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Kategorie: Verrisse

Simon Strauß – Sieben Nächte

Sobald die Tage länger und wärmer werden, kann man überall – leider auch in Zügen, wo ein Entkommen besonders schwierig ist – ein besonders nerviges Naturschauspiel beobachten: Kleine Gruppen von jungen Männern oder Frauen ziehen sich alberne Sachen an, betrinken sich sehr und gehen in der Gruppe anderen, völlig unbeteiligten Leuten auf die Nerven. Es handelt sich natürlich um: Jungesell/innenabschiede. Kaum eine Hochzeit kommt ohne sie aus, denn bevor man in den Hafen der Ehe einschippert und also ein geregeltes Leben führt, möchte man die Regel noch einmal so richtig überschreiten. Das ist natürlich Unsinn: Schon die Verletzung der Norm, also der Jungesell/innenabschied, ist selbst so normiert, dass er gar keine Norm verletzten kann, sondern die Norm nur bestätigt. Vor der Hochzeit hat man – so will es die gesellschaftliche Norm – sich in der Gruppe zu betrinken, fremden Leuten Kondome und Schnäpschen zu verkaufen und am Ende im Stripclub zu landen. Selbst der Exzess, selbst der Ausbruch aus der Norm ist normiert.

Und genau dasselbe gilt für „Sieben Nächte“ von Simon Strauß: Es ist ein Buch wie ein Junggesellenabschied. In diesem „Manifest“ und „Generationenroman“, wie dieser Roman ja schon euphorisch bezeichnet wurde, will ein junger Mann an der „Schwelle zum Erwachsenenleben“, also vor seinem 30. Geburtstag, bevor sein Leben in geregelte Bahnen gebracht werden wird, „den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen“ (S. 20), oder wie es dann am Ende des Buches plötzlich heißt: eine „Reifeprüfung“ bestehen. Es wird zwar nirgends zuvor mal deutlich, dass es sich um „Prüfungen“ handeln soll, es erschließt sich auch nicht so recht, wie mit dem Kram, den der Erzähler da so macht, irgendeine Reife geprüft werden oder entstehen soll, die Idee wirkt seltsam brüchig, so als hätte man die Idee der „Prüfung“ am Ende irgendwie dem ganzen aufgesetzt, ohne dann noch einmal zu schauen, ob das überhaupt zum Rest passt. Aber was soll’s.

Dass es sich um einen Generationenroman handeln soll, wie wohl der Autor, der Verlag und mehrere Literaturkritiker meinen, ist natürlich Blödsinn: Nur jemand, der wirklich noch nie über den Tellerrand des eigenen akademischen Milieus geblickt hat, kann glauben, dass eine ganze „Generation“ erst mit 30 auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und dass das Problem dieser ganzen Generation zu viel Sicherheit ist. Ein großer Teil dieser Generation – wie im Buch ja aber deutlich wird, ist dieser Teil der Menschheit ja ohnehin berechtigterweise einfach als Arbeitssklave zu betrachten, der halt den Preis dafür zahlen muss, dass so schöne, kluge Bücher wie dieses hier geschrieben werden können (vgl. S. 93) – ist mit 30 schon seit Jahren mit der Lehre oder Ausbildung fertig und im Beruf, auch die Absolventen von G8 und Bachelor-Studium sind seit Jahren im Beruf, viele haben schon Kinder, und ein gar nicht unerheblicher Teil hat weder berufliche Sicherheit noch ist er dieser überdrüssig. Ein Buch wie „Sieben Nächte“ kann nur jemand schreiben und jemand als Generationenroman sehen, der aus einem Milieu stammt, dass es sich leisten kann, lange zu studieren, und einen Beruf in dem Wissen anfängt, ohnehin durchzukommen, weswegen er eigentlich nur die Freiheit, die man ja hat, einschränkt, nicht diese überhaupt erst ermöglicht, wie es bei Menschen außerhalb dieses Milieus der Fall ist. Es ist ein Milieuroman, kein Generationenroman, und das Milieu, aus dem er kommt, hat den Kontakt zur Realität außerhalb des eigenen Milieus anscheinend weitgehend verloren.

