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Kategorie: Sachbücher

Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert

In einem, wie immer selbstverständlich augenöffnenden und brillanten, Artikel der Vice über den „neuen deutschen Standard“, in dem vier „Millennials“ erklären, was „deutsch sein in der heutigen Zeit für sie bedeutet“, kann man drollige Dinge lesen. Vor allem kann man lesen, dass man Pluralisierung und Standardisierung offensichtlich irgendwie so einfach zusammendenken kann. Vor allem dann, wenn der Artikel eigentlich Teil einer Werbekampagne für Opel ist, man also hier mustergültig sehen kann, wie es neoliberalem Kapitalismus gelingt, irgendwie alles zu schlucken, egal wie gegensätzlich es ist – Nation, Standard, Pluralität, Nichtstandardisierung –, wenn es nur dazu dient, irgendeine möglichst viele ansprechende Ästhetik zu erzeugen, die verkaufsfördernd sein könnte, also wenn man nur am Ende eben ein Preisschild draufkleben kann.

Aber geht das so einfach: Pluralität und „neuer deutscher Standard“ gleichzeitig? Jein, würde Isolde Charim vielleicht sagen: Pluralität als Standard im Sinne einer Grundvoraussetzung ja, aber das ist dann eben nicht das, was „deutsch sein“ bedeutet, zumindest nicht im Sinne einer Identität. Sondern das ist dann das, was „in einer pluralen Gesellschaft leben“ bedeutet.

In ihrem Essay „Ich und die Anderen“ geht die österreichische Philosophin und Publizistin Isolde Charim richtigerweise von Pluralismus als gesellschaftlichem Faktum aus: Pluralisierung lässt sich nicht wegwünschen oder wegschimpfen, sie ist längst geschehen und vollzieht sich weiter. Volle Identitäten und klare Zugehörigkeiten sind nicht mehr zu haben, für keinen, denn Pluralisierung verändert alle wechselseitig. Jeder muss heute damit leben, dass seine Identität, seine Lebensweise gleichberechtigt neben anderen steht und stehen können muss. Mit einem kulturwissenschaftlichen Zugriff verabschiedet Charim die Fiktion einer homogenen Gesellschaft und führt vor Augen, wie eine solche, aller Fiktionen entkleideten, demokratische Gesellschaft funktionieren könnte: Indem jeder auf eine volle Identität, die als allgemeingültig gesetzt werden könnte, verzichtet.

Charim durchleuchtet auf den ersten hundert Seiten in vier Kapiteln scharfsinnig und aufschlussreich unterschiedliche Phasen von Individualisierung und Pluralität und untersucht deren Auswirkungen auf Religion und Kultur. Leider folgen darauf weitere hundert Seiten, auf denen Charim zunehmend pauschal und mitunter ziellos argumentiert, so dass nur noch einzelne interessante Beobachtungen – die aber immerhin da sind – gelingen, während viel anderes eher nebulös bleibt. In diesen Kapiteln beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der von ihr beschriebenen Entwicklungen auf das politische Feld. Und diese Kapitel kranken an holzschnittartigen Argumenten und Alternativen ohne Zwischentöne, an einem eigentümlichen Politikverständnis, dem gemäß das Gefühl der Teilhabe wichtiger ist als die realpolitische Veränderung – es mag sein, dass vielen Teilhabe wichtiger zu sein scheint als Veränderung, aber zur Norm braucht man das deswegen ja noch lange nicht zu erheben, es sei denn man will über die richtig Forderung, politische Emotionen ernst zu nehmen, so weit hinausschießen, dass man Politik auf politische Emotionen verkürzt. Daran schrammt Charim leider hart vorbei. Deutlich inspiriert ist Charim hier von Hartmut Rosas Theorie der „Resonanz“, dass dieser jedoch nicht zitiert wird, zumindest in den Fußnoten nicht auf ihn verwiesen wird, ist doch auffällig und kurios. Warum verweist man nicht auf jemanden, der einschlägig ist und den man offensichtlich gelesen hat? Genauso auffällig ist, dass Charim dann – erneut leider wenig konzise – ein ganzes weiteres Kapitel darauf abheben will, dass in der heutigen Situation politische Emotionen ernst genommen werden müssen, allerdings ohne die zwei Autorinnen zu zitieren, die hier eigentlich einschlägig wären: Martha Nussbaum und Eva Illouz. Vieles hätte hier prägnanter und klarer gefasst und argumentiert werden können, wenn man auf die einschlägige Vorarbeit anderer zurückgegriffen hätte. Warum das nicht geschieht, ist nicht nachvollziehbar. So bleibt schlicht unklar, warum man vierzig Seiten auf einen längst gut durchargumentierten Zusammenhang verwendet, ohne dabei zu klaren Schlussfolgerungen zu gelangen oder auch nur die bereits bekannten Zusammenhänge klar zu durchschreiten.

Im letzten Kapitel, das sich mit linken und rechten Identitätspolitiken und der Kritik an ihnen auseinandersetzt, wird dann leider erneut verkürzt argumentiert: Nicht nur behauptet Charim entgegen aller Evidenzen der Migration, die klar belegen, wie viele Menschen heute aus ökonomischen Gründen den Weg in westliche Länder einschlagen, der Westen habe seine „Verführungskraft einer Glücksvorstellung“ eingebüßt, und leitet daraus dann unterkomplexe, schiefe Schlussfolgerungen ab. Sie verkürzt auch massiv die linke Kritik an Identitätspolitik, wenn sie behauptet, diese würde mit ihrer Aktualisierung von Haupt- und Nebenwiderspruch und „Klassenkampf“ nur ökonomische Fragen forcieren und Fragen der Anerkennung und Teilhabe ignorieren – das Gegenteil ist entsprechend einer Theorie, die die Abhängigkeit des Überbaus von der Basis behauptet, der Fall, und auch, wenn man diese Theorie nicht teilt, muss man doch wenigstens einbeziehen, was Leute meinen, die sie teilen, wenn man fruchtbar deren Argumente widerlegen will. Vielmehr meinen diese linken Kritiker doch gerade das: Das Problem fehlender Anerkennung und Teilhabe über die Lösung der ökonomischen Frage bewältigen zu können. Dass Charim damit, dass sie dann Fragen der Anerkennung und Teilhabe deutlich über ökonomische Fragen stellt, ins andere Extrem rutscht und so selbst der Identitätspolitik, die ja ebenfalls eigentlich beide Aspekte im Blick haben möchte, unrecht tut, ist leider die logische Konsequenz daraus. Charim schreibt:

„Und hier muss man einen Punkt festhalten: Die leitende Vorstellung von Pc und Identitätspolitik ist die Inklusion – also das Szenario, bestehende Exklusionen durch aktive Inklusion aufzuheben. Das ist zwar eine (notwendige) Strategie, um die Ungerechtigkeiten einer pluralisierten Gesellschaft zu bekämpfen. Aber es ist zugleich auch eine begrenzte Strategie und kein gesamtgesellschaftliches Konzept. Pc und Identitätspolitik stellen keine wirkliche gesellschaftliche Utopie bereit. Zumal wenn man Inklusion als Einschluss ‘vorgängiger Identitäten‘ versteht – als jene Identitätsverfestigung also, die reaktiv ist und die Dynamik der pluralisierten Gesellschaft abwehrt und die Bewegung des dritten Individualismus verkennt.

Trotzdem aber ist Klassenkampf jenseits der Identitätsfrage heute weniger möglich denn je.“ (S. 208f.)

Warum der Klassenkampf nun unmöglich sein soll, wird nicht geklärt. Indem sie ihn, und damit die Frage ökonomischer Teilhabe, verabschiedet, fällt sie hinter ihre eigene Erkenntnis zurück: Dass Anerkennung/Teilhabe und ökonomische Verhältnisse zusammen hängen. Letztlich sagt Charim damit, indem sie behauptet, eine andere Lösung als Identitätspolitik sei unmöglich und eine wirkliche gesellschaftliche Utopie sei nicht zu haben: Ich will das Elend gerecht über alle gesellschaftliche Gruppen verteilen, das Elend selbst dabei aber nicht antasten. Genau das ist aber just das, was von linken Kritikern der Identitätspolitik vorgehalten wird – da Charim aber anscheinend ein verkürztes Verständnis von dieser Kritik hat, rennt sie mit ihren Ausführungen die Türen dieser Kritik ein und bestätigt sie. Natürlich mag es ein erster Schritt sein, diese Form der Gerechtigkeit herzustellen. Aber so offen schlicht behaupten „Mehr geht eh nicht“ ist doch eine bemerkenswert einfache Haltung, gerade eben dann, wenn man sonst nicht müde wird zu betonen, dass soziale Frage und Statusfrage zusammenhängen.

Damit jedoch nicht genug: Charim lässt auch andere Fettnäpfchen nicht aus, mit denen sie linke Kritik an identitätspolitischen Positionen fast bilderbuchmäßig bestätigt. So wiederholt sie immer wieder die Metaphorik von der „unsichtbaren Hand“ der Pluralisierung, in bewusstem Rückgriff auf die ökonomischen Theorien Adam Smiths – indem sie hier also Kulturtheorie und ökonomische Theorie parallel führt, öffnet sie Tür und Tor für die, die behaupten, „Diversity“ sei nur ein Feigenblatt des Neoliberalismus und damit Teil seiner Ideologie. Und damit nicht genug der ungeschickten Metaphern, die eine solche Kritik bestätigen: Ausgerechnet die „Begegnungszone“ soll als Metapher für die plurale Gesellschaft der Zukunft dienen, eine Verkehrszone, die über die Deregulierung der Verkehrsordnung funktionieren soll – weil keine Verkehrsregeln vorgegeben sind, müssen die Verkehrsteilnehmer aktiv aufeinander achten und also den öffentlichen Raum ohne eingreifende Autorität selbstständig organisieren. Freilich merkt Charim selbst an:

„In anderen Bereichen [als dem Straßenverkehr] führt solche Deregulierung, solche Freistellung von Schutz zu einer knallharten Ellbogengesellschaft.“ (S. 170)

Ja, möchte man sagen: Genau das ist die gängige Kritik am Neoliberalismus. Und man wundert sich, warum Charim dieses Bild dann über mehrere Seiten ausführt, wenn sie doch selbst sieht, dass es nicht übertragbar ist. Die Antwort ist leider: Weil sie es anscheinend nicht sieht, denn später greift sie dem Wissen darüber, dass Deregulierung realiter eben kein so gut funktionierende Lösung ist, zum Trotz darauf zurück:

