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Kategorie: Gedichte

Glanz und Schatten – Michael Fehr

michael fehr glanz und schattenMit Erzählungen ist der schmale Band des Schweizer Verlages Der gesunde Menschenversand untertitelt. Beim Durchblättern fällt aber sofort der Satzspiegel ins Auge, der vielmehr Gedichte als Erzählungen vermuten lässt, tatsächlich sind die Texte wohl beides. Michael Fehr sieht so schlecht, dass er nicht schreibt, sondern spricht. Seine Lesungen sind dementsprechend eindrückliche Ereignisse, bei denen ein geheimnisvoller Mann mit geschlossenen Augen, zerbrechlich und in sich versunken, mit Kopfhörern seine Texte vor dem Rezitieren nachhört, sie also sich selbst nachspricht.

Der berühmteste Lyrik-Spruch, Musst Du laut lesen, sollte hier unbedingt einmal ausprobiert werden, bevor man dem dies Sagenden vor das Schienbein tritt. Michael Fehr arbeitet vor allem mit Wiederholungen, Variationen und die Parallele zur Fuge – vgl. Todesfuge von Celan – ist offensichtlich und glänzend umgesetzt. Seine Erzählungen daher viel poetischer, wirkmächtiger, eindringlicher als normale Prosa. Inhaltich sind sie meist eine Mischung aus Parabel und Fabel, Tiere sprechen, Menschen sind und bleiben allein oder fallen nach einem scheinbar rauschhaft-erfolgreichem Leben auf sich selbst zurück.

Die Kunst Fehrs ist selbstverständlich nicht unbeachtet geblieben, beim Bachmannpreis gewann er 2014 den Kelag-Preis, zweimal bereits den Literaturpreis des Kantons Bern. Weil aber seine Texte Aufmerksamkeit und Geduld erfordern, die die Wenigsten aufzubringen bereit sind, fliegt er trotzdem in Deutschland unter dem Radar. Wer jedoch Lust auf Kunst mit Sprache und Kunst aus Sprache hat, sollte zu Glanz und Schatten greifen und erleben was in der deutschsprachigen Literatur geschieht und mit der deutschen Sprache möglich ist.

“Er redet glänzend”
reden die Leute und schwatzen
“Ich sehe mies”
redet er zwischen sie hinein
“Er redet gut”
reden die Leute
strecken ihm glänzenden Fisch hin

In die Arbeitsweise Michael Fehrs führt das folgende Video ein. Sollte man die Gelegenheit haben eine Lesung von ihm in der Nähe veranstaltet zu wissen, sollte diese auch besucht werden. Schwizerdütsch sollte man sowieso viel mehr hören.

Zur Rezension von Jochen Kienbaum zu Michael Fehrs Krimi Simeliberg hier entlang.

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Kate Tempest, Kurt Drawert, E.E. Cummings und Ann Cotten

Das Rezensieren von Gedichtbänden fällt nicht immer leicht. Doch zu diesen vier in letzter Zeit gelesenen, Neuerscheinungen und einem Klassiker, sollen einige Worte des Lobes und der Kritik verloren werden.

Verbannt! – Ann Cotten – Versepos

ann cotten verbannt versepos suhrkampAnn Cotten ist ein sehr verschlossener Mensch, in Interviews durchaus sperrig, mit verschränkten Armen, gib sie gelangweilte Antworten. Diese rätselhafte Frau hat ein Versepos geschrieben, das als genaues Gegenteil daherkommt.

Eine in Ungnade gefallene Fernsehmoderatorin wird auf eine einsame Insel verbannt, ausgerüstet nur mit einem Messer, einem Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910. Auf dieser Insel wohnen bereits 25 Matrosen in einer merkwürdigen Gesellschaftsform, einer Schraubenreligion anhängend und ständig Druckerzeugnisse produzierend. Im Interview mit der Welt sagte Paul Jandl man könne in Verbannt “ganz trivialen Spuren folgen oder die Sache sehr hoch hängen” und das trifft den Kern dieses wunderbaren Epos. Cotten ist zwar eine unterhaltsame, ja lustige Erzählerin, doch die zwischen Uto- und Dystopie schwankende Geschichte enthält viel Zündstoff: wie funktioniert eine Gesellschaft, welchen Stellenwert hat Religion oder das Internet und natürlich die ewige Frage nach dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Gekrönt wird dieses Epos in Pseudo-Spenserstophen durch die Illustrationen der Autorin.

