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Kategorie: Klassiker

Sylvia Plath – Die Tagebücher

Wird auch oft gesucht: Emily Dickinson – Virgina Woolf

Grave of Sylvia Plath
Das Grab Sylvia Plaths in
Heptonstall, West Yorkshire
© Mark Anderson
CC BY-SA 2.0

Legendäre Lyrikerin und ebenso legendäre Selbstmörderin, der Name Sylvia Plath ist untrennbar mit beiden Attributen verbunden. Es kann daher keinen Text über sie geben, der beides nicht zumindest streift. Aus diesem Grund beginnt Elisabeth Bronfen ihre Studie über Plath mit der Kontroverse, ein eigentlich zu harmloses Wort für etwas, das der deutsche Jurist Störung der Totenruhe nennt (§ 168 Abs. 2 StGB), um das Grab der Dichterin*. Immer wieder wurde der Grabstein beschädigt. Die Nachkommen ließen diesen daher entfernen, doch ein anonymes Grab, das steht außer Frage, genügt nicht einer Frau, die ein solches Werk geschaffen hat, die solchen Einfluss auf die Literatur nach ihr nahm.

Der Streit, um den auf dem Grabstein stehenden Ehenamen Plaths (Hughes), lag auch daran wie Ted Hughes mit dem Erbe seiner Frau umging und wie der Feminismus Sylvia sehen will. Hughes, selbst Schriftsteller, doch bald vom posthumen Ruhm der verblichenen Frau überflügelt, war kein fürsorglicher Nachlassverwalter, sondern, so warfen ihm nicht nur die Jünger auch neutralere Außenstehende vor, vorrangig auf Schonung der eigenen Familie und Vermehrung des pekunären Erbes, als auf Förderung des Nachruhms und Heil für die Literatur(geschichte) aus. Ersteres möchte man ihm (fast) nachsehen, waren die Kinder beim Selbstmord der Mutter nebenan, nur durch nasse Handtücher, mit denen sie die Fugen der Küchentür vor Aufdrehen des Gashans abgedichtet hatte, vom eigenen Erstickungstod getrennt. Nicholas, damals erst ein Jahr alt, nahm sich fast fünfundvierzig Jahre später ebenfalls das Leben. Spätwirkungen durch den Tod der Mutter kann man zwar nicht sicher annehmen, der auf der Familie liegende Schatten dagegen ist offensichtlich. Hughes Vorsicht daher verständlich.

sylvia plath tagebücher diary diariesLetzteres ist dagegen unverzeihlich. Ted Hughes hat große Teile des Tagebuchs verbrannt, statt sie nur unter Verschluss zu halten, eine Band angeblich verloren, in vorherigen Ausgaben rigide zensiert. Die 1997 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienene Fassung  ist aller Voraussicht nach die umfassendste Version, die noch zu erwarten ist. Denn auch nach Hughes Tod 1998 sind keine weiteren Streichungen, Auslassungen oder gar Teile wieder aufgetaucht, die angeblich verbrannten Hefte, anscheinend wirklich in Flammen aufgegangen, die verlorenen, verloren**.

Doch auch die vielen Auslassungen im vorliegenden Band können die Lektüre des fast funfhundert Seiten starken Diariums nicht weniger interessant machen. Auslassungen, die in Sorge für die vorgenommen wurden, die ihr Leben als Person in diesem Drama noch zu Ende leben müssen, so die Herausgeberin Frances McCullough. Auch wurden einige bösartige Spitzen – Plath hatte eine sehr scharfe Zunge und zwar so gut wie allen gegenüber – und Kürzungen ihrer ziemlich ausgeprägten Erotik wegen vorgenommen.

Die Aufzeichnungen setzen 1950, Plath ist 18, ein und enden 1962. Sie sind reich, üppig, voller Verlangen nach Lebendigkeit, voller hoher Erwartungen, schreibt die Übersetzerin Alissa Walser ganz richtig. Doch sie sind der Steinbruch, aus dem Plath für ihr gesamtes Werk schöpfte. Das Panoptikum eines Lebens, in dem alles dieses Ausmachende zu sehen ist: Der Schmerz und das Genie, Hoffnung und Depression, der Kampf um Anerkennung als Frau, wie als Schriftstellerin; der Lebenskonflikt einer jungen, intellektuell ambitionierten Frau in den Zwängen der 50er Jahre, in den Zwängen einer Ehe mit einem teils übermächtigen, beherrschenden Mann, in den Zwängen des Hausfrauen- und Mutterdaseins. Und bei der Lektüre wird immer wieder deutlich, warum Plath später zu einer Ikone des Feminismus wurde, nicht nur weil sie um Respekt für ihr Schaffen und ihre Rolle als Frau kämpfte, sondern eben auch weil sie daran zerbrach. Die Tragik ihres Schicksals und das Wissen um das Ende ihres Lebens machen die Lektüre besonders eindrücklich. Es ist die starke Stimme, einer immer wieder schwachen, aber nicht aufgebenden Frau, die schlussendlich zerrieben wird zwischen den eigenen Ambitionen, ihrem Genie und den Beschränkungen als Frau ihrer Zeit.

elisabeth bronfen sylvia plath coverSekundärlektüre ist nicht zwingend notwendig, um die Tagebücher zu verstehen, insbesondere da diese mit einführenden und erläuternden Worten der Herausgeberin versehen sind, doch will man die Welt Plaths erschließen, möchte man tiefer gehen, und das sollte man, nimmt man sich fünfhundert Seiten Innenleben vor, ist der Band von Elisabeth Bronfen, ebenfalls bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, unerlässlich. Nicht immer publikumsnah geschrieben, aber tiefschürfend und nach kurzer Eingewöhnungszeit unterhaltsam, da sehr klug udn genau, setzt Bronfen sich mit dem Plath-Mythos, Sylvias autobiographischen Schriften, der Dichtung und ihrer Prosa auseinander.

Ted Hughes verabschiedete sich kurz vor seinem Tod übrigens mit dem Gedichtband Birthday Letters von seiner Frau, damals eine literarische Sensation. Zur Versöhnung mit allen Jüngern Plaths konnte dies nicht mehr führen, aber in Zusammenhang mit der Gesamtausgabe der Tagebücher, das musste man dem Mann zugestehen, die Gemeinde hatte ihn zu Unrecht verdammt. Sein Leben an der Seite Sylvias war alles andere als leicht, so Michael Maar.

Zur Lyrik wird an dieser Stelle ein zweiter Teil in Bälde folgen.

* Der Grabstein steht wieder, wie man sieht. Jäten müsste man aber mal. Stänkern und Namen ausmeißeln können immer alle, aber ein bisschen Unkraut zupfen ist dann zuviel.
** 2000 erschien eine weitere Ausgabe der Tagebücher, herausgegeben von Karen Kukil, The Unabridged Journals of Sylvia Plath, die allerdings nicht ins Deutsche übertragen wurden, in dieser sind lediglich einige Namen abgekürzt und insgesamt nur zwölf Sätze gestrichen.

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Über die Natur der Dinge

Mein Patenkind ist sehr alt, hat aber ein anmutiges Äußeres.

Die Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Blogger eingeladen die Verleihung des Preises ebendieser zu begleiten. Hierzu wurden per Aufruf Paten gesucht, die jeder eines der insgesamt 15 Nominierten (je 3x fünf Bücher aus den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung) unter ihre Fittiche nehmen sollten. Die Wahl der Jury fiel auch auf mich und man band mir diesen 2000 Jahre alten Schinken ans Bein. Wehe dem, der sich Klassiker auf die Fahnen schreibt.

