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Kategorie: Klassiker

B. Traven – Der Caoba Zyklus

Blogbuster-Autor Torsten Seifert schreibt in seinem Roman „Der Schatten des Unsichtbaren“ über die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven. Aus dem umfangreichen Werk des Bestseller-Autors empfiehlt er vor allem den sechsteiligen Caoba-Zyklus:

  • „Der Karren“
  • „Regierung“
  • „Der Marsch ins Reich der Caoba“
  • „Die Troza“
  • „Die Rebellion der Gehenkten“
  • „Ein General kommt aus dem Dschungel“

Das Werk einer Dekade

Es war im Jahr 1930, als Kurt Tucholsky den Schriftsteller B. Traven in einem Weltbühne-Artikel als aufsehenerregendes Phänomen bezeichnete – und das, obwohl er ihm die eigentlichen literarischen und sprachlichen Qualitäten absprach. Die Gesamtauflage des geheimnisvollen Autors, um dessen Identität sich die wildesten Gerüchte rankten, steuerte damals bereits auf die erste Million zu. In dieser Phase erschienen in kurzer Folge seine neuen Romane „Der Karren“ und „Regierung“ (beide 1931). Sie bildeten den Anfang eines sechsteiligen Zyklus über die Zwangsarbeit der Indios in den Mahagoni-Lagern sowie über die mexikanische Revolution von 1910. Der Zyklus wurde zum Mittelpunkt von Travens Schaffen in den Dreißigerjahren. Während die ersten beiden Bände von der Büchergilde Gutenberg noch in Deutschland veröffentlicht werden konnten, erschienen „Der Marsch ins Reich der Caoba“ (1933), „Die Troza“ (1936) und „Die Rebellion der Gehenkten“ (1936) bereits aus dem Züricher Büchergilde-Exil. Der abschließende Roman „Ein General kommt aus dem Dschungel“ (1940) wurde zuerst in Amsterdam veröffentlicht.

Literarischer Sprengstoff gegen das Naziregime

Traven hatte seine Anklage von sozialer Ungerechtigkeit, Profitgier und Willkür so angelegt, dass die Analogien zur damaligen welthistorischen Situation schwer zu übersehen waren. Das blieb auch den Zensoren des Hitler-Regimes nicht verborgen, die bereits den zweiten Roman „Regierung“ auf ihre Verbotsliste setzten.

Worum geht es? Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die indianische Bevölkerung ist entrechtet und wird unterdrückt. In den Holzfällerlagern, den berüchtigten Monterias im Dschungel von Chiapas, schuften Indios unter menschenunwürdigen Bedingungen, um den Hunger der reichen Nationen nach edlem Holz zu stillen. Ein perfides Schuldensystem, aus dem die Holzfäller sich mit ehrlicher Arbeit unmöglich befreien können, macht sie praktisch zu Sklaven der Großgrundbesitzer.

Eine der Hauptfiguren ist Andres. Im Alter von 11 Jahren war er Leibeigner des Kaufmanns Don Leonardo geworden. Neben der Tätigkeit im Laden gewährt ihm sein Gutsherr den abendlichen Schulbesuch. Doch nach vier Jahren verliert Don Leonardo seinen Burschen beim Glücksspiel an Don Laureano, dem er von da an als Fuhrknecht dient. Als 18jähriger entscheidet sich Andres, in die Monteria zu gehen, um die Schulden seines alten Vaters abzuarbeiten. Ein ähnliches Schicksal hat Candido ereilt, den ebenfalls hohe Schulden drücken. Anders ist die Lage bei Celso, der gerade erst dem Holzfällerlager entkommen ist. Auf dem Weg in sein Dorf, wo er endlich sein Mädchen heiraten wollte, die zwei Jahre lang auf ihn gewartet hatte, wird er Opfer von Schergen der Monterias. Sie verwickeln ihn in eine Schlägerei und sorgen für seine Verurteilung. Der Gutsherr Don Gabriel kauft ihn aus dem Gefängnis frei und schickt ihn zurück in das Holzfällerlager.

Unmenschliche Bedingungen

Gemeinsam mit 200 weiteren Männern und  Frauen machen sich die drei auf den beschwerlichen Marsch in den Dschungel. Gepeinigt von Moskitos, Hunger und sadistischen Aufsehern kommen sie in der Monteria an. Im Laden der Firma müssen sie sich zu überhöhten Preisen mit dem Nötigsten eindecken und geraten dabei in die nächste Schuldenfalle.