Dem allen zuliebe wird der folgende Sang recht lang,
Und wie es sich für einen Stripteaser gehört,
zieh ich mir für den Anfang recht viele Klamotten an,
die meine Seele im Laufe der Handlung verlieren wird,
während sie sich auf allerlei reizende Weise drin verirrt.
Hören Sie also die entsetzliche Ballade
vom sibirischen Unglück eines ganz modernen,
delirösen, inadäquaten Herrn Maquis de Sade,
in Fraungestalt. Und man kann außerdem viel lernen.

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E.E. Cummings – Poems – Gedichte

e.e. cummings gedichteEdward Estlin Cummings war der Meinung seine Lyrik sei nicht für “mostpeople” (EEC zieht gerne einzelne Worte zu einem zusammen) und lag damit sicher richtig. Denn viele seiner Gedichte bestehen aus typographischen Spielereien, die nicht für den Gelegenheitsleser geeignet sind, diesen möglicherweise nicht nur langweilen, sondern ärgern. Die in der C.H. Beck Reihe textura erschienene Sammlung in der Übersetzung von Eva Hesse stellt daher eine schöne Ausgabe für Starter dar, denn hier sind einige der schönsten Cummings Gedichte versammelt (humanity i love you, o sweet spontaneus oder love is more thicker than forget) und doch Raum für einige wenige seiner “Form”-Gedichte. Eva Hesse schreibt im Nachwort

Obwohl sich viele von Cummings’ Gedichten infolge von derlei formalistischen Tricks in einer gewissen leeren Eleganz verlieren, finden wir andererseits bei ihm eine respektable Anzahl immergrüner Gedichte, die das Schaffen der mesiten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten stellen. Diese Gedichte gehören fraglich zu den besten lyrischen Texten des Jahrhunderts – Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

und liegt damit richtig, mit ihrer etwas angestaubten Übersetzung, dagegen nicht immer.

Kate Tempest – Hold Your Own – Gedichte

kate tempest hold your own suhrkampOh, was ist Kate Tempest ein Star! Eine Rapperin, eine Poetry Slammerin, eine Lyrikerin, nein nun sogar eine Romanschriftstellerin. Die Übergänge sind freilich fließend, aber das merkt man im Feuilleton nicht, denn Rapper dichten sonst nur über Verbrechen und das sehr plump. Nun schlägt aber ein “literarischer Meteorit” ein (Wiebke Porombka in der Zeit) und alle sind vezückt. Und dies natürlich nicht zu Unrecht, denn Kate Tempest ist eine kluge junge Frau, die bereits zu Beginn, und immer wieder im Verlauf des Bandes das Thema aufnehmend, die Sage des blinden Sehers Teiresias, dem Bildungsbürger von Homer, Aischylos, Sophokles, Euripdes und Bodo Wartke bekannt, in eine moderne Fassung bringt. Aber nicht nur diese Referenz, sondern auch Gedichte wie These things I know, Fine, thanks oder Ballad of a hero (unten als War Music) lassen eine bereits reife Dichterin erkennen. Auch wenn letzteres in seiner Tendenz zum ex-soldatischen Anti-Kriegs-Kitsch mehr an Rise against als an Antigone erinnern.

Leider auch für diese Ausgabe gilt, dass die Übersetzung mit der Vorlage nicht ganz Schritt halten kann – dem Leser in einer zweisprachigen Ausgabe immer wieder vor Augen gehalten.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go
unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and
ache in your guts. Let them make everything tighten and
shine.

Poetry trembles alone, only picked up to be taken apart.

 

Kurt Drawert – Der Körper meiner Zeit – Gedicht

kurt drawert der körper meiner zeit gedichtKurt Drawert schätze ich sehr aber mit Der Körper meiner Zeit habe ich große Probleme. Es ist ein Langgedicht in fünf Teilen, “eine fortlaufende lyrische Bewegung markierend, die die Jahreszeiten, bestimmte Orte und Themen miteinander verknüpft, das Begehren, die Liebe, das Nichts und den Tod”, sagen zumindest Verlag und Autor. Sicher ist es das auch, aber ich verstehe es nicht. Und zugegeben ermüdet es mich daher etwas. Ich finde die sprachlichen Perlen Drawerts durchaus, aber irgendwie zerwabert mir alles zu sehr, um es genießen zu können. Auch wenn mein Hausgott Fritzchen angesichts Der Körper meiner Zeit noch lobte Drawert sei es gelungen, “in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück,” so greife ich doch lieber zu einem der drei Obengenannten. Meiner Hochachtung für Drawert tut dies keinen Abbruch, aber Der Körper meiner Zeit ist nicht meins.

