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Kategorie: Verrisse

Louis Begley – Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe

Wenn es einen deutschsprachigen Schriftsteller gibt, für den es ausreichend Sekundärliteratur gibt, dann ist es Kafkas Franz. Zur Quasi-Primärquelle der Biographie von Max Brod gesellen sich die von Klaus Wagenbach, die gerade abschlossene dreibändige von Reiner Stach, an der sich inzwischen sicher alles messen lassen muss und viele weitere. Es gibt Kafka Handbücher (z.B. das zweibändige von Binder) und Interpretationshilfen für Schüler. Dazu kommen nicht zuletzt Essays von Adorno, Walter Benjamin, Camus und Canetti, Kundera, to name a few. In dieser illustren Reihe hob Louis Begley den Finger, denn auch er will was zu Franz schreiben.

cover.doDie Voraussetzung für die Notwendigkeit einer weiteren Studie sind hoch, denn wirklich neues wird, insbesondere solange der vollständige Nachlass Max Brods nicht gesichtet werden darf, für lange Zeit nicht zu erwarten sein. Begleys Text hat dazu noch das Pech im Jahr 2008 erschienen zu sein, also im selben, in dem auch der zweite Band der Stach-Biographie Die Jahre der Erkenntnis auf den Markt kam. In Ermangelung neuer Erkenntnisse hat sich Begley also dazu entschieden ein Buch zu schreiben, das bereits auf den ersten Seiten deutlich macht welche Intention der Autor verfolgt: dem riesigen Markt einen weiteren Titel des Mittelmaßes hinzuzufügen. Dazu ist das Ergebnis eines, das de facto keine Leserschaft finden dürfte. Für gänzliche Kafka-Novizen, die es aufgrund der Einheitsschulbildung im deutschsprachigen Raum kaum geben dürfte, vielleicht eine Spur zu viel, für Leser mit Vorbildung zwei Level zu niedrig. Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob das Buch gezielt für den amerikanischen Markt geschrieben wurde, das wiederum machte das Bedürfnis nach einer Übersetzung obsolet.

Aber selbst wenn Du, lieber Leser, ein solcher Fan bist, der einfach alles von oder über seinen Helden Kafka (Begley?) lesen möchte, muss ich Dir von Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe abraten, denn selbiges liest sich wie eine Quellensammlung, in der Begley nur die Überleitung zwischen den seitenlangen Zitaten geschrieben hat. Lesefluss ist so völlig ausgeschlossen und stattdessen regt sich leiser Groll auf den “Biographen”, ob seiner copy-paste-Methode und vor lauter eingerückten Stellen.

Willst Du einen Überblick über Kafka, lies doch einfach den ausführlichen Wikipedia-Artikel, möchtest Du tief einsteigen, wage Dich an Stach (der mir stellenweise zu schwülstig ist, aber vor dessen Mammutwerk man den Kopf neigen muss) oder wie wäre es damit: lies doch mal wieder Kafka!

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Alma Mahler-Werfel von Susanne Rode-Breymann

Das Interesse an Alma Mahler-Werfel ist ungebrochen und ihre vielfältige, fraglos schillernde Persönlichkeit noch nicht bis ins Letzte ausgeleuchtet. An der Ergründung ihres Lebens versucht sich nun auch Susanne Rode-Breymann, die Leiterin des Forschungszentrums für Musik und Gender.

9783406669620_largeBereits in der Einleitung gibt die Autorin zu bedenken, dass das vorherschende Bild von Alma Mahler-Werfel von deren eigener Selbstdarstellung gesprägt ist und bisherige Biographik arg an diesem orientiert. (Dabei verkennt sie aber bereits die kritische Distanz, die beispielsweise Oliver Hilmes in seinem Buch zu den Notaten Almas einnimmt.) Sie stützt sich vornehmlich auf “neue Forschungsergebnisse” und die Auswertung der Briefwechsel Alma mit Alban und Helene Berg, sowie den mit Arnold Schönberg. Im Vordergrund soll nun erstmalig auch das eigene künstlerische, besonders musikalische, Potenzial und Schaffen der als Alma Schindler geborenen Frau stehen und dies könnte tatsächlich einen neuen Blick auf deren Leben bieten.

