Zurück zum Content

Kategorie: Über Bücher und Lesen

Julian Barnes – Am Fenster

am fenster julian barnes
Das Cover eines doofen Buchs

Julian Barnes und ich haben es nicht einfach miteinander. Der geiernasige Engländer hat mir in Before she met me gezeigt, wie man die bereits auf dem Klappentext enthaltene Story ohne Entfaltung neuer Motive oder irgendwie gearteter Facetten auf 200 Seiten auswalzt oder wie man Trauer mit Heißluftballonfahrten verbinden kann (kann man nicht oder nur schlecht). Trotzdem haben Julian und ich es noch einmal miteinander versucht, nach Roman und Kurzgeschichte nun mit Essays. Die besten Freunde werden wir aber nicht mehr werden.

Die Sammlung “Am Fenster”, von hinten gelesen, beginnt ziemlich schnarch (so sagen junge Menschen, wenn sie etwas langweilt). “Ein Leben mit Büchern” ist die Entwicklungsgeschichte des kleinen Julian zu einem lesenden Menschen, eine persönliche Geschichte über die Bibliomanie und die Suche nach neuen Schätzen. Mein Missfallen gründet sich hier darin, dass von autobiographischen Informationen einmal abgesehen, der Erkenntnisgewissen für den Konsumenten recht gering ist. Diese Leserbiographien hat doch jeder schon tausendfach gelesen. (Häufig enthalten: Wir hatten nicht viele Bücher, deswegen habe ich alles gelesen, was ich ergattern konnte etc. pp.)

Kurze Zusammenfassung: Früher ist Julian mit dem Auto rumgebrummt, heute bestellt er sich Bücher im Internet, weil alle Läden geschlossen haben, das findet er aber gar nicht so schlecht, weil er so leichter nach vergriffenen Titeln und seltenen Ausgaben suchen kann. Er glaubt nicht, dass das eBook das gedruckte Buch ersetzt. Lesen ist toll.

Barnes in nuce

Genug gespottet, hinein ins Konkrete. Barnes lenkt den Fokus in den meisten seiner Essays auf Schriftsteller abseits des Mainstream, Penelope Fitzgerald (nicht verwandt/verschwägert mit Francis Scott), Ford Madox Ford oder die hier kaum bekannte Lorrie Moore. Dies ist ein zu lobendes Unterfangen und wird vom Betreiber dieses Blogs ausdrücklich gebilligt. Beginnt JB dann allerdings seinen Essay über Edith Wharton mit

Romane bestehen aus Wörtern, gleichmäßig und demokratisch über die Seiten verteilt…

oder den über Lorrie Moore mit

Lorrie Moore ist gut darin, schlechte Witze zu machen.

hat man alles was ich an Barnes nicht mag in a nutshell, da versöhnt mich auch kein hehres Ziel. Ein Festtagsredner beginnt so, hat er kein schmissiges Gedicht gefunden. Der Einstieg soll heiter sein und dann wird das ganze Leben des Jubilars perpetuiert. [“Hah!”, sagt der aufmerksame Leser, “so fängst Du doch immer Deine Rezensionen an 54books-Mensch.” – Quatsch, das ist ironisch!] Die Essays mäandern nach diesen eleganten Einstiegen irgendwo zwischen hübsch erzählter Geschichte und seichter Geschwätzigkeit. Fraglos hat Barnes eine hervorragende Kenntnisse von Literatur und einen stellenweise erlesenen Geschmack, aber dieses Aphorismenhafte seiner Sprache hat in dem Genre, das alle als gerne als “kluge Essays” loben, nichts zu suchen, es stört mich bis zum Überdruss.

Wer ein großartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.

Soll ich mir das auf ein Kissen sticken? [Quatsch, habe ein tolles Sonnenuntergangsbild daraus gemacht!!]

Hier, das kann man aus Am Fenster gut zitieren:

Meine Begeisterung für Mösen ist einer meiner letzten wirklich menschlichen Züge.

das ist allerdings von Michel Houellebecq, nicht von Barnes. Das lässt tief blicken.

sky-476817_1920

3s Kommentare

Gelebte Literatur – Hans Mayers Frankfurter Poetikvorlesungen

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine der schönsten Traditionen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Seit dem Lehrjahr 1959/60 hält das Who is Who der Autoren der DACH-Länder jährlich, nur unterbrochen von 1968 bis 1979, eine Vorlesung zu einem frei gewählten Thema mit den Fragen zur poetischen Produktionen und ihren Voraussetzungen. Hans Mayer wählte das Thema: Gelebte Literatur (vulgo: ich, Ich, ICH).

Hans Mayer ist sicher einer der großen deutschen Literaturwissenschaftler* Deutschlands nach 1945. Allein seine Arbeit über Georg Büchner hat neue Maßstäbe in der Germanistik gesetzt. Seine Arbeiten zu Proust, Thomas Mann und der Literaturgeschichte sind bis heute alle ebenfalls so stilprägend wie vergriffen.

Als junger jüdischer Jurist bereits 1933 ins Ausland geflohen, arbeitete er mit Max Horkheimer und Walter Benjamin als Sozialforscher, war nach ’45 in Frankfurt Kulturredakteur der Vorgängerin der dpa und arbeitete für das Radio. Erhielt einen Ruf nach Leipzig und pendelte zwischen Ost- und West-Deutschland, inzwischen einer der bekanntesten Literaturkritiker in beiden Ländern, ebensolcher bei den Tagungen der Gruppe 47. 1963 kehrte er nach einem Besuch in Tübingen nicht in die DDR zurück. Dort war er immer wieder mit Kritik an der Kulturpolitik angeeckt. So schrieb er bereits 1956: “Will man das literarische Klima bei uns ändern, so muß die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und Literatur in weitestem Umfang endlich einmal beginnen. Es muß aufhören, daß Kafka bei uns ein Geheimtip bleibt und daß das Interesse für Faulkner und Thornton Wilder mit illegalem Treiben gleichgestellt wird”. Die offiziellen Stellen waren nicht erfreut. Zum endgültigen Bruch kam es 1963 aufgrund des neuen Mayer Buchs Ansichten, in dem er erneut die Literaturinterpretation und -politik des Regimes kritisierte.

