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Kategorie: Sachbücher

Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

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Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Seit Anfang diesen Jahres tingelt die inzwischen Hallen füllende Poetry Slammerin Julia Engelmann sehr erfolgreich mit ihrem Song „Grapefruit“ (auf Youtube: ca. 1.5 Millionen Views) durch die deutschen Fernsehtalkshows – in diesem Song setzt sie sich auf äußerst unangenehm unterkomplexe Art und Weise mit den Depressionen einer Freundin auseinander, der sie tolle Tipps wie „mal durchlüften“ und „Grapefruit zum Frühstück essen“ gegen Depressionen gibt, schließlich ist Engelmann da Fachfrau: Sie hatte auch mal Depressionen (meint sie zumindest), denn „Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt / Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt / Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn / Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin.“ Deutschlands bekannteste Poetry Slammerin sagt: Nicht wie die anderen sein zu können macht traurig, und anscheinend können sich Tausende damit identifizieren.

Nicht so Andreas Reckwitz. Der erklärt Depressionen, die er für eine für unsere Zeit typische Krankheit hält, ganz anders: Heutzutage leiden so viele Menschen an Depressionen, weil sie aufgrund des Drucks erschöpft sind, sich als singuläre Individuen mit einem wertvollen Leben inszenieren zu müssen. Denn die ganze globale Gesellschaft ist in der Spätmoderne eine „Gesellschaft der Singularitäten“, wie das Sachbuch von Reckwitz eben auch heißt. Dominiert von einer ab den 1970ern entstandenen neuen akademischen Mittelklasse gilt heute global das als wertvoll, was als singulär, als authentisch gilt, wobei nicht nur Individuen, sondern auch Dinge, Ereignisse und sogar Kollektive als singulär und damit als wertvoll konstruiert werden können. Dass dem so ist liegt an dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie ab den 1970ern und der Digitalisierung, die zu einer „Kulturmaschine“ geworden ist, die nur dem Singulären Aufmerksamkeit verschafft und durch seine Algorithmen die Singularisierung jedes Nutzers noch vorantreibt. Die Folgen dieser Gesellschaft der Singularitäten sind nichts Geringeres als alle Probleme, die wir heute haben: Erosion der Volksparteien, neuer religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus, Depressionen, Amokläufe.

Und das ist sicher alles richtig, und ich bin auch keine Soziologin, weswegen ich dazu nichts Fundiertes sagen kann. Das Feuilleton bespricht dieses Buch ja ganz euphorisch. Nun bin ich aber in der Situation, irgendetwas zu diesem Buch schreiben zu müssen (weil es für den Bayerischer Buchpreis nominiert wurde, den ich ja als Bloggerin begleite), und also bleibt wohl nichts anderes übrig, als das ich erkläre, warum mich das Buch als Laienleserin an mehreren Stellen nicht überzeugt hat.

Da ist zum einen eben die Behauptung, durch das Internet würden bestimmte Rationalisierungsmechanismen der Moderne nun in den Dienst der Singularisierung treten, sprich: Das Internet mit seinen Algorithmen trage zur Singularisierung bei, nicht zur Normierung, da jeder Nutzer ja ein individuell auf ihn abgestimmtes Profil erhalte. Für mein Empfinden ist aber genau das eben keine Singularisierung, sondern eine Normierung, denn zum einen wird der einzelne Nutzer, wenn auch auf natürlich sehr differenzierte Weise, hier mit Durchschnittswerten abgeglichen – er bekommt eben durch den Algorithmus nicht Daten zugespielt, die nur er mag, sondern solche, die alle mögen, die sich im Netz ungefähr wie er verhalten – zum anderen wirkt jeder Algorithmus darüber auf das Individuum zurück. Der einzelne Internetuser wird dadurch eben nicht einfach singulär, sondern vor allem doch auch manipulier- und also normbar, wie aus dem politischen Kontext ebenso bekannt ist wie aus der Werbebranche. Was, wenn die Singularisierung im Dienst einer (ökonomischen) Normierung steht, nicht anders herum, also wenn das, was als Singularisierung konstruiert wird, nichts anderes ist als eine Form der Rationalisierung? Diese Möglichkeit räumt Reckwitz für mich nicht überzeugend aus.

