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Kategorie: Klassiker

Die Nacht von Lissabon

In der Emigration in Zeiten NS-Deutschlands war nichts wertvoller als ein gültiger Pass, ein Visum für einen Staat, in dem noch nicht der Terror wütete und in dem man nicht verfolgt wurde, und ein Möglichkeit dorthin zu kommen. Der junge Erzähler in Erich Maria Remarques Buch streift nachts durch Lissabon und versucht irgendwie diese drei Chancen des Überlebens für sich und seine Frau zu erlangen. Ihm begegnet im Hafen ein Mann, der ihm diese drei Dinge geben kann und will. Einzige Bedingung: er will diese Nacht nicht alleine sein und ihm seine Geschichte erzählen, denn die Tickets, das Visum und die Pässe, die er für seine Frau und sich organisiert hat, sind für ihn nicht mehr von Interesse, denn seine Frau liegt im Hotel in einem Sarg. So ziehen die beiden Männer nachts nach Lissabon in immer andere Kneipen bis diese schließen und wir hören seine Geschichte: Weiterlesen Die Nacht von Lissabon

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Doppelrezension: Herz der Finsternis–Apocalypse now

Mehrfach habe ich “Herz der Finsternis” von Josep Conrad angefangen und bin nicht über die erste Seite, der mit knapp 130 Seiten nicht sehr umfangreichen, Erzählung hinausgekommen. Das kleine Anaconda Büchlein liegt seither bei mir auf dem Stapel. Krankheitsbedingt hatte ich die letzte Woche aber viel Zeit zum Lesen und manchmal muss man am Anfang halt beißen. Weiterlesen Doppelrezension: Herz der Finsternis–Apocalypse now

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Schloss Gripsholm

978-3-596-90069-5.jpgIst doch albern!

Tucholskys bekannte Erzählung startet mit einem fiktiven Briefwechsel zwischen dem berühmten Autor und seinem ebenso berühmten Verleger Ernst Rowohlt. Bereits hier wird dem Leser klar: alles Kommende wird halb Spaß, halb Ernst sein. Eine “heitere Liebesgeschichte” soll geschrieben werden und noch sträubt sich der Kurt noch, mehr Geld will er sowieso haben. Weiterlesen Schloss Gripsholm

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Anna Karenina

»Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich.«

978-3-446-23409-3_29511112833-92.jpgDie Eindrücke nach der Lektüre mancher Bücher müssen sich erst setzen bevor man eine endgültige Einschätzung abgeben kann. Bei Anna Karenina von Lew Tolstoi, in der Neuübersetzung Rosemarie Tietze erschienen bei Hanser, musste sich eigentlich nicht mehr viel setzen, ich habe mich vielmehr nur gedrückt endlich die Rezension zu schreiben, auch der Länge des Werks geschuldet. Daher nur eine wirklich kurze Inhaltsangabe.

Der Haupthandlungsstrang ist praktisch Gemeingut. Anna Karenina ist die junge hübsche Frau eines hohen Beamten und Mutter seines Sohnes. Die Kälte in ihrer Beziehung macht der sensiblen Anna zu schaffen und sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Graf Wronski. Gesellschaftlich isoliert, menschlich enttäuscht und halb wahnsinnig, wirft sie sich 1200 Seiten später vor einen Zug. Parallel hierzu laufen zwei weitere Handlungsstränge: der ihres Bruders und Lebemannes, der immer wieder außereheliche Affären hat, nicht aber mit seiner Frau bricht; und die Liebesgeschichte zwischen Kitty und dem Großbauern Lewin, die, vieler Hindernisse zum Trotz, am Ende in einer glücklichen Ehe aufgehen. Weiterlesen Anna Karenina

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Tortilla Flat

Hauptfigur ist Danny ein Paisano in Tortilla Flat einer Siedlung oberhalb von Monterey. Eigentlich ein Herumtreiber, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt ist, lebt er von der Hand in den Mund, was die Natur ihm bietet und er sich durch Diebstähle besorgen kann. Dann erbt er zwei kleine Häuser. Eines bewohnt er selber, das andere “vermietet” er an seinen alten Freund Pilon, in dem Bewusstsein von diesem sowieso nie Miete zu erhalten. Immer mehr ziehen in das zweite Häuschen ein und ärgern sich über Danny, der, obwohl er sie immer noch gratis wohnen, lässt in ihren Augen ob seines Eigentums arrogant geworden ist. Als sie eines Nachts aus Versehen das eine Häuschen niederbrennen, ziehen sie aus diesem Ereignis nur die Erkenntnis, dass man Wein nie über Nacht in einem Haus lassen soll. So denn ziehen alle in das verbleibende Haus Dannys ein. Episodenhaften werden immer wieder einzelne Geschichten der Freunde erzählt, die sich hauptsächlich um die Beschaffung von Essen und Wein, aber auch um Geschichten aus der Siedlung und Sex drehen. Weiterlesen Tortilla Flat