Im Westen schuf die TU Hannover Mayer eine Stelle als Professor für Literatur. Der sensible Mann emeritierte 1973, nachdem man seinen Habilitanten Fritz J. Raddatz nicht wie gewünscht inthronisierte.

Dieses Leben, die Ver- und Getriebenheit, das Zerriebenwerden zwischen und in Unrechtsregimen, ist ein Paradebeispiel für den unbeirrten Intellektuellen, der für seine Arbeit und Leidenschaft einsteht. Dieses Leben war so übervoll, dass Mayer sich genötigt sah eine zweibändige Autobiographie zu schreiben. Doch trägt dieses Leben eine Poetikvorlesung?

Besuch – letzter? – bei Hans Mayer; nach langjähriger “Pause”. Er ist seine eigene Anekdote, die so geht: Hans Mayer hat Besuch. Er redet 2 Stunden ohne Unterlaß, wo er alles Vorträge gehalten und welche bedeutenden Leute er dabei getroffen hat. Nach langem betäubtem Schweigen wird der Besucher gefragt: “Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?”

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

“Max Frisch setzte mir in Breslau auseinander..”

Die fünf Vorlesungen tragen die Titel

Eine Jugend im Expressionismus
Leben und Literatur im Exil
Als der Krieg zu Ende war
Außenseiter
Über die Einheit der deutschen Literatur

und beinhalten zwei Themen: das Leben Mayers und die Rechtfertigung desselben eine Poetikvorlesung zu halten.

Der Essayist [also ich, Hans Mayer] aber ist innerhalb der internationalen Literatur durchaus als Schriftsteller anerkannt [weshalb ich, Hans Mayer, auch eine Poetikvorlesung halten darf].

S. 78

Bei aller Polemik möchte ich aber nicht an dem Denkmal eines Verstorbenen kratzen, sondern nur warnen: wer erwartet von Mayer etwas über Poetik zu erfahren, vielleicht sogar Schriftsteller (oder Essayist?!) ist, der für seine Arbeit profitieren möchten, wird enttäuscht werden. Möchte man dagegen von einem höchst spannenden Leben mit und für Literatur lesen, so wird man nicht enttäuscht, dass viele Argumente aber erst dadurch gewichtig werden, dass Brecht am Telefon eine ähnliche Meinung äußerte oder das Politbüro einen Artikel verbot**, daran darf man sich bei Mayer nicht stoßen. Das Büchlein ist eine besondere Leseerfahrung, nur eine Poetikvorlesung war es nicht.

Und ein sofortiges “MEIN Grab wird sehr schön”, er hat es sich auf dem Dorotheestädischen Friedhof gesichert: “Da gehöre ich schließlich hin, ich werde neben Brecht und Eisler und Arnold Zweig und Hermlin liegen, das wird sehr schön.” Er merkt nicht wie absurd dieser Satz klingt, immer, immer wieder und noch immer, bis über den Tod hinaus, dieses “Ich gehöre zu den Berühmten, ich bin bei feinen Leuten eingeladen”.

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

Die nächste Poetikvorlesung hält im Übrigen Marcel Beyer unter dem Titel Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert, ab dem 12. Januar an fünf aufeinanderfolgenden Dienstagen über Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens.

*Mayer hat Jura studiert und wechselte als Quereinsteiger in die Germanistik. (Das muss sich der Jurist mal vorstellen: Ein bei Hans Kelsen promovierter Rechtswissenschaftler verlässt sein Fachgebiet und widmet sich der Literatur. [Nichtjuristen können es sich so vorstellen: Du warst bei Dumbledore der beste Schüler und belegst dann nur noch bei Trelawney Wahrsagen.])

**Sehr unsaubere Arbeit für einen Wissenschaftler.

Nota bene: Andreas Maier (augenscheinlich kein Abkömmling von Hans) war so konsequent seine Vorlesung gleich Ich zu nennen.

Zum Appetit anregen oder abschrecken: Hans Mayer spricht eine Stunde über sich.

Hinterlasse einen Kommentar

Marcel Reich-Ranicki: Meine deutsche Literatur seit 1945

Es kommt sogar vor, dass besonders naseweise Kunden bei Felix Jud in Hamburg Herrn Weber gegenüber äußern, ihre Werke dürften nicht nebeneinander stehen.* Die Abneigung der beiden deutschen Großkritiker Fritz J. Raddatz und Marcel Reich-Ranicki ist legendär, aber mit zunehmenden Jahren, so liest man in den Tagebüchern des Ersten, durch Altersmilde abgeschwächt worden. Die große Zeit als Widersacher, sei es als Kritiker in der Gruppe 47 oder als Feuilletonisten bei FAZ und ZEIT, war da schon länger vorbei.

Eva Demski – “Ich bin der Postillion d’amour” – überbrachte mir “allerherzlichste” Grüße von Reich-Ranicki, der mir ausrichten ließ, er liebe und verehre mich und verfolge alles, was ich tue.

Tagebücher Fritz J. Raddatz – Band II – 21. März 2005

Nun soll dieser Beitrag nicht aber zur ewigen Debatte Beatles oder Stones (Beatles!), FJR oder MRR (FJR!) werden, sondern vielmehr den neuen Sammelband von Rezensionen und Essays Reich-Ranickis verhandeln: Meine deutsche Literatur seit 1945. Und doch noch ein letztes Mal das Thema: “Die Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur kannst nur Du schreiben”, soll ein Freund (war es Hochhuth?) Raddatz, die Jahre gingen bereits zur Neige, gesagt haben. Geschrieben hat sie am Ende aber weder Raddatz noch Ranicki.

meine deutsche literatur marcel reich-ranickiFritz veröffentlichte vor knapp 35 Jahren einen Band Die Nachgeborenen – Leseerfahrungen mit zeitgenössischer Literatur, der bereits viel dessen enthielt was nun auch bei Marcel wiederzufinden ist und dies ist allein schon aufgrund des Umstandes, dass hier zwei aus der Top 5 deutscher Literaturkritiker die Top-Autoren ihrer Zeit besprachen. Die Stars Johnson, Böll, Walser, Grass, Koeppen, die jungen Wilden Fichte und Brasch und Reich-Ranicki aufgrund der späteren Veröffentlichung die Namen der 90er und 00er: Maron, Biller, Hermann, Regener.

