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Kategorie: Erzählungen

Über den Feldern

Das Gedenkjahr zum Beginn des ersten Weltkriegs ist momentan allgegenwärtig. Einzelne Bücher wurden bereits kurz vor ’14 lanciert – siehe 1913 von Florian Illies – oder haben schon vor Jahreswechsel hohe Wellen geschlagen, wie Die Schlafwandler von Christopher Clark, das zum neuen Standardwerk über den großen Krieg zu werden scheint. Neben all diesen wichtigen Werken von Historikern, Populärwissenschaftlern und Schriftstellern erschien im März aber ein Buch, das siebzig neue Perspektiven liefert, die bei den anderen etwas untergehen: 70 Innenansichten.

ueber den feldern manesseIn Über den Feldern hat der Manesse Verlagsleiter Horst Lauinger eine internationale, weltliterarische Gesamtschau von Kurzgeschichten, Essays und Novellen zum Ersten Weltkrieg zusammengestellt. Anders als die meisten Veröffentlichungen von Historikern stehen hier nicht politische Zusammenhänge und die Wechselwirkung von Menschen als Kanonenfutter, sondern das Individuum als Kriegsteilnehmer im Fokus. Als Schauplatz dient nicht allein die Front, sondern auch und vor allem, “die inneren Fluchten, Ideen- und Seelenräume sowie, nicht minder umkämpft  als die Gefechtszonen der Außenwelt, die Territorien des Gewissens”, wie der Herausgeber in der editorischen Notiz treffend zusammenfasst.

Mit sicherer Hand hat Lauinger Texte ausgewählt, deren Zusammenstellung nicht genug gelobt werden kann. Zu den sowieso Großen dieser Zeit – Hemingway, Zweig, Proust, Musil, Woolf, Döblin, Conrad, Brecht, Faulkner, Kafka – treten die Texte der großen Pazifisten – wie Romain Rolland oder Émile Verhaeren – dagegen bleibt Thomas Mann, anders als Heinrich, aufgrund seiner Kriegsbegeisterung außen vor, denn die Tendenz der Veröffentlichung ist versöhnlich und friedlich. Daher haben nicht nur Manns Betrachtungen eines Unpolitischen hier nichts verloren, sondern auch der vom Krieg berauschte Ernst Jünger fehlt. Doch wird beispielsweise mit Louis-Ferdinand Céline, dem Italofaschisten Gabriele d’Annunzio oder Rudyard Kipling, der zu Beginn des Krieges noch zum bedingungslosen Kampf gegen die Hunnen aufrief, auch umstrittenen Autoren Gehör verschafft, nie jedoch mit allzu tendenziösen Texten, sondern immer nur mit solchen, die der aufmerksame Leser entsprechend einordnen kann. Hierzu gesellen sich in Deutschland eher unbekannte Autoren wie Akutagawa Ryunosuke, Mohammad Ali Dschamalzade oder Miroslav Krleza.

Insgesamt handelt es sich um Texte aus 16 Sprachen, darunter auch auf dänisch, serbokroatisch, japanisch, persisch und armenisch, viele neu- oder erstmals übersetzt. Über Landes- und Sprachgrenzen hinweg vereint dieses Buch große Literatur. Der Rücken des in bedrucktes Leinen gebundenen Buchs hält Wort so er von einer weltliterarischen Gesamtschau spricht, von einem universellen Panorama, das menschliche Abgründe beleuchtet, die Realität des Krieges zeigt und aber auch, und hierin ist es groß, mit unvermuteten Hoffnungs- und Glücksmomenten überrascht. Denn mögen die historischen Bearbeitungen in diesem Jahr Pflichtlektüre, die Kür dürfte nunmehr Über den Feldern sein. Denn hier wird aufgezeigt, dass trotz dieser weltumfassenden und -verschlindenden Katastrophe, in und im Angesicht dieser dunklen Zeit große Literatur geschaffen wurde, die uns heute noch bewegt.

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Arno Schmidt – TINA oder über die Unsterblichkeit

Ganz naseweiser Schlaumeier habe ich doch neulich ein Loblied auf das Hereinlesen in kleinere Werke von großen Autoren gesungen und trotzdem Arno Schmidts TINA oder über die Unsterblichkeit dreimal nach fünf Seiten abgebrochen. Anklagend lag das schöne Insel Bändchen nun seit Schmidts 100. Geburtstag auf meinem Schreibtisch. Jedem Besucher habe ich den merkwürdigen Satz gezeigt, denn jeder Absatz ist nach einem Wort komplett eingerückt, und ungläubig die ersten Seiten vorgelesen – die self fulfilling prophecy der schweren Lesbarkeit Schmidts. Aber eine vierte Chance sollte kommen, denn gerade einmal etwas über 40 Seiten sollten doch ergebnisoffen zu lesen sein.