Und das Internet erzeugt ja auch gar nicht lauter singuläre User, die sich alle als furchtbar singulär inszenieren würden, wie Reckwitz es ja behauptet. Es hat ja eben nicht jeder einen YouTube-Kanal oder einen Blog. Im Gegenteil: Das Internet erzeugt in seinen wirkmächtigsten Momenten Hypes, an denen die Leute partizipieren, weil alle das tun, weil sie mitreden wollen, wenn es um das geht, worüber gerade alle reden – nicht weil sie singulär sein wollen. Der enorme Erfolg von Avocadobrot-Fotos auf Instagram erklärt sich nicht daraus, dass jeder, der so ein Foto macht, dabei denkt „ach guck, damit wirke ich jetzt aber einzigartig und authentisch“, sondern es geht doch eher um „ach guck, in den letzten Tagen habe ich so viele total schöne, INSPIRIERENDE Fotos von Avocadobroten gesehen, jetzt mache ich mir ein Avocadobrot und mache ein Foto davon, voll inspirierend“. Viele Instagram-Accounts folgen doch schlicht der Ästhetik der Werbung, und damit der Ökonomie – und das ist ein Gebiet, das Reckwitz im ganzen Buch als wirkmächtiges System bemerkenswert hartnäckig ausblendet: Die Ökonomie kommt weitestgehend nur als Form veränderter Arbeitsplätze in den Blick – dass heutzutage weltweit Teenager Jeans tragen, bei McDonalds essen und Justin Bieber hören, und zwar durchaus auch in akademischen Haushalten, ist auch dem globalen Wirtschaftssystem geschuldet, und anscheinend hat Reckwitz nie mit einem Teenie gesprochen, denn Teenies argumentieren nicht mit “aber ich will ganz individuell sein” sondern mit “aber alle tragen das so”. Selbstverständlich gibt es die Trendsetter, die Influencer, die singulär Neues setzen – davon aber darauf zu schließen, dass alle das sein wollen, wird der Gesamtgesellschaft wohl kaum gerecht, in der die meisten halt doch einfach dazugehören und mitmachen wollen, in der viele „genauso sein wollen wie XY“, sogar dann, wenn sie wie XY behaupten, einfach nur sie selbst sein zu wollen. (Weitere Randbemerkung: Und so ist es auch ärgerlich, dass Reckwitz – bestehender Forschungsergebnisse zum Trotz – die Pfingstkirchen Lateinamerikas in einen Topf “religiöser Fundamentalismus” mit Islamisten wirft und behauptet, es ginge hier um Singularität, dabei gewinnen beide religiösen Gruppierungen gerade durch ihr Verhältnis zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung ihre Attraktivität: Die Pfingstkirchen aufgrund ihrer enormen Passung zum Kapitalismus, islamistische Gruppierungen aufgrund ihrer massiven Ablehnung des Kapitalismus; beispielsweise Friedrich Wilhelm Graf hat dahingehend, bezüglich der Rückkehr der Religionen und des Marktes religiöser Angebote, einschlägige Publikationen geschrieben, die alle in der Bibliografie von Reckwitz vollständig fehlen – dafür finden sich in dieser Bibliografie mehrere Werke von Byung-Chul Han, welchen wissenschaftlichen Wert auch immer diese haben sollen.)

Und genau darum finde ich das Buch von Reckwitz nicht überzeugend: Er beschreibt natürlich Zusammenhänge und Praxen, die es gibt und die medial sehr wirkmächtig sind, aber er beschreibt eben nicht die gesamte Gesellschaft, schon gar nicht weltweit, wie dies sein Anspruch ist. Er beschreibt einige medial sehr wirkmächtige Milieus, die eben auf der Skala der Milieu-Anordnungen sehr weit weg von der Grundorientierung an „Tradition“ angesiedelt sind, denen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist und die eben beruflich „was mit Medien“ machen – und tut dann so, als wären diese Milieus der Singularitäten die ganze Gesellschaft, er sitzt damit der medialen Inszenierung dieser Milieus auf. Er beschreibt nicht die Gesamtgesellschaft und wird ihr meiner Ansicht nach auch nicht gerecht. Denn Reckwitz bemüht eine Klassenstruktur der Gesellschaft, die so inkonsistent ist, wie sie großteils absichtlich auf den gedanklichen Einbezug des materiellen Status der Menschen verzichtet. So geht er eben davon aus, dass es eine dominierende „akademische Mittelklasse“ gibt, in der alle unabhängig vom Einkommen nach Singularität streben, von der er im Wesentlichen eine „Unterklasse“ unterscheidet, zu der schlicht alle gehören, die über geringes kulturelles Kapital verfügen und also keinen akademischen Abschluss haben, und deren Lebensstil von „muddling through“, vom Durchwursteln, gekennzeichnet ist. Ich halte das gelinde gesagt für unterkomplex, nicht nur weil es diverse höhere Beamte, Maschinenbauer, Ärzte, Juristen etc. gibt, die sich in völlig identischen Doppelhaushälften am Sonntag um ihren Thermo-Mix (den man sich ja erst einmal leisten können muss) versammeln und nicht im Traum daran denken, irgendwie singulär sein zu wollen, sondern auch, weil es einfach viele Akademiker gibt, deren Leben von „muddling through“ gekennzeichnet ist.