Nun, ich muss offen sagen: Das Buch ist vorgeschlagen worden für das Quartett vom Kollegen Karasek, und ich habe zwar – ohne es gelesen zu haben -, habe gesagt: Gut, wenn der Karasek es unbedingt will – einverstanden! […] Um Gottes Willen, warum bin ich verurteilt, diese Art Literatur zu lesen? Ich will das nicht lesen, das ist lächerliches Niveau, das ist ein Geschwätz ohnesgleichen.

Über Sven Regeners “Herr Lehmann” – Aus dem Literarischen Quartett vom 17. August 2011

Marcel Reich-Ranicki hat auch keine zusammenhängende Literaturgeschichte geschrieben. Thomas Anz nun aber eine klug ausgesuchte Sammlung herausgegeben, die sich durchaus als solche bezeichnen darf. Nun all diese Vorrede wäre nicht notwendig gewesen um zu sagen, dass auch dieser zweite Band der posthum erschienen Artikel grandios ist. Bereits die Beiträge zur Entwicklung von der Gruppe 47 bis zur Politisierung durch die 68er liefern einen Einblick in eine Zeit, die so nur durch Zeugen dieser erfahren werden kann. Wie funktionierte die Kritik bei der Gruppe 47, wie lief das Abschiedstreffen in Saulgau, bei dem die Arbeit der Gruppe endete, ab?** Aber auch die Kritiken zu den wichtigen Werken dieser Zeit Johnsons Mutmaßungen über Jakob oder Bölls Und sagte kein einziges Wort stoßen direkt hinein in den epochemachenden Beginn der Nachkriegsliteratur. Auch enthalten, in einer anderen Fassung als im ersten Band und auch ansonsten die einzige Wiederholung, das berühmte Fehlurteil Ranickis über die Blechtrommel mit dem Verriss Auf gut Glück getrommel. Nach dem einleitenden Teil ist bereits das Überfliegen des Registers eine wahre Freude – dieses Buch ist ein perfektes Nachschlagewerk und dazu, ganz anders als Raddatz Nachgeborene, der Wissenschaft und keine Unterhaltung betrieben hat, sehr kurzweilig und unterhaltsam.

Der erste Band Geschichte der deutschen Literatur enthält selbstverständlich bereits Artikel zur Literatur nach 1945. Der Herausgeber Thomas Anz möchte vielmehr, dass sich die beiden Bände ergänzen, daher gibt es auch nur die eine Wiederholung. Anders ist im zweiten Band auch die Anordnung, nämlich nach Erscheinungsdatum des Beitrags, die es ermöglicht nicht entlang eines Schriftstellerlebens, sondern die Essays und Kritiken vielmehr im Kontext der Literaturentwicklung im Nachkriegsdeutschland zu lesen. Falls nicht doch noch eine zusammenhängende Studie Raddatz’ zu dieser Zeit auftaucht, bleibt diese Sammlung Empfehlung Nummer 1.

*Der Hinweis auf die zwangsläufige Nähe durch Alphabet und Genre wurde durch den Kunden ignoriert.
**Zur Gruppe um Hans Werner Richter kann ich auch die Aufzeichnung dieser Sendung empfehlen (solch einen Anorak hätte Raddatz natürlich nie getragen!):

2s Kommentare

Harry Graf Kessler, Xaver Bayer und Daniel Kehlmann im Juni 2015/1

2

Harry Graf Kessler, Tagebuch eines Weltmannes – Ulrich Ott (Hrsg.)
Knapp zehn Jahre ist es her, dass man sich Leben und Werk Harry Graf Kesslers kaum fundiert nähern konnte. Die schwer zu transkribierenden Tagebücher, weil wohl in winziger Krakelschrift, nur in einer Auswahl erhältlich, keine seriöse Biographie auf dem Markt, überall waren nur Schnipsel dieses großen, übervollen curriculum vitaes* zu erhaschen. Die beste Einführung gab bis vor einer Dekade der von Ulrich Ott herausgegebene Katalog zur Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach von 1988. Am heutigen Tag gibt es zwei ernstzunehmende Biographien, eine bei Klett-Cotta erschienen (inzwischen aber auch wieder vergriffen und nur antiquarisch zu bekommen), eine im Siedler Verlag (im Ergebnis umstritten, aber von FJR gelobt) und die grandiose auf neun Bände angelegte Edition seiner Tagebücher, in denen, wie man sagt, circa 40.000** Zeitgenossen auftauchen. Scheut man aber deren 7000-seitige Lektüre oder die einer umfassenden Biographie, so bleibt der Marbach-Katalog ein wunderbar bebilderter Einstieg.

Die damalige Ausstellung, so der Herausgeber, gehört nur scheinbar zu jenen, deren Thema durch das Leben und Werk einer einzelnen Person umschrieben ist. Wohl bildet dieser Mann den Mittelpunkt, den Schnittpunkt aller Linien, doch in Wirklichkeit wird durch ihn eine europäische Epoche sichtbar, fast Tag für Tag dokumentiert in den Aufzeichnungen seines Lebens, das in einem eigenen Sinne an den Knotenpunkten stand, von denen die Stränge zum Neuen ausgehen. Kessler war weder eigentlich Politiker noch Künstler, aber in seinen unendlichen Beziehungen ein ganz politischer, ganz in der Wirksamkeit für Kunst und Literatur stehender Mensch, homme de lettres in einem in Deutschland sonst kaum vertretenen Typus.

Tagebuch eines Weltmannes ist ebenfalls nur noch antiquarisch zu erhalten, aber mit einem Preis von 10-25 Euro zu einem erschwinglichen Preis, den es auszugeben lohnt.