Zweifellos war Alma Mahler-Werfel eine vielfältig begabte junge Frau. Ihre frühe eigene musikalisch-schöpferische Arbeit, die alsbald von ihrem ersten Mann Gustav Mahler unterdrückt wurde, oder auch das große Interesse für Literatur, Theater und Oper weit über den Zweck der Unterhaltung hinaus. Dies alles behandelt und analysiert Rode-Breymann eingehend und fundiert. Die Listen der Lektüre Almas und ihrer Opernbesuche regen dann aber gleich dreimal auf den ersten hundert Seiten zum Überblättern an, hätten dagegen gut in einen Appendix gepasst, der leider auch eine Übersicht zu Almas eigenen Arbeiten vermissen lässt. Die Auseinandersetzung mit dem frühen Schaffen der Muse gelingt gut und zeigt deutlich welches Potenzial Gustav Mahler erstickte. Warum dann aber z.B. die Frage, ob Alma hysterische Anfälle hatte, mit einem kratzbürstigem Furor und nicht sachlich abgehandelt wird, muss Geheimnis der Autorin bleiben.

Eine kreative Ekstase bei Frauen? Nein. Bei ihnen gibt es, so sind immer noch viele (Männer) überzeugt, nur das hysterisch Übersteigerte. Das Bild der wahnhaften, hysterischen Frau, deren in solcher Verfassung komponierte Lieder nicht der Rede wert sind, ganz im Gegensatz zu dem Bild des genialen Romantikers, dessen Lieder uns höchsten Respekt abnötigen …

Solche Ausbrüche, und sie kommen mehrmals vor, deuten in meinen Augen auf mangelnden wissenschaftlichen Ernst und fehlendes gutes Benehmen den Kollegen gegenüber hin, die Botschaft dieser Zeilen sind sicherlich auch sachlich vorzubringen. Schon früh entsteht dazu eine Unwucht in der Biographie: Neben ausufernden Kollegenschelten, die eine Fehlgeburt für die schlechte Stimmung Almas während eines New York Aufenthalts übersehen haben (was als Hinweis richtig ist), wird diese selbst gleichsam in einem Nebensatz abgetan. Der Tod der Tochter wird auf einer halben Seite durchgehechelt die diversen Ausstattungen und Bühnenbilder von Opern im Anschluss dagegen auf zwei. Zuweilen scheint es als tauchten Kinder auf, deren Erscheinen doch zumindest eine Zeugung und 9-monatige Schwangerschaft vorausgehen müsste. Die tatsächlich, vor allem von Seiten Kokoschkas, wahnhafte Liebe mit dem jungen Maler, insbesondere dessen daraus resultierendes Werk ist zu knapp behandelt. Die “Windbraut” wird genannt, der Bezug zu Alma dagegen nicht wirklich klar. Die besonders enge Beziehung zur Familie Berg wird ausufernd beschrieben, die Geste Bergs sein Violinkonzert “Dem Andenken eines Engels”, nämlich der verstorbenen Tochter Almas Manon Gropius zu widmen, taucht nur am Rande und viel später auf. Der Verkauf von Handschriften Bruckners wird angesprochen, hier gab es sogar Verhandlungen mit höchsten Vertreten des Dritten Reichs, dass Bruckner aber Mahlers Lehrer war, wird nie erwähnt, ein Bezug fehlt so völlig. Der starke Antisemitismus Almas trotz des Judentums von Mahler und Werfel wird ebenfalls eher verschwiegen als ernsthaft besprochen, die dramatische Flucht in die USA über die Pyrenäen zusammen mit Heinrich und Golo Mann, mit Franz Werfel in desolatem Gesundheitszustand und einer stets betrunkenen Nelly Mann, die wohl nur aufgrund der Tapferkeit und des Willen Almas gelingen konnte, eine Randnotiz.

Sollte also tatsächlich nur das eigene Werk Alma Mahler-Werfels erörtert werden, hätte aus musikalischer Sicht bei Beginn der ersten Ehe das Buch beendet sein müssen. Die eigene schriftstellerische Arbeit folgte erst sehr viel später, auf diese eigene, nicht nur verwalterische, Arbeit wird aber nur sehr knapp eingegangen. Die Schwerpunktsetzung der gesamten Biographie ist misslungen.

Damit scheitert auch das Vorhaben Rode-Breymanns Alma aus der Ecke der zwar als Femme fatale bekannten Inspiration großer Künstler herauszurücken. Sie selbst untertitelt ihre Buch ja dann doch wieder mit Muse – Gattin – Witwe und stellt so den singulären Bezug auf die großen Männer her. Die mangelnde Schwerpunktsetzung wird auch in der Chronologie deutlich: auf Seite 180 von 300 ist Mahler immer noch nicht tot, Alma gerade erstmal Anfang dreizig, auf den letzten 50 Seiten hat Alma noch Jahrzehnte zu leben. Der Leser hängt in der Luft, was wollte Rode-Breymann? Eine Studie über die junge Alma und ihre Leistungen? Das Leben Almas bis zu ihrer Ehe mit Franz Werfel? Denn danach rauscht das gesamte Buch wie ein Sturzbach in sein kurzes Ende.

