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Kategorie: Erzählungen

Julia Bachstein (Hg.): Katzenleben. Neueste Katzengeschichten aus aller Welt

„Die Katze (Felix blandus susurrans) ist das streichelbarste Wesen im Universum.“ (S. 147), so beginnt Rudy Kousbroek seine Erzählung „Der Vertrag“ in der Anthologie „Katzenleben“ aus dem Schöffling-Verlag. Wer schon mal eine Katze gestreichelt hat, weiß, dass das wahr ist. Genauso wie es wahr ist, dass Katzen perfekt zu Buchhändlern passen (s. dazu die hier enthaltene Erzählung von William Darling: „Des Buchhändlers Katze“) und dass das Zusammenleben mit einer Katze zwar oft ärgerlich, aber irgendwie auch unaufkündbar ist, wenn man mal damit angefangen hat (s. dazu: Zhang Jie: „Die Katze, die keine Mäuse fängt“).

Diese und viele andere Wahrheiten über Katzen, Menschen und das Zusammenleben beider wurden hier in kurze Geschichten und Gedichte verpackt und zwischen zwei Buchdeckel gebracht: „Katzenleben“, herausgegeben von Julia Bachstein, enthält 35 Erzählungen und Gedichte über Katzen von renommierten Autorinnen und Autoren aus aller Welt wie Elke Heidenreich, Karin Kiwus, John Steinbeck, Karel Čapek, Françoise Sagan, Thomas und Jane Carlyle. Hier wird vom Glück des Kleinen, Alltäglichen (John Steinbeck: „Zum liebenswürdigen Floh“) erzählt, hier gibt es eine Fabel auf die, die nie genug bekommen können (Jaroslav Hašek: „Vom eingebildeten Kater Bobeš“), man sieht die Welt aus den Augen der Katze, erfährt von ihr als Symbol für Fruchtbarkeit und Eros, man liest vom Unverstand der Menschen, von allzu Menschlichem und von Tierischem. Und man lernt lesend mit Cíntia Moscovich „den sanften und neuen Instinkt, für Dinge, die von anderen stammen, Liebe zu empfinden.“ (S. 35) Es ist vermutlich eine banale Erkenntnis, aber wenn man Tiergeschichten liest, erfährt man mehr über Menschen und die Menschenbilder der Autorinnen und Autoren als über Tiere – so ist das auch hier, bei diesen Katzengeschichten.

Die meisten Erzählungen haben mir wirklich gut gefallen, wie das bei einer Sammlung mit Erzählungen eben so ist, haben einzelne mir auch nicht gefallen, kam in einzelnen die Figur der Katze nur am Rande vor, aber ganz deutlich überwiegend halte ich „Katzenleben“ für eine gelungene Anthologie mit vielen wirklich schön zu lesenden Geschichten. Falls ihr jemanden kennt, der Katzen und Literatur mag (und wer könnte beides nicht mögen?): Das hier ist das perfekte Weihnachtsgeschenk.

[Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Wer Katzengeschichten mag, mag vielleicht auch:

  • Für Katzenfreunde: Eugen Ruge: Cabo de Gata, Rororo
  • Für Hundefreunde: Daniel Kampa (Hg.): Die schönsten Hundegeschichten, Diogenes

(Beitragsbild von Mikhail Vasilyev auf unsplash.com)

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Julian Barnes – Am Fenster

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Das Cover eines doofen Buchs

Julian Barnes und ich haben es nicht einfach miteinander. Der geiernasige Engländer hat mir in Before she met me gezeigt, wie man die bereits auf dem Klappentext enthaltene Story ohne Entfaltung neuer Motive oder irgendwie gearteter Facetten auf 200 Seiten auswalzt oder wie man Trauer mit Heißluftballonfahrten verbinden kann (kann man nicht oder nur schlecht). Trotzdem haben Julian und ich es noch einmal miteinander versucht, nach Roman und Kurzgeschichte nun mit Essays. Die besten Freunde werden wir aber nicht mehr werden.

Die Sammlung “Am Fenster”, von hinten gelesen, beginnt ziemlich schnarch (so sagen junge Menschen, wenn sie etwas langweilt). “Ein Leben mit Büchern” ist die Entwicklungsgeschichte des kleinen Julian zu einem lesenden Menschen, eine persönliche Geschichte über die Bibliomanie und die Suche nach neuen Schätzen. Mein Missfallen gründet sich hier darin, dass von autobiographischen Informationen einmal abgesehen, der Erkenntnisgewissen für den Konsumenten recht gering ist. Diese Leserbiographien hat doch jeder schon tausendfach gelesen. (Häufig enthalten: Wir hatten nicht viele Bücher, deswegen habe ich alles gelesen, was ich ergattern konnte etc. pp.)

Kurze Zusammenfassung: Früher ist Julian mit dem Auto rumgebrummt, heute bestellt er sich Bücher im Internet, weil alle Läden geschlossen haben, das findet er aber gar nicht so schlecht, weil er so leichter nach vergriffenen Titeln und seltenen Ausgaben suchen kann. Er glaubt nicht, dass das eBook das gedruckte Buch ersetzt. Lesen ist toll.

Barnes in nuce

Genug gespottet, hinein ins Konkrete. Barnes lenkt den Fokus in den meisten seiner Essays auf Schriftsteller abseits des Mainstream, Penelope Fitzgerald (nicht verwandt/verschwägert mit Francis Scott), Ford Madox Ford oder die hier kaum bekannte Lorrie Moore. Dies ist ein zu lobendes Unterfangen und wird vom Betreiber dieses Blogs ausdrücklich gebilligt. Beginnt JB dann allerdings seinen Essay über Edith Wharton mit

Romane bestehen aus Wörtern, gleichmäßig und demokratisch über die Seiten verteilt…

oder den über Lorrie Moore mit

Lorrie Moore ist gut darin, schlechte Witze zu machen.

hat man alles was ich an Barnes nicht mag in a nutshell, da versöhnt mich auch kein hehres Ziel. Ein Festtagsredner beginnt so, hat er kein schmissiges Gedicht gefunden. Der Einstieg soll heiter sein und dann wird das ganze Leben des Jubilars perpetuiert. [“Hah!”, sagt der aufmerksame Leser, “so fängst Du doch immer Deine Rezensionen an 54books-Mensch.” – Quatsch, das ist ironisch!] Die Essays mäandern nach diesen eleganten Einstiegen irgendwo zwischen hübsch erzählter Geschichte und seichter Geschwätzigkeit. Fraglos hat Barnes eine hervorragende Kenntnisse von Literatur und einen stellenweise erlesenen Geschmack, aber dieses Aphorismenhafte seiner Sprache hat in dem Genre, das alle als gerne als “kluge Essays” loben, nichts zu suchen, es stört mich bis zum Überdruss.

Wer ein großartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.

Soll ich mir das auf ein Kissen sticken? [Quatsch, habe ein tolles Sonnenuntergangsbild daraus gemacht!!]

Hier, das kann man aus Am Fenster gut zitieren:

Meine Begeisterung für Mösen ist einer meiner letzten wirklich menschlichen Züge.

das ist allerdings von Michel Houellebecq, nicht von Barnes. Das lässt tief blicken.

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Lebensstufen – Julian Barnes

722Michael Maar hat eine hohe Meinung von Julian Barnes und ich eine hohe Meinung von Michael Maar, daher habe ich nach Als sie mich noch nicht kannte (okes Buch) nun auch das neuste Werk Lebensstufen gelesen. Die hymnischen (F.v. Lovenberg in der FAZ) oder völlig aussagefreien Besprechung kann ich nicht nachvollziehen. Die vorgeschaltete Geschichte der Ballonfahrt und der Liebe zwischen Fred Burnaby und Sarah Bernhardt taugt nicht mal als schön erzählte Parabel (für was? die Liebe?) und das anschließende Klagelied Barnes’ auf seine verstorbene Frau verkommt zu einer wehleidigen Selbstbetrachtung. Mir soll keiner vorwerfen ich sei ein gefühlloser Trampel, aber die Litanei auf die Verstorbene erscheint mir zum Teil derart intim, dass ich sie nicht lesen möchte und dann wieder derart alltäglich, dass sie für mich keinen Mehrwert hat. Ich will den Schmerz des Einzelnen nicht klein reden, und speziell nicht den von Julian Barnes, aber die Trauer hätte er mit sich und den ihm Nahestehenden ausmachen sollen, Geld sollte man nicht dafür bezahlen.

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Harry Graf Kessler, Xaver Bayer und Daniel Kehlmann im Juni 2015/1

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Harry Graf Kessler, Tagebuch eines Weltmannes – Ulrich Ott (Hrsg.)
Knapp zehn Jahre ist es her, dass man sich Leben und Werk Harry Graf Kesslers kaum fundiert nähern konnte. Die schwer zu transkribierenden Tagebücher, weil wohl in winziger Krakelschrift, nur in einer Auswahl erhältlich, keine seriöse Biographie auf dem Markt, überall waren nur Schnipsel dieses großen, übervollen curriculum vitaes* zu erhaschen. Die beste Einführung gab bis vor einer Dekade der von Ulrich Ott herausgegebene Katalog zur Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach von 1988. Am heutigen Tag gibt es zwei ernstzunehmende Biographien, eine bei Klett-Cotta erschienen (inzwischen aber auch wieder vergriffen und nur antiquarisch zu bekommen), eine im Siedler Verlag (im Ergebnis umstritten, aber von FJR gelobt) und die grandiose auf neun Bände angelegte Edition seiner Tagebücher, in denen, wie man sagt, circa 40.000** Zeitgenossen auftauchen. Scheut man aber deren 7000-seitige Lektüre oder die einer umfassenden Biographie, so bleibt der Marbach-Katalog ein wunderbar bebilderter Einstieg.

Die damalige Ausstellung, so der Herausgeber, gehört nur scheinbar zu jenen, deren Thema durch das Leben und Werk einer einzelnen Person umschrieben ist. Wohl bildet dieser Mann den Mittelpunkt, den Schnittpunkt aller Linien, doch in Wirklichkeit wird durch ihn eine europäische Epoche sichtbar, fast Tag für Tag dokumentiert in den Aufzeichnungen seines Lebens, das in einem eigenen Sinne an den Knotenpunkten stand, von denen die Stränge zum Neuen ausgehen. Kessler war weder eigentlich Politiker noch Künstler, aber in seinen unendlichen Beziehungen ein ganz politischer, ganz in der Wirksamkeit für Kunst und Literatur stehender Mensch, homme de lettres in einem in Deutschland sonst kaum vertretenen Typus.

Tagebuch eines Weltmannes ist ebenfalls nur noch antiquarisch zu erhalten, aber mit einem Preis von 10-25 Euro zu einem erschwinglichen Preis, den es auszugeben lohnt.

*Extra nachgesehen: müsste der richtige Genitiv sein.
**Eine kleine, interessante Darstellung Kesslers Netzwerk gibt es dazu  hier.

1Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich – Xaver Bayer

Was gäben wir dafür zu wissen, wer wir sind.

Eines der eindrucksvollsten Bücher meines bisherigen Jahres und unmöglich zu beschreiben. Zum einen weil es in Geheimnisvolles Knisten aus dem Zauberreich keinen roten Faden, keine Geschichte im eigentlichen Sinne gibt, zum anderen weil Xaver Bayer in einer leichten Sprache über ernste Themen hinweggleitet, erst beim zweiten Blick die Tragik des Erzählten offengelegt wird. Miniaturen von manchmal gerade einer halben Seite und alle stecken voller Schönheit und Geschichten, die große Erzählkunst in wenigen Sätzen riesige Szenen zu bannen beherrscht Xaver Bayer bis zur Meisterschaft und ganz nebenbei gelingen ihm dabei aphoristische Wunderbarkeiten. Ein grandioses Buch voller tiefgründiger Schönheit! Unbedingt lesen!

daz4edKommt, Geister – Daniel Kehlmann
Die Tradition der Frankfurter Poetik-Vorlesungen ist eine wunderbare. Uwe Johnson, Heinrich Böll, natürlich Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Koeppen, Dürrenmatt, Grass, Jens* referierten über die deutsche Literatur. Nun also auch Daniel Kehlmann dessen Vorlesungen in hübscher Ausgabe bei Rowohlt erschienen sind.

Völlig außer Frage steht bei Kehlmann dessen kluger Kopf, ein Großfeulletionist, der leider momentan zu wenig in Zeitungen veröffentlich. Bereits sein Band Lob mit gesammelten Essays und Rezensionen zeigte deutlich wie treffend und klar der Bestsellerautor analysieren und schreiben kann. Das ewige Loblied auf die unsägliche Vermessung der Welt verklärt einen der Intellektuellen dieses Landes leider zu einem Unterhaltung-mit-Niveau-Schriftsteller.

Peter Alexander dient dabei dem Dozenten als Türöffner, um über große Literatur zu sprechen und im wilden Ritt in fünf Vorlesungen durch die Geschichte zu reiten. Shakespeare und Tolkien, Grass und Grimmelshausen – was der Journalist und Essayist Kehlmann anfasst gelingt, anders als es dem Autor von Romanen manchmal vergönnt ist.

*Die Lewitscharoff Vorlesungen Vom Guten, Wahren und Schönen sind auch sehr zu empfehlen, garantiert ohne Rüpeleien über zwittrige Reagenzglaskinder und hässliche Menschen im Sommer.

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Hilary gegen Haruki und Mantel gegen Murakami

Manchmal packt es einen oder nicht.

Hilary Mantel gewann sowohl mit Wölfe als auch mit Falken, ihren historischen Romane über England unter Heinrich VIII. und Thomas Cromwell, den Booker Prize. Eine hohe Auszeichnung in einem Genre, das sonst eher auf Wühltischen stattfindet. Um diese derart dekorierte Autorin kennenzulernen, ohne gleich 1300 Seiten Historienschmöker lesen zu müssen, versuche ich ihren Kurzgeschichten Band Die Ermordnung Margaret Thatchers.

Ich beginne also mit Der Besucher und weiß nach den 24 Seiten der Geschichte irgendwie nicht so recht, was ich da gerade gelesen habe. Eine Frau ist mit ihrem Mann aus (seinen) beruflichen Gründen nach Dschidda in Saudi-Arabien gezogen und freundet sich mehr oder weniger mit einem Mann an, der bei ihr klingelt umzu telefonieren. Eigentlich mit einer Konzentration ausgestattet, die es mir erlaubt auch mehr als zwanzig Seiten am Stück zu lesen, merke ich doch am Ende, dass ich von der Geschichte nichts so richtig mitbekommen habe, zwischendrin bin ich wohl zu oft abgeschweift. Nichts an der Geschichte hat meine Aufmerksamkeit so richtig aufrechterhalten können. Kann natürlich passieren, mag man das Sujet der Geschichte nicht, ich bin kein Wüstenmensch (genauso wenig ein Schnee-Typ). Aber auch die nächste Geschichte plätschert an mir  vorbei, ich kann von keiner der Geschichten über den Inhalt referieren, habe aber doch jede zumindest angelesen. Sowas ist mir lange nicht passiert. Ich könnte nicht mal von dem Buch abraten, weil es einfach an mir vorbeiging (was natürlich schwerlich als Empfehlung gelten kann). Also erstmal keine Hilary Mantel mehr für mich, trotz Booker Prize.


Besser soll es danach Haruki Murakami, der ewig verhinderte Nobelpreisträger, mit Von Männern, die keine Frauen haben machen. Bereits dem Umschlag gebührt hier schon mehr Aufmerksamkeit als der bloßen Tasche der eisernen Lady. Auf das weiße Cover selbst ist nur die schwarz-weiße Silhouette eines Mannes gedruckt, Farbe und Frauengestalt sowie den Text, bringt erst ein aus dicker Folie bestehender zweiter Einband.

Marakami schafft es im Gegensatz zu Mantel bereits in der ersten Beatles-Zitat Geschichte Drive my Car mich zu interessieren. Ein verwitweter Schauspieler erzählt seiner Fahrerin wie er erfuhr, dass seine Frau ihn betrog und wie er gelernt hat damit umzugehen und nach ihrem Tod immer noch damit umzugehen versucht. Und auch im anschließenden Beatles-Zitat Yesterday versucht ein (hier) junger Mann die Beziehung zu seiner Jugendliebe zu ergründen, die Verwicklungen zu verstehen und die Eifersucht auf andere Männer, die ihr nahe kommen oder kommen könnten zu bewältigen. Sowieso dreht sich eigentlich jede Geschichte Murakamis um das (sexuelle) Gefüge zwischen Mann und Frau und Herr M. schafft Stories, die mich unterhalten und ich mit Freude weiterlese, über das abrupte Ende rätsel oder schöne Passagen mehrmals wiederhole. Kinos Bar handelt von verletzten Frauen, rätselhaften Gästen, Betrug, Flucht und Mafia. Auch Scheherazade scheint sich um ähnliche Themen zu drehen, als wäre sie das Negativ der nachfolgenden Geschichte und auch wenn man Murakami das Kreisen um das immergleiche Thema vorwerfen könnte, schafft er es aus diesem immer neue Aspekte zu kitzeln, Alltägliches und Abseitiges.

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can’t and won’t

Ich habe einfach kein Interesse daran, dieses Buch zu lesen. Ich hatte auch kein Interesse daran, das letzte, das ich zu lesen versuchte, zu lesen. Ich habe immer weniger Interesse daran, eines der Bücher zu lesen, die mir gehören, obwohl sie vermutlich einigermaßen gut sind.

Was ist das für ein Buch, das bisher so gänzlich übersehen und -hört wurde, geht es nur mir so? Oder kennen Sie Lydia Davis: Man Booker International Prize 2013, eine der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur (The New Yorker), Übersetzerin von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Flauberts Madame Bovary ins Englische, never heard of. Für solche Entdeckungen gibt es zum Glück die Hotlist (gesonderter Artikel folgt), auf der in diesem Jahr Kanns nicht und wills nicht von eben dieser Dame stand. Ich habe immer Interesse daran Bücher zu lesen, die vermutlich einigermaßen gut sind. Lydia Davis aber ist etwas ganz besonderes.

In Ich fühle mich ziemlich wohl, könnte mich aber ein wenig wohler fühlen führt Davis dem erst etwas verwirrten Leser und Erste-Welt-Menschen vor Augen, auf welch hohem Niveau er jammert. Der einfache Trick der Autorin mit großen Absätzen zwischen Wehklagen wie “Ich bin müde.” oder “Dieses Pesto lässt sich nicht gut vermengen.” lässt diese sacken, macht die Nichtigkeiten unserer Malaisen fast körperlich spürbar, wenn man sich nach fünf Seiten Kinderkram bewusst wird, wie gut es einem geht. Genervt blickt man von der Lektüre auf und schämt sich dann ein bisschen in sich hinein.

Lydia Davis spielt mit Alltagsbeobachtungen und -gefühlen. Schätzt das Alter der Leute, die im Zug an ihr vorbeigehen und wundert sich, sie transkribiert ihre Träume, schreibt Briefe Flauberts um und schmilzt manchmal eine Szene, eine kleine Geschichte in einen Satz ein. Dann schreibt sie humorvolle Briefe an einen Tiefkühlerbsenproduzenten oder erkundigt sich nach Preisen für Pfefferminzbonbons. Selbstverständlich finden sich in einer Sammlung von knapp 100 Geschichen auf 300 Seiten auch solche, die nicht zünden wollen. Die Methode Davis’ ihre Erzählungen zum Teil auf die kleinste noch mitteilbare Form zu verkürzen, birgt vielmehr die Gefahr den Leser nicht zu erreichen, als eine detaillierte, doch die meisten Kurz- und Kürzestgeschichten funktionieren so gut, sind so harmonisch konstruiert, dass man begeistert immer mehr dieser Fetzen haben möchte.

Eine in Gedichtform gesetzte Spammail – oder soll es gar ein Liebesgedicht sein? – die Verzweiflung auf der Suche nach einem Buch, das die Lektüre wert ist (siehe oben und unten) oder die Reflexion über den Sinn des Schreibens. Nach mancher halben Seite fragte ich mich, wozu ich noch Romane lese, wenn diese Frau es schafft mit fünf Sätzen Welten zu entwerfen, Situationen zu schaffen und mich gleichzeitig zum Nachdenken bringen zu können. Aber man soll nicht so oft Genie sagen!

Die Bücher, von denen ich rede, sind angeblich einigermaßen gut, aber sie interessieren mich einfach nicht. In Wahrheit mögen sie um einiges besser sein als bestimmte andere Bücher, die mir gehören, aber manchmal interessieren mich die Bücher, die nicht so gut sind, mehr.

Dieses Buch ist großartig, bitte interessieren Sie sich dafür! Auch wenn sich der (zugegeben schwer zu übersetzende Originaltitel) nicht 1:1 ins Deutsche übertragen lässt und etwas an Zauber einbüßt: interessieren Sie sich nicht nur, lesen Sie Cant’t and won’t/Kanns nicht und wills nicht von Lyria Davis!

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Ausstieg im Kleinen

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www.mairisch.de

Florian Wacker hat es schwer bei mir. In meiner momentanen Kurzgeschichtenphase muss er sich mit Raymond Carver, John Cheever und, der zu Recht hochgelobten Ebenfalls-Debütantin, Karen Köhler messen. Dazu lädt ihm der mairisch Verlag im Klappentext William Faulkner und Richard Yates auf die Schulter. Die Latte liegt hoch.

Jede Geschichte von Florian Wacker dreht sich um den Ausbruch aus dem Alltag, selbst- oder fremdbestimmt. Der Bahnfahrer folgt Füchsen und wacht in einem fremden Bett auf, die Mutter will ihre Tochter in den Kindergarten fahren und biegt doch auf die Autobahn Richtung Meer ab. Jeder Figur wird auf rund fünfzehn Seiten ihr Leben auf den Kopf gestellt, dass dann doch meist in altbekannten Bahnen weitergeht, am nächsten Tag ist ja wieder Maloche.

Es sind immer einfache Menschen, die häufig nicht richtig wissen wie ihnen geschieht. Es sind Menschen wie Du und ich. Bauarbeiter, Altenpflegerinnen und Anstreicher, unsere Nachbarn, der so berühmte Otto Normalverbraucher als Held einer Kurzgeschichte. Hier stimmt die Referenz zu den großen amerikanischen Erzählern, denn Wacker schafft es die Besonderheit von kleinen Alltagsmomenten einzufangen, den Zauber des Alltäglichen sichtbar zu machen und die Schönheit von leicht übersehenen Fähigkeiten, Schrullen und Liebenswürdigkeiten herauszustellen. Dass die Latte für Wacker dann doch etwas zu hoch liegt, liegt weniger an seinen mangelnden Fähigkeiten, sondern an der Meisterschaft der Referenzautoren. Wacker deutet aber mehrfach an, dass er das Zeug hat oben mitzuspielen. Wenn auch noch nicht jede Geschichte zieht, dürfte hier ein guter Beobachter und Erzähler sein erstes Lehrstück auf dem Weg zur Meisterschaft abgelegt haben. Yates, Carver, Faulkner und Co sind auch nicht als Meister vom Himmel gefallen.

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Wir haben Raketen geangelt

Hamburg ist auch ein Dorf, irgendwie. Denn trotz 1,8 Mio Einwohnern trifft man immer wieder “Bekannte”. So lernte ich bei einem Pub’n’Pub Stammtisch Daniel Beskos den Verleger des mairisch Verlages kennen. Nach dem offiziellen Teil tranken wir auf dem, natürlich – Hamburg ist eben ein Dorf – identischen Nachhauseweg, ein Freizeitgetränk und tauschten uns aus, von Alteingesessenem zu Neuhamburger. Ersterer erzählte mir u.a., dass seine Freundin im Sommer einen Band von Erzählungen bei Hanser herausbringen würde. Eben diese, Karen Köhler, wurde wenig später von Hubert Winkels zum Lesen anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt eingeladen. Die Tage der deutschsprachigen Literatur generieren zwar keine Mainstream-Berühmtheiten, aber bereits die Einladung schmückt die Vita des Gastes, mindestens der Sieger darf mit einem Umsatzplus rechnen.

Wir haben Raketen geangeltUmso tragischer, dass Karen Köhler nicht anreisen konnte, Windpocken verhinderten das Lesen, wenn nicht das Kassieren des Preises inklusive Aufmerksamkeit. Denn mit ihrem Können hätte sie in die vorderste Reihe gehört, wie nun Wir haben Raketen geangelt eindrucksvoll beweist.

In Cowboy und Indianer freundet sich eine deutsche Touristin auf der Durchreise mit einem Indianer an, die beiden retten sich gegenseitig das Leben, pfeifen Enter Sandman und sie verarbeitet, das kunstvoll eingeflochtene Vergewaltigungstrauma ihrer Jugend. Polarkreis erzählt eine Trennungs- und Liebesgeschichte in kurzen Schnipseln und siebzehn Postkarten. Diese ersten beiden Geschichten, in meiner Ausgabe fehlt Il Comandante noch, weil für besagten Wettbewerb zurückgehalten, belegen bereits das Können der jungen Autorin.

Aber mit Name. Tier. Beruf. haut sie mich um. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle er ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen.

Ich glaube, du bist hergekommen, um deinen verfickten Preis zu feiern und uns zu zeigen, wie provinziell wir alle sind, und wie geil du bist, weil du es zu etwas gebracht hast.

Karen Köhler Foto: © Julia Klug
Karen Köhler
Foto: © Julia Klug

Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene könnte zu einer ziemlichen Standardgeschichte verkommen. Karen Köhler vermag es jedoch Kleinigkeiten in die Szenen zu zaubern. In diesen liegt dann aber die Spannung der Erzählung, in den Details die Schönheit jeder ihrer – und besonders dieser – Geschichten.

Fast jede Erzählung kreist um das Verlassenwerden und doch nimmt jede andere Facetten auf. Die Auflösungen kommen überraschend ohne aufgesetzt zu sein. Man braucht etwas Atem und Geduld die Schönheit jeder Geschichte zu würdigen, muss sich auf kleine Experimente mit Text und Erzählformen einlassen. Einen Roman diesen Stils hätte ich vielleicht in Ungeduld nicht beendet, nun weiß ich, dass Karen Köhler Ausdauer belohnt. Auch ein umfangreicheres Werk würde ich nach dieser Leseerfahrung sofort kaufen und lesen, weiß ich doch nun wofür dieser Name steht: vielversprechende junge deutsche Literatur, die eines Bachmann-Preises würdig gewesen wäre.

Wer mit Il Comandante, dem für den Bachmannpreis vorgesehen Text, einen Leseeindruck von Karen Köhler bekommen möchte, kann das hier tun.

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Meine Straße

Siegfried Lenz und ich sind Neu-Hamburger; er als er 1951 herzog, ich heute. Wir sind, in seinem Fall besser waren, Zugezogene in einer Stadt, die sich selbst als schönste Stadt der Welt bezeichnet, einer in welcher der Schmuddel von St. Pauli auf die weißen Direktorenvillen an der Alster trifft, der derbe Hafenarbeiter auf den pikfeinen Großbürger. Mich hat Hamburg, ohne es zu merken, herzlich aufgenommen, ein reiches Kulturprogramm, eine bunte Szene auf der Schanze und in Eimsbüttel (passenderweise wohne ich auf der Grenze der beiden Stadteile), ein Elbjazz Festival, verschiedene Konzerte und bereits viele unverhoffte Treffen mit interessanten und netten Menschen in den ersten zwei Monaten, viel mehr braucht es nicht, um mich fürs erste zu überzeugen. Und doch merkt auch der Zugezogene schnell, dass es in dieser Stadt brodelt. Gentrifizierung und Grabenkämpfe um die Rote Flora, ständiges Verkehrschaos und die bräsige Zufriedenheit mit dem status quo, vor allem aber die Kluft zwischen Arm und Reich in einzelnen Stadtteilen.

Besonders eklatant wird dieser nun durch die Politik herausgestellt: in der Sophienstraße in Harvestehude soll ein Asylbewerberheim angesiedelt werden und die gutbetuchten Anwohner laufen Sturm, mal offen fremdenfeindlich, mal unter dem Deckmantel des Schutzes der armen Armen, die sich einem solchen Überfluss des Luxusses ausgesetzt sehen, nicht mal einkaufen können. Außerdem werde doch Neid geschürt, Diebstähle und Raubüberfälle würden die logische Folge sein.

Statt diese Entwicklung, die Argumente der Gegner und Befürworter politisch bewerten zu wollen, will ich lieber von einer 40 Jahre alten Geschichte berichten, die sich auch ins Heute übertragen ließe. Vielleicht bringt sie die einen zum Schmunzeln über “Die da oben” und die anderen zum Umdenken und etwas Selbstironie

9783455404883Passenderweise saß ich im Haynspark an der Alster als ich die Erzählung Meine Straße von Siegfried Lenz aus Die Flut ist pünktlich las. Im Jahr 1973 suchte Siegfried Lenz in Hamburg eine neue Wohnung. Jedes Viertel wäre ihm recht gewesen, nur nicht der Elbvorort, diese Luxusgegend Othmarschen, in der er heute wohnt. Schon damals war Lenz gefeierter Autor, Deutschstunde war bereits erschienen, ebenso viele seiner berühmten Kurzgeschichten. Als Lenz nun in das neue Viertel zieht, muss er sich dieses, vor allem die neue Nachbarschaft, erst erschließen, nur langsam kommen er und seine Frau an: doch wer unsere Nachbarn wirklich waren, das erfuhren wir lange nicht. Aus der Draufsicht des Fremden in diesem Viertel beschreibt Lenz die Gegend, beobachtet die Menschen und kauft beim Fischsalon oder beim Milchmann ein. Erst nach sechs Jahren lernt das Ehepaar Lenz die ehemaligen Prokuristen und Direktoren einer Zigarettenfabrik wirklich kennen, die um sie herum wohnen, den Zahnarzt und die verwitwete Inspektorenfrau, die überaus reizende dänische Frau eines hervorragenden Müllverbrennungsspezialisten. Lenz analysiert den Sperrmüll vor den Villen und staunt über die Größe der Geldscheine, mit denen hier bereits die Kinder zahlen.

Die Beobachtungsgabe des Ostpreußen Lenz, die bereits aus diesen zwanzig Seiten heraustritt, ist das Geheimnis seiner vielen Erzählungen und Kurzgeschichten. Das Besondere an Meine Straße ist der Humor, ohne offene Bösartigkeit wird sich über die Nachbarn echauffiert und ihr Dünkel enttarnt. Der Autor ist so sympathisch, weil er offensichtlich nicht dazugehört und das auch nicht will, er beobachtet nur. Er frotzelt, aber er ist nicht neidisch.

Die verläßliche Freundlichkeit der Gastarbeiter beeindruckt mich noch jedesmal. Sie sind allemal dabei, wenn in meiner Straße gebaut wird, wenn Leitungen verlegt oder repariert werden. Was müssen sie entbehren, wenn sie auf ein knappes Kopfnicken schon mit ausschweifender Freundlichkeit antworten? Wie muß ihnen die Straße vorkommen, in der Leute im Tennisdreß einkaufen oder, über den großen Onkel latschend, Reitkostüm und Gerte spazierenführen? Welche Gedanken erfüllen sie beim Anblick der teuren Rassehunde, die zwar keine Rolexuhren tragen, doch mitunter aufgeputzt sind, als gingen sie zu einem Hunde-Cocktail?

Man kann dem Menschenfreund Lenz nur wünschen, dass sein Asylgesuch in Othmarschen inzwischen positiv beschieden wurde oder er kann zu uns nach Eimsbüttel ziehen, wir haben ein Schlafsofa. Vielleicht können wir dann auch mal gemeinsam durch Harvestehude schlendern und eine besonders vielversprechende Villa für unseren ersten gemeinsamen Bruch auskundschaften.

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