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Kategorie: Über Bücher und Lesen

Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien “Es geht doch nicht um die Enten!”.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau “hin”, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas “Familie Mann”, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die “WG” des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer “Exil-Abteilung” seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die “Konkurrenz” des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder “Muss ich den lesen?” oder “Sollte ich wohl auch mal lesen”.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

 

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

 

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Philippe Muray über Louis-Ferndinand Céline

MSB Muray Celine Umschlag Druck.inddWer war Louis-Ferndinand Céline? Dieser sagenumwobene Schriftsteller, der Antisemit, der nach dem zweiten Weltkrieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord Angeklagte, dieser Autor von dessen Reise ans Ende der Nacht, von dem Charles Bukowski sagte es sei das beste Buch, das in den letzten zweitausend Jahren geschrieben worden sei? Dies ist die Geschichte eines Mannes und eines Schriftstellers, die in dieser Form nur im 20. Jahrhundert möglich gewesen sein dürfte.

Philippe Muray geht in einem grandiosen “Langessay” den Fragen nach, die bis heute Louis-Ferndinand Céline umgeben: Was bedeutet die ungebrochene Begeisterung für seinen revolutionären Stil sowie für das Verbot, mit dem das finstere Hauptkapitel seines Lebens belegt ist? Wie kommt es, dass wir in seinem Antisemitismus nur ein kurzes Intermezzo sehen möchten, das uns freistellt, seine “vorher” und “nachher” entstandenen Werke ebenso unbefleckt wie unschuldig zu lesen? Denn eines steht fest, man kann Céline hassen oder lieben, aber seine beiden Hauptwerke Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit sind bahnbrechende Werke der Literatur, denn Céline hat mit literarischen Mitteln beispielhaft vorgeführt, wozu die Entfesselung der befreiten Negativität führte, deren albtraumartige politische Konsequenz wir zu Genüge kennen.

Muray schreibt auf sehr hohem Niveau, jeder Satz zitierenswert, wie man unschwer erkennen kann. Bereits auf den ersten dreizig Seiten steckt soviel Wissen und Weisheit über Leben und Werk Célines, dass man immer wieder Pausen einlegen muss, am besten parallel die beiden Romane liest. Ohne Vorwissen dürfte dieser Muray nicht lesbar sein. Hat man aber den Atem und die Geduld ist dies so ungefähr die detaillierteste und tiefste Möglichkeit sich diesem Scheusal und Genie zu nähern. Sollte ich demnächst Céline verschenken, dann nur in einem Paket mit Muray – großartig!

Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel. Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.

Aus: Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

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Friedrich Forssman – Wie ich Bücher gestalte – Ästhetik des Buches

Friedrich Forssman wie ich bücher gestalte ästhetik des buches wallstein göttingenSchon in der Überschrift dieses Artikel ist ein schwerer gestalterischer Fehler, der sich komplett durch den gesamten Artikel zieht. Zwar sind Schriftart und Größe gut lesbar und (in meinen Augen) einigermaßen hübsch gewählt, doch sind das Bindestriche oder Gedankenstriche? Anders als Word, und auch dort gelingt es nicht immer, werden hier nicht automatisch Strichlängen angepasst, denn es gibt – (Bindestriche) und – (Gedankenstriche). Man kann nur hoffen, dass Friedrich Forssman diesen Blog nicht liest! 1

Denn bei Friedrich Forssman, dem Internetmenschen durch seinen eBook-Rant bekannt, ging ich achtzig Seiten in die Lehre. Wie ich Bücher gestalte heißt der Werkstattbericht des Buchgestalters und Typographen, der beim Göttinger Wallstein Verlag in der Reihe Ästhetik des Buches erschienen ist. In dieser widmen sich Autoren aus verschiedenen Disziplinen den einzigartigen ästhetischen, kulurellen und wahrnehmungspsychologischen Qualitäten des gedruckten Buches.