Die ohnehin schon harten Arbeitsbedingungen werden untragbar, als die berüchtigten Brüder Montellano den Betrieb übernehmen. Sie verlangen unmenschliche Leistungen, die selbst von den stärksten Arbeitern nicht mehr erbracht werden können. Allmählich wächst der Widerstand, bis die Bestrafung eines kleinen unschuldigen Jungen, dem die Unterdrücker die Ohren abschneiden, das Fass zum Überlaufen bringt. Endlich begehren die Entrechteten auf. Sie erschlagen ihre Aufseher und holen sich im Akt der Rebellion ihre Würde und Individualität zurück. Schon bald bildet sich eine Gruppe, die von desertierten Soldaten und ehemaligen Lehrern angeleitet wird. Aus den Geknechteten wird eine Rebelleneinheit. Sie lassen das Lager hinter sich und werden Teil der mexikanischen Revolution, der aus B. Travens Sicht, „interessantesten Revolution, die sich je zugetragen hat“. Sie nehmen erste Anwesen ein und finden weitere Mitstreiter. Ihr Feind ist in der Überzahl und besser bewaffnet. Doch ihre Kampfmoral lässt sie die Scharmützel ein ums andere Mal gewinnen.

Derb, proletarisch und zutiefst menschlich

Traven erzählt die Geschichte in unverstellter, derber, proletarischer Sprache und ist dennoch voller Menschlichkeit oder sogar Zärtlichkeit, etwa, als er die aufkeimende Liebe zwischen Andres und seinem „Sternchen“ beschreibt, einem Indianermädchen, das er völlig verängstigt auf einem Fest entdeckt. Happy Ends sind seine Sache allerdings nicht. Denn letztlich führt die neu gewonnene Freiheit der Indios schnell zu denselben Konflikten, die vor der Revolution bestanden – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Während der eine Teil der Truppe die Verhältnisse im ganzen Land ändern will, reicht dem anderen die Aussicht auf Freiheit, einen Esel und ein eigenes Stückchen Erde. Auch die Verhaltensweisen bei den Offizieren der Rebellenarmee erinnern schon bald an die der Regierungstruppen. Der revolutionäre Gedanke wird im Streit um Posten und Vorteile zerrieben.

Die gnadenlose Beschreibung des Scheiterns der Revolution wollte Traven womöglich als Warnung verstanden wissen. Er war allerdings Literat genug, um den Leser nach der Lektüre des mehr als tausendseitigen Mammutwerks wenigstens mit einer kleinen Utopie zu versöhnen: der Kommune „Solipaz“. Der Anschein, alles wäre umsonst gewesen, gewinnt dadurch nicht völlig die Oberhand.

Ein bemerkenswertes und im wahrsten Sinne episches Werk, das auch 90 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Beitragsbild: Francisco Madero, seine Frau und Rebellen (Foto aus der ersten Jahreshälfte 1911), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=262269

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Bücher des Jahres 2016

1. Blauschmuck – Katharina Winkler

Mein Debüt des Jahres. Brutal, eindrücklich und unbarmherzig. Die Geschichte einer unterdrückten Frau, von Gewalt in der Ehe und der Sprachlosigkeit, in der die Opfer versinken.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

2. Zuwanderung und Moral – Konrad Ott

„Was bedeutet das alles?“ heißt die kleine Reihe mit Sachtexten bei Reclam, in der dieser Text erschienen ist. Konrad Ott vergleicht in diesem Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Bezug auf das drängendste Problem des Jahres und gibt Orientierung in einer Diskussion, die leider vor allem durch plumpe Phrasen von Halb- oder Unwissenden geprägt wurde.

3. Blaue Nacht – Simone Buchholz

Krimi des Jahres! Schnodderig, aber unaufgesetzt. Simone Buchholz hat dazu mit Chastity Riley endlich einmal eine Hauptfigur geschaffen, die nicht einem der Standardklischees „Superheldenermittler“ oder „Superkaputterermittler“ zuzuordnen ist, sondern Abgründe und Probleme hat, nicht ins Abziehbildchen abrutscht, ihre Chas könnte ein echter Mensch sein.