Daneben gibt es dann aber natürlich auch bei Reckwitz noch die „alte Mittelklasse“, die – obwohl er einräumt, dass sie wohl um die 25% der deutschen Gesellschaft ausmachen (S. 366) – hier auf vier (!) Seiten abgehandelt wird: Laut Reckwitz ist das der alte, nicht-akademische Mittelstand, der im Schwinden begriffen ist, und Reckwitz ordnet dieser „alten Mittelklasse“ die SINUS-Milieus der „Adaptiv-Pragmatischen“, der „bürgerlichen Mitte“ und Teile der „Konservativ-Etablierten“ zu. Das wird empirisch weder erklärt noch bewiesen und ist vermutlich auch schlicht nicht haltbar: Diese Milieus sind doch ihrerseits voll mit hochqualifizierten, akademischen Mittelklassevertretern, das sind eben auch Lehrer, Ärzte, Ingenieure. Und völlig, Entschuldigung, abstrus wird die Gesellschaftsanalyse wenn dann plötzlich doch ausgehend von ökonomischen Kriterien, die ja sonst explizit nirgends eine Rolle spielen durften, doch eine Oberklasse angenommen wird, die allerdings ja eben nur 1% der Weltbevölkerung umfasst und eigentlich sowieso mit dem Lebensstil der akademischen Mittelklasse identisch ist und damit eigentlich nur am Rande mal erwähnt werden muss (und mehr als “am Rande mal erwähnen” findet auch nicht statt). Kurz: Im Wesentlichen behauptet Reckwitz, die gesamte Gesellschaft weltweit bestünde aus armen Nicht-Akademikern, so ein bisschen zu vernachlässigender Mitte und singularitätswütigen Akademikern. Jede Milieu-Analyse beschreibt Gesellschaft differenzierter und realitätsnäher. Die Beschreibung der Lebensstile dieser Klassen liest sich wie bei Bourdieu abgeschrieben (pardon, aber: Die einen essen gesund, die anderen nicht so, die einen machen Sport, die anderen nicht so – das sind nicht gerade große Neuigkeiten), und Bourdieu untersuchte die Gesellschaft vor den 1970ern, die SINUS-Milieus sind da schlicht genauer.

Es ist ja dann fast schon lustig, wenn beispielsweise bei der Beschreibung des Lebensstils der Unterklasse (wir erinnern uns: Die von Reckwitz beschriebene Gesellschaftsstruktur bildet sich ungefähr ab den 1970ern heraus) auf einen Aufsatz von 1958 zurückgegriffen wird (S. 362) oder Romane als empirische Quellen herhalten müssen („Rassistische, auch sexistische und homophobe Tendenzen in der Unterklasse werden immer wieder thematisiert, wie es etwa zwei aktuelle, viel diskutierte Selbstethnografien aus Frankreich zeigen: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016; Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Frankfurt/M. 2015.“ S. 359; ohne die zutreffenden Beobachtungen dieser Romane in Zweifel zu ziehen: Empirische soziologische Arbeit sieht eben doch anders aus und dass Rassismus, Sexismus und Homophobie ein Privileg der Unterklasse oder der alten Mittelklasse seien, wird sich empirisch nicht halten lassen, da mag Reckwitz noch so sehr behaupten, die akademische Mittelklasse wähle keine Rechtspopulisten (S. 340) – die Wahlanalysen sprechen eine andere Sprache, natürlich wählen auch Leute mit akademischem Bildungsgrad die AfD, wenn auch nicht mehrheitlich, Kubitschek und Jongen sehen sich und ihre Fans wohl kaum als Nicht-Akademiker, der Sexismus-Fall Weinstein stammt kaum aus der Unterschicht, hier ist einfach manches wirklich zu stereotyp).

Und damit kann Reckwitz natürlich auch nicht einbeziehen, dass die letzten Shell-Jugendstudien ergeben haben, dass Jugendliche zumindest in Deutschland schon seit Jahren lieber sichere Jobs anstreben als sogenannte Selbstverwirklichungsbranchen, also: irgendwas mit Medien. Natürlich muss Reckwitz dann für seine Behauptung, das Bildungswesen unterliege im Moment nicht einer Tendenz zur Normierung (S. 333), ausblenden, dass es einen Bologna-Prozess und bald in Deutschland auch ein Zentralabitur gibt, und das hat eben nicht nur mit der Sicherung von Mindeststandards für Bildungsniveaus zu tun, wie Reckwitz meint, sondern vor allem mit Vergleichbarkeit im Dienste der transnationalen Mobilität. Und so könnte ich jetzt hier weitermachen, kurz: Das, was Reckwitz beschreibt trifft natürlich Teile der Realität, in der wir leben, aber er beschreibt Gesellschaft unterkomplex, dass ich wirklich nicht behaupten kann, dieses Buch als Bereicherung empfunden zu haben, so leid mit das tut. Es gibt natürlich mediendominierende Milieus, die Singularität propagieren, und natürlich tragen diese zu aktuellen, auch politischen, Problemlagen bei. Aber die Zusammenhänge sind dann doch etwas komplexer als hier beschrieben, meinem Eindruck nach.