*Extra nachgesehen: müsste der richtige Genitiv sein.
**Eine kleine, interessante Darstellung Kesslers Netzwerk gibt es dazu  hier.

1Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich – Xaver Bayer

Was gäben wir dafür zu wissen, wer wir sind.

Eines der eindrucksvollsten Bücher meines bisherigen Jahres und unmöglich zu beschreiben. Zum einen weil es in Geheimnisvolles Knisten aus dem Zauberreich keinen roten Faden, keine Geschichte im eigentlichen Sinne gibt, zum anderen weil Xaver Bayer in einer leichten Sprache über ernste Themen hinweggleitet, erst beim zweiten Blick die Tragik des Erzählten offengelegt wird. Miniaturen von manchmal gerade einer halben Seite und alle stecken voller Schönheit und Geschichten, die große Erzählkunst in wenigen Sätzen riesige Szenen zu bannen beherrscht Xaver Bayer bis zur Meisterschaft und ganz nebenbei gelingen ihm dabei aphoristische Wunderbarkeiten. Ein grandioses Buch voller tiefgründiger Schönheit! Unbedingt lesen!

daz4edKommt, Geister – Daniel Kehlmann
Die Tradition der Frankfurter Poetik-Vorlesungen ist eine wunderbare. Uwe Johnson, Heinrich Böll, natürlich Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Koeppen, Dürrenmatt, Grass, Jens* referierten über die deutsche Literatur. Nun also auch Daniel Kehlmann dessen Vorlesungen in hübscher Ausgabe bei Rowohlt erschienen sind.

Völlig außer Frage steht bei Kehlmann dessen kluger Kopf, ein Großfeulletionist, der leider momentan zu wenig in Zeitungen veröffentlich. Bereits sein Band Lob mit gesammelten Essays und Rezensionen zeigte deutlich wie treffend und klar der Bestsellerautor analysieren und schreiben kann. Das ewige Loblied auf die unsägliche Vermessung der Welt verklärt einen der Intellektuellen dieses Landes leider zu einem Unterhaltung-mit-Niveau-Schriftsteller.

Peter Alexander dient dabei dem Dozenten als Türöffner, um über große Literatur zu sprechen und im wilden Ritt in fünf Vorlesungen durch die Geschichte zu reiten. Shakespeare und Tolkien, Grass und Grimmelshausen – was der Journalist und Essayist Kehlmann anfasst gelingt, anders als es dem Autor von Romanen manchmal vergönnt ist.

*Die Lewitscharoff Vorlesungen Vom Guten, Wahren und Schönen sind auch sehr zu empfehlen, garantiert ohne Rüpeleien über zwittrige Reagenzglaskinder und hässliche Menschen im Sommer.

5s Kommentare

Titel sind eine Verlockung

Warum kaufst Du ein Buch? – Cover, Klappentext, Name des Autors oder wegen Titel und Gestaltung? Klar, mal bekommt man einen Tipp und sucht daher gezielt, der Lieblingsautor hat etwas neues veröffentlicht oder man sucht Band 637 der Reihe vom traurigen Marienkäfer, der aus Liebe zum Mond fliegen will. Manchmal stöbert man aber nur und lässt Titel und Cover auf sich einrieseln. Der Titel verrät einem manchmal in einem Satzfetzen, ob der Autor kreativ ist oder nur ein Wortspieler, plump oder ein Künstler, direkt oder verwinkelt. Schon “über den Titel wird das Buch vermarktet, gegoogelt, bestellt, gelistet, rezensiert und diskutiert”, schreiben die Herausgeber des im Piper Verlag erschienen Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher. Die Zusammenstellung von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger, lässt in die Werkstatt von Autoren wie Marcel Beyer, Friedrich Christian Delius, Ulrike Draesner, Lutz Seiler, Terézia Mora oder Tilman Rammstedt blicken. Mit kurzen Texten stellen sie ihre Bücher vor, zu denen sie zwar den Titel nicht aber die Geschichte fanden, der Titel später geändert wurde oder das Buch noch ungeschrieben in ihnen schlummert.

Nun blättert man also durch diese Sammlung und bedauert all die fehlenden Büchern zu den teils grandiosen Titeln (natürlich sind manche auch so schwach, dass man nicht bedauern muss). Etwas fies, denn man wird immer nur angefixt – ähnlich Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Viel größer dann aber die Freude über die Idee die Umsetzung der Titel durch Grafiker und Designer der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und des Fachbereichs für Gestaltung der FH Bielefeld gestalten zu lassen (hierzu gilt natürlich ähnliches wie für die Titel). Und so streift man durch diese Bibliothek und grübelt, ob das spontane Entdecken von Cover und Titel einen Kaufanreiz gesetzt hätte. Ganz klares Ja z.B. bei: Ich habe keine Leidenschaften von Georg Klein oder Hinweise für den, der nicht weiß, wer er ist von Markus Orths oder Wie ich die Eltern verschlang von Nora Gomringer. Beim Blättern fällt mir auf, dass ein guter Titel mich zwar neugierig machen kann, ein schlechtes Cover aber genauso schnell abschrecken, die drei genannten stechen für mich in der Kombination besonders hervor, aber es gibt noch so viele andere. Bitte kommen Sie also in die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher und schauen Sie, nur leider kann man am Ende des Rundgangs nichts kaufen, diese Präsenzbibliothek erlaubt nicht mal die Bücher zu öffnen.

Durchaus auch erwähnenswert: Rote Fadenheftung und Lesebändchen, sind keine Selbstverständlichkeit, das Papier in der Haptik nicht das Schönste, wohl aber dem Farbdruck geschuldet – Farbdruck!

Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher: Für alle, die gerne Bücher auf den ersten Blick kaufen, sich von Titeln catchen lassen oder in Cover verlieben, kauft dieses Buch, ihr werdet sicher enttäuscht werden – denn nach nur einer Seite ist Schluss – und trotzdem zufrieden lächeln.