4. Die Unmächtigen: Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 – Günther Rüther

Aus keinem anderen Buch habe ich in diesem Jahr mehr gelernt. Die Entwicklung der beiden Deutschlands ist nicht denkbar ohne die jeweiligen Intellektuellenfiguren, die sie prägten. Aufarbeitung der Nazivergangenheit, Atomwaffen, 68er Unruhen und die Wiedervereinigung immer waren es auch Intellektuelle, sehr häufig Schriftsteller, die den politischen Diskurs beeinflussten. Eine mitreißende, unterhaltsame Geschichtsstunde aus einem neuen Blickwinkel, die zudem unendlich viel Inspiration für Lektüre rund um die Nachkriegsliteratur liefert. Sachbuch des Jahres!

5. Du sagst es – Connie Palmen

Die Geschichte eines Paares, die unglaubwürdig wäre, wäre sie ausgedacht. Liebe bis zur Selbstzerstörung. Sylvia Plath und Ted Hughes stehen für den modernen Prototyp der unglücklichen Ehe, aber auch der gemeinsamen poetischen Produktivität, für das Anziehen und Abstoßen. Connie Palmen gelingt ein einfühlsames literarisches Porträt ohne sich auf eine Seite zu schlagen und lotet die Abgründe beider tragischer Figuren aus. Tolle Literatur über Literatur.

6. Die Kameliendame – Alexandre Dumas

In Klassikern wird ja immer nur geweint. Es wird Herbst, es wird geweint, man geht in die Oper und weint, man trifft irgendwen von früher, Tränen. Armand Duval ist auch so ein armer Wicht, der nah am Wasser gebaut ist. Er verliebt sich unsterblich in die Edelescortdame Marguerite Gautier. Es geht hin und her und am Ende (eigentlich bereits direkt ab Beginn des Buchs) weinen wieder alle. Weil diese tragische Liebesgeschichte zwar schnulzig ist, aber Tiefgang hat und nachhallt, sollte sie jeder lesen, der mal in Ruhe 200 Seiten leise weinen will.

Zugabe: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Ohne Frage das schönste Buch des Jahres.

Zwei Novellen von Stefan Zweig in neuem Gewand illustriert von Joachim Brandenberg bzw. Florian L. Arnold – unbedingt einen Blick ins Buch und die Illustrationen werfen und den Topalian & Milani Verlag aus Ulm auf dem Schirm behalten, da werden sehr feine Bücher gemacht.

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder “Muss ich den lesen?” oder “Sollte ich wohl auch mal lesen”.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

 

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

 

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Hanjo Kesting – Große Romane der Weltliteratur – Erfahren, woher wir kommen

Sie wissen nicht was Sie als nächsten Lesen sollen? – Lesen Sie diese Bücher!
Sie haben viel zu viel, was Sie noch lesen möchten? – Lesen Sie diese Bücher!

Hanjo Kesting hat 2008 für die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius eine Reihe mit dem Titel “Grundschriften der europäischen Kultur” im Hamburger Bucerius Kunstforum abgehalten, die sich großer Resonanz erfreute, in weiteren Städten auf Tour ging und in einer dreibändigen Ausgabe beim Wallstein Verlag Göttingen erschien. Kesting befasste sich in dieser Reihe mit den Grundlagen europäischer Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte. Er begann mit dem Gilgamesch Epos und endete bei Nietzsches Ecce Homo. Nach Abschluss von “Grundschriften der europäischen Kultur” folgte “Große Romane der Weltliteratur” und wurde ebenso ein Erfolg wie der Vorgänger. Erneut hat der Wallstein Verlag eine dreibändige Reihe zum Abschluss herausgegeben, die seit letztem Jahr vorliegt und in deren Vorwort Hanjo Kesting das eigene Programm im Kontrast zu Die wunderbaren Falschmünzer von Rolf Vollmann abgrenzt.

Das [die vorliegende] ist für eine literarische Arche eine eher bescheidene Auswahl. Rolf Vollmann […] behandelte auf knapp 1050 Seiten mehr als tausend Romane […]. Da blieb im Durchschnitt nicht mehr als eine Seite für jedes Buch; selbst Hauptwerke der Romankunst wurden in aller Kürze besichtigt und beurteilt: fünf Zeilen über Verlorene Illusionen, zwölf über Anna Karenina (“eins der ganz großen Stücke des Genres zweifellos, aber beinahe war doch glaube ich Greta Garbo in dem Film das Schönste daran”), siebzehn Zeilen über die Kartause von Parma. Das Buch ist nicht ohne Reiz, es ist leicht, locker und amüsant geschrieben, voll sprachlicher Girlanden und Preziosen, es fordert Zustimmung Widerspruch heraus, ist insgesamt aber eher eine Plauderei für Kenner als jene Verführung zu Romanen, die der Untertitel in Aussicht stellt.