Forssman schreibt auch für Laien anschaulich über die Grundlagen der Buchgestaltung, die Gestaltung als Handwerk und (hier liegt ein bedeutender Unterschied!) Kunsthandwerk. In vier Teilen – Das Allgemeine, das Besondere, Das Innere, Das Äußere – gibt er nicht nur Einblick in die Tätigkeit selbst, sondern vermittelt auch seine Vorstellungen eines gelungen gestalteten Buchs. Ein fester Bestand ist für ihn hierbei etwa das Gestalten von Innen nach Außen, um im Anschluss einen Überblick über Vorteile verschiedener Schriftarten zu geben und wie diese zu setzen sind. Die Fachsprache des Setzers liest man nicht ohne Schmunzel: Geringe x-Höhe, recht glatt und vernünftigt, etwas spitz und scharf, in der Anwendung nicht sehr gutmütig.

Natürlich ist Lesbarkeit wichtig, sie ist aber nicht alles. Gestalten heißt auch, dem Benutzer gewisse Unbequemlichkeiten zuzumuten und ihm zuzutrauen, daß er Entscheidungen nachvollziehen kann und billigt, die zuungunsten des vordergründigen Funktionierens getroffen wurden, dafür zugunsten eines größeren Behagens, einer – etwas pathetisch gesagt – “höheren Richtigkeit”.

Kein altes Medium

Und, übrigens: Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Buch-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Google-Oligarchen, Börsenvereins-Geldverbrennern und analphabetischen Digitalhipstern mit ADHS im Vollbild – und mir noch ein weiteres Mal anhören müssen, »daß ja noch nie ein neues Medium ein altes Medium verdrängt habe«.

Friedrich Forssman

Die Erfüllung dieses Wunsches liegt nicht in meinen Händen, und der Streit ausgekaut. Wie man aber das alte Medium so gestaltet, dass es eine Kunst ist, erfährt man unterhaltsam und lehrreich von Forssman. Wie kunstvoll dann ein von Forssman gestalteter Text, wie wunderschön er ist, ein Blick in die Leseprobe der Kritische Gesamtausgabe von Walter Benjamin genügt, um dies zu erkennen. Um die Kunst wirklich wertschätzen zu können, sollte man aber Wie ich Bücher gestalte lesen, erst dann kann man wirklich ermessen wie viel Hirnschmalz und gestalterische Kreativität in stimmiger Buchgestaltung steckt.

Zu den vielen guten Eigenschaften von Büchern gehört, daß sie alt werden – wenn sie gut hergestellt sind, halten sie sogar ewig; wenn sie gut gestaltet sind, sind die Abnutzungsspuren vorgesehen und eingeplant.

Beitragsbild: The British Museum (CC BY-NC-SA 4.0)
Nachweis der Grafik zur Typographie

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Hanjo Kesting – Große Romane der Weltliteratur – Erfahren, woher wir kommen

Sie wissen nicht was Sie als nächsten Lesen sollen? – Lesen Sie diese Bücher!
Sie haben viel zu viel, was Sie noch lesen möchten? – Lesen Sie diese Bücher!

Hanjo Kesting hat 2008 für die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius eine Reihe mit dem Titel “Grundschriften der europäischen Kultur” im Hamburger Bucerius Kunstforum abgehalten, die sich großer Resonanz erfreute, in weiteren Städten auf Tour ging und in einer dreibändigen Ausgabe beim Wallstein Verlag Göttingen erschien. Kesting befasste sich in dieser Reihe mit den Grundlagen europäischer Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte. Er begann mit dem Gilgamesch Epos und endete bei Nietzsches Ecce Homo. Nach Abschluss von “Grundschriften der europäischen Kultur” folgte “Große Romane der Weltliteratur” und wurde ebenso ein Erfolg wie der Vorgänger. Erneut hat der Wallstein Verlag eine dreibändige Reihe zum Abschluss herausgegeben, die seit letztem Jahr vorliegt und in deren Vorwort Hanjo Kesting das eigene Programm im Kontrast zu Die wunderbaren Falschmünzer von Rolf Vollmann abgrenzt.

Das [die vorliegende] ist für eine literarische Arche eine eher bescheidene Auswahl. Rolf Vollmann […] behandelte auf knapp 1050 Seiten mehr als tausend Romane […]. Da blieb im Durchschnitt nicht mehr als eine Seite für jedes Buch; selbst Hauptwerke der Romankunst wurden in aller Kürze besichtigt und beurteilt: fünf Zeilen über Verlorene Illusionen, zwölf über Anna Karenina (“eins der ganz großen Stücke des Genres zweifellos, aber beinahe war doch glaube ich Greta Garbo in dem Film das Schönste daran”), siebzehn Zeilen über die Kartause von Parma. Das Buch ist nicht ohne Reiz, es ist leicht, locker und amüsant geschrieben, voll sprachlicher Girlanden und Preziosen, es fordert Zustimmung Widerspruch heraus, ist insgesamt aber eher eine Plauderei für Kenner als jene Verführung zu Romanen, die der Untertitel in Aussicht stellt.