2s Kommentare

Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft

Knapp vier Wochen erst kann man Petra Hartliebs Meine wundervoll Buchhandlung erst in einer solchen oder bei der Internetkrake erwerben. Knapp vier-tausend Mal ist man da schon über positive Besprechungen gestolpert. Ein hübsch gestaltetes Cover lädt ein diese wundervolle Buchhandlung zu entdecken und obwohl hier alles nach leichter Unterhaltung aussieht, greife ich zu.

Hartlieb schreibt eigentlich Krimis, war mal Pressereferentin und Literaturkritikerin, ist zweifache Mutter und eben auch Buchhändlerin. Nein nicht gelernte Buchhändlerin, gemachte – selbstgemachte. Über Umwege, aber mit viel Leidenschaft, werden Hartlieb und ihr Mann Betreiber eines Ladens in Wien, den sie aus dem Affekt kaufen. Jobs und Wohnungen werden aufgegeben, in wenigen Wochen eine Renovierung durchgeführt, Bücher eingekauft und Leute engagiert. Der Traum, wer hatte ihn noch nicht, einen Laden zu führen, in dem das herrliche, analoge Kulturgut verkauft wird, entwickelt sich für das Ehepaar mal in die Hölle und dann wieder in eine Quelle der Lebensfreude.

Das hat so gar nichts mit Glamour zu tun und auch nichts mit diesem “Ach-ich-lese-so-gern-und-wollte-immer-Buchhändlerin-sein”-Gefühl.

Der harte Alltag vor Öffnung und nach Ladenschluss, der Wahnsinn des Weihnachtsgeschäfts, Backoffice, wirtschaftliche Zwänge, der Druck der großen Buchhandelsketten lastet nicht nur auf dem Ehepaar Hartlieb, sondern auch auf ihren Kindern und Mitarbeitern. Die Verantwortung, die geschultert werden muss, scheint manchmal riesig.

meine-wundervolle-buchhandlungUnd warum diese ganze Mühsal? Zum Beispiel für die Organisation einer Lesung von Jonathan Franzen, aber vor allem weil Petra Hartlieb Literatur liebt und es liebt Leute mit ihr in Kontakt zu bringen (manchmal sogar zu missionieren, wie sie es nennt).  Die Zufriedenheit einer Frau, die genau das tut, was ihr Spaß macht und die daraus resultierende Freude an ihre Kunden und ihre Leser weitergibt. Die Dankbarkeit für Kunden und Freunde, für jede helfende Hand, und wenn sie ehrlich ist, wahrscheinlich sogar für jeden Nörgler und kauzigen Besucher.

“Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!”

Doch dieses Buch ist nicht nur die schöne Stöberecke, sondern hat auch einen wichtigen politischen Kern, der aber sehr liebevoll verpackt ist: Hartlieb kennt die Probleme des kleinen Sortimenters aus eigener Erfahrung und ärgert sich über die Gedankenlosigkeit, mit auch ihre unmittelbaren Nachbarn nicht nur ihre Bücher bei Amazon bestellen, sich aber über ausgestorbene Einzelhandelsviertel in der eigenen Stadt beschweren. Hartlieb ärgert sich über das Unwissen der Kunden, dass die Bücher bei Amazon eben nicht billiger sind (Buchpreisbindung!) und auch gar nicht schneller bei einem zu Hause sind.

Bei Amazon kann man schließlich auch nicht in einen Laden spazieren und das Buch sofort mitnehmen. Nicht einmal das Buch von Platz eins der aktuellen Bestsellerliste! Man muss es bestellen, und dann kommt es einen Tag später mit einem Boten, der es wieder mitnimmt, wenn man nicht zu Hause ist. Was ist daran so toll?

Jede Beschwerde steht nicht klagend vor einem, sondern bittet um Verständnis, dass man dieser Frau, ist man nicht sowieso schon für dieses Thema sensibilisiert, sofort entgegenbringt. Sieht man auf der einen Seite die Leidenschaft, die, fast alle, Buchhändler für den Erhalt eines Kulturguts aufbringen und auf der anderen einen emotionslosen Algorithmus, fällt einem nicht schwer welche Partei man in Zukunft ergreifen will. Für die Buchriesen hat Hartlieb fast nur noch Mitlied übrig.

Und so beschäftigen sich qualifizierte Buchhändler nun damit, Gartenzwerge und Kaffeebecher zu arrangieren oder Lego nach den richtigen Altersgruppen zu sortieren. Hätten sie uns mal gefragt. Die Inhaber der kleinen Buchläden hätten ihnen allesamt von Anfang an vorrechnen können, dass man mit Büchern nicht reich werden kann.

Es gibt einen Druckfehler auf Seite 125 in der letzten Zeile. Dort steht “selbstr” kann aber in der nächsten Auflage ausgebessert werden, denn diese wird kommen – ganz bestimmt – und vielen Leute die Augen für die beschwerliche und herrliche Arbeit der Buchhändler auch bei ihnen um die Ecke öffnen.


Warum der Rezensent Hans-Peter Siebenhaar im HANDELSBLATT Meine wundervolle Buchhandlung als “schön gebundene[s] Leinenbuch” lobt, ist mir nicht klar, denn es ist schön gestaltet, aber NICHT aus Leinen. Geschenkt.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Das Vermächtnis des MRR

Ich beginne vorne zu lesen und arbeite mich nach hinten durch, erst spät und selten beginne ich zu springen, einzelne Kapitel lasse ich zwar aus und andere lese ich nur an, aber dieses Buch vermag tatsächlich zu fesseln. Nichts anderes würde man von einem Roman erwarten, aber von einer Geschichte der deutschen Literatur? Natürlich gibt es das, wenn Marcel Reich-Ranicki auf dem Buchdeckel steht.

Ein Jahr nach dem Tod des deutschen Großkritikers erscheint bei der DVA die bisher umfangreichste Auswahl aus den Essays des Kritikers, in chronologische Reihenfolge der deutschen Literaturgeschichte gebracht.