Weniger schrecken mich Umfang oder Sprache als die Schwierigkeit einem philosophischen Werk mit derartigem Ruf gerecht zu werden. Entgegen meines eigentlichen Vorhabens mich erst mit massig Sekundärliteratur auszurüsten und vorzuinformieren, nehme ich mir Über die Natur der Dinge in der Neuübersetzung von Klaus Binder erschienen bei Galiani Berlin ohne Einarbeitungsphase vor.

Doch man wird zum Glück nicht direkt in den Text gestoßen, sondern von Stephen Greenblatt kurz aber informativ in das Werk eingeführt, Klaus Binder erklärt vor dem Start noch warum Lukrez lesen und wie, dann kann es losgehen. Vorwort und Kommentare regen immer wieder, der Leser solle sich auf den Text einlassen. Also hinein.

In medias res

Lukrez schreibt an und für Gaius Memmius, den Spross einer alten römischen Aristokratenfamilie und legt ihm in sechs Büchern seine stark an Epikur angelehnte Philosophie dar. Er beginnt mit den Urelementen und erklärt den Aufbau der Welt: Atome und Leere, sonst nichts. Anhand von vier Lehrsätzen wird die Basis des Verständnisses des Buches und der gesamten Philosophie Lukrez‘ in nuce dargelegt.

  • Aus Nichts entsteht nichts.
  • Alle Materie besteht aus kleinen Partikeln.
  • Gibt es Körper, muss es auch Leere geben.
  • Eigenschaften und Ereignisse, beide sind von Körpern nicht zu lösen.

Dem Du des Lesers dröselt Lukrez geduldig die Lehre Epikurs auf und legt dar: Das Universum besteht aus Atomen und Leere – das war’s. Es gibt keine mysteriösen, religiösen Urkräfte, die geschaffen haben. Obwohl Lukrez wohl an die Existenz von Göttern geglaubt hat, sprach er ihnen sämtlichen Einfluss auf die Gestaltung der Welt ab. Gott ist zwar nicht tot, aber er kann nichts. Nach Beweis der Grundlagen seiner Philosophie zerlegt er noch schnell etwaige andere Ansichten von Heraklit und Genossen, Empedokles und Anaxagoras und schreitet in großen Schritten voran die Welt bis ins Kleinste zu entschlüsseln.

Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass vor zweitausend Jahren ein Mensch gelebt hat, der viele Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft vorausgeahnt hat, sogar die Grundzüge des Darwinismus hat Lukrez vorweggenommen, denn seiner Ansicht nach entstand der Mensch nur als Ergebnis des sich immer wieder paarenden Zufalls, der Verbindung der Urelemente. Erschreckend und erstaunlich in wie viel der Autor “einfach” richtig lag. Und doch ist Lukrez vielmehr Denker als Prophet. In den folgenden Büchern werden Seele und Sinne, Liebe und Tod, Natur- und Menschengeschichte, das Werden der Welt und ihre Vergänglichkeit erörtert.

Weil der Autor seinen Adressaten duzt, fühlt sich der Leser immer wieder direkt angesprochen und sich so in den Text einbezogen. Die reichen Kommentare Binders zu Wirkungsgeschichte, Übersetzung, Hintergrund, Geschichte und Rezeption vermitteln das Gefühl der Übersetzer würde in Dialog mit dem Leser treten, als würde man das Werk gemeinsam erschließen.

Gott ist zwar nicht tot, aber er kann nichts

Es gibt wenig was so früh der christlichen Schöpfungsgeschichte derart zuwider gelaufen ist und damit lässt sich auch der Hass Vieler über Jahrhunderte und -tausende erklären, den Lukrez auf sich zog. Ein Gott ohne Macht kann auch keine Angst erzeugen, das Geschäft der Kirche bis in die Neuzeit hinein beruht(e) aber auf dem Schüren von Ängsten – ohne Gott, Teufel und Fegefeuer auch schlechter Absatz von Ablass.

Die zwangsläufigen Gegner des Philosophen versuchten sein Werk zu vernichten und attestierten ihm eine Geisteskrankheit. Im Mittelalter war Lukrez‘ daher nahezu vergessen, bis Poggio Bracciolini 1417 in einem deutschen Kloster die letzte erhaltene Abschrift von De rerum natura entdeckte und die Leser und Bewunderer über Jahrhunderte Namen wie Montaigne, Marx und   Diderot trugen. Einstein schrieb für die Übersetzung Diehls das Vorwort, die Übersetzung durch von Knebel wurde von Goethe angeregt. Die Gründe für die Wiederentdeckung und hymnische Verehrung nennt Greenblatt im Vorwort: die leidenschaftliche Kraft des lukrezschen Denkens, die ungeheure Sprachgewalt seiner Dichtung, ihre wunderbaren Metaphern, ihre stilistische Raffinesse, machten es schier unmöglich, diesen Text einfach zu übergehen.

Ein Lehrgedicht in Prosa.

Eigentlich wollte ich mir den Spaß gönnen, mein seit zehn Jahren nicht, außer zum Hinweis auf meine mangelnden Mathekenntnisse (iudex non calculat), genutztes Latein zu prüfen. Aber bereits der Anfang der von mir erwählten Stelle lässt mich zurückschrecken:

Tum porro quoniam est extremum quodque cacumen
corporis illius, quod nostri cernere sensus
iam nequeunt, id ni mirum sine partibus extat
et minima constat natura nec fuit umquam

Statt mich im Internet bloßzustellen, lasse ich den Google Übersetzer ran, der zumindest die Vokabeln alle kennt:

Dann ist wieder, daß das Ende jedes Gipfels
dieses Körpers, zu sehen, welche der Sinn ist unser
, die sich nicht mehr, die nicht die überraschende Teil war ragt ohne
und er zu den kleinsten der Natur war zu keinem Zeitpunkt ist offensichtlich,

Bereits die Kommasetzung ist eigen, der Text natürlich, wenig überraschend, unverständlich. (Besondere Freude bereitet es übrigens, wenn man Google den Originaltext mit italienischem Akzent vortragen lässt!) Es wird besser liest man eine richtige Übersetzung*:

Da nun ferner ein äußerster Punkt in jeglichem Körper
Da ist, den mit dem Auge wir keinesweges erfassen,
Muss unteilbar er sein, das Kleineste seiner Natur nach.
Niemals hat er besonders für sich als Körper bestanden,
Kann auch nie so bestehn, er ist ja selber des andern
Erster und letzter Teil: es reihen dann ähnliche Teilchen
Eins an das andre sich an und füllen, zusammen in einen
Dichten Haufen gedrängt, des Körpers ganze Natur aus.

Immer noch ziemlich kryptisch was Karl Ludwig von Knebel übersetzte, was Hermann Diel wie folgt verarbeitete:

Weil nun ein äußerster Punkt bei jenem Urelemente
Ist, das unseren Sinnen schon nicht mehr zu schauen vergönnt ist,
So kann dieser natürlich nicht weitere Teilchen besitzen,
Sondern ist schlechthin das Kleinste, das nie für sich hat bestanden
Als selbständiger Teil und nie als solcher bestehn wird.
Denn es ist selbst nur des anderen Teil, und zwar nur das eine
Erste, wie andere dann und andere ähnliche Teilchen
Dicht aneinander sich reihen, um so das Atom zu gestalten.