„Angelehnt an die Verkehrsberuhigung ist die Begegnungszone, wie wir gesehen haben, das gesellschaftliche Konzept eines gleichberechtigten Miteinanders unterschiedlicher Teilnehmer – eine Gesellschaftsberuhigung also, wo die Begegnung sich durch die Unterschiede reguliert.“ (S. 210)

Den Widerspruch zu der eigenen Feststellung, dass Deregulierung nicht einfach auf andere Bereiche übertragbar ist, hat Charim zwischen Seite 170 und 210 nicht aufgelöst. Man fragt sich, ob sie ihn vergessen hat, oder ob sie davon ausgegangen ist, dass der Leser ihn schon vergessen haben wird. Dass sie damit selbst unterläuft, wofür sie eigentlich eintreten will – denn berechtigterweise spricht sich Charim für Pc aus, solange diese nicht zur Zerrform wird, Pc ist aber eben eine Form der Regulierung, Pc ist nicht nur subjektive Einsicht, sondern auch gesellschaftliche Konvention – scheint die Autorin nicht zu stören. Genauso wenig scheint sie zu stören, dass ihr Ideal der “Begegnungszone” durchaus nicht weniger utopisch ist als das Ideal einer marxistischen Linken, die die “klassenlose Gesellschaft” fordert:

“Und wie erreicht man diese wundersame Verwandlung von aggressiven Verkehrsbestien? Nicht durch Regeln – der Verkehr soll sich ja von allein organisieren. Nicht durch Appelle wie: Seien Sie doch bitte rücksichtsvoll! Nein, man erreicht das durch – Deregulierung. Das ist die bewusste, gezielte Herstellung von subjektiver Unsicherheit. Raumplaner sagen das ganz offen. Durch räumliche Gestaltung – wie dem Wegfall von eindeutig zugeordneten Straßenflächen – erzeugt man beim Einzelnen ganz absichtlich das Gefühl Unsicherheit. Denn genau das führt zu verändertem Verhalten. Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sicherere Gesamtsituation.” (S. 169),

behauptet Charim da einfach, und ignoriert dabei, was sie selbst schreibt, was man weltweit derzeit beobachten kann: Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt beileibe nicht durch irgendeine “unsichtbare” Zauberhand eine sichere Gesamtsituation, das Gegenteil ist der Fall. Charim kippt hier eben von einer Seite des Skala zur anderen, einen Mittelweg möchte sie nicht vorschlagen. Stattdessen greift sie zu einer Utopie, die die von Libertären sein könnte: Deregulierung, völlige Abgabe jeder Verantwortung an das Individuum.

Ärgerlich ist das allemal, denn mit alledem bestätigt Charim nolens volens die linke Kritik an ihrer Position, die sie so verkürzt wiedergibt und also nicht widerlegen kann. Das ist bedauerlich, denn ihrer eigenen Position tut sie damit keinen Gefallen.

Hätte das Buch auch auf den letzten hundert Seiten im Blick behalten, was die Autorin selbst weiß und richtigerweise mehrfach festgehalten hat – dass soziale und ökonomische Teilhabe zusammenhängen und nur zusammen hergestellt werden können – statt in unterkomplexen Alternativen zu denken und sich dann auch noch für eine Seite zu entscheiden, statt beide zusammen zu halten, hätte das ein hervorragender zweihundertseitiger Essay sein können.

So muss man leider sagen: Ein bedenkenswerter, spannender, lesenswerter und gut zu lesender Essay, der auf den ersten hundert Seiten sehr klar und konsequent argumentiert, dann aber leider irgendwie auf hundert weiteren Seiten eher grob und ohne notwendige Sorgfalt, sowie rätselhafterweise ohne Einbezug der einschlägigen Autorinnen und Autoren, zu Ende geführt worden ist. Wer am Thema interessiert ist, sollte „Ich und die Anderen“ von Isolde Charim unbedingt lesen, es lohnt sich. Vielleicht auch gerade deswegen, weil man hier einiges gewinnbringend hinterfragen kann, was sowohl die eigenen Positionen, aber auch die Charims betrifft.

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Von Bullshitjobs und vergessenen Gesten

In einer Whatsapp-Gruppe, deren Mitglied ich bin, befinden sich fünf Juristen. Diese Gruppe wird hauptsächlich dazu genutzt, digitalen Internetmüll zu perpetuieren und – natürlich – um über das jeweilige Beschäftigungsverhältnis Leid zu klagen. Einer dieser fünf – nach eigener Aussage, sehr glücklich mit seiner Tätigkeit in der Rechtsabteilung einer großen Bank, die noch dazu (angeblich) geistig äußerst fordernd sei und sich ebenfalls nach eigener Aussage im Anspruch auf einem Level mit Raketenwissenschaften befindet – postete vor Wochen einen Artikel aus der FAS. Dieser war eine einseitige Zusammenfassung des Buchs Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit von David Graeber erschienen bei Klett-Cotta. Wie bei Unternehmensjuristen üblich, hatte er offenbar den Artikel selbst nicht gelesen, sondern wahrscheinlich eine externe Kanzlei damit beauftragt, dies zu tun und dann das Gutachten dazu nicht gelesen, denn in diesem Artikel stand unter anderem, ein klassischer Bullshitjob sei der des Unternehmensjuristen.

 

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Was ist ein Bullshitjob?

David Graeber definiert einen Bullshitjob wie folgt

Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

David Graeber BullshitjobsDie fünf Grundtypen von Bullshitjobs erkennt Graeber dabei in den Lakaien, den Schlägern, den Flickschustern, den Kästchenankreuzern und den Aufgabenverteilern. Der Lakai ist nur dafür da die Arbeit derer zu erledigen, die sich den Lakai halten, weil sie es eben können. Streng gesehen ist also nicht der Job des Lakaien Bullshit, sondern der des Chefs. Schläger sind Menschen, deren Tätigkeit ein aggressives Element beinhaltet, die aber – und das ist entscheidend – nur deshalb existieren, weil andere Menschen sie anstellen. Paradebeispiel wären Streitkräfte, die nur deshalb notwendig sind, weil andere Länder ebenfalls Streitkräfte haben. In diese Kategorien fallen für Graeber die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte. Der Flickschuster wiederum ist nur dafür da Probleme zu lösen, die es eigentlich nicht geben sollte, insbesondere die Fehler auszubessern, die Vorgesetzte verursacht haben. Kästchenankreuzer sind Angestellte, die einem Unternehmen dabei helfen so zu tun als würden sie Dinge tun. Klassisches Beispiel ist die Erledigung von Bürokratie um ihrer selbst willen. Zuletzt der Aufgabenverteiler, der lediglich Arbeit an andere verteilt, er ist das Gegenteil von einem Lakaien, er ist kein unnötiger Untergebener, sondern ein unnötiger Vorgesetzter.

Schon an dieser Einteilung wird ein eklatantes Problem deutlich. Graeber – immerhin Lehrender an der London School of Economics – definiert nicht sauber, sondern plaudert Fallbeispiele daher. Ich vermute, dass dies im Wesentlichen auch mit der Entwicklung des Themas zusammenhängt. Denn Graeber schrieb im August 2013 einen Artikel für das Strike! Magazin, auf den sich eine Vielzahl von Menschen bei ihm meldete und ihre persönliche Bullshit-Job Geschichte erzählten. Ein Großteil des Buchs besteht daher in der Wiederholung von Fallgeschichten, die so nicht unbedingt verallgemeinert werden können.

So kennen viele wahrscheinlich die Geschichte des Mitarbeiter eines spanischen Wasserwerks, der sechs Jahre nicht zur Arbeit kam und das erst auffiel, als er eine Auszeichnung für zwanzig Dienstjahre erhalten sollte oder der andere Vogel, der einfach 24 Jahre der Maloche fernblieb. Das ist auf den ersten Seiten unterhaltsam und hilft dabei ein „Gefühl für das Problem“ zu bekommen, eine wissenschaftliche Problemanalyse sieht aber anders aus.

Hier ist das Problem!

Immer wieder plauderige Beispiele aus der ganzen Welt, geben dem Buch Seiten, dem Leser aber keine neue Erkenntnis. Was Graeber – auf mindestens 150 Seiten zu viel – aber sehr erfolgreich tut, ist, den Leser zu reizen. Er ist pauschal, er ist ungenau und häufig viel zu undifferenziert (was ist z.B. mit all den Jobs, die einfach nur ein bisschen oder zu einem Teil Bullshit sind?) und trotzdem zeigt er Missstände auf, die zweifelsohne existieren. Seit der Lektüre sehe ich die moderne Arbeitswelt anders.

Aus der Peripherie der persönlichen Arbeitswelt des Rezensenten sind beispielsweise solche Aussagen zu hören. „Ja, Kanzlei ist hart, schrubbe 60-80 Stunden, kriege aber auch 110k. Denke ich mache das noch zwei, drei Jahre und dann will ich in eine Rechtsabteilung, auch gut bezahlt, aber ruhige Kugel schieben in einer 40-Stunden-Woche.“ Offensichtlich besteht also der Drang danach weniger zu arbeiten, trotzdem aber „gutes Geld“ zu verdienen. Die ruhige Kugel suggeriert dabei aber stets, dass man den Job eigentlich in kürzerer Zeit ausführen könnte, es aber notwendig ist, 40 Stunden vor Ort zu sein, damit das Gehalt für genau diese Summe verkaufter Zeit gezahlt wird. Es wird also die Zeit gezahlt, nicht die geleistete Arbeit. (Bei Kanzleijuristen ist es in der Regel andersherum: kommt man nicht auf eine gewisse Anzahl abrechenbarer Stunden, vulgo billables, wackelt der Stuhl. Selbstverständlich ist dabei wiederum zu bedenken, dass sich geleistete Arbeit und abrechenbare Arbeit nicht zwangsläufig decken müssen, weder in die eine noch in die andere Richtung.) Vor der Lektüre von Bullshitjobs hätte ich unreflektiert genickt. Denn es ist doch so, dass man 40 Stunden arbeiten muss. Oder nicht?