4178Xl0epTLAnders als rein wissenschaftliche Werk bildet diese Anthologie nicht nur eine Fundgrube an fundierten Empfehlungen, sondern gleicht einer Liebeserklärung an die deutsche Literatur. Der Grund hierfür, natürlich das Temperament des Autors, seine Passion für gute und die Frustration über schlechte Bücher. Der Herausgeber Thomas Anz fasst die Gründe für Reich-Ranickis Deutlichkeit und Leidenschaft zusammen: “Noch seiner heftigsten Kritik ist die Enttäuschung eines Liebhabers eingeschrieben, der nicht gefunden hat, was er leidenschaftlich suchte: eine Literatur, die derart intelligent, fesselnd und schön ist, dass man sie ein Leben lang lieben kann. Seine Literaturgeschichte ist eine Liebesgeschichte, gekennzeichnet von oft sehr persönlichen, höchst eigenwilligen Vorlieben, Abneigungen und Ambivalenzen.”

Gerade dieser subjektive Einschlag macht meiner Meinung nach auch die Wirkmacht eines Kritikers aus. Mag man Ranickis Verve, mit der er lobt und verreißt, teilweise für überzogen gehalten haben,  sie macht seine Meinung doch umso glaubhafter. Ich kann diesen Mann und seine Empfehlungen ernstnehmen, denn er steht mit seinem Namen für Titel und Autoren ein. Er bürgt für das Buch und hat auch noch die Größe Fehlurteile zuzugeben und zu korrigieren. So zum Beispiel hat er seine deutliche Kritik an der Grassschen Blechtrommel“Die Blechtrommel ist kein guter Roman” – ebenso gedruckt wie seine darauf später erfolgte Selbstkritik.

Ganz bewusst reklamiert Reich-Ranicki bzw. der Herausgeber Thomas Anz keine Allgemeingültigkeit dieser Literaturgeschichte. Das Meine im Titel will unterstrichen gewusst sein. Weil es sich um kein durchkomponiertes, sondern ein zusammengestelltes, ein gesammeltes Werk von Einzelbeiträgen handelt, bestehen aber auch Lücken, wie der Herausgeber auch einräumt. So sind gerade im 18. und 19. Jahrhundert beispielsweise Georg Büchner und E.T.A. Hoffmann nur kurze Texte gewidmet, auch der Schillertext bringt es nur auf knappe drei Seiten. Hier fehlten, trotz der Verehrung Reich-Ranickis für diese Autoren, entsprechend allgemein gehaltene Artikel, die in eine solche Zusammenstellung passen würden. Dagegen sind zur Literarischen Moderne bis 1945 und der Nachkriegsliteratur bis zur Gegenwart 350 Seiten voller alter Bekannter enthalten. Reich-Ranicki hat Essays zu allen großen Autoren des klassischen Kanons geschrieben: Zu Frisch, Böll, Dürrenmatt und Brecht, Hesse und Kafka gesellen sich zu Tucholsky, Bernhard, Walser und Grass.

So liest man Essay um Essay, die teilweise knappen Texte lesen sich in ihrer Kürze schnell und dank Ranickis Leichtigkeit und Begeisterung auch mal zwischendurch ohne bloß oberflächliche Appetizer zu sein. Auch hierfür hat der Herausgeber in seiner guten Einführung eine Erklärung: “Reich-Ranicki ist es wie keinem anderen Kritiker und Literaturwissenschaftler gelungen, im Umgang mit Literatur die Kluft zwischen populärer Unterhaltung und historisch fundierter Intellektualität zu schließen.” Entsprechend kurzweilig und doch bildend liest sich dieses wunderbare Geschenk an die deutsche Literatur. Man stelle sie sich ins Regal, um sie immer wieder zur Hand zu nehmen, Neues zu entdecken und alte Lieben wiederzufinden.

Dieser Marcel Reich-Ranicki fehlt dem deutschen Literaturbetrieb, bestimmt fehlt er auch Grass und Walser ein bisschen; warum, zeigt dieses Buch deutlich auf.

4s Kommentare

Tamburinis Buckel – Meister von heute

“Was macht das Meisterhafte aus?”, fragt Michael Maar in dem kürzlich bei C.H.Beck erschienenen Tamburinis Buckel – Meister von heute und forscht diesem in 18 Reden und Rezensionen zu Literatur und Literaten nach.

Das Meisterhafte darf rätselhaft, aber nicht hermetisch sein; individuell, aber nicht privat. Das Meisterhafte ist intim und allgemein. Vor allem aber ist es eines: selten.

Harald Hartungs Gesammelte Gedichte

Michael Maar ist dem geneigten 54books-Leser vielleicht bereits seit Heute bedeckt und kühl bekannt, einer Abhandlung über Tagebücher von Autoren und Intellektuellen. Diesem Buch verdanke ich u.a. die Entdeckung der Tagebücher von Fritz J. Raddatz, aber auch die Kurzgeschichten von John Cheever oder das nachhaltige Verlangen Arbeit und Struktur zu lesen. Ganz besonders eindringlich zeigte mir Michael Maar seine Meisterschaft kürzlich in einer Rezension zu Elias Canettis Buch gegen den Tod auf und nun, dass sie bei ihm eines nicht ist: selten. Denn nun lesen wir fast 18 mal Meisterschaft in Tamburinis Buckel.

Warum ist er so gut?

Heinrich Mann zu lesen, hat mitunter etwas von einer gymnastischen Übung. Weil er fast prinzipiell die ungewöhnlichste, gerade noch zulässige Wortstellung wählt, muß man immerzu Denkmuskeln dehnen, die man gar nicht mehr gespürt hat. Auch seine Syntax ist anstrengend. […] Manches liest sich wie von Google übersetzt.

Dankrede zum Heinrich-Mann-Preis

Tamburinis-Buckel-9783406666933_xxlDarf man das über ein Denkmal der deutschen Literatur sagen? Ja, man “muß” es sagen dürfen! Ein guter Kritiker ist ehrlich, auch mit Ikonen. Heinrich Mann wird ja auch nicht die Qualität per se abgesprochen, vielmehr schildert Maar nur authentisch sein Leseerlebnis. Einen Kritiker den man derartig “kennenlernt”, dem man anmerkt wie sehr ihn Literatur berühren und enttäuschen kann, dem kann man trauen!

