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Kategorie: Verrisse

Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste

[CN: In dieser Rezension wird die Darstellung einer Vergewaltigung aus dem Roman zitiert]

Fangen wir mit einem Staatsoberhaupt an, das einem im Zusammenhang mit diesem Roman vielleicht eher nicht in den Sinn kommt. Fangen wir mit Barack Obama an. Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Barack und Michelle Obama einen umfassenden Vertrag mit Netflix abgeschlossen haben, in dem es um die Produktion verschiedener Serienformate in den kommenden Jahren geht. In diesem Zusammenhang stolperte man auf Twitter über einen Witz:

Warum beginnt diese Rezension damit? Weil dieser Witz das Verhältnis, das ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung zu Adolf Hitler und der Nazi-Diktatur hat, sehr gut beschreibt: das Thema birgt eine seltsame Faszination. Auch für die Unterhaltungsbranche gilt: Nazis gehen immer und wenn es dann noch um die Wunderwaffen, die Flugscheiben, die Nurflügler, die angeblich gebaut werden sollten geht, kurz um die mysteriösen Bereiche, dann sind die Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gesichert.

Und was geht auch immer? Kritik am Internet!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach - Hardcover

Das dachte sich wohl auch Andreas Eschbach als er auf die Idee kam, aus seinem neuen Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Bastei Lübbe 2018) ein Internetbashing-Nazikitsch-Mashup zu machen. Die Prämisse wird nun grob umrissen, damit ich mich im Weiteren damit nicht mehr aufhalten muss.

Die Grundannahme, dieses Romans ist, dass sich im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt hat, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisch wurde. (Das beruht auf der Annahme, dass Charles Babbage seine analytische Maschine tatsächlich gebaut hätte.) So entstand in den darauffolgenden Jahren ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog, unter anderem totale Überwachung. Die Entwicklung von Smartphones, social media, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung etc. ist ebenso vorhanden wie die meisten anderen uns bekannten Online-Phänomene: Shitstorms, Chats, und vieles mehr (seltsamerweise aber kein Onlinedating), wodurch eine beinahe lückenlose Überwachung durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe übernimmt das NSA, das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar. Und hier fangen die Probleme dieses Romans auch direkt an. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer, social media sind Gemeinschaftsmedien, E-Mails sind Elektrobriefe, ein Passwort ist eine Parole. Jedes uns bekannte Wort im Zusammenhang mit digitaler Technik hat eine deutsche Entsprechung, das mag Sinn ergeben, ist aber nach kürzester Zeit sehr anstrengend, weil es letztlich nur ein Ratespiel ist, was gemeint ist. Dass die Behörde, die all die Daten sammelt und überwacht, auch noch die Abkürzung hat, die inzwischen zum drohenden Menetekel aller Kritik an Datensammlung geworden ist, ist ein Flachwitz, der aber immer noch über dem Niveau des Gesamtromans daherkommt. Denn die Tatsache, dass die Übertragung des digitalen Zeitalters in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kontext dieses Romans nur dürftig funktioniert, ist vielleicht das geringste Problem:

Eine Rezension in Fünf Akten

1. Die Computertechnik

Die Computer in NSA sind im Grunde, folgt man der Beschreibung, bessere Dampfmaschinen, die aber in der Lage sind weltumspannende Netzwerke aufzubauen. Damit begeht Andreas Eschbach den Fehler in umgekehrter Reihenfolge, den viele Zukunftspropheten im 19./20. Jahrhundert gemacht haben: er denkt vom Technikstand der Zeit in die Zukunft. In einer Dokumentation aus den siebziger Jahren über die Welt der Zukunft, werden Zeitungen direkt in der Wohnung gedruckt – die Idee, dass man sie als PDF Dateien auf dem Tablet lesen kann, war noch nicht denkbar. Die Raumschiffe, die Jules Verne entworfen hat, konnten natürlich nicht funktionieren, weil sie vom Stand seiner Zeit ausgingen. Die technische Entwicklung, die durchlaufen werden musste, um zu dem nötigen Stand der Technik zu kommen, führte dazu, dass die Raumfahrzeuge, die dann wirklich in die Luft gingen, ganz anders aussahen und funktionierten. Eschbach denkt jetzt die Computertechnik der heutigen Zeit, deren Komplexität gerade wenn die gesamte Welt des Internets dazukommt, extrem hoch ist, mit dem Technikverständnis der 1920er-1940er Jahre – kurz es ergibt keinen Sinn, dass die Server (hier Datensilos) des besten Überwachungsapparates des mächtigsten Staates der Zeit in einem feuchten, schummrigen Keller stehen, nur weil Keller in Nazi-Filmen nun einmal meistens feucht und schummrig sind!

Per se ist gegen die Grundidee dieses Romans kaum etwas einzuwenden. Er ist kontrafaktische Literatur, also Literatur deren Prinzip es ist, einen Punkt der Geschichte zu nehmen und ein oder mehrere Ereignisse entgegen der historischen Realität zu verändern und so die Möglichkeit zu haben, anhand dieser Koordinaten zu spekulieren, was sich im Verlauf verändert hätte. Eines der beliebtesten Szenarien ist – oh Wunder – die Frage, was passiert wäre, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, damit setzen sich zum Beispiel Robert Harris in Fatherland und Philip K. Dick in The Man in the High Castle auseinander. Die Frage also, wie hätte das alles ausgesehen, was wäre passiert, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum, Politik und Diskurs ist durchaus spannend. Sie ist aber auch unheimlich komplex und Andreas Eschbachs Versuch zeigt, dass das simple Zusammenschieben von heute und damals nicht funktioniert.

Anzumerken ist, dass Softwareentwicklung im Roman, wie es bis in die 1960er auch der Fall war, Frauensache ist, weswegen man auch vom Programmstricken spricht – soweit, so platt. Das führt zu einer klaren Aufteilung des Umgangs mit Computertechnik. Die Frauen können lediglich Software programmieren, also Programme stricken, während die Männer lediglich damit umgehen können, aber nicht verstehen, wie ein Programm funktioniert. Das Grundlehrbuch zum Stricken von Programmen ist ein blumenverziertes Buch, in dem das Programmstricken mit Küchenarbeit verglichen wird: das Stricken folgt einem Rezept, man braucht Zutaten und alles ist so gemacht, dass frau es auch versteht.

2. Handlung und Erzählweise

Die ersten über 200 Seiten wird die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. Das könnte in Kombination mit der Prämisse interessant sein, letztlich verändert sich aber erschreckend wenig und wir lesen einen weitgehend historisch korrekten Bericht aus der Sicht zweier unterschiedlicher Figuren. Die Handlung folgt den beiden Hauptfiguren Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, wobei Helene die positive Figur und Eugen die negative ist. Schwarz-weiß ist in diesem Fall gar kein Ausdruck. Helene ist so naiv, lieb und herzensgut, dass es einem die Schuhe auszieht und Eugen ist so durchtrieben, menschenverachtend und brutal, dass es einem ebenfalls die Schuhe ausziehen würde, hätte man noch welche an. Helene, die Tochter eines Arztes, ist ausgebildete Programmstrickerin, weil sie alles andere nicht konnte, das Stricken von Programmen aber wie keine zweite. Außerdem lässt der Erzähler immer wieder durchblicken, dass sie sich selbst als nicht so schön wie andere Frauen wahrnimmt, sie ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus.
Sie bekommt eine Stelle beim NSA und entwirft Programme, die Daten aufeinander beziehen, sodass die Überwachung perfektioniert werden kann. Sie ist so talentiert, dass sie die Beste ihres Fachs ist und so bescheiden, dass sie das nie zugeben würde, aber in Wahrheit ist sie natürlich ein Genie. Ein Genie aber auch, das kreuznaiv ist. Eines Tages steht ein junger Mann, ein Soldat, vor der Tür ihrer Eltern, die gerade weg sind. Es stellt sich heraus, dass es sich um Arthur handelt, den einzigen jungen Mann, an dem Helene je Interesse hatte und der dann in den Krieg musste, jetzt desertiert ist und sie aufsucht. Dass ein desertierter Soldat Anfang der 1940er das Risiko eingeht durch Weimar zu laufen und an der Tür eines Hauses zu stehen, dessen Bewohner*innen er quasi nicht kennt, scheint keine zwei Sätze mehr wert zu sein. Jedenfalls hat er Glück und Helene ist alleine, sie bringt ihn bei ihrer besten Freundin und deren Mann unter, die rein zufällig ein perfekt ausgebautes und ausgestattetes Versteck haben, weil sie eigentlich einen Juden verstecken wollten, der aber dann noch fliehen konnte – was für ein glücklicher Umstand. Helene ist dann in den folgenden Jahren vorrangig damit beschäftigt, Arthur zu besuchen, Sex zu haben (dazu später mehr) und ihren Job beim NSA so zu erledigen, dass Arthur trotz Totalüberwachung nicht gefunden wird.

Eugen Lettke wiederum ist ein brutaler Sadist, aber kein ideologisch überzeugter Nazi, das wird erschreckend oft betont. Er wurde in seiner Jugend von einer Gruppe Frauen gedemütigt und ist seitdem auf Rache aus. Sein Job beim NSA ermöglicht es ihm, die Frauen aufzuspüren, ihre Geheimnisse zu finden, sie damit zu erpressen und sie zum Sex zu zwingen – das heißt, er vergewaltigt sie auf die demütigendste Art und Weise. Dabei wird immer wiederholt, dass ihm die ganze nationalsozialistische Ideologie egal ist, sein Antrieb ist seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Bald ist die Verbindung von Gewalt, Sex und Unterwerfung für ihn so selbstverständlich, dass er anders keine Erregung mehr empfindet. Durch Zufall müssen Eugen und Helen zusammenarbeiten, sodass sich ihre Wege kreuzen.
Wie das alles im Einzelnen von statten geht, ist mehr oder weniger irrelevant. Der Plot ist ein typischer Pageturner-Plot mit Cliffhangern am Ende von Kapiteln und düsteren Vorausdeutungen. Wie simpel das gestrickt ist, fällt nicht zuletzt daran auf, wie oft Sätze fallen wie „Sie musste ihn retten und wusste auch schon wie sie es anstellen würde“, woraufhin wieder in die Perspektive der anderen Fokusfigur gewechselt wird. Ebenso auffällig ist die Erzählweise in Bezug auf die Konstruktion der Handlung, alles fügt sich wie durch ein Wunder ineinander: Arthur findet Helenes Elternhaus, diese sind gerade nicht da, Helenes Freundin Marie hat mit ihrem Mann ein perfektes Versteck, Helene arbeitet beim NSA und kann auf die Überwachung Einfluss nehmen und so weiter. Die Handlung wird abwechselnd als personales Erzählen aus der dritten Person von Helene Bodenkamp und Eugen Lettke berichtet, wobei das Vokabular und die Perspektiven an die der Figuren angepasst sind.

3. Figurendarstellung / Sexualität / Männlichkeit & Weiblichkeit

Was uns zum nächsten Punkt bringt und hier wird so langsam deutlich, warum Eschbachs Roman nicht nur simpel gebaut und schlecht erzählt ist, sondern warum er ein echtes Problem darstellt.