Ich fand „Gesellschaft der Singularitäten“ leider stellenweise sehr banal, die überzeugendsten Passagen sind die über die „Kulturmaschine“ Internet (mit den oben gemachten Einschränkungen) und ansonsten leider die, die Dinge referieren, die aus der Forschung zum Wertewandel schon längst bekannt sind. Und eben diese Wertewandelforschung, Ulrich Becks Theorie der reflexiven Moderne und seine Individualisierungstheorie und vor allem „Nach dem Boom“ von Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael (das Reckwitz in seiner Bibliografie nicht nennt, obwohl der Titel einschlägig ist) können eigentlich all die gegenwärtigen Problemlagen (zunehmende Attraktivität postmaterialistischer, non-konformistischer Werte, Erosion der Volksparteien und Neoliberalismus, wirtschaftlicher Wandel hin zum tertiären Sektor, Erschöpfung des Subjekts), die Reckwitz hier zu erklären beansprucht, schon seit Jahren erklären. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel Mehrwert das Buch von Reckwitz hier bringt – wenn mich persönlich jemand nach einem Buch zur Entwicklung der Gesellschaft seit den 1970ern fragen würde, das auch eine globale Perspektive im Blick hat, würde ich unbedingt „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel/Raphael empfehlen, das mir viel besser belegt, viel stringenter und differenzierter argumentiert zu sein scheint als das Buch von Reckwitz. Was nicht bedeutet, dass „Gesellschaft der Singularitäten“ ein schlechtes Buch ist, das falsche Dinge behauptet, es ist natürlich ein interessantes, gutes Buch, das viel Zutreffendes beschreibt – nur eben für mein Empfinden halt mehrfach unterkomplex und etwas banal. Vielleicht hat mich auch nur einfach die extreme Erwartbarkeit dessen, was man hier zu lesen bekommt, gestört – man liest hier genau das, was man zu lesen erwartet, und was eigentlich seit Eribon ohnehin schon landauf landab in der Zeitung steht (was natürlich das Geschriebene nicht falsch, aber eben auch nicht sehr überraschend macht).

Aber, nochmal: Ich bin keine Soziologin, sondern Laie (gehöre damit aber ja doch auch zum Zielpublikum dieses Buches, was es vielleicht doch wieder legitim werden lässt, dass ich mich darüber äußere), und das Feuilleton feiert das Buch ja wie schon angemerkt. Genauso wie die Jury für den Bayerischen Buchpreis 2017, denn „Gesellschaft der Singularitäten“ steht auf der Shortlist der Sachbücher für diesen Preis. Und da steht es ja, genauso wie das Buch von Gerd Koenen, schon zu recht. Aber: Nicht nur aus den von mir oben schon dargestellten Gründen – das Buch erscheint mir weder inhaltlich bahnbrechend noch besonders genau – sondern vor allem auch aufgrund der sprachlichen Gestalt dieses Buches verstehe ich diese Nominierung trotzdem ehrlich gesagt nicht ganz: Wenn so ein Buchpreis auch die Funktion der Literaturvermittlung hat, dann hat man sich hier für die Nominierung eines Sachbuches entschieden, das eben ein typisches soziologisches Sachbuch aus dem Suhrkamp-Verlag ist, und das bedeutet: Viele Leser des breiteren interessierten (und durchaus auch akademisch gebildeten) Publikums werden hier aufgrund der sprachlichen Komplexität (die nicht in jedem Fall mit inhaltlicher Komplexität korreliert) schon in der Einleitung aussteigen. Das sind dann Leser, die man verliert, auch für den Bayerischen Buchpreis. Schon deswegen würde ich, wenn ich zwischen den beiden von mir gelesenen nominierten Büchern entscheiden müsste, den Preis eher dem Sachbuch von Gerd Koenen über die Geschichte des Kommunismus geben (auch wenn ich von diesem ebenfalls nicht restlos begeistert war) als dem von Reckwitz. Meine beiden Blogger-Kollegen von Sätze & Schätze und Buch-Haltung.com waren aber von dem ebenfalls nominierten Sachbuch „Blau“ von Goldstein sehr angetan – vielleicht wäre das dann ein guter Kandidat für den Preis. Entscheiden müssen das ja aber zum Glück am Ende nicht wir, sondern die Jury.

(Beitragsbild von Jessica Ruscello auf unsplash.com)

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Gerd Koenen – Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus

Gerd Koenen hat mit „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ in zweierlei Hinsicht ein aktuelles Buch geschrieben: Nicht nur deswegen, weil es das für den Beck-Verlag ganz typische Historien-Lehnstuhlbuch (wie ein mit mir befreundeter Historiker solche Bücher so nett nennt) passend zu den Jubiläen der Oktoberrevolution 1917 und der 1968er ist, das man dann zu Weihnachten historisch interessierten Lehnstuhlbuchlesern gut schenken kann, sondern weil es auch in eine nach der Bundestagswahl 2017 landläufige Diskussion passt: Woher kommen die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen ehemaligen Ost- und Westdeutschen? Angenommen wird ja in zahlreichen Artikeln größerer Leitmedien, dass diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nicht nur in den nach wie vor vorhandenen ökonomischen Differenzen, sondern eben auch in der jeweiligen Geschichte und also anders gewachsenen politischen Sozialisation der Bevölkerung zu suchen sind.