Beides natürlich viel gefälliger als Google oder ich das könnten, aber immer noch beschwerlich. Nun aber aufgepasst. Klaus Binder hat die Ehre:

Für jedes Urelement gibt es stets einen äußersten Punkt, den unsere Sinne längst nicht mehr wahrnehmen können, und dieser kann nicht mehr teilbar sein: Er ist tatsächlich das Allerkleinste. Diese Minima allerdings haben niemals als Ding selbstständig für sich bestanden, werden dies auch niemals tun, denn sie sind ja selbst uranfängliches, zugleich einheitliches Teil von etwas anderem.

Binder selbst spricht von einer Übertragung nicht von einer Übersetzung. Dies ist allein schon daher notwendig, da er die Lyrik in Prosa auflöst und zu dieser Entscheidung kann man nur gratulieren. Den Sprachfluss des Lateinischen Originals wird man zweitausend Jahre später nicht ins Deutsche übertragen können und die Transposition in eine verständliche, aber angemessene Prosasprache tut Werk und Inhalt spürbar gut. Schlussendlich verliert die Sprache Lukrez‘ nichts, sondern scheint vielmehr durch die poetisch, bildhafte Sprache Binders zu gewinnen.

Sieh nur genau hin, wenn die Sonne in einen dunklen Raum zu dringen vermag und ihr Licht in einzelnen Strahlen durch diesen sendet: Viele winzige Stäubchen wirst du sehen, wie sie sich im leeren, vom Licht hellen Raum mischen auf vielerlei Weise: Als lägen sie in endlosem Streit, kämpften pausenlos miteinander in immer neuen Verbänden, angetrieben zu immer neuer Verknüpfung und wieder Trennung. Dies mag dir eine Vorstellung davon geben, wie es sich verhält mit den Urelementen, die im leeren Raum in unaufhörlicher Bewegung begriffen sind.

In der Übersetzung Diels dagegen erkennt man zwar die Schönheit der Sprache, die Aussagekraft des Bildes, aber sie bleibt meiner Meinung nach hinter der Übertragung Binders zurück, der es schafft die Lesbarkeit zu steigern und trotzdem Fluss und Sprache zu erhalten.

Folgendes Gleichnis und Abbild der eben erwähnten Erscheinung
Schwebt uns immer vor Augen und drängt sich täglich dem Blick auf.
Laß in ein dunkeles Zimmer einmal die Strahlen der Sonne
Fallen durch irgendein Loch und betrachte dann näher den Lichtstrahl:
Du wirst dann in dem Strahl unzählige, winzige Stäubchen
Wimmeln sehn, die im Leeren sich mannigfach kreuzend vermischen,
Die wie in ewigem Kriege sich Schlachten und Kämpfe zu liefern
Rottenweise bemühen und keinen Moment sich verschnaufen.
Immer erregt sie der Drang zur Trennung wie zur Verbindung.
Daraus kannst du erschließen, wie jene Erscheinung sich abspielt,
Wenn sich der Urstoff stets im unendlichen Leeren beweget,
Insofern auch das Kleine von größeren Dingen ein Abbild
Geben und führen uns kann zu den Spuren der wahren Erkenntnis.

Und Binder selbst erklärt den Zauber in den wunderbaren Worten Lukrez lesen heißt, (wieder) lernen, sich solchem Taumel und Tanz [der Sprache] zu überlassen. Gibt aber zugleich zu bedenken, dass es sich nicht um Lektüre für Minuten handelt, denn dazu ist uns dieser Text wirklich zu fern, manches wissen wir trotz unserer historisch kaschierten Sinnlichkeit tatsächlich besser, vieles ist nicht für unsere Zeit geschrieben. […] Es geht einzig und allein um den Bewegungs-, den Vorstellungsraum, der sich öffnet, wenn man sich mit Lukrez auf die Reise begibt. Es geht um die Bilder, die uns beim Lesen auftauchen; es geht um lebenspraktische Schlüsse, die wir ziehen, mal von Leselust und ästhetischem Vergnügen angestoßen, dann auch erschreckt; es geht zuletzt darum, dass wir unseren Sinnen, ihren Affekten und Defekten, nicht mehr in jedem Augenblick allein mit Misstrauen oder, von unseren Fetischen geblendet, mit blinder Hingabe begegnen. Besser und treffender ist es nicht auszudrücken, wie beeindruckend sich die Lektüre dieses Wunderwerks auf den Leser auswirkt.

Schmier mir Honig auf den Becher

Ein Lob zuletzt auch dem Galiani Verlag, nicht nur für den verlegerischen Mut und das Vertrauen in Klaus Binder dieses Buch zu wagen, sondern auch für die hervorragende Ausstattung. Nur fehlt ein zweites Lesebändchen, Faulheit im Blättern verleitet doch sonst allzu häufig den umfangreichen Kommentar gar nicht gebührend zu nutzen.

Lasst euch auf Lukrez und Über die Natur der Dinge ein, Binder nimmt euch an die Hand: Ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern durcharbeitet, ein Projekt, ein wunderschönes, immer wieder.

Liegt Ärzten am Herzen, Kindern bitteren Wermut zu geben, streichen sie um den Rand des Bechers süßen, gelb fließenden Honig, und die Arglosen, dazu gebracht, den Becher mit ihren Lippen zu berühren, trinken den herben Wermutsaft – getäuscht werden sie, doch nicht betrogen, denn so, durch dieses Mittel, finden sie erneut zu Kraft und Gesundheit. Das habe auch ich im Sinn. Herb erscheint auch unsere Lehre allen, denen sie nicht im Ganzen entfaltet wurde, zurückschrecken lässt sie das Volk. Darum mein Wunsch, dir meine Gedanken in wohlklingendem Gesang nahezubringen, gleichsam versüßt mit dem Honig der Musen. Möge es mir durch meine Verse gelingen, dich, deinen wachen Geist zu fesseln, bis du die Natur der Dinge im Ganzen erfasst hast und du sie vor die siehst in Form und Gestalt.

*Achtung: Die gewählten Stellen stimmen nicht haargenau überein. Ich habe die Zitate so gewählt, dass sich innerhalb desselben ein Sinn ergibt, so dass man die Sprache des Übersetzers erkennt. Das Zitat sollte in sich schlüssig sein und nicht (nur) zum 1:1 Vergleich dienen.

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Fjodor Dostojewski – Der Idiot

Als vor fast zwei Jahren dieser Blog seinen Betrieb aufnahm, stand auf der ursprünglichen Liste derer Bücher, die mich ungelesen klagend aus dem Regal ansahen, auch Dostojewskis Idiot. Wenn ich das Buch nach dem Schreiben dieser Besprechung in das Regal zurückstelle, wird es nicht mehr ganz ungelesen sein, aber ein fader Beigeschmack bleibt, denn ich habe es nicht beendet. Mein Lesezeichen, fieserweise die Seite 25/26 des Buches, die ich herausriss als ich das Buch im Fallen fangen wollte, steckt bei 864/865. Es sind nur noch knapp hundert Seiten, aber ich habe keine Lust mehr.

Denn daß ich Fürst Myschkin bin und ihre Gemahlin aus unserem Geschlecht stammt, ist selbstverständlich kein triftiger Grund. Das sehe ich sehr wohl ein. Aber doch liegt darin der ganze Anlaß meines Besuches. Ich bin ungefähr, vier Jahre nicht in Rußland gewesen, mehr als vier Jahre; und als ich wegfuhr, war ich beinahe nicht bei Sinnen! Damals kannte ich nichts in der Welt, und jetzt noch weniger. Ich bedarf des Verkehrs mit guten Menschen; und dann habe ich da auch noch eine geschäftliche Angelegenheit, und ich weiß nicht, wohin ich mich betreff derselben um Rat wenden soll.