Für einen Roman mit der oben beschriebenen Prämisse enthält NSA auffällig viel Sex und sexuelle Gewalt. Da ist einerseits die Rache in Form von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auf die Eugen Lettke wie besessen aus ist. Hier wäre eine fundierte und detaillierte Zeichnung seiner Psyche notwendig gewesen, aber leider dient seine psychische Verrohung lediglich zum Schockeffekt. Selbstverständlich soll anhand seines Vorgehens dargestellt werden, wie gefährlich die Totalüberwachung sein kann, weil Lettke die Frauen durch das Aufdecken von Vergehen erpressen kann, was in einem Staat, in dem das kleinste Vergehen zum Tode führen kann, eine machtvolle Waffe ist. Das Schlimme daran ist, dass aus dieser Konstellation ein sich immer wiederholender Schockeffekt gezogen wird. Die Häufigkeit mit der in diesem Roman sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung dargestellt wird und die Art und Weise der Darstellung sind erschreckend. Die literarische Beschreibung einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung aus der Perspektive des Täters ist ein literarischer Drahtseilakt, bei dem es nicht nur Fingerspitzengefühls bedarf, sondern auch eines profunden Hintergrundwissens, was die Auswirkungen einer solchen Schilderung angeht, und vor allem der Fähigkeit das alles entsprechend darzustellen und selbst dann ist diese Form der Rollenprosa noch diskutabel – im vorliegenden Fall ist nichts dergleichen vorhanden:

„Justus schrie auf wie ein angestochener Stier, brüllte, wand sich, dass die vier Kameraden sich anstrengen mussten, ihn zu halten. Sie stopften ihm ein Geschirrtuch in den Mund, so fest, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen, während Lettke es seiner Freundin besorgte. Er nahm sie hart, brachte sie zum Schreien, und es war ihm egal, ob sie vor Schmerz schrie oder vor Lust. Das hörte sich ohnehin beides gleich an.“ (111)

Die Drastik dieser Darstellung ist darauf ausgelegt, Eugen Lettke als eine zutiefst menschenverachtende und brutale Person darzustellen. Offenbar meint Eschbach, dass es dazu dieser Beschreibung einer Vergewaltigung – und nichts anderes ist hier beschrieben – in dieser Form bedarf. Das Problem ist u.a. die Perspektive. Formulierungen wie es jemandem besorgen oder jemanden hart nehmen sind der Sprachgebrauch des Täters, der die Vergewaltigung als Lustgewinn empfindet. Eschbach wählt in diesen Fällen grundsätzlich die Täterperspektive, schreibt aber in der dritten Person, was wir lesen sind demnach die Worte des Erzählers gefiltert durch die Wahrnehmung von Eugen Lettke. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa in der Ich-Perspektive, was psychologisch glaubhaft sehr komplex zu erzählen wäre, aber immerhin eine bessere Ausrede für die Beschreibung wäre. Die Perspektive des Opfers kommt in diesem Zusammenhang nicht vor. Dadurch bekommen diese Darstellungen eine höchst problematische Note, weil eine Gegenposition fehlt und beispielsweise das, was beschrieben wird, nie als das benannt wird, was es ist: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Lettke ist zwar eindeutig der negative Gegenpart zu Helene, aber es gibt kein Korrektiv in Form einer übergeordneten Erzählinstanz.

Neben Vergewaltigung wird auch häufig Sex dargestellt. Helene, die mit Arthur, während er im Versteck sitzt, eine Beziehung beginnt und nach dem quälend langen Umschiffen der unterschiedlichsten Probleme, dann schließlich Sex hat, wird als das Stereotyp der Grauen Maus gezeichnet: sie ist naiv, sie ist ein bisschen schwer von Begriff, sie ist schüchtern und natürlich im Sinne des gesellschaftlichen Ideals keine Schönheit. Aus diesem Grund wollen ihre Eltern sie verkuppeln, aber natürlich sind unter den stattlichen jungen Männern nur eklige SS-Offiziere und stramme Nazis, die Helene alle abstoßend findet. Dabei kommen dann solche Szenen zustande:

„“Marie – es ist Krieg!“, schluchzte Helene. „Die Männer sterben weg. Bald wird es nicht mehr für jede Frau einen geben!“ Darauf wusste Marie nichts mehr zu sagen. Sie hielt sie nur fest, und so blieben sie sitzen, bis der Schmerz abgeklungen war.“ (224)

Die Naivität, mit der sich Helene in das vorgeschriebene Rollenmuster einfügt, ist bestechend. Man kann einwerfen, dass sie ja die treibende Kraft dieses Romans ist, dass sie mutig ist, dass sie intelligent ist, dass sie – und das ist vielleicht das Problem – eine starke Frau ist, aber umso seltsamer ist dementsprechend ihr Verhalten.

Man fragt sich ab einem gewissen Punkt der achthundert Seiten auch, warum hier die Geschichte des sexuellen Erwachens einer jungen Frau in der Zeit der Nazi-Diktatur mit einem kontrafaktischen Roman zusammengebracht wird, aber letztlich wird es derselbe Grund sein, der auch für die Vergewaltigungsszenen gilt: Während die Vergewaltigungen als Schockelemente verwendet werden, die Abscheu aber auch Schauer erzeugen sollen, ist die Darstellung von Sex die Garnitur auf dem klassischen Thriller-Plot durch einige pseudo-erotische Stellen: Sex sells. Um zu illustrieren, wie in diesem Roman über Sex geschrieben wird, hier ein Beispiel. Der Kontext dieser Szene ist, dass Arthur und Helene die Kondome (hier: Frommser) ausgegangen sind:

„“Das ist nicht so schlimm“, meinte Arthur. „Hauptsache du bist bei mir.“ Aber Helene schüttelte den Kopf. „Aber du willst es tun. Und ich will es auch tun. Ich weiß nicht, ob wir der Versuchung wirklich standhalten werden.“
„Es gibt andere Dinge, die man machen kann.“
„Was für Dinge?“, fragte Helene verwundert. Er zeigte sie ihr. Er macht irgendetwas absolut Großartiges mit dem Mund zwischen ihren Schenkeln, und er brachte ihr bei, das Vergnügen sinngemäß bei ihm zu erwidern. „Wo hast du das gelernt?“, wollte Helene hinterher wissen, noch schwer atmend und außerdem schwer eifersüchtig.“

Die Dialoge, die teilweise klingen wie aus Pornofilmen entnommen, gepaart mit der Darstellung von Sex, die jede Erotik vermeidet, und vollendet mit der sehr klaren Konstellation der sexuell-naiven und verwirrten jungen Frau und dem erfahrenen jungen Mann, bringen Sexszenen hervor, die nicht nur jeder Erotik entbehren, sondern an Fremdscham und klischiertem Geschlechterbild kaum zu überbieten sind.

4. Umgang mit dem Nationalsozialismus

Es ist eine breit diskutierte Frage, wie man in Literatur, in Filmen und anderen Medien mit der Darstellung des Nationalsozialismus umgehen sollte. Wie man es im Zweifel nicht tun sollte, zeigt der vorliegende Roman gleich zu Beginn.

Der Roman setzt chronologisch nicht am Anfang ein, sondern beginnt mit einem Besuch von Heinrich Himmler im NSA, um dort festzustellen, ob das Amt noch gebraucht wird. Durch das geschickte Aufeinanderbeziehen verschiedener Daten, zeigen ihm die Mitarbeiter*innen des NSA, wie sie herausfinden können, in welchen Häusern Leute versteckt werden. Als Stadt, um das zu demonstrieren, wählen sie Amsterdam und entdecken schließlich in der Prinsengracht 236 einen ungewöhnlich hohen Kalorienverbrauch. Manche werden an dieser Stelle schon erkennen, was hier geschieht, denn es ist die Adresse des Verstecks von Anne Frank. Ein kurzer Befehl mit dem Smartphone von Himmler und Anne Frank und ihre Familie werden deportiert.

Letztlich ist die Sache einfach. Die Geschichte von Anne Frank, die wir durch ihr Tagebuch kennen (oder zu kennen meinen), ist vielleicht die Geschichte aus der entsprechenden Zeit, die am meisten Scham, Rührung und Abscheu in der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ausgelöst hat. Sie konfrontiert uns in der perfekten Mischung aus Naivität, Kindheit, Grausamkeit und Hilflosigkeit mit den Taten unserer Großeltern und Urgroßeltern. Diese Geschichte als schockierendes Opening in den Kontext des Romans zu bauen ist ein weiteres perfides Ausschlachten eines grausamen Verbrechens. Leider ist das nur der Anfang.

Was des Weiteren auffällt ist, dass die einzigen überzeugten Nationalsozialisten in diesem Roman eklige SS-Schergen sind, die Helene heiraten soll. Der schlimmste von ihnen ist Ludolf von Argensleben, er ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, zudem ist er ölig, ekelerregend, körperlich hässlich und deformiert (an jeder Stelle seines Körpers, wie wir erfahren müssen). Die normalen Deutschen sind entweder naiv, das heißt sie verstehen eigentlich nicht, was um sie herum passiert, widerständig, das heißt sie verstecken Juden, Widerstandskämpfer*innen oder Deserteure, oder sie sind Mitläufer*innen. Alle überzeugten Nazis sind als ausgesprochen widerwärtig beschrieben. Kurz gesagt, es wird vermittelt, die meisten seien eigentlich keine Nazis gewesen.

Das größte Problem ist aber, – wie bereits an dem Umgang mit der Geschichte von Anne Frank gezeigt – dass die Grausamkeiten des Nationalsozialismus nur eine schockierende Folie darstellen, die der Spannungserzeugung nutzt. Die Krönung dieses Umgangs ist erreicht, als Helene, die den ekligen Ludolf von Argensleben schließlich heiraten muss, so verzweifelt von ihrem Leben ist, dass sie ein Verbrechen begeht und es so arrangiert, dass sie verhaftet und ins KZ gebracht wird, weil alles besser ist als das Leben mit Ludolf, natürlich handelt es sich um Auschwitz – genau das hat Helene geplant. Sie geht lieber ins KZ Auschwitz als mit Ludolf zu leben – mehr muss man zum Umgang mit diesem Thema in diesem Roman nicht sagen.

5. Ein Fazit

Es wurde nun deutlich, warum dieser Roman nicht nur schlecht, sondern auch in seiner Darstellung von sexueller Gewalt, Männlichkeit und Weiblichkeit und nicht zuletzt der Zeit des Nationalsozialismus höchst problematisch ist. Er zeigt zudem, dass der Themenkomplex Zweiter Weltkrieg, Shoa, Nationalsozialismus, Adolf Hitler immer noch als Schockeffekt in Unterhaltungsmedien zieht. Letztlich ist Andreas Eschbachs NSA ein Roman, der all das miteinander vermischt, was die deutsche Seele offenbar zur Unterhaltung braucht ( 81% der Bewertungen auf Amazon mit 4 oder 5 Sternen): Nationalsozialismus, Sex, ein bisschen Grusel und das große Grauen des Internets. Das Schlimme daran ist, dass die Frage, wie diktatorische Regime die Totalüberwachung für sich nutzen können, wirklich relevant ist und in einem guten Roman ausgearbeitet hätte werden können. Hier dient sie leider nur dem Thrill.

