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Kategorie: Erstling

Astronauten von Sandra Gugic

Die bevorzugte Bewegung des Astronauten ist das Schweben. Diese Art der Fortbewegung ist lautlos und schwerelos und Traumfabrikmaterial. Aber vielleicht ist es auch ein wenig träge, ein wenig dröge, ein wenig vorhersehbar, immer dieses Geschwebe, ohne jemals fallen zu können. Die Astronauten von Sandra Gugic schweben nicht. Sie trudeln, sie stolpern, sie taumeln und straucheln. Und aus sechs von diesen haltlosen Existenzen im Universum hat Sandra Gugic ein sehr lesenswertes Buch gemacht.

646In einem stickigheißen Sommer in einer Stadt, die sich nach Wien anfühlt, treiben die Protagonisten episodenhaft umeinander und aneinander vorbei. Darko und sein wutgetränkter Kumpel Zeno umgarnen die unnahbare Mara, die unaufhörlich Origami-Füchse faltet und eine Affäre mit dem taxifahrenden Schriftsteller Alen beginnt, der wiederum Darkos Vater ist und der sich von seinem Polizistenfreund Niko entfremdet, der wiederum immer wieder auf den Kleinkriminellen Alex trifft und sich dem Junkie unerklärlich verbunden fühlt. Dieser lose, höchstens blassrote Handlungsfaden wird abwechselnd in sechs Stimmen erzählt, sodass am Ende nicht wirklich etwas zusammenpasst, sondern sechs Ichs ihre zersplitterte Sicht auf etwas schildern, das man am Ende vielleicht ein gestrandetes Mutterschiff nennen kann.

Sandra Gugic schreibt in einer Sprache, die traumwandlerisch sicher die richtigen Stimmungen trifft und dem Geschehen in der Stadt und in den Köpfen immer mit einer lakonischen Distanz begegnet, der ihre angeschlagenen Astronauten vor der Rührseligkeit bewahrt.

Minuten, Stunden später wird das Geknutsche und Gefummel vor dem Springbrunnen losgehen, auf dem Parkplatz und zwischen den Säulen. Von drinnen dringen Fetzen von Paartanz-Musik nach draußen, sittsamer Ausgleich zum allgemeinen Treiben bleibt dieVerwendung von Französisch und Englisch als Party- konversationssprachen, und immer neue Erinnerungsfotos vom Abheben und Abstürzen und den Aggregatzuständen da- zwischen, an die sich keiner erinnern wird. Dazwischen liegt die steinerne Grenze zwischen Casino und Park, der Gebäu- dekomplex des Theaters, das Zeno nur einmal von innen ge- sehen hat. Eine Aufführung derRäuber,in die uns eine Jugend- arbeiterin mitgenommen hatte, der alte Schinken aufgepimpt als Gangballade, mit Rap und Breakdance, und Zeno und ich, als alberner Gegensatz dazu, aufgebrezelt in Hemd und Krawatte im Parkett.

Man kann Sandra Gugics Debütroman vielleicht vorwerfen, dass sich die Stimmen ein wenig zu sehr gleichen, dass selbst der gekränkte Bürgerschreck Zeno noch besonnen erklärt, warum er mit dem Luftgewehr auf Passanten und Golfspieler ballert. Das Buch federt seine Schläge oft durch kunstvolle Wortpolster ab und wirkt deshalb eher wie von einer einzigen Stimme erzählt.

Trotzdem entfaltet Sandra Gugics Stil einen gewaltigen Sog, der 199 Seiten mit Lichtgeschwindigkeit im Kosmos verschwinden lässt. Astronauten reiht sich in eine ganze Serie von aktuellen Büchern ein, die sich nicht festnageln lassen, keine klare Position beziehen, sondern ihre Protagonisten fast vorsichtig und großzügig umkreisen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass so viele Texte im zeitgenössischen Universum uns so meinungsstark mit Absolutheitsmegaphon anschreien möchten. Ein Roman ist ein langsames Medium. Lang geschrieben und langsam gelesen, packt er vieles ins Ungesagte. Der Rückzug ins Verkraftbare, viele kleine Geschichten, viele Möglichkeiten anstatt einer großen geschlossenen Erzählung sind eine zur Zeit auffällig häufig genutzte Strategie, der sich auch die Autorin dieser Zeilen außerordentlich verbunden fühlt. Vielleicht hat sie auch deshalb die trudelnden Astronauten so gern gelesen. Kein Autopilot, der irgendwo hinführen muss.