Eine weitere solide Biographie ist nicht zwingend unbrauchbar, aber Neues kann die Autorin dem Alma Bild nur bedingt hinzufügen. Die Bearbeitung von Rode-Breymann ist außerdem für Einsteiger ohne Vorwissen nicht geeignet. Hier eignet sich die Biographie Witwe im Wahn von Oliver Hilmes besser, die ein umfassendes Bild von Personen und Zeit liefert.

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Provokateure – Martin Walker

Bereits die dritte Rezension zu einem Bruno Krimi von Martin Walker, es wird die dritte, die nicht so richtig wohlwollend, aber auch nicht niederschmetternd für den in Washington und im Périgord lebenden Schotten wird.

Für die tl;dr-Fraktion, ich bleibe meinem Urteil der letzten beiden Besprechungen treu:

Walker ist kein großer Stilist und die Reminiszenzen an die vorherigen  Bücher und die Vorgeschichten der Personen sind, zum Teil etwas zu sehr mit dem Holzhammer eingefügt worden. Aber darum geht es bei einer solchen Lektüre auch nicht, sondern um leichte Unterhaltung im Sommer, die Lust auf den ersten/nächsten Urlaub im Perigord macht und einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

[“Wasser im Mund zusammenlaufen lassen” das habe ich geschrieben? Ich bin wohl in die Plattitüden-Schreibschule bei Martin Walker gegangen!]

Ingesamt will Walker zu viel und kann zu wenig. Es drängt sich leider das Gefühl auf, dass er mit Voranschreiten der Reihe schriftstellerisch und stilistisch eher abbaut, denn dazulernt. So war schon Femme Fatale arg konstruiert, Reiner Wein fehlt dazu noch die Spannung. Wenn man aber, so wie ich, mit niedrigen Erwartungen an die literarischen Qualitäten diese Bücher liest und nur auf leichte (diesmal fast seichte) Unterhaltung aus ist, wird man nicht enttäuscht.

978-3-257-06928-0Die Notizen, die ich mir während der Lektüre gemacht habe, enthalten wieder Hinweise auf alle Fehler, die Walker schon in den letzten Bänden gemacht hat. Bereits nach den ersten Seiten möchte man dem Autor zurufen sich nicht wieder zu viele zu heiße Themen auf einmal vorzunehmen: Islamismus, Dschihad und Anschläge in Europa – brandheiß! – zusammen einem Erzählstrang um die Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg in Frankreich – in der Kombination kaum zu händeln – und dann auch noch sexuelle Belästigung von Professoren an Universitäten, das ist doch mindestens ein Sujet zu viel! Und natürlich kann der Autor diesen Themen nicht in Gänze gerecht werden, die Auflösung um den übergriffigen Dozenten wird im Schnelldurchlauf abgehandelt und ebenso selbstverständlich lösen sich alle Probleme der Personen, der Region, ja des ganzen Landes zum Ende hin in Luft auf. Es fehlt insgesamt einfach an Struktur.

Der Stil Walkers macht aus diesem Buch dazu ein ziemlich schlechtes: er reiht Gemeinplatz an Gemeinplatz, wiederholt unablässig vor zwei Seiten Gesagtes und die Geschichte der Vorgängerbände. Wer seine fünf Sinne beisammen hat und auf Seite 300 noch nicht begriffen hat, dass Bruno Soldat war, kann wahrscheinlich gar nicht lesen (ACHTUNG: Dieses Buch enthält keine Bilder [außer auf Vorder- und Rückseite]!) Dazu kommt eine gewisse Vorhersehbarkeit auch für den ungeübten Krimileser, die nicht nur die Story an sich betrifft, sondern auch Details; ein Kampfmesser wird erwähnt [ohoh, denkt sich der Dorfpolizist, der doch aber Soldat war (!), hoffentlich muss ich das nicht einsetzen, könnte er ja aber, weil er ja Soldat war (!!)] klar, dass das nochmal irgendwie verwendet wird [aber nicht im Nahkampf, was für Bruno, der Soldat im Bosnienkrieg war, aber kein Problem gewesen wäre].