Aber sei’s drum: Jedenfalls geht der Erzähler um seines wilden Aufbäumens willen einen Pakt mit einem Bekannten ein: Er muss in sieben Nächsten jeweils die sieben Todsünden durchleben und danach dazu jeweils sieben Seiten aufschreiben. Und was macht er dann total Wildes, Exzessives, um „den festgelegten Ablauf noch einmal zu durchbrechen“? Erst springt er an einem Sicherheitsseil von einem Hochhaus, dann isst er viel Fleisch, dann bleibt er einfach mal zuhause, besucht ein Pferderennen, schmollt in der Universitätsbibliothek, besucht maskiert eine Swingerparty und fährt dann beleidigt im Auto eines Freundes mit. Um das also noch einmal zu paraphrasieren: Er besucht erst ein Jochen-Schweizer-Event, isst dann viel Fleisch, um ein Mann zu werden (S. 51) – eine Idee, die so normiert ist, dass man sie in Form des Magazins BEEF an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann – tut dann mal nichts und sich dabei sehr leid, besucht völlig reguläre Veranstaltungen mit völlig geregeltem Ablauf (Pferderennen, Swingerpartys der Oberschicht), und das sollen die sieben Todsünden sein. Nirgends wird eine Norm überschritten, nirgends geht der Erzähler auch nur ernsthaft ein Risiko ein, alles passiert mit Sicherheitsschnur oder Maske, damit auch ja nichts von dem, was passiert, irgendeine Folge haben könnte. Und so ist es ja dann auch kein Wunder, dass der Erzähler am Ende keine Veränderung bewirken konnte (vgl. S. 134) – wie soll er denn auch, wenn der Autor ihn so bumslangweilige Sachen machen lässt? Wenn das ein Generationenroman wäre, wäre das doch ein sehr trauriges Zeugnis für eine Generation, der nicht einmal mehr einfällt, wie man eine Norm eigentlich überschreiten könnte. Es ist eben – wie bereits geschrieben – ein Roman wie ein Jungesellenabschied. Man möchte ein bisschen Exzess, sich ein bisschen besaufen, damit man sein Leben lang erzählen kann, wie man da aber mal einen drauf gemacht hat – in Wahrheit macht man aber nur das, was alle machen, hat dieselben Geschichten zu erzählen, die alle erzählen, weil einem nicht einmal einfällt, wie das gehen könnte: Mal richtig die Sau rauslassen. Wenn jedenfalls keine fünfzig Euro beim Galopprennen verwetten schon eine Todsünde sein soll, dürfte der Erzähler tatsächlich die langweiligste Figur der jüngsten Literaturgeschichte sein. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was einer solchen Figur erst einfiele, wenn sie in die Midlife-Crisis käme – vermutlich so etwas Außergewöhnliches wie: Sich ein Motorrad kaufen und eine Affäre mit einer jüngeren Frau anfangen.

Zumindest sollte man diesen Roman nicht in der Erwartungshaltung lesen, dass hier tatsächlich irgendwie der Versuch unternommen würde, irgendwie mal auch nur vorübergehend aus der Norm auszubrechen. Man sollte es aber auch nicht in der Erwartung lesen, man bekäme hier schöne, poetische Sätze zu lesen. Vielmehr ist das Buch sprachlich merkwürdig uneinheitlich – die ersten zwei Kapitel sind schwülstig, danach wird die Sprache erträglicher, ohne dass ich irgendein Konzept dahinter erkennen könnte, irgendeine Wandlung in der Figur des Erzählers, die diese sprachliche Entwicklung zum poetischen Mittel machen würde. Darüber hinaus ist es aber halt auch sprachlich einfach nicht gut gemacht, gerade am Anfang nicht.

Zum einen ist es fürchterlich geschwätzig. Der Autor hat sich eben nicht eine Formulierung überlegt, mit der er etwas ausdrücken möchte, vielmehr hat er halt einfach mal alles aufgeschrieben, was ihm so eingefallen ist, damit irgendwie alles in allem rüberkommt, was er so meint. Und so sind dann wohl Sätze wie diese entstanden: „Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. Nicht morgen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ (S. 27). Oder: „Habe ich mich eben noch groß und bedeutend gefühlt, bin ich jetzt kleiner als klein. Ein Nichts, ein Niemand.“ (S. 22) Man hatte ja schon bei der ersten Formulierung erfasst, worum es geht, und die synonymen Wiederholungen sind weder ästhetisch besonders ansprechend, noch inhaltlich zielführend, sondern schlicht: geschwätzig.

In diese Kategorie fallen dann auch die völlig überflüssigen, eigentlich nur die Belesenheit des Autors belegenden Zitatwolken:

„Ich schleiche nach Hause. Wieder ein Tag ohne Tat. Und wieder nur Träume von Verschwörung, Geheimbund und Heldentum. In Schillers Fiesco wird gewarnt, dass ‚unsere besten Keime zu Großem und Gutem unter dem Druck des bürgerlichen Lebens begraben sind.‘ In Bruckners ‚Krankheit der Jugend‘ sagt Desiree: „Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord.‘“ (S. 36)

Ist das jetzt Poesie, wenn man zu einem Schlagwort mal einfach Zitate aneinanderreiht, die Dinge sagen, die man selbst auch hätte sagen können? Die Zitate werden ja in diesem Roman nicht funktionalisiert, sie stehen einfach im Text. Es gibt andere Zitate, die in die eigene Sprache eingewoben wurden, die damit tatsächlich poetisch sind. Aber alle paar Seiten stehen da auch einfach schlicht schlaue Zitate dazwischen, als hätte der Autor am Ende mal auf aphorismen.de nach passenden Zitaten, die man noch dazwischenkleistern könnte, um schlau zu wirken, gesucht. Mein liebstes Beispiel, das für diese Deutung spricht, ist ja dieses:

„Früher war das Haus der Inbegriff des Arbeitsplatzes – Ökonomie heißt ja nichts anderes als das Gesetz des Hauses.“ (S. 59f.)