Kein Kanon!

Kesting macht in der Einleitung, neben Kollegenschelte, ebenso klar, dass er keine Kanonisierungsabsichten hegt. Hierfür reichen die 40 Bände nicht, er möchte keine Leseliste erstellen, die Lust am nicht der Zwang zum Lesen soll im Vordergrund stehen. Man bemerkt später in den einzelnen Vorträgen, dass tatsächlich das Anregen der Hauptgrund für Kestings Verträge war, aber auch wenn er vorweg seine Liebe zu Dickens oder französischer Literatur ausführt. Gegen das Festlegen eines Kanons spricht für Kesting ebenso der ewige Schrei ein Meisterwerk entdeckt zu haben (auch wenn die besprochenen Werke nun wirklich nicht dem Verdacht unterliegen demnächst vergessen zu werden oder nur zu scheinen.)

Wer die Literaturseiten der Zeitungen verfolgt, der stößt Jahr für Jahr, nein, Monat für Monat auf Bücher, die als Meisterwerke angepiesen werden, so zahlreich, dass die ganze Vergangenheit dahinter zu versinken scheint. Was wird davon bleiben? Geht man hundert Jahre zurück, erkennt man, dass die Prosa eines Spielhagen oder Paul Heyse (Nobelpreisträger immerhin), von Autoren also, die zu ihrer Zeit mindestens so hoch gestellt wurden wie Fontane, längst verwelkt ist.

Mit Leseproben!

Hanjo Kesting Große Romane der Weltliteratur Erfahren, woher wir kommenBedingt durch die Form der Veranstaltung, nämlich dass zwischen den Ausführungen Kestings die entsprechenden Stellen des Werks gelesen wurden, enthalten die drei Bände zahlreiche Ausschnitte aus den besprochenen Büchern. Das Preisen Kestings kann so direkt durch den Leser auf die Probe gestellt werden. Gerade diese kleinen Auszüge, von einer halben bis zu anderthalb Seiten, bereiten besonderes Vergnügen und führen dazu, dass man Kestings launigen, aber klugen Vorträge mit großem Vergnügen und Gewinn liest.

Von den vielen Werken, die Sie noch lesen wollten, sind hier wahrscheinlich einige dabei. Kesten ermuntert, ermutigt und fixt den Leser an diese Werke endlich zur Hand zu nehmen und bereitet dabei selbst ein großes Lesevergnügen.

Band I – 1600 -1850: Miguel de Cervantes: Don Quijote | Daniel Defoe: Robinson Crusoe | Antoine-François Prévost: Manon Lescaut | Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman | Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers | Karl Philipp Moritz: Anton Reiser | Jane Austen: Stolz und Vorurteil | Stendhal: Rot und Schwarz | Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen | William Makepeace Thackeray: Die Memoiren des Barry Lyndon | Emily Brontë: Sturmhöhe | Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe | Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

Band II – 1850 -1900: Gustave Flaubert: Madame Bovary | Iwan Gontscharow: Oblomow | Charles Dickens: Große Erwartungen | Iwan Turgenjew: Väter und Söhne | Fjodor M. Dostojewski: Der Spieler | Lew N. Tolstoi: Krieg und Frieden | Mark Twain: Die Abenteuer des Huckleberry Finn | Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich | Guy de Maupassant: Bel-Ami | Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae | Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray | Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel | Karl Emil Franzos: Der Pojaz

Band III – 20. Jahrhundert: Joseph Conrad: Herz der Finsternis | Heinrich Mann: Der Untertan | James Joyce: Ulysses | Thomas Mann: Der Zauberberg | Franz Kafka: Der Prozess | F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby | Ernest Hemingway: The Sun Also Rises (Fiesta) | Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz | Joseph Roth: Die Kapuzinergruft | Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo | Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen | Gabriel García Márquez: Der Herbst des Patriarchen | Günter Grass: Der Butt | Orhan Pamuk: Das schwarze Buch

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Dann schaue ich in meinen Kalender: Genau an dem Tag bin ich tot.