Der Mittzwanziger Fürst Myschkin reist nach Russland, nachdem er vier Jahre in einem Sanatorium in der Schweiz verbracht hat, in dem man versuchte ihn von seiner Epilepsie zu heilen. In dieser Zeit war er fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten, seine Entwicklung ist hierdurch stark verzögert. Umgang hatte er meist nur mit Kindern, die ihn dafür umso mehr liebten, in Gesellschaft weiß er sich nur ungelenk zu bewegen, die üblichen Gepflogenheiten, gerade die der Oberschicht, sind ihm fremd. Nach Sankt Petersburg reist er, um eine Erbschaft anzutreten. Leider hat er dort keinerlei Bezugsperson, nur eine entfernt verwandte Tante, die er aber nie traf. Doch im Zug, Anna Karenina lässt grüßen, lernt er bereits zwei Menschen kennen, die ihn über den weiteren Verlauf des Romans begleiten werden.

Unser Fürst gerät direkt nach seiner Vorstellung un in die Verwicklungen der Petersburger Oberschicht und verliebt sich in eine Frau, die einen liderlichen Lebenswandel pflegt, trotzdem aber Zugang zu allen wichtigen Kreisen genießt. Myschkin wird verlacht, geachtet, ausgebeutet, geliebt, verspottet, bewundert. Und so nimmt die Geschichte ihren tragischen Verlauf über die nächsten 900 Seiten.

Ganz zufällig, durch Beihilfe meiner Schwester Warwara Ardalionowna Ptizyna, erhielt ich von ihrer intimen Freundin, der verwitweten Gutsbesitzerin Wjera Alexjewna Subkowa, einen Brief des verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtschew.

Dies ist nicht der Erste Dostojewski, mit dem ich mich quäle. Verbrechen und Strafe (früher Schuld und Sühne) habe ich beendet, obwohl es Phasen gab, in denen ich meine Aufmerksamkeit derart verlor, dass ich fünfzig Seiten am Stück las, ohne dass mir von diesen Erinnerung oder Eindruck blieben. Bei Der Idiot ist es mir zum Teil nicht anders ergangen. Zur Schwierigkeit sich in russischen Stil und Namen hineinzufinden, kommen immer wieder seiten-, kapitel- und überkapitellange Szenen aus der Gesellschaft, in denen einer der Teilnehmer eine Geschichte erzählt, gemeinsam ein Spiel gespielt wird, das bezweckt, dass einer Geschichten erzählt oder einer einfach nur eine Geschichte erzählt; nur noch getoppt von einem Manifest über Ungerechtig- und Schlechtigkeit der Welt, verlesen auf einer Geburtstagsgesellschaft.

Daher fehlte mir größtenteils, trotz der Muße des Urlaubs, ebenjene mich auf diese knapp 1000 Seiten richtig einzulassen. Ich mag die Rahmenhandlung um den naiven, zu Geld gekommenen Fürsten mit der Fähigkeit der Gesellschaft die Maske vom Gesicht zu reißen, die Fratze darunter bleibt mir aber zu zäh. Die Lichtblicke, wenn z.B. der Beginn und der Zustand eines epileptischen Anfalls beschrieben wird, strahlen hell, sind mir aber zu spärlich, um mich über die großen Strecken der Langeweile (‘tschuldigung) hinüberzutragen. Selbst nach über 90 % Fortschritt schaffe ich es nicht Der Idiot zu beenden. Bleibt das Buch eben bei seinen Freunden auf der Liste.

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Tamburinis Buckel – Meister von heute

“Was macht das Meisterhafte aus?”, fragt Michael Maar in dem kürzlich bei C.H.Beck erschienenen Tamburinis Buckel – Meister von heute und forscht diesem in 18 Reden und Rezensionen zu Literatur und Literaten nach.

Das Meisterhafte darf rätselhaft, aber nicht hermetisch sein; individuell, aber nicht privat. Das Meisterhafte ist intim und allgemein. Vor allem aber ist es eines: selten.

Harald Hartungs Gesammelte Gedichte

Michael Maar ist dem geneigten 54books-Leser vielleicht bereits seit Heute bedeckt und kühl bekannt, einer Abhandlung über Tagebücher von Autoren und Intellektuellen. Diesem Buch verdanke ich u.a. die Entdeckung der Tagebücher von Fritz J. Raddatz, aber auch die Kurzgeschichten von John Cheever oder das nachhaltige Verlangen Arbeit und Struktur zu lesen. Ganz besonders eindringlich zeigte mir Michael Maar seine Meisterschaft kürzlich in einer Rezension zu Elias Canettis Buch gegen den Tod auf und nun, dass sie bei ihm eines nicht ist: selten. Denn nun lesen wir fast 18 mal Meisterschaft in Tamburinis Buckel.

Warum ist er so gut?

Heinrich Mann zu lesen, hat mitunter etwas von einer gymnastischen Übung. Weil er fast prinzipiell die ungewöhnlichste, gerade noch zulässige Wortstellung wählt, muß man immerzu Denkmuskeln dehnen, die man gar nicht mehr gespürt hat. Auch seine Syntax ist anstrengend. […] Manches liest sich wie von Google übersetzt.

Dankrede zum Heinrich-Mann-Preis

Tamburinis-Buckel-9783406666933_xxlDarf man das über ein Denkmal der deutschen Literatur sagen? Ja, man “muß” es sagen dürfen! Ein guter Kritiker ist ehrlich, auch mit Ikonen. Heinrich Mann wird ja auch nicht die Qualität per se abgesprochen, vielmehr schildert Maar nur authentisch sein Leseerlebnis. Einen Kritiker den man derartig “kennenlernt”, dem man anmerkt wie sehr ihn Literatur berühren und enttäuschen kann, dem kann man trauen!

Und mit voranschreitender Lektüre wird die Liste der zu lesenden Bücher länger, die Maar lobt und den Leser mit Begeisterung ansteckt: die Erinnerungen Heinrich Manns, Before she met me von Julian Barnes, Idylle mit ertrinkendem Hund von Michael Köhlmeier, Gustav Seibt.

Alle Besprechungen sind fernab vom plumpen Lesetipp oder wissenschaftlicher Abhandlung, weder anbiedernd noch abgehoben und doch voller Wunderbarkeiten, die man selten in klassischer Literaturkritik findet.

Köhlmeier ist das Schwierigste gelungen: das Intimste so gründlich mit Kunst zu kalfatern, daß kein Tropfen Peinlichkeit eindringen kann.
Über Michael Köhlmeiers “Idylle mit ertrinkendem Hund”

Nach einem solchen Satz könnte ich mir jeden weiteren über dieses Buch sparen, sollte den Blog schließen. Solche Latten überspringt man nicht, man reißt sie nur.

Die Fähigkeit eines Buches, sich tintenfischgleich mit Tentakeln und Saugnäpfen im Gedächtnis des Lesers einzunisten, ist noch kein hinreichender Beweis für literarische Qualität – man kann sich auch an besonders grauenhafte Stellen in miserablen Büchern lebhaft erinnern; aber es ist eine notwendige Bedingung dafür.

Martin Mosebach, revisited

Dieses Buch, dieser Autor hat sich tintenfischgleich mit Tentakeln und Saugnäpfen in meinem Gedächtnis festgepfropft, dabei sind Literaturkritiker doch nur Werber, oder? Kann Literaturkritik berühren? Ja sie kann! “Es müssen nicht immer Funken sprühen, wenn die großen Gesiter aufeinandertreffen.”, notiert Maar über ein Treffen von Picasso, Proust, Joyce und Strawinsky. Trifft Maar die großen Geister in seinen Besprechungen stieben die Funken.

Und ich schweige.