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Sylvia Plath – Die Tagebücher

Wird auch oft gesucht: Emily Dickinson – Virgina Woolf

Grave of Sylvia Plath
Das Grab Sylvia Plaths in
Heptonstall, West Yorkshire
© Mark Anderson
CC BY-SA 2.0

Legendäre Lyrikerin und ebenso legendäre Selbstmörderin, der Name Sylvia Plath ist untrennbar mit beiden Attributen verbunden. Es kann daher keinen Text über sie geben, der beides nicht zumindest streift. Aus diesem Grund beginnt Elisabeth Bronfen ihre Studie über Plath mit der Kontroverse, ein eigentlich zu harmloses Wort für etwas, das der deutsche Jurist Störung der Totenruhe nennt (§ 168 Abs. 2 StGB), um das Grab der Dichterin*. Immer wieder wurde der Grabstein beschädigt. Die Nachkommen ließen diesen daher entfernen, doch ein anonymes Grab, das steht außer Frage, genügt nicht einer Frau, die ein solches Werk geschaffen hat, die solchen Einfluss auf die Literatur nach ihr nahm.

Der Streit, um den auf dem Grabstein stehenden Ehenamen Plaths (Hughes), lag auch daran wie Ted Hughes mit dem Erbe seiner Frau umging und wie der Feminismus Sylvia sehen will. Hughes, selbst Schriftsteller, doch bald vom posthumen Ruhm der verblichenen Frau überflügelt, war kein fürsorglicher Nachlassverwalter, sondern, so warfen ihm nicht nur die Jünger auch neutralere Außenstehende vor, vorrangig auf Schonung der eigenen Familie und Vermehrung des pekunären Erbes, als auf Förderung des Nachruhms und Heil für die Literatur(geschichte) aus. Ersteres möchte man ihm (fast) nachsehen, waren die Kinder beim Selbstmord der Mutter nebenan, nur durch nasse Handtücher, mit denen sie die Fugen der Küchentür vor Aufdrehen des Gashans abgedichtet hatte, vom eigenen Erstickungstod getrennt. Nicholas, damals erst ein Jahr alt, nahm sich fast fünfundvierzig Jahre später ebenfalls das Leben. Spätwirkungen durch den Tod der Mutter kann man zwar nicht sicher annehmen, der auf der Familie liegende Schatten dagegen ist offensichtlich. Hughes Vorsicht daher verständlich.

sylvia plath tagebücher diary diariesLetzteres ist dagegen unverzeihlich. Ted Hughes hat große Teile des Tagebuchs verbrannt, statt sie nur unter Verschluss zu halten, eine Band angeblich verloren, in vorherigen Ausgaben rigide zensiert. Die 1997 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienene Fassung  ist aller Voraussicht nach die umfassendste Version, die noch zu erwarten ist. Denn auch nach Hughes Tod 1998 sind keine weiteren Streichungen, Auslassungen oder gar Teile wieder aufgetaucht, die angeblich verbrannten Hefte, anscheinend wirklich in Flammen aufgegangen, die verlorenen, verloren**.

Doch auch die vielen Auslassungen im vorliegenden Band können die Lektüre des fast funfhundert Seiten starken Diariums nicht weniger interessant machen. Auslassungen, die in Sorge für die vorgenommen wurden, die ihr Leben als Person in diesem Drama noch zu Ende leben müssen, so die Herausgeberin Frances McCullough. Auch wurden einige bösartige Spitzen – Plath hatte eine sehr scharfe Zunge und zwar so gut wie allen gegenüber – und Kürzungen ihrer ziemlich ausgeprägten Erotik wegen vorgenommen.

Die Aufzeichnungen setzen 1950, Plath ist 18, ein und enden 1962. Sie sind reich, üppig, voller Verlangen nach Lebendigkeit, voller hoher Erwartungen, schreibt die Übersetzerin Alissa Walser ganz richtig. Doch sie sind der Steinbruch, aus dem Plath für ihr gesamtes Werk schöpfte. Das Panoptikum eines Lebens, in dem alles dieses Ausmachende zu sehen ist: Der Schmerz und das Genie, Hoffnung und Depression, der Kampf um Anerkennung als Frau, wie als Schriftstellerin; der Lebenskonflikt einer jungen, intellektuell ambitionierten Frau in den Zwängen der 50er Jahre, in den Zwängen einer Ehe mit einem teils übermächtigen, beherrschenden Mann, in den Zwängen des Hausfrauen- und Mutterdaseins. Und bei der Lektüre wird immer wieder deutlich, warum Plath später zu einer Ikone des Feminismus wurde, nicht nur weil sie um Respekt für ihr Schaffen und ihre Rolle als Frau kämpfte, sondern eben auch weil sie daran zerbrach. Die Tragik ihres Schicksals und das Wissen um das Ende ihres Lebens machen die Lektüre besonders eindrücklich. Es ist die starke Stimme, einer immer wieder schwachen, aber nicht aufgebenden Frau, die schlussendlich zerrieben wird zwischen den eigenen Ambitionen, ihrem Genie und den Beschränkungen als Frau ihrer Zeit.