Kein Kanon!

Kesting macht in der Einleitung, neben Kollegenschelte, ebenso klar, dass er keine Kanonisierungsabsichten hegt. Hierfür reichen die 40 Bände nicht, er möchte keine Leseliste erstellen, die Lust am nicht der Zwang zum Lesen soll im Vordergrund stehen. Man bemerkt später in den einzelnen Vorträgen, dass tatsächlich das Anregen der Hauptgrund für Kestings Verträge war, aber auch wenn er vorweg seine Liebe zu Dickens oder französischer Literatur ausführt. Gegen das Festlegen eines Kanons spricht für Kesting ebenso der ewige Schrei ein Meisterwerk entdeckt zu haben (auch wenn die besprochenen Werke nun wirklich nicht dem Verdacht unterliegen demnächst vergessen zu werden oder nur zu scheinen.)

Wer die Literaturseiten der Zeitungen verfolgt, der stößt Jahr für Jahr, nein, Monat für Monat auf Bücher, die als Meisterwerke angepiesen werden, so zahlreich, dass die ganze Vergangenheit dahinter zu versinken scheint. Was wird davon bleiben? Geht man hundert Jahre zurück, erkennt man, dass die Prosa eines Spielhagen oder Paul Heyse (Nobelpreisträger immerhin), von Autoren also, die zu ihrer Zeit mindestens so hoch gestellt wurden wie Fontane, längst verwelkt ist.

Mit Leseproben!

Hanjo Kesting Große Romane der Weltliteratur Erfahren, woher wir kommenBedingt durch die Form der Veranstaltung, nämlich dass zwischen den Ausführungen Kestings die entsprechenden Stellen des Werks gelesen wurden, enthalten die drei Bände zahlreiche Ausschnitte aus den besprochenen Büchern. Das Preisen Kestings kann so direkt durch den Leser auf die Probe gestellt werden. Gerade diese kleinen Auszüge, von einer halben bis zu anderthalb Seiten, bereiten besonderes Vergnügen und führen dazu, dass man Kestings launigen, aber klugen Vorträge mit großem Vergnügen und Gewinn liest.

Von den vielen Werken, die Sie noch lesen wollten, sind hier wahrscheinlich einige dabei. Kesten ermuntert, ermutigt und fixt den Leser an diese Werke endlich zur Hand zu nehmen und bereitet dabei selbst ein großes Lesevergnügen.

Band I – 1600 -1850: Miguel de Cervantes: Don Quijote | Daniel Defoe: Robinson Crusoe | Antoine-François Prévost: Manon Lescaut | Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman | Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers | Karl Philipp Moritz: Anton Reiser | Jane Austen: Stolz und Vorurteil | Stendhal: Rot und Schwarz | Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen | William Makepeace Thackeray: Die Memoiren des Barry Lyndon | Emily Brontë: Sturmhöhe | Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe | Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

Band II – 1850 -1900: Gustave Flaubert: Madame Bovary | Iwan Gontscharow: Oblomow | Charles Dickens: Große Erwartungen | Iwan Turgenjew: Väter und Söhne | Fjodor M. Dostojewski: Der Spieler | Lew N. Tolstoi: Krieg und Frieden | Mark Twain: Die Abenteuer des Huckleberry Finn | Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich | Guy de Maupassant: Bel-Ami | Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae | Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray | Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel | Karl Emil Franzos: Der Pojaz

Band III – 20. Jahrhundert: Joseph Conrad: Herz der Finsternis | Heinrich Mann: Der Untertan | James Joyce: Ulysses | Thomas Mann: Der Zauberberg | Franz Kafka: Der Prozess | F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby | Ernest Hemingway: The Sun Also Rises (Fiesta) | Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz | Joseph Roth: Die Kapuzinergruft | Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo | Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen | Gabriel García Márquez: Der Herbst des Patriarchen | Günter Grass: Der Butt | Orhan Pamuk: Das schwarze Buch

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#einfachWeiterlesen – Nr. 1

Bücher sind nicht das ideale Medium für sämtliche ideellen Inhalte. Dies war immer so, aber jetzt ist es augenfällig geworden. Es wird einem zukünftig unangemessen erscheinen, in gedruckter Form Titel zu kaufen, von denen abzusehen ist, dass man sie nur einmal liest, möglicherweise sogar widerwillig, weil man es aus professionellen Gründen oder um mitreden zu können muss. Außerdem gibt es neue ästhetische Formen […], die im Print gar nicht denkbar sind.