Wir leben, solange sich jemand an uns erinnert.
Dante – Die göttliche Komödie

arno schmidt TINADer Ich-Erzähler, Arno Schmidt selbst wie sich bald herausstellt, wird auf der Straße angequatscht und eingeladen sich gemeinsam mit der Dame vom Kiosk gegenüber und eben dem Mann, den man gerade in der Apotheke das erste Mal traf, die Unterwelt anzusehen: unverbindlich, 36-Stunden nur, jederzeit abzubrechen. Sein Reiseführer übrigens Christian August Fischer (1771-1828), die Dame aus dem Kiosk Kathinka „Tina“ Zitz-Halein (1801-1877) beide heute (fast) vergessene Schriftsteller. Im Elysium werden alle Gestorbenen so lange geparkt bis man sich auf der Welt nicht mehr an sie erinnert; alle Bücher und Medien, in denen sie erwähnt werden, müssen verschwinden bis auch sie ins Nichts eingehen können. Je berühmter der Verstorbene desto länger also sein voraussichtlicher Aufenthalt in dieser Vorhölle, die, mit eigenem Währungssystem und vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten, eigentlich ein angenehmer Ort zu sein scheint, wäre nicht die Malaise der Unsterblichkeit. Gutenberg ist hier unten ein verfolgter Mann, der, als einer der Hauptverantwortlichen für das Festsitzen der Meisten, keine Nacht im selben Bett schlafen kann. Aber nicht nur Goethe, von dem laut Aushang allein am 24.11.1955 460 mal, und davon 458 mal falsch, Verszeilen zitiert wurden, auch einfache Bauern namens Meier können hier festgehalten werden, so lange nur die Dorfstraße, die nach ihnen benannt wurde fortexistiert. Dem Gast und Autor wird nicht nur klar, dass er das Publizieren von Büchern einstellen muss, nein auch die Zerstörung des bisher Veröffentlichten muss angegangen werden, inklusive der Aufträge seiner neuen Geliebten.

Auf diesen wenigen Seiten erschafft Schmidt eine eigene (Unter-)Welt, lässt Fontane und Spitzweg eine Apotheke betreiben und bekommt eine Liebesgeschichte unter. Diese kleine Geschichte enthält einen Witz, den man nur pfiffig nennen kann; ein Schelmenstück nicht nur die Schnurren Schmidts mit Leer- und Satzzeichen zu jonglieren, sondern diese gesamte herrliche kleine Erzählung. Das Jenseits als literarisches Thema ist nicht neu und durch das Einbeziehen bekannter Verstorbener ein solches mit niedriger Einstiegsschwelle für den skeptischen Leser, zwischen der Verarbeitung desselben Sujets liegen aber z.B. zwischen Lewitscharoff mit Consummatus und Schmidts TINA Welten aus Esprit und Humor: Was Arno auf 40 Seiten (er)schafft, vermag Sibylle nicht auf 240.

Wer sich hier nicht amüsiert, amüsiert sich nie; bitte nicht nach fünf Seiten weglegen, sondern lesen. Ich fange nun wieder von vorne an, aber nicht wie die letzten Male; morgen kaufe ich mir mehr von diesem Schelm namens Arno Schmidt.

Was ist demnach das beste Rezept für ein Erdenleben überhaupt, oben wie unten ? : “Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten. Kirche gehen. Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht, in n Stall verschwinden : dahin kommt er kaum nach ! Gegen Schreib= und Leseunterricht stimmen; für die Wiederaufrüstung : Atombomen !”.

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Recht ≠ Moral ≠ Gerechtigkeit

Michael Kohlhaas – Einer der rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbar, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber macht ihn zum Räuber und Mörder.

S. 7

I. Inhalt

Der Roßhändler Michael Kohlhaas wird auf dem Weg nach Dresden zu einem Pferdemarkt angehalten, als er das Land des Junkers Wenzel von Tronka durchqueren will. Doch auch nach Zahlung des Zolls will man ihn nicht ziehen lassen. Der Burgvogt verlangt einen Pass zu sehen, den Kohlhaas bei den letzten 17 Reisen nicht vorzeigen musste. Unwirsch, aber der Obrigkeit gehorchend, verspricht Kohlhaas diesen Pass zu besorgen und auf der Rückreise vorzuzeigen. Man lässt ihn ziehen, doch nicht ohne zwei der Rappen, die für den Markt bestimmt waren, als Pfand für seine Rückkehr einzufordern. Erneut fügt sich Kohlhaas, lässt aber auch seinen Knecht Herse zurück, damit dieser die Pferde pflegen kann.

Als Kohlhaas, nach Verkauf der restlichen Gäule und der Versicherung der zuständigen Stellen keinen Pass zu benötigen, zu Tronkas Burg zurückkehrt um Knecht und Rösser abzuholen, findet dieser im Schweinekoben zwei von Arbeit ausgemerkelte Schindmähren wieder, seinen Knecht hat man halb totgeprügelt und vom Hof gejagt. Der Geprellte reicht Klage auf Restitution beim zuständigen Gericht ein und verlangt seine Pferde in dem Zustand zurückzuerhalten, in dem er sie vorher in die mangelhafte Pflege gab. Doch seine Klage wird auf Intervention von Verwandten Tronkas abgewiesen, also wendet er sich in einer Bittschrift an den Kurfürsten von Brandenburg, jedoch bearbeitet diese erneut ein Verwandter Tronkas, mit entsprechendem Ergebnis. Kohlhaas‘ Frau Lisbeth wird bei dem erneuten Versuch den Kurfürsten, nun persönlich, zu erreichen, von einer Wache desselben verletzt und stirbt nur wenige Tage später.