Man kann nun die Frage stellen, warum man einem solchen Buch eine so ausführliche Rezension widmen soll, sollte man es nicht einfach ignorieren und ihm auf diese Weise so wenig Aufmerksamkeit wie möglich verschaffen? Ich denke, nein, denn der Roman zeigt, dass in der Unterhaltungsbranche der Holocaust immer noch als plumper Gruseleffekt genutzt wird und funktioniert, ebenso dass literarischer Sexismus einfach so hingenommen wird und dass sexuelle Gewalt als schockierendes Element unhinterfragt dargestellt wird. Die Frage muss gestellt werden, warum ein solcher Roman in einem Land, das sich die Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit mit Recht derart auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Aufschrei auslöst und nicht einmal einen nennenswerten Widerhall in den Medien findet. Darin zeigt sich der zweigleisige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus – einerseits sind die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung damit vordergründig nicht nur Staats- sondern auch Gesellschaftsräson, andererseits ist die geschichtsblinde und teilweise -revisionistische Verarbeitung des Themas in Unterhaltungsmedien anscheinend akzeptierter Konsens. Eine Grundaussage dieses Romans ist, dass die meisten Deutschen naive und eigentlich liebenswerte Mitläufer*innen waren oder gar im Widerstand. Das sagt auch Eschbach selbst in einem Interview mit dem DLF Kultur:

Meyer: Ihre Hauptfigur, die ganz maßgeblich auch an solchen Programmen mitwirkt, das ist eine begeisterte Programmiererin, Helene Bodenkamp heißt sie. Eine „Programmstrickerin“ in der Sprache Ihres Buches. Das ist aber keine hundertprozentige Anhängerin der Nazis, oder?

Eschbach: Nein, die ist ganz normale Bürgerin, die halt einen Job macht und in diesem Amt angefangen hat und sich da nicht weiter drüber Gedanken macht. Ein Mensch wie du und ich praktisch.

Diese Darstellung der meisten Deutschen als ganz normale Bürger*innen, die ihren Job machen, relativiert die Tatsache, dass genau auf diese Weise das System und letztlich das organisierte Töten funktioniert hat. Helene ist ein wichtiges Rädchen in der großen Maschinerie des Völkermords und der Unterdrückung. In Eschbachs Roman erscheint sie als eine Frau, die ab und zu mal Zweifel hat, aber letztlich einfach nur ihren Job macht und wenn man Eschbach glaubt, dann soll das auch genauso sein. Die echten Nazis sind allesamt abstoßende Schergen der SS und des Regimes. Dass eine solche Darstellung in einem großen Feuilleton wie dem DLF Kultur nicht nur unwidersprochen bleibt, sondern im Gegenteil auch noch affirmiert wird, ist nicht zu rechtfertigen.
Das betrifft nicht einmal nur den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, sondern auch den Umgang mit Sexismus und sexueller Gewalt. Dass sich die Kulturressorts deutscher Großmedien nicht darum scheren, dass in einem Roman, der von einem großen Verlag publiziert wird, Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnisse auf dem Niveau von Mario Barth Witzen verhandelt werden und sexuelle Gewalt in der hier beschriebenen Form dargestellt wird, zeigt, dass #metoo und vergleichbare Debatten noch nicht bis in alle Bereiche der Unterhaltungsbranche vorgedrungen sind und dass das still akzeptiert wird. Die großen Print-Feuilletons haben diesen Roman weitgehend ignoriert und wenn er doch besprochen wurde, wie in dem Interview des DLF Kultur mit Andreas Eschbach, dann ohne jede Kritik oder lobend wie in der ARD-Sendung druckfrisch. Denis Scheck, der in seinem Leben so viel gelesen haben dürfte, dass er weiß, was er tut, nennt ihn einen „fulminant spannenden Roman mit intellektuellem Mehrwert“. Diesem Urteil würde man gerne vertrauen und man hätte diesen Roman, von dem Scheck da spricht, gerne gelesen, allein, es ist nicht NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach.

6s Kommentare

Von Bullshitjobs und vergessenen Gesten

In einer Whatsapp-Gruppe, deren Mitglied ich bin, befinden sich fünf Juristen. Diese Gruppe wird hauptsächlich dazu genutzt, digitalen Internetmüll zu perpetuieren und – natürlich – um über das jeweilige Beschäftigungsverhältnis Leid zu klagen. Einer dieser fünf – nach eigener Aussage, sehr glücklich mit seiner Tätigkeit in der Rechtsabteilung einer großen Bank, die noch dazu (angeblich) geistig äußerst fordernd sei und sich ebenfalls nach eigener Aussage im Anspruch auf einem Level mit Raketenwissenschaften befindet – postete vor Wochen einen Artikel aus der FAS. Dieser war eine einseitige Zusammenfassung des Buchs Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit von David Graeber erschienen bei Klett-Cotta. Wie bei Unternehmensjuristen üblich, hatte er offenbar den Artikel selbst nicht gelesen, sondern wahrscheinlich eine externe Kanzlei damit beauftragt, dies zu tun und dann das Gutachten dazu nicht gelesen, denn in diesem Artikel stand unter anderem, ein klassischer Bullshitjob sei der des Unternehmensjuristen.

 

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Was ist ein Bullshitjob?

David Graeber definiert einen Bullshitjob wie folgt

Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

David Graeber BullshitjobsDie fünf Grundtypen von Bullshitjobs erkennt Graeber dabei in den Lakaien, den Schlägern, den Flickschustern, den Kästchenankreuzern und den Aufgabenverteilern. Der Lakai ist nur dafür da die Arbeit derer zu erledigen, die sich den Lakai halten, weil sie es eben können. Streng gesehen ist also nicht der Job des Lakaien Bullshit, sondern der des Chefs. Schläger sind Menschen, deren Tätigkeit ein aggressives Element beinhaltet, die aber – und das ist entscheidend – nur deshalb existieren, weil andere Menschen sie anstellen. Paradebeispiel wären Streitkräfte, die nur deshalb notwendig sind, weil andere Länder ebenfalls Streitkräfte haben. In diese Kategorien fallen für Graeber die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte. Der Flickschuster wiederum ist nur dafür da Probleme zu lösen, die es eigentlich nicht geben sollte, insbesondere die Fehler auszubessern, die Vorgesetzte verursacht haben. Kästchenankreuzer sind Angestellte, die einem Unternehmen dabei helfen so zu tun als würden sie Dinge tun. Klassisches Beispiel ist die Erledigung von Bürokratie um ihrer selbst willen. Zuletzt der Aufgabenverteiler, der lediglich Arbeit an andere verteilt, er ist das Gegenteil von einem Lakaien, er ist kein unnötiger Untergebener, sondern ein unnötiger Vorgesetzter.

Schon an dieser Einteilung wird ein eklatantes Problem deutlich. Graeber – immerhin Lehrender an der London School of Economics – definiert nicht sauber, sondern plaudert Fallbeispiele daher. Ich vermute, dass dies im Wesentlichen auch mit der Entwicklung des Themas zusammenhängt. Denn Graeber schrieb im August 2013 einen Artikel für das Strike! Magazin, auf den sich eine Vielzahl von Menschen bei ihm meldete und ihre persönliche Bullshit-Job Geschichte erzählten. Ein Großteil des Buchs besteht daher in der Wiederholung von Fallgeschichten, die so nicht unbedingt verallgemeinert werden können.

So kennen viele wahrscheinlich die Geschichte des Mitarbeiter eines spanischen Wasserwerks, der sechs Jahre nicht zur Arbeit kam und das erst auffiel, als er eine Auszeichnung für zwanzig Dienstjahre erhalten sollte oder der andere Vogel, der einfach 24 Jahre der Maloche fernblieb. Das ist auf den ersten Seiten unterhaltsam und hilft dabei ein „Gefühl für das Problem“ zu bekommen, eine wissenschaftliche Problemanalyse sieht aber anders aus.

Hier ist das Problem!

Immer wieder plauderige Beispiele aus der ganzen Welt, geben dem Buch Seiten, dem Leser aber keine neue Erkenntnis. Was Graeber – auf mindestens 150 Seiten zu viel – aber sehr erfolgreich tut, ist, den Leser zu reizen. Er ist pauschal, er ist ungenau und häufig viel zu undifferenziert (was ist z.B. mit all den Jobs, die einfach nur ein bisschen oder zu einem Teil Bullshit sind?) und trotzdem zeigt er Missstände auf, die zweifelsohne existieren. Seit der Lektüre sehe ich die moderne Arbeitswelt anders.

Aus der Peripherie der persönlichen Arbeitswelt des Rezensenten sind beispielsweise solche Aussagen zu hören. „Ja, Kanzlei ist hart, schrubbe 60-80 Stunden, kriege aber auch 110k. Denke ich mache das noch zwei, drei Jahre und dann will ich in eine Rechtsabteilung, auch gut bezahlt, aber ruhige Kugel schieben in einer 40-Stunden-Woche.“ Offensichtlich besteht also der Drang danach weniger zu arbeiten, trotzdem aber „gutes Geld“ zu verdienen. Die ruhige Kugel suggeriert dabei aber stets, dass man den Job eigentlich in kürzerer Zeit ausführen könnte, es aber notwendig ist, 40 Stunden vor Ort zu sein, damit das Gehalt für genau diese Summe verkaufter Zeit gezahlt wird. Es wird also die Zeit gezahlt, nicht die geleistete Arbeit. (Bei Kanzleijuristen ist es in der Regel andersherum: kommt man nicht auf eine gewisse Anzahl abrechenbarer Stunden, vulgo billables, wackelt der Stuhl. Selbstverständlich ist dabei wiederum zu bedenken, dass sich geleistete Arbeit und abrechenbare Arbeit nicht zwangsläufig decken müssen, weder in die eine noch in die andere Richtung.) Vor der Lektüre von Bullshitjobs hätte ich unreflektiert genickt. Denn es ist doch so, dass man 40 Stunden arbeiten muss. Oder nicht?

Wir könnten ohne Weiteres zu einer Freizeitgesellschaft werden und eine 24-Stunden-Arbeitswoche einführen. Vielleicht sogar eine 15-Stunden-Woche. Stattdessen sind wir als Gesellschaft dazu verdammt, den größten Teil unserer Zeit bei der Arbeit zu bringen und Tätigkeiten zu verrichten, von denen wir den Eindruck haben, dass sie für die Welt keinerlei Nutzen bringen.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Eine Lösung wäre fein!

Unbefriedigend bleibt dann aber, dass der Leser nach dem Aufzeigen des Problems alleine gelassen wird.