Christiane Frohmann: Einfach Weiterlesen

Nicht selten habe ich postuliert niemals ein “eBook” zu lesen. Die alte Diskussion um Haptik, Geruch und deren Freunde hat inzwischen einen Bart wie Blogger vs. Feuilleton. Es gibt Titel, die im Druck nicht zu finanzieren sind, weil nur fünfzig Leute sie kaufen würden, weil sie zu kurz sind und Heftchen nur verkaufbar sind, wenn sich darin eine Krankenschwester in einen Arzt verliebt, oder Druck und dessen Vorlauf schlicht zu lange dauern würden, die Titel aber heute relevant sind.

Niemand verlangt, dass Du die Kölner Ausgabe von Böll auf dem Handy liest, man darf aber voraussetzen, dass Dir, wenn Du Literatur konsumieren willst, die Darreichungsform egal ist.

Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.

Louis Sullivan – „The tall office building artistically considered”

Drei Beispiele für die Möglichkeiten, die elektronische Titel bieten.

Arthur Cravan: König der verkrachten Existenzen

cover-arthur-cravan-koenig-der-verkrachten-existenzen-mikrotext-2016-400pxMan schämte sich der Homosexualität seines in ärmlichsten Verhältnissen gestorbenen Onkels, deswegen erfuhr Fabian Avenarius Lloyd erst zwei Jahre nach dessen Tod von seiner Verwandtschaft1 mit Oscar Wilde. Die eigentlichen Karrierepläne wurden aufgegeben, sich selbst stattdessen das Pseudonym Arthur Cravan. In Paris publizierte er in der Zeitung Maintenant, die er selbst gegründet hatte und verlegte, er veranstaltete absurde Veranstaltungen, bevor es Dada gab, und verbreitete Gerüchte über den verblichenen Onkel2. Als der erste Weltkrieg ausbrach desertierte er, ließ sich verabredungsgemäß sechs Runden vom ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnsohn3 verhauen, traf Leo Trotzki und ertrank bei einem missglückten Bootsausflug im Pazifik.

Die Kunst, die Kunst, ich scheiße auf die Kunst, schreibt Cravan und schafft in seinen bei Nautilus und in Auswahl Mikrotext erschienen Texten ebensolche. Er ätzt und spuckt Galle, streunt durch Paris, verspottet die etablierte Literaturszene, die ihm den Eintritt verwehrt. Der Nouveaubeton Paris’ – vor hundert Jahren.

Cravan trifft André Gide und schreibt darüber ein Portrait, das zugleich Karikatur und Spiegelbild ist. Der berühmte Text über sein Treffen mit Oscar Wilde war so detailliert und passend, dass nicht Wenige Cravan glaubten der Meister sei noch am Leben4

Emmanuel Bove: Gesamtausgabe

Man wird sich fragen, warum Bove so lange vergessen blieb. In den Literaturgeschichten taucht sein Name so gut wie nicht auf; von einigen kurzen Rehabiloitationsversuchen abgesehen, waren die mesiten der rund dreißig Bücher, die er geschrieben hat, lange Zeit unauffingbar. Gewiss war die außerordentliche Diskretion des Menschen, bis zum völligen Rückzug, einer der Gründe für seine Vergessenheit.

bovelesebuchbildaSo schreibt Jean-Luc Bitton in seinem Essay Haben Sie Emmanuel Bove gelesen?, der dem kostenlosen Bove-Lesebuch voransteht, der bei der Edition diá erhältlich ist.

Die Frage jedoch: Wie konnte man diesen Schriftsteller vergessen?, kann auch der Biograph Bitton nicht erklären. Rilke und Beckett verehrten ihn, die Kritik hat ihn gefeiert und die Antwort soll natürlich sein: er wurde nicht vergessen und soll wiederentdeckt werden. Eine erste Renaissance gab es bereits als Peter Handke begann Bove neu zu übersetzen. Meine Freunde, Armand und Bécon-les-Bruyères. Eine Vorstadt sind Anfang der 80er bei Suhrkamp erschienen. Danach wurde es wieder ruhiger. Mit Auslaufen des Urheberrechts macht die Edition diá nun das Gesamtwerk Boves wieder zugänglich. Wieso sich dieses zu Entdecken lohnt, weiß wieder Bitton.

Boves Stärke ist es, dass er seine Figuren nie verachtet oder verurteilt, er schaut ihnen, wie ein Laborant durch das Mikroskop, beim Leben zu. Und er beschreibt uns schlicht, was er sieht, was er gehört hat und was wir nicht mehr sehen oder ausdrücken können, mit einer fast besessenen Sorge ums Detail.

