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Kategorie: Verrisse

Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Die Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut des Literaturkritikers, daher müsse er alle Bücher, auch die schlechten komplett lesen, so oder so ähnlich sagte es Denis Scheck einmal, danach befragt, ob er alle von ihm besprochenen Bücher von der Spiegel Bestsellerliste auch wirklich lese. Sigrid Löffler ließ uns im Interview mit Mara wissen, dass es für sie ein “Kriterium des erstens Satzes, erweiterbar allenfalls auf das Kriterium der ersten Seite” gebe. “Da entscheidet sich, ob ein Buch etwas taugt, ob es sprachlich und gedanklich auf der Höhe ist und ob ich weiterlese. Missglückte Bücher lege ich beiseite, ohne sie zu Ende zu lesen. Das sind nicht wenige.”

Für meine Rezensententätigkeit möchte ich mir einen Mittelweg zum Credo machen. Im besten Fall würde ich alle Bücher komplett lesen, um sie fundiert zu loben oder zu schmähen. Die Geduld und Zeit eines Denis Scheck kann ich dafür aber leider nicht aufbringen. Viele Bücher kann man bereits aufgrund Sujet, Aufmachung und Anpreisung aussortieren, die kleine Zahl der Perlen, die mir hierdurch verloren geht, kann ich, erneut wegen Zeitmangel, verschmerzen, denn alles kann man sowieso nicht lesen und meine Auswahl ist sehr sicher geworden. Breche ich ein Buch allerdings ab, so schreibe ich das in die Besprechung, wenn es denn überhaupt besprochen wird. Besprechen kann ich dann nur das allgemein bekannt ist und soweit ich gelesen habe.

Ulrike-Draesner-Sieben-Sprünge-vom-Rande-der-Welt-CoverIn seltenen Fällen habe ich einem Verlag oder Autoren eine Besprechung zugesagt, hier nehme ich mir die Freiheit auch Negatives zu schreiben, denn sonst würde tatsächlich meine Glaubwürdigkeit verloren gehen, aber auch hier muss ein Abbruch möglich sein. Beim folgenden Buch hat mich Doro von imaginary friends angesprochen. Doro unterstützt kurzgesagt, man möge mich berichtigen falls so nicht richtig, Verlage und Autoren bei der Umsetzung neuer Formen des Storytelling. Für das Buch Sieben Sprünge vom Rand der Welt von Ulrike Draesner betreut Doro die “Metaebene” zum Buch, nämlich die Website dazu. Hier werden die Quellen und Hintergründe, sowie ein Essay zur Geschichte veröffentlicht, dem potenziellen Leser wird so Lust auf mehr , also das Buch, gemacht, dem Leser Beweggründe der Autorin und Entstehung des Buches geliefert. Prinzipiell ein interessanter Ansatz, weshalb ich zusagte.

Sieben Sprünge vom Rand der Welt ist eine Familiengeschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Simone Grolmann ist Jahrgang 1962 und so mit einem deutlichen zeitlichen Abstand vom Krieg geboren. Dennoch wirft die Geschichte ihres Vaters einen Schatten auf sie. Ihr Vater Eustachius Grolmann, wie Simone Professor für Verhaltensforschung, musste im Winter ’45 mit seiner Mutter und seinem behinderten Bruder durch den Breslauer Wald fliehen. Frau Grolmann macht nun die Erfahrung von Ängsten, die sich nicht rational erklären lassen (welche Ängste sind schon rational?), und führt sie zurück auf die Traumata des Vaters. Die Geschichte der Grolmanns wird im Verlauf verwoben mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Breslau vertriebenen Familie.

Ich packte aus, was ich eingekauft hatte, Ingwer-Honig-Bonbons, Handcreme für Gärtner, Sonnenblumenbrot.

So weit klingt alles nach einer dieser Papa/Opa-war-ein-Nazi/Opfer-Geschichten, die inzwischen in den deutschen Feuilletons so gescholtenen, die aber trotzdem bitte immer noch geschrieben und auch gelesen werden dürfen. Es ist der bekannte Versuch der Später-Geborenen durch das Schreiben die eigene Familien- und Kriegsgeschichte zu ergründen. Würde mein Großvater sich nicht weigern, hätte ich bereits die meine hinzugefügt: die Geschichte des rechtschaffenden Flakhelfers Willi Winterling (oder so ähnlich).