Wir könnten ohne Weiteres zu einer Freizeitgesellschaft werden und eine 24-Stunden-Arbeitswoche einführen. Vielleicht sogar eine 15-Stunden-Woche. Stattdessen sind wir als Gesellschaft dazu verdammt, den größten Teil unserer Zeit bei der Arbeit zu bringen und Tätigkeiten zu verrichten, von denen wir den Eindruck haben, dass sie für die Welt keinerlei Nutzen bringen.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Eine Lösung wäre fein!

Unbefriedigend bleibt dann aber, dass der Leser nach dem Aufzeigen des Problems alleine gelassen wird.

Wenn es wirklich stimmt, dass bis zur Hälfte der Arbeit, die wir leisten, ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Gesamtproduktivität abgeschafft werden könnte, warum verteilt man dann nicht einfach die verbleibende Arbeit so, dass jeder nur einen Vierstundentag hat? […] Aber aus irgendeinem Grund haben wir als Gesellschaftskollektiv entschieden, dass es besser ist, wenn Millionen Menschen viele Jahre ihres Lebens so tun, als würden sie etwas in Tabellenkalkulationen eintragen oder geistige Landkarten für PR-Meetings vorbereiten, statt ihnen die Freiheit zu verschaffen, Pullover zu stricken, mit ihren Hunden zu spielen, eine Garagenband zu gründen, mit neuen Kochrezepten zu experimentiere, in Cafés zu sitzen und über Politik […]
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Wie also die Umverteilung dieser Arbeit konkret aussehen könnte, wird nicht gesagt, nicht mal angedacht. Das ist für ein weltveränderndes Sachbuch dann doch arg dünn. Ebenso die Lösungsleere nach der Zusammenfassung Graebers „von Studien zur Arbeit“ in

  1. Das Gefühl für die eigene Würde und den Selbstwert verkörpert sich für die meisten Menschen darin, dass sie mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
  2. Die meisten Menschen hassen ihren Job.

Welche Studien er da ausgewertet hat oder was diese aussagen, behält der Autor geflissentlich für sich. Was die Leute dann in ihrer ganzen freien Zeit dann treiben sollen, weiß ich daher auch nicht (– aber es ist natürlich immer noch besser nach eigenem Gusto rumzulungern als nur Bullshit zu machen.)

Das Arbeiten „nach der Uhr“ führt zu der Absurdität, dass Leute Zeit einfach nur absitzen oder so tun als würden sie etwas produktives machen, nur damit sich der Chef nicht eine total sinnlose Beschäftigung ausdenkt – die dann wiederum Bullshit par excellence ist.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Philpp Blom Was auf dem Spiel stehtBullshitjobs‘ bester Freund ist die Digitalisierung. Das führt zu weiteren Problemen, denn bisher ist unsere Gesellschaft so zugeschnitten, dass nur Geld bekommt, wer dafür arbeitet. Für viele Tätigkeiten ist heute aber kein trotteliger Mensch von Nöten, sondern das kann wunderbar ein Maschinchen erledigen. Ohne das Geld aus seinem (Bullshit-)Job kann aber das Konsument nicht konsumieren und dem Unternehmer mit seinen Maschinen dessen Produkte abkaufen.

Der Job selbst mag unnötig sein, aber man kann darin kaum etwas Schlechtes sehen, solange er die Möglichkeit schafft, damit die eigenen Kinder zu ernähren. Man kann fragen, was das für ein Wirtschaftssystem ist, das eine Welt schafft, in der man die eigenen Kinder nur dann ernähren kann, wenn man sich während eines großen Teils seiner wachen Stunden mit nutzlosen Übungen im Kästchenankreuzen beschäftigt oder Probleme löst, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Man kann die Frage aber ebenso gut auch auf den Kopf stellen und fragen, ob das alles wirklich so nutzlos ist, wie es scheint, wenn das Wirtschatsystem, das solche Jobs geschaffen hat, die Menschen in die Lage versetzt, ihre Kinder zu ernähren.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Auf den letzten Seiten bietet daher Graeber immerhin für die Frage nach dem „Wer soll das (Produkte) alles bezahlen?“ das bedingungslose Grundeinkommen an. Gleiches tut auch Philipp Blom in seinem bei Hanser erschienen Buch Was auf dem Spiel steht. Bloms Buch liest sich wie eine abgespeckte, unaufgeregtere Version von Graeber. Selbst wenn dieses ebenso aus einer Vielzahl von Fragen und Fragezeichen besteht, ist dies die eindeutigere Lektüreempfehlung.

Ein oft vorgebrachtes Argument gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ist moralisch oder, um genau zu sein, protestantisch gefärbt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, besagt es, in einer anständigen Gesellschaft gibt es nichts umsonst, auch wenn sich der Staat aus Barmherzigkeit bereitfindet, den Bedürftigsten Unterstützung zukommen zu lassen, die oft mit demütigenden Ritualen und Befragungen auf den entsprechenden Ämtern verknüpft ist. Was aber wird aus diesem Argument, wenn ein Großteil der Bürger eines Landes für die Produktivität der Wirtschaft einfach nicht mehr gebraucht wird? Was wird dann aus dem Menschenrecht auf Würde, geschweige denn dem pursuit of happiness? […]

Diese Änderung, das bedingungslose Grundeinkommen, kommt nicht, weil sie nett oder edel ist, sondern weil sie notwendig ist. Es ist eine der ganze wenigen Neuerungen, die sowohl vom rechten als auch vom linken Spektrum befürwortet wird. Den Linken geht es dabei vornehmlich um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung. Rechte Ökonomen und Politiker sehen im Grundeinkommen die einzige Möglichkeit, im Zeitalter von Maschinen noch Konsum und dadurch Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Inzwischen allerdings sind so viele Menschen ohne Erwerbarbeit, in einigen entwickelten Ländern geht die Zahl an die 40 Prozent, und sie wäre noch höher, würde nicht jede Regierung ihre Statistiken schönen. Die Kosten für den Staat sind astronomisch, und doch ist ein wesentlicher Teil der Bevölkerung arm, deprimiert, nutzlos und gedemütigt.
Aus: Philipp Blom – Was auf dem Spiel steht

Vergessene Gesten

Vergessene Gesten Alexander Pschera das vergessene buchWundgeschlagen also von der Erkenntnis des bevorstehenden Untergangs unserer Gesellschaft, las ich noch Alexander Pscheras Vergessene Gesten, das im kleinen Wiener Verlag Das vergessene Buch erschien. Vor dem Hintergrund der Sorge um die Zukunft meiner Kinder und Kindeskinder empfahl mir Pschera mal wieder Urlaubsfotos in ein Album zu kleben, statt nur durchs Handy zu wischen oder mir einen Toast Hawaii zu kredenzen (eine „Geste“, die nun wirklich mal langsam aussterben sollte) oder derlei Unfug mehr. Pscheras Buch kann sich getrost mit dem des rückwärtsgewandten Grafen, der es pflichtschuldig in der BILD am Sonntag erwähnte (die leider ebenfalls nicht vergessene Geste/Tugend des Klüngels), in eine Reihe stellen.

Diese nebenbei verteilte Ohrfeige für ein Buch, das auf den ersten Blick gar nicht in diese Reihe passt, erscheint etwas wahllos und passt doch so hervorragend. Denn wenn man sich vor Augen hält, mit welchen Problem der moderne Mensch in Zukunft (und der gegenwärte Mensch in der Jetztzeit) konfrontiert sein mag (hervorragend zum Laune verderben in dieser Hinsicht auch Yuval Noah Hararis 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert) und dies der Gefahr des Aussterbens des Toast Hawaii gegenüberstellt, kann einem doch etwas blümerant werden. Aber so ist es ja immer, die großen Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, denn weder Graeber oder Blom noch Schönburg oder Pschera können oder wollen uns dabei helfen. Einer wandelnden Gesellschaft kann man wie der Graf Schönburg begegnen und es sich im Zustand der Verarmung im Porsche Targa gemütlich machen oder wie Pschera, der das Heil der Welt durch das Grüßen des Busfahrers wiederherstellen will, oder man beginnt, statt im Manufactum Katalog zu blättern, damit etwas zu ändern.

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Nobilität ist auch ohne Pferd möglich: Die Kunst des lässigen Anstands

Als Abiturient oder Zivildienstleistender las ich Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens und fühlte mich, so glaube ich mich zu erinnern, gut unterhalten. Verarmen musste ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich. Die Lebensphase, in der ich mich damals befand, ist im Allgemeinen nicht dafür bekannt, dass man aus dem Vollen schöpfte. Perfekt also vor dem Studium bereits zu wissen wie man aus den begrenzten Mitteln das Beste macht, um während des Jura Studiums trotzdem als edler Herr und nicht als Gernegroß durchzugehen.

Was ich bis heute allerdings aus den sicher vielen guten Tipps erinnere, ist nur der, man solle nicht mit (irgend)einem Auto protzen, ein alter Porsche Targa tue es auch. Der Leser möge kurz seinen Kontostand überprüfen. Sie kennen es, während der Verarmung verpasst man meist den Punkt, an dem es noch die finanzielle Möglichkeit gab einen Porsche Targa zu erwerben. Bei vielen allerdings wäre das Geld für den Targa erstmal zu besorgen, man müsste das Auto kaufen und dann darin stilvoll verarmen. Nichts ist heute einfach, nicht mal arm sein oder arm werden.

Die Themen und der Hintergrund Graf von Schönburg-Glauchaus laden natürlich zu Neid und Missgunst ein. Stefan Volk etwa ätzte im Bücher Magazin in der Rubrik Überschätzte Bücher über Die Kunst des stilvollen Verarmens:

Unangenehm aber ist die kumpelhafte Attitüde, mit der von Schönburg aus seinem Elfenbeinturm des „verarmten Adels“ und längst auf dem Weg zurück in die Chefredaktionen ein munteres „Haltung bewahren“ in die Gosse hinunter trällert. Er selbst hat gut daran verdient, dass er Armut zum besseren „Lifestyle“ verklärte.

alexander graf von schönburg die kunst des lässigen anstands piperNun schlägt der Graf aber trotz der Schelte – weil es sich eben auch gut verkauft – weiter in diese Kerbe (einer von denen da oben, der aber auch mal bei euch hier unten war, erklärt euch, wie echte Gentlemen das mit dem Leben machen und zwar von hier oben) und schreibt weiter über Themen, mit denen er sich gut auskennt, etwa ein Lexikon der überflüssigen Dinge oder über Smalltalk. Das neuste Werk, der langjährige Rowohlt Autor ist nun bei Piper, trägt den Titel Die Kunst des lässigen Anstands.