Wenn es wirklich stimmt, dass bis zur Hälfte der Arbeit, die wir leisten, ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Gesamtproduktivität abgeschafft werden könnte, warum verteilt man dann nicht einfach die verbleibende Arbeit so, dass jeder nur einen Vierstundentag hat? […] Aber aus irgendeinem Grund haben wir als Gesellschaftskollektiv entschieden, dass es besser ist, wenn Millionen Menschen viele Jahre ihres Lebens so tun, als würden sie etwas in Tabellenkalkulationen eintragen oder geistige Landkarten für PR-Meetings vorbereiten, statt ihnen die Freiheit zu verschaffen, Pullover zu stricken, mit ihren Hunden zu spielen, eine Garagenband zu gründen, mit neuen Kochrezepten zu experimentiere, in Cafés zu sitzen und über Politik […]
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Wie also die Umverteilung dieser Arbeit konkret aussehen könnte, wird nicht gesagt, nicht mal angedacht. Das ist für ein weltveränderndes Sachbuch dann doch arg dünn. Ebenso die Lösungsleere nach der Zusammenfassung Graebers „von Studien zur Arbeit“ in

  1. Das Gefühl für die eigene Würde und den Selbstwert verkörpert sich für die meisten Menschen darin, dass sie mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
  2. Die meisten Menschen hassen ihren Job.

Welche Studien er da ausgewertet hat oder was diese aussagen, behält der Autor geflissentlich für sich. Was die Leute dann in ihrer ganzen freien Zeit dann treiben sollen, weiß ich daher auch nicht (– aber es ist natürlich immer noch besser nach eigenem Gusto rumzulungern als nur Bullshit zu machen.)

Das Arbeiten „nach der Uhr“ führt zu der Absurdität, dass Leute Zeit einfach nur absitzen oder so tun als würden sie etwas produktives machen, nur damit sich der Chef nicht eine total sinnlose Beschäftigung ausdenkt – die dann wiederum Bullshit par excellence ist.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Philpp Blom Was auf dem Spiel stehtBullshitjobs‘ bester Freund ist die Digitalisierung. Das führt zu weiteren Problemen, denn bisher ist unsere Gesellschaft so zugeschnitten, dass nur Geld bekommt, wer dafür arbeitet. Für viele Tätigkeiten ist heute aber kein trotteliger Mensch von Nöten, sondern das kann wunderbar ein Maschinchen erledigen. Ohne das Geld aus seinem (Bullshit-)Job kann aber das Konsument nicht konsumieren und dem Unternehmer mit seinen Maschinen dessen Produkte abkaufen.

Der Job selbst mag unnötig sein, aber man kann darin kaum etwas Schlechtes sehen, solange er die Möglichkeit schafft, damit die eigenen Kinder zu ernähren. Man kann fragen, was das für ein Wirtschaftssystem ist, das eine Welt schafft, in der man die eigenen Kinder nur dann ernähren kann, wenn man sich während eines großen Teils seiner wachen Stunden mit nutzlosen Übungen im Kästchenankreuzen beschäftigt oder Probleme löst, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Man kann die Frage aber ebenso gut auch auf den Kopf stellen und fragen, ob das alles wirklich so nutzlos ist, wie es scheint, wenn das Wirtschatsystem, das solche Jobs geschaffen hat, die Menschen in die Lage versetzt, ihre Kinder zu ernähren.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Auf den letzten Seiten bietet daher Graeber immerhin für die Frage nach dem „Wer soll das (Produkte) alles bezahlen?“ das bedingungslose Grundeinkommen an. Gleiches tut auch Philipp Blom in seinem bei Hanser erschienen Buch Was auf dem Spiel steht. Bloms Buch liest sich wie eine abgespeckte, unaufgeregtere Version von Graeber. Selbst wenn dieses ebenso aus einer Vielzahl von Fragen und Fragezeichen besteht, ist dies die eindeutigere Lektüreempfehlung.

Ein oft vorgebrachtes Argument gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ist moralisch oder, um genau zu sein, protestantisch gefärbt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, besagt es, in einer anständigen Gesellschaft gibt es nichts umsonst, auch wenn sich der Staat aus Barmherzigkeit bereitfindet, den Bedürftigsten Unterstützung zukommen zu lassen, die oft mit demütigenden Ritualen und Befragungen auf den entsprechenden Ämtern verknüpft ist. Was aber wird aus diesem Argument, wenn ein Großteil der Bürger eines Landes für die Produktivität der Wirtschaft einfach nicht mehr gebraucht wird? Was wird dann aus dem Menschenrecht auf Würde, geschweige denn dem pursuit of happiness? […]

Diese Änderung, das bedingungslose Grundeinkommen, kommt nicht, weil sie nett oder edel ist, sondern weil sie notwendig ist. Es ist eine der ganze wenigen Neuerungen, die sowohl vom rechten als auch vom linken Spektrum befürwortet wird. Den Linken geht es dabei vornehmlich um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung. Rechte Ökonomen und Politiker sehen im Grundeinkommen die einzige Möglichkeit, im Zeitalter von Maschinen noch Konsum und dadurch Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Inzwischen allerdings sind so viele Menschen ohne Erwerbarbeit, in einigen entwickelten Ländern geht die Zahl an die 40 Prozent, und sie wäre noch höher, würde nicht jede Regierung ihre Statistiken schönen. Die Kosten für den Staat sind astronomisch, und doch ist ein wesentlicher Teil der Bevölkerung arm, deprimiert, nutzlos und gedemütigt.
Aus: Philipp Blom – Was auf dem Spiel steht

Vergessene Gesten

Vergessene Gesten Alexander Pschera das vergessene buchWundgeschlagen also von der Erkenntnis des bevorstehenden Untergangs unserer Gesellschaft, las ich noch Alexander Pscheras Vergessene Gesten, das im kleinen Wiener Verlag Das vergessene Buch erschien. Vor dem Hintergrund der Sorge um die Zukunft meiner Kinder und Kindeskinder empfahl mir Pschera mal wieder Urlaubsfotos in ein Album zu kleben, statt nur durchs Handy zu wischen oder mir einen Toast Hawaii zu kredenzen (eine „Geste“, die nun wirklich mal langsam aussterben sollte) oder derlei Unfug mehr. Pscheras Buch kann sich getrost mit dem des rückwärtsgewandten Grafen, der es pflichtschuldig in der BILD am Sonntag erwähnte (die leider ebenfalls nicht vergessene Geste/Tugend des Klüngels), in eine Reihe stellen.

Diese nebenbei verteilte Ohrfeige für ein Buch, das auf den ersten Blick gar nicht in diese Reihe passt, erscheint etwas wahllos und passt doch so hervorragend. Denn wenn man sich vor Augen hält, mit welchen Problem der moderne Mensch in Zukunft (und der gegenwärte Mensch in der Jetztzeit) konfrontiert sein mag (hervorragend zum Laune verderben in dieser Hinsicht auch Yuval Noah Hararis 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert) und dies der Gefahr des Aussterbens des Toast Hawaii gegenüberstellt, kann einem doch etwas blümerant werden. Aber so ist es ja immer, die großen Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, denn weder Graeber oder Blom noch Schönburg oder Pschera können oder wollen uns dabei helfen. Einer wandelnden Gesellschaft kann man wie der Graf Schönburg begegnen und es sich im Zustand der Verarmung im Porsche Targa gemütlich machen oder wie Pschera, der das Heil der Welt durch das Grüßen des Busfahrers wiederherstellen will, oder man beginnt, statt im Manufactum Katalog zu blättern, damit etwas zu ändern.

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Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige Anfänger

Die Verlagsbranche geht seit Jahren vor die Hunde, sagen die Verlagsbranchenmenschen und meinen damit, dass es weniger Leser gibt, die Bücher kaufen. Also „machen“ die Verlagsbranchenmenschen einfach mehr Bücher und fluten damit den Markt. Es bleibt deswegen keine Zeit mehr Titel aufzubauen, weil auch der alte Frühjahrs-/Herbst-Turnus aufgeweicht wurde und sich innerhalb von Monaten, wenn nicht gar Wochen, entscheidet, ob eines der laufend neuerscheinenden Bücher läuft oder nicht. Es gibt viel zu viele Bücher, sagen dann die Verlagsbranchenmenschen.

Umso schöner daher die Worte, die Jo Lendle auf der Buchmessen-Stehgreifparty – eine Stehgreifparty wurde nötig, da eine Reihe kostspieliger Verlagspartys abgesagt wurde – fand

Das Türhütermonopol kommt nicht wieder. Das ist auch so in Ordnung. Etwas anderes aber bleibt: Wir können entscheiden, wofür wir stehen, welche Bücher wir verlegen. Und die Antwort muss sein: Nicht irgendwelche.

Jo Lendle hat natürlich gut reden, denn sein Haus ist – so wie einige viele – genau dafür bekannt, dass man eben nicht auf den Markt schleudert, was verkäuflich erscheint, sondern dem eigenen Anspruch und Selbstverständnis entspricht.

Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige AnfängerUmso erstaunlicher ist daher die Veröffentlichung eines Buches namens Schreiben für ewige Anfänger: ein kurzer Lehrgang in eben diesem Hanser Verlag. Dieser schmale Band für 16 Euro enthält über zwanzig Briefe eines alten Schriftstellers an einen (fiktiven?) jungen Kollegen. Wer nun aber Schreibtipps erwartete, wird schnell enttäuscht. Hier wird plauderig-onkelhaft erzählt, wie ein Buch „im Betrieb“ entsteht. Das ist auf so unbeholfene Art und Weise langweilig und bemüht, dass man zwangsläufig die Frage auftaucht, warum genau man ein solches Buch veröffentlichen sollte. Beim besten Willen fällt mir kein einziger Mensch ein, dem dieses Buch von Nutzen sein könnte.

Der einzige Grund für einen Verlag ein solches Buch zu veröffentlichen, kann aus meiner Sicht nur sein, dass man dem Autor einen Gefallen schuldete. Andreas Thalmayr ist ein Pseudonym von Hans Magnus Enzensberger, der sonst bei Suhrkamp verlegt wird. Dieses Buch ist leider ansonsten ein einziges Ärgernis.

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Nobilität ist auch ohne Pferd möglich: Die Kunst des lässigen Anstands

Als Abiturient oder Zivildienstleistender las ich Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens und fühlte mich, so glaube ich mich zu erinnern, gut unterhalten. Verarmen musste ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich. Die Lebensphase, in der ich mich damals befand, ist im Allgemeinen nicht dafür bekannt, dass man aus dem Vollen schöpfte. Perfekt also vor dem Studium bereits zu wissen wie man aus den begrenzten Mitteln das Beste macht, um während des Jura Studiums trotzdem als edler Herr und nicht als Gernegroß durchzugehen.

Was ich bis heute allerdings aus den sicher vielen guten Tipps erinnere, ist nur der, man solle nicht mit (irgend)einem Auto protzen, ein alter Porsche Targa tue es auch. Der Leser möge kurz seinen Kontostand überprüfen. Sie kennen es, während der Verarmung verpasst man meist den Punkt, an dem es noch die finanzielle Möglichkeit gab einen Porsche Targa zu erwerben. Bei vielen allerdings wäre das Geld für den Targa erstmal zu besorgen, man müsste das Auto kaufen und dann darin stilvoll verarmen. Nichts ist heute einfach, nicht mal arm sein oder arm werden.