Ulrike Draesner ist eine mit Preisen dekorierte Autorin, schrieb Romane und ein Buch über Kleist, Joyce, Mann, prinzipiell also schonmal von den Einflüssen auf meiner Wellenlänge, ist Lyrikerin und als solche sogar in Reclams Großen Buch der deutschen Gedichte vertreten. Und trotzdem brauche ich drei Anläufe um über die ersten Seiten hinwegzukommen, bis heute bin ich nicht im Ansatz zum Kern der Geschichte vorgedrungen, denn dieses Buch ist für mich unlesbar.

Ich stand vor einem der Käfige, versuchte, ein sich ständig lösendes Pflaster (Sima, Brotschneiderin) besser an meinem Daumen zu befestigen.

Draesner schreibt wie eine Mischung aus Mittelstufenschülerin und Autorin der Schreibkurse vom Rücken der Fernsehzeitung. Eine solche Flut von hanebüchenen Adjektiven und Nonsense-Alltagsbeschreibungen habe ich lange nicht gelesen: “Grün wie die Grüffelowarze”, das Alter des Vaters wird mit “zweiundachtzigdreiviertel” angegeben (so zählt man, wenn man fünf ist, nicht ein fiktiver Verhaltensforscher mit Chancen auf den Nobelpreis), ebenso Wohnungsdetails wie “glitzerten die doppelt isoliernde Glasfront [!!] und die Metallgitter” oder “Eine Viertelstunde später erholte ich mich bei zweifach zu backendem Mürbteig”. Ständig werden in die ausufernde, langweilige Detailflut in Klammer noch mehr Einzelheiten hinzugefügt (dass das Sofa eine selbstgebaute, ausklappbare Lehne hat). “Der Mixer jaulte auf Stufe zwei (Höchstleistung)”. Die Beschreibung der Affen, an denen geforscht werden soll, erfolgt in äffischen Alliterationen: “Rudel, Rotte, Radau!” Wo soll das hinführen? Die Verhaltensforscherin mit den nichterklärbaren Traumata des Vaters ist mir bereits nach 30 Seiten so über, weil so unglaubwürdig, so geschwätzig, so adjektivüberladen und trotzdem so farblos, dass ich nicht bis Seite 50 kommen kann. Egal was noch kommen mag, ich habe nicht die Kraft, die Zeit und den Hang zur Selbstkasteiung bis dahin vorzudringen.

Da diese Materie schon so häufig Gegenstand von Veröffentlichungen war, braucht es schon Kunstfertigkeit und Güte um aus der Flut herauszustechen. Ob eine Homepage mit Quellen reicht? Von diesem Buch muss ich mich mit einem zweifach zu backendem Mürbeteig erholen und es nebenbei im Mixer auf Stufe 2 (Höchstleistung) zerkleinern. Ich hoffe meine Glaubwürdigkeit als Blogger hat darunter nicht zu leiden.

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Memo zweier Leben in Berlin

Foto: Norman Weiß
Foto: Norman Weiß

Eigentlich ist es müßig nun auch noch in eines dieser Hörner zu stoßen, von denen gestern bereits der Speichel von Biller, Weidermann, Mangold, Dath, Ungerer, Stahl, Bartels und Konsorten troff. Erster Stein des Anstoßes war wohl Florian Kesslers Kommentar in der ZEIT, in dem er monierte, dass nur Kinder der oberen Mittelschicht heutzutage die deutsche Gegenwartsliteratur bevölkern. Biller schließt sich, ohne sich direkt auf Kessler zu beziehen, an, “seit der Vertreibung der Juden” sei nur noch diese Mittelschicht der Literatur am Ruder, die nur Mittelschicht in der Literatur hervorbringe. Biller wiederum hat damit in den letzten 10 Tagen unzählige, oben verlinkte, Repliken provoziert. Erfreulicherweise nicht nur von älteren Damen und Herren des “Hoch-Feuilletons”, sondern z.B. auch von Sophie bei Literaturen.