Hierauf ruft Kohlhaas seine Knechte zusammen und bewaffnet sie. Gemeinsam reiten sie zur Burg Tronkas und brennen diese bis auf die Grundmauern nieder, hierbei kommen auch Frauen und Kinder ums Leben, doch der gesuchte Junker hatte sich bereits vorher abgesetzt. Auf der Suche nach diesem steckt die marodierende Bande dreimal Wittenberg in Brand und besiegt den eingreifenden Prinzen von Meißen. Nun interveniert sogar Martin Luther, der für Kohlhaas freies Geleit erwirkt, so dass dieser erneut seinen Fall vortragen kann, wenn nur die blutige Rache einstellt wird. Erneut geht der Prozess nur schleppend voran, während ein ehemaliger Mitstreiter Kohlhaas‘ sich als dessen Statthalter ausgibt und weiter plündernd und brandschatzend die Bevölkerung tyrannisiert. Kohlhaas wird daraufhin erneut festgehalten und will sich durch seine alten Kameraden befreien lassen, was allerdings rechtzeitig entdeckt und vereitelt wird. Als er zum Tod verurteilt wird, reklamiert der vorher untätige Kurfürst von Brandenburg den Roßhändler als seinen Untertan und lässt ihn nach Berlin bringen.

Auf dem Weg dorthin trifft der Kurfürst von Sachsen auf Kohlhaas und fällt bei der Entdeckung einer kleinen Bleikapsel um dessen Hals in Ohnmacht. In dieser befindet sich die Vorhersage einer Wahrsagerin, die den Namen des letzten Regenten seines Geschlechts und das Jahr seines Sturzes befindet. Alle Versuche vorher an diese Weissagung zu gelangen waren vergeblich. Indessen zieht der Kaiser den Kohlhaaschen Fall an sich und verurteilt diesen zum Tode.

Auf dem Schafott erfährt Kohlhaas von der Verurteilung des Junkers Tronka zu einer zweijährigen Haftstrafe und erhält alles wieder was er „auf der Tronkenburg gewaltsamer Weise eingebüßt […]: Rappen, Halstuch, Reichsgulden, Wäsche, bis auf die Kurkosten sogar für [den] bei Mühlberg gefallenen Knecht Herse.“ Bevor Kohlhaas seinen Kopf vor dem Scharfrichter senkt, öffnet er die Bleikugel, liest den Zettel und schluckt ihn, wohlwissend, dass dieser ihm, bei entsprechendem Handel mit dem Kurfürsten, das Leben hätte retten können.

II. Deutungsmöglichkeiten

Die Novelle handelt von der Unterscheidung von Recht und Unrecht, Gut und Böse. Sie dreht sich um die Themen Gerechtigkeit, Strafe und die Rechtfertigung von Rache und die Möglichkeit von der Vergebung, aber auch um die Hilflosigkeit des Einzelnen bei Korruption und Willkür. Allein die Erörterung des Feldzugs, den Kohlhaas beginnt, füllt Bücher, wurde in unzähligen literaturwissenschaftlichen, soziologischen und juristischen Abhandlungen bearbeitet. Die zum Hauptplot hinzutretente Handlung um die Prophezeiung der Wahrsagerin wird hierbei meist ausgeklammert, um die jeweiligen Rahmen nicht zu sprengen. Selten gibt es wohl eine Novelle von 110 Seiten, die derartig vielen Deutungsmöglichkeiten zugänglich ist.

Abgesehen von sämtlichen, mannigfaltigen Herangehensweisen der Literaturwissenschaft an den Text an sich und über diesen hinaus. Bietet die Novelle Historikern die historische Figur und Vorlage des Hans Kohlhase, die angedeuteten innerdeutschen Konflikte, den zwischen Sachsen und Polen und die Einbindung Martin Luthers Raum für Analysen. Juristen, Philosophen und Soziologen können Fragen nach Bestehen und Aufkündigung bzw. Widerstandsrecht innerhalb eines Gesellschaftsvertrags stellen. Selbst Psychologen und Medizinern könnte der gesteigerte Wahn des Kohlhaas Anlass zur Betrachtung bieten.

Den Vorgaben des Projekts #LawAndLit folgend soll es hier aber nur um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit gehen.

III. Was will Kohlhaas erwirken?

Michael Kohlhaas fordert vehement und wiederholt Resitution für den erlittenen Schaden. In concreto für den Schaden an den beiden Pferden, für die von seinem Knecht Herse zwangsweise zurückgelassene Wäsche, die Reichsgulden und die Kurkosten, die diesem aufgrund der Prügel entstanden sind.