Dabei sehe ich Walker förmlich vor mir: Der Mann liebt Frankreich und erarbeitet sich immer wieder historische Themen des Landes. So hatten wir natürlich schon den Algerienkrieg, Resistance, das Vichyregime (kam nicht auch der Krieg in Indochina irgendwie mal vor?) diese Themen kombiniert er mit Tagesaktuellem (Homoehe in Frankreich, die Gefahr von islamistischen Anschlägen) und pfeffert dazu noch weitere landestypische Dinge mit rein (Trüffel, Wein, Käse), die wahlweise in Gefahr sind oder zur Mordwaffe werden. Der Frankreichliebhaber, der Gourmet und Schwärmer wird es ihm verzeihen, der Liebhaber von guter Literatur nicht.

So und jetzt bitte sehr, möge man mir verraten warum ich auch den siebten Band dieser Reihe gelesen habe und den achten lesen werde! Irgendwas muss es ja haben. Ist es nur der Soap-Opera-Trick, möchte man immer nur wissen wie es mit den überzeichneten Figuren weitergeht? Normalerweise würde ich laut wehklagen und ein Schreibverbot für Martin Walker fordern, aber bitte Kerl schreib weiter (lass Dir vielleicht ein bisschen was bei Stil und Konstruktion helfen, nimm ein bisschen den Fuß vom Gemeinplätze-Gas und wiederhole Dich nicht ständig), ich bleib Dir treu – warum auch immer!

Wie soll man einem so schönen Buch böse sein?
Wie soll man einem so schönen Buch böse sein?
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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
“Fotze, Kacke, Scheiße”-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Die Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut des Literaturkritikers, daher müsse er alle Bücher, auch die schlechten komplett lesen, so oder so ähnlich sagte es Denis Scheck einmal, danach befragt, ob er alle von ihm besprochenen Bücher von der Spiegel Bestsellerliste auch wirklich lese. Sigrid Löffler ließ uns im Interview mit Mara wissen, dass es für sie ein “Kriterium des erstens Satzes, erweiterbar allenfalls auf das Kriterium der ersten Seite” gebe. “Da entscheidet sich, ob ein Buch etwas taugt, ob es sprachlich und gedanklich auf der Höhe ist und ob ich weiterlese. Missglückte Bücher lege ich beiseite, ohne sie zu Ende zu lesen. Das sind nicht wenige.”

Für meine Rezensententätigkeit möchte ich mir einen Mittelweg zum Credo machen. Im besten Fall würde ich alle Bücher komplett lesen, um sie fundiert zu loben oder zu schmähen. Die Geduld und Zeit eines Denis Scheck kann ich dafür aber leider nicht aufbringen. Viele Bücher kann man bereits aufgrund Sujet, Aufmachung und Anpreisung aussortieren, die kleine Zahl der Perlen, die mir hierdurch verloren geht, kann ich, erneut wegen Zeitmangel, verschmerzen, denn alles kann man sowieso nicht lesen und meine Auswahl ist sehr sicher geworden. Breche ich ein Buch allerdings ab, so schreibe ich das in die Besprechung, wenn es denn überhaupt besprochen wird. Besprechen kann ich dann nur das allgemein bekannt ist und soweit ich gelesen habe.

Ulrike-Draesner-Sieben-Sprünge-vom-Rande-der-Welt-CoverIn seltenen Fällen habe ich einem Verlag oder Autoren eine Besprechung zugesagt, hier nehme ich mir die Freiheit auch Negatives zu schreiben, denn sonst würde tatsächlich meine Glaubwürdigkeit verloren gehen, aber auch hier muss ein Abbruch möglich sein. Beim folgenden Buch hat mich Doro von imaginary friends angesprochen. Doro unterstützt kurzgesagt, man möge mich berichtigen falls so nicht richtig, Verlage und Autoren bei der Umsetzung neuer Formen des Storytelling. Für das Buch Sieben Sprünge vom Rand der Welt von Ulrike Draesner betreut Doro die “Metaebene” zum Buch, nämlich die Website dazu. Hier werden die Quellen und Hintergründe, sowie ein Essay zur Geschichte veröffentlicht, dem potenziellen Leser wird so Lust auf mehr , also das Buch, gemacht, dem Leser Beweggründe der Autorin und Entstehung des Buches geliefert. Prinzipiell ein interessanter Ansatz, weshalb ich zusagte.