elisabeth bronfen sylvia plath coverSekundärlektüre ist nicht zwingend notwendig, um die Tagebücher zu verstehen, insbesondere da diese mit einführenden und erläuternden Worten der Herausgeberin versehen sind, doch will man die Welt Plaths erschließen, möchte man tiefer gehen, und das sollte man, nimmt man sich fünfhundert Seiten Innenleben vor, ist der Band von Elisabeth Bronfen, ebenfalls bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, unerlässlich. Nicht immer publikumsnah geschrieben, aber tiefschürfend und nach kurzer Eingewöhnungszeit unterhaltsam, da sehr klug udn genau, setzt Bronfen sich mit dem Plath-Mythos, Sylvias autobiographischen Schriften, der Dichtung und ihrer Prosa auseinander.

Ted Hughes verabschiedete sich kurz vor seinem Tod übrigens mit dem Gedichtband Birthday Letters von seiner Frau, damals eine literarische Sensation. Zur Versöhnung mit allen Jüngern Plaths konnte dies nicht mehr führen, aber in Zusammenhang mit der Gesamtausgabe der Tagebücher, das musste man dem Mann zugestehen, die Gemeinde hatte ihn zu Unrecht verdammt. Sein Leben an der Seite Sylvias war alles andere als leicht, so Michael Maar.

Zur Lyrik wird an dieser Stelle ein zweiter Teil in Bälde folgen.

* Der Grabstein steht wieder, wie man sieht. Jäten müsste man aber mal. Stänkern und Namen ausmeißeln können immer alle, aber ein bisschen Unkraut zupfen ist dann zuviel.
** 2000 erschien eine weitere Ausgabe der Tagebücher, herausgegeben von Karen Kukil, The Unabridged Journals of Sylvia Plath, die allerdings nicht ins Deutsche übertragen wurden, in dieser sind lediglich einige Namen abgekürzt und insgesamt nur zwölf Sätze gestrichen.

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Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können

I don’t have meaningful relationships
I don’t have romantic relationships
I read a lot of depressing books

Ohne Vorwissen lese ich diese Gedichte. Unvoreingenommen, unbeeinflusst von einem Hype, den es um die Autorin Mira Gonzalez angeblich gibt. Fast plump, dabei ist es wohl das Gegenteil, habe ich mir das Buch aufgrund des träumerisch, selbstmitleidigem Titels Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können bestellt und zuerst nur sacht hineingelesen.

Gonzales_24940_MR1.inddIn einer auffälligen Ich-Bezogenheit schreibt die junge Autorin Gonzalez über Drogen, Sex, Pornos und Parties. Immer wieder wird die eigene Verletzlichkeit analysiert und beschworen, dazu werden mantraartig eigene Schwächen betont und herausgearbeitet. Klingt alles sehr bekannt. Das Beklagen über den immer wiederkehrenden Egozentrismus der jungen Autoren ändert aber deren Schreiben nicht. Man sollte lieber akzeptieren, dass eine solche Strömung momentan die Hauptströmung, vulgo der Mainstream, der Literatur von, man entschuldige, aber so ist der Eindruck, hauptsächlich jungen Autorinnen ist.

Zwischen den Gedichten befinden sich viele, die nicht so zu zünden vermögen wie etwa Ohne Titel 5

I am looking at people who are dancing and touching each other
I am drinking vodka with ice and feeling incredibly fucked
I wonder if anyone feels more lonely now than they felt an hour ago
when they were alone in their rooms looking at things on the internet

sondern vielmehr nur eine Variation der selben, plattgetretenen Tweets der Internetpeople sein könnten.

Doch immer wieder lauern in den Zeilen, zwischen Sex und Mira selbst und Drogen, kleine Schönheiten der Beobachtungsgabe, die eben doch, gegen alles Unken, den Zeitgeist sehr genau treffen und einen Einblick in die große und kleine bis zur 2-Mann/Frau-Gesellschaft geben. Manche Gedichte stechen auf diese Weise an dem Meer der Einheitsliteratur intelligenter, junger Frauen heraus, wie Gonzalez‘ Stephen in dem Gedicht Weltlicher Humanist, der sich wie ein Sandkorn fühlt, aber doch ein (wenn auch, Anm. d. Verf.) sehr kleines Stück Muschelschale von einer Muschel, die vor 10 Jahren gestorben ist. Liest man intensiv, muss man die Redundanzen überblättern, kann aber große Freude mit und an Mira haben, außerdem sind immer mal wieder diese winzigen Muschelstücke zu finden. Schon der Titel der Sammlung ist in seiner Schönheit fast allein die 16,90 € wert.