Kohlhaas will, dass die Pferde in den ursprünglichen Zustand versetzt, also gefüttert und gepflegt, werden. Während heute die Geschädigten wohl meist nach Schadensersatz in Form des Geldersatzes schreien würde, möchte Kohlhaas klassische Naturalrestitution; auch weil so der Junker gezwungen würde, tätig zu werden, statt einfach nur die Schatulle zu öffnen.

Obwohl Kohlhaas nach heutigem Recht auch die Kosten der Rechtsverfolgung ersetzt verlangen könnte, ist er doch nicht so dreist dem Junker den Unterhalt einer marodierenden Bande in Rechnung zu stellen.

Die Kosten für die Heilbehandlung sind als Schadensersatz in Geld zu leisten, insoweit völlig unproblematisch. Problematisch dagegen, dass Kohlhaas und nicht Herse, der Knecht selbst, diese geltend macht, denn nur diesem steht der Ersatzanspruch zu, nach dessen Tod seinen Erben. Der Roßhändler selbst wäre für diesen Anspruch nicht prozessführungsbefugt. Bevor ich aber gezwungen bin über eine Prozessstandschaft nachzudenken, gibt Kohlhaas vor seiner Hinrichtung das Zurückerlangte der Mutter Herses zurück.

IV. Die Möglichkeiten eines modernen Kohlhaas statt des Griffs zur Klinge.

[Er…] erfuhr, daß die Klage, auf eine höhere Insinuation, bei dem Dresdner Gerichtshofe, gänzlich niedergeschlagen worden sei. […] daß der Junker Wenzel von Tronka mit zwei Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, verwandt sei, deren einer, bei der Person des Herrn, Mundschenk, der andre gar Kämmerer sei.
S. 21

Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör; Art. 103 Abs. 1 GG. Was heute so einfach klingt, wurde Kohlhaas durch Korruption und Klüngelei verwehrt. Nicht auszudenken, dass es auch im heutigen deutschen Rechtsstaats zu solchen Rechtsbeugungen kommt. All die heute üblichen Möglichkeiten im Zivilprozess durch Stellungsnahmen, Beweisanträge und den eigenen Vortrag Einfluss zu nehmen, bleiben Kohlhaas allein dadurch verwehrt, dass es zu keinem Prozess kommt. Wird heute in einem Prozess ein Urteil gefällt, sind hierzu, unter entsprechenden Umständen, Berufung, Revision, (sofortige) Beschwerde, schlussendlich auch die Verfassungsbeschwerde zulässig. Und was sollte Kohlhaas machen? Na, den Richter gem. § 42 ZPO ablehnen. Wenn es wirklich nicht zu einem Prozess kommt, weil in der Verwaltung geklüngelt wird, sollte man mal in §§ 20, 21 VwVfG schauen und das Verwaltungsgericht den Laden überprüfen lassen.

V. Moderne Formen

Auch heutzutage gibt es immer wieder moderne Formen des zivilen Widerstands. Rund um die Rote Flora in Hamburg fühlen sich Menschen in ihren subjektiv als rechtmäßig empfundenen Besitzansprüchen beschnitten. Ähnliches Beispiel sind Krawalle im Umfeld von Fußballspielen. Auch hier bilden meist „ich will aber“- oder „ihr könnt doch nicht“-Argumentation die Grundlage für subjektiv empfundene und mit Waffen zu verteidigende Rechte.

Immer wenn sich Einzelne oder auch einzelne Gruppen einem diffusen Unrecht von oben ausgesetzt fühlen, kann nur der Staat selbst diese Missstände ausräumen. Ein transparentes Rechtssystem, die Offenlegung von eigenen Fehlern und der Dialog sollten hier, auf beiden Seiten, stets das Mittel der Wahl bleiben, statt der Griff zum Knüppel, denn die haben beide Seiten allzu schnell zur Hand.

 

Die Seitenzahlen beziehen sich auf „Heinrich von Kleist Werke und Briefe in vier Bänden“ herausgegeben von Siegfried Streller, Band III Erzählungen, Gedichte, Anekdoten, Schriften, Insel Verlag, 1. Auflage 1986

Die Novelle online abrufbar bei Projekt Gutenberg.

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The Grandmothers vs. Tage am Strand or Problems of the Australian Upperclass

Nicht mal einen Monat ist der Tod der Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing her, schon schickt mich der Hoffmann und Campe Verlag ins Kino. Statt endlich ihr Goldenes Notizbuch zu lesen, habe ich es nun mit Tage am Strand in bewegten Bildern bzw. der literarischen Vorlage zu tun.

Normalerweise gibt es für mich keinen Grund mir über die Priorität erst Buch – dann Film oder andersherum Gedanken zu machen. Rückblickend habe ich bewusst nur bei Anna Karenina darauf geachtet erst das Buch zu beenden bevor ich ins Kino gehe. Noch nie habe ich mir Das Buch zum Film gekauft, interessante Vorlagen habe ich entweder vorher gelesen oder hielt sie nach dem Film, wenn nicht für verdorben, zumindest für zu vorbelastet.