Und bekanntlich ist die Geschichte Ostdeutschlands ja nun wesentlich geprägt durch die Zeit realsozialistischer Diktatur zu DDR-Zeiten, und also durch eben das politische System, mit dem Gerd Koenen sich in „Die Farbe Rot“ erneut (es ist ja sein Dauerthema) auseinandersetzt. Koenen will dabei auf mehr als 1000 Seiten eine umfassende „Weltgeschichte“ des Kommunismus von der Antike bis zum heutigen modernen China mit seiner spezifischen Kombination aus politischem Sozialismus und ökonomischem Kapitalismus erzählen. Da das Vorhaben damit sehr umfangreich und materialintensiv ist, setzt Koenen nachvollziehbarerweise Schwerpunkte: Er konzentriert sich bei dem Nachzeichnen der Entstehung kommunistischer Theorie auf den europäischen Raum und dessen Kulturgeschichte, da nun eben die zentralen Denker des Kommunismus Europäer waren, und nimmt dann bei der Darstellung realsozialistischer Geschichte vor allem Russland und nebenbei auch China in den Blick.

Herausgekommen ist dabei ein sehr interessantes, zudem auch sehr gut lesbares Sachbuch, dessen Genauigkeit und aufwändige Materialdarstellung wirklich bemerkenswert ist. Allerdings liegt aber genau in dieser Anlage auch ein bisschen die Krux von „Die Farbe Rot“: Es wurde eben zum Kommunismus, zum Frühsozialismus, zu China (das ohnehin nur in einem Kapitel abgehandelt wird) schon viel geschrieben, wenn man sich damit schon einmal befasst hat, dann bietet dieses Buch leider nicht wahnsinnig viel Neues. Auch die Rückführung kommunistischer Ideen auf frühe Mythen und religiöse Ideen ist ja nicht eben eine Erfindung Koenens, das ist ja alles schon lange common sense linker Theorie-Geschichtsschreibung, auf die Koenen ja deswegen auch mit gutem Grund Bezug nimmt. Das Verdienst dieses Buches liegt also eher darin, wirklich alles noch einmal zusammenzubringen, und es ist damit vielleicht vor allem für Leser*innen interessant, die sich bislang mit der Geschichte kommunistischer Theorie und des Realsozialismus noch nicht so sehr viel beschäftigt haben. Für alle anderen bleibt es eben zu bedauern, dass die Geschichte des Realsozialismus nach Lenin nur ein Fünftel dieses Buches einnimmt, dass China nur in einem Kapitel dargestellt und alle anderen Länder neben Russland und China, in denen versucht worden ist, Sozialismus real umzusetzen (Vietnam, Korea, Ungarn, Rumänien, Albanien etc.etc.) höchstens am Rande erwähnt werden. Von einer „Weltgeschichte“ kann hier also keine Rede sein, auch wenn Koenen den Begriff eben so umdefiniert, dass er eigentlich damit eine Kombination aus Ideen- und Ereignisgeschichte meint. Aber dann hätte er das Ganze ja auch so nennen können, es gibt die entsprechenden Fachbegriffe ja.

Hinzu kommt, dass Koenen mitunter, gerade wenn er antike Mythen und Schriften darstellt, aber auch wenn es etwa um die Geschichte der frühen Neuzeit und um Gestalten wie Thomas Müntzer geht, deren Rezeption mit ihrer Intention gleichsetzt (zum Teil, beispielsweise was Müntzer betrifft, vielleicht auch unbewusst: Warum Luther Obrigkeitshörigkeit vorgeworfen wird, bei Müntzer, der sich nicht minder der Obrigkeit anzudienen versuchte, aber das apokalyptische Denken, das ja auch Luther prägte, in Rechnung gestellt wird, ist nicht so recht nachzuvollziehen): Weil diese Mythen und Figuren von Vertretern des Realsozialismus oder von Anhängern marxistischer Theorie als kommunistische Vordenker vereinnahmt worden sind, müssen diese eben noch lange nicht genau das gewesen sein. Diese Spannung aufzuzeigen gelingt Koenen nur bei der Dekonstruktion des Konzepts der (kommunistischen) Urhorde, die er als historisch-ethnologischen Wunschtraum enttarnt, an anderen Stellen wird dieser Bruch zwischen Rezeption und Intention nicht klar genug herausgearbeitet. Oft wird schlicht zu viel Material rein anekdotisch referiert, es fehlt – und das ist vielleicht der zweite gravierende Kritikpunkt, den ich hier habe – an deutlicher Systematisierung des Materials und an klar formulierten Thesen. So erschlägt Koenen zwar seinen Leser mit Material, sorgt aber eben nicht dafür, seine eigene Konstruktion kommunistischer Geschichte so transparent zu machen, dass diese auch diskutierbar wäre. Man fragt sich schlicht zu oft, nach welchen Kriterien nun eigentlich die Schwerpunkte und das Material ausgewählt worden sind und was Koenen damit zeigen möchte und wünscht sich mehr Mut zur Thesenbildung und Materialbündelung. Denn auch wenn das erklärte Ziel des Buches ist, eben nicht zu „urteilen“ und zu bilanzieren, sondern „nachvollziehendes historisches Verstehen im Sinne eines ‚making sense‘“ (S. 1033) herzustellen, muss sich der Autor doch die Frage gefallen lassen, ob er denn wirklich glaubt, dass das eine (nachvollziehendes historisches Verstehen, das Herstellen von historischem Sinn) wirklich frei vom anderen (Urteilen, Bilanzen ziehen) sei. Geschichte ist und bleibt (Achtung, Binsenweisheit!) ein Konstrukt, auch die von Koenen geschriebene Geschichte ist das, davor schützt die schönste Materialschlacht nicht, und das einzige, was angesichts dessen hilfreich gewesen wäre, wäre eine transparente Offenlegung der eigenen Thesen und Materialstrukturierung gewesen. Das geschieht hier zu wenig, gerade in Anbetracht dessen, dass sich das Buch auch an Laien wendet.