Und mit voranschreitender Lektüre wird die Liste der zu lesenden Bücher länger, die Maar lobt und den Leser mit Begeisterung ansteckt: die Erinnerungen Heinrich Manns, Before she met me von Julian Barnes, Idylle mit ertrinkendem Hund von Michael Köhlmeier, Gustav Seibt.

Alle Besprechungen sind fernab vom plumpen Lesetipp oder wissenschaftlicher Abhandlung, weder anbiedernd noch abgehoben und doch voller Wunderbarkeiten, die man selten in klassischer Literaturkritik findet.

Köhlmeier ist das Schwierigste gelungen: das Intimste so gründlich mit Kunst zu kalfatern, daß kein Tropfen Peinlichkeit eindringen kann.
Über Michael Köhlmeiers “Idylle mit ertrinkendem Hund”

Nach einem solchen Satz könnte ich mir jeden weiteren über dieses Buch sparen, sollte den Blog schließen. Solche Latten überspringt man nicht, man reißt sie nur.

Die Fähigkeit eines Buches, sich tintenfischgleich mit Tentakeln und Saugnäpfen im Gedächtnis des Lesers einzunisten, ist noch kein hinreichender Beweis für literarische Qualität – man kann sich auch an besonders grauenhafte Stellen in miserablen Büchern lebhaft erinnern; aber es ist eine notwendige Bedingung dafür.

Martin Mosebach, revisited

Dieses Buch, dieser Autor hat sich tintenfischgleich mit Tentakeln und Saugnäpfen in meinem Gedächtnis festgepfropft, dabei sind Literaturkritiker doch nur Werber, oder? Kann Literaturkritik berühren? Ja sie kann! “Es müssen nicht immer Funken sprühen, wenn die großen Gesiter aufeinandertreffen.”, notiert Maar über ein Treffen von Picasso, Proust, Joyce und Strawinsky. Trifft Maar die großen Geister in seinen Besprechungen stieben die Funken.

Und ich schweige.

6s Kommentare

Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Buchguerillo Michael Schikowski

Als Buchguerillo kämpft man nicht allein auf weiter Flur, immer wieder treten Mitstreiter in die Schlacht für das echte Buch mit ein. Als Friedrich Frossman, Mitarbeiter der Arno Schmidt Stiftung, erklärte warum es die Werke Schmidts nicht als eBook geben wird, provozierte er damit einen mittelschweren Shitstorm: konservativ und verstockt, sich dem nicht aufzuhaltenen Fortschritt zu verschließen sei dumm und vermessen, ewiggestrig und in zehn Jahren unfreiwillig komisch, seien seine Aussagen, so die Stimmen gegen ihn.

9783934054592Nun macht sich mit Michael Schikowski erneut ein tapferer Recke auf das Gedruckte zu verteidigen. Der gelernte Buchhändler arbeitet in einem Frankfurter Verlag und ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn, gibt die Literaturzeitschrift Non Fiktion mit heraus und veranstaltet Leseabende. Als Autor, Wissenschaftler, Verlagsmitarbeiter und Herausgeber, Verkäufer und Veranstalter von Literatur dürfte er somit in fast alle Bereiche einen Einblick bekommen haben, die von der Digitalisierung betroffen sind. Er kennt die Branche und weiß welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. In Warum Bücher? analysiert Schikowski die Chancen und Risiken, die die Digitalisierung für unsere Kulturlandschaft birgt.

Anders als viele Idealisten, derer er sicher einer ist, wird Schikowski nicht zum weinerlichen Tempelwächter, sondern nähert sich über eine objektive Untersuchung der Digitalkultur der Buchkultur. Dass der Leser schon vor dem Ende den zu erwartenden Standpunkt des Autors kennt, nimmt diesem nicht die Glaubwürdigkeit. Schikowski verdammt nicht per se das eBook, das er konsequenz als Digitalisat, also nur eine andere Version des bereits vorhandenen Buchs, bezeichnet. Vielmehr stellt er fest, dass es das eBook als eigene Form noch gar nicht gibt. Seiner Meinung nach ist das eBook erst dann ein eigenes, neues Medium, wenn es ein reines enhanced eBook wird, also zu einem Informationsträger wird, in dem Texte mit anderen Medien wie Musik, Videos und Bildern verschmilzen. Dieses habe dann aber mit Ausgangsprodukt “Buch” nichts mehr zu tun, dieses als Referenz wäre dann obsolet – ein enhanced eBook stelle als eigene Gattung keine Gefahr für das analoge Buch dar.

Er geißelt die Perversion, dass inzwischen Buchhändler gezwungen sind ihre eigene Branche abzuwickelt, um auf dem Sterbebett ihr Erbe dem nicht genannten Internetriesen zu übergeben, betrachtet die Wirkungslosigkeit von Rezensionen im klassischen Feuilleton, spricht die nicht zu unterschätzende Nutzungsrechteproblematik beim “Kauf” von eBooks an, ebenso wie massiv auftretende Urheberrechtsverstöße, in einer Gesellschaft, in der Kultur und Bildung nichts kosten soll.

Schikowski verweist hier auch auf Sven Regener. Dieser hatte in einer Wutrede die Kostenlos-Mentalität der Konsumenten für Musik kritisiert, an der gerade kleine Indie-Labels zugrunde gingen. Ähnliches stünde nicht nur den Indie-Verlagen, sondern eventuell sogar großen bevor, sollte sich in diese Einstellung nicht grundlegend ändern: Es sind eben nicht alle Inhalte kostenfrei zu erhalten, weil es immer Autoren und ihre Helfer gibt, die mit der Produktion ihr Geld verdienen müssen. Die Mär vom autarken Autoren, bleibt eine solche, weil ohne die Verlage nur eine Umverteilung des Geldes an die Vertriebsplattform stattfinden oder die Qualität erheblich leiden würde. Ohne Lektorat wird eben auch nicht Lektoriert oder man zahlt nicht einen Verlagslektor, sondern einen freiberuflichen, der ebenfalls Geld kostet.