Endlich erklärt das dem Leser mal einer! Wirklich, sehr schön, sehr poetisch. So poetisch wie eine Vorlesung zum Thema „Fremdwort und Lehnwort“.

Und bei manchen Wörtern, die der Autor verwendet, wie „schleichen“, „schlurfen“, „unwirsch“ „schlohweiß“ und „milchweiß“ fragt man sich ja auch unweigerlich: Ach, die gibt’s noch, die darf man jetzt wieder verwenden, ohne sich den Vorwurf gefallen zu lassen, die eigene Sprache sei irgendwie abgedroschen? Auf S. 41 weicht dann „ein Blusenkleid“ aus, auf S. 19 liest sich der Roman so altbacken wie der Schreibversuch eines 16-jährigen, der versucht, in seinem Tagebuch große Literatur zu schreiben:

„Sie [gemeint ist die Angst] kann machen, dass ich in einer Nacht wie dieser plötzlich vom Tisch aufstehe und auf den Balkon gehe, schüchtern erst, mit unsicherem Gang. Der Regen ist stärker geworden, die Äste der Kastanie knacken im Wind. Oben auf dem Dach sitzen ein paar Krähen und schauen spöttisch auf sie herab: Keine Haltung, diese Äste, immer nur ein schwaches Fähnlein im Wind.“ (S. 19f.)

Man fragt sich, ob der Lektor dachte, dass das passt: Äste als Fahnen. Spöttische Krähen. Schüchternes auf den Balkon gehen nach plötzlichem Aufstehen. Oder das Bild zum verschütteten Wein: „der Traubensaft [Hallihallo, „Traubensaft“ ist übrigens kein Synonym für „Wein“, auch wenn es hier als solches verwendet wird. Hätte man ja merken können.] rinnt die Finger runter wie warme Sonnenmilch [wirklich, Wein rinnt wie Sonnenmilch? Das ist dann aber ein besonders dickflüssiger Wein.].“ (S. 44) Man fragt sich auch, ob der Lektor dachte, das passt, wenn der Erzähler auf die Trabrennbahn geht (so im „Glossar“), dort dann aber Galopprennen stattfinden. Man fragt sich, ob der Lektor dachte, das passt, wenn da steht: „Ich werde dort Weintrauben und Rosmarin wachsen lassen und kleine Wasserkübel im Boden installieren.“ (S. 31f.), und nicht etwa „Weinreben/Weinstöcke wachsen lassen“. Sowas hätte doch auffallen müssen.

Man fragt sich auch, ob der Autor wirklich dachte, das hier wäre ein stimmiger, klingender Satz, nicht einfach ein Hybrid aus 19. Jahrhundert und Umgangssprache: „Und die Furcht vor dem unfertigen Ausdruck macht uns die Herzen kaputt.“ (S. 31) Wirklich, sie „macht kaputt“? Und man fragt sich vor allem, wie so viele Leser und Kritiker diese Sprache poetisch finden können. Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass manche Stellen klingen wie ein Songtext von Casper oder wie ein Kalenderspruch, etwa: „Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 13). Ja, ich finde das auch ein bisschen beängstigend, wenn man die Angst vor der Konvention als Dichter nur so konventionell zum Ausdruck bringen kann. Und wenn ich mich fragen muss, ob der Erzähler sich eigentlich über eine Seite hinweg den eigenen Gedankengang merken kann, wenn er auf S. 93 noch die Arbeiter verachtet („Um die Mehrheit ging es noch nie, die hat immer schon geackert und geschuftet, damit die wenigen herrschen, malen und dichten konnten.“), sich dann aber schon auf S. 94 selbst als Arbeiter sieht: „Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage.“ Die herrschende, malende und dichtende Minderheit mit Stechuhr im Rücken. Ach so.

Da sind einfach wirklich zu viele Patzer passiert, was das Lektorat da gemacht hat, ob da überhaupt am Ende nochmal jemand drübergelesen hat, um zu schauen, ob der Roman konsistent ist – ich weiß es nicht. Die Sprache ist emphatisch, aber weder schön noch fehlerfrei (Fehler könnten poetisch sein – hier sind sie es nicht). Der ganzen Konzeption des Romans fehlt es an Mut und Ideen. Der ganze Roman hat das Pathos von Hasenclevers „Der Sohn“, leider aber eben auch nur das Pathos, sonst nichts. Schade drum.

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Julian Barnes – Am Fenster

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Das Cover eines doofen Buchs

Julian Barnes und ich haben es nicht einfach miteinander. Der geiernasige Engländer hat mir in Before she met me gezeigt, wie man die bereits auf dem Klappentext enthaltene Story ohne Entfaltung neuer Motive oder irgendwie gearteter Facetten auf 200 Seiten auswalzt oder wie man Trauer mit Heißluftballonfahrten verbinden kann (kann man nicht oder nur schlecht). Trotzdem haben Julian und ich es noch einmal miteinander versucht, nach Roman und Kurzgeschichte nun mit Essays. Die besten Freunde werden wir aber nicht mehr werden.