Und während angesichts der Textfülle gelegentliche Wechsel zwischen einer Ich-Form und einer Wir-Form in der Darstellung (S. 1000, S. 1004) wirklich entschuldbar sind, fragt man sich als Leser*in doch, wem eigentlich die – wenigstens sehr selten, aber eben leider doch vorhandenen – Vergleiche zwischen realem Sozialismus und Nationalsozialismus weiterhelfen sollen:

„Ohne mit der Wimper zu zucken, schickten sie die Kinder und Frauen der Verurteilten, auch wenn sie Gäste in deren Häusern gewesen waren, gleich mit in die Lager oder in die Erschießungskeller, während sie sich als wahre Sozialkannibalen die Datschen mit allen Möbeln, Gemälden, dem Porzellan oder die importierten Luxuskarossen ihrer unglücklichen Genossen aneigneten.

Nichts Vergleichbares findet man in den faschistischen Bewegungen einschließlich des Nationalsozialismus, die durch einen internen Ehrenkodex, durch eine tragfähige sozialökonomische und administrative Basis sowie durch einen klar definierten Kreis von Außenfeinden recht stabil verschweißt waren – bis in ihre nibelungenhaften Untergänge hinein.“ (S. 918)

Dass solche Vergleiche (ähnliche Beispiele finden sich etwa auf S. 884 oder S. 990) weder sachgemäß, noch erhellend, sondern das Gegenteil von beidem sind, liegt auf der Hand, zumal man hier so verschweigt, das die Nationalsozialisten strukturell durchaus ähnlich mit Regimefeinden (und als solche entwarf auch der Realsozialismus die „Genossen“, von denen er sich „säuberte“) oder sog. Volksfeinden umging. Dass es nichts bringt, Regime gegeneinander aufzurechnen, ist so bekannt, dass man sich fragt, warum das Lektorat solche Anmerkungen, die für die Darstellung völlig überflüssig sind, nicht gestrichen hat. Aber immerhin: Solche Schnitzer sind selten. Geärgert haben sie mich trotzdem.

Und damit bleibt das Fazit, dass es sich, wie geschrieben, um ein sehr gründliches, sehr gut lesbares, sehr interessantes historisches Sachbuch handelt, dass sich für gerade die, die sich für die Materie interessieren und sich vielleicht noch nicht allzu kundig gemacht haben, wirklich lohnt. Da diese Buchbesprechung aber im Kontext dessen steht, dass „Die Farbe Rot“ auf der Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2017 steht, muss man halt auch sagen: Nein, für einen Buchpreis halte ich das Buch für viel zu wenig innovativ, und das auf allen Ebenen, leider eben auch inhaltlich.

Zumindest bestätigt Koenen in „Die Farbe Rot“ die eingangs genannten Thesen einiger Journalisten bezüglich des demokratischen Verhaltens Ostdeutscher, die sich ihrer Ansicht nach durch Schweigen dem demokratischen Diskurs verweigern und den Wunsch nach einem Kollektiv hegen, wenn er eben genau dies als Folgen des sozialistischen Regimes für die russische Bevölkerung benennt (S. 998f.). Für mich persönlich hat das Buch zumindest implizit auch die Frage angeregt, ob die Faszinationskraft des Kommunismus nicht stärker in seiner Fähigkeit wurzelt, Probleme des Kapitalismus präzise zu benennen, als in den kommunistischen Gegenvorschlägen zum Leben im Kapitalismus. Insofern war es auch für mich, trotz meiner oben breit ausgeführten Kritik, ein Gewinn, „Die Farbe Rot“ zu lesen.

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Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr’ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.

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Joachim Helfer et al. (Hg.) – Wenn ich mir etwas wünschen dürfte

Ein Buch mit dem Untertitel »Dichter und Denker zur Bundestagswahl 2017« wäre peinlich. Irgendjemand unter den Herausgebern (Joachim Helfer, Marco Meyer und Klaus Wettig) oder jemand beim Steidl-Verlag hat das noch rechtzeitig gemerkt, daher ist der 340-seitige Sammelband nicht mit dem verräterischen Untertitel, den man in der Artikelvorschau bei Amazon sehen konnte, erschienen, sondern heißt nun »Wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Intellektuelle zur Bundestagswahl 2017«.

