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Kategorie: Erzählungen

Die Novellen Stefan Zweigs

047_02178_83702_xlGestern habe ich im Zug ausschnitteweise die Novellen von Stefan Zweig wiedergelesen. Gebe aber zu, dass ich mich den psychologisch-empfindsamen Geschichten  zum Teil etwas entwachsen fühle. Gerade Brennendes Geheimnis wurde mir etwas übervoll von Gefühl. Trotzdem bleibt für mich Stefan Zweig einer meiner #1-Schriftsteller! Den unsentimentalen Leser können seine Sternstunden der Menschheit plastisch in die Weltgeschichte einführen, seine Drei Meister oder Der Kampf mit dem Dämon über Leben, Werk und Wirken großer Schriftsteller, ebenso seine anderen Biographien (Maria Stuart, Marie Antoinette, Balzac) oder seine grandiose Autobiographie Die Welt von gestern begeistern.

Aber ich werde auch in Zukunft wieder zu den Novellen greifen, denn beispielsweise seine Schachnovelle gehört zu den größten, kleinen Werken der Weltliteratur und hat mit der Sentimentalität von Brenndendes Geheimnis nichts zu tun. Bei Stefan Zweig ist nicht nur für jeden, sondern eben auch für jede Stimmung etwas dabei.

Woher nur nahmen bedenklich viele Zeitgenossen (auch Thomas Mann) und nehmen sich Kritiker bis heute das Recht, so herbalassend über diesen Schriftsteller die Nase zu rümpfen,  über diesen scheinbar “industriell” produzierenden Vielschreiber, dessen Erzeugnisse man eben mal in der Jugend lese, um sich pubertär an einem Idol zu berauschen? Nein, Zweig war ein Könner von hohen Graden, der sich am Unwiederbringlichen (im Sinne Fontanes) abarbeitete, der eine ganzen Welt ins Gewissen reden wollte, ohne nur Moralist gewesen zu sein. Ein Lebenshungriger war er, ein mondäner Ahasverus, ruhelos, melancholisch, aber unbegreiflich versiert, ein Humanist, leidvoll mit dem Unhumanen vertraut, zeitweise auf der Flucht vor sich selbst, dann wieder die Flucht nach vorne antretend, im Ersten Weltkrieg etwa, und zuletzt ein von der barbarischen Perfidie des Austrofaschismus Gejagter, der in Brasilien ein neues Utopia sehen wollte, in dem es sich zumindest unbehelligt sterben ließ (und allein das war und ist für rassistisch und politisch Verfolgte ja bereits ein utopischer Zustand!).

 

Rüdiger Görner im Nachwort der Novellen Zweigs aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur

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71D-ZB41ZkL._Eigentlich bin ich kein Freund von Geschichtsschnipseln.

Der Diogenes wird 60 und feiert sich – zurecht – selbst. In diesem Sammelband sind auf über 800 Seiten Geschichten vom Lesen, Schreiben und aus dem Literaturbetrieb versammelt. Viele der Schriftsteller des renommierten Verlags kommen zusammen und zwischen sehr kurzen Häppchen, Gedichten, sind auch längere Betrachtungen und Essays. Patrick Süskind, John Irving, Bernhard Schlink, Henry David Thoreu, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt alle leisten sie ihren kleinen Beitrag an dem Geburtstagsband. Weiterlesen Jetzt auf allen Bestsellerlisten!

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Bartleby der Stalker?

§ 238 I Nr. 1 StGB: Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, indem er beharrlich seine räumliche Nähe aufsucht […] und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das Aufsuchen der räumlichen Nähe zum Opfer z.B. durch Auflauern, Verfolgen, Warten in der Nähe der Wohnung oder der Arbeitsstelle geschehen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob der Täter sich dem Opfer vollständig nähert oder er einen Ort aufsucht und dort wartet, bis sich das Opfer in seine Nähe begibt. […] Anders als bei Nr. 2 kommt es hier auf einen Versuch der Kontaktherstellung nicht an, so dass das Verhalten des Täters auch aus Opfersicht auf ein Beobachten beschränkt sein kann.