Sieben Sprünge vom Rand der Welt ist eine Familiengeschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Simone Grolmann ist Jahrgang 1962 und so mit einem deutlichen zeitlichen Abstand vom Krieg geboren. Dennoch wirft die Geschichte ihres Vaters einen Schatten auf sie. Ihr Vater Eustachius Grolmann, wie Simone Professor für Verhaltensforschung, musste im Winter ’45 mit seiner Mutter und seinem behinderten Bruder durch den Breslauer Wald fliehen. Frau Grolmann macht nun die Erfahrung von Ängsten, die sich nicht rational erklären lassen (welche Ängste sind schon rational?), und führt sie zurück auf die Traumata des Vaters. Die Geschichte der Grolmanns wird im Verlauf verwoben mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Breslau vertriebenen Familie.

Ich packte aus, was ich eingekauft hatte, Ingwer-Honig-Bonbons, Handcreme für Gärtner, Sonnenblumenbrot.

So weit klingt alles nach einer dieser Papa/Opa-war-ein-Nazi/Opfer-Geschichten, die inzwischen in den deutschen Feuilletons so gescholtenen, die aber trotzdem bitte immer noch geschrieben und auch gelesen werden dürfen. Es ist der bekannte Versuch der Später-Geborenen durch das Schreiben die eigene Familien- und Kriegsgeschichte zu ergründen. Würde mein Großvater sich nicht weigern, hätte ich bereits die meine hinzugefügt: die Geschichte des rechtschaffenden Flakhelfers Willi Winterling (oder so ähnlich).

Ulrike Draesner ist eine mit Preisen dekorierte Autorin, schrieb Romane und ein Buch über Kleist, Joyce, Mann, prinzipiell also schonmal von den Einflüssen auf meiner Wellenlänge, ist Lyrikerin und als solche sogar in Reclams Großen Buch der deutschen Gedichte vertreten. Und trotzdem brauche ich drei Anläufe um über die ersten Seiten hinwegzukommen, bis heute bin ich nicht im Ansatz zum Kern der Geschichte vorgedrungen, denn dieses Buch ist für mich unlesbar.

Ich stand vor einem der Käfige, versuchte, ein sich ständig lösendes Pflaster (Sima, Brotschneiderin) besser an meinem Daumen zu befestigen.

Draesner schreibt wie eine Mischung aus Mittelstufenschülerin und Autorin der Schreibkurse vom Rücken der Fernsehzeitung. Eine solche Flut von hanebüchenen Adjektiven und Nonsense-Alltagsbeschreibungen habe ich lange nicht gelesen: “Grün wie die Grüffelowarze”, das Alter des Vaters wird mit “zweiundachtzigdreiviertel” angegeben (so zählt man, wenn man fünf ist, nicht ein fiktiver Verhaltensforscher mit Chancen auf den Nobelpreis), ebenso Wohnungsdetails wie “glitzerten die doppelt isoliernde Glasfront [!!] und die Metallgitter” oder “Eine Viertelstunde später erholte ich mich bei zweifach zu backendem Mürbteig”. Ständig werden in die ausufernde, langweilige Detailflut in Klammer noch mehr Einzelheiten hinzugefügt (dass das Sofa eine selbstgebaute, ausklappbare Lehne hat). “Der Mixer jaulte auf Stufe zwei (Höchstleistung)”. Die Beschreibung der Affen, an denen geforscht werden soll, erfolgt in äffischen Alliterationen: “Rudel, Rotte, Radau!” Wo soll das hinführen? Die Verhaltensforscherin mit den nichterklärbaren Traumata des Vaters ist mir bereits nach 30 Seiten so über, weil so unglaubwürdig, so geschwätzig, so adjektivüberladen und trotzdem so farblos, dass ich nicht bis Seite 50 kommen kann. Egal was noch kommen mag, ich habe nicht die Kraft, die Zeit und den Hang zur Selbstkasteiung bis dahin vorzudringen.

Da diese Materie schon so häufig Gegenstand von Veröffentlichungen war, braucht es schon Kunstfertigkeit und Güte um aus der Flut herauszustechen. Ob eine Homepage mit Quellen reicht? Von diesem Buch muss ich mich mit einem zweifach zu backendem Mürbeteig erholen und es nebenbei im Mixer auf Stufe 2 (Höchstleistung) zerkleinern. Ich hoffe meine Glaubwürdigkeit als Blogger hat darunter nicht zu leiden.

