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Kategorie: Erzählungen

Schlaraffenland

In letzter Zeit habe ich ein Händchen für Bücher, die mich begeistern. Nach Navid Kermani hat mich nun Stevan Paul mit seinem Schlaraffenland enthusiasmiert. In dieser besagten Kombination kommen, ich darf kurz persönlich werden, meine drei Hauptleidenschaften zusammen: Kermani für die Musik, Paul für das Kochen und Essen und alle beide in gedruckter Form.

Stevan Paul ist gelernter Koch, kann also (wahrscheinlich) kochen, einer der Foodblogger in Deutschland, kann also (wahrscheinlich) schreiben und außerdem Foodstylist, Rezeptentwickler und Kochbuchautor, kann also (wahrscheinlich) auch nette Rezepte an seine Geschichten anhängen.

stevanpaulschlaraffenlandAuf Empfehlung hab ich mir nun sein Buch Schlaraffenland zugelegt, dass den Untertitel Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe trägt. Klingt nach einer ziemlich bunten Mischung und ist es auch! In 15 Kurzgeschichten nähert sich Paul in mannigfacher Weise dem Thema Kochen und Essen aus Sicht eines Professionellen (nicht das was ihr jetzt denkt!): Kellner, Lehrlinge, Chefköche, arbeitslose Köche, Restaurantkritiker und Foodblogger, aber auch dessen, der sicher die Zielgruppe dieses Buches ist – der kulinarisch Begeisterte und Begeisterungsfähige. 15 Kurzgeschichten, von denen man, wie sollte es anders sein, einige etwas mittelmäßig, eine sogar recht langweilig finden kann, ein paar aber überwältigend gut sind.

Von diesen möchte ich zwei herausgreifen, die meiner Meinung nach die ausufernde Welle des Foodpornos und der Küchennazis treffen charakterisieren.

Der von Magenproblemen geplagte Restaurantkritiker Georg Berger ist das Spitzenküchenbrimborium leid. Er mag keine Foie Gras mehr sehen, er mag sie schon gar nicht mehr in Kombination mit Apfel und Brioche und auch nicht als ersten Gang eines 12-Gänge-Menüs. Er sehnt sich nach Handwerkskunst, die sich gerne mit Kreativität paaren darf, so wie der Griesbrei seiner Frau, dem Einzigen was an schlimmen Tagen sein Magen noch verträgt. Dass Berger selber gar nicht kochen kann, seine beißenden Kritiken Jungköche aber ins berufliche Abseits stoßen können, zeigt dagegen auch die Perversion von der anderen Seite.

Der von seinem Nachbarn (Küchen-, Vegetarier- und Bionazi) genervte Foodblogger Niklas Bär kommt, aus Liebe zu seiner Frau in die Verlegenheit Hackfleisch aus dem Supermarkt zu kaufen und bei einem gemeinsamen Abendessen mit dem, ebenfalls bloggenden, Weltverbesserungsnachbarn kommt es zum Eklat. Nach den umfänglichen Vorbereitungen in Verstecken von Mikrowelle, Instant-Gemüsebrühe und Soßenbinder und dem Herausstellen von Edelolivenölen, geraten die beiden Alphatiere aneinander. Das Streitgespräch zwischen dem ehrlich authentischen Niklas Bär, der versucht immer häufiger auf Fleisch zu verzichten, bio, regional und nachhaltig kauft (“den ganzen Schlagwörterkatalog”) und doch zugeben muss, dass er es neben einer normalen Arbeit nicht immer auf den Wochenmarkt schafft. Schließlich müssen Niklas und der Leser einsehen, dass man eben nicht alles richtig machen kann: Lebt man vegetarisch bleiben doch wieder die Verfehlungen durch Flüge in den Urlaub, das jährlich neue Smartphone und die 8000 Liter Wasser, die für die Designer-Jeans draufgingen. Der Nachbar bleibt leider uneinsichtig und tritt einen Shitstorm los, in dem die Blogreputation Niklas’ den Bach runtergeht.

Stevan Paul schreibt nicht nur unglaublich gut, sondern verfällt bei aller Leidenschaft nicht in den sonst oft nervigen Foodvoyeurismus. Statt mit Produkten und Techniken zu prahlen, erzählt Paul Geschichten von Menschen, die eine Passion für das Kochen und Essen haben. Dass dies nicht ganz ohne Namedropping auskommt, versteht sich von selbst, ist aber immer in angenehmem Rahmen. Seine offene Art entlarvt nicht selten auch die Perversionen, die inzwischen in Teilen des Gastrogewerbes und dem gesamten Umfeld Standard sind. So geht es z.B. auf den meisten Foodblogs nicht mehr nur um das Prahlen mit Zutaten, sondern auch mit eigenen Fertigkeiten und Weltverbesserertum, statt um die Liebe, die Paul transportiert.