Die Sammlung “Am Fenster”, von hinten gelesen, beginnt ziemlich schnarch (so sagen junge Menschen, wenn sie etwas langweilt). “Ein Leben mit Büchern” ist die Entwicklungsgeschichte des kleinen Julian zu einem lesenden Menschen, eine persönliche Geschichte über die Bibliomanie und die Suche nach neuen Schätzen. Mein Missfallen gründet sich hier darin, dass von autobiographischen Informationen einmal abgesehen, der Erkenntnisgewissen für den Konsumenten recht gering ist. Diese Leserbiographien hat doch jeder schon tausendfach gelesen. (Häufig enthalten: Wir hatten nicht viele Bücher, deswegen habe ich alles gelesen, was ich ergattern konnte etc. pp.)

Kurze Zusammenfassung: Früher ist Julian mit dem Auto rumgebrummt, heute bestellt er sich Bücher im Internet, weil alle Läden geschlossen haben, das findet er aber gar nicht so schlecht, weil er so leichter nach vergriffenen Titeln und seltenen Ausgaben suchen kann. Er glaubt nicht, dass das eBook das gedruckte Buch ersetzt. Lesen ist toll.

Barnes in nuce

Genug gespottet, hinein ins Konkrete. Barnes lenkt den Fokus in den meisten seiner Essays auf Schriftsteller abseits des Mainstream, Penelope Fitzgerald (nicht verwandt/verschwägert mit Francis Scott), Ford Madox Ford oder die hier kaum bekannte Lorrie Moore. Dies ist ein zu lobendes Unterfangen und wird vom Betreiber dieses Blogs ausdrücklich gebilligt. Beginnt JB dann allerdings seinen Essay über Edith Wharton mit

Romane bestehen aus Wörtern, gleichmäßig und demokratisch über die Seiten verteilt…

oder den über Lorrie Moore mit

Lorrie Moore ist gut darin, schlechte Witze zu machen.

hat man alles was ich an Barnes nicht mag in a nutshell, da versöhnt mich auch kein hehres Ziel. Ein Festtagsredner beginnt so, hat er kein schmissiges Gedicht gefunden. Der Einstieg soll heiter sein und dann wird das ganze Leben des Jubilars perpetuiert. [“Hah!”, sagt der aufmerksame Leser, “so fängst Du doch immer Deine Rezensionen an 54books-Mensch.” – Quatsch, das ist ironisch!] Die Essays mäandern nach diesen eleganten Einstiegen irgendwo zwischen hübsch erzählter Geschichte und seichter Geschwätzigkeit. Fraglos hat Barnes eine hervorragende Kenntnisse von Literatur und einen stellenweise erlesenen Geschmack, aber dieses Aphorismenhafte seiner Sprache hat in dem Genre, das alle als gerne als “kluge Essays” loben, nichts zu suchen, es stört mich bis zum Überdruss.

Wer ein großartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.

Soll ich mir das auf ein Kissen sticken? [Quatsch, habe ein tolles Sonnenuntergangsbild daraus gemacht!!]

Hier, das kann man aus Am Fenster gut zitieren:

Meine Begeisterung für Mösen ist einer meiner letzten wirklich menschlichen Züge.

das ist allerdings von Michel Houellebecq, nicht von Barnes. Das lässt tief blicken.

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Gelebte Literatur – Hans Mayers Frankfurter Poetikvorlesungen

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine der schönsten Traditionen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Seit dem Lehrjahr 1959/60 hält das Who is Who der Autoren der DACH-Länder jährlich, nur unterbrochen von 1968 bis 1979, eine Vorlesung zu einem frei gewählten Thema mit den Fragen zur poetischen Produktionen und ihren Voraussetzungen. Hans Mayer wählte das Thema: Gelebte Literatur (vulgo: ich, Ich, ICH).

Hans Mayer ist sicher einer der großen deutschen Literaturwissenschaftler* Deutschlands nach 1945. Allein seine Arbeit über Georg Büchner hat neue Maßstäbe in der Germanistik gesetzt. Seine Arbeiten zu Proust, Thomas Mann und der Literaturgeschichte sind bis heute alle ebenfalls so stilprägend wie vergriffen.

Als junger jüdischer Jurist bereits 1933 ins Ausland geflohen, arbeitete er mit Max Horkheimer und Walter Benjamin als Sozialforscher, war nach ’45 in Frankfurt Kulturredakteur der Vorgängerin der dpa und arbeitete für das Radio. Erhielt einen Ruf nach Leipzig und pendelte zwischen Ost- und West-Deutschland, inzwischen einer der bekanntesten Literaturkritiker in beiden Ländern, ebensolcher bei den Tagungen der Gruppe 47. 1963 kehrte er nach einem Besuch in Tübingen nicht in die DDR zurück. Dort war er immer wieder mit Kritik an der Kulturpolitik angeeckt. So schrieb er bereits 1956: “Will man das literarische Klima bei uns ändern, so muß die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und Literatur in weitestem Umfang endlich einmal beginnen. Es muß aufhören, daß Kafka bei uns ein Geheimtip bleibt und daß das Interesse für Faulkner und Thornton Wilder mit illegalem Treiben gleichgestellt wird”. Die offiziellen Stellen waren nicht erfreut. Zum endgültigen Bruch kam es 1963 aufgrund des neuen Mayer Buchs Ansichten, in dem er erneut die Literaturinterpretation und -politik des Regimes kritisierte.