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Memo zweier Leben in Berlin

Foto: Norman Weiß
Foto: Norman Weiß

Eigentlich ist es müßig nun auch noch in eines dieser Hörner zu stoßen, von denen gestern bereits der Speichel von Biller, Weidermann, Mangold, Dath, Ungerer, Stahl, Bartels und Konsorten troff. Erster Stein des Anstoßes war wohl Florian Kesslers Kommentar in der ZEIT, in dem er monierte, dass nur Kinder der oberen Mittelschicht heutzutage die deutsche Gegenwartsliteratur bevölkern. Biller schließt sich, ohne sich direkt auf Kessler zu beziehen, an, “seit der Vertreibung der Juden” sei nur noch diese Mittelschicht der Literatur am Ruder, die nur Mittelschicht in der Literatur hervorbringe. Biller wiederum hat damit in den letzten 10 Tagen unzählige, oben verlinkte, Repliken provoziert. Erfreulicherweise nicht nur von älteren Damen und Herren des “Hoch-Feuilletons”, sondern z.B. auch von Sophie bei Literaturen.

Die Gegenwartsliteratur, könnte man die meisten kritischen Stimmen runterbrechen, beziehe sich immer nur auf die Aufarbeitung von Nazideutschland und der DDR. Die wirklich aktuellen, also gegenwärtigen Themen, würden gar nicht behandelt.

Zwangsläufiger Nebeneffekt dieser Diskussion ist das Ausrufen neuer Helden. Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel Endlich Kokain und seinen Autoren Joachim Lottmann als “mögliche Rettung der Gegenwartsliteratur”, Ijoma Mangold lobt Per Leo für die gekonnte Bearbeitung der “Standardsituation” Nazi-Opa und in der FAS von letzter Woche wurde u.a. der neue Roman Feridun Zaimoglus Isabel von Volker Weidermann derart empor gehoben, dass Norman und ich ihn, unabhängig von einander, erwarben.

Unter den Beispielen, die Weidermann nannte, war auch “Isabel” von Feridun Zaimoglu. Ein Buch, das “einem echt den Hut vom Kopf” fege, mit stakkatohafter, schneller und genauer Sprache. Weidermann nennt ihn den “repräsentativste[n] deutsche[n] Autor unserer Zeit. Unser[en] Thomas Mann.”

Norman Weiß zitiert Volker Weidermann

9783462046076Derartig angefixt suche ich also sofort meinen Bücherdealer auf. Hundert Seiten später kann ich sagen: deutsche Gegenwartsliteratur spielt – natürlich – in Berlin, aber nicht dort wo die Hippen aus der Werbebranche Smoothies schlürfen, sondern am Rand der Gesellschaft, die Ausgestoßenen der Generation Praktikum. Isabel titelgebende Protagonistin hat sich gerade von ihrem wohlhabenden Freund getrennt, ist ein etwas in die Jahre gekommenes Model und hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Essen der Wohlfahrt über Wasser. Sie streift durch die Stadt und trifft andere Versprengte, “Verrückte, aber nicht Verkommene”. Nach dem Selbstmord einer ihrer Freundinnen lernt sie deren Ex-Freund, einen Ex-Soldaten kennen und die Welt des desillusionierten Models trifft auf die des desillusionierten Legionärs.

Es tut mir leid Gegenwartsliteratur aber so wirst du nicht gerettet! Bereits die Geschichte, erscheint in ihrem die Hauptstadt-abseits-der-Hippster, abgedroschen und beliebig, als hätte es das nicht schon halb so oft wie den Nazi-Opa gegeben? Ein abgehalfteres Model und ein Soldat sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht werden, aber gerade auch nicht das Gegenteil genug um spannungsgeladene Reibung zu erzeugen. Model und Soldat sind uninspiriert und abgedroschen.

Die stakkatohafte, schnelle und genaue Sprache ist, gerade ohne packenden Inhalt, derart ermüdend, dass man bei Dialogen wie “Das ist ja schön. – Keine große Sache. – Aber eine Chance, sagte Isabel.” schnell an das Ende der Lektüre denkt. Kurze Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, mögen zu Beginn der Beschreibung (“Staub des Kosovo. Ödland. Schwelender Himmel.”) der Schilderung Zug verleihen, über Absätze schlägt der Effekt ins Gegenteil und am Ende der seitenlangen Ausführungen wird der Leser schlicht gelangweilt.

Man entschuldige dazu mein Brett vorm Kopf, aber die Anführungszeichen, der Volksmund nennt sie Gänsefüßchen, wurden erfunden, damit der Leser der wörtlichen Rede folgen kann, ein Service des Autors an den Leser. Aber auch egal, steht ja immer “sagte xyz” dahinter, selbst Fragen werden gesagt. Das erscheint zwar vordergründig, als kleinlich von mir, nur geben die folgenden drei Zeilen ein sehr deutliches Abbild der Monotonie derartig zerhackter Lektüre.