Zu dieser Leidenschaft des Kochenden, kommt die Leidenschaft des Mairisch Verlages, der dieses Buch in einer sehr sehr schönen Ausgabe vorlegt. Paul fügt jeder Kurzgeschichte noch ein Rezept eines in der Geschichte vorkommenden Gerichts an.

Ein durch und durch gelungenes Buch für jeden Leser der das Kochen liebt und Interesse an den Menschen hinter den Töpfen hat. Manche Geschichten habe ich bereits wiedergelesen.

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Frühling der Barbaren

Bereits zum dritten Mal muss ich diese Rezension beginnen; zum dritten Mal bin ich unschlüssig – so stark der Nachhall dieses Buches. In der Zeit habe ich gelesen, dass Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher ein ach so vielversprechendes Debüt sei, eine Novelle, die endlich mal aktuelle Probleme behandelt, nicht wieder irgendein schwülstiger Nonsense-Roman eines aufstrebenden Wortverdrehers.

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Wir befinden uns auf einem Spaziergang mit dem Erzähler und Preising, einem reichen Mann aus der Schweiz. Das Geld ist geerbt; Grundlage die Firma seines Vaters, von deren Technik er nichts versteht und nur durch einen findigen Radiotechniker vor dem Bankrott gerettet wurde. Eben dieser Mann berichtet dem Erzähler und uns von einer Reise nach Tunesien. Ein Luxusressort wie sie für die Reichen und Schönen dieser Welt gebaut werden, die zwar die Schönheiten der Wüste möglichst authentisch und aus der Nähe kennenlernen wollen, in beduinischer Einsamkeit aber auf frisch-duftende Handtücher und 5*-Service nicht verzichten wollen. So trifft sich, dass die Ausgeburt der Urlaubshölle, das Klischee des champagner-schlürfenden und doch proletarischen Urlaubers in René Lezard-Anzug – der Engländer – mit ihm in der Wüste weilt. Die sympathische Lehrerin, die er kennenlernt, ist nur ein Teil der 70-köpfigen Hochzeitsgesellschaft ihres Sohnes; alles neureiche Banker, Jüngelchen von nicht mal 30, die bereits im Monat mehr Geld verdienen als der bemitleidenswerte Vater der Braut. Doch mitten in die Dekadenz der Juppies bricht der Staatsbankrott Englands und als man am Morgen erwacht ist man nicht nur arbeitslos, sondern auch pleite und kann die zurückliegenden Freuden nicht mehr bezahlen.

Gibt es das denn? Jonas Lüscher erzählt auf knapp 130 Seiten mehr Geschichten als andere auf 300, mehr Charaktere, mehr Abgründe – mehr mehr mehr! Die erzählte Wirtschaftsphantasie wirkt in keinem Moment aufgesetzt. Die Charakterisierungen der nouveau riche sind so entwaffnend, wie treffend und ehrlich. Trotz des sehr aktuellen Plots tat Lüscher wohl recht daran das Thema nicht auf Romangröße aufzublasen, denn auch wenn man sich während der packenden Lektüre mehr Seiten wünscht und bedauernd auf die wenigen noch zu lesenden blickt, ihre Kraft erzeugt die Kürze und besonders die Drastik und das Drama des Finales wird hierdurch verstärkt und besonders eindrücklich.

Ja, die Zeit hat also recht. Frühling der Barbaren ist ein sehr vielversprechendes Debüt und warum müssen es immer Romane sein? Hier handelt es sich eindeutig um Klasse statt Masse: eine Novelle, die den Zeitgeist trifft. Jonas Lüscher – ich behalte Dich auf dem Schirm!

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Die Technik des Abstrusen

Nach dem Abi und bis in die ersten Semester meines Studiums war ich hart im Nehmen: Becketts Molloy, Koeppens Treibhaus und Wondrascheks Kelly Briefe sind nur drei Beispiele für Bücher, die ich heute wahrscheinlich abbrechen würde. Dabei handelt es sich, zumindest bei den ersten beiden, um Werke, die die Literatur nachhaltig geprägt haben; Koeppen jedenfalls die im Deutschland der Nachkriegszeit. Aber keines dieser Bücher ist einfach zu lesen, meistens habe ich mich gequält und kann bei den letzten beiden nicht mal mehr sagen worum es ging (bei Treibhaus springt am Ende ein Politiker von der Brücke glaube ich).

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Die Novellen Stefan Zweigs

047_02178_83702_xlGestern habe ich im Zug ausschnitteweise die Novellen von Stefan Zweig wiedergelesen. Gebe aber zu, dass ich mich den psychologisch-empfindsamen Geschichten  zum Teil etwas entwachsen fühle. Gerade Brennendes Geheimnis wurde mir etwas übervoll von Gefühl. Trotzdem bleibt für mich Stefan Zweig einer meiner #1-Schriftsteller! Den unsentimentalen Leser können seine Sternstunden der Menschheit plastisch in die Weltgeschichte einführen, seine Drei Meister oder Der Kampf mit dem Dämon über Leben, Werk und Wirken großer Schriftsteller, ebenso seine anderen Biographien (Maria Stuart, Marie Antoinette, Balzac) oder seine grandiose Autobiographie Die Welt von gestern begeistern.