Im Westen schuf die TU Hannover Mayer eine Stelle als Professor für Literatur. Der sensible Mann emeritierte 1973, nachdem man seinen Habilitanten Fritz J. Raddatz nicht wie gewünscht inthronisierte.

Dieses Leben, die Ver- und Getriebenheit, das Zerriebenwerden zwischen und in Unrechtsregimen, ist ein Paradebeispiel für den unbeirrten Intellektuellen, der für seine Arbeit und Leidenschaft einsteht. Dieses Leben war so übervoll, dass Mayer sich genötigt sah eine zweibändige Autobiographie zu schreiben. Doch trägt dieses Leben eine Poetikvorlesung?

Besuch – letzter? – bei Hans Mayer; nach langjähriger “Pause”. Er ist seine eigene Anekdote, die so geht: Hans Mayer hat Besuch. Er redet 2 Stunden ohne Unterlaß, wo er alles Vorträge gehalten und welche bedeutenden Leute er dabei getroffen hat. Nach langem betäubtem Schweigen wird der Besucher gefragt: “Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?”

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

“Max Frisch setzte mir in Breslau auseinander..”

Die fünf Vorlesungen tragen die Titel

Eine Jugend im Expressionismus
Leben und Literatur im Exil
Als der Krieg zu Ende war
Außenseiter
Über die Einheit der deutschen Literatur

und beinhalten zwei Themen: das Leben Mayers und die Rechtfertigung desselben eine Poetikvorlesung zu halten.

Der Essayist [also ich, Hans Mayer] aber ist innerhalb der internationalen Literatur durchaus als Schriftsteller anerkannt [weshalb ich, Hans Mayer, auch eine Poetikvorlesung halten darf].

S. 78

Bei aller Polemik möchte ich aber nicht an dem Denkmal eines Verstorbenen kratzen, sondern nur warnen: wer erwartet von Mayer etwas über Poetik zu erfahren, vielleicht sogar Schriftsteller (oder Essayist?!) ist, der für seine Arbeit profitieren möchten, wird enttäuscht werden. Möchte man dagegen von einem höchst spannenden Leben mit und für Literatur lesen, so wird man nicht enttäuscht, dass viele Argumente aber erst dadurch gewichtig werden, dass Brecht am Telefon eine ähnliche Meinung äußerte oder das Politbüro einen Artikel verbot**, daran darf man sich bei Mayer nicht stoßen. Das Büchlein ist eine besondere Leseerfahrung, nur eine Poetikvorlesung war es nicht.

Und ein sofortiges “MEIN Grab wird sehr schön”, er hat es sich auf dem Dorotheestädischen Friedhof gesichert: “Da gehöre ich schließlich hin, ich werde neben Brecht und Eisler und Arnold Zweig und Hermlin liegen, das wird sehr schön.” Er merkt nicht wie absurd dieser Satz klingt, immer, immer wieder und noch immer, bis über den Tod hinaus, dieses “Ich gehöre zu den Berühmten, ich bin bei feinen Leuten eingeladen”.

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

Die nächste Poetikvorlesung hält im Übrigen Marcel Beyer unter dem Titel Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert, ab dem 12. Januar an fünf aufeinanderfolgenden Dienstagen über Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens.

*Mayer hat Jura studiert und wechselte als Quereinsteiger in die Germanistik. (Das muss sich der Jurist mal vorstellen: Ein bei Hans Kelsen promovierter Rechtswissenschaftler verlässt sein Fachgebiet und widmet sich der Literatur. [Nichtjuristen können es sich so vorstellen: Du warst bei Dumbledore der beste Schüler und belegst dann nur noch bei Trelawney Wahrsagen.])

**Sehr unsaubere Arbeit für einen Wissenschaftler.

Nota bene: Andreas Maier (augenscheinlich kein Abkömmling von Hans) war so konsequent seine Vorlesung gleich Ich zu nennen.

Zum Appetit anregen oder abschrecken: Hans Mayer spricht eine Stunde über sich.

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Lebensstufen – Julian Barnes

722Michael Maar hat eine hohe Meinung von Julian Barnes und ich eine hohe Meinung von Michael Maar, daher habe ich nach Als sie mich noch nicht kannte (okes Buch) nun auch das neuste Werk Lebensstufen gelesen. Die hymnischen (F.v. Lovenberg in der FAZ) oder völlig aussagefreien Besprechung kann ich nicht nachvollziehen. Die vorgeschaltete Geschichte der Ballonfahrt und der Liebe zwischen Fred Burnaby und Sarah Bernhardt taugt nicht mal als schön erzählte Parabel (für was? die Liebe?) und das anschließende Klagelied Barnes’ auf seine verstorbene Frau verkommt zu einer wehleidigen Selbstbetrachtung. Mir soll keiner vorwerfen ich sei ein gefühlloser Trampel, aber die Litanei auf die Verstorbene erscheint mir zum Teil derart intim, dass ich sie nicht lesen möchte und dann wieder derart alltäglich, dass sie für mich keinen Mehrwert hat. Ich will den Schmerz des Einzelnen nicht klein reden, und speziell nicht den von Julian Barnes, aber die Trauer hätte er mit sich und den ihm Nahestehenden ausmachen sollen, Geld sollte man nicht dafür bezahlen.