Nun aber war ich erst im Kino und habe dann die Vorlage gelesen, im Kino an meiner Seite Tobias, der den anderen Weg nahm.

Tage_am_StrandIm australischen Paradies am Meer wohnen Lil und Roz, zwei Frauen, denen es finanziell ganz gut zu gehen scheint, soll man nach der Ausstattung ihrer Häuser urteilen. Seit Schulzeiten sind sie unzertrennlich und nach dem Tod des Manns der einen und dem arbeitsbedingten Wegzug des anderen Mannes wohnen beide mit ihren fast erwachsenen Söhnen zusammen. Während man im Ort bereits von der Homosexualität der beiden Frauen munkelt, fangen beide ein Verhältnis mit dem Sohn der anderen an. Von einem Gerangel der beiden Hähne abgesehen, besteht dieses skurielle Beziehungsgeflecht erstaunlich harmonisch, bis der eine Jüngling nach Sydney geht um dort ein Theaterstück zu inszenieren und mit einer Gleichaltrigen anbandelt.

Beim Anblick der beiden durchtrainierten Abziehbildchen von Söhnen schüttelt es mich das erste Mal. Die Bräsigkeit der australischen Oberschicht, die scheinbar stündlich ein Gläschen Chardonnay schlürft und die aufdringliche Schönheit des Ortes machen mir den Einstieg nicht leicht. Es mag sein, dass es dort einfach so aussieht, aber in der Zusammenstellung erscheint es mir kitschig. Der Steg, auf dem sich erst die jungen Alter Egos der Mütter treffen, dann die heranwachsenden Söhne und am Ende noch einmal alle miteinander, ist mir als offensichtliche Paralellität zu einleuchtend. Aber ich habe verstanden: zwei starke, emanzipierte Frauen, die bessere Freundinnnen nicht seien könnten, die ohne Mann sein können und wollen und im Paradies in sexueller Leidenschaft mit dem jungen Adonis anbandeln. Wahrscheinlich bin ich nur auf die Surferkörper neidisch, aber die beiden Söhne sind mir etwas zu tumb. Dass der Surfertyp auf einmal Theaterstücke inszeniert, kaufe ich ihm nicht ab. Die Konfliktfreiheit der beiden wie Schwestern aufgewachsenen Frauen mit den wie Brüdern aufgewachsenen Söhnen, der lockere Umgang der Söhne mit ihrer Mutter in einer derartigen Situation scheint mir ebenso unglaubwürdig – hier würde ich mir einfach mehr Reibung, mehr Konflikte wünschen.

Und als ich mich bei Tobias über die Unglaubwürdigkeit und die Klebrigkeit des Settings beschwere, packt es mich dann doch noch, denn das Idyll der inzwischen liebenden Großmütter zerbricht, scheinbar war man doch nicht immer so offen. Zwar sind am Ende doch (fast) alle irgendwie glücklich, aber man schwimmt am Ende nicht ganz ohne Schäden im Meer auf dem gemeinsamen Steg.

Kuriosum der Lektüre: Das den Film rettende Ende steht am Anfang und nimmt der Geschichte, trotz (oder wegen) der vorher gesehen Verfilmung etwas den Reiz. Bei Lessing hängen keine Geigen in den Bäumen und es gibt keine Regieanweisung a la “hier Schmalz und Weißwein”. Insgesamt viel bodenständiger, weniger Sex, aber irgendwie auch nicht mehr Konflikte, dabei wäre in der Vorlage so viel Platz für mehr gewesen, Bücher werden selten auf 90 Minuten limitiert. Das an sich spannende psychologische Spiel mit den pseudoinszestuösen Beziehung bleibt aus.

Dass man trotz floskeligem Füllmüll wie “So weit, so gut.” [sic!] einen Nobelpreis für Literatur bekommt, Lessing streckenweise die Geschichte in Dreiwortsätzen mit dann, dannach, dann aneinanderreiht, verwundert mich. “Irgendwas war da … etwas Schlimmes …”-Stilblüten und uninspirierte Dialoge, die sich Hollywood nicht ausgedacht, sondern der Vorlage entnommen hat –  das schmerzt.

Lange Rede, kurzer Sinn (ich bin auf dem Weg zum Nobelpreis durch Einbauen solcher Redewendungen): viel wäre möglich gewesen, wenig wurde daraus gemacht. Den Vorwurf muss man aber scheinbar mehr, Gott habe sie seelig, Doris Lessing als den Filmemachern machen.

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Ich habe das Bedürfnis nach Freunden

stefan_zweig____ich_habe_das_beduerfnis_nach_freunden_-9783222133725_xxlMeine große Liebe zu und tiefe Verehrung für Stefan Zweig dürfte dem regelmäßigen Leser bereits bekannt sein. Der empfindsame, einfühlsame, scheue Österreicher feiert heute Geburtstag und gehört sicher zu den Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts. Seine Novellen, nicht nur die vielgelesene Schachnovelle, seine historischen Biographien und, für mich, allem voran seine Autobiographie Die Welt von Gestern bilden Glanzpunkte der deutschsprachigen Literatur.