Wo wollen Sie hin?, sagte die Chefin.
Das hat hier keinen Sinn mehr, sagte Isabel.
Ich habe alles mitbekommen, sagte die Chefin zur Blinden, fast alles.

Prinzipiell kann ich der Vermittlung von Inhalten in klarer Sprache viel abgewinnen, nur möge der Autor bitte die Waage halten zwischen Protokoll und Erzähltext. Mitnichten muss man in überbordendem, blumigen Stil schreiben, um mich, wenn nicht zu begeistern, doch wenigstens zu überzeugen; aber das Memo zweier Leben in Berlin, langweilt mich; in Stil und Inhalt.

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“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

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Stoner von John Williams

Die Leute flippen ja förmlich aus. Ein Roman, dessen Qualität so außerordentlich ist, dass er alles überragt; einer der großartigstens Romane, die in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht wurden (The Dallas Morning News), ein vollkommener Roman (New York Times Book Review)- fehlt nur noch, dass jemand dieses Buch, das doch schon eben besagte fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, zum größten allerzeiten ausruft. So viel vorweg: ich werde das bestimmt nicht sein!

stoner cover dtv john williamsWilliam Stoner ist der einzige Sohn eines Bauern irgendwo in den Weiten der Farmen im Mittleren Westen der USA. Sein Vater schickt ihn auf die Universität, damit der Junge Agrarwirtschaft studieren kann. Als Einzelgänger schlägt er sich durch die ersten Semester, bis er durch Zufall seine Liebe zur Literatur entdeckt, besser eine Liebe zur Literatur entwickelt. Zurückhaltend und in allen Lebensbereichen passiv, kommt Stoner nur langsam voran und mausert sich doch über die Jahre zum Professor, findet eine Frau, kauft ein Haus, hat ein Kind und eine Affäre. Unglücklich verheiratet, Zank an der Universität mit seinem Vorgesetzen und immer wieder Versagensängste, das Verharren im Mittelmaß macht William Stoner sein Leben bis zum Ende nicht leicht.

Auf den ersten 100 Seiten ist mir der Protagonist in seiner Einfalt und seiner Behäbigkeit so unsympathisch, seine Entwicklung so stockend, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe das Buch abzubrechen, auch wenn auf manchen Seiten Potenzial durchschien. Auf Seite 115 dann aber:

Sloane besaß keine Familie, sodass sich nur Kollegen und einige Stadtleute an der schmalen Grube versammelten, um dem Priester ehrfürchtig, verlegen oder respektvoll zu lauschen. Und da keine Familie und niemand, der ihn liebte, um sein Dahinscheiden trauerte, war es Stoner allein, der weinte, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, als könnten seine Tränen die Einsamkeit dieses letzten Augenblicks lindern. Nur wusste er nicht, ob er um sich selbst weinte, um den Teil seiner Geschichte und Jugend, der mit dem Sarg in die Erde versank, oder um die arme, dürre Gestalt, die einmal jener Mann gewesen war, den er verehrt hatte.

“So wie Du das vorliest, klingt es kitschig“, sagt meine Madame am Telefon und sie hat Recht, das ist nah am Kitsch. Bricht dies aber aus einer Person heraus, die auf den letzten 114 Seiten recht tumb durch die Welt stolperte, rührt es auf angenehme Weise an; auch mich, dessen kann ich mich nicht erwehren. Später aber:

Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Klar eine Liebeserklärung an die Literatur, von einem bildungsfernen Bauernjungen, genau das was unser Bildungssystem (vom amerikanischen wollen wir gar nicht sprechen) nicht zu schaffen vermag, schafft er aus eigenen Stücken. Aber nun ist es klar, es ist Kitsch! Trotzdem vermag Stoner mich eine zeitlang zu packen. In der Mitte machte mir dieses Buch wirklich Spaß, lief am Ende aber wieder recht unspektakulär aus.

Mein Problem liegt gar nicht unbedingt dabei, dass Stoner schlecht wäre, denn das ist es nicht. Vielmehr liegen mir die überbordenden Lobpreisungen schwer im Magen. Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem dennoch die großen Dinge ihren Widerhall fanden: Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg, Liebe. Wenn man mit Widerhall meint, dass diese Dinge irgendwie vorkommen, mag das sein. Widerhall finden nach diesen Maßstäben auch Hunde, Kinder, Schule, Bücher, Shakespeare, Felder, Bauern, Schuhe und Kartoffeln. Verkauft mir jemand ein Buch unter der Prämisse, es sei der größte Verlust der letzten halben Dekade gewesen, dass es vergessen wurde, muss mehr kommen. Das hier ist gehobenes Mittelmaß mit Ausflügen in aphoristische Esoterik.