[Rezension von Saskia Trebing]

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Pressestimme für die 2. Auflage

Es gab da diesen Kerl, der bei mir im Blog kommentierte, ausführlich und klug. Also statte ich ihm einen Gegenbesuch ab und lernte Konrad Geyer kennen. Konrad wohnt im Süden Marokkos in einem Wohnwagen. Ausgestattet mit einem kleinen Erbe will er dort schreiben bis dieses aufgebraucht ist. Sein letzter Versuch, nach mehreren gescheiterten, ein Schriftsteller zu werden. Sein Leben und Schaffen beschreibt er nebenher im Blog.

Konrad kritisiert Thor Kunkel und eine Dame mit dem falschgeschriebenen Namen einer Hamburger Literaturprofessorin streitet sich daher mit ihm, Burkhard Spinnen (bis letztes Jahr Vorsitzender der Jury beim Bachmannpreis) antwortet persönlich (?) auf von Konrad veröffentlichte Kritik, es geht heiß her hier, auch weil Konrad munter trollt. Ich kehre häufig wieder und lese gerne die bissigen Beiträge, ich mag Konrad, obwohl er ein schwieriger Typ zu sein scheint.

Konrad Geyer ist Wolf Schmid

Aber dieser Konrad existiert gar nicht, schreibt mir Wolf Schmid als ich Konrad bitte bei Wie liest Du teilzunehmen. KG ist das Heteronym von WS. Ob ich denn seinen, Wolfs, Debütroman bei Erscheinen rezensieren wolle, fragt er. Ich schlucke den Schreck über Konrads Tod und Wolfs Leben hinunter und sage zu. Denn es gibt keine moralischen Bedenken für mich Wolfs Roman zu besprechen, ich kenne den Mann ja nicht, bin in meinem Urteil also völlig unvoreingenommen. Die Tatsache, dass Pedalpilot Doppel-Zwo einen merkwürdigen (im Sinne von komischen, im Sinne von irgendwie doofen) Titel hat und als erstes Buch überhaupt im Liesmich Verlag (was ist denn das für ein merkwürdiger Name?!) erscheint, würde mich normalerweise abschrecken, aber das bin ich Konrad schuldig, denke ich.

PEDALPILOT-COVER-Finale1-425x595Doch Ende des letzten Jahres erreicht mich ein handwerklich schön gearbeitetes Buch in Klappenbroschur, innerhalb des Umschlags findet sich eine Karte der Hamburger Innenstadt, das Cover ist schlicht-elegant-hübsch. Ein positiver Ersteindruck, hatte ich doch irgendwas in gedruckter Selfpublisher-Richtung erwartet, nur das Lesen muss noch warten. Zugegeben habe ich etwas, nicht Angst, aber Skepsis, dem Buch gegenüber. Fiktive (?) Stimmen von Fahrradkurieren auf dem Rücken preisen die Lektüre zwar an, doch was gebe ich auf deren Meinung, vor allem, wenn einer davon direkt zugibt eigentlich keine Bücher zu lesen. “Ein skurriler Roman über Fahrradkuriere in Hamburg..” – auf was habe ich mich da nur eingelassen. Also schiebe ich und schiebe, Wolf fragt inzwischen nach, ob das Buch denn überhaupt angekommen ist: ist es, ist es, liegt aber bis jetzt nur drohend neben meinem Bett.

Was soll ich diesem Mann sagen, der inzwischen auch auf 54stories einen Text veröffentlicht hat, den ich gar nicht übel, sondern ziemlich gut finde: Moin Wolf, irgendwie mag ich Dein Buch nicht lesen, Fahrradkuriere interessieren mich nicht, weiß nicht ob ich das mögen kann und Dir dann sagen, dass ich es nicht mag.

Dann aber liege ich im Bett und bin nicht müde, habe das letzte Buch abgeschlossen und beschließe in Pedalpilot Doppel-Zwo reinzulesen, schaden kann und wird es nicht. Eher kann ich einen Abbruch als gar keinen Anfang rechtfertigen. (Was gräme ich mich eigentlich so, kann mir doch egal sein, wenn mir sympathische Leute schlechte Bücher schreiben?)