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Louis Begley – Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe

Wenn es einen deutschsprachigen Schriftsteller gibt, für den es ausreichend Sekundärliteratur gibt, dann ist es Kafkas Franz. Zur Quasi-Primärquelle der Biographie von Max Brod gesellen sich die von Klaus Wagenbach, die gerade abschlossene dreibändige von Reiner Stach, an der sich inzwischen sicher alles messen lassen muss und viele weitere. Es gibt Kafka Handbücher (z.B. das zweibändige von Binder) und Interpretationshilfen für Schüler. Dazu kommen nicht zuletzt Essays von Adorno, Walter Benjamin, Camus und Canetti, Kundera, to name a few. In dieser illustren Reihe hob Louis Begley den Finger, denn auch er will was zu Franz schreiben.

cover.doDie Voraussetzung für die Notwendigkeit einer weiteren Studie sind hoch, denn wirklich neues wird, insbesondere solange der vollständige Nachlass Max Brods nicht gesichtet werden darf, für lange Zeit nicht zu erwarten sein. Begleys Text hat dazu noch das Pech im Jahr 2008 erschienen zu sein, also im selben, in dem auch der zweite Band der Stach-Biographie Die Jahre der Erkenntnis auf den Markt kam. In Ermangelung neuer Erkenntnisse hat sich Begley also dazu entschieden ein Buch zu schreiben, das bereits auf den ersten Seiten deutlich macht welche Intention der Autor verfolgt: dem riesigen Markt einen weiteren Titel des Mittelmaßes hinzuzufügen. Dazu ist das Ergebnis eines, das de facto keine Leserschaft finden dürfte. Für gänzliche Kafka-Novizen, die es aufgrund der Einheitsschulbildung im deutschsprachigen Raum kaum geben dürfte, vielleicht eine Spur zu viel, für Leser mit Vorbildung zwei Level zu niedrig. Zwangsläufig stellt sich die Frage, ob das Buch gezielt für den amerikanischen Markt geschrieben wurde, das wiederum machte das Bedürfnis nach einer Übersetzung obsolet.

Aber selbst wenn Du, lieber Leser, ein solcher Fan bist, der einfach alles von oder über seinen Helden Kafka (Begley?) lesen möchte, muss ich Dir von Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe abraten, denn selbiges liest sich wie eine Quellensammlung, in der Begley nur die Überleitung zwischen den seitenlangen Zitaten geschrieben hat. Lesefluss ist so völlig ausgeschlossen und stattdessen regt sich leiser Groll auf den “Biographen”, ob seiner copy-paste-Methode und vor lauter eingerückten Stellen.

Willst Du einen Überblick über Kafka, lies doch einfach den ausführlichen Wikipedia-Artikel, möchtest Du tief einsteigen, wage Dich an Stach (der mir stellenweise zu schwülstig ist, aber vor dessen Mammutwerk man den Kopf neigen muss) oder wie wäre es damit: lies doch mal wieder Kafka!

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Alma Mahler-Werfel von Susanne Rode-Breymann

Das Interesse an Alma Mahler-Werfel ist ungebrochen und ihre vielfältige, fraglos schillernde Persönlichkeit noch nicht bis ins Letzte ausgeleuchtet. An der Ergründung ihres Lebens versucht sich nun auch Susanne Rode-Breymann, die Leiterin des Forschungszentrums für Musik und Gender.

9783406669620_largeBereits in der Einleitung gibt die Autorin zu bedenken, dass das vorherschende Bild von Alma Mahler-Werfel von deren eigener Selbstdarstellung gesprägt ist und bisherige Biographik arg an diesem orientiert. (Dabei verkennt sie aber bereits die kritische Distanz, die beispielsweise Oliver Hilmes in seinem Buch zu den Notaten Almas einnimmt.) Sie stützt sich vornehmlich auf “neue Forschungsergebnisse” und die Auswertung der Briefwechsel Alma mit Alban und Helene Berg, sowie den mit Arnold Schönberg. Im Vordergrund soll nun erstmalig auch das eigene künstlerische, besonders musikalische, Potenzial und Schaffen der als Alma Schindler geborenen Frau stehen und dies könnte tatsächlich einen neuen Blick auf deren Leben bieten.

Zweifellos war Alma Mahler-Werfel eine vielfältig begabte junge Frau. Ihre frühe eigene musikalisch-schöpferische Arbeit, die alsbald von ihrem ersten Mann Gustav Mahler unterdrückt wurde, oder auch das große Interesse für Literatur, Theater und Oper weit über den Zweck der Unterhaltung hinaus. Dies alles behandelt und analysiert Rode-Breymann eingehend und fundiert. Die Listen der Lektüre Almas und ihrer Opernbesuche regen dann aber gleich dreimal auf den ersten hundert Seiten zum Überblättern an, hätten dagegen gut in einen Appendix gepasst, der leider auch eine Übersicht zu Almas eigenen Arbeiten vermissen lässt. Die Auseinandersetzung mit dem frühen Schaffen der Muse gelingt gut und zeigt deutlich welches Potenzial Gustav Mahler erstickte. Warum dann aber z.B. die Frage, ob Alma hysterische Anfälle hatte, mit einem kratzbürstigem Furor und nicht sachlich abgehandelt wird, muss Geheimnis der Autorin bleiben.