Adel hat nichts mit Geburt, aber sehr viel mit Kultur zu tun, die man sich aneignen kann. Oder eben nicht. Nicht alles, was der Adel bewirkt hat, war segensreich, aber niemand wird leugnen, dass es ein paar Werte, Traditionen, Denkweisen und tugendhafte Eigenarten gibt, die in Adelskreisen besonders hochgehalten worden sind und ein bewahrenswertes kulturelles Reservoir darstellen.

Wahrscheinlich kann man – wie jedem – Schönburg viele Dinge vorwerfen, z.B. für die Bild zu arbeiten – was man wiederum nicht jedem vorwerfen kann, aber auch jetzt erstmal ein recht pauschales Urteil ist. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er langweilig schreibe. Durch die zu erlernenden 27 Tugenden zum anständig Sein rauscht er in plaudernd-plapperndem Ton, paart Aristoteles und Thomas von Aquin mit Minnesang, Alltagsgeschichten mit Geschichte, ja man kann sich sehr gut vorstellen, einfach einen Abend von ihm unterhalten werden zu wollen. Denn offenkundig ist er sowohl klug als auch gebildet. Innerhalb der Kapitel gibt es noch putzige Seiten mit kurzen Fragen wie „Darf ich weiße Anzüge tragen?“ (in nuce: nein) oder „Wann darf ich mit den Fingern essen?“ (Spargel), die der Autor als letzte Instanz zu beantworten weiß. Das wäre alles herrlich kurzweilig, wäre das Buch 250 Seiten kürzer. Unklar bleibt dazu was AvS ist oder tut: Spielt er eine Rolle? Ist er ein Naseweis? Will er belehren oder wirklich nur unterhalten?

Wirklich ärgerlich sind vor lauter Kumpelhaftigkeit (wieder so eine Frage: will er mein Kumpel sein oder mein Lehrer?) dann aber Stellen wie

Wenn ich einer/m militanten LGBT-Aktivist*en gegenüberstehe und mit ihr/ihm/x streite, bringt das, muss ich offen eingestehen, in der Regel das Schlechteste in mir hervor. Ich will sie/ihn/x in Grund und Boden argumentieren, fertigmachen.

Offensichtlich tritt auch auf dem Papier beim bloßen Denken und Schreiben über „LGBT-Aktivist*en“ das Schlechteste im Autor hervor. Selbstverständlich endet der Absatz in einem „ich weiß, dies tut man nicht“, da liegt das Kind aber bereits im Brunnen, und es lässt dann doch vermuten, dass die Monstranz des Anstands vielleicht doch nur ein Deckmäntelchen sein könnte. Das Lustigmachen über Minderheiten finde ich dann unter dem Strich irgendwie höchst unanständig. Nicht nur hier, zwischen den Zeilen stolpert der Leser doch immer mal wieder über ein Vonobenherab. Mach ich es mir am Ende dann zu einfach, wenn ich einfach feststelle, dass es mit meinem eigenen Anstand nicht zu vereinen wäre, zusammen mit Julian Reichelt in der Chefredaktion der Bild zu sitzen? Aber was weiß ich schon über Anstand.

„Obacht, dass Sie im Alter kein Peter Hahne werden“, möchte man von Schönburg zum Schluss noch zurufen, wenn er im Buchmarkt Gespräch sagt, es ginge in seinem Buch „um unsere komplette Orientierungslosigkeit, den Verlust aller zeitlosen Werte, Maßstäbe und Standards. Seit 50 Jahren erleben wir eine fortwährende Destruktion und Verwüstung von allen jemals existierenden Wertesystemen.“

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Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ich muss vorweg sagen, dass ich eine Aversion gegen Tatortnamen habe; gegen jene für ein vergesslich gedachtes Publikum leicht merkbar konzipierten, furchtbar ausgedachten Banalnamen aus Vornamen mit zwei unbetonten Silben und einsilbigem Nachnamen, wie sie vornehmlich KommissarInnen im deutschen Fernsehen haben (bzw.: in öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis, aber anderes Fernsehen gibt es ja eigentlich nicht mehr): Vera Lanz, Rosa Roth, Felix Stark – oder eben Juli Zeh, Peter Bamm, Thea Dorn. (Natürlich hat auch Dorns Kronzeuge Thomas Mann einen Tatortnamen, aber der hat ihn sich wenigstens nicht selbst ausgesucht.) [Nachtrag, 25.5.: Hat er doch, der alte Schlawiner, hieß er doch mit vollem Namen Paul Thomas Mann. h/t Marian T. Wirth]

Dorns selbstgewählten Tatortnamen hat sie offen und schamlos vom Namen des Philosophen Theodor W. Adorno abgeleitet (»Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken«, 1995). Und zwar für ihr Debüt als Krimiautorin. Und unter demselben Namen hat sie allen Ernstes 2011 mit jemandem namens Richard Wagner zusammen ein Buch namens »Die deutsche Seele« geschrieben.

Wie soll ich so arbeiten? Wie soll ich unter diesen Umständen ein Buch von Thea Dorn über deutschen Patriotismus rezensieren und dabei ernst bleiben? (Nun ja, unter uns: Ich habe es auch irgendwie geschafft, jahrelang unter Leuten zu leben und zu arbeiten, die alle miteinander wissen, dass der Begründer des Neuplatonismus ausgerechnet Plotin heißt – als hätte der erste Neukantianer Emmanuel Kont geheißen! –, und auf diese schreiend komische Absurdität nur äußerst selten zu sprechen kommen.)

– Aber ich schweife ab. Thea Dorn nun hat also mit Deutsch, nicht dumpf (Knaus, 338 S., 2. Aufl. 2018) ein Buch über deutschen Patriotismus geschrieben, das unter anderem auf ihrer genannten Arbeit mit Richard Wagner aufbaut. In Zeiten anschwellenden Heimatgebrülls und einer seit Jahren rapide nach rechts rutschenden politisch-medialen Gemengelage will dieses Buch laut Klappentext die Themen »Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen«.

»Dürfen wir unser Land lieben?« wird da sogleich rhetorisch gefragt, und unter anderem auch: »[V]on wem reden wir […], wenn wir ›wir‹ sagen?« Dorn als gelernte Philosophin und offenbar schon seit einigen Jahren mit dem Thema vertrauter Medienprofi ist, Name hin, Name her, vielleicht nicht die falscheste Ansprechpartnerin für solche Fragen. Ihr Text ist, mäandernd, mit Exkursen über dies und jenes (z.B. von Prometheus über Luzifer zur Gentechnik, 153ff.) und sehr demonstrativ bildungsbürgerlichen Bezügen zu allem, was bei drei noch auf dem Kanonbaum ist, stilistisch ein völlig aus dem Ruder gelaufener Feuilletonbeitrag, geht aber doch entlang einer erkennbaren Linie vor:

Dorn hebt damit an, zu argumentieren, trotz grundlegenden Zweifeln könne man durchaus im Sinne einer wittgensteinschen Familienähnlichkeit von einer deutschen Kultur sprechen (Kap. 1), um anschließend unter anderem die in Deutschland lange so wirkungsmächtige Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation an schlagenden Beispielen zu erläutern und zu kritisieren (Kap. 2). Im dritten Kapitel wird dann in einem recht unstrukturierten Geschlinger zwischen Berichten von Demonstrationen pro und contra LBGTQ*-Rechte und Überlegungen zu Persönlichkeitsbildung in der Postmoderne das Thema Identitätspolitik abgehandelt, im vierten ein Heimatbegriff erläutert. (Dorns Überlegungen zu »Mikroaggressionen« und »Political Correctness« übergehe ich, sonst rege ich mich zu sehr auf.)

Die Vorstellung von Kultur, Identität und Heimat, die dabei entwickelt wird, ist eine mehrschichtige: Ähnlich, wie die deutsche Kultur als ein harter und erfreulicherweise weltanschaulich neutraler Kern von »Leitzivilität« gedacht wird, um den sich bestimmte nicht austauschbare kulturelle Bestände gruppieren, die wichtiger sind als andere, konzipiert Dorn auch die persönliche Identität des Einzelnen und seine Heimat (das heißt: Deutschland als kulturellen Ort) als plastische, sich mit ihrer Umwelt austauschende, aber dennoch zentrierte und mit einem Kern versehene Strukturen. Die Kerne sind dabei, wie mehrfach erwähnt wird, nicht definierbar, sondern höchstens konstellativ aufzeigbar, und scheinen für Dorn irgendwie phänomenologischen Grundkategorien ähnlich (121) und an sinnliche Schlüsselerlebnisse à la Madeleine-Episode gekoppelt (137 – und tatsächlich, auf 143f. kommt dann der Proust-Bezug, vorhersagbar wie das schlechte Wetter in der Kölner Bucht). Über solche Kerne zu verfügen sei dabei unter anderem Grundbedingung für individuell sinnerfülltes Leben, wahre Kreativität und die gute Einrichtung eines politischen Gemeinwesens. Eine radikale Neuerschaffung solcher Kerne ist unmöglich – man muss sich immer schon, und sei es im Modus des Verlusts, auf sie beziehen können.

In den folgenden Kapiteln wird dann, wieder sehr weitschweifig, anhand einer Vielzahl locker gestreifter theoretischer Quellen gezeigt, warum Europa, wie es heute als politische Realität um die EU herum existiert, sowie die Welt als kosmopolitisch verstandene nicht als Heimatböden taugen sollen (übrigens genauso wenig wie autochthon verstandene Kleinregionen, 174f.). Der heterogene, aber irgendwie kulturell zentrierte Nationalstaat, speziell der deutsche, der für sie seine wahre Wurzel im Bildungsbürgertum des 18. Jahrhunderts hat, ist für Dorn der einzige gangbare Identifikationsgegenstand, der kulturelle Identität und Heimat auf einen Nenner bringt. Dafür müssen einige Randbedingungen stimmen, und es gereicht der Verfasserin zur Ehre, dass sie feststellt, dass Liberalität, Westbindung, Verzicht auf originelle politische Entwürfe à la »Dritter Weg« und Unterlassen kraftmeiernder »Selbstverständigungen« dazugehören (245–271).