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Im Westen nichts Neues

Ich brüte schon fast zwei Wochen an der Aufgabe eine Rezension über dieses Buch zu schreiben, habe fast ein bisschen Angst davor. Bereits während des Lesens sind mir tausend Gedanken durch den Kopf geschossen, ich habe mir viel im Text markiert, Seiten geknickt und angestrichen.

Diese Rezension ist eher ein Versuch, dieses Buch irgendwie zu fassen.

Der 19-Jährige Paul Bäumer hat sich mit seinen Klassenkameraden freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und liegt mit ihnen an der Westfront. Episodenartig werden deren Erlebnisse aus dem Krieg erzählt: Der Besuch im Lazarett bei einem ehemaligen Klassenkameraden, der schwer verwundet, ein Bein amputiert, bereits erkennbar im Sterben liegt. Die Freunde und Kameraden kümmern sich so gut es gehen um ihn, lassen ihm Morphium spritzen, einigen sich aber intern bereits über den neuen Besitzer seiner Stiefel. Paul erinnert sich an seinen sterbenden Freund als Schuljungen und daran, dass in der Uniform eigentlich immer noch dieser Schuljunge steckt.

“Da liegt er nun, weshalb nur? Man sollte die ganze Welt an diesem Bette vorüberführen und sagen:  Das ist Franz Kemmerich, neunzehneinhalb Jahre alt, er will nicht sterben. Lasst ihn nicht sterben!”

Paul berichtet vom militärischen Drill, der Schikane des Unteroffiziers Himmelstoß und wie dieser beispielsweise den “Kindersoldaten” die Bettnässerei abgewöhnen wollte. Er und seine Freunde machen sich in den Schützengräbern Gedanken über ein mögliches Leben nach dem Krieg und realisieren, dass die Schulausbildung sie nicht im entferntesten auf den Krieg vorbereitet hat, ein “normales” Leben und eine Integration in die Gesellschaft erscheint ihnen unvorstellbar – sie erkennen ihre Zukunft als die verlorene Generation.

“Wie kann man das [ihre Bildung, Schulzeit und das geregelte bürgerliche Leben] ernst nehmen, wenn man hier draußen gewesen ist,.”

Paul hat an der Front eine innige Freundschaft mit Kat geschlossen, der für ihn eine Art Ersatzvater darstellt und als Lebenskünstler die jungen Soldaten immer wieder mit Zerstreuung und Essen versorgt. Immer wieder folgt die Schilderung von Kampfeinsätzen: Artilleriefeuer, Giftgasangriffe und Maschinengewehrfeuer.

Paul bekommt Heimaturlaub und findet sich zu Hause nicht mehr zu recht. Er ist unfähig über seine Erlebnisse zu sprechen und verharmlost diese, vor allem vor seiner krebskranken Mutter. Er wird als Frontsoldat zwar anerkannt und auch bewundert, doch ist das Bild der Bevölkerung in der Heimat von den Verhältnissen an der Front völlig falsch und viel zu harmlos, Paul unternimmt allerdings auch gegenüber anderen Erwachsenen keine Aufklärungsversuche.

“Ich finde mich hier nicht mehr zurecht, es ist eine fremde Welt.”

Bei einem Besuch in einer Kaserne begegnet er seinem Freund Mittelstaed, der ihren alten Lehrer ebenso quält wie dieser ihn zu Schulzeiten. Es wird klar, dass im Krieg alle hergebrachten Verhältnisse aufgebrochen werden: so werden die Schüler die Vorgesetzen ihrer Lehrer und Paul nimmt “väterlich” auf seine Mutter Rücksicht.

