst eure Brust für sein Messer bereiten.“

Shylock:„JAA, seine Brust, nicht wahr, edler Richter. Ganz nah an seinem Herzen, dass sind genau die Worte!“

Schließlich wird der „schreckliche Jude“ mit seinen „archaischen und blutrünstigen“ Gelüsten, der selbst die „Gnade“

 -„die Gabe der Gnade wird nicht erzwungen, sie fällt vom Himmel wie ein sanfter Regen, zwiefach gesegnet. Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt. Sie thront in den Herzen von Königen, sie ist ein Attribut Gottes selbst, und irdische Macht zeigt sich dann der Gottes am Ähnlichsten, wenn Gnade die Gerechtigkeit mildert“-

als tugendhafte Milde vor dem Gesetzt ausschlägt (die mehr Wert zu sein scheint als die blinde Justitia), von eben jener blinden und gnadenlosen „Gerechtigkeit“ seiner Existenz, seines Glaubens und seiner Familie „beraubt“; er verlässt als gebrochener Mann die Bühne.  Der schwermütige Antonio, selbstlos, großmütig und treu dem Freund gegenüber, bleibt der diabolischen Rechtsgläubigkeit des rachsüchtigen Shylock stets kontrastiert überlegen.

 III.

Ein Buch/Stück, welches eher erstaunt! Statt eines von mir (ohne Kenntnis der Handlung) vermuteten Stücks prae-lessingscher Toleranzmahnung wird hier die Lehre transportiert, dass blindes Bestehen auf Verträge und die Härte des Gesetzes ohne Maß und Gnadenbegriff schnell diejenigen vernichten kann, die auf ihre bedingungslose Auslegung pochen.

In jüngster, sensibilisierter und reflektierter Theatergeschichte wird die Figur des Shylock übrigens sehr viel mitfühlender dargestellt, als dies zu Zeiten Shakespeares und der Jahrhunderte danach geschehen ist; schon Heinrich Heine weist auf die „menschliche Dimension der Figur Shylock“ hin. Auch scheint Shakespeare den Shylock, ähnlich dem Jago, nicht unbedingt als Verteuflung der Juden, sondern als Schlechtigkeitsfigur ansich konzipiert zu haben.

 PS.: Der berühmte Verteidigungsdialog ist, als Randbemerkung, kongenial im Film „Sein oder Nichtsein“ verwendet worden!

Manuel ist Arzt in einem nordhessischen Klinkum, Klaviervirtuose und bekennender Freund englischer Literatur.

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Richard Yates – Elf Arten der Einsamkeit

006610480-elf-arten-der-einsamkeitErfreut bin ich, dass nach langer Pause mal wieder eine Gastrezension von Manu hereingetrudelt ist. Mein Freund der sehr gute Jazzpianist schreibt über Richard Yates – Elf Arten der Einsamkeit:

Wie rezensiert man am besten eine Sammlung thematisch verwandter Kurzgeschichten?

Diese Frage zu beantworten, fiel mir zunächst nicht leicht. Ich habe mich entschieden, exemplarisch eine der „Elf Arten der Einsamkeit“ herauszupicken, um daran die Meisterschaft des Autoren Richard Yates abzuleiten.

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Die Kunst des Feldspiels

Manus zweite Rezension, die ich gerne erneut veröffentliche:

die-kunst-des-feldspiels_thumb.jpgHenry Skrimshander ist nicht aufzuhalten. Der hagere Junge mit dem Alles-Fangenden Arm, Werfer der präzisesten Bälle, ist das größte Talent, welches Mike Schwartz je gesehen hat – und er ist immerhin Captain der Baseballmannschaft des Westish College am Lake Michigan! Durch seinen Einfluss und sein Engagement wird Henry schnurstracks für Mannschaft und College rekrutiert – und nicht nur das: Er persönlich kümmert sich um den Neuling, trainiert ihn, motiviert ihn, formt aus ihm einen Modelathleten. Mike und Henry werden beste Freunde, unzertrennlich.

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Rezension: In einer Person von John Irving

Es ist mir eine Freude eine erste “Fremdrezension” veröffentlichen zu können. Im Gespräch mit einem Freund haben wir über John Irving gesprochen, den ich ihm nur wärmstens ans Herz legen konnte, was im Erwerb seines neusten Werkes gipfelte. Das Irving-Universum ist ein spezielles. Das sagt Manuel dazu:

4130mF3+EiLDie Laienbühne des – stets Frauenrollen spielenden- Großvaters und die Bücherei der für sein sexuelles Erwachen verantwortlichen Bibliothekarin Mrs. Frost – diese beiden Fixpunkte sind prägend für den 13jährigen William, der vaterlos und mit Sprachfehler im ländlichen Vermont der 50er Jahre aufwächst.
Mit dem smarten Stiefvater Richard, seiner besten Freundin Elaine, sein Schwarm und zugleich seine Nemesis Jacques Kittredge und dem „armen Tom“ erweitert der Erzähler, der sich alsbald als 70 jährige Version der Hauptfigur „outet“ (ein sehr wichtiges Wort in diesem Buch) sein Tableau an Story-tragenden Figuren.

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