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Der Fänger im Roggen

Unnötige Werbung

Nachdem Mark Chapman fünf Schüsse auf John Lennon abgegeben hat, dieser sterbend im Hausflur des Dakota Buildings in New York liegt, setzt sich der Mörder an die Straße und liest in einem Buch. Den eintreffenden Polizisten trägt er eine Passage aus dem  Roman, in den er vorher “This is my statement” schrieb, vor:

Anyway, I keep picturing all these little kids playing some game in this big field of rye and all. Thousands of little kids, and nobody’s around – nobody big, I mean – except me. And I’m standing on the edge of some crazy cliff. What I have to do, I have to catch everybody if they start to go over the cliff – I mean, if they’re running and they don’t look where they’re going I have to come out from somewhere and catch them. That’s all I’d do all day. I’d just be the catcher in the rye.

Diese Stelle wiederholte er auch vor Ende seines Prozesses, er hatte sich selbst der Mordanklage schuldig bekannt.

Chapman war besessen davon durch den Mord eines Stars selbst berühmt zu werden, angeblich hatte er neben Lennon auch Elisabeth Taylor im Visier. Chapman war besessen von John und besessen von einem Buch, von The Catcher in the Rye. Er bestellte sich in New York eine Prostituierte auf sein Hotelzimmer, nur um mit ihr reden, so wie es auch Holden Caulfield tat, unterschrieb wahlweise mit John Lennon oder Holden Caulfield, ergänzte in der Hotelbibel den Nachnamen Lennons hinter The Gospel of John (engl. Das Johannes-Evangelium).

Ein moderner Klassiker

Die Aufmerksamkeit, die Chapman 29 Jahre nach Erscheinen dem Fänger im Roggen durch seine Tat erneut zuteil werden ließ, hatte dieses Buch gar nicht mehr nötig. Der Erstling von Jerome David Salinger verkaufte sich innerhalb von zehn Jahren bereits 3,5 Millionen Mal und ist bis heute der Longseller par excellence, 250.000 Exemplare gehen jedes Jahr über den Ladentisch. Der Fänger im Roggen ist ein moderner Klassiker.

Holden Caulfield ist 16 Jahre alt und kurz vor Weihnachten 1949 erneut von der Schule geflogen. Seine Eltern, reiche New Yorker, wissen noch nichts von seinem erneuten Versagen und nach einer Schlägerei mit seinem Zimmergenossen Stradlater entschließt sich Holden spontan mit seinem Ersparten nach New York zu fahren, um sich dort herumzutreiben bis seine Eltern von seiner Demission erfahren. Er sitzt in Bars, lernt neue Leute kennen und nimmt Kontakt zu alten Bekannten auf. Statt aber seine heimliche Liebe zu kontaktieren, versucht er eine von drei Touristinnen aufzureißen oder mit der Prostituierten Sunny zu schlafen. Er lernt zwei Nonnen kennen, zwingt ihnen eine Spende auf und geht mit seiner Mitschülerin Sally ins Theater und Schlittschuh laufen. Langsam geht Holdens Barschaft zu Neige und die Sehnsucht Zeit mit seiner kleinen Schwester Phoebe zu verbringen steigt. Doch selbst am Ende des Buches wird Holden nicht endgültig zu seiner Familie zurückgekehrt sein.

Alle Menschen, denen er begegnet, beurteilt Holden kritisch. Er wehrt sich vehement gegen die Erwachsenenwelt, die auf ihn einströmt. Viele seiner Bekannten enttarnt er als phony, als schon von dieser fremden Welt okkupiert. Sie verstellen sich, nehmen sich wichtiger als sie sind, gieren nach Geld, Ansehen und Macht. Die Kinder im Roggenfeld aus Chapmans Zitat spielen noch in einer Welt, die noch nicht von den Erwachsenen zerstört worden ist. Holden Caulfield will als Fänger im Roggen, die Kinder davor bewahren über die Klippe in diese Welt zu fallen. Während er selbst immer älter wird, und aufgrund von grauen Haaren an den Schläfen in manchen Bars bereits Alkohol bekommt, klammert er sich fest an einer Welt, die ihm immer mehr zu entgleiten droht. Diese Welt lebt noch in seiner zehnjährigen Schwester Phoebe, diese Welt starb mit seinem jüngeren Bruder Allie, der drei Jahre zuvor der Leukämie erlag, und sein großer Bruder D.B., der inzwischen statt seiner erfolgreichen Kurzgeschichten Drehbücher für Hollywood schreibt, sein Können und seine Seele an die “Traumfabrik” verkauft, ist bereits über die Klippe in das Reich der Erwachsenen gestürzt.

Holden verabscheut das Gebaren, mit dem ein Pianist angeberisch sein Können zur Schau stellt, doch empfindet er auch Mitleid für ihn, für das was die Gesellschaft aus ihm gemacht hat. Er flieht vor der Ex-Freundin von D. B., die sich nur mit ihm abgeben möchte, weil sein Bruder inzwischen ein berühmter Mann ist. Traurig wird er, als er sich den Alltag der Prostituierten vorstellt, die ungefähr in seinem Alter ist. So empfindsam Holden ist, vordergründig will auch er sich hart und erwachsen, weltgewandt und klug geben, gleicht also den scheinheiligen Erwachsenen. Doch in ihm schwelt die Unsicherheit der Jugend, er versinkt in Weltschmerz und Selbstzweifel, in der Trauer um seinen Bruder Allie.

Das Erlebnis des Wiederlesens

Als Heranwachsender, ungefähr in Holdens Alter, habe ich Der Fänger im Roggen erstmals gelesen. Ich meine mich zu erinnern, dass ich das Buch recht gleichmütig aufnahm; nicht schlecht, aber auch nicht der große Wurf, von dem alle sprachen.

Nach über zehn Jahren begann ich erneut, trug wochenlang das Buch in meiner Tasche umher und kam trotz viel Zugfahrerei nicht dazu. Als ich aber über die ersten Seiten hinaus war, packte mich die Geschichte und ließ mich nicht mehr los. Gerade die flapsige Sprache Holdens, seine Schimpftiraden und die direkte Ansprache des Leser, vor zehn Jahren als leicht anbiedernd empfunden, gefielen mir. In seiner ziellosen Suche und seinem Weltschmerz meinte ich den Weltschmerz meiner selbst zur Zeit der ersten Lektüre wiederzuerkennen.

Die zweite Lektüre hinterließ ein Buch, das nicht mehr schloss, weil darin soviele Zettel staken. Ich war derart angetan, dass ich direkt im Anschluss das englische Original las. Trotz  meiner euphorischen Begeisterung im Vorfeld packte es mich nicht mehr sofort. Manche der ersten Szenen fand ich jetzt noch gut, aber nicht mehr so überragend, die Begeisterung setzte diesmal später ein als beim zweiten Mal, zog aber hintenraus wieder deutlich an. Vielleicht lese ich The Catcher in the rye in zehn Jahren wieder und beobachte mich dabei, vielleicht ist es aber schon in weniger als einem soweit.

Keine Luxusausgabe

Everybody’s going to be reading this book – with the help of the God-almighty media. … They’ll have to come out with a deluxe edition!”

Mark Chapman

double-fantasy-mark-david-chapman-600x574Für das Double Fantasy-Album, das Lennon am 8. Dezember 1980 für Chapman signiert hatte und das später am Tatort gefunden wurde, bezahlte ein anonymer Käufer wohl über 500.000 $. Auf ihm befanden sich nicht nur die Unterschrift Lennons, sondern auch die Fingerabdrücke von Mörder und Opfer. Für eine signierte Erstausgabe von Der Fänger im Roggen werden inzwischen Preise zwischen 20.000 und 40.000 € aufgerufen.