Die Veröffentlichung im Hanser Verlag scheint eine Bestätigung des neuen, eigenen Anspruchs, der mit Jo Lendle einzogen ist. Ob aber Mira Gonzalez wirklich der „Star der jungen amerikanischen Literaturszene“ ist, als der sie im Klappentext propagiert wird, muss sich erst noch herausstellen. Das Potenzial ist aber erkennbar.

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Donnerlittchen!

SONY DSCPoetry Slams sind etwas für Nerds, Lyrik was für Lehrer, Redensarten für Oma. Daher zog der Slammer Lars Ruppel aus mit „Holger, die Waldfee“ zehn Redensarten in moderne Lyrik zu verwandeln: Der mit einem Feenfluch belegte alte Schwede, der durch Zufall heiliggesprochene Strohsack oder der entlassene Herr Specht, alle Gedichte Ruppels so ironisch sie erst gezeichnet zu seien scheinen, enthalten nicht nur Humor, sondern immer auch eine Moral. Doch kein Zeigefinger vermittelt diese, sondern ein Augenzwinkern und so wird auch das letzte Bisschen Bänkelsängertum, das Format und Vorhaben anhaften könnten, von Ruppel egalisiert. Schöner kann man nicht belehrt, besser nicht unterhalten werden. Dieser Dichter reimt nicht für die Bütte, ist vielmehr lustig ohne sich anzubiedern und klug ohne Schlaumeierei.

Sie mögen keine Nerds, Lehrer oder Redensarten? Lesen Sie Ruppel! Sie mögen keine Lyrik? Der Deutsche Meister im Poetry Slam wird Sie zu ihrem und seinem Jünger machen!

[Diese Rezension erschien im BÜCHERmagazin 2.2015]

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Verstand und Kürzungen

Zweimal habe ich meinen Einsatz für die sonntägliche Lyrik erst verpasst, 64 Einträge hat diese Kategorie gesammelt und (zumindest mich) einmal wöchentlich in Berührung mit schönen, großen und erschütternden Gedichten gebracht. Trotzdem fällt es mir manchmal nicht leicht Neues für jeden Sonntag zu finden, Copyright-Probleme mit lebenden oder erst kürzlich (vor weniger als 70 Jahren) verstorbenen Autoren grenzen die Auswahl zudem etwas ein. Daher wird es die Lyrik Abteilung ab sofort nur noch in veränderter Form geben: Nicht der Ablauf einer Zeitspanne, sondern meine persönliche Begeisterung für ein Gedicht soll der Grund für dessen Veröffentlichung hier sein.

Besonderes Schmankerl anlässlich dieser Änderung und auch (mit) Anstoß hierfür ist meine kürzliche Lektüre der Gedichte Helmut Kraussers Verstand & Kürzungen, aus denen ich mit freundlicher Genehmigung des DuMont Verlages einzelne Gedichte an dieser Stelle veröffentlichen darf.

Verstand & Kürzungen ist als Lyrik Band derart ausgewogen und gelungen, dass ich ihn schon mehrmals von vorne nach hinten durchgearbeitet oder spontan aufgeschlagen habe. Das Buch versammelt zwei grandiose Tiergedichte in einer U-12-Abteilung, neue und “Bonus”-Gedichte Kraussers, hat eine eigene Ü-18-Abteilung mit Schmuddel, Coverversionen bekannter Gedichte und Neuübersetzungen Kraussers von den seiner Meinung nach 33 besten Shakespeare Sonetten.

Der Ü-18-Abteilung ist eine Warnung vorangestellt – Die folgenden Gedichte können Gefühle nicht nur verletzen, sondern auch verursachen. – und dies sagt fast alles was man über Kraussers Lyrik wissen muss. Sie kratzt und beißt, ist unbequem und schamerfüllend, abstoßend und anziehend zugleich, keines dieser Gedichte, und das gilt für den gesamten Band, wird man gleichgültig konsumieren. Wer hier nicht voll Verzücken oder Abscheu zu schreien beginnt, hat keine Gefühle, die man verletzen könnte, welche hervorzurufen scheint ebenso unmöglich.

Grandios ist schon der Krausser, welcher durch seine Lyrik spricht, in den Erläuterungen seiner Cover-Versionen oder in der Vorbemerkung der Sonette richtet er sich direkt an den Leser und entstaubt erfrischend Klassiker, entfernt was nicht wert ist bewahrt zu werden und stellt heraus was grandios dem Dichtergenie gelang. Mit Respekt, aber nicht ohne fundierte (beißende) Kritik, wird ein jeder behandelt, auch Shakespeare oder was der Leser heute aus ihm macht.