Eine kreative Ekstase bei Frauen? Nein. Bei ihnen gibt es, so sind immer noch viele (Männer) überzeugt, nur das hysterisch Übersteigerte. Das Bild der wahnhaften, hysterischen Frau, deren in solcher Verfassung komponierte Lieder nicht der Rede wert sind, ganz im Gegensatz zu dem Bild des genialen Romantikers, dessen Lieder uns höchsten Respekt abnötigen …

Solche Ausbrüche, und sie kommen mehrmals vor, deuten in meinen Augen auf mangelnden wissenschaftlichen Ernst und fehlendes gutes Benehmen den Kollegen gegenüber hin, die Botschaft dieser Zeilen sind sicherlich auch sachlich vorzubringen. Schon früh entsteht dazu eine Unwucht in der Biographie: Neben ausufernden Kollegenschelten, die eine Fehlgeburt für die schlechte Stimmung Almas während eines New York Aufenthalts übersehen haben (was als Hinweis richtig ist), wird diese selbst gleichsam in einem Nebensatz abgetan. Der Tod der Tochter wird auf einer halben Seite durchgehechelt die diversen Ausstattungen und Bühnenbilder von Opern im Anschluss dagegen auf zwei. Zuweilen scheint es als tauchten Kinder auf, deren Erscheinen doch zumindest eine Zeugung und 9-monatige Schwangerschaft vorausgehen müsste. Die tatsächlich, vor allem von Seiten Kokoschkas, wahnhafte Liebe mit dem jungen Maler, insbesondere dessen daraus resultierendes Werk ist zu knapp behandelt. Die “Windbraut” wird genannt, der Bezug zu Alma dagegen nicht wirklich klar. Die besonders enge Beziehung zur Familie Berg wird ausufernd beschrieben, die Geste Bergs sein Violinkonzert “Dem Andenken eines Engels”, nämlich der verstorbenen Tochter Almas Manon Gropius zu widmen, taucht nur am Rande und viel später auf. Der Verkauf von Handschriften Bruckners wird angesprochen, hier gab es sogar Verhandlungen mit höchsten Vertreten des Dritten Reichs, dass Bruckner aber Mahlers Lehrer war, wird nie erwähnt, ein Bezug fehlt so völlig. Der starke Antisemitismus Almas trotz des Judentums von Mahler und Werfel wird ebenfalls eher verschwiegen als ernsthaft besprochen, die dramatische Flucht in die USA über die Pyrenäen zusammen mit Heinrich und Golo Mann, mit Franz Werfel in desolatem Gesundheitszustand und einer stets betrunkenen Nelly Mann, die wohl nur aufgrund der Tapferkeit und des Willen Almas gelingen konnte, eine Randnotiz.

Sollte also tatsächlich nur das eigene Werk Alma Mahler-Werfels erörtert werden, hätte aus musikalischer Sicht bei Beginn der ersten Ehe das Buch beendet sein müssen. Die eigene schriftstellerische Arbeit folgte erst sehr viel später, auf diese eigene, nicht nur verwalterische, Arbeit wird aber nur sehr knapp eingegangen. Die Schwerpunktsetzung der gesamten Biographie ist misslungen.

Damit scheitert auch das Vorhaben Rode-Breymanns Alma aus der Ecke der zwar als Femme fatale bekannten Inspiration großer Künstler herauszurücken. Sie selbst untertitelt ihre Buch ja dann doch wieder mit Muse – Gattin – Witwe und stellt so den singulären Bezug auf die großen Männer her. Die mangelnde Schwerpunktsetzung wird auch in der Chronologie deutlich: auf Seite 180 von 300 ist Mahler immer noch nicht tot, Alma gerade erstmal Anfang dreizig, auf den letzten 50 Seiten hat Alma noch Jahrzehnte zu leben. Der Leser hängt in der Luft, was wollte Rode-Breymann? Eine Studie über die junge Alma und ihre Leistungen? Das Leben Almas bis zu ihrer Ehe mit Franz Werfel? Denn danach rauscht das gesamte Buch wie ein Sturzbach in sein kurzes Ende.

Eine weitere solide Biographie ist nicht zwingend unbrauchbar, aber Neues kann die Autorin dem Alma Bild nur bedingt hinzufügen. Die Bearbeitung von Rode-Breymann ist außerdem für Einsteiger ohne Vorwissen nicht geeignet. Hier eignet sich die Biographie Witwe im Wahn von Oliver Hilmes besser, die ein umfassendes Bild von Personen und Zeit liefert.