Ich gab mich bescheidener und versuchte eine schöne englische Ausgabe zu erwerben. Die schlichte Taschenbuchversion von Rowohlt soll mindestens übertroffen werden. Nur bekommt man ein solches Buch nicht. Wilfried Weber von der Buchhandlung Felix Jud in Hamburg und ichschmähten gemeinsam die englischen Taschenbücher mit ihren stinkenden Altpapierseiten, der billigen Heftung und dem schlechten Satz. Eine wirklich schöne Edition könne er mir aber nicht besorgen, höchstens die Pappedeckelausgabe von Kiepenheuer & Witsch anbieten. Ich sollte mein Sparschwein schlachten, die Rechte erwerben und meine eigene Liebhaberausgabe drucken lassen, frotzelt Weber. In einer anderen Buchhandlung auf der Schanze erwarb ich dann die englische Standardausgabe, deren Ausgangspreis von 6,99 $ großzügig auf knapp 9 € umgerechnet wurde.

Autor und Übersetzer

J. D. Salinger starb 2010. Seit er sich 1953 auf seine Farm in New Hampshire zurückzog, haben ihn nur noch seine Nachbarn gesehen. Er veröffentlichte u.a. noch Nine Stories, seit 1965 aber gar nichts mehr. Wie Thomas Pynchon, Patrick Süskind oder B. Traven war er ein gesichtsloses Phantom der Literatur.

Cover_Salinger_Fänger_im_RoggenEntgegen der Mär, dass Heinrich Böll den Catcher erstmals ins Deutsche übersetzte, sah dieser nur die von der Schweizerin Irene Muehlon übersetzte Version durch. Diese hatte jedoch nicht das Original übersetzt, sondern eine bereits überarbeitete englische Variante (ähnlich wie später bei Murakamis Gefährliche Geliebte). Die flapsige Sprache Holdens war in dieser korrigiert und einzelne Stellen ganz gestrichen wurden, daher die Durchsicht Bölls, der mit einer Penguin Version arbeitete. 2003 übersetzte Eike Schönfeld (u.a. Übersetzer von Jonathan Franzen, Joseph Conrad und Oscar Wilde) für Kiepenheuer & Witsch das Original neu. Die Neuübersetzung hat inzwischen die Böllsche Fassung ganz verdrängt.

Zu seiner Übersetzung sagte Schönfeld im Gespräch mit der taz: In dem Roman wird ja die ganze Zeit in einer teilweise recht derben, aber gleichzeitig sehr stilisierten Umgangssprache geflucht. Und es gibt im Deutschen einfach keine umgangssprachlichen Entsprechungen für das, was Holden beispielsweise mit “phony” – verlogen – meint. Ich habe mich bemüht, eine eigene, eher zeitlose Sprache zu finden, aber eben keine aktuelle Jugendsprache zu verwenden. […] Was man bei dem ganzen Gefluche dennoch nicht vergessen sollte, ist, wie gesagt, dass sich Salinger hier einer vollkommen durchkomponierten Sprache bedient.

Lesen!

Ganz gleich in welchem Entwicklungsstadium des Erwachsenwerdens man sich als Leser befindet, sollte man Der Fänger im Roggen mindestens einmal gelesen haben. Völlig unerheblich, ob man dieses Buch ablehnt oder vergöttert, die Auswirkungen, die es bis heute auf Menschen, im Guten wie Schlechten, hat, zeigt die Wirkungsmacht von Literatur. Jeder wird etwas Holden in sich entdecken, falls man auch als Erwachsener mal für die Zeit der Lektüre nicht allzu phony ist. Sollte man als junger Leser Holden nicht allzu gern gemocht haben, wäre jetzt die Möglichkeit ihm eine zweite Chance zu geben.

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Sprichwörter lernen mit Sancho Panza

Gott vergebe ihm, dass er der ganzen Welt solch Unrecht tut, indem er den witzigsten Verrückten, der in ihr lebt, vernünftig machen will! Sieht er nicht, Herr, dass der Nutzen, den Don Quijotes Vernunft haben mag, bei weitem nicht an das Vergnügen reicht, das er uns mit seinen Verrücktheiten bereitet?

S. 565

Zur Rezension von Band I

Band 2 eines Klassikers

Heinrich Heine, Nietzsche, Laurence Stern, Dostojewski, Schiller, Goethe, Flaubert, Stendhal, Nabokov, Borges – alle haben nachweislich den Don Quijote gelesen und ihr Werk wurde von ihm so oder so inspiriert. Die Räuber, Tristram Shandy und Der Idiot alle tragen etwas Quijote in sich. Geht man mit offenen Augen durch die Welt trifft man ihn zwangsläufig und sei es als Zeichentrickserie, Film, Theaterstück, Bilderbuch oder Hörspiel. Diese Figur, nein dieses Pärchen, gehört zu dem Berühmtesten in der Weltliteratur.

Nach Lektüre von Band I, schloß sich nahtlos, aber mit längeren Unterbrechungen, der zweite Teil an. Dieser entstand im Wettrennen mit einem Unbekannten, wohl aus dem Umfeld von Cervantes’ Erzfeind Lope de Vega, der ebenfalls eine Fortsetzung schrieb. Dies geschah nicht nur, um Cervantes zu verspotten und seine Figuren lächerlich zu machen*, sondern auch um Gewinne abzuschöpfen, denn schon bald nach Erscheinen des ersten Bandes erfreut sich Don Quijote einer großen Beliebtheit. Informiert über Trittbrettfahrer lässt der Autor Don Quijote im zweiten Band immer wieder selbst auf das alter ego der verfälschten Fortsetzung treffen und führt deren Schöpfer vor.

Weiterentwicklung zweier großer Figuren

Don Quijote, der sich nun nicht mehr Ritter von der traurigen Gestalt, sondern der von den Löwen nennt, reitet mit seinem Knappen erneut aus, um Abenteuer zu erleben und Hilfesuchende zu beschirmen. Die Fluchkanonaden Quijotes des ersten Teils werden durch bandwurmartige Aneinanderreihungen von Sprichwörtern von Sancho ersetzt. Dieser  ist noch geistreicher und von sprühenderem Witz als im ersten Teil und Don Quijote wird mehr von anderen hinters Licht geführt, als dass er Opfer seines eigenen Wahns wird. Gerade der Knappe nimmt eine beachtliche Entwicklung, aus dem einfältigen Bauern des ersten Teils wird ein nicht minder lustiger, aber doch besonnenerer und zunehmend kluger Begleiter von Ritter und Leser. Endlich erhält er ein Eiland, das er gubernieren [verwalten] darf. Seine Rechtsprechung gleich der des Azdak aus Brechts Kreidekreis. Doch die Sehnsucht nach neuen Abenteuern lässt ihn sein Amt bereits nach zehn Tagen wieder niederlegen, wiedervereint ziehen Reiter und Knecht bis nach Barcelona, um Ende doch wieder in ihrer Heimat in der Mancha anzukommen.

Der Kern des Ritterbuchs

Die Bilderbücher versuchen den umfangreichen Roman in eine Serie einzelner abbildbarer Abenteuer zu zerlegen, und heraus kommt ein recht schmales Bändchen. Der Grund ist, dass Don Quijote und Sancho Panza zwar an ein paar Windmühlen oder Riesen, an Schafherden oder feindlichen Heeren, an einigen Schenken oder Burgen vorbeikommen, aber im Wesentlichen sind sie fast die ganze Zeit über unterwegs auf ihren jeweiligen Reittieren und tun nur dieses: sie reden. Der tragende Pfeiler des Romans ist der Dialog zwischen dem Ritter und dem Knappen, und die Abenteuer scheinen fast ein bloßer Vorwand zu sein, ausgiebig zu disktutieren.