Das Fazit der kurzen deutschen Nationalgeschichte, die Dorn in Kapitel 7 abliefert, ist denn auch mehr oder minder: Allein das Bekenntnis zum Nationalstaat, als konstitutioneller, umverteilender und kulturell zentrierter aufgefasst (274) kann uns im gegenwärtigen Schlamassel retten. Dieses Bekenntnis soll dabei ein aufgeklärter Verfassungspatriotismus sein, wie Dorn ihn bei Thomas Abbt, C. S. L. von Beyer und W. A. Teller im 18. Jahrhundert begründet sieht (281 ff.), allerdings unterzogen von einer Vorstellung von Deutschland als »Kulturnation«, ganz konkret verstanden als Nation, in der Staat und Zivilgesellschaft Güter der Hochkultur nutzen, um integrative und solidaritätsstiftende Projekte zu veranstalten (303 ff.). Der Verfassungspatriotismus ist es, »der alle sonstigen Patriotismen vor Exzessen bewahrt« (312), während die Leitkultur das Volk bildend und einend mit Schubert-Liedern versorgt (313). (If you want a picture of the future, imagine Elke Heidenreich explaining concertos to teenagers – forever.)

Bis zum Schluss wurde mir dabei nicht klar, wie Dorn darauf kommt, dass ihr kultureller Kern, den sie so hochhält, ausgerechnet koinzidieren muss mit dem, was seit jeher im Elitendiskurs als deutsche Kultur gehandelt wird, und das, obwohl oder gerade weil sie sich mit deutscher Alltagskultur anscheinend umfänglich befasst hat. Deutsche Kultur ist für mich z.B. die hartnäckige Heterogenität der Nahverkehrstarife. Oder, unvergleichlich: wenn man im Hotel »Emshof« in Warendorf, wo die Zeit je nachdem, in welchem Raum man sich aufhält, seit 40 bis 90 Jahren stillzustehen scheint, eine armselige zweiseitige Speisekarte in Klarsichthülle mit ca. zehn Hauptgerichten und weder Vorspeisen, Desserts noch Getränken vorgelegt bekommt und entmutigt etwas bestellt, nur um festzustellen, dass alle Hauptspeisen spektakulär gut sind und kommentarlos mit Hochzeitssuppe als Vor- und Herrencreme als Nachspeise serviert werden. Dagegen kann ich auf Thomas Mann ganz gut verzichten – und auch darauf, wenn die ungeheuer belesene Enkelin einer Vorderpfälzerin erklären möchte: »[S]teckt im Pfälzer Wort für Kartoffel, der ›Krummbeere‹, nicht ein verhunztes französisches ›pomme de terre‹?« (139), was der größte Quatsch zum Thema französische Sprache ist, den ich lesen musste, seit Byung-Chul Han sich offiziell dazu bekannt hat, den Unterschied zwischen »bonheur« und »bonne heure« nicht zu kennen.

Dorn macht ihren Staat aber mit Thomas Mann, mit dem Hambacher Fest, mit der Konsensgeschichte der Berliner Republik dazu, was deutsch ist; die Leitidee, dass dieser Konsens die Tiefenstruktur von Deutschsein treffe, hinterfragt oder begründet sie nicht. Der Tiefenkern wird als Ressource postuliert, ohne die der Verfassungspatriotismus nicht funktioniere, und ohne den auch individuelle Autonomie, gedacht als die Persönlichkeitsbildung leitende Selbstgesetzgebung, nicht zu haben sei. Warum muss es aber gerade die konkrete deutsche Verfassung sein? Warum müssen es die hegemonialen kulturellen Inhalte sein? Konkret: Was spricht dagegen, Dorns Muster zu verallgemeinern und zu sagen: Gesellschaften und Individuen sollten über einen liberalen, universalistischen Regelrahmen für ihr Handeln verfügen und auf als bedeutsam anerkannten kulturellen Inhalten operieren – ganz gleich, wie viel oder wie wenig Nation dahintersteckt, geschweige denn, welche? Die Antwort kann Dorn nicht geben, weil sie sie bereits voraussetzt. Ihr Buch argumentiert nicht für deutschen Patriotismus; es argumentiert aus der Position heraus, dass Patriotismus und eben auch deutscher Patriotismus aus gewissermaßen existenziellen Gründen unverzichtbar sei, für eine bestimmte Form von deutschem Patriotismus (vermutlich immerhin tatsächlich für die brauchbarste). Wer die Sinnhaftigkeit von Patriotismus überhaupt hinterfragt, wird in diesem Werk nichts finden, was argumentativ vom Gegenteil überzeugen könnte.

– Zuletzt noch einmal zum Stil. Länger habe ich darüber nachgedacht, warum mich der aufgekratzt muntere Plauderton des Buches so stört. Ist es das Thema? Gönne ich diesen Ton nur englischsprachigen Sachbüchern? Sind es meine Vorurteile über die (mir zuvor fast unbekannte) Person Thea Dorn, hat das Lästern über sie als Galionsfigur einer bestimmten Art von Kulturbetrieb auf mich abgefärbt?

Mir ist dann aber aufgefallen, dass es nicht einfach der Ton ist, sondern der Ton in Verbindung mit der Sprechhaltung. Wenn Dorn sich auf Seite 55 über jene empört, denen die Erinnerung an die deutschen Verbrechen lästig ist, schafft sie dies nicht, ohne emphatisch festzustellen, dass Bilder der Shoa ihr, ihr, Thea Dorn persönlich, das Herz zerreißen, wo Empfindsamkeit doch eine der »nobelsten deutschen Tugenden« sei. Es passiert wenig in diesem Buch, ohne dass Thea Dorn sich je selbst als herausragendes Exemplar des Erwünschten zeichnet.

Zugleich passieren dabei unfassbare Fehlgriffe, wenn die Verfasserin etwa Ernst Moritz Arndt darin zustimmt, dass »ein übersteigerter Kosmopolitismus zur Lähmung aller gestalterischen und bildenden Kräfte führen« könne (125), ohne dies irgendwie einzuordnen. Da darf dann wenig später auch das Schimpfen auf die »›Heuschreckenschwärme‹ des »globalen Finanzkapitalismus« (129) nicht fehlen. Ja, ganz recht: Thea Dorn plädiert in der Tat für heimatliche Verwurzeltheit und gegen kosmopolitisches »Nomadentum« (sic!, 129), bezieht sich zustimmend auf einen Antisemiten, nutzt strukturell antisemitisches Vokabular und schafft es zugleich, stolz auf ihren adornitischen Namen und ihr Angetansein von der eigenen Verstörung über den Holocaust zu sein. Auch Turnvater Jahn (225) findet in ihr eine Fürsprecherin. Ein Bild von einer Deutschen! Eine bessere Autorin konnte dieses Buch nicht finden.

Ein Letztes noch: Deutsch, nicht dumpf ist zwar über weite Strecken eine Abhandlung, die sich auf eine Primärquelle nach der anderen bezieht und auch viel wörtlich zitiert, enthält aber keine einzige Fußnote, keinen einzigen Literaturbeleg, keine Bibliographie, noch nicht einmal ein Personenregister. Das Buch endet, seinem Gegenstand und seiner Haltung angemessen – nachdem es festgestellt hat, dass man für Deutschland, wenn auch »postheroisch«, sterben wollen und Deutschland lieben darf – mit dem Deutschlandlied (schauen Sie ruhig selbst nach). Man kann Thea Dorns Namen auf dem Umschlag also gewissermaßen als performativen Widerspruch lesen – denn was immer man von Theodor W. Adorno hält: dass jemand Bücher schreibt, die man ungeprüft hinnehmen und an deren Ende man innerlich die deutsche Nationalhymne absingen soll, wird er vermutlich nicht gewollt haben.

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Bernhard Heinzlmaier – Performer, Styler, Egoisten

Wer weiß, dass alles immer schlimmer wird, muss erklären können, warum die heranwachsende junge Generation daran nichts ändern wird. Eine pessimistische Beschreibung einer Gesellschaft erfordert notwendigerweise stets eine negative Beschreibung ihrer Jugend. Bernhard Heinzlmaiers Buch Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben (Archiv der Jugendkulturen Berlin, 3. Auflage August 2013, 202 S.) bietet insofern, wenn auch nicht mehr ganz taufrisch, die methodische Ergänzung zu Robert Pfallers und K. P. Liessmanns Werken, die ich in den ersten beiden Teilen dieser Trilogie rezensiert habe. (Übrigens beziehen sich sowohl Pfaller als auch Heinzlmaier wiederholt auf Liessmann.)

Dass es seit mindestens über 40 Jahren (Tom Wolfe, The »Me« Decade and the Second Great Awakening, 1976) zur intellektuellen Geräuschkulisse der westlichen Industriegesellschaften gehört, die Jugend als egozentrisch und narzisstisch zu kritisieren, habe ich bereits in der Liessmann-Rezension angemerkt. Letztlich handelt es sich dabei um die aktuelle Akzentuierung der mindestens bis ins 5. Jahrhundert vor Christus (Aristophanes, Die Wolken) zurückgehenden Beschwerden über die Jugend von heute. Heinzlmaier liefert in seinem Buch ähnlich wie Pfaller eine ausgearbeitete Darstellung der vollständig ökonomisierten, »neoliberalen« Gesellschaft, in der wir seiner Meinung nach leben, und ordnet verschiedene mehr oder minder empirisch begründete Beobachtungen über die Jugend v.a. in Österreich in dieses Bild ein, die, wie der Titel schon andeutet, durchweg auf Narzissmus und Egozentrik abheben.

In groben Zügen sieht dieses Bild so aus (7–44): In der neoliberalen Marktgesellschaft ist das Bildungssystem bis auf unbedeutende Restbestände darauf reduziert, Individuen fachspezifisch und technisch auszubilden, damit diese in der Arbeitswelt als unternehmerisch agierende Monaden den Kampf aller gegen alle erfolgreich bestreiten können. Ob Erfüllung durch die eigene Arbeit dabei etwas ist, was den Massen vorenthalten wird (»Nur den Bildungseliten gelingt es noch, Arbeit und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden«, 10) oder etwas, womit diese sediert und angetrieben werden (»Nun genügt es nicht mehr, dass der Arbeitnehmer seine Arbeit einfach erledigt, er muss sie auch gerne tun«, 20), weiß Heinzlmaier dabei selbst nicht so genau, und es ist ihm auch nicht so wichtig. Der moralisch spätestens seit der Finanzkrise diskreditierte Kapitalismus hat jedenfalls aus der Gesellschaft ein reines Schmierentheater gemacht, in dem es um nichts mehr geht außer um persönliches, materielles Vorankommen, und alle wissen, dass alle lügen.