Von den 38 beteiligten Intellektuellen sind acht Frauen, das ist ein geringerer Anteil als bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, obwohl das knallrote Buch offen dafür antritt, für eine sozialdemokratische Bundesregierung zu argumentieren. (Harry Nutt stellt in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau auch fest, dass die Beiträge grob nach dem SPD-Parteiprogramm geordnet zu sein scheinen. Mir in meiner Naivität ist erst aufgefallen, dass es sich hier um eine parteipolitische Veröffentlichung handelt, als das Rezensionsexemplar schon auf meinem Schreibtisch lag.) Die Zusammenstellung der Beitragenden ist zumindest oberflächlich hochinteressant, da übliche Verdächtige (bis auf Tanja Dückers, die standesgemäß weniger als eine volle Doppelseite geliefert hat) komplett fehlen und stattdessen allein 22 größtenteils recht junge Philosophie-ProfessorInnen und -Dozierende aufgefahren werden. Die anderen sind nahezu vollständig entweder in Schriftstellerei, Publizistik, Politikwissenschaft oder -beratung zuhause, bis auf einen einsamen Musikwissenschaftler. Viele, wenn nicht gar die meisten von ihnen haben renommierte Adressen im Ausland im Lebenslauf (Harvard, Cambridge, Sankt Gallen usw.). Wie es sich für einen ordentlichen deutschen Diskursbeitrag gehört, kommen Naturwissenschaften nur zufällig vor, beispielsweise, weil einige der Beitragenden mal so etwas studiert oder darin promoviert haben. Dass aber auch andere geisteswissenschaftliche Felder jenseits der Philosophie und mit ihr verbandelter Querschnittsfächer gar nicht auftauchen, dass insbesondere die empirische Sozialforschung, die Kultur- und Religionswissenschaft, die Fachwissenschaften um Recht und innere Sicherheit nicht systematisch berücksichtigt wurden, ist angesichts der Konzeption des Buches als detailliertes und praxisnahes parteipolitisches Plädoyer anlässlich einer unmittelbar bevorstehenden Wahl kaum verständlich.

Das unübersichtliche, aber schicke Layout mit Großdruck und Flattersatz kontrastiert stark mit der Betulichkeit der Texte, die nahezu durchweg in dem zurückhaltenden und trockenen Idiom geschrieben sind, in das deutsche WissenschaftlerInnen meistens verfallen, wenn sie politische Forderungen kommunizieren. Wo immer man es aufschlägt, wimmelt es von Sharing Economy, globaler Gerechtigkeit, Kapitalflucht und Steuerwettbewerb. Eine gewisse unfreiwillige Komik kommt etwa dort auf, wo Marco Meyer in großer Ernsthaftigkeit bespricht, was eine SPD-Position zur zunehmenden Bedeutung computergestützter Entscheidungsverfahren (hier wie üblich mit Frank Schirrmacher, wenn auch nicht korrekt, als »Algorithmen« bezeichnet) sein könnte. Nur wenige Stellen stechen sprachlich aus dem mehr oder minder technokratischen Einheitsbrei hervor, etwa der haarsträubende Kurzbeitrag von Antje Rávic Strubel, der sich völlig darauf beschränkt, in von entsprechenden Texten aus der rechten Ecke nur im Detail unterscheidbarer Manier ein von sexueller Gewalt, drohenden Bürgerkriegen und einer bevorstehenden atomkriegsartigen Endzeitkatastrophe gebeuteltes Europa zu zeichnen.

Inhaltlich bietet sich wenig Überraschendes (mehr Geld für Bildung; mehr unbefristete Stellen, nicht nur, aber vor allem an der Uni; mehr Solidarität in Europa und überhaupt), und das, was überrascht, ist selten angenehm – so träumt Liane Dirks uns vor, dass sie gerne alle Politiker zwangsweise auf eine hübsch gelegene, sozusagen kastalische Akademie schicken würde, wo manfred-spitzer-mäßig allen die Handys abgenommen werden und WhatsApp verboten ist. Nicht nur bei solchen Beiträgen wird mir nicht klar, welche Lesezielgruppe dieses Buch hat – es hat seine Momente, mit denen es, wie bei Dirks und Strubel, das sanft reaktionäre Ü55-Milieu anspricht, das dieses Land seit mindestens 2010 dadurch dominiert, dass es auf jeden kulturpessimistischen Schlachtruf mit heftigem Kopfnicken reagiert; es ist in seiner Anlage aber eigentlich doch zu jung und zu differenziert, um den Baby-Boomern wirklich aus dem Herzen zu sprechen und sie einer Stimme für die SPD zuzutreiben. Für die akademische Intelligenz unter 40, die stark unter den Beitragenden vertreten ist, sind die Inhalte jedoch tendenziell zu bieder. Vielleicht wurde der Band hauptsächlich für Büchertische oder als Giveaway im Wahlkampf konzipiert?