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Provokateure – Martin Walker

Bereits die dritte Rezension zu einem Bruno Krimi von Martin Walker, es wird die dritte, die nicht so richtig wohlwollend, aber auch nicht niederschmetternd für den in Washington und im Périgord lebenden Schotten wird.

Für die tl;dr-Fraktion, ich bleibe meinem Urteil der letzten beiden Besprechungen treu:

Walker ist kein großer Stilist und die Reminiszenzen an die vorherigen  Bücher und die Vorgeschichten der Personen sind, zum Teil etwas zu sehr mit dem Holzhammer eingefügt worden. Aber darum geht es bei einer solchen Lektüre auch nicht, sondern um leichte Unterhaltung im Sommer, die Lust auf den ersten/nächsten Urlaub im Perigord macht und einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

[“Wasser im Mund zusammenlaufen lassen” das habe ich geschrieben? Ich bin wohl in die Plattitüden-Schreibschule bei Martin Walker gegangen!]

Ingesamt will Walker zu viel und kann zu wenig. Es drängt sich leider das Gefühl auf, dass er mit Voranschreiten der Reihe schriftstellerisch und stilistisch eher abbaut, denn dazulernt. So war schon Femme Fatale arg konstruiert, Reiner Wein fehlt dazu noch die Spannung. Wenn man aber, so wie ich, mit niedrigen Erwartungen an die literarischen Qualitäten diese Bücher liest und nur auf leichte (diesmal fast seichte) Unterhaltung aus ist, wird man nicht enttäuscht.

978-3-257-06928-0Die Notizen, die ich mir während der Lektüre gemacht habe, enthalten wieder Hinweise auf alle Fehler, die Walker schon in den letzten Bänden gemacht hat. Bereits nach den ersten Seiten möchte man dem Autor zurufen sich nicht wieder zu viele zu heiße Themen auf einmal vorzunehmen: Islamismus, Dschihad und Anschläge in Europa – brandheiß! – zusammen einem Erzählstrang um die Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg in Frankreich – in der Kombination kaum zu händeln – und dann auch noch sexuelle Belästigung von Professoren an Universitäten, das ist doch mindestens ein Sujet zu viel! Und natürlich kann der Autor diesen Themen nicht in Gänze gerecht werden, die Auflösung um den übergriffigen Dozenten wird im Schnelldurchlauf abgehandelt und ebenso selbstverständlich lösen sich alle Probleme der Personen, der Region, ja des ganzen Landes zum Ende hin in Luft auf. Es fehlt insgesamt einfach an Struktur.

Der Stil Walkers macht aus diesem Buch dazu ein ziemlich schlechtes: er reiht Gemeinplatz an Gemeinplatz, wiederholt unablässig vor zwei Seiten Gesagtes und die Geschichte der Vorgängerbände. Wer seine fünf Sinne beisammen hat und auf Seite 300 noch nicht begriffen hat, dass Bruno Soldat war, kann wahrscheinlich gar nicht lesen (ACHTUNG: Dieses Buch enthält keine Bilder [außer auf Vorder- und Rückseite]!) Dazu kommt eine gewisse Vorhersehbarkeit auch für den ungeübten Krimileser, die nicht nur die Story an sich betrifft, sondern auch Details; ein Kampfmesser wird erwähnt [ohoh, denkt sich der Dorfpolizist, der doch aber Soldat war (!), hoffentlich muss ich das nicht einsetzen, könnte er ja aber, weil er ja Soldat war (!!)] klar, dass das nochmal irgendwie verwendet wird [aber nicht im Nahkampf, was für Bruno, der Soldat im Bosnienkrieg war, aber kein Problem gewesen wäre].

Dabei sehe ich Walker förmlich vor mir: Der Mann liebt Frankreich und erarbeitet sich immer wieder historische Themen des Landes. So hatten wir natürlich schon den Algerienkrieg, Resistance, das Vichyregime (kam nicht auch der Krieg in Indochina irgendwie mal vor?) diese Themen kombiniert er mit Tagesaktuellem (Homoehe in Frankreich, die Gefahr von islamistischen Anschlägen) und pfeffert dazu noch weitere landestypische Dinge mit rein (Trüffel, Wein, Käse), die wahlweise in Gefahr sind oder zur Mordwaffe werden. Der Frankreichliebhaber, der Gourmet und Schwärmer wird es ihm verzeihen, der Liebhaber von guter Literatur nicht.

So und jetzt bitte sehr, möge man mir verraten warum ich auch den siebten Band dieser Reihe gelesen habe und den achten lesen werde! Irgendwas muss es ja haben. Ist es nur der Soap-Opera-Trick, möchte man immer nur wissen wie es mit den überzeichneten Figuren weitergeht? Normalerweise würde ich laut wehklagen und ein Schreibverbot für Martin Walker fordern, aber bitte Kerl schreib weiter (lass Dir vielleicht ein bisschen was bei Stil und Konstruktion helfen, nimm ein bisschen den Fuß vom Gemeinplätze-Gas und wiederhole Dich nicht ständig), ich bleib Dir treu – warum auch immer!

Wie soll man einem so schönen Buch böse sein?
Wie soll man einem so schönen Buch böse sein?
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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
“Fotze, Kacke, Scheiße”-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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