Die Themen und der Hintergrund Graf von Schönburg-Glauchaus laden natürlich zu Neid und Missgunst ein. Stefan Volk etwa ätzte im Bücher Magazin in der Rubrik Überschätzte Bücher über Die Kunst des stilvollen Verarmens:

Unangenehm aber ist die kumpelhafte Attitüde, mit der von Schönburg aus seinem Elfenbeinturm des „verarmten Adels“ und längst auf dem Weg zurück in die Chefredaktionen ein munteres „Haltung bewahren“ in die Gosse hinunter trällert. Er selbst hat gut daran verdient, dass er Armut zum besseren „Lifestyle“ verklärte.

alexander graf von schönburg die kunst des lässigen anstands piperNun schlägt der Graf aber trotz der Schelte – weil es sich eben auch gut verkauft – weiter in diese Kerbe (einer von denen da oben, der aber auch mal bei euch hier unten war, erklärt euch, wie echte Gentlemen das mit dem Leben machen und zwar von hier oben) und schreibt weiter über Themen, mit denen er sich gut auskennt, etwa ein Lexikon der überflüssigen Dinge oder über Smalltalk. Das neuste Werk, der langjährige Rowohlt Autor ist nun bei Piper, trägt den Titel Die Kunst des lässigen Anstands.

Adel hat nichts mit Geburt, aber sehr viel mit Kultur zu tun, die man sich aneignen kann. Oder eben nicht. Nicht alles, was der Adel bewirkt hat, war segensreich, aber niemand wird leugnen, dass es ein paar Werte, Traditionen, Denkweisen und tugendhafte Eigenarten gibt, die in Adelskreisen besonders hochgehalten worden sind und ein bewahrenswertes kulturelles Reservoir darstellen.

Wahrscheinlich kann man – wie jedem – Schönburg viele Dinge vorwerfen, z.B. für die Bild zu arbeiten – was man wiederum nicht jedem vorwerfen kann, aber auch jetzt erstmal ein recht pauschales Urteil ist. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er langweilig schreibe. Durch die zu erlernenden 27 Tugenden zum anständig Sein rauscht er in plaudernd-plapperndem Ton, paart Aristoteles und Thomas von Aquin mit Minnesang, Alltagsgeschichten mit Geschichte, ja man kann sich sehr gut vorstellen, einfach einen Abend von ihm unterhalten werden zu wollen. Denn offenkundig ist er sowohl klug als auch gebildet. Innerhalb der Kapitel gibt es noch putzige Seiten mit kurzen Fragen wie „Darf ich weiße Anzüge tragen?“ (in nuce: nein) oder „Wann darf ich mit den Fingern essen?“ (Spargel), die der Autor als letzte Instanz zu beantworten weiß. Das wäre alles herrlich kurzweilig, wäre das Buch 250 Seiten kürzer. Unklar bleibt dazu was AvS ist oder tut: Spielt er eine Rolle? Ist er ein Naseweis? Will er belehren oder wirklich nur unterhalten?

Wirklich ärgerlich sind vor lauter Kumpelhaftigkeit (wieder so eine Frage: will er mein Kumpel sein oder mein Lehrer?) dann aber Stellen wie

Wenn ich einer/m militanten LGBT-Aktivist*en gegenüberstehe und mit ihr/ihm/x streite, bringt das, muss ich offen eingestehen, in der Regel das Schlechteste in mir hervor. Ich will sie/ihn/x in Grund und Boden argumentieren, fertigmachen.

Offensichtlich tritt auch auf dem Papier beim bloßen Denken und Schreiben über „LGBT-Aktivist*en“ das Schlechteste im Autor hervor. Selbstverständlich endet der Absatz in einem „ich weiß, dies tut man nicht“, da liegt das Kind aber bereits im Brunnen, und es lässt dann doch vermuten, dass die Monstranz des Anstands vielleicht doch nur ein Deckmäntelchen sein könnte. Das Lustigmachen über Minderheiten finde ich dann unter dem Strich irgendwie höchst unanständig. Nicht nur hier, zwischen den Zeilen stolpert der Leser doch immer mal wieder über ein Vonobenherab. Mach ich es mir am Ende dann zu einfach, wenn ich einfach feststelle, dass es mit meinem eigenen Anstand nicht zu vereinen wäre, zusammen mit Julian Reichelt in der Chefredaktion der Bild zu sitzen? Aber was weiß ich schon über Anstand.

„Obacht, dass Sie im Alter kein Peter Hahne werden“, möchte man von Schönburg zum Schluss noch zurufen, wenn er im Buchmarkt Gespräch sagt, es ginge in seinem Buch „um unsere komplette Orientierungslosigkeit, den Verlust aller zeitlosen Werte, Maßstäbe und Standards. Seit 50 Jahren erleben wir eine fortwährende Destruktion und Verwüstung von allen jemals existierenden Wertesystemen.“

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Vox: zu diesem Buch fallen mir keine 100 positiven Worte ein

„O lala“, denkt der geneigte Leser, „diesen Roman muss ich also gelesen haben, um mitreden zu können. Ein Buch über das Schweigen, über das ich nicht schweigen wollen werde. Die Autorin von Vox, dem hochgejazzten und viel präsentierten Buch des Herbstes – eben sah ich die Werbung am Bahnhof, zum Verkaufsstart beklebte Münder auf Instagram, große Printkampagne selbstverständlich ebenfalls – ist immerhin in Georgetown promovierte Linguistin“, denkt sich weiter der geneigte Leser, „vielleicht weiß sie also worüber sie schreibt.“

Vox spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in den USA. Der Führer einer politisch starken Religionsgemeinschaft spielt mit dem charakterlich schwachen POTUS Marionettentheater und den Frauen wurde die Anzahl der Wörter, die man am Tag so von sich geben darf, auf 100 gekürzt. Überwacht wird dies mit einem elektronischen Armband, das beim Überschreiten der Grenze Elektroschocks in das Handgelenk der Mitteilsamen entlädt. Dazu gibt es noch andere fiese Überwachungsmethoden, die – ganz klassisch – aus technischen Spielereien und dem Aufhetzen der Mitmenschen gegen den Einzelnen bestehen.

Die Protagonistin Jean findet diese Welt als – hoppla – Linguistin natürlich gar nicht cool. Frauen werden durch diese Form der Haltung in die passive Erwerbstätigkeit gedrängt, verlieren den gesellschaftlichen Anschluss und auch familiär führt das Konstrukt erwartungsgemäß zu Problemen. Jean blickt mit Besorgnis auf die Entwicklung ihrer kleinen Tochter, die keine andere Welt als die sprachlose kennt, als sich aufgrund eines Unfalls des Bruders des Präsidenten für sie die Möglichkeit ergibt, mit den Machthabern über ihre Lebensbedingungen zu verhandeln.

Machen wir es kurz. Vox ist kein gutes Buch. Es ist vorhersehbar:  vom linientreuen, gehorsamen Sohn, der wie ein Spitzel lebt und später geläutert zum Rebell wird, über die Affäre mit dem schönen, italienischen Kollegen und dem Selbstmordversuch mittels Wortebegrenzungsarmband bis zur weggesperrten, feministischen Studienfreundin, keiner der Handlungsstränge kann überzeugen. Jeder ist so offensichtlich zusammengeplottet, dass am Ende das Bild zusammenpasst. In das Bild passt aber, was Dalcher in den Pressematerialien über Vox erzählt. Denn der Roman war ursprünglich nur eine Kürzestgeschichte mit nicht mehr als 700 Worten, vielleicht hätte man es dabei belassen sollen.

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Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ich muss vorweg sagen, dass ich eine Aversion gegen Tatortnamen habe; gegen jene für ein vergesslich gedachtes Publikum leicht merkbar konzipierten, furchtbar ausgedachten Banalnamen aus Vornamen mit zwei unbetonten Silben und einsilbigem Nachnamen, wie sie vornehmlich KommissarInnen im deutschen Fernsehen haben (bzw.: in öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis, aber anderes Fernsehen gibt es ja eigentlich nicht mehr): Vera Lanz, Rosa Roth, Felix Stark – oder eben Juli Zeh, Peter Bamm, Thea Dorn. (Natürlich hat auch Dorns Kronzeuge Thomas Mann einen Tatortnamen, aber der hat ihn sich wenigstens nicht selbst ausgesucht.) [Nachtrag, 25.5.: Hat er doch, der alte Schlawiner, hieß er doch mit vollem Namen Paul Thomas Mann. h/t Marian T. Wirth]

Dorns selbstgewählten Tatortnamen hat sie offen und schamlos vom Namen des Philosophen Theodor W. Adorno abgeleitet (»Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken«, 1995). Und zwar für ihr Debüt als Krimiautorin. Und unter demselben Namen hat sie allen Ernstes 2011 mit jemandem namens Richard Wagner zusammen ein Buch namens »Die deutsche Seele« geschrieben.

Wie soll ich so arbeiten? Wie soll ich unter diesen Umständen ein Buch von Thea Dorn über deutschen Patriotismus rezensieren und dabei ernst bleiben? (Nun ja, unter uns: Ich habe es auch irgendwie geschafft, jahrelang unter Leuten zu leben und zu arbeiten, die alle miteinander wissen, dass der Begründer des Neuplatonismus ausgerechnet Plotin heißt – als hätte der erste Neukantianer Emmanuel Kont geheißen! –, und auf diese schreiend komische Absurdität nur äußerst selten zu sprechen kommen.)

– Aber ich schweife ab. Thea Dorn nun hat also mit Deutsch, nicht dumpf (Knaus, 338 S., 2. Aufl. 2018) ein Buch über deutschen Patriotismus geschrieben, das unter anderem auf ihrer genannten Arbeit mit Richard Wagner aufbaut. In Zeiten anschwellenden Heimatgebrülls und einer seit Jahren rapide nach rechts rutschenden politisch-medialen Gemengelage will dieses Buch laut Klappentext die Themen »Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen«.

»Dürfen wir unser Land lieben?« wird da sogleich rhetorisch gefragt, und unter anderem auch: »[V]on wem reden wir […], wenn wir ›wir‹ sagen?« Dorn als gelernte Philosophin und offenbar schon seit einigen Jahren mit dem Thema vertrauter Medienprofi ist, Name hin, Name her, vielleicht nicht die falscheste Ansprechpartnerin für solche Fragen. Ihr Text ist, mäandernd, mit Exkursen über dies und jenes (z.B. von Prometheus über Luzifer zur Gentechnik, 153ff.) und sehr demonstrativ bildungsbürgerlichen Bezügen zu allem, was bei drei noch auf dem Kanonbaum ist, stilistisch ein völlig aus dem Ruder gelaufener Feuilletonbeitrag, geht aber doch entlang einer erkennbaren Linie vor:

Dorn hebt damit an, zu argumentieren, trotz grundlegenden Zweifeln könne man durchaus im Sinne einer wittgensteinschen Familienähnlichkeit von einer deutschen Kultur sprechen (Kap. 1), um anschließend unter anderem die in Deutschland lange so wirkungsmächtige Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation an schlagenden Beispielen zu erläutern und zu kritisieren (Kap. 2). Im dritten Kapitel wird dann in einem recht unstrukturierten Geschlinger zwischen Berichten von Demonstrationen pro und contra LBGTQ*-Rechte und Überlegungen zu Persönlichkeitsbildung in der Postmoderne das Thema Identitätspolitik abgehandelt, im vierten ein Heimatbegriff erläutert. (Dorns Überlegungen zu »Mikroaggressionen« und »Political Correctness« übergehe ich, sonst rege ich mich zu sehr auf.)