“Warum muss ich immer der Stärkere und Gefasstere sein, ich möchte doch auch einmal weinen und getröstet werden, ich bin doch wirklich nicht viel mehr als ein Kind […]”

Zurück an der Front gerät er in einen heftigen Angriff, vor dem er sich in einen Bombentrichter rettet und hier in Todesangst einen ebenfalls schutzsuchenden Franzosen erdolcht. Nicht zusammenzufassen sind seine Vorwürfe und seine Gedanken:

“Kamerad, ich wollte dich nicht töten. Sprängst du noch einmal hier hinein, ich täte es nicht, wenn auch du vernünftig wärest. Aber du warst mir vorher nur ein Gedanke, eine Kombination, die in meinem Gehirn lebte und einen Entschluss hervorrief – diese Kombination habe ich erstochen. Jetzt sehe ich erst, dass du ein Mensch bist wie ich. Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen – jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame. Vergib mir, Kamerad! Wir sehen es immer zu spät. Warum sagt man uns nicht immer wieder, dass ihr ebenso arme Hunde seid wie wir, dass eure Mütter sich ebenso ängstigen wie unsere und dass wir die gleiche Furcht vor dem Tode haben und das gleiche Sterben und den gleichen Schmerz –. Vergib mir, Kamerad, wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen und diese Uniform fortwerfen, könntest du ebenso mein Bruder sein wie Kat und Albert. Nimm zwanzig Jahre von mir, Kamerad, und stehe auf – nimm mehr denn ich weiß nicht, was ich damit beginnen soll.”

Zum Ende sterben wie im Zeitraffer alle Freunde Pauls, nach seiner Verwundung und Genesung im Lazarett, kommt dieser wieder an die Front und wird kurz vor dem Ende des Krieges ebenfalls getötet.

Niemand wird heute tatsächlich den Krieg noch glorifizieren wollen oder gar gutheißen, allzu sehr sind auch wir, die wir nie einen Krieg im eigenen Land erlebt haben, durch unsere Geschichte geprägt. Selbstverständlich dürfte auch jedem halbwegs aufmerksamen Menschen die Absurdität und Grausamkeit desselben einleuchten. Jedoch werde ich von nackten Zahlen und verallgemeinerten Beschreibungen nicht so berührt, wie das die individualisierten Erlebnisse des Paul Bäumers vermochten. Das Schicksal des von Pauls Hand getöteten Franzosen nahm mich mehr mit als die unvorstellbaren der fast 17 Millionen, einfach weil es so ein Gesicht bekam. Die Erinnerungen und Erlebnisse von Paul schildert dieser aber nicht um zu berühren, sondern eigentlich distanziert, die Emotionen sind, wenn, nur die eigenen. Er ist durch den Krieg gezwungen worden, auch wenn er sich freiwillig gemeldet hat, erwachsen zu werden bzw. zu sein; fast väterlich betrachtet er neue Rekruten. Doch hin und wieder realisiert er, dass er eigentlich noch ein Kind ist.

Kein Wort ist hier zu viel, schonungslos wird die Realität des Krieges dargestellt, eine Essenz des Krieges entsteht.

Bereits von den ersten zwanzig Seiten war ich wie gebannt, obwohl keine Spannung im eigentlichen Sinn entsteht und Paul zwangsläufig am Ende sein Leben lässt, lässt einen das Buch nicht los. Die Sprache Remarques ist klar und eben schonungslos. Die Verzweiflung einer ganzen Generation auf knapp zweihundert Seiten:

“Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen zu Hunderttausenden existieren.”

Zu Weihnachten sollte ich mir eigentlich eine ganze Kiste dieses Buches bestellen und allen, die dieses Buch noch nicht kennen ein Exemplar schenken.

Absolute Leseempfehlung und ein neues Lieblingsbuch!

Paul abschließend über die verlorene Generation:

“Wären wir 1916 heimgekommen, wir hätten aus dem Schmerz und der Stärke unserer Erlebnisse einen Sturm entfesselt. Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen,ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können”

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Bücherwahn

Wie angekündigt habe ich gestern Abend schnell nach meinem Bücherwahn, den des jungen Flaubert gelesen.

Was dieser damals 15-Jährige zu Papier bringt ist stilistisch bereits derart sicher, seine spätere Größe nur noch eine Frage der Zeit. Obwohl ich (eigentlich) kein Freund allzu detaillierter, blumiger Umschreibungen jedes Baums am Wegesrand bin, ist Flaubert einer meine Lieblingsautoren. Einen Grund dafür kann ich gar nicht so genau nennen, am ehesten vielleicht, dass er das Gleichgewicht zwischen Beschreibung und Erzählung hält und so in seinen Bann zu ziehen weiß. Weiterlesen Bücherwahn

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