Diese Diskussion sei hier aber nur angerissen, denn um die Argumente für das Buch in gedruckter Form soll es gehen und die Problematik ist eben (nicht nur) eine die für oder gegen das eBook und andere Formate spricht, das eBook im Speziellen teilweise nur in Randbereichen tangiert. Ebenso die Frage, ob Social Media dem Lesen und der Kulturlandschaft zu- oder abträglich ist: Durch das ständige Posten von Bildchen mit Büchern, neuer Cartoons oder Filmchen, die alle die Liebe zu Büchern dokumentieren, käme immer mehr das Buch selber, vielmehr noch die Lektüre dessen unter die Räder, so Schikowski.

Warum denn nun Bücher?

Befragt nach den Argumenten für das Bewahren des Buches als Medium, komme bei den meisten Streitern im Grunde nicht viel mehr dabei heraus, als dass Bücher so schön anzufassen seien. Schikowski kann aber mehr liefern.

Die sinnliche Erfahrbarkeit der Texte, ihre Verkörperung im so oder so gestalteten Buchkörper, wird notorisch unterschätzt. Wer Leseproben auf dem Bildschirm oder ein Skript auf Papier mit dem Erlebnis eines in die Hand genommenen Buches vergleicht, erfährt das unmittelbar. Das auditive Erlebnis des Buchkörpers, der beim Öffnen knackt, sein Geruch, der Umschlag, dessen Oberfläche an den Händen spürbar ist, das Gewicht des Buches, die Farbgebung, die Typographie – all dies ist keine sentimentale Beschreibung eines Buches, keine Romantik der Handgreiflichkeit, bei der es etwa darum ging, Bücher bloß anzufassen! Es handelt sich vielmehr um eine unsentimentale Wertschöpfung, die sich als Rhetorik eines gestalteten Buchkörpers interpretieren lässt.

S. 59 f.

Das ist doch nur die ausgeschmückte Aussage aller?! Aber es geht ja weiter: gerade die Kultur, die sich seit dem 16. Jahrhundert um das Buch entwickelt hat, gelte es zu bewahren. Diese sind nicht immer mit Händen zu greifen oder mit Worten begreiflich zu machen, so wie es alle Traditionen nicht sind. Es sind eingespielte Gebräuche, die Menschen wichtig geworden sind, die damit in ihrer Sozialisation in Berührung kam und diese übernommen haben, bewahren möchten, weil sie ihnen ans Herz gewachsen sind.

Um Bücher hat sich eine Fülle von stummen Handlungen, Gesten und Ritualen gebildet: die Bücherregale, die man als Gast in fremden Wohnungen betrachtet. Ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sehen und darüber nachdenken, wen das interessiert. In einem Buch der Eltern Anstreichungen finden. Bei einem geliehenen Buch aus Versehen den Schutzumschlag einreißen. In einer Gesellschaft über ein Buch reden, das man nicht gelesen hat. Ein neu gekauftes Buch, das man immer schon einmal haben wollte, endlich aufschlagen und über die Seiten streichen. Das kurze Zögern, bevor man in ein Buch, das man verschenken möchte, ein paar Worte schreibt.

S. 66 f.

All dies, das mag sein, ist einem gewissen Kreis, man traut sich nicht einer gewissen Gesellschaftsschicht zu sagen, antrainiert worden, aber ebenso ist es die Tanne zu Weihnachten oder der Kuchen am Geburtstag.* Nur heißt doch dies nichts Schlechtes, es ist vielmehr Tradionen und Bräuchen immanent, man nennt es Sozialisation. Das vermeintliche Vorzeigen von vermeintlicher Bildung anhand des Bestands der hauseigenen Bibliothek wird durch einen eBook Reader unmöglich, sagen die Befürwörter, die gesellschaftliche Schranken und Berührungsängste abbauen wollen. Dass ich dieses unterstellte Gebaren aber auch durch das Zurschaustellen anderer Statussymbole erreichen könnte, wird bei diesem Argument dezent ausgeblendet – vielleicht hänge ich mir mein Diplom an die Wand oder lasse das Telefonbuch offen liegen, das ich gerade auswendig lerne?

Eine Liebeserklärung

640px-Georgios_Jakobides_Girl_reading_c1882
“Lesendes Mädchen” von
Georgios Jakobides, 1882

Unterm Strich soll sich kein Leser für die Form seines Konsums rechtfertigen müssen. Mir ist gleich, ob ihr euer Rauschmittel peroral, intranasal oder intravenös, auf dem eReader, in gedruckter Form, durch das Lesen von Keilschrift auf Steinen zu euch nehmt oder nur die Gedichte auf Allies Handschuh lest. Auch Michael Schikowski verdammt niemanden, er schreibt nur seine eigene kleine Liebeserklärung an das Lesen (und eben auch an seine liebste Konsumform). In fünf Sätzen vermag er auszudrücken, was mir an meinen gedruckten Werken im Regal so wichtig ist, warum ich sie nicht hergeben möchte, sondern als Teil meines Lebens wahrnehme.

Lesen hilft, eine eigene Identität zu bilden. Die Bücher, die dazu erworben werden oder die einer geschenkt bekommt, begleiten ihn durch das Leben. Im Buchregal werden sie Bestandteil einer Biografie. An ihnen lässt sich ein Teil des Lebens wiederfinden, ausstellbar für andere, möglich aber auch, es sich selbst in Aussicht zu stellen. Eine Bibliothek kann ein ganzes Leben sein.

Und wer sich an Julian Barnes Ausspruch hält und nur Bücher liest, die sich gut auf dem Nachttisch machen, falls man unerwartet stirbt, hat sowieso etwas Grundlegendes nicht verstanden.

*Jetzt kommen wieder alle, welche die Plastiktanne im Wohnzimmer haben und Bockwürstchen zum Kaffee reichen.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn und schreibt den Blog www.immerschoensachlich.de. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen und in einem Frankfurter Verlag tätig. In Leseabenden präsentiert er die großen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Im Bramann Verlag veröffentlichte er neben Warum Bücher? auch Über Lesen.

7s Kommentare