Mit dem 70. Jahrestag seines Todes letztes Jahr lief auch der Urheberschutzes seines Werkes aus und daher dürften in naher Zeit einige Stefan Zweig Neuveröffentlichungen und -zusammenstellungen erscheinen. Einen maßstabsetzenden Anfang machte nun der österreichische styria Verlag mit der Sammlung “Ich habe das Befürfnis nach Freunden”.

Neben den unbedingt zu lesenden Erzählungen Angst, Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau , Verwirrung der Gefühle und natürlich der Schachnovelle, versammelt dieser von Klemens Renoldner herausgegebene Band u.a. auch bisher unveröffentlichte Aufsätze, Essays und Porträts Zweigs: Erinnerungen an Theodor Herzl, unter dem Zweig als junger Mann arbeitete, an Arthur Schnitzler und Hermann Bahr, Essays über Lou Andreas-Salomé und sein ergreifender Abschied von Joseph Roth, ebenso wie die Worte am Sarge Sigmund Freuds. Wird im ersten Teil des Buches klar warum Zweig einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit war, bildet der zweite sein Schaffen als Chronist seiner Zeit ab. Stellenweise lesen sich die Texte im hinteren Teil, wie die Quellen zu Die Welt von Gestern.

Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.

Das kluge Nachwort des Herausgebers, immerhin als Direktor des Stefan Zweig Centre in Salzburg eine Kapazität, beschließt eine lohnenswerte Neuerscheinung, die nicht als einfaches Potpourri oder Best of daher kommt, sondern gerade durch die geschickte Kombination der Novellen mit den Essays auch für Kenner Neues und eben bisher Unveröffentlichtes bereithält. Für den Zweig Novizen dagegen stellt sie einen Kanon zusammen, der für hoffentlich viele zur (Neu-)Entdeckung dieses großen Europäers führen mag.

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Alice Munro

“Writing this letter is like putting a note in a bottle – And hoping it will reach Japan”
Alice Munro, To reach Japan

Aus Nobel-gegebenen Anlass ein paar Worte von Saskia zu Alice Munro.

Alice Munro war ein Märchenkind. Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen hatte es der kanadischen Farmerstochter besonders angetan, eine fremde Geschichte voller Sehnsucht und Verlangen. Nur das Ende war ihr ein wenig zu traurig und so schrieb sie kurzerhand ein neues.

Viele Jahrzehnte später ist Alice Munro (82) Literatur-Nobelpreisträgerin und irgendwo in ihren bedächtigen Kurzgeschichten ist sie eine Märchen-Erzählerin geblieben. Nicht im Sinne von abenteuerlichen Feen- und Fabelgeschichten. Ihre weiten kanadischen Landschaften sind eher kühle Einöden als verzauberte Märchenwälder. Prinzessinnen werden nicht von feuerspeienden Drachen bewacht, sondern von strengen Vätern und Kleinstadt-Konventionen. Bei Munro haben die Märchen Grauschleier, niemand will die Welt erobern, weil schon der nächste Schritt mühsam genug ist.

 Trotzdem wohnt allen ihren Geschichten ein unbedingter Wille zur Magie inne. Mikro-Magie vielleicht, die in alltäglichen Momenten und winzigen Dosen wirkt. Immer wieder gibt es Augenblicke, die einen Charakter verändern und ein paar Zentimeter wachsen lassen. Eine Hausfrau arrangiert ein Kammerkonzert im eigenen Wohnzimmer und lehnt sich damit zum ersten Mal gegen den Schraubstockwillen ihres Mannes auf. Eine Party bei einem Kollegen schickt eine Dichterin auf eine lange Zugreise, die sie weg von ihrer vernünftigen Ehe in die Ungewissheit führt. Munros Figuren müssen in den kurzen Geschichten nicht zwingend irgendwo ankommen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, viele Konflikte ungelöst, wichtig ist nur, dass sich jemand auf einen Weg gemacht hat.

Dass die Erzählungen trotzdem so eindrücklich sind, liegt daran, dass Alice Munro ein nachhaltiges Sprachkraftwerk ist. Mit ihrem langsamen Erzählstil nimmt sie die kleinen Schritte ihrer Figuren ernst und verleiht ihnen Kraft, ohne sie durch sprachliches Feuerwerk zu überhöhen.

Die Autorin beherrscht die Kunst, mit wenigen Sätzen die Essenz einer Situation zu beschreiben. So beginnt ihre Erzählung „Haven“ mit einer Bemerkung über die Haarlänge der Dorfjugend. Es waren die Siebziger, die Haare waren länger, aber längst nicht so lang, dass wirklich jemand Anstoß nehmen konnte.  Dieses Detail setzt den Ton für den Rest der Geschichte: es gibt keine Revolution, nicht mal eine offene Konfrontation, sondern höchstens feine Risse in erstarrten Strukturen.