Einer der bedeutensten Romane aus Amerika (Stadtlichter Lüneburg!, tatsächlich bei dtv als Referenz angegeben) – ganz sicher nicht! Hätte man mir stattdessen das Buch mit den Worten “Ein nette, unterhaltende Lektüre” ans Herz gelegt, könnte ich ohne den Gram dieser Rezension zustimmen, denn es liest sich durchaus locker, packt mich, wie gesagt, tatsächlich in seiner Mitte und hat starke Stellen, die einen Bildungs- oder Entwicklungsroman ausmachen, aber eben nicht die, die ein Meisterwerk ausmachen. Aber auch wieder Stellen, die in ihrer Nutzlosigkeit inhaltsleere Phrasen wie diese produzieren:

In seinem dreiunvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.

Nein, sowas steht nicht in einem Meisterwerk, sowas steht bei Paula Coelho und Konsorten. Etwas mehr Demut beim Anpreisen so manch eines Werkes, bitte.

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Brandstatt von Anousch Mueller

Da es keine Liebe ist, wird alles sehr bemüht sein! Es wird ein einziger Krampf.

anousch mueller brandstatt1993 Die Protagonistin, die nach eigenen Angaben viele Züge der Autorin trägt, wächst in der ehemaligen DDR auf und fühlt sich in der Pubertät zu dem rätselhaften Jan Pajak hingezogen, der auf einem angeblich verfluchten Anwesen, eben der Brandstatt, lebt und vormals, unausgesprochen, der Liebhaber der Mutter war. Neben Gesprächen über das Reparieren von Fahrrädern und Taschenuhren und einer sich entwickelnden Obsession für den rätselhaften Mann, folgt die Entjungferung der Erzählerin und das Verschwinden eines Mädchens aus dem Dorf, für das der nun geliebte Jan verantwortlich gemacht wird und dieser flieht. Schnitt.

2009 Annie ist aus dem Dorf nach Berlin und verliert sich in der Großstadt, wie die Autorin in ihrer Geschichte. Man sieht förmlich wie die Dörflerin sich staunend dem Kaff durch den Ortswechsel allein enthoben fühlt, die immer bei der Nennung jeder Berliner Heimstatt das Viertel angeben muss. Als sie zurück nach Hause kommt, trägt sie extra den Rollkoffer, weil ihre Absätze schon den städtischen Besuch ankündigen. Dass die Zeiten, in denen alles aus, an und um Berlin per definitionem angesagt  und hipp sind, vorbei sind, scheint sich zu dem in der Stadt lebenden Dorfmädchen noch nicht rumgesprochen zu haben, dass man aus eigenen Neurosen durch einen Wohnortwechsel ausbrechen kann, ebenfalls nicht.

Statt Verliebtheit rumorte die Qual der Ungewissheit, ob nach dem letzten Fick jemals wieder ein Anruf folgen würde, der die erlösende Aussicht auf einen weiteren Coitus Infernale bot.

Dazu kommt die nun über den Leser hereinbrechende Obsession zu Leo, dem Weltmenschen und Intellektuellen, zu dem sich die kleine Bäuerin hingezogen fühlt. Wie Kaugummi zieht sich diese Abhängigkeit, die Beschreibung der Sex Szenen dagegen sind derartig gewollt, dass sie schlicht plump sind. Zeiten, in denen der Gebrauch der Wörter ficken und Schwanz ausreichte um zu schocken, amüsieren oder hinter dem Ofen vorzuholen, ja auch die sind, für Anousch Müller leider, vorbei.Stattdessen verliert sie sich in Belanglosigkeiten und dem Versuch modern zu schreiben, ihr Selbstmitleid langweilt. Nota bene: Jan taucht im Gewühl der Großstadt wieder auf und stellt das Leben von Annie auf den Kopf, aber das kann den Roman an dieser Stelle auch schon nicht mehr retten.

Die Zeit verstrich, zäh, dumpf, bleiern.

Und so geht auch die Lektüre voran. Die Geschichte bleibt belanglos, die Autorin zu bemüht, von angepriesener schöner, bildhafter Sprache ist außer der Beschreibung von Klischees nichts zu entdecken. Das Dorf scheint nicht nur im Kopf der Erzählerin, sondern auch der Autorin fest verankert zu sein. Lächerliches Namedropping (z.B. von Davidoff Cool Water!) runden den Erstlingsroman einer schwärmenden Fünftklässlerin ab. Ein belangloses Buch ohne Mehrwert!

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