Diese Sonette erschienen zuvor im Berliner
Hochroth-Verlag in drei schmalen Bändchen,
die weiterhin dort bestellt werden können –
es ist eine der schönsten Editionsformen,
die ich kenne. Warum ich nur 33 der 154
Sonette übersetzt habe? Ich habe alle übersetzt,
die ich gut fand. Mehr fand ich eben nicht.
Proportional ähnlich geht es mir mit seinen
Stücken, und die christushafte, völlig unkritische
Verehrung, die ihm in letzter Zeit wieder
zuteil wird, geht mir ziemlich auf den Zeiger.
Mehr noch nerven aber die vielen Plapperer,
die von nichts ‘ne Ahnung haben, kaum Englisch
können, schon gar kein elisabethanisches
Englisch, aber als allererstes (und immer so
gönnerhaft und kennerisch) fallenlassen,
daß an die Originale halt doch nichts rankäme.

Allein die Idee die Vorbemerkungen wie die folgenden Sonette zu setzen ist zwar nur eine kleine Idee, aber bereits ein deutliches Zeichen für die Lust, mit der Krausser an und mit Texten spielt. Welche noch deutlicher wird, wenn er sich den Cover-Versionen widmet, in diesen geht es nicht, wenigstens in den meisten Fällen, um Verbesserungen. Krausser interessiert sich “schlicht”, was er aus diesem oder jenem Einfall gemacht hätte – hätte er ihn gehabt. Seine Auswahl reicht von Ovid, Rilke, Brecht und Hölderlin, über William Blake, Goethe und Benn, zu Heine und Nietzsche. Vor allem aus diesen Cover-Versionen werden in nächster Zeit einige, mit der Gegenüberstellung des Originals, hier erscheinen. Ich freue mich sehr dies mit euch teilen zu können und kann jeden, aber auch jeden Lyrikmuffel, nur ermuntern dieses Buch zu kaufen, noch nie wurde man so einzigartig zur Liebe zu einer Gattung bekehrt.

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Das Leben als Champignon braucht viel Zeit

IMG_20140430_104900Wie bespricht man einen Gedichtband? Im Notfall, denke ich bei mir, kann ich das ausgefallene, wirklich gelungene, Design des Buches loben und mich so aus der Affäre einer Besprechung ziehen. Denn genau dieses hat mich auf den Gedichtband Gestalt des letzten Ufers von Michel Houellebecq neugierig gemacht. Dieser, immer wieder, Skandalautor ist mir als großer zeitgenössischer Autor Frankreichs wohl bekannt, gelesen habe ich ihn nur noch nicht. Durch die Verfilmung von Elementarteilchen, wenn nicht abgeschreckt, doch zumindest sensibilisiert, reagierte ich in Unwissenheit immer mit latenter Ablehnung auf das Ouevre. Doch gibt es in meinem näheren Bekanntenkreis zumindest zwei Freunde (u.a.), die mir immer wieder Houellebecq Lektüre ans Herz legen. Mit diesem Band schlage ich jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe: Gedichte sind kurz, ich habe danach einen Houellebecq gelesen und bei Missfallen oder falls ich nichts zu sagen weiß, kann ich den Kopf mit dem Designtrick aus der Rezensionsschlinge ziehen. Schnell gelesen, einfach rezensiert.

Was wie blauer Buchschnitt scheint, ist ein Teil des eingeklappten Klappentextes. Vom schwarzen Einband heben sich blaumetallisch Titel und Autor ab. Allein die Idee dieser Klappe schafft es mich bei jedem Öffnen des Buches zu begeistern. Eine scheinbar so einfache, verspielte Idee, die auf mich durchaus Eindruck zu machen weiß. Soviel nur zum Design, wir müssen über anderes reden!

Die Sprache erscheint mir zunächst etwas holprig. Am denkbar Weitesten davon entfernt die französische Sprache zu sprechen, erkenne ich in der zweisprachigen Ausgabe doch, dass die Übertragung des Sprachflusses merklich Schwierigkeiten bereitet, kaum können auch die Reime Houellebecqs hinübergerettet werden, die Zeilen werden teilweise sehr sperrig. Die ersten Gedichte rauschen komplett an mir vorbei, ich könnte nach zwei Minuten nicht mehr sagen, was ich gerade noch las. Doch dann gleitet mein Blick immer wieder auf die linke, die französische, Seite und ich versuche ein wenig des Originals zu verstehen und gleiche dann mit der rechten, deutschen, Seite ab. Dann lese ich den Text laut, sicher sehr falsch vor, doch mein radegebrechtes* Et que je dorme un peu, wird von meiner Freundin aus dem Off tatsächlich als als Irgendwas mit ein bisschen schlafen erkannt. Ich muss aufstehen und mir Klebezettel besorgen.