Zum Einstieg in das Werk Boves lohnt das umfangreiche, kostenlose Bove Lesebuch, das man bei der Edition diá herunterladen kann.

Weitere Informationen zu Leben und Werk findet man auf der eigens eingerichteten Homepage für emmanuelbove.de.

Rowohlt Rotation

978-3-644-05371-7Kurz vor der Leipziger Buchmesse startete Rowohlt sein neues Digital-Imprint Rowohlt Rotation, erkennbar an rororo, Rowohlts Rotationsromane, angelehnt, das Format das Rowohlt im Nachkriegsdeutschland zu neuer Berühmtheit verhalf. Man konnte günstig und damit für den Leser erschwinglich Taschenbücher, die zu Beginn nur 1 DM kosteten, mittels Rotationsdruck herstellen und so die neue Bundesrepublik mit Literatur versorgen. Bereits die ersten drei Titel – G.K. Chestertons Das fliegende Wirtshaus, William Faulkners Licht im August und Graham Greenes Die Kraft und die Herrlichkeit – spiegeln deutlich wider, was früher unter Unterhaltung verstand, die man günstig unters Volk bringen konnte, aber auch den neuen Anspruch des Digital-Imprints, denn dort kann man als Äquivalent zu Nobelpreisträger Faulkner heute Texte von Vladimir Nabokov, Jonathan Franzen oder Kurt Tucholsky kaufen, statt Graham Green gibt es Joachim Fest über Hannah Arendt oder Stewart O’Nan und anstelle von Father Brown immerhin noch Simon Beckett oder, denn das ist Unterhaltung heute, Jojo Moyes.

Lest doch einfach weiter.

Was eBooks leisten können, das Wiederzugänglichmachen von fast verlorenen oder vergessenen Texten, zeigen alle diese drei Beispiele. Wer nicht bei Nautilus die große Cravan Ausgabe kaufen möchte, kauft bei Mikrotext für Handy oder eReader, Bove wird im Ganzen wieder verfügbar, ein Lesebuch, das gratis erhältlich ist, kann und soll Geschmack machen oder vor Fehlkäufen bewahren und Rowohlt kann aus dem Archiv eines Jahrhunderts Verlagsgeschichte Texte heraussuchen und verfügbar halten, die möglicherweise sonst in dessen Untiefen verschwinden würden. Den Tucholskytext Seifenblasen gibt es bisher nur in Band 16 der Gesamtausgabe versteckt, Uwe Naumanns Mon Oncle – Lieber Klaus wäre zu kurz für den Druck, zu interessant und einzigartig5 um im Wust der Neuerscheinungen zu erscheinen und verloren zu gehen.

To be continued.

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Irmgard Keun – Kind aller Länder

Hier ist ein Talent. Wenn die noch arbeitet, reist, eine große Liebe hinter sich und eine mittlere bei sich hat: aus dieser Frau kann einmal etwas werden.
Kurt Tucholsky in seiner Rezension zu Keuns Debüt “Gilgi – Eine von uns”

irmgard keun kind aller länderIrmgard Keun schickte sich tatsächlich an eine der bedeutensten Schriftstellerin Deutschlands zu werden. Nicht nur Tucho war Fan, sondern auch Alfred Döblin und, nicht unerheblich für ein junges Talent, die deutschen Käufer des Jahres 1931. Noch besser als ihr Debüt Gilgi – Eine von uns ging im folgenden Jahr Das kunstseidene Mädchen über den Ladentisch. Der Aufstieg wurde jäh gestoppt als die Nationalsozialisten Keuns Bücher als solche der schmeichelhaften Kategorie Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz verboten und beschlagnahmten.

Irmgard Keun versuchte wohl sich irgendwie zu arrangieren, doch als 1936 endgültig ihr Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer abgelehnt wurde, ging sie, wie viele andere vor ihr, ins Exil nach Ostende in Belgien und in die Niederlande. Ihre Freunde wurden unter anderem die Mitexilanten Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Stefan Zweig. Eine wilde Affäre verband sie mit Joseph Roth. Ihre Bücher erschienen jetzt bei dem Exilverlag Querido. Doch die Beziehung zu Roth zerbrach 1938 und 1940 ging sie, nachdem die Nazis die Niederlande besetzt hatten, zurück nach Deutschland und lebte dort im Untergrund.