Der empirische Befund, der ab Seite 45 darstellt wird, ist interessanter: Die Jugend zerfällt nach Heinzlmaier in verschiedene Populationen, die fast nichts mehr miteinander gemeinsam haben; insbesondere gibt es eine quasi unüberwindliche Kluft zwischen Studierenden bzw. Studierten und nicht akademisch Gebildeten, und ca. ein Zehntel der jungen ÖsterreicherInnen kann als völlig abgehängtes Prekariat gelten, das die neoliberalen Institutionen nicht einmal mehr in den Arbeitsmarkt integrieren wollen (46f.). Kommunikations-, Freizeit- und Konsumverhalten der Jugend sind geprägt von losen Vernetzungen ewig Rollen spielender, sich bewusst selbst inszenierender Individuen, nicht mehr von starken gemeinschaftlichen Bindungen. Die konkreten Einzelbeobachtungen Heinzlmaiers sind dabei durchaus erhellend: So ist die mit Abstand größte Jugendszene Österreichs und Deutschlands die Fitness-Szene (109f.). Die Interpretationen der Befunde scheinen mir als Laie teils zweifelhaft, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, alle »szenigen« Jugend-Freizeitbeschäftigungen wie Snowboarden, Autotuning oder Social Media seien durchweg kompetitiv, überall müsse es Gewinner und Verlierer geben und so etwas wie »solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Handeln« (103) gebe es nicht mehr. Die aufgebotenen Theorieapparate stammen wieder einmal hauptsächlich aus den 70er/80er-Jahren (Ulrich Beck, Richard Sennett usw.).

Was Heinzlmaiers Werk durchweg nicht klar beantwortet, ist die Frage danach, inwieweit der angebliche Narzissmus, Egoismus, die Tugendferne (158), die sich darin ausdrücke, dass Gemeinschaft nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Mittel angesehen werde, universell oder bloß ein Milieuphänomen ist. Wenn er feststellt, dass unter Wiener Lehrlingen 35 % es gutheißen, dass ein ÖVP-Politiker seine Position zur Bereicherung ausgenutzt hat, unter höher Gebildeten jedoch nur 8 % (162), und im Weiteren große Unterschiede im Wertebezug zwischen FPÖ-Milieu und anderen Milieus konstatiert (166f.), liegt doch der Schluss nahe, dass das eigentliche Problem weniger ein allgemeines Außermodekommen gemeinorientierten Denkens und Handelns als vielmehr das Entstehen mehr oder minder sozialdarwinistisch denkender Soziotope und Subkulturen sein könnte. Die Beschreibung des Befundes als allgemeine Verfallsgeschichte wird auch dadurch in Frage gestellt, dass Daten dazu, dass es früher einmal besser gewesen sei, weitgehend fehlen.

Der Band hinterlässt bei mir insgesamt einen schalen Nachgeschmack: Ein Hagel von Theoretikernamen, Beobachtungen und Schlagworten für den sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte zieht an einem vorbei, aber jenseits der Feststellung, dass es irgendwie schlecht um die Jugend bestellt ist, bleibt das Gesamtbild diffus und wenig schlüssig. Ärgerlich ist an diesem Buch, das sei noch gesagt, dass es schlecht korrigiert ist und daher diverse peinliche Fehler enthält (»Hyprid«, 26). Zur Einordnung von Heinzlmaiers Forschung empfehle ich die Lektüre eines Interviews aus dem letzten Jahr in der Wiener Zeitung, das die subjektive Motivation erkennen lässt: Hier ist wieder einmal jemand unterwegs, der eine echte oder imaginierte »68er«-Jugendkultur als Maßstab zur Abwertung der Gegenwart heranzieht. Dass Heinzlmaier sich zumindest offen zur Misanthropie bekennt, die ihn dabei antreibt, kann schon fast wieder als sympathisch gelten.

Diese Rezension ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie von Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Bernhard Heinzlmaier über Jugendkultur behauptet

  • »Siedler« und »World of Warcraft« erziehen spielerisch zu ökonomischem und kolonialem Denken (19f.); vermutlich verwechselt Heinzlmaier hier Warcraft/Warcraft 2 und WoW.
  • »Oper, instrumentale Kunstmusik und in neuerer Zeit auch Jazz und Chanson sind die zentralen Bestandteile der legitimen Musikkultur. Im Gegensatz dazu werden Kompetenzen, die sich junge Menschen bezüglich der populären Kultur […] aneignen, weder gewürdigt noch repräsentieren sie einen Statuswert« (86).
  • »Selbst die [Fußball-]Ultras instrumentalisieren die Gemeinschaft nur mehr dazu, um ihre narzisstischen Selbstdarstellungs- und Selbstverwirklichungsinteressen realisieren zu können. Also auch hier sind sie vorbei, die Zeiten des einer für alle und alle für einen« (110).
  • »Es ist offensichtlich, dass die Wertesynthese im Sinne von Helmut Klages und Aristoteles unter Jugendlichen genau so wenig gelingt wie unter Erwachsenen.« (158)
  • »Die Tätowierung der Ehefrau eines Spitzenpolitikers kann ausschlaggebender für den Wahlerfolg sein als das Programm, das er vertritt.« (183)

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Konrad Paul Liessmann – Bildung als Provokation

Bereits auf der zweiten Vorwortseite von Bildung als Provokation (Zsolnay 2017, 244 S.) spricht K. P. Liessmann von dem »in einem klassischen Sinne Gebildete[n]« im Irrealis. Es gibt ihn nicht mehr, diesen Gebildeten; und gäbe es ihn noch, wäre er ein Zumutung für uns. Das ist die These des Aufsatzes, der dem Band seinen Namen gibt.

Es handelt sich in der Tat wieder einmal (wie bei Greiner und Pfaller) um einen uneingestandenen Sammelband – ehrlicherweise müsste etwas wie »18 vermischte Aufsätze, 2013–2016« auf dem Umschlag stehen. Immerhin gibt es am Ende einen Drucknachweis. Mit Bildung im engeren Sinne beschäftigt sich nur das erste Drittel; der Rest wurde aufgefüllt mit mehr oder minder passenden Texten, die sich z.B. mit Händen, Abfall, Innovation, Grenzen, Sozialdemokratie und bürgerlicher Politik befassen. Letztere beide Aufsätze sind dabei hervorgegangen aus Reden bei den Parteitagen der SPÖ 2014 und der ÖVP 2015. (Wäre Vergleichbares, dass also derselbe Philosoph beim SPD- und ein Jahr später beim CDU-Bundesparteitag spricht, in Deutschland möglich? Vermutlich ja – man möchte gar nicht darüber nachdenken.) Die Parteitagsreden in beiden traditionellen Lagern dürfen als symptomatisch gelten: Liessmann weiß einfach zu allem etwas zu sagen. Doch dazu am Schluss mehr.

Die Verkürzung des Titels »Belesenheit. Literarische Bildung als Provokation« (13–25) zum Titel des Bandes ist programmatisch. Auch wenn Liessmann ab und zu Bildungsgegenstände benennt, die nicht irgendwie literaturförmig sind – wenn er von Bildung spricht, meint er Belesenheit, definiert als je individuelles Gemachthaben lebens- und persönlichkeitsverändernder, einsamer Leseerfahrungen mit einer relativ großen Menge kanonisierter Werke, die »durch [ihre] pure Existenz den Grund für [ihre] Rezeption« darstellen (19; siehe auch Anhang). Zur Provokation wird Belesenheit nun deswegen, weil es Liessmann zufolge nicht nur so sein soll, dass Schul- und Hochschulsystem keinen Wert mehr darauf legen, Belesene hervorzubringen, sondern dass sie sogar aktiv verhindern wollen, dass sich in ihrem Rahmen mit Literatur beschäftigt wird.

Liessmanns Überlegungen dazu im titelgebenden und in den folgenden Aufsätzen prägt folgender Gedankengang: Belesenheit ist primär zweckfrei (dass sie sekundär segensreiche, von Liessmann eher übertriebene als heruntergespielte Auswirkungen haben kann, stellt er jedoch nicht in Zweifel); sie kann darum nicht planbar und prüfbar unterrichtet werden. Deswegen wird sie wiederum zwangsläufig stets ein Minderheitenphänomen bleiben; und ein auf die Erzeugung von Belesenheit ausgerichtetes Bildungssystem ist daher nicht dazu geeignet, soziale Gleichheit herzustellen.

Die Weltbeschreibung, die er als Kontrastfolie bringt, ist dabei abgeschmackter Feuilletonstandard, üblichstes Bologna-, Digitalmedien- und Didaktikbashing, wie es gefühlt alle 14 Tage irgendein mittelalter Herr aus Lehre und Forschung in der FAZ abliefert. Auch die seit spätestens 1976 pausenlos geführte Klage über den Narzissmus der jungen Generation darf nicht fehlen. Jedes nähere Wort dazu wäre zu viel, man hat das alles schon oft genug gelesen. (Interessant übrigens, dass zwei von Liessmanns wichtigsten Kronzeugen Publikationen von Christopher Lasch 1982 und von Heinz-Joachim Heydorn 1970 sind – ähnlich wie bei Robert Pfaller, der seine »Gegenwartsdiagnose« u.a. bei Richard Sennett 1977 und an Sprachtrends aus der Zeit der Ölkrise anknüpft.) Es wird auch nicht überraschen, dass Liessmanns Position dazu, was zum Bildungskanon gehören sollte, weithin eine der schicksalsergebenen Reflexionslosigkeit ist – Werke rufen, wie oben bemerkt, rein intrinsisch danach, rezipiert zu werden, und wenn dann eben fast ausschließlich Werke von lange toten Männern rufen (siehe wiederum Anhang) und z.B. (um nur ein winziges Beispiel zu nennen) keine Werke, die diesen Werk- und Kanonbegriff selbst irgendwie kritisch aufnehmen, dann ist das eben so, point final. Immerhin plädiert der Verfasser für eine Europäisierung des Kanons und damit implizit gegen die Ausrichtung von Bildung an Nationalliteraturen (23–25).