Die Gegenwartsliteratur, könnte man die meisten kritischen Stimmen runterbrechen, beziehe sich immer nur auf die Aufarbeitung von Nazideutschland und der DDR. Die wirklich aktuellen, also gegenwärtigen Themen, würden gar nicht behandelt.

Zwangsläufiger Nebeneffekt dieser Diskussion ist das Ausrufen neuer Helden. Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel Endlich Kokain und seinen Autoren Joachim Lottmann als “mögliche Rettung der Gegenwartsliteratur”, Ijoma Mangold lobt Per Leo für die gekonnte Bearbeitung der “Standardsituation” Nazi-Opa und in der FAS von letzter Woche wurde u.a. der neue Roman Feridun Zaimoglus Isabel von Volker Weidermann derart empor gehoben, dass Norman und ich ihn, unabhängig von einander, erwarben.

Unter den Beispielen, die Weidermann nannte, war auch “Isabel” von Feridun Zaimoglu. Ein Buch, das “einem echt den Hut vom Kopf” fege, mit stakkatohafter, schneller und genauer Sprache. Weidermann nennt ihn den “repräsentativste[n] deutsche[n] Autor unserer Zeit. Unser[en] Thomas Mann.”

Norman Weiß zitiert Volker Weidermann

9783462046076Derartig angefixt suche ich also sofort meinen Bücherdealer auf. Hundert Seiten später kann ich sagen: deutsche Gegenwartsliteratur spielt – natürlich – in Berlin, aber nicht dort wo die Hippen aus der Werbebranche Smoothies schlürfen, sondern am Rand der Gesellschaft, die Ausgestoßenen der Generation Praktikum. Isabel titelgebende Protagonistin hat sich gerade von ihrem wohlhabenden Freund getrennt, ist ein etwas in die Jahre gekommenes Model und hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Essen der Wohlfahrt über Wasser. Sie streift durch die Stadt und trifft andere Versprengte, “Verrückte, aber nicht Verkommene”. Nach dem Selbstmord einer ihrer Freundinnen lernt sie deren Ex-Freund, einen Ex-Soldaten kennen und die Welt des desillusionierten Models trifft auf die des desillusionierten Legionärs.

Es tut mir leid Gegenwartsliteratur aber so wirst du nicht gerettet! Bereits die Geschichte, erscheint in ihrem die Hauptstadt-abseits-der-Hippster, abgedroschen und beliebig, als hätte es das nicht schon halb so oft wie den Nazi-Opa gegeben? Ein abgehalfteres Model und ein Soldat sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht werden, aber gerade auch nicht das Gegenteil genug um spannungsgeladene Reibung zu erzeugen. Model und Soldat sind uninspiriert und abgedroschen.

Die stakkatohafte, schnelle und genaue Sprache ist, gerade ohne packenden Inhalt, derart ermüdend, dass man bei Dialogen wie “Das ist ja schön. – Keine große Sache. – Aber eine Chance, sagte Isabel.” schnell an das Ende der Lektüre denkt. Kurze Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, mögen zu Beginn der Beschreibung (“Staub des Kosovo. Ödland. Schwelender Himmel.”) der Schilderung Zug verleihen, über Absätze schlägt der Effekt ins Gegenteil und am Ende der seitenlangen Ausführungen wird der Leser schlicht gelangweilt.

Man entschuldige dazu mein Brett vorm Kopf, aber die Anführungszeichen, der Volksmund nennt sie Gänsefüßchen, wurden erfunden, damit der Leser der wörtlichen Rede folgen kann, ein Service des Autors an den Leser. Aber auch egal, steht ja immer “sagte xyz” dahinter, selbst Fragen werden gesagt. Das erscheint zwar vordergründig, als kleinlich von mir, nur geben die folgenden drei Zeilen ein sehr deutliches Abbild der Monotonie derartig zerhackter Lektüre.

Wo wollen Sie hin?, sagte die Chefin.
Das hat hier keinen Sinn mehr, sagte Isabel.
Ich habe alles mitbekommen, sagte die Chefin zur Blinden, fast alles.