Susanne Lange im Nachwort

Die Zusammenfassung der einzelnen Abenteuer streift daher nur den Kern des Zaubers, der diesem Roman innewohnt. Warum aber auch nach über 400 Jahren der Quijote noch gelesen wird, weiß die Übersetzerin Susanne Lange in ihrem Nachwort nur näherungsweise zu bestimmen: Don Quijote ist nicht zu fassen. Er bietet Material für die gegensätzlichsten Theorien.

Was soll er also sein? Komödie, Tragödie oder moderner Roman? Der Text ist derartig komplex, dass er vielfachen Interpretationen zugänglich ist; von der Einbettung in die spanische Geschichte und Literaturgeschichte, die Lange im Nachwort erörtert, über die Analyse des Wahns Quijotes, der in der Entwicklung immer mehr verschwimmt und sich der Wirklichkeit annähert, die Freundschaft der beiden Reitersmänner und die Weisheit, zu der beide auf unterschiedliche Weisen gelangen, dieses Buch enthält soviel mehr als eine Geschichte. Zeitebenen verschieben sich, Reales und Irreales sowieso.

Daher sollte man vor und nach der Lektüre unbedingt das 70 seitige Nachwort lesen, fast 100 Seiten Anmerkungen helfen ebenso die Tiefe der Textes auszuloten. Nach Lektüre dieser knapp 1500 Seiten, sollte man von vorne beginnen und alles nochmal in neuem Licht sacken lassen, erneut alle Anmerkungen studieren und weiterverfolgen. Wohl daher hat William Faulker einmal im Jahr den gesamten Don Quijote gelesen.

Das Einzige was diese gewohnt schöne Hanserausgabe zu wünschen übrig lässt, wäre ein zweites Lesebändchen für den umfangreichen Anhang.

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Der echte Sancho Panza, der bin ich, und den hat der Himmel mit einem wahren Regenguss von Witz gesegnet, Ihr dürft’s gern überprüfen, bleibt mir nur ein Jahr auf den Fersen, dann werdet Ihr schon sehen, dass mir Witziges auf Schritt und Tritt herauspurzelt, so fein und üppig, dass ich zwar meist selbst nicht weiß, was ich da sage, aber alle rundum zum Lachen bringe. Und der echte Don Quijote von der Mancha, der berühmte, tapfere und kluge, der verliebte, der Entleidiger der Beleidigten, der Beschirmer der Mündel und Weisen, die schützende Hand der Witwen, der Todbringer der Jungfern, dessen einzige Gebieterin die ohnvergleichliche Dulcinea von Toboso ist, das ist der Herr, der hier vor Euch steht, mein Gebieter, und jeder andere Don Quijote, jeder andere Sancho Panza sind nichts als Ammenmärchen und Schäume.

S. 611

Daher, bitte, lest diesen großartigen Roman im Original bzw. dieser grandiosen Übersetzung von Susanne Lange, es wird euch Freude bereiten, bilden und nachdenken lassen und vor allem Sancho wird euch ein guter Freund werden.

*Alles sind diese Figuren, aber nicht lächerlich, um dies zu erkennen muss man sich von jeder bekannten schematischen Darstellung lösen und diese Bücher lesen.

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Dantes Göttliche Komödie

Es gibt solche Werke, die man gerne gelesen haben würde, weil sie einer der Grundpfeiler unserer heutigen Literatur darstellen: Homers Illias und Odyssee, Der abenteuerliche Simplicissimus von Grimmelshausen, Das Niebelungenlied, Il Decamerone von Giovanni Boccaccio, Die Lusiaden von Camões oder Don Quijote. Dazu kommen unzählige weitere Klassiker von Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, die jeder kennt, aber nur wenige wirklich gelesen haben. Zu dieser Kategorie gehört auch Dante Alighieris Göttliche Komödie.

dante_goettliche_komoedie_c_02Weil nun aber viele dieser Werke tatsächlich sperrig sind, traut man sich nicht heran, statt die Schönheit im Detail zu finden, sucht man sie lieber in einfacher zugängiger (Unterhaltungs-)Literatur. Grundsätzlich eine verständliche Entscheidung, denn nach einem harten Arbeitstag liegen diese Bücher schwer auf dem Kopfkissen. Statt einer Kurzfassung oder eines Hörbuchs griff ich nun zur Graphic Novel Adaption von Seymour Chwast, um die Dante-Lücke zu schließen und vielleicht derart auf den Geschmack zu kommen, mir doch das Original mal vorzunehmen.

Das Grundgerüst ist – Klassiker – in Grundzügen wohl fast jedem bekannt: Dantes Alter Ego reist zusammen mit Vergil durch die drei Reiche des Jenseits, von der Hölle und ihren Kreisen ins Fegefeuer und über den Läuterungsberg ins Paradies. Vergil wird im Laufe der Reise durch die eigentlich verstorbene Geliebte Beatrice ausgetauscht. Auf ihrem Weg trifft das jeweilige Paar unzählige Fabelgestalten aus der Mythologie, Personen der damaligen Zeitgeschichte, Philosophen der Antike und Bibelfiguren. Das Urwerk ist wohl nur mit einem großen Kommentar bei der Erstlektüre zu verstehen.

Nun aber die stark gekürzte, bebilderte Fassung von Seymour Chwast. Ganz in schwarz-weiß kämpft sich Dante als Pfeife rauchender britischer Detektiv durch die Unterwelt.  Begleitet und geführt von Vergil als treuem Butler mit Gehstock. Landkarten und Querschnitte zeigen dem Leser wo sich das Duo gerade befindet. Durch die einfache Beschriftung der anderen Personen und Orte, wird viel Raum für die eigentliche Geschichte gespart ohne sich in zu vielen Erläuterungen zu verlieren.

3-format43Doch wo ist die Geschichte? Die Sprache ist derart verknappt und meist nicht viel mehr als dann doch nur die Beschreibung des Bildes. “Und dann betrachteten wir die Sterne.” “Eine Frau namens Lucia trägt mich zum Eingang des Purgatoriums.” Im Verlauf erweckt dies den Eindruck lediglich ein beschriftetes Bilderbuch zu lesen. Die Göttliche Komödie erzeugt so aber keine Spannung, nicht mal Neugier. Es wird zu wenig Text transportiert, dann sind die Bilder im Einzelnen aber zu schwach, um den Mangel an Story aufzufangen.

Die Adaption enttäuscht mich. Vielleicht ist es nicht möglich Dante in Häppchen zu verpacken, eine Kurzform zu schaffen, die nicht die eigentliche Geschichte verliert. Aus der Lektüre aber nehme ich nicht viel mehr mit als ich bereits vorher wusste. Die Göttliche Komödie bleibt auch nach Seymour Chwast für mich eine schemenhafte Vorstellung. Also doch irgendwann das Original?!

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Sherlock Holmes will never go out of style

Wenn ich meine Notizen zu mehr als siebzig Fällen überfliege, in denen ich während der letzten acht Jahre die Methoden meines Freundes Sherlock Holmes studiert habe, so stelle ich fest, daß viele tragisch waren, einige komisch, eine große Anzahl schlicht seltsam, aber keiner gewöhnlich; da er nämlich eher aus Liebe zu seiner Kunst arbeitete, denn um Reichtum zu erwerben, lehnte er es stets ab, Teil an einer Nachforschung zu haben, die nicht in den Bereich des Ungewöhnlichen oder gar des Phantastischen fiel.