Die Vorstellung von Kultur, Identität und Heimat, die dabei entwickelt wird, ist eine mehrschichtige: Ähnlich, wie die deutsche Kultur als ein harter und erfreulicherweise weltanschaulich neutraler Kern von »Leitzivilität« gedacht wird, um den sich bestimmte nicht austauschbare kulturelle Bestände gruppieren, die wichtiger sind als andere, konzipiert Dorn auch die persönliche Identität des Einzelnen und seine Heimat (das heißt: Deutschland als kulturellen Ort) als plastische, sich mit ihrer Umwelt austauschende, aber dennoch zentrierte und mit einem Kern versehene Strukturen. Die Kerne sind dabei, wie mehrfach erwähnt wird, nicht definierbar, sondern höchstens konstellativ aufzeigbar, und scheinen für Dorn irgendwie phänomenologischen Grundkategorien ähnlich (121) und an sinnliche Schlüsselerlebnisse à la Madeleine-Episode gekoppelt (137 – und tatsächlich, auf 143f. kommt dann der Proust-Bezug, vorhersagbar wie das schlechte Wetter in der Kölner Bucht). Über solche Kerne zu verfügen sei dabei unter anderem Grundbedingung für individuell sinnerfülltes Leben, wahre Kreativität und die gute Einrichtung eines politischen Gemeinwesens. Eine radikale Neuerschaffung solcher Kerne ist unmöglich – man muss sich immer schon, und sei es im Modus des Verlusts, auf sie beziehen können.

In den folgenden Kapiteln wird dann, wieder sehr weitschweifig, anhand einer Vielzahl locker gestreifter theoretischer Quellen gezeigt, warum Europa, wie es heute als politische Realität um die EU herum existiert, sowie die Welt als kosmopolitisch verstandene nicht als Heimatböden taugen sollen (übrigens genauso wenig wie autochthon verstandene Kleinregionen, 174f.). Der heterogene, aber irgendwie kulturell zentrierte Nationalstaat, speziell der deutsche, der für sie seine wahre Wurzel im Bildungsbürgertum des 18. Jahrhunderts hat, ist für Dorn der einzige gangbare Identifikationsgegenstand, der kulturelle Identität und Heimat auf einen Nenner bringt. Dafür müssen einige Randbedingungen stimmen, und es gereicht der Verfasserin zur Ehre, dass sie feststellt, dass Liberalität, Westbindung, Verzicht auf originelle politische Entwürfe à la »Dritter Weg« und Unterlassen kraftmeiernder »Selbstverständigungen« dazugehören (245–271).

Das Fazit der kurzen deutschen Nationalgeschichte, die Dorn in Kapitel 7 abliefert, ist denn auch mehr oder minder: Allein das Bekenntnis zum Nationalstaat, als konstitutioneller, umverteilender und kulturell zentrierter aufgefasst (274) kann uns im gegenwärtigen Schlamassel retten. Dieses Bekenntnis soll dabei ein aufgeklärter Verfassungspatriotismus sein, wie Dorn ihn bei Thomas Abbt, C. S. L. von Beyer und W. A. Teller im 18. Jahrhundert begründet sieht (281 ff.), allerdings unterzogen von einer Vorstellung von Deutschland als »Kulturnation«, ganz konkret verstanden als Nation, in der Staat und Zivilgesellschaft Güter der Hochkultur nutzen, um integrative und solidaritätsstiftende Projekte zu veranstalten (303 ff.). Der Verfassungspatriotismus ist es, »der alle sonstigen Patriotismen vor Exzessen bewahrt« (312), während die Leitkultur das Volk bildend und einend mit Schubert-Liedern versorgt (313). (If you want a picture of the future, imagine Elke Heidenreich explaining concertos to teenagers – forever.)

Bis zum Schluss wurde mir dabei nicht klar, wie Dorn darauf kommt, dass ihr kultureller Kern, den sie so hochhält, ausgerechnet koinzidieren muss mit dem, was seit jeher im Elitendiskurs als deutsche Kultur gehandelt wird, und das, obwohl oder gerade weil sie sich mit deutscher Alltagskultur anscheinend umfänglich befasst hat. Deutsche Kultur ist für mich z.B. die hartnäckige Heterogenität der Nahverkehrstarife. Oder, unvergleichlich: wenn man im Hotel »Emshof« in Warendorf, wo die Zeit je nachdem, in welchem Raum man sich aufhält, seit 40 bis 90 Jahren stillzustehen scheint, eine armselige zweiseitige Speisekarte in Klarsichthülle mit ca. zehn Hauptgerichten und weder Vorspeisen, Desserts noch Getränken vorgelegt bekommt und entmutigt etwas bestellt, nur um festzustellen, dass alle Hauptspeisen spektakulär gut sind und kommentarlos mit Hochzeitssuppe als Vor- und Herrencreme als Nachspeise serviert werden. Dagegen kann ich auf Thomas Mann ganz gut verzichten – und auch darauf, wenn die ungeheuer belesene Enkelin einer Vorderpfälzerin erklären möchte: »[S]teckt im Pfälzer Wort für Kartoffel, der ›Krummbeere‹, nicht ein verhunztes französisches ›pomme de terre‹?« (139), was der größte Quatsch zum Thema französische Sprache ist, den ich lesen musste, seit Byung-Chul Han sich offiziell dazu bekannt hat, den Unterschied zwischen »bonheur« und »bonne heure« nicht zu kennen.

Dorn macht ihren Staat aber mit Thomas Mann, mit dem Hambacher Fest, mit der Konsensgeschichte der Berliner Republik dazu, was deutsch ist; die Leitidee, dass dieser Konsens die Tiefenstruktur von Deutschsein treffe, hinterfragt oder begründet sie nicht. Der Tiefenkern wird als Ressource postuliert, ohne die der Verfassungspatriotismus nicht funktioniere, und ohne den auch individuelle Autonomie, gedacht als die Persönlichkeitsbildung leitende Selbstgesetzgebung, nicht zu haben sei. Warum muss es aber gerade die konkrete deutsche Verfassung sein? Warum müssen es die hegemonialen kulturellen Inhalte sein? Konkret: Was spricht dagegen, Dorns Muster zu verallgemeinern und zu sagen: Gesellschaften und Individuen sollten über einen liberalen, universalistischen Regelrahmen für ihr Handeln verfügen und auf als bedeutsam anerkannten kulturellen Inhalten operieren – ganz gleich, wie viel oder wie wenig Nation dahintersteckt, geschweige denn, welche? Die Antwort kann Dorn nicht geben, weil sie sie bereits voraussetzt. Ihr Buch argumentiert nicht für deutschen Patriotismus; es argumentiert aus der Position heraus, dass Patriotismus und eben auch deutscher Patriotismus aus gewissermaßen existenziellen Gründen unverzichtbar sei, für eine bestimmte Form von deutschem Patriotismus (vermutlich immerhin tatsächlich für die brauchbarste). Wer die Sinnhaftigkeit von Patriotismus überhaupt hinterfragt, wird in diesem Werk nichts finden, was argumentativ vom Gegenteil überzeugen könnte.

– Zuletzt noch einmal zum Stil. Länger habe ich darüber nachgedacht, warum mich der aufgekratzt muntere Plauderton des Buches so stört. Ist es das Thema? Gönne ich diesen Ton nur englischsprachigen Sachbüchern? Sind es meine Vorurteile über die (mir zuvor fast unbekannte) Person Thea Dorn, hat das Lästern über sie als Galionsfigur einer bestimmten Art von Kulturbetrieb auf mich abgefärbt?

Mir ist dann aber aufgefallen, dass es nicht einfach der Ton ist, sondern der Ton in Verbindung mit der Sprechhaltung. Wenn Dorn sich auf Seite 55 über jene empört, denen die Erinnerung an die deutschen Verbrechen lästig ist, schafft sie dies nicht, ohne emphatisch festzustellen, dass Bilder der Shoa ihr, ihr, Thea Dorn persönlich, das Herz zerreißen, wo Empfindsamkeit doch eine der »nobelsten deutschen Tugenden« sei. Es passiert wenig in diesem Buch, ohne dass Thea Dorn sich je selbst als herausragendes Exemplar des Erwünschten zeichnet.

Zugleich passieren dabei unfassbare Fehlgriffe, wenn die Verfasserin etwa Ernst Moritz Arndt darin zustimmt, dass »ein übersteigerter Kosmopolitismus zur Lähmung aller gestalterischen und bildenden Kräfte führen« könne (125), ohne dies irgendwie einzuordnen. Da darf dann wenig später auch das Schimpfen auf die »›Heuschreckenschwärme‹ des »globalen Finanzkapitalismus« (129) nicht fehlen. Ja, ganz recht: Thea Dorn plädiert in der Tat für heimatliche Verwurzeltheit und gegen kosmopolitisches »Nomadentum« (sic!, 129), bezieht sich zustimmend auf einen Antisemiten, nutzt strukturell antisemitisches Vokabular und schafft es zugleich, stolz auf ihren adornitischen Namen und ihr Angetansein von der eigenen Verstörung über den Holocaust zu sein. Auch Turnvater Jahn (225) findet in ihr eine Fürsprecherin. Ein Bild von einer Deutschen! Eine bessere Autorin konnte dieses Buch nicht finden.

Ein Letztes noch: Deutsch, nicht dumpf ist zwar über weite Strecken eine Abhandlung, die sich auf eine Primärquelle nach der anderen bezieht und auch viel wörtlich zitiert, enthält aber keine einzige Fußnote, keinen einzigen Literaturbeleg, keine Bibliographie, noch nicht einmal ein Personenregister. Das Buch endet, seinem Gegenstand und seiner Haltung angemessen – nachdem es festgestellt hat, dass man für Deutschland, wenn auch »postheroisch«, sterben wollen und Deutschland lieben darf – mit dem Deutschlandlied (schauen Sie ruhig selbst nach). Man kann Thea Dorns Namen auf dem Umschlag also gewissermaßen als performativen Widerspruch lesen – denn was immer man von Theodor W. Adorno hält: dass jemand Bücher schreibt, die man ungeprüft hinnehmen und an deren Ende man innerlich die deutsche Nationalhymne absingen soll, wird er vermutlich nicht gewollt haben.

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Bernhard Heinzlmaier – Performer, Styler, Egoisten

Wer weiß, dass alles immer schlimmer wird, muss erklären können, warum die heranwachsende junge Generation daran nichts ändern wird. Eine pessimistische Beschreibung einer Gesellschaft erfordert notwendigerweise stets eine negative Beschreibung ihrer Jugend. Bernhard Heinzlmaiers Buch Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben (Archiv der Jugendkulturen Berlin, 3. Auflage August 2013, 202 S.) bietet insofern, wenn auch nicht mehr ganz taufrisch, die methodische Ergänzung zu Robert Pfallers und K. P. Liessmanns Werken, die ich in den ersten beiden Teilen dieser Trilogie rezensiert habe. (Übrigens beziehen sich sowohl Pfaller als auch Heinzlmaier wiederholt auf Liessmann.)