Vielleicht hilft mir, meiner steigenden Unruhe (Angst) das Schreiben in einer Kladde. Die Unruhe betrifft etwas sehr Wichtiges und etwas Läppisches.

Finis stand am Schluss des zweiten Bandes der Tagebücher und auch in Interviews hatte Fritz Joachim Raddatz immer wieder betont, dass dieser Abschnitt seines Lebens, der als Tagebuchschreiber, nun ende. Die Sammlung erschien Anfang 2014 knapp ein Jahr vor seinem Tod. Im Herbst desselben Jahres verabschiedete er sich in der Welt vom Journalismus und nimmt im Geheimen das Tagebuchschreiben wieder auf. Denn Fritz J. Raddatz hatte einen Plan. Die Tagebuchnotate, nicht nur die, die nach seinem Tod in der ZEIT erschienen, sondern bereits denen, die bis Ende 2012 reichen, sind ein bekümmertes Abschiednehmen und zugleich ein Hoch auf die Schönheiten des Lebens.

Ich bin leergelebt. Nur noch eine Hülse.

Der zweite Band der Tagebücher (2002-2012) wurde ebenso kontrovers aufgenommen wie der erste (1982-2001). Ein wehmütiger alter Mann kreise um sich selbst – als täten das nicht alle Tagebuchschreiber, als ginge es um etwas anderes als das Insichhineinhorchen – liefe und weine dem eigenen, vergangenen Ruhm hinterher. Aber es ist doch vielmehr die Chronik eines Abschieds. Immer wieder hatte Raddatz nicht nur in den persönlichen Aufzeichnungen, sondern auch öffentlich von und über Sterbehilfe gesprochen. Wer sollte es einem Menschen, einem so eitlem wie FJR noch dazu, verdenken, dass er erhobenen Hauptes aus dem Leben treten will. In den Tagebüchern hat er sein Sterben dokumentiert, das soviel mehr ist und länger dauert als nur final eine bemessene Dosis Gift zu sich zu nehmen.

Tief bewegt liest man dann – und kennt bereits das Ende – welche Qualen es dem eigentlich so Entschlossenen trotz allem bereitet. Eine gräßliche Vorstellung sich bei klarem Bewusstsein von Partner und Freunden zu verabschieden, die meist, unwissend weiter Pläne schmieden, Urlaube buchen, Einkäufe erledigen. Selbst der Lebensgefährte wurde so lange wie möglich im Unklaren gelassen. Absurd: Dinge, seien sie noch so profan, ein letztes Mal zu tun. Obwohl es doch immer ein Zurück gäbe, zumindest seinen braunen Saft nicht auszutrinken, stattdessen auf die natürliche Frist zu warten.

Am 26. Februar 2015 stirbt Fritz J. Raddatz in der Schweiz, einem lange vorher gefassten Plan folgend. Am nächsten Tag, posthum, perfekte Regie, erscheint sein neues Buch: Jahre mit Ledig, eine Liebeserklärung an einen seiner großen Förderer Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Viele Anekdoten kennt der Tagebuch- und Unruhestifter-Leser bereits, aber nicht minder unterhaltsam als in den Vorwerken werden sie hier in einem wunderschönen, grünen Leinenbuch präsentiert. Blumig rauschend, elegisch schildert Raddatz wie eh und je, lobt sich und andere und nimmt mit in eine ferne Zeit im Nachkriegsdeutschland als das Büchermachen noch ein Abenteuer und Verleger noch Halunken und Schlitzohre waren.

Einer der Nachfolger Heinrich Maria Ledig-Rowohlts, ein später enger Freund, des Autors erhielt die oben zitierten Tagebucheintragungen und einen Abschiedsbrief und veröffentlichte sie kurz nach dem Tod. Immer wieder hatte Alexander Fest Raddatz gebeten erhalten zu bleiben, er könne kein Nachlassen der Kraft erkennen, körperlich nicht, geistig nicht. Schon richtig, sagte Raddatz, aber für den Schritt, den er tun müsse, brauche man ja auch Kraft. Große sogar.

fritz j raddatz jahre mit ledigFritz J. Raddatz
Jahre mit Ledig: Eine Erinnerung
Rowohlt
Leinen, 160 Seiten
978-3498057985

fritz j raddatz tagebücher 2002 2012

Fritz J. Raddatz
Tagebücher 2002-2012
Rowohlt
gebunden, 720 Seiten
978-3498057978

Kurz vor seinem Tod habe ich Fritz J. Raddatz einen Brief geschrieben, dieser ist hier abrufbar.