Prinzipiell kann ich der Vermittlung von Inhalten in klarer Sprache viel abgewinnen, nur möge der Autor bitte die Waage halten zwischen Protokoll und Erzähltext. Mitnichten muss man in überbordendem, blumigen Stil schreiben, um mich, wenn nicht zu begeistern, doch wenigstens zu überzeugen; aber das Memo zweier Leben in Berlin, langweilt mich; in Stil und Inhalt.

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“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

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Stoner von John Williams

Die Leute flippen ja förmlich aus. Ein Roman, dessen Qualität so außerordentlich ist, dass er alles überragt; einer der großartigstens Romane, die in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht wurden (The Dallas Morning News), ein vollkommener Roman (New York Times Book Review)- fehlt nur noch, dass jemand dieses Buch, das doch schon eben besagte fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, zum größten allerzeiten ausruft. So viel vorweg: ich werde das bestimmt nicht sein!

stoner cover dtv john williamsWilliam Stoner ist der einzige Sohn eines Bauern irgendwo in den Weiten der Farmen im Mittleren Westen der USA. Sein Vater schickt ihn auf die Universität, damit der Junge Agrarwirtschaft studieren kann. Als Einzelgänger schlägt er sich durch die ersten Semester, bis er durch Zufall seine Liebe zur Literatur entdeckt, besser eine Liebe zur Literatur entwickelt. Zurückhaltend und in allen Lebensbereichen passiv, kommt Stoner nur langsam voran und mausert sich doch über die Jahre zum Professor, findet eine Frau, kauft ein Haus, hat ein Kind und eine Affäre. Unglücklich verheiratet, Zank an der Universität mit seinem Vorgesetzen und immer wieder Versagensängste, das Verharren im Mittelmaß macht William Stoner sein Leben bis zum Ende nicht leicht.

Auf den ersten 100 Seiten ist mir der Protagonist in seiner Einfalt und seiner Behäbigkeit so unsympathisch, seine Entwicklung so stockend, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe das Buch abzubrechen, auch wenn auf manchen Seiten Potenzial durchschien. Auf Seite 115 dann aber:

Sloane besaß keine Familie, sodass sich nur Kollegen und einige Stadtleute an der schmalen Grube versammelten, um dem Priester ehrfürchtig, verlegen oder respektvoll zu lauschen. Und da keine Familie und niemand, der ihn liebte, um sein Dahinscheiden trauerte, war es Stoner allein, der weinte, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, als könnten seine Tränen die Einsamkeit dieses letzten Augenblicks lindern. Nur wusste er nicht, ob er um sich selbst weinte, um den Teil seiner Geschichte und Jugend, der mit dem Sarg in die Erde versank, oder um die arme, dürre Gestalt, die einmal jener Mann gewesen war, den er verehrt hatte.

“So wie Du das vorliest, klingt es kitschig“, sagt meine Madame am Telefon und sie hat Recht, das ist nah am Kitsch. Bricht dies aber aus einer Person heraus, die auf den letzten 114 Seiten recht tumb durch die Welt stolperte, rührt es auf angenehme Weise an; auch mich, dessen kann ich mich nicht erwehren. Später aber:

Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Klar eine Liebeserklärung an die Literatur, von einem bildungsfernen Bauernjungen, genau das was unser Bildungssystem (vom amerikanischen wollen wir gar nicht sprechen) nicht zu schaffen vermag, schafft er aus eigenen Stücken. Aber nun ist es klar, es ist Kitsch! Trotzdem vermag Stoner mich eine zeitlang zu packen. In der Mitte machte mir dieses Buch wirklich Spaß, lief am Ende aber wieder recht unspektakulär aus.

Mein Problem liegt gar nicht unbedingt dabei, dass Stoner schlecht wäre, denn das ist es nicht. Vielmehr liegen mir die überbordenden Lobpreisungen schwer im Magen. Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem dennoch die großen Dinge ihren Widerhall fanden: Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg, Liebe. Wenn man mit Widerhall meint, dass diese Dinge irgendwie vorkommen, mag das sein. Widerhall finden nach diesen Maßstäben auch Hunde, Kinder, Schule, Bücher, Shakespeare, Felder, Bauern, Schuhe und Kartoffeln. Verkauft mir jemand ein Buch unter der Prämisse, es sei der größte Verlust der letzten halben Dekade gewesen, dass es vergessen wurde, muss mehr kommen. Das hier ist gehobenes Mittelmaß mit Ausflügen in aphoristische Esoterik.