 

Schönke/Schröder/Eisele § 238 Rn. 8, 28. Aufl. 2010

9783406624209 Weiterlesen Bartleby der Stalker?

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Die Manon Lescaut von Turdej

Zum Verständnis vorneweg, denn diese Information musste ich mir auch erst anlesen:
Die Manon Lescaut ist eine klassische Frauenfigur die bereits mannigfach verfilmt, vertont (u.a. Puccini), auf die Bühne gebracht (Sternheim) und immer wieder als feststehender Begriff in der Literatur gebraucht wird (z.B. von Turgenev). Sie steht, soweit ich das zu überblicken vermag, für eine Frau, der die Männer scharenweise verfallen, die diese aber auch durch ihren Wankelmut und ihren Leichtsinn (mit sich) ins Verderben reißt; soweit das Nachwort uns lehrt für “Liebe, Schönheit, Verrat und Unglück”. Weiterlesen Die Manon Lescaut von Turdej

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Schloss Gripsholm

978-3-596-90069-5.jpgIst doch albern!

Tucholskys bekannte Erzählung startet mit einem fiktiven Briefwechsel zwischen dem berühmten Autor und seinem ebenso berühmten Verleger Ernst Rowohlt. Bereits hier wird dem Leser klar: alles Kommende wird halb Spaß, halb Ernst sein. Eine “heitere Liebesgeschichte” soll geschrieben werden und noch sträubt sich der Kurt noch, mehr Geld will er sowieso haben. Weiterlesen Schloss Gripsholm

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Tortilla Flat

Hauptfigur ist Danny ein Paisano in Tortilla Flat einer Siedlung oberhalb von Monterey. Eigentlich ein Herumtreiber, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt ist, lebt er von der Hand in den Mund, was die Natur ihm bietet und er sich durch Diebstähle besorgen kann. Dann erbt er zwei kleine Häuser. Eines bewohnt er selber, das andere “vermietet” er an seinen alten Freund Pilon, in dem Bewusstsein von diesem sowieso nie Miete zu erhalten. Immer mehr ziehen in das zweite Häuschen ein und ärgern sich über Danny, der, obwohl er sie immer noch gratis wohnen, lässt in ihren Augen ob seines Eigentums arrogant geworden ist. Als sie eines Nachts aus Versehen das eine Häuschen niederbrennen, ziehen sie aus diesem Ereignis nur die Erkenntnis, dass man Wein nie über Nacht in einem Haus lassen soll. So denn ziehen alle in das verbleibende Haus Dannys ein. Episodenhaften werden immer wieder einzelne Geschichten der Freunde erzählt, die sich hauptsächlich um die Beschaffung von Essen und Wein, aber auch um Geschichten aus der Siedlung und Sex drehen. Weiterlesen Tortilla Flat

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Der Kontrabaß

Ein literarischer Snack von nicht mal einer Stunde, der aber doch Nachbeben erzeugt.

Der erzählende Kontrabassist sitzt kurz vor der Premiere in seiner akustisch völlig isolierten Wohnung, trinkt Bier und hält einen Monolog. Einleitend versucht er fast die Ehre des Kontrabasses als Orchesterinstrument zu retten, steigert sich aber im Verlauf seiner Rede und in Folge des Bierkonsums in eine immer verbitterte Abrechnung mit seinem Instrument: “Der Kontrabaß ist das scheußlichste, plumpeste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde.” Er macht diesen für alles was in seinem Leben schiefläuft verantwortlich, vor allem dafür, dass er alleine ist. Seine unausgesprochene Liebe gilt der circa zehn Jahre jüngeren Sopranistin Sarah, wobei er sich nicht einmal sicher ist, ob sie ihn jemals wahrgenommen hat. Immer wieder zieht er Parallelen vom Orchester zur Gesellschaft, will sich zwar nicht beklagen, aber beklagt sich. Der Kontrabass, als seines Erachtens niederstes Instrument des Orchesters, fristet als Instrument ein Schattendasein, so wie er in der Gesellschaft, von der er sich nicht nur akustisch völlig abgeschottet und entfremdet hat. “Wenn die Pauke einmal hinlangt, das hört sich in die letzte Reihe, und jeder sagt, aha, die Pauke. Bei mir sagt kein Mensch, aha, der Kontrabaß, weil ich geh ja unter in der Masse.” Weiterlesen Der Kontrabaß

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Bücherwahn

Wie angekündigt habe ich gestern Abend schnell nach meinem Bücherwahn, den des jungen Flaubert gelesen.

Was dieser damals 15-Jährige zu Papier bringt ist stilistisch bereits derart sicher, seine spätere Größe nur noch eine Frage der Zeit. Obwohl ich (eigentlich) kein Freund allzu detaillierter, blumiger Umschreibungen jedes Baums am Wegesrand bin, ist Flaubert einer meine Lieblingsautoren. Einen Grund dafür kann ich gar nicht so genau nennen, am ehesten vielleicht, dass er das Gleichgewicht zwischen Beschreibung und Erzählung hält und so in seinen Bann zu ziehen weiß. Weiterlesen Bücherwahn

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