Die Schriftstellerin Keun gab es nun fast nicht mehr. Zehn Jahre dauerte es nach ihrer Rückkehr bis wieder ein Roman von ihr erschien, der kaum beachtet wurde. Keun verlor sich im Alkohol und lebte in erbärmlichen Verhältnissen, wurde entmündigt und eingewiesen. (Fast) vergessen starb sie 1982 in Köln.

Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz

Das Potential, das Tucholsky sah und zweifelsohne vorhanden war, wurde nie völlig entfaltet. Damit diese Autorin aber ein bisschen der Vergessenheit entrissen wird, erscheinen inzwischen immer mal wieder neue Ausgaben der alten Werke. So auch vor kurzem Kind aller Länder. Dieser stark autobiographisch gefärbte Roman erzählt aus der Sicht des nie gezeugten Kindes von Keun und Roth das Leben im Exil, primär die Jagd des Vaters nach Geld und die Reisen in immer neue heilversprechende Orte oder solche erhofften Friedens.

Doch trotz der nicht uninteressanten Möglichkeit über die autobiographischen Bezüge in Leben und Werk der Autorin einzusteigen, eignet sich Kind aller Länder denkbar schlecht dafür sich dieser zu nähern, denn dieses ist schlicht kein besonders gutes Buch. Die Erzählstimme des Kindes Kully ist auf Dauer ermüdend (was ich nur schreibe, um nicht langweilig sagen zu müssen). Joseph Roth als fiktiver Vater wird nur “von hinten”, nämlich auf der ständigen Jagd nach Geld, gesehen und geistert über die ersten hundert Seiten mehr als stets abwesendes Phantom durch den Roman. Kully wiederum ist ständig auf der Suche nach Zuneigung, Aufmerksamkeit und Zerstreuung. Die kindlichen Reflexionen über die Mühsal des Exils mögen in ihrer Darstellung einer Zehnjährigen entsprechend und somit realistisch sein, dies führt allerdings damit auch zu einer Gedankenhöhe die über dieses Niveau nicht hinausgeht.

Kind aller Länder ist ein Zeitzeugnis und ein Puzzelstück im traurigen Leben der Autorin Irmgard Keun, aber losgelöst von diesem Faktum handelt es sich dabei nicht um lohnenswerte Lektüre. Eine denkbar schlechte Wahl für den Start einer Neuauflage wider das Vergessen dieser wichtigen Autorin und gerade deswegen ist zu hoffen, dass Kiepenheuer und Witsch die Reihe fortsetzt, um die wahren Schätze dieses Werkes zu heben.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
ISBN: 978-3-462-04897-1
Erschienen am: 18.02.2016
224 Seiten, gebunden

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Memento mori – Der verlachte Tod

Es gibt so viele lustige und weniger lustiger Sprüche in Bezug auf den Tod. Erstere, sowie die Inschriften ironischer Grabsteine und heiterer Nachrufe, von diesen liest man in Der verlachte Tod. Quer durch alle Epochen hat der Herausgeber Roger Shatulin gesammelt und man staunt wie schnell man sich in einer Zitatsammlung festlesen kann. In dieser Anthologie gibt es keine hilflosen Mutmachersprüche und sie ist kein Tröster nach tragischem Verlust, das Buch ist vielmehr eine Zeitreise durch zwei Jahrtausende und den ewigen Versuch der Menschheit mit dem Tod umzugehen. Nicht selten ist daraus große Literatur entstanden.

Sonnet 71 von William Shakespeare

Wenn ich gestorben, traure länger nicht
Als dumpfer Grabeglocken Trauerton
Der Welt von meinem Scheiden gibt Bericht,
Und daß zu armen Würmern ich entflohn.

Ja, liesest du dies Wort, vergiß die Hand,
Die’s niederschrieb; denn so sehr lieb’ ich dich,
Daß ich mich gern aus deinem Sinn verbannt’,
Empfändest du im Denken Leid um mich.

O kommt dir, ruf’ ich, dieser Vers ins Haus,
Lange vielleicht nach meines Leibs Vermodern,
Sprich meinen armen Namen selbst nicht aus,
Laß mit dem Leben Liebe gleich verlodern:

Sonst prüft die kluge Welt der Tränen Sinn,
Und höhnt dich um mich, wenn ich nicht mehr bin.