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Julian Barnes – Am Fenster

am fenster julian barnes
Das Cover eines doofen Buchs

Julian Barnes und ich haben es nicht einfach miteinander. Der geiernasige Engländer hat mir in Before she met me gezeigt, wie man die bereits auf dem Klappentext enthaltene Story ohne Entfaltung neuer Motive oder irgendwie gearteter Facetten auf 200 Seiten auswalzt oder wie man Trauer mit Heißluftballonfahrten verbinden kann (kann man nicht oder nur schlecht). Trotzdem haben Julian und ich es noch einmal miteinander versucht, nach Roman und Kurzgeschichte nun mit Essays. Die besten Freunde werden wir aber nicht mehr werden.

Die Sammlung “Am Fenster”, von hinten gelesen, beginnt ziemlich schnarch (so sagen junge Menschen, wenn sie etwas langweilt). “Ein Leben mit Büchern” ist die Entwicklungsgeschichte des kleinen Julian zu einem lesenden Menschen, eine persönliche Geschichte über die Bibliomanie und die Suche nach neuen Schätzen. Mein Missfallen gründet sich hier darin, dass von autobiographischen Informationen einmal abgesehen, der Erkenntnisgewissen für den Konsumenten recht gering ist. Diese Leserbiographien hat doch jeder schon tausendfach gelesen. (Häufig enthalten: Wir hatten nicht viele Bücher, deswegen habe ich alles gelesen, was ich ergattern konnte etc. pp.)

Kurze Zusammenfassung: Früher ist Julian mit dem Auto rumgebrummt, heute bestellt er sich Bücher im Internet, weil alle Läden geschlossen haben, das findet er aber gar nicht so schlecht, weil er so leichter nach vergriffenen Titeln und seltenen Ausgaben suchen kann. Er glaubt nicht, dass das eBook das gedruckte Buch ersetzt. Lesen ist toll.

Barnes in nuce

Genug gespottet, hinein ins Konkrete. Barnes lenkt den Fokus in den meisten seiner Essays auf Schriftsteller abseits des Mainstream, Penelope Fitzgerald (nicht verwandt/verschwägert mit Francis Scott), Ford Madox Ford oder die hier kaum bekannte Lorrie Moore. Dies ist ein zu lobendes Unterfangen und wird vom Betreiber dieses Blogs ausdrücklich gebilligt. Beginnt JB dann allerdings seinen Essay über Edith Wharton mit

Romane bestehen aus Wörtern, gleichmäßig und demokratisch über die Seiten verteilt…

oder den über Lorrie Moore mit

Lorrie Moore ist gut darin, schlechte Witze zu machen.

hat man alles was ich an Barnes nicht mag in a nutshell, da versöhnt mich auch kein hehres Ziel. Ein Festtagsredner beginnt so, hat er kein schmissiges Gedicht gefunden. Der Einstieg soll heiter sein und dann wird das ganze Leben des Jubilars perpetuiert. [“Hah!”, sagt der aufmerksame Leser, “so fängst Du doch immer Deine Rezensionen an 54books-Mensch.” – Quatsch, das ist ironisch!] Die Essays mäandern nach diesen eleganten Einstiegen irgendwo zwischen hübsch erzählter Geschichte und seichter Geschwätzigkeit. Fraglos hat Barnes eine hervorragende Kenntnisse von Literatur und einen stellenweise erlesenen Geschmack, aber dieses Aphorismenhafte seiner Sprache hat in dem Genre, das alle als gerne als “kluge Essays” loben, nichts zu suchen, es stört mich bis zum Überdruss.

Wer ein großartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.

Soll ich mir das auf ein Kissen sticken? [Quatsch, habe ein tolles Sonnenuntergangsbild daraus gemacht!!]

Hier, das kann man aus Am Fenster gut zitieren:

Meine Begeisterung für Mösen ist einer meiner letzten wirklich menschlichen Züge.

das ist allerdings von Michel Houellebecq, nicht von Barnes. Das lässt tief blicken.

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