Dass es seit mindestens über 40 Jahren (Tom Wolfe, The »Me« Decade and the Second Great Awakening, 1976) zur intellektuellen Geräuschkulisse der westlichen Industriegesellschaften gehört, die Jugend als egozentrisch und narzisstisch zu kritisieren, habe ich bereits in der Liessmann-Rezension angemerkt. Letztlich handelt es sich dabei um die aktuelle Akzentuierung der mindestens bis ins 5. Jahrhundert vor Christus (Aristophanes, Die Wolken) zurückgehenden Beschwerden über die Jugend von heute. Heinzlmaier liefert in seinem Buch ähnlich wie Pfaller eine ausgearbeitete Darstellung der vollständig ökonomisierten, »neoliberalen« Gesellschaft, in der wir seiner Meinung nach leben, und ordnet verschiedene mehr oder minder empirisch begründete Beobachtungen über die Jugend v.a. in Österreich in dieses Bild ein, die, wie der Titel schon andeutet, durchweg auf Narzissmus und Egozentrik abheben.

In groben Zügen sieht dieses Bild so aus (7–44): In der neoliberalen Marktgesellschaft ist das Bildungssystem bis auf unbedeutende Restbestände darauf reduziert, Individuen fachspezifisch und technisch auszubilden, damit diese in der Arbeitswelt als unternehmerisch agierende Monaden den Kampf aller gegen alle erfolgreich bestreiten können. Ob Erfüllung durch die eigene Arbeit dabei etwas ist, was den Massen vorenthalten wird (»Nur den Bildungseliten gelingt es noch, Arbeit und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden«, 10) oder etwas, womit diese sediert und angetrieben werden (»Nun genügt es nicht mehr, dass der Arbeitnehmer seine Arbeit einfach erledigt, er muss sie auch gerne tun«, 20), weiß Heinzlmaier dabei selbst nicht so genau, und es ist ihm auch nicht so wichtig. Der moralisch spätestens seit der Finanzkrise diskreditierte Kapitalismus hat jedenfalls aus der Gesellschaft ein reines Schmierentheater gemacht, in dem es um nichts mehr geht außer um persönliches, materielles Vorankommen, und alle wissen, dass alle lügen.

Der empirische Befund, der ab Seite 45 darstellt wird, ist interessanter: Die Jugend zerfällt nach Heinzlmaier in verschiedene Populationen, die fast nichts mehr miteinander gemeinsam haben; insbesondere gibt es eine quasi unüberwindliche Kluft zwischen Studierenden bzw. Studierten und nicht akademisch Gebildeten, und ca. ein Zehntel der jungen ÖsterreicherInnen kann als völlig abgehängtes Prekariat gelten, das die neoliberalen Institutionen nicht einmal mehr in den Arbeitsmarkt integrieren wollen (46f.). Kommunikations-, Freizeit- und Konsumverhalten der Jugend sind geprägt von losen Vernetzungen ewig Rollen spielender, sich bewusst selbst inszenierender Individuen, nicht mehr von starken gemeinschaftlichen Bindungen. Die konkreten Einzelbeobachtungen Heinzlmaiers sind dabei durchaus erhellend: So ist die mit Abstand größte Jugendszene Österreichs und Deutschlands die Fitness-Szene (109f.). Die Interpretationen der Befunde scheinen mir als Laie teils zweifelhaft, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, alle »szenigen« Jugend-Freizeitbeschäftigungen wie Snowboarden, Autotuning oder Social Media seien durchweg kompetitiv, überall müsse es Gewinner und Verlierer geben und so etwas wie »solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Handeln« (103) gebe es nicht mehr. Die aufgebotenen Theorieapparate stammen wieder einmal hauptsächlich aus den 70er/80er-Jahren (Ulrich Beck, Richard Sennett usw.).

Was Heinzlmaiers Werk durchweg nicht klar beantwortet, ist die Frage danach, inwieweit der angebliche Narzissmus, Egoismus, die Tugendferne (158), die sich darin ausdrücke, dass Gemeinschaft nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Mittel angesehen werde, universell oder bloß ein Milieuphänomen ist. Wenn er feststellt, dass unter Wiener Lehrlingen 35 % es gutheißen, dass ein ÖVP-Politiker seine Position zur Bereicherung ausgenutzt hat, unter höher Gebildeten jedoch nur 8 % (162), und im Weiteren große Unterschiede im Wertebezug zwischen FPÖ-Milieu und anderen Milieus konstatiert (166f.), liegt doch der Schluss nahe, dass das eigentliche Problem weniger ein allgemeines Außermodekommen gemeinorientierten Denkens und Handelns als vielmehr das Entstehen mehr oder minder sozialdarwinistisch denkender Soziotope und Subkulturen sein könnte. Die Beschreibung des Befundes als allgemeine Verfallsgeschichte wird auch dadurch in Frage gestellt, dass Daten dazu, dass es früher einmal besser gewesen sei, weitgehend fehlen.

Der Band hinterlässt bei mir insgesamt einen schalen Nachgeschmack: Ein Hagel von Theoretikernamen, Beobachtungen und Schlagworten für den sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte zieht an einem vorbei, aber jenseits der Feststellung, dass es irgendwie schlecht um die Jugend bestellt ist, bleibt das Gesamtbild diffus und wenig schlüssig. Ärgerlich ist an diesem Buch, das sei noch gesagt, dass es schlecht korrigiert ist und daher diverse peinliche Fehler enthält (»Hyprid«, 26). Zur Einordnung von Heinzlmaiers Forschung empfehle ich die Lektüre eines Interviews aus dem letzten Jahr in der Wiener Zeitung, das die subjektive Motivation erkennen lässt: Hier ist wieder einmal jemand unterwegs, der eine echte oder imaginierte »68er«-Jugendkultur als Maßstab zur Abwertung der Gegenwart heranzieht. Dass Heinzlmaier sich zumindest offen zur Misanthropie bekennt, die ihn dabei antreibt, kann schon fast wieder als sympathisch gelten.

Diese Rezension ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie von Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Bernhard Heinzlmaier über Jugendkultur behauptet

  • »Siedler« und »World of Warcraft« erziehen spielerisch zu ökonomischem und kolonialem Denken (19f.); vermutlich verwechselt Heinzlmaier hier Warcraft/Warcraft 2 und WoW.
  • »Oper, instrumentale Kunstmusik und in neuerer Zeit auch Jazz und Chanson sind die zentralen Bestandteile der legitimen Musikkultur. Im Gegensatz dazu werden Kompetenzen, die sich junge Menschen bezüglich der populären Kultur […] aneignen, weder gewürdigt noch repräsentieren sie einen Statuswert« (86).
  • »Selbst die [Fußball-]Ultras instrumentalisieren die Gemeinschaft nur mehr dazu, um ihre narzisstischen Selbstdarstellungs- und Selbstverwirklichungsinteressen realisieren zu können. Also auch hier sind sie vorbei, die Zeiten des einer für alle und alle für einen« (110).
  • »Es ist offensichtlich, dass die Wertesynthese im Sinne von Helmut Klages und Aristoteles unter Jugendlichen genau so wenig gelingt wie unter Erwachsenen.« (158)
  • »Die Tätowierung der Ehefrau eines Spitzenpolitikers kann ausschlaggebender für den Wahlerfolg sein als das Programm, das er vertritt.« (183)

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Konrad Paul Liessmann – Bildung als Provokation

Bereits auf der zweiten Vorwortseite von Bildung als Provokation (Zsolnay 2017, 244 S.) spricht K. P. Liessmann von dem »in einem klassischen Sinne Gebildete[n]« im Irrealis. Es gibt ihn nicht mehr, diesen Gebildeten; und gäbe es ihn noch, wäre er ein Zumutung für uns. Das ist die These des Aufsatzes, der dem Band seinen Namen gibt.

Es handelt sich in der Tat wieder einmal (wie bei Greiner und Pfaller) um einen uneingestandenen Sammelband – ehrlicherweise müsste etwas wie »18 vermischte Aufsätze, 2013–2016« auf dem Umschlag stehen. Immerhin gibt es am Ende einen Drucknachweis. Mit Bildung im engeren Sinne beschäftigt sich nur das erste Drittel; der Rest wurde aufgefüllt mit mehr oder minder passenden Texten, die sich z.B. mit Händen, Abfall, Innovation, Grenzen, Sozialdemokratie und bürgerlicher Politik befassen. Letztere beide Aufsätze sind dabei hervorgegangen aus Reden bei den Parteitagen der SPÖ 2014 und der ÖVP 2015. (Wäre Vergleichbares, dass also derselbe Philosoph beim SPD- und ein Jahr später beim CDU-Bundesparteitag spricht, in Deutschland möglich? Vermutlich ja – man möchte gar nicht darüber nachdenken.) Die Parteitagsreden in beiden traditionellen Lagern dürfen als symptomatisch gelten: Liessmann weiß einfach zu allem etwas zu sagen. Doch dazu am Schluss mehr.

Die Verkürzung des Titels »Belesenheit. Literarische Bildung als Provokation« (13–25) zum Titel des Bandes ist programmatisch. Auch wenn Liessmann ab und zu Bildungsgegenstände benennt, die nicht irgendwie literaturförmig sind – wenn er von Bildung spricht, meint er Belesenheit, definiert als je individuelles Gemachthaben lebens- und persönlichkeitsverändernder, einsamer Leseerfahrungen mit einer relativ großen Menge kanonisierter Werke, die »durch [ihre] pure Existenz den Grund für [ihre] Rezeption« darstellen (19; siehe auch Anhang). Zur Provokation wird Belesenheit nun deswegen, weil es Liessmann zufolge nicht nur so sein soll, dass Schul- und Hochschulsystem keinen Wert mehr darauf legen, Belesene hervorzubringen, sondern dass sie sogar aktiv verhindern wollen, dass sich in ihrem Rahmen mit Literatur beschäftigt wird.

Liessmanns Überlegungen dazu im titelgebenden und in den folgenden Aufsätzen prägt folgender Gedankengang: Belesenheit ist primär zweckfrei (dass sie sekundär segensreiche, von Liessmann eher übertriebene als heruntergespielte Auswirkungen haben kann, stellt er jedoch nicht in Zweifel); sie kann darum nicht planbar und prüfbar unterrichtet werden. Deswegen wird sie wiederum zwangsläufig stets ein Minderheitenphänomen bleiben; und ein auf die Erzeugung von Belesenheit ausgerichtetes Bildungssystem ist daher nicht dazu geeignet, soziale Gleichheit herzustellen.