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Peu á peu, wie wir Franzosen sagen, klebe ich das Buch voll. Auf einmal kann ich in jedem noch so kurzen Vierzeiler eine Sentenz entdecken, die mich entzückt. Erst widert der Zyklus mémoires d’une bite mich an. Denn auch wenn ich selbst dazu neige mich flappsig, teilweise sogar vulgär zu auszudrücken, kann ich mit Lyrik, die mich mit “Die Männer wollen alle nur den Schwanz** // gelutscht bekommen” vor den Kopf stößt nichts anfangen. Doch gerade die Gedichte dieses Kapitels finde ich inzwischen besonders gelungen. Ich war angewidert, jetzt bin ich begeistert. Häßliche Menschen mit kleinen Schweinsgesichtern im Supermarkt der Körper oder im Zug von Stuttgart nach Zürich. Das Apophthegma unserer heutigen Welt, der moderne Mensch (oder Mann?), respektive Westeuropäer in nuce: Einsamkeit, Angst vor dem Tod, Sex und die Suche nach einem Menschen, der uns versteht. Michel Houellebecq spielt mit der Form des Textes, zieht sprachlich und gestalterisch Zeilen in die Länge und erzeugt trotz geraffter Sprache viel größere Räume als sonst ein einzelner Satz vermag. Auf der nächsten Seite zerreißt er diese im Staccato wieder. Houellebecq fragt und klagt an, er zeigt Probleme auf und gibt doch zu sie selbst nicht lösen zu können. Alle seine Gedichte bringen den Leser dazu darüber nachzudenken wie viel des Beschriebenen im eigenen Leben, in der eigenen Person zu finden ist.

Isolement – Abschottung erzeugt in nur vier kurzen Stophen genau dieses Gefühl, die acht Zeilen über einen Friedshofbesuch, nein allein die letzten vier, könnten mich, auf dem falschen Fuß erwischt, zum Weinen bringen. Unweigerlich schafft es dieser Sprachkünstler, dass man fröstelt und sich fürchtet. Nicht wie bei einem Horrorfilm oder einer Spukgeschichte, er rüttelt vielmehr an den Urängsten eines jeden, statt nur Possen zu spielen. Fast will man ihn sich zynisch lachend über das Schicksal der anderen vorstellen und sieht ihn dann doch ebenso hilflos diesem großen Nichts gegenüberstehen. Vielleicht will er uns sogar ein bisschen an die Hand, die Angst, nehmen. Kein Kitsch, knallharte Realität, die einem nie vorher so sehr ans Nervenkostüm ging.

Houellebecq schreibt in einem der Gedichte (Je m’excuse pour cette rime bien plate). – (Das reimt sich nicht so gut, pardon). – diese Gedichte brauchen keine Reime und ich keine Exitstrategie um diesen Band zu besprechen: Genau so stelle ich mir moderne Lyrik vor! (In einem schönen Buch.) Selten haben mich Gedichte derart berührt.

*Im Ernst, ich hab das im Duden nachgesehen: “Obwohl radebrechen vom unregelmäßig gebeugten Verb brechen abgeleitet ist, wird es dennoch regelmäßig gebeugt.”
** Abgesehen davon, dass es wohl bis zur Auslöschung der deutschen Sprache kein Wort für das männliche Geschlecht geben wird, bei dem man sich nicht wahlweise schämen und/oder schütteln muss. Vielleicht mal das Thema für eine germanistische oder literaturwissenschaftliche Dissertation, für deren Zweitbegutachtung ich mich an dieser Stelle selbst empfehlen möchte.

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“Dies ist die übelste Übersetzung von allen…”

wastelandVor der ersten meiner beiden Reisen nach Paris im letzten Jahr erwarb ich T.S. Eliots The Waste Land in einer zweisprachigen Ausgabe von Suhrkamp. 16,80 € für ein 15 Seiten langes Gedicht in einem Pappedeckelbüchlein ohne Schnickschnack erscheinen auf den ersten Blick recht happig. Im Überschwang des Konsumrausches und der erhebenden Vision bald in einem Café in Paris zu sitzen und eines der bedeutensten Gedichte des 20. Jahrhunderts zu lesen, in dieser Situation also irgendwie zu rechtfertigen.