 Mit oder ohne Nobelpreis ist Alice Munro eine lupenreine Literatin, motiviert durch ihre Lust am Erzählen und dem Format der Kurzgeschichte. Ihre Worte erinnern an verblichene Fotografien, die zwar etwas Verlorenes zeigen, auf denen der Zauber des Moments aber noch zu erahnen ist. Vielleicht ist dies ein seltener Fall von perfekter Arbeitsteilung zwischen einer Autorin und ihren Figuren: Viele Protagonisten scheinen kalt und emotional blutarm, doch die Märchenleserin Alice Munro besitzt genug Magie, um voll Wärme von ihnen zu erzählen.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Alice Munro.

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Schlaraffenland

In letzter Zeit habe ich ein Händchen für Bücher, die mich begeistern. Nach Navid Kermani hat mich nun Stevan Paul mit seinem Schlaraffenland enthusiasmiert. In dieser besagten Kombination kommen, ich darf kurz persönlich werden, meine drei Hauptleidenschaften zusammen: Kermani für die Musik, Paul für das Kochen und Essen und alle beide in gedruckter Form.

Stevan Paul ist gelernter Koch, kann also (wahrscheinlich) kochen, einer der Foodblogger in Deutschland, kann also (wahrscheinlich) schreiben und außerdem Foodstylist, Rezeptentwickler und Kochbuchautor, kann also (wahrscheinlich) auch nette Rezepte an seine Geschichten anhängen.

stevanpaulschlaraffenlandAuf Empfehlung hab ich mir nun sein Buch Schlaraffenland zugelegt, dass den Untertitel Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe trägt. Klingt nach einer ziemlich bunten Mischung und ist es auch! In 15 Kurzgeschichten nähert sich Paul in mannigfacher Weise dem Thema Kochen und Essen aus Sicht eines Professionellen (nicht das was ihr jetzt denkt!): Kellner, Lehrlinge, Chefköche, arbeitslose Köche, Restaurantkritiker und Foodblogger, aber auch dessen, der sicher die Zielgruppe dieses Buches ist – der kulinarisch Begeisterte und Begeisterungsfähige. 15 Kurzgeschichten, von denen man, wie sollte es anders sein, einige etwas mittelmäßig, eine sogar recht langweilig finden kann, ein paar aber überwältigend gut sind.

Von diesen möchte ich zwei herausgreifen, die meiner Meinung nach die ausufernde Welle des Foodpornos und der Küchennazis treffen charakterisieren.

Der von Magenproblemen geplagte Restaurantkritiker Georg Berger ist das Spitzenküchenbrimborium leid. Er mag keine Foie Gras mehr sehen, er mag sie schon gar nicht mehr in Kombination mit Apfel und Brioche und auch nicht als ersten Gang eines 12-Gänge-Menüs. Er sehnt sich nach Handwerkskunst, die sich gerne mit Kreativität paaren darf, so wie der Griesbrei seiner Frau, dem Einzigen was an schlimmen Tagen sein Magen noch verträgt. Dass Berger selber gar nicht kochen kann, seine beißenden Kritiken Jungköche aber ins berufliche Abseits stoßen können, zeigt dagegen auch die Perversion von der anderen Seite.

Der von seinem Nachbarn (Küchen-, Vegetarier- und Bionazi) genervte Foodblogger Niklas Bär kommt, aus Liebe zu seiner Frau in die Verlegenheit Hackfleisch aus dem Supermarkt zu kaufen und bei einem gemeinsamen Abendessen mit dem, ebenfalls bloggenden, Weltverbesserungsnachbarn kommt es zum Eklat. Nach den umfänglichen Vorbereitungen in Verstecken von Mikrowelle, Instant-Gemüsebrühe und Soßenbinder und dem Herausstellen von Edelolivenölen, geraten die beiden Alphatiere aneinander. Das Streitgespräch zwischen dem ehrlich authentischen Niklas Bär, der versucht immer häufiger auf Fleisch zu verzichten, bio, regional und nachhaltig kauft (“den ganzen Schlagwörterkatalog”) und doch zugeben muss, dass er es neben einer normalen Arbeit nicht immer auf den Wochenmarkt schafft. Schließlich müssen Niklas und der Leser einsehen, dass man eben nicht alles richtig machen kann: Lebt man vegetarisch bleiben doch wieder die Verfehlungen durch Flüge in den Urlaub, das jährlich neue Smartphone und die 8000 Liter Wasser, die für die Designer-Jeans draufgingen. Der Nachbar bleibt leider uneinsichtig und tritt einen Shitstorm los, in dem die Blogreputation Niklas’ den Bach runtergeht.

Stevan Paul schreibt nicht nur unglaublich gut, sondern verfällt bei aller Leidenschaft nicht in den sonst oft nervigen Foodvoyeurismus. Statt mit Produkten und Techniken zu prahlen, erzählt Paul Geschichten von Menschen, die eine Passion für das Kochen und Essen haben. Dass dies nicht ganz ohne Namedropping auskommt, versteht sich von selbst, ist aber immer in angenehmem Rahmen. Seine offene Art entlarvt nicht selten auch die Perversionen, die inzwischen in Teilen des Gastrogewerbes und dem gesamten Umfeld Standard sind. So geht es z.B. auf den meisten Foodblogs nicht mehr nur um das Prahlen mit Zutaten, sondern auch mit eigenen Fertigkeiten und Weltverbesserertum, statt um die Liebe, die Paul transportiert.

Zu dieser Leidenschaft des Kochenden, kommt die Leidenschaft des Mairisch Verlages, der dieses Buch in einer sehr sehr schönen Ausgabe vorlegt. Paul fügt jeder Kurzgeschichte noch ein Rezept eines in der Geschichte vorkommenden Gerichts an.

Ein durch und durch gelungenes Buch für jeden Leser der das Kochen liebt und Interesse an den Menschen hinter den Töpfen hat. Manche Geschichten habe ich bereits wiedergelesen.

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Frühling der Barbaren

Bereits zum dritten Mal muss ich diese Rezension beginnen; zum dritten Mal bin ich unschlüssig – so stark der Nachhall dieses Buches. In der Zeit habe ich gelesen, dass Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher ein ach so vielversprechendes Debüt sei, eine Novelle, die endlich mal aktuelle Probleme behandelt, nicht wieder irgendein schwülstiger Nonsense-Roman eines aufstrebenden Wortverdrehers.

Jonas_Lüscher_Frühling_der_Barbaren

Wir befinden uns auf einem Spaziergang mit dem Erzähler und Preising, einem reichen Mann aus der Schweiz. Das Geld ist geerbt; Grundlage die Firma seines Vaters, von deren Technik er nichts versteht und nur durch einen findigen Radiotechniker vor dem Bankrott gerettet wurde. Eben dieser Mann berichtet dem Erzähler und uns von einer Reise nach Tunesien. Ein Luxusressort wie sie für die Reichen und Schönen dieser Welt gebaut werden, die zwar die Schönheiten der Wüste möglichst authentisch und aus der Nähe kennenlernen wollen, in beduinischer Einsamkeit aber auf frisch-duftende Handtücher und 5*-Service nicht verzichten wollen. So trifft sich, dass die Ausgeburt der Urlaubshölle, das Klischee des champagner-schlürfenden und doch proletarischen Urlaubers in René Lezard-Anzug – der Engländer – mit ihm in der Wüste weilt. Die sympathische Lehrerin, die er kennenlernt, ist nur ein Teil der 70-köpfigen Hochzeitsgesellschaft ihres Sohnes; alles neureiche Banker, Jüngelchen von nicht mal 30, die bereits im Monat mehr Geld verdienen als der bemitleidenswerte Vater der Braut. Doch mitten in die Dekadenz der Juppies bricht der Staatsbankrott Englands und als man am Morgen erwacht ist man nicht nur arbeitslos, sondern auch pleite und kann die zurückliegenden Freuden nicht mehr bezahlen.

Gibt es das denn? Jonas Lüscher erzählt auf knapp 130 Seiten mehr Geschichten als andere auf 300, mehr Charaktere, mehr Abgründe – mehr mehr mehr! Die erzählte Wirtschaftsphantasie wirkt in keinem Moment aufgesetzt. Die Charakterisierungen der nouveau riche sind so entwaffnend, wie treffend und ehrlich. Trotz des sehr aktuellen Plots tat Lüscher wohl recht daran das Thema nicht auf Romangröße aufzublasen, denn auch wenn man sich während der packenden Lektüre mehr Seiten wünscht und bedauernd auf die wenigen noch zu lesenden blickt, ihre Kraft erzeugt die Kürze und besonders die Drastik und das Drama des Finales wird hierdurch verstärkt und besonders eindrücklich.

Ja, die Zeit hat also recht. Frühling der Barbaren ist ein sehr vielversprechendes Debüt und warum müssen es immer Romane sein? Hier handelt es sich eindeutig um Klasse statt Masse: eine Novelle, die den Zeitgeist trifft. Jonas Lüscher – ich behalte Dich auf dem Schirm!

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Die Technik des Abstrusen

Nach dem Abi und bis in die ersten Semester meines Studiums war ich hart im Nehmen: Becketts Molloy, Koeppens Treibhaus und Wondrascheks Kelly Briefe sind nur drei Beispiele für Bücher, die ich heute wahrscheinlich abbrechen würde. Dabei handelt es sich, zumindest bei den ersten beiden, um Werke, die die Literatur nachhaltig geprägt haben; Koeppen jedenfalls die im Deutschland der Nachkriegszeit. Aber keines dieser Bücher ist einfach zu lesen, meistens habe ich mich gequält und kann bei den letzten beiden nicht mal mehr sagen worum es ging (bei Treibhaus springt am Ende ein Politiker von der Brücke glaube ich). Weiterlesen Die Technik des Abstrusen

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