Aber ich werde auch in Zukunft wieder zu den Novellen greifen, denn beispielsweise seine Schachnovelle gehört zu den größten, kleinen Werken der Weltliteratur und hat mit der Sentimentalität von Brenndendes Geheimnis nichts zu tun. Bei Stefan Zweig ist nicht nur für jeden, sondern eben auch für jede Stimmung etwas dabei.

Woher nur nahmen bedenklich viele Zeitgenossen (auch Thomas Mann) und nehmen sich Kritiker bis heute das Recht, so herbalassend über diesen Schriftsteller die Nase zu rümpfen,  über diesen scheinbar “industriell” produzierenden Vielschreiber, dessen Erzeugnisse man eben mal in der Jugend lese, um sich pubertär an einem Idol zu berauschen? Nein, Zweig war ein Könner von hohen Graden, der sich am Unwiederbringlichen (im Sinne Fontanes) abarbeitete, der eine ganzen Welt ins Gewissen reden wollte, ohne nur Moralist gewesen zu sein. Ein Lebenshungriger war er, ein mondäner Ahasverus, ruhelos, melancholisch, aber unbegreiflich versiert, ein Humanist, leidvoll mit dem Unhumanen vertraut, zeitweise auf der Flucht vor sich selbst, dann wieder die Flucht nach vorne antretend, im Ersten Weltkrieg etwa, und zuletzt ein von der barbarischen Perfidie des Austrofaschismus Gejagter, der in Brasilien ein neues Utopia sehen wollte, in dem es sich zumindest unbehelligt sterben ließ (und allein das war und ist für rassistisch und politisch Verfolgte ja bereits ein utopischer Zustand!).

 

Rüdiger Görner im Nachwort der Novellen Zweigs aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur

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Novalis!

Ach du Scheiße!

Man entschuldige die Wortwahl, aber das ist nichts anderes als Kitsch, das ist unterste Schublade, schämen würde ich mich so etwas in das Poesiealbum einer Siebenjähirgen zu schreiben – ich zitiere Novalis:

Wer Schmetterlinge lachen hört,

der weiß wie Wolken schmecken.

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71D-ZB41ZkL._Eigentlich bin ich kein Freund von Geschichtsschnipseln.

Der Diogenes wird 60 und feiert sich – zurecht – selbst. In diesem Sammelband sind auf über 800 Seiten Geschichten vom Lesen, Schreiben und aus dem Literaturbetrieb versammelt. Viele der Schriftsteller des renommierten Verlags kommen zusammen und zwischen sehr kurzen Häppchen, Gedichten, sind auch längere Betrachtungen und Essays. Patrick Süskind, John Irving, Bernhard Schlink, Henry David Thoreu, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt alle leisten sie ihren kleinen Beitrag an dem Geburtstagsband.

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Bartleby der Stalker?

§ 238 I Nr. 1 StGB: Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, indem er beharrlich seine räumliche Nähe aufsucht […] und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das Aufsuchen der räumlichen Nähe zum Opfer z.B. durch Auflauern, Verfolgen, Warten in der Nähe der Wohnung oder der Arbeitsstelle geschehen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob der Täter sich dem Opfer vollständig nähert oder er einen Ort aufsucht und dort wartet, bis sich das Opfer in seine Nähe begibt. […] Anders als bei Nr. 2 kommt es hier auf einen Versuch der Kontaktherstellung nicht an, so dass das Verhalten des Täters auch aus Opfersicht auf ein Beobachten beschränkt sein kann.

 

Schönke/Schröder/Eisele § 238 Rn. 8, 28. Aufl. 2010

9783406624209

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Die Manon Lescaut von Turdej

Zum Verständnis vorneweg, denn diese Information musste ich mir auch erst anlesen:
Die Manon Lescaut ist eine klassische Frauenfigur die bereits mannigfach verfilmt, vertont (u.a. Puccini), auf die Bühne gebracht (Sternheim) und immer wieder als feststehender Begriff in der Literatur gebraucht wird (z.B. von Turgenev). Sie steht, soweit ich das zu überblicken vermag, für eine Frau, der die Männer scharenweise verfallen, die diese aber auch durch ihren Wankelmut und ihren Leichtsinn (mit sich) ins Verderben reißt; soweit das Nachwort uns lehrt für “Liebe, Schönheit, Verrat und Unglück”.

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Schloss Gripsholm

978-3-596-90069-5.jpgIst doch albern!

Tucholskys bekannte Erzählung startet mit einem fiktiven Briefwechsel zwischen dem berühmten Autor und seinem ebenso berühmten Verleger Ernst Rowohlt. Bereits hier wird dem Leser klar: alles Kommende wird halb Spaß, halb Ernst sein. Eine “heitere Liebesgeschichte” soll geschrieben werden und noch sträubt sich der Kurt noch, mehr Geld will er sowieso haben.

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