Lieber ein Abbruch als kein Anfang

Fahrradkuriere, Titel, unbekannter Autor, unbekannter Verlag – alles egal, 50 Seiten später bin ich noch nicht müde, es tritt ein was ich nicht für möglich hielt, ich lese dieses Buch und eine Last fällt von mir, denn es ist gut! In einem Rutsch, nur durchbrochen von Schlaf und Arbeit, lese ich Pedalpilot Doppel-Zwo.

Walter bat ihn zu warten, packte einen letzten Karton auf die Karre, schloss den linken Türflügel und fragte Thommy, ob er denn schon einmal in Hamburg gewesen war. “Selbstverständlich. Beim König der Löwen. Muss man gesehen haben”, sagte Thommy und verpasste dem Türflügel einen Stoß.

Walter ist Paketfahrer und nie aus dem kleinen Ort der Schwäbischen Alb herausgekommen, seine Frau ist auf der Suche nach Freiheit und Geld mit einem schmierigen Vertretertypen durchgebrannt und sein Sohn schlägt sich in Hamburg durch. Als er in Rente geht, will er diesen endlich mal in Hamburg besuchen. Doch Vater will eigentlich gar nicht in Rente, schon gar nicht verreisen, er ist scheu, etwas feige und eigenbrödlerisch und der Sohn Johannes will an sich keinen Besuch, will dem Vater und sich sein auf der Stelletreten nicht eingestehen. Statt Höhenflügen in der Großstadt hält er sich immer noch als Fahrradkurier über Wasser, träumt wie der Vater von der Liebe einer seiner Kundinnen.

Doch just in der Zeit in der Walter Johannes besucht, hat dieser einen Fahrradunfall und Vater muss einspringen, um dem Filius den Job und die Existenz zu erhalten. Die Voraussetzungen eines Rentners ohne Ortskenntnisse, ohne wirkliche Einarbeitungszeit sind denkbar schlecht doch Walter schlägt sich beachtlich und er verdient sich Stück für Stück den Respekt von Kollegen und Konkurrenz, während Vater und Sohn sich das erste Mal seit Jahren wieder annähern und beider Leben Struktur erhält. Und dann ist da noch Maga, die Schönheit vom Empfangstresen des chicen Büros in der Innenstadt, die sich noch ziert mit Johannes eine Beziehung einzugehen.

Parallelen

Ganz anders als vermutet, finde ich in Pedalpilot Doppel-Zwo sehr viele Stellen mit persönlichem Bezug. Während meines Zivildienstes habe ich viel Tommy Jaud und Oliver Uschmann gelesen, leichte Unterhaltung mit Humor und männlichen Hauptfiguren mit Lebens- und Frauenproblemen, einer meiner Kollege war ehemaliger Fahrradkurier. Zwar bin ich noch nicht in dem Alter, in dem ich mich unbedingt wieder jung fühlen will, aber diese kleine Zeitreise gefällt mir. Dazu kommt für den Neu-Hanseaten Walters Entdeckungstour durch die Stadt mit Punkten zum Abhaken: Johannes wohnt in den Grindelhochhäusern, dort habe ich mir eine Wohnung angesehen, am Neuen Wall werden Sendungen abgeliefert, ich arbeite um die Ecke, im Bunker war ich erst gestern. Der Hamburger erkennt seine Stadt, ohne dass dies regionalkrimiesk mit dem Holzhammer eingearbeitet worden wäre.

Wolf schreibt locker, unterhaltsam und doch nicht oberflächlich. Die beiden Protagonisten sind sympathisch und ihre Geschichte solide konstruiert. Vielleicht ist es etwas zu offensichtlich, dass Vater und Sohn eine Logistikerfamilie sind, vielleicht ist Pedalpilot in manchen Stellen etwas zu vorhersehbar, aber dann gibt es wieder  Bilder wie  den Pacman spielenden Kurier auf der Suche nach der besten Route. Die Sprache Schmids ist insgesamt fast etwas zu gut für einen “bloßen” Unterhaltungsroman, denn dieser Debütant kann schreiben. Wolf ist Tommy Jaud in gut!

Was kann ich ihm und seinem Buch außer diesem vorwerfen? Zu kleine Schrift im Blog und einen komischen Titel, aber Pedalpilot Doppel-Zwo hat mir richtig Spaß gemacht und ich würde mich freuen, wenn das Buch trotz Debüt-Autor und -Verlag mehr Leser findet.