Es lohnt sich dennoch, zu überlegen, was die praktischen Konsequenzen von Liessmanns Argument sind. Wenn er Recht hat, dann sollte es doch vielleicht Ziel des Bildungssystems sein, dass fachlich hochqualifizierte Lehrkräfte mit gebotener Muße, ohne Didaktisieren und ohne Herumkritteln am Kanon, möglichst vielen die Chance eröffnen, klassisch belesen zu werden? Die Vorstellung einer Art humanistischer Einheitsschule drängt sich auf; man mag auch an Schulutopien denken, wie ich sie vor vielen Jahren bei einem Vortrag von Hartmut von Hentig in Marburg hören durfte (Schüler renovieren eigenständig ein altes Bauernhaus und berichten abends am Lagerfeuer in lateinischen Versen) – oder an das sehnsuchtsvolle Bild, das für viele hierzulande die Bachelor-Programme der großen amerikanischen Colleges darstellen, wo Studierende nicht selten 400 Seiten Lesepensum pro Woche haben und durchaus im Mathematikunterricht Euklid im griechischen Original bearbeiten. Gleichzeitig spricht sich Liessmann jedoch engagiert ebenso gegen die Vorstellung von Beeinflussbarkeit von Chancen wie gegen die Vermehrung höherer Schul- und Studienabschlüsse aus – in der (von ihm hart kritisierten) Wettbewerbsgesellschaft sei es Augenwischerei, Wettbewerb und Selektion erst nach dem Schulabschluss beginnen zu lassen (47ff.). Dass der Erwerb echter Bildungserfahrungen bestimmte ungleich verteilte Fähigkeiten erfordern möchte, die man vielleicht versuchen sollte, grundständig kompetenzorientiert zu unterrichten, taucht nicht auf. Liessmann spielt sogar mit dem Gedanken, dass es aufgrund der Verwurzelung des klassischen Bildungskanons in spezifischen Vergangenheiten unvermeidlich und möglicherweise sogar wünschenswert sein könnte, dass echte Bildungserfahrungen nur aus einer bestimmten Herkunft heraus gemacht werden könnten (51f.).

Arbeitet man sich durch die sechs lose verbundenen Aufsätze im Bildungsteil des Buchs, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Verfasser sich letztlich schlicht bis ins Detail das Bildungssystem, das er in seiner eigenen Jugend erlebt hat, zurückwünscht, vielleicht in einer europäisierten und idealisierten Form. Dafür spricht auch weiter hinten der hymnische Ton der Erinnerung an die eigene Maturaprüfung in Villach 1971 (113 ff.). Ohnehin – die Weise, in der Liessmann sich gleichzeitig als Person halbherzig aus der Argumentation heraushält, ständig durchblicken lässt, dass er selbst ein Exemplar des für ausgestorben erklärten belesenen Gebildeten darstellt, und dabei darauf beharrt, »man« (also: auch alle, die sein Buch lesen) empfinde solcherlei echte Bildung heutzutage als unangenehm, ist eben das: höchst unangenehm. Die Selbstüberschätzung spricht auch daraus, dass Liessmann gleich zu Anfang dem klassisch Gebildeten zuerkennt, er wisse »auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen« zu trennen (8), und über den gesamten Band hinweg immer wieder gegen die Ausbildung zu Digitalkompetenzen polemisiert – als wäre nicht das tagtäglich zu beobachtende Hereinfallen klassisch gebildeter mittelalter bis älterer Herren, aus Dresden oder anderswo, auf die billigsten Lügen von Extremisten die praktische Widerlegung seiner Wunschvorstellung (die bedenkliche Rede von der »Zensurbehörde« möchte ich erst gar nicht anfassen, genauso wenig sein Polemisieren gegen gendersensible Sprache u.Ä.).

Während das faktische Plädoyer für Theorie und Praxis einer konservativen Bildung immerhin noch konsistent, gehaltvoll und streckenweise sympathisch daherkommt, ließen mich die Aufsätze in den beiden hinteren Dritteln des Buches öfters mit dem Kopf schütteln. Insbesondere die Texte zu Abfall (140–151) und jener mit dem sprechenden Titel »Unsere Grenzen. Zwischen hier und dort« (202–210) rangieren hart an, wenn nicht jenseits der Grenze zur Belanglosigkeit; sie erinnern stilistisch an die Textsorte, die man gerne liberalen evangelischen Geistlichen zu Satirezwecken in den Mund legt:

Grenzen signalisieren deshalb ihrer Logik nach immer Folgendes: Hier ist dieses, aber dort ist jenes. Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb, an das zu denken, was hinter der Grenze liegt – eine Gefahr, eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. Gerade dort, wo Grenzen gezogen werden, um etwas ein für alle Mal abzugrenzen, wird dies nie gelingen. Denn jedem, der an einer Grenze steht, stellt sich diese eine Frage: stehen bleiben oder weitergehen. (206f.)

Der titelgebende erste Teil des Buches ist sicherlich der stärkere, aber auch er hält sich im Grunde vollständig im Rahmen gewohnter konservativer Kultur- und Bildungskritik. Dass Liessmann gerne gegen »Sonntagsreden« polemisiert, wirkt selbstironisch – hat er doch genau das abgeliefert: ein Buch voller Sonntagsreden.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Von Konrad Paul Liessmann konkret gutgeheißene Kulturgegenstände bzw. Bildungsinhalte

Adorno, Altgriechisch, Anders (Günther), Antike (griechische), Architektur, Arendt, Balzac, Beethoven, Berg (Alban), Beuys, die Bibel, Biologie, Büchner, Bude, Cervantes, Crouch, Dahrendorf, Dante, Dostojewski, Epiktet, Feuerbach, Flaubert, Fontane, Freud, Goethe, Hegel, Heidegger, Hobbes, Homer, Horkheimer, Humboldt (Wilhelm), Ibsen, Kant, Kazantzakis, Kierkegaard, Latein, Lessing, Literatur, Lübbe, Lyrik, Mann (Thomas), Marx, Mathematik, Mendelssohn (Moses), Mommsen (Wolfgang), Musil, Mythen (griechische), das Nibelungenlied, Nietzsche, Ott (Konrad), Petrarca, Physik, Platon, Proust, Raffael, Rilke, Ritter (Joachim und Henning), Rorty, Rousseau, Sandel, Schiller, Shakespeare, Spaemann, Staatskunst, Vergil, Voltaire, Wagner, Walter (Franz), Weber, Wolfram von Eschenbach, Zola

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Robert Pfaller – Erwachsenensprache

In seinem Buch Erwachsenensprache (258 S., Fischer, 3. Aufl. Januar 2018) stellt Robert Pfaller die Bezeichnung von »Putzfrauen« als »Raumpflegerinnen« als Phänomen der »vom Neoliberalismus zerfressenen Situation der Postmoderne« dar (164). Wer das vage bekannt findet, kennt das Beispiel vielleicht noch aus dem einen oder anderen Deutschbuch der 1980er; jedenfalls ist es tatsächlich so, dass die Verwendungshäufigkeit des Wortes »Raumpflegerin«, soweit der Korpus von Google es kennt, ihren Höhepunkt exakt mit dem Jahr 1973 erreicht hat, dem Jahr der Ölkrise, das selbst für die härtesten Neoliberalismustheoretiker als ein Jahr gelten darf, in dem mit dem sozialdemokratischen Westen gerade noch eben alles in Ordnung war. Seitdem hat die Frequenz wieder stark abgenommen. Die Konjunktur von »Putzfrau« ist übrigens durch »Raumpflegerin« nie auch nur verlangsamt worden. Merkwürdigerweise ist es so, dass um dieselbe Zeit, nämlich 1975, der Ausdruck »adult language« für sexuell explizite Sprache den Höhepunkt seiner Popularität im Englischen erreicht; und dies ist der Ausdruck, an dessen bloßer Existenz Pfaller sein gesamtes Buch hochzieht (bzw.: es hochzuziehen behauptet, da es sich hier um einen Essayband handelt, der so tut, als sei er eine geschlossene Abhandlung, ein Ärgernis, das mir schon bei Ulrich Greiner aufgefallen ist).

So funktioniert über weite Strecken das ganze Werk: Es nimmt sich irgendwelche Phänomene her (entweder per Anekdote oder durch bloße Behauptung), entledigt sie jedes prüfbaren Kontexts, der irgendwie Informationen dazu liefern könnte, wie groß oder klein ihre tatsächliche Bedeutung ist, und reiht sie in eine Erzählung ein, die längst geschrieben ist. Diese Erzählung lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die USA betreiben seit Langem erfolgreich eine auf Verarmung der Menschheit und Verwüstung der Erde zugunsten des Einflusses einer winzigen, mächtigen Elite gerichtete neokoloniale Politik. Flankiert wird dieser Feldzug durch identitätspolitische Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Menschen infantil, dumm, empfindlich, narzisstisch und sich untereinander spinnefeind werden, sodass sie keinen Widerstand leisten. (Es sind in der Tat »die Behörden der USA«, die weltweit für antirassistisches Gedankengut oder Empfindlichkeit für weiße Privilegien verantwortlich sind, weil die USA die Welt »mit Dekolonialisierung […] kolonialisieren«; 38f.) Alles in allem war alles noch nie so schlimm wie heute und alles wird immer schlimmer (16 ff.). Es handelt sich wirklich um ein ganz altmodisches, klassisch antiamerikanisches Buch. Man fühlt sich bei der Lektüre immer wieder mitten in die Nullerjahre zurückversetzt. Dass so etwas wie der Krieg in Syrien möglicherweise nicht allein auf amerikanischem Mist gewachsen sein könnte, wird nirgendwo auch nur in Erwägung gezogen. Ein irgendwie empirisch gestützter diachroner und globaler Blick auf Phänomene wie Armut, Ungleichheit, Krankheit und Krieg, der das ausgebreitete Höllenpanorama relativieren könnte, geschieht schlicht nicht. Das Buch ist ein Buch für heterosexuelle weiße Europäer, da mache man sich nichts vor.

Viele der interessantesten Sätze stehen, wie gesagt, gänzlich ohne Literaturhinweise oder Erläuterung herum – wenn es etwa heißt, es seien »in westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten meist grüne und sozialdemokratische Kräfte [gewesen], die nach Polizei und bürokratischer Regulierung […] riefen« (138) oder dass »Ausbildung zur Eigeninitiative« an Hochschulen heute bedeute, »dass man Studierenden alles vorschreibt, was sie zu tun haben« (34). Es wird bereits im ersten Kapitel glasklar, dass Erwachsenensprache ein Buch ist, das niemanden von irgendetwas überzeugen will. Hier spricht jemand zu einem Publikum, das das Gesagte für ebenso selbstverständlich hält wie Pfaller selbst.