Das gesprenkelte Band

Viel ausgeprägt noch als die periodisch wiederkehrende Thoreau Renaissance, ist nur noch die Sherlock Holmes’. So gibt es beispielsweise einen eigenen Artikel bei Wikipedia namens “Sherlock Homes Medien”, der sich nur der fortlaufenden Rezeption dieser legendären Detektivfigur widmet: Hörspiele, neue Romane, Filme und Serien, Musik, Kunst, Gesellschafts- und Computerspiele. Allein die 217 Filme machen ihn zum Weltrekordhalter des Adaptiertwerdens, Ende nicht in Sicht. Einen besonderen Wirbel hat auch die gefeierte BBC-Serie Sherlock wieder in Deutschland ausgelöst, der Eigenbrödler im modernen London mit Smartphone und dem ewigtreuen Watson unterwegs, hat trotz der verhältnismäßig geringen Zahl an Episoden bereits eine große Anhängerschaft. Sat1 strahlt die Serie Elementary aus, in der Sherlock in New York nach einer Entziehungskur dem NYPD als beratender Detectiv zur Hand geht, an seiner Seite die weibliche Suchtbetreuerin Dr. Joan Watson (Lucy Liu).

die abendteuer des sherlock holmesInmitten dieser Flut von Neubearbeitungen sollte man aber, statt Episodenguides und Vorankündigungen, mal wieder die Originale von Sir Arthur Conan Doyle zur Hand nehmen. Vereinfachte englischsprachige Geschichten las ich in der siebten Klasse, die Lektüre eines Sammelbandes dürfte inzwischen auch deutlich über zehn Jahre zurückliegen und so habe ich mir mal wieder die Primärquellen zu Gemüte geführt. Mit einem modernen Thriller oder Krimi haben diese Geschichten außer dem Genre nicht viel gemein. Arbeiten Krimiautoren heute an immer besser konstruierten Fällen und Verwicklungen, neuen Schockern und Wendungen, ist die Lösung eines Falles hier – deus ex machina – meist nur auf die Genialität des großen SH zurückzuführen. Scheint seine Gabe der Deduktion in den obengenannten Serien meist deutlich überzeichnet, ist sie doch 1:1 der Vorlage entnommen. Watson und der Leser können nur staunen, “wie hat er das wieder gemacht?”. Leser von Spannungsliteratur dürften immer wieder enttäuscht werden, zum Mitknobeln gibt es hier nichts und die Haare stellen sich einem auch nicht zu Berge. Wenn man dem Meisterdetektiv aber vertraut, wird man immer wieder bestens unterhalten.

Selbst bei zwölf Geschichten am Stück kommt keine Langeweile auf, vielmehr liest man eine nach der anderen. Denn die Stimmung im nebligen London, der kongeniale Partner  Watson und die abstrusen Fälle, von denen sich aber viele, ganz Zeitgeist, immer wieder um arme Frauen, die von bösen Ehemännern um ihr Erbe gebracht werden sollen (hierzu lese man unbedingt auch Wilkie Collins’ – Die Frau in Weiß!), schaffen ihre ganz eigene Stimmung und Spannung.

Daher lebt der Meisterdetektiv als Klassiker, als Prototyp des Schnüfflers, immer schlauer als die Polizei, bis heute in immer neuen Formen fort, weil er in seiner Verschrobenheit so sympathisch bleibt, weil seine Fälle so obskur wie zeitlos sind, dass sie sich keiner Neuinterpretation verweigern. Und wer die alten Sherlock Holmes Geschichten wiederliest, findet nicht nur viele Parallelen zu den neuen Serien, sondern kann vielleicht auch bei diesen verbotenerweise spoilern. Sherlock Holmes will never go out of style.

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Henry David Thoreau – Das reine Leben – Walden

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben und nur den wesentlichsten Dingen des Lebens gegenüberstehen. Ich wollte versuchen, ob ich nicht seine Weisheiten empfangen könnte, damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Nichts anderes als das Leben wollte ich leben. Das Leben ist so kostbar. Wenn es irgend möglich war, wollte ich nicht verzichten. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen. Hart und spartanisch wollte ich leben, um alles auszurotten, was nicht Leben war, einen breiten Schwaden zu schlagen dicht über dem Boden. In die Enge wollte ich das Leben treiben und es auf die einfachste Formel bringen. Erwies es sich als wertlos, gut, dann wollte ich seine ganze unverminderte Nichtigkeit erfahren und der Welt kundtun. War es aber herrlich, so wollte ich das aus eigener Anschauung kennenlernen und bei meinem nächsten Ausflug einen wahrheitsgetreuen Bericht geben.

Alle Jahre wieder gibt es so eine Art Henry David Thoreau Revival. Jede Generation entdeckt den Autor von Walden oder Leben in den Wäldern für sich (zumeist wohl nach dem ersten Sehen von Dead Poets Society mit Robin Williams). Thoreau, der Sohn eines Bleistiftfabrikanten, Harvardabsolvent, lehnte es ab als Lehrer seine Schüler körperlich zu züchtigen, gründete daher eine eigene Schule, wollte nicht den Krieg der USA gegen Mexiko mitfinanzieren und zahlte daher keine Steuern, seine Schrift Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat inspirierte sowohl Mahatma Gandi als auch Martin Luther King zu ihrem gewaltfreien Widerstand.

Sein meistgelesenes Werk bleibt aber Walden, die Geschichte Thoreaus Auszugs aus der Zivilisation in eine Blockhütte am Waldensee. Zwei Jahre lang lebte er, wenn nicht ganz isoliert, so doch zumindest abgeschieden, inmitten der Natur. Er war auf der Suche nach der richtigen Art zu leben und sollte sich danach mit neuer Kraft seinem Kampf gegen die Sklaverei widmen. Er schreibt über Genügsamkeit und Art und Zweck des Lebens, über Lesen, Laute und seinen Kamin, über Tiere im Winter und als Nachbarn, die Seen, das Dorf und sein Bohnenfeld. Thoreau war ein ganz zupackender Philosoph, ein Praktiker, und einer der ersten modernen Aussteiger, was ihn bis heute so interessant macht.

509_cover_thoreau (RGB)Eine neue Möglichkeit sich Leben und Werk zu widmen bietet nun der Knesebeck Verlag, bei dem die Graphic Novel Thoreau – Das reine Leben von Maximilien Le Roy und A. Dan erschienen ist.

In großen Bildern verschmilzen Philosophie, der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Eremitentum und das gesamte restliche Leben des Schriftstellers bis zum Tod. Die Autoren nehmen sich Zeit und Raum auch den Leerlauf der Geschichte darzustellen, die Natur einzufangen, die einen so zentralen Punkt im Leben Thoreaus einnimmt. Durch zu große zeitliche Sprünge wird der rote Faden des Lebens, das eben keine lineare Geschichte ist, allerdings etwas zu häufig und drastisch unterbrochen, so dass kein richtiger Lesefluss entsteht. Auch wenn die Schwierigkeit ein solch wachselhaftes Leben zwischen Aufständen und Isolation darzustellen offensichtlich ist, hätte man diese Schwäche vielleicht durch einen stärkeren Fokus auf einzelne Teilaspekte legen können, eventuell sogar sich nur auf seine Rolle in der Bürgerbewegung oder seine Philosophie legen können. Trotzdem stellt die Graphic Novel einen guten Start in die nähere Beschäftigung mit dieser interessanten Person der amerikanischen Zeitgeschichte dar.

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