Roger Shatulin (Hrsg.)
Der verlachte Tod Heitere Grabinschriften, Nekrologe und Mementos
in schwarzen Samt gebundenes Buch
€ 19,95
ISBN: 978-3-7175-2392-5

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The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel

Der Freund des Kompendiums klassischer Literatur in immer neuen Zusammenstellungen kommt in dieser Saison nicht an der deutschen Ausgabe von The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel von Russ Kick vorbei. Das auf drei Bände angelegte Werk* versammelt im zweiten Band Literatur von Tristram Shandy über Jane Austen bis Dorian Gray**.

Der Galiani Verlag hat einige Beiträge der englischen Ausgabe durch speziell angefertigte getauscht. Das Übergehen Goethes Faust käme der Gotteslästerung gleich, ein Fehler wäre es in diesem Zusammenhang erst recht gewesen die berühmte Bearbeitung von Flix nicht aufzunehmen. (Die mag ich zwar nicht besonders, trotzdem hat sie Maßstäbe im Umgang mit klassischen Texten gesetzt.) Aufzunehmen war ebenso nach Ansicht Wolfgang Hörners, der die Edition betreut hat, ebenso E.T.A. Hoffmann und Georg Büchner. Dass Schiller und wer nicht alles fehlt? – ein solches Werk kommt nicht ohne Auslassungen und Unfairness aus. Abweichend von der englischen Ausgabe startet die vorliegende auch mit Tristram Shandy, nicht mit dem in Deutschland relativ unbekannten Kubla Khan. Warum nicht mit Don Quijote, von dem es bereits eine Graphic Novel Adaption gibt und der ebenso wie Tristram*** den Beginn des modernen Romans darstellt? – Dann müsst ihr eure eigene Anthologie veröffentlichen!

Der Band versammelt Adaptionen von Poes Raben, Dickens’ Oliver Twist, Frankenstein von Mary Shelly, Anna Karenina, Verbrechen und Strafe, Also sprach Zarathustra, Dr. Jekyll und Mr. Hide, Moby-Dick und vielen anderen mehr. Die Umsetzungen sind so vielgestaltig wie die Vorlagen selbst. Verspielt (Oliver Twist) und minimalistisch (Walden), üppig und verstörend (Jerusalem: The Emanation of the Giant Albion), mit einem einzigen Holzschnitt auskommend (Hänsel und Gretel), modern-gargoylesk (Frankenstein) und in jeder nur denkbaren Spielart. Selbstverständlich kann daher nicht jede Version den persönlichen Geschack treffen und dies kann  gar nicht Ziel eines solchen Projekts sein. Vielmehr wird ein Querschnitt der Rezeption von Weltliteratur durch sequenzielle Kunst gezeigt.

Die Unwucht des Werks in Bezug auf Literatur des englischen Sprachraums, ist für den deutschen Leser zumutbar. Durch die Einleitungstexte wird man so auf bisher Unbekanntes stoßen, die Zumutung wird so zur Bereicherung.

Notabene: Das Buch enthält natürlich nicht den kompletten Faust von Flix und den gesamten Whitman Lyrikbestand. Es handelt sich eher um repräsentative Ausschnitte oder wahnwitzige, einseitige Zusammenfassungen (z.B. von Rattelschneck, der den Hessischen Landboten auf eine Seite eindampft, um auf einer zweiten noch einen Seitenhieb auf den veröffentlichenden Verlag unterzubringen). Es wird aber ebneso vorgeführt, dass man einen Briefwechsel in eine Graphic Novel konvertieren kann (Briefe an George Sand von Gustave Flaubert).

Am besten, obwohl die Wahl wirklich schwer fällt, hat mir die Moby-Dick Version von Matt Kish, der auch Herz der Finsternis bearbeitet hat, gefallen. Und weil ich ein fürchterlich netter Kerl bin, der artig und höflich bei Galiani angefragt hat, gibt es hiervon noch einen Haufen Bilder für geneigte Leser und Betrachter (kleiner Haufen, auf der Seite von Matt gibt es alle Bilder).


*In Amerika sind bereits alle drei Bände erschienen.

**Den Untertitel monierte meine Madame Jane Austen nicht in die Mitte der Reihe literarischer Figuren passt. Ich bin da nicht so streng.

***Tristram Shandy zählt übrigens zum Anfangsbestand der 54 und ist inzwischen in einer erschwinglichen Ausgabe (günstiger geht bei diesem Werk wirklich nicht, man vergleiche den Markt!) in neuer Übersetzung ebenfalls bei Galiani erschienen. [Nachtrag: tatsächlich ist eine Don Quijote Adaption im ersten Band enthalten, worauf mich der Verlag freundlicherweise hingewiesen hat]

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