Lehrreich ist er vor allem insofern, als man daraus erfährt, dass es tatsächlich noch ein SPD-geprägtes intellektuelles Milieu gibt, in dem holzschnittartige Erzählungen über das Elend des Neoliberalismus, die dann lediglich in völlig handelsübliche Forderungen nach gebührenfreier Kinderbetreuung und mehr Transferleistungen münden (Joachim Helfer), ebenso einen Ort haben wie Forderungen nach einer Art staatlicher Presse (Steffen Kopetzky) oder nach der völligen Enteignung der Kirchen (Michael Wildenhain). Ich prophezeie dem Buch jedenfalls: Es wird wenig gelesen werden und viel rumliegen. Erfreut bin ich immerhin darüber, dass Topoi des Antifeminismus und des Männerrechtlertums, obwohl punktuell zu finden, nicht so stark vertreten sind, wie man angesichts des Untertitels, der Geschlechterverteilung der Beitragenden und der Präsenz von Ralf Bönt befürchten konnte.

Disclaimer: Matthias Warkus ist kein Mitglied der SPD und ist es nie gewesen

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Bücher des Jahres 2016

1. Blauschmuck – Katharina Winkler

Mein Debüt des Jahres. Brutal, eindrücklich und unbarmherzig. Die Geschichte einer unterdrückten Frau, von Gewalt in der Ehe und der Sprachlosigkeit, in der die Opfer versinken.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

2. Zuwanderung und Moral – Konrad Ott

„Was bedeutet das alles?“ heißt die kleine Reihe mit Sachtexten bei Reclam, in der dieser Text erschienen ist. Konrad Ott vergleicht in diesem Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Bezug auf das drängendste Problem des Jahres und gibt Orientierung in einer Diskussion, die leider vor allem durch plumpe Phrasen von Halb- oder Unwissenden geprägt wurde.

3. Blaue Nacht – Simone Buchholz

Krimi des Jahres! Schnodderig, aber unaufgesetzt. Simone Buchholz hat dazu mit Chastity Riley endlich einmal eine Hauptfigur geschaffen, die nicht einem der Standardklischees „Superheldenermittler“ oder „Superkaputterermittler“ zuzuordnen ist, sondern Abgründe und Probleme hat, nicht ins Abziehbildchen abrutscht, ihre Chas könnte ein echter Mensch sein.

4. Die Unmächtigen: Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 – Günther Rüther

Aus keinem anderen Buch habe ich in diesem Jahr mehr gelernt. Die Entwicklung der beiden Deutschlands ist nicht denkbar ohne die jeweiligen Intellektuellenfiguren, die sie prägten. Aufarbeitung der Nazivergangenheit, Atomwaffen, 68er Unruhen und die Wiedervereinigung immer waren es auch Intellektuelle, sehr häufig Schriftsteller, die den politischen Diskurs beeinflussten. Eine mitreißende, unterhaltsame Geschichtsstunde aus einem neuen Blickwinkel, die zudem unendlich viel Inspiration für Lektüre rund um die Nachkriegsliteratur liefert. Sachbuch des Jahres!

5. Du sagst es – Connie Palmen

Die Geschichte eines Paares, die unglaubwürdig wäre, wäre sie ausgedacht. Liebe bis zur Selbstzerstörung. Sylvia Plath und Ted Hughes stehen für den modernen Prototyp der unglücklichen Ehe, aber auch der gemeinsamen poetischen Produktivität, für das Anziehen und Abstoßen. Connie Palmen gelingt ein einfühlsames literarisches Porträt ohne sich auf eine Seite zu schlagen und lotet die Abgründe beider tragischer Figuren aus. Tolle Literatur über Literatur.

6. Die Kameliendame – Alexandre Dumas

In Klassikern wird ja immer nur geweint. Es wird Herbst, es wird geweint, man geht in die Oper und weint, man trifft irgendwen von früher, Tränen. Armand Duval ist auch so ein armer Wicht, der nah am Wasser gebaut ist. Er verliebt sich unsterblich in die Edelescortdame Marguerite Gautier. Es geht hin und her und am Ende (eigentlich bereits direkt ab Beginn des Buchs) weinen wieder alle. Weil diese tragische Liebesgeschichte zwar schnulzig ist, aber Tiefgang hat und nachhallt, sollte sie jeder lesen, der mal in Ruhe 200 Seiten leise weinen will.

Zugabe: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Ohne Frage das schönste Buch des Jahres.

Zwei Novellen von Stefan Zweig in neuem Gewand illustriert von Joachim Brandenberg bzw. Florian L. Arnold – unbedingt einen Blick ins Buch und die Illustrationen werfen und den Topalian & Milani Verlag aus Ulm auf dem Schirm behalten, da werden sehr feine Bücher gemacht.

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Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas “Familie Mann”, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die “WG” des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer “Exil-Abteilung” seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die “Konkurrenz” des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

 

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

 

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