Seien wir großzügig, denn die Sendung erreichte mich noch 2014, für mich sind Wolf und sein Pedalpilot die Überraschung des Jahres! Dies ist keine fiktive Pressestimme; schreibt doch einfach “Tommy Jaud in gut” auf die Rückseite der zweiten Auflage. Marokko oder nicht, echte Kommentare im Kommentarblog oder nicht, Wolf, Konrad, Ihr bist ein Schriftsteller, endlich!

[Den Titel gibt es leider nicht bei ocelot. Dieses Buch ist das einzige, das ihr bei amazon bestellen dürft oder direkt beim Verlag.]

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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
“Fotze, Kacke, Scheiße”-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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Ausstieg im Kleinen

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www.mairisch.de

Florian Wacker hat es schwer bei mir. In meiner momentanen Kurzgeschichtenphase muss er sich mit Raymond Carver, John Cheever und, der zu Recht hochgelobten Ebenfalls-Debütantin, Karen Köhler messen. Dazu lädt ihm der mairisch Verlag im Klappentext William Faulkner und Richard Yates auf die Schulter. Die Latte liegt hoch.

Jede Geschichte von Florian Wacker dreht sich um den Ausbruch aus dem Alltag, selbst- oder fremdbestimmt. Der Bahnfahrer folgt Füchsen und wacht in einem fremden Bett auf, die Mutter will ihre Tochter in den Kindergarten fahren und biegt doch auf die Autobahn Richtung Meer ab. Jeder Figur wird auf rund fünfzehn Seiten ihr Leben auf den Kopf gestellt, dass dann doch meist in altbekannten Bahnen weitergeht, am nächsten Tag ist ja wieder Maloche.

Es sind immer einfache Menschen, die häufig nicht richtig wissen wie ihnen geschieht. Es sind Menschen wie Du und ich. Bauarbeiter, Altenpflegerinnen und Anstreicher, unsere Nachbarn, der so berühmte Otto Normalverbraucher als Held einer Kurzgeschichte. Hier stimmt die Referenz zu den großen amerikanischen Erzählern, denn Wacker schafft es die Besonderheit von kleinen Alltagsmomenten einzufangen, den Zauber des Alltäglichen sichtbar zu machen und die Schönheit von leicht übersehenen Fähigkeiten, Schrullen und Liebenswürdigkeiten herauszustellen. Dass die Latte für Wacker dann doch etwas zu hoch liegt, liegt weniger an seinen mangelnden Fähigkeiten, sondern an der Meisterschaft der Referenzautoren. Wacker deutet aber mehrfach an, dass er das Zeug hat oben mitzuspielen. Wenn auch noch nicht jede Geschichte zieht, dürfte hier ein guter Beobachter und Erzähler sein erstes Lehrstück auf dem Weg zur Meisterschaft abgelegt haben. Yates, Carver, Faulkner und Co sind auch nicht als Meister vom Himmel gefallen.

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Wir haben Raketen geangelt

Hamburg ist auch ein Dorf, irgendwie. Denn trotz 1,8 Mio Einwohnern trifft man immer wieder “Bekannte”. So lernte ich bei einem Pub’n’Pub Stammtisch Daniel Beskos den Verleger des mairisch Verlages kennen. Nach dem offiziellen Teil tranken wir auf dem, natürlich – Hamburg ist eben ein Dorf – identischen Nachhauseweg, ein Freizeitgetränk und tauschten uns aus, von Alteingesessenem zu Neuhamburger. Ersterer erzählte mir u.a., dass seine Freundin im Sommer einen Band von Erzählungen bei Hanser herausbringen würde. Eben diese, Karen Köhler, wurde wenig später von Hubert Winkels zum Lesen anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt eingeladen. Die Tage der deutschsprachigen Literatur generieren zwar keine Mainstream-Berühmtheiten, aber bereits die Einladung schmückt die Vita des Gastes, mindestens der Sieger darf mit einem Umsatzplus rechnen.

Wir haben Raketen geangeltUmso tragischer, dass Karen Köhler nicht anreisen konnte, Windpocken verhinderten das Lesen, wenn nicht das Kassieren des Preises inklusive Aufmerksamkeit. Denn mit ihrem Können hätte sie in die vorderste Reihe gehört, wie nun Wir haben Raketen geangelt eindrucksvoll beweist.