Die Weltbeschreibung, die er als Kontrastfolie bringt, ist dabei abgeschmackter Feuilletonstandard, üblichstes Bologna-, Digitalmedien- und Didaktikbashing, wie es gefühlt alle 14 Tage irgendein mittelalter Herr aus Lehre und Forschung in der FAZ abliefert. Auch die seit spätestens 1976 pausenlos geführte Klage über den Narzissmus der jungen Generation darf nicht fehlen. Jedes nähere Wort dazu wäre zu viel, man hat das alles schon oft genug gelesen. (Interessant übrigens, dass zwei von Liessmanns wichtigsten Kronzeugen Publikationen von Christopher Lasch 1982 und von Heinz-Joachim Heydorn 1970 sind – ähnlich wie bei Robert Pfaller, der seine »Gegenwartsdiagnose« u.a. bei Richard Sennett 1977 und an Sprachtrends aus der Zeit der Ölkrise anknüpft.) Es wird auch nicht überraschen, dass Liessmanns Position dazu, was zum Bildungskanon gehören sollte, weithin eine der schicksalsergebenen Reflexionslosigkeit ist – Werke rufen, wie oben bemerkt, rein intrinsisch danach, rezipiert zu werden, und wenn dann eben fast ausschließlich Werke von lange toten Männern rufen (siehe wiederum Anhang) und z.B. (um nur ein winziges Beispiel zu nennen) keine Werke, die diesen Werk- und Kanonbegriff selbst irgendwie kritisch aufnehmen, dann ist das eben so, point final. Immerhin plädiert der Verfasser für eine Europäisierung des Kanons und damit implizit gegen die Ausrichtung von Bildung an Nationalliteraturen (23–25).

Es lohnt sich dennoch, zu überlegen, was die praktischen Konsequenzen von Liessmanns Argument sind. Wenn er Recht hat, dann sollte es doch vielleicht Ziel des Bildungssystems sein, dass fachlich hochqualifizierte Lehrkräfte mit gebotener Muße, ohne Didaktisieren und ohne Herumkritteln am Kanon, möglichst vielen die Chance eröffnen, klassisch belesen zu werden? Die Vorstellung einer Art humanistischer Einheitsschule drängt sich auf; man mag auch an Schulutopien denken, wie ich sie vor vielen Jahren bei einem Vortrag von Hartmut von Hentig in Marburg hören durfte (Schüler renovieren eigenständig ein altes Bauernhaus und berichten abends am Lagerfeuer in lateinischen Versen) – oder an das sehnsuchtsvolle Bild, das für viele hierzulande die Bachelor-Programme der großen amerikanischen Colleges darstellen, wo Studierende nicht selten 400 Seiten Lesepensum pro Woche haben und durchaus im Mathematikunterricht Euklid im griechischen Original bearbeiten. Gleichzeitig spricht sich Liessmann jedoch engagiert ebenso gegen die Vorstellung von Beeinflussbarkeit von Chancen wie gegen die Vermehrung höherer Schul- und Studienabschlüsse aus – in der (von ihm hart kritisierten) Wettbewerbsgesellschaft sei es Augenwischerei, Wettbewerb und Selektion erst nach dem Schulabschluss beginnen zu lassen (47ff.). Dass der Erwerb echter Bildungserfahrungen bestimmte ungleich verteilte Fähigkeiten erfordern möchte, die man vielleicht versuchen sollte, grundständig kompetenzorientiert zu unterrichten, taucht nicht auf. Liessmann spielt sogar mit dem Gedanken, dass es aufgrund der Verwurzelung des klassischen Bildungskanons in spezifischen Vergangenheiten unvermeidlich und möglicherweise sogar wünschenswert sein könnte, dass echte Bildungserfahrungen nur aus einer bestimmten Herkunft heraus gemacht werden könnten (51f.).

Arbeitet man sich durch die sechs lose verbundenen Aufsätze im Bildungsteil des Buchs, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Verfasser sich letztlich schlicht bis ins Detail das Bildungssystem, das er in seiner eigenen Jugend erlebt hat, zurückwünscht, vielleicht in einer europäisierten und idealisierten Form. Dafür spricht auch weiter hinten der hymnische Ton der Erinnerung an die eigene Maturaprüfung in Villach 1971 (113 ff.). Ohnehin – die Weise, in der Liessmann sich gleichzeitig als Person halbherzig aus der Argumentation heraushält, ständig durchblicken lässt, dass er selbst ein Exemplar des für ausgestorben erklärten belesenen Gebildeten darstellt, und dabei darauf beharrt, »man« (also: auch alle, die sein Buch lesen) empfinde solcherlei echte Bildung heutzutage als unangenehm, ist eben das: höchst unangenehm. Die Selbstüberschätzung spricht auch daraus, dass Liessmann gleich zu Anfang dem klassisch Gebildeten zuerkennt, er wisse »auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen« zu trennen (8), und über den gesamten Band hinweg immer wieder gegen die Ausbildung zu Digitalkompetenzen polemisiert – als wäre nicht das tagtäglich zu beobachtende Hereinfallen klassisch gebildeter mittelalter bis älterer Herren, aus Dresden oder anderswo, auf die billigsten Lügen von Extremisten die praktische Widerlegung seiner Wunschvorstellung (die bedenkliche Rede von der »Zensurbehörde« möchte ich erst gar nicht anfassen, genauso wenig sein Polemisieren gegen gendersensible Sprache u.Ä.).

Während das faktische Plädoyer für Theorie und Praxis einer konservativen Bildung immerhin noch konsistent, gehaltvoll und streckenweise sympathisch daherkommt, ließen mich die Aufsätze in den beiden hinteren Dritteln des Buches öfters mit dem Kopf schütteln. Insbesondere die Texte zu Abfall (140–151) und jener mit dem sprechenden Titel »Unsere Grenzen. Zwischen hier und dort« (202–210) rangieren hart an, wenn nicht jenseits der Grenze zur Belanglosigkeit; sie erinnern stilistisch an die Textsorte, die man gerne liberalen evangelischen Geistlichen zu Satirezwecken in den Mund legt:

Grenzen signalisieren deshalb ihrer Logik nach immer Folgendes: Hier ist dieses, aber dort ist jenes. Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb, an das zu denken, was hinter der Grenze liegt – eine Gefahr, eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. Gerade dort, wo Grenzen gezogen werden, um etwas ein für alle Mal abzugrenzen, wird dies nie gelingen. Denn jedem, der an einer Grenze steht, stellt sich diese eine Frage: stehen bleiben oder weitergehen. (206f.)

Der titelgebende erste Teil des Buches ist sicherlich der stärkere, aber auch er hält sich im Grunde vollständig im Rahmen gewohnter konservativer Kultur- und Bildungskritik. Dass Liessmann gerne gegen »Sonntagsreden« polemisiert, wirkt selbstironisch – hat er doch genau das abgeliefert: ein Buch voller Sonntagsreden.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Von Konrad Paul Liessmann konkret gutgeheißene Kulturgegenstände bzw. Bildungsinhalte

Adorno, Altgriechisch, Anders (Günther), Antike (griechische), Architektur, Arendt, Balzac, Beethoven, Berg (Alban), Beuys, die Bibel, Biologie, Büchner, Bude, Cervantes, Crouch, Dahrendorf, Dante, Dostojewski, Epiktet, Feuerbach, Flaubert, Fontane, Freud, Goethe, Hegel, Heidegger, Hobbes, Homer, Horkheimer, Humboldt (Wilhelm), Ibsen, Kant, Kazantzakis, Kierkegaard, Latein, Lessing, Literatur, Lübbe, Lyrik, Mann (Thomas), Marx, Mathematik, Mendelssohn (Moses), Mommsen (Wolfgang), Musil, Mythen (griechische), das Nibelungenlied, Nietzsche, Ott (Konrad), Petrarca, Physik, Platon, Proust, Raffael, Rilke, Ritter (Joachim und Henning), Rorty, Rousseau, Sandel, Schiller, Shakespeare, Spaemann, Staatskunst, Vergil, Voltaire, Wagner, Walter (Franz), Weber, Wolfram von Eschenbach, Zola

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David Foenkinos – Lennon

David Foenkinos hat ein paar von vielen viel, von mir bisher wenig beachtete Bücher geschrieben. Seine Bücher erscheinen in 40 Sprachen, sagt mir Wikipedia, und er selbst im Interview ist auch der Meinung, dass sein neustes Werk Lennon gelungen sei, schließlich verkaufe es sich ja gut. Bestechende Logik, trotzdem schlechtes Buch.

Schlecht ist dabei natürlich ein hartes Wort, es sind immerhin keine Schreibfehler drin, es hat einen Anfang und einen Schluss, es passiert etwas in der Mitte und es ist wohl inhaltlich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, aber irgendwie will man häufig ja doch ein bisschen mehr.

Der Inhalt ist schnell umrissen. In Lennon liegt ein fiktiver John Lennon in achtzehn Sitzungen auf der Couch eines Therapeuten und erzählt in Ich-Form ununterbrochen sein gesamtes Leben; ununterbrochen, da der Therapeut oder die Therapeutin kein Wort sagt. Unterbrechend sind nur kurz die Enden der fiktiven Sitzungen und am Ende Lennons Tod.

Lennon von David Foenkinos

Der Aufhänger ist dabei natürlich schon ein bisschen billig. Wo erzählt man sein Leben, wenn nicht beim Therapeuten, wird sich Bestseller-David gedacht haben. Das naheliegende Setting würde man gern verzeihen, wenn daraus irgendetwas gemacht würde. Die größtenteils vater- und mutterlose Kindheit, das Leben bei der Tante, der frühe Unfalltod der Mutter, lebenslanger Ruhm, Beatlemania etc pp all dies hätte sagenhaften Stoff gegeben, die Erzählung tiefer gehen zu lassen. Foenkinos lässt Lennon aber einfach nur erzählen und sich zwischendurch kurz selbst analysieren, was aber auch nicht über “das ist für Sie bestimmt ein interessantes Detail” hinausgeht. Kreativität sieht dann doch anders aus.

Lennon als Figur ist dabei je nach dem eine denkbar dankbare oder undankbare Person, die man als den Mittelpunkt eines solchen Buchs wählen kann. Ein umfangreiches Werk, eine gut bekannte, aber schwere Kindheit, wilde Jahre in Hamburg, absurde Jahre mit der größten Band der Welt und eine absurde Liebe zu einer absurden Frau, die heute Hamburger Kneipen abmahnt. David Foenkinos verarbeitet dabei, soweit ich das überblicken kann, alles fein säuberlich was bekannt und belegbar ist. Was anderen Autoren dieses Genres – die unbekannten Lücken mit Leben füllen, mit der Geschichte spielen, sie weiterentwickeln, Erklärungen finden – versucht David Foenkinos dagegen gar nicht erst.

Die große Frage bleibt daher während der ganzen Lektüre: Warum sollte ich das lesen? Mir fällt leider kein guter Grund ein. Lennon ist so unterhaltsam und inspirierend wie der Wikipedia Artikel Johns, nur das letzterer mehr Bilder hat. Will man sich Hintergrundinfos zum Chefbeatle reinziehen, eignen sich Bücher wie die Lennon Biographie von Philip Norman eher. In meinem Fantum habe ich sogar die Biographie seiner ersten Frau Cynthia gelesen und die würde ich mir eher ein zweites mal zu Gemüte führen als noch einmal den Lennon von David Foenkinos.

“Ich bin ein riesiger Fan seiner Songs”, sagt der Autor, “sie sind perfekt, einfach und stark zugleich, sie gehen leicht ins Ohr und sind doch ungemein komplex.” Das alles kann man über dieses Buch nicht sagen.

Beitragsbild: Von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2301 – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079241

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