Vor Ort war jedoch wenig Zeit für gedankenverlorene Lektüre und auch zu Hause fand ich im letzten Jahr nicht die Muße und Geduld, die es meiner Meinung nach bedürfe (und bedarf). Nun aber habe ich mich in Thematik, Umstände und das Leben des Autors eingelesen, weiß, dass Ezra Pound als Lektor fungierte, Thomas Stearns Eliot vorher einen Nervenzusammenbruch erlitt und es eine iPhone App zum Werk gibt.

Die Kunst des Übersetzens von Romanen und TV-Serien wurde an anderer Stelle bereits behandelt (allgemein und Übersetzungsvergleich von Moby Dick) und wieder könnte ich die Worte Michael Krügers voranstellen, der sagte:

Was man in einer Übersetzung liest, ist natürlich nicht die Sprache des Originals, sondern die Sprache des Übersetzers.

Vorweg möchte ich aber auch schicken, dass ich kein ausgewiesener, nicht mal behaupteter Fachmann für Lyrik bin, auch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass die Übersetzung eines Gedichts noch schwerer als die von Prosa ist. Duktus und Metrik sollen bestmöglichst auch in die andere Sprache hinübergerettet werden. Vielleicht bin ich vom Lateinunterricht zu sehr geprägt, der zumeist eine wörtliche Übersetzung forderte, aber mit der vorliegenden Version Norbert Hummelt bin ich nicht einverstanden. Grundsätzlich bin ich aber bereit mich in sämtlichen Vorwürfen eines besseren belehren zu lassen!

April is the cruellest month, […] – April ist der übelste Monat von allen […]

S. 8/9

Bereits der berühmte Anfang von The Waste Land wird meiner Meinung nach entstellt. Wozu dieses “von allen”? Es ist nicht im Ansatz aus dem Original herauszulesen, bringt den Text kein Stück weiter, es ist an dieser Stelle unnötig und falsch – es ist dazugedichtet.

Speak to me. Why do you never speak. Speak.
Sprich mit mir. Warum sprichst du nie. Los, sprich.
S. 16/17

Eindringlich wird der Angesprochene aufgefordert sich doch endlich zu äußern, das “los” verstärkt das Insistieren, es entspricht sicher der Stimmung des Sprechers. Warum nicht also die Intension durch ein Ausrufezeichen (“Sprich!”) ausdrücken oder ein “endlich” anhängen (Sprich, endlich.) – ganz einfach, weil es nicht im Original vorhanden ist, weil es zu sehr verändert, eine Interpretation vorwegnimmt.

“Are you alive, or not? Is there nothing in your head?”
But
O O O O that Shakespeherian Rag

“Lebst du noch, oder nicht? Hast du nichts im Kopf?”
O
No No No No Shakespeare hat den Groove
S. 16/17

“But” heißt doch “aber” und nicht “O”; “O” heißt doch “O” und nicht “No”; “No” doch eigentlich wieder “nein”. Außerdem steht dort nicht, dass Shakespeare den Groove hat, sondern, dass es sich, wenn überhaupt, um einen shakespearischen Groove handelt; hier stand im Orginal wohl ein Adjektiv, jetzt steht hier ein Subjekt, das den Groove hat.

Well, that Sunday Albert was home, they had a hot gammon,
Jetzt diesen Samstag kam Albert nach Hause, sie machten Kaßler
S. 20/21

“Gammon” ist ein geräucherter Schinken, das übersetzte gepökelte, leicht geräuchterte Schweinefleisch heißt “Kassler”. Mag dieser Hinweis kleinlich sein, die Übersetzung von “Sunday” mit “Samstag” ist FALSCH, himmelschreiend falsch!

Sweet Thames, run softly, till I end my song.
Themse, süße, fließe leise, bis mein Lied beendet ist.
S. 22/23

Wer beendet das Lied? Ich beende das Lied, also beende ich es auch aktiv.

Im Folgenden beendete ich also die Lektüre der Übersetzung und halte mich an das Original. Vor lauter Post-Its kleben, konnte ich dem Text gar nicht mehr folgen. Hätte man einfach nur eine einsprachige Variante angeboten, wären mir mangels Vergleichsmöglichkeiten diese ganzen Feinheiten nicht aufgefallen, aber ein 25 Seiten Heftchen für 18 € zu verkaufen, traut sich auch Suhrkamp nicht. Fragt sich nur, ob dem Original damit gedient ist.

Was Herr Hummelt da macht ist vielmehr Nachdichten als Übersetzen, aber für beides gilt: Gedichtet hat schon T.S. Eliot, verbessert Ezra Pound. Entweder man übersetzt das Original oder man kleistert sich seine eigenen Gedichte zusammen, für eine solche Kollage will ich kein Geld bezahlen.

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