Aber was genau wird nun über Sprache gesagt, außer, dass in ihrem Medium anscheinend irgendetwas Sinistres, amerikanisch Getriebenes, Postkoloniales und Postmodernes passiert, das die Welt zerstört? Es wird ein recht großer Theorieapparat in Stellung gebracht, der u.a. mit Marx, Freud und Nietzsche operiert und auch vor anspruchsvoller eigener Begriffsbildung nicht zurückschreckt (vgl. den Aufsatz »Weiße Lügen, schwarze Wahrheiten«, 70–111), aber der gezogene Schluss ist recht einfach: Pfaller fordert in erster Linie eine Entprivatisierung des Öffentlichen, ein Heraushalten von Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum. Die Öffentlichkeit soll (wie Pfaller findet: wieder) ein Raum werden, in dem »starke, stolze Menschen« (140) einander als Gleiche gegenübertreten. Es ist nirgendwo die Rede, wie damit umgegangen werden soll, dass es ja tatsächlich nennenswerte Probleme mit Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten gibt – sie werden schlicht wegdeklariert. Tatsächlich beschädigte oder diskriminierte Menschen tauchen bei Pfaller nicht auf; jede Beschwerde, die nicht antikapitalistisch-antiamerikanisch ist, ist das Ergebnis eingeredeter und eingebildeter Schwäche. Reiß dich zusammen, werde stark und klage über das Richtige!, ruft er uns zu, und passenderweise weiß er auch genau, was das Richtige ist. Die von mir laienhaft immer für das Spezifikum linker Theoriebildung gehaltene Zurückhaltung davor, Einzelnen oder Gruppen persönliche Verantwortung für die Verhältnisse zuzuschreiben, ist dabei nicht erkennbar – im Gegenteil werden diverse Personenkreise (z.B. alle Angehörige von Minderheiten, die sich für die Berücksichtigung von deren Rechten innerhalb von Institutionen einsetzen) als »Kollaborateure« (28) geziehen.

Pfallers Zusammenwerfen sämtlicher Arten behaupteter postmoderner Entmündigungen und Schwächungen des Subjekts bietet dem demonstrativen Raucher immer wieder die Möglichkeit, Gesundheitsinitiativen und spezifisch Rauchverbote als deren Paradigma darzustellen. Seine Nemesis ist der fanatische Nichtraucher, der noch nicht einmal einen Atemzug Passivrauch riskieren will, weil er befürchtet, dadurch sofort irreparabel geschädigt zu werden (154f.). Alles echte oder imaginierte Leiden an gesellschaftlicher Schlechterstellung, das nicht in seinen antiamerikanisch gefassten Hauptwiderspruch passt, steht für ihn auf einer Stufe damit, einmal ein bisschen Rauch in die Lunge zu bekommen. Aber es ist eben nicht nur Rauch in der Lunge; und auch die gern als geistige Quelle des ganzen Unheils beschimpften amerikanischen Universitäten sind nicht so, wie Pfaller und all die anderen glauben, dass sie sind. Dass das niemanden kümmert und der Medienbetrieb ein so völlig an Wahrheit oder Falschheit seiner eigenen Weltbeschreibung desinteressiertes Buch wie das Pfallers nicht nur im Ganzen und weitgehend ohne es zu hinterfragen schluckt, sondern sich dabei mutmaßlich auch noch aufklärerisch vorkommt – das ist schlimm.

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

 

Anhang: Was Robert Pfaller glaubt

  • Gleichstellungsinitiativen an Universitäten führen dazu, dass »junge Wissenschaftlerinnen, um bessere Chancen zu gewinnen, sich verstärkt mit Genderthemen beschäftigen müssen. Dadurch aber vernachlässigen sie andere Fragen, und es wird in der Folge […] zunehmend schwieriger, überhaupt geeignete weibliche Expertinnen für  [andere] Themen zu finden. Frauen bleiben dann weiterhin unterrepräsentiert. Umso notwendiger, können die Arbeitskreise dann rufen, ist unsere Tätigkeit.« (28)
  • Die Zacken des Gender-Sternchens stehen für das Empfinden verschiedener Gruppen (29).
  • Die EU betreibt »im Interesse der NATO in der Ukraine eine gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland« (37).
  • Das Wort »N*ger« ist unproblematisch, da »in keinem europäischen Land Sklaven aus Afrika gehalten wurden wie in den USA und dieses Wort somit niemals dieselbe Bedeutung besaß wie das amerikanische Wort ›N*gger‹« (beide Wörter im Text ausgeschrieben, 39).
  • Performative Sprechakte nach Austin bestehen einfach darin, dass beim Vollzug bestimmter Handlungen immer bestimmte Äußerungen ausgesprochen werden (70).
  • »Es ist mittlerweile fast unmöglich oder wenigstens sehr teuer geworden, auch nur irgendwelche Kleidung zu erwerben, die nicht von punkigen Elementen wie Löchern, Rissen, Sicherheitsnadeln, riesigen Markenlogos oder mehr oder weniger politischen Parolen markiert wäre.« (104)
  • Es ist organisierte Einbildung, die dafür sorgt, dass »Frauen bestimmte ihrer geschlechtsspezifischen Privilegien plötzlich als Nachteile wahrnehmen« (159).
  • »Es ist doch ganz hübsch, wenn man mit Handkuss begrüßt wird oder an einer Türe den Vortritt gelassen bekommt, auch wenn man vielleicht eine kleine Überraschung unter dem Rock trägt.« (165)
  • »Mit neidischem Staunen schließlich sehen wir in alten Filmen, wie rauschend, glamourös und heiter unsere Eltern oder Großeltern ihre Partys feiern konnten.« (188)
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Richtig Tiere essen?! – The ethical Carnivore von Louise Gray

Louise Gray zieht aus, um ein Jahr lang nur das Fleisch von Tieren essen, die sie eigenhändig getötet hat und scheitert bereits im Vorwort fast an einem Kaninchen. So führt sie in den Kampf ein, den sie ausfechten muss, im Umgang mit tödlichen Waffen, Vorurteilen von Jägern und Jägern gegenüber, der Ignoranz, aber auch dem Unwissen, von Konsumenten beim Erwerb von eingeschweißtem Fleisch an der Theke. Ihr Kampf ist zu Beginn aber vor allem ein Ringen mit sich selbst. Möchte ich Tiere töten? Was fühle ich, wenn ich Tiere töte und muss ich wirklich ein Leben nehmen, nur um etwas zu essen?

Fleischessen als Thema ist inzwischen derart aufgeladen, dass sich in Diskussionen schnell Fronten bilden. Gray ist aber neugierig und unvoreingenommen, sie spricht ehrlich über ihre Bedenken beim Töten und noch ehrlicher zum Beispiel über den Abscheu, den sie bei ihrem ersten Schlachthofbesuch empfindet. Sie erkennt die offensichtlichen Vorteile der Reduzierung des Fleischkonsums (Reduzierung von Treibhausgasen, Gesundheitsaspekte für den Konsumenten, Schonung von Ressourcen, Verminderung von tierischem Leid etc.), gibt aber zu dass es auch ihr nicht immer leicht fällt, vegetarisch oder vegan zu leben.

Richtig Tiere essen?! ist dabei keine martialische Reise von Schlachthof zu Schlachthof. Gray beginnt mit dem Töten von Austern und erkundet dabei die Austernbänke ihrer Heimat, sie geht Angeln und schreibt über die Überfischung der Meere und Lachswanderungen, das Schießen von Tauben und Grauhörnchen sind Anlass für Ausführungen zu Fressfeinden und natürlichem Lebensraum in Wald und Flur. Die Probleme der Massentierhaltung sind selbstverständlich eines der Hauptthemen des Buchs, aber auch diese werden differenziert dargestellt, denn Massentierhaltung bedeutet nicht zwangsläufig mehr Leid für Kreaturen, sondern können durchaus zu Vorteilen für Halter, Tier und Konsument führen.

Louise Gray war fünf Jahre „Environment Correspondent“ für The Daily Telegraph, ein Jobtitel unter dem ich mir nichts vorstellen kann. Ihre Themen – u.a. Klimawandel, nachhaltige Landwirtschaft – lassen dann aber doch ein gewisses Profil vermuten, das Richtig Tiere essen?! im Verlauf der Lektüre bestätigt. Es gibt Zeigefinger – wie könnte man nicht bei der allfälligen Ignoranz – in diesem Buch, aber Gray ist keine verbohrte Dogmatikerin, sie möchte nicht belehren, sondern differenziert und ruhig Vor- und Nachteile aufzeigen. Der Leser möge dann selbst entscheiden. In diesem Buch gibt es keine Schocker [dafür bitte nach unten scrollen], es ist die persönliche Geschichte der Suche nach der richtigen Ernährung.

Richtig Tiere essen?! ist ein gelungener Anlass das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und wenn schon nicht ganz auf Fleisch zu verzichten, dann doch wenigstens bewusster auszuwählen und hoffentlich bewusster zu genießen.

Weiterführende Informationen:

Der Rezensent verfügt ebenfalls über Erfahrungen im Schlachten (von Schweinen), die man hier nachlesen kann.

Jonathan Safran Foer hat sich in Tiere essen vornehmlich in den USA die Massentierhaltung vorgeknöpft.

Jamies Oliver wird geliebt und gehasst, gerade weil er sich zum Volksaufklärer der Briten aufgeschwungen hat. Schocker erzeugen Aufmerksamkeit und vielleicht hinterfragt man dann auch mal was:

Cowspiracy gehört ebenfalls zum harten Scheiß (aber weil Fleisch”produktion”) eben der harte Scheiß ist. Den Film gibt es inzwischen bei Netflix

Die Konsequenzen der globalen Lebensmittelproduktion auf unser Ökosystem, unsere Gesundheit und Wirtschaft, noch recht neu bei Netflix, die hauseigene Serie Rotten in mehreren Teilen, die sich jeweils einem Thema (Honig, Allergien, Geflügel-, Milchindustrie, Fisch) widmen. Eine True Crime Serie (!)

ARD Brisant hat zur Weihnachtszeit Gänse auf dem Marktplatz schlachten lassen, kam super an.

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Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

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