Einer der bedeutensten Romane aus Amerika (Stadtlichter Lüneburg!, tatsächlich bei dtv als Referenz angegeben) – ganz sicher nicht! Hätte man mir stattdessen das Buch mit den Worten “Ein nette, unterhaltende Lektüre” ans Herz gelegt, könnte ich ohne den Gram dieser Rezension zustimmen, denn es liest sich durchaus locker, packt mich, wie gesagt, tatsächlich in seiner Mitte und hat starke Stellen, die einen Bildungs- oder Entwicklungsroman ausmachen, aber eben nicht die, die ein Meisterwerk ausmachen. Aber auch wieder Stellen, die in ihrer Nutzlosigkeit inhaltsleere Phrasen wie diese produzieren:

In seinem dreiunvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.

Nein, sowas steht nicht in einem Meisterwerk, sowas steht bei Paula Coelho und Konsorten. Etwas mehr Demut beim Anpreisen so manch eines Werkes, bitte.

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Brandstatt von Anousch Mueller

Da es keine Liebe ist, wird alles sehr bemüht sein! Es wird ein einziger Krampf.

anousch mueller brandstatt1993 Die Protagonistin, die nach eigenen Angaben viele Züge der Autorin trägt, wächst in der ehemaligen DDR auf und fühlt sich in der Pubertät zu dem rätselhaften Jan Pajak hingezogen, der auf einem angeblich verfluchten Anwesen, eben der Brandstatt, lebt und vormals, unausgesprochen, der Liebhaber der Mutter war. Neben Gesprächen über das Reparieren von Fahrrädern und Taschenuhren und einer sich entwickelnden Obsession für den rätselhaften Mann, folgt die Entjungferung der Erzählerin und das Verschwinden eines Mädchens aus dem Dorf, für das der nun geliebte Jan verantwortlich gemacht wird und dieser flieht. Schnitt.

2009 Annie ist aus dem Dorf nach Berlin und verliert sich in der Großstadt, wie die Autorin in ihrer Geschichte. Man sieht förmlich wie die Dörflerin sich staunend dem Kaff durch den Ortswechsel allein enthoben fühlt, die immer bei der Nennung jeder Berliner Heimstatt das Viertel angeben muss. Als sie zurück nach Hause kommt, trägt sie extra den Rollkoffer, weil ihre Absätze schon den städtischen Besuch ankündigen. Dass die Zeiten, in denen alles aus, an und um Berlin per definitionem angesagt  und hipp sind, vorbei sind, scheint sich zu dem in der Stadt lebenden Dorfmädchen noch nicht rumgesprochen zu haben, dass man aus eigenen Neurosen durch einen Wohnortwechsel ausbrechen kann, ebenfalls nicht.

Statt Verliebtheit rumorte die Qual der Ungewissheit, ob nach dem letzten Fick jemals wieder ein Anruf folgen würde, der die erlösende Aussicht auf einen weiteren Coitus Infernale bot.

Dazu kommt die nun über den Leser hereinbrechende Obsession zu Leo, dem Weltmenschen und Intellektuellen, zu dem sich die kleine Bäuerin hingezogen fühlt. Wie Kaugummi zieht sich diese Abhängigkeit, die Beschreibung der Sex Szenen dagegen sind derartig gewollt, dass sie schlicht plump sind. Zeiten, in denen der Gebrauch der Wörter ficken und Schwanz ausreichte um zu schocken, amüsieren oder hinter dem Ofen vorzuholen, ja auch die sind, für Anousch Müller leider, vorbei.Stattdessen verliert sie sich in Belanglosigkeiten und dem Versuch modern zu schreiben, ihr Selbstmitleid langweilt. Nota bene: Jan taucht im Gewühl der Großstadt wieder auf und stellt das Leben von Annie auf den Kopf, aber das kann den Roman an dieser Stelle auch schon nicht mehr retten.

Die Zeit verstrich, zäh, dumpf, bleiern.

Und so geht auch die Lektüre voran. Die Geschichte bleibt belanglos, die Autorin zu bemüht, von angepriesener schöner, bildhafter Sprache ist außer der Beschreibung von Klischees nichts zu entdecken. Das Dorf scheint nicht nur im Kopf der Erzählerin, sondern auch der Autorin fest verankert zu sein. Lächerliches Namedropping (z.B. von Davidoff Cool Water!) runden den Erstlingsroman einer schwärmenden Fünftklässlerin ab. Ein belangloses Buch ohne Mehrwert!

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Nach meinem recht kritischen Beitrag zum Geschmack der Allgemeinheit geriet ich in einer Facebook-Gruppe von Buchbloggern in den berühmten Scheißsturm. In 228 Kommentaren brach das Unverständnis und die Ablehnung meiner Ansichten über mich herein und ohne das Ganze wieder aufzurollen – wir haben uns im Frieden getrennt und dazu haben Tobi und ich angeboten ein Buch ihrer Wahl zu lesen. Die Mehrheit war der Meinung ich solle mich doch mal an Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green versuchen.

Lieber hätte ich Ein Vampir zum Vernaschen oder die Saga vom Dunkelelf gelesen, um nach 150 Seiten sagen zu können: “Ich hatte recht”. Stattdessen nun also ein Buch, das 4,8 Sterne bei Amazon hat und alle sich von der FAZ bis zum KulturSpiegel einig sind: gutes Buch; meine Freundin hat es auch gemocht, was soll ich also tun? Lesen! Weiterlesen Das Schicksal ist ein mieser Verräter

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Junge rettet Freund aus Teich

Kein großer Stilist, ein solider, aber ein guter, ein sehr guter Geschichtenerzähler ist dieser Heinz Strunk und mit einem Humor gesegnet, der ihm nicht nur als Teil von Studio Braun und Fraktus einen Namen eingebracht hat, sondern auch als Autor des Bestsellers Fleisch ist mein Gemüse und der ebenfalls unterhaltsamen Die Zunge Europas oder Heinz Strunk in Afrika.

Immer handelte es sich um skurrile Geschichten, teils autobiographische Geschichten, mit einem Lacher pro Seite. Vergleichbar mit einem Tommy Jaud, Oliver Uschmann oder Hans Rath – nur besser geschrieben. Das neuste Werke nun also Junge rettet Freund aus Teich. Weiterlesen Junge rettet Freund aus Teich

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Abbruch

Eco_23736_MR1.inddNormalerweise bin ich ein Durchleser; will heißen, wenn ich das Buch erst einmal angefangen habe und es mir nicht gefällt, lese ich immer in der Hoffnung weiter, dass es besser wird und sobald ich eine solch hohe Seitenzahl passiert habe, dass es lächerlich wäre noch abzubrechen, ziehe ich es auch bis zum Schluss durch.u1_978-3-596-90444-0 Ich kann es nicht ertragen Bücher halb gelesen ins Regal zu stellen, immer quält mich das Gefühl, dass ich vielleicht zehn Seiten vor der einsetzenden Spannung abgebrochen habe.

Jedoch sollte mir meine Zeit eigentlich zu kostbar sein, um schlechte Bücher zu lesen (siehe Blog-Untertitel), also muss ich etwas konsequenter sein und auch mal sagen “Nein gefällt mir nicht, wird wahrscheinlich auch nicht besser”.

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Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Tilman Rammstedt war im ausgehenden letzten Jahrzehnt so etwas wie ein Shootingstar der jungen, deutschen Literaturszene; spätestens nach dem Ingeborg Bachmann-Preis und seinem “Kaiser von China”. Im Feuilleton war man sich einig: der Mann kann schreiben und ist lustig – schreibt skurrile Romane, die auch noch Kunst sind.
Mit diesen Vorschusslorbeeren ist Rammstedt nun bei mir mit “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” angetreten: Weiterlesen Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

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