In Cowboy und Indianer freundet sich eine deutsche Touristin auf der Durchreise mit einem Indianer an, die beiden retten sich gegenseitig das Leben, pfeifen Enter Sandman und sie verarbeitet, das kunstvoll eingeflochtene Vergewaltigungstrauma ihrer Jugend. Polarkreis erzählt eine Trennungs- und Liebesgeschichte in kurzen Schnipseln und siebzehn Postkarten. Diese ersten beiden Geschichten, in meiner Ausgabe fehlt Il Comandante noch, weil für besagten Wettbewerb zurückgehalten, belegen bereits das Können der jungen Autorin.

Aber mit Name. Tier. Beruf. haut sie mich um. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle er ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen.

Ich glaube, du bist hergekommen, um deinen verfickten Preis zu feiern und uns zu zeigen, wie provinziell wir alle sind, und wie geil du bist, weil du es zu etwas gebracht hast.

Karen Köhler Foto: © Julia Klug
Karen Köhler
Foto: © Julia Klug

Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene könnte zu einer ziemlichen Standardgeschichte verkommen. Karen Köhler vermag es jedoch Kleinigkeiten in die Szenen zu zaubern. In diesen liegt dann aber die Spannung der Erzählung, in den Details die Schönheit jeder ihrer – und besonders dieser – Geschichten.

Fast jede Erzählung kreist um das Verlassenwerden und doch nimmt jede andere Facetten auf. Die Auflösungen kommen überraschend ohne aufgesetzt zu sein. Man braucht etwas Atem und Geduld die Schönheit jeder Geschichte zu würdigen, muss sich auf kleine Experimente mit Text und Erzählformen einlassen. Einen Roman diesen Stils hätte ich vielleicht in Ungeduld nicht beendet, nun weiß ich, dass Karen Köhler Ausdauer belohnt. Auch ein umfangreicheres Werk würde ich nach dieser Leseerfahrung sofort kaufen und lesen, weiß ich doch nun wofür dieser Name steht: vielversprechende junge deutsche Literatur, die eines Bachmann-Preises würdig gewesen wäre.

Wer mit Il Comandante, dem für den Bachmannpreis vorgesehen Text, einen Leseeindruck von Karen Köhler bekommen möchte, kann das hier tun.

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Frühling der Barbaren

Bereits zum dritten Mal muss ich diese Rezension beginnen; zum dritten Mal bin ich unschlüssig – so stark der Nachhall dieses Buches. In der Zeit habe ich gelesen, dass Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher ein ach so vielversprechendes Debüt sei, eine Novelle, die endlich mal aktuelle Probleme behandelt, nicht wieder irgendein schwülstiger Nonsense-Roman eines aufstrebenden Wortverdrehers.

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Wir befinden uns auf einem Spaziergang mit dem Erzähler und Preising, einem reichen Mann aus der Schweiz. Das Geld ist geerbt; Grundlage die Firma seines Vaters, von deren Technik er nichts versteht und nur durch einen findigen Radiotechniker vor dem Bankrott gerettet wurde. Eben dieser Mann berichtet dem Erzähler und uns von einer Reise nach Tunesien. Ein Luxusressort wie sie für die Reichen und Schönen dieser Welt gebaut werden, die zwar die Schönheiten der Wüste möglichst authentisch und aus der Nähe kennenlernen wollen, in beduinischer Einsamkeit aber auf frisch-duftende Handtücher und 5*-Service nicht verzichten wollen. So trifft sich, dass die Ausgeburt der Urlaubshölle, das Klischee des champagner-schlürfenden und doch proletarischen Urlaubers in René Lezard-Anzug – der Engländer – mit ihm in der Wüste weilt. Die sympathische Lehrerin, die er kennenlernt, ist nur ein Teil der 70-köpfigen Hochzeitsgesellschaft ihres Sohnes; alles neureiche Banker, Jüngelchen von nicht mal 30, die bereits im Monat mehr Geld verdienen als der bemitleidenswerte Vater der Braut. Doch mitten in die Dekadenz der Juppies bricht der Staatsbankrott Englands und als man am Morgen erwacht ist man nicht nur arbeitslos, sondern auch pleite und kann die zurückliegenden Freuden nicht mehr bezahlen.

Gibt es das denn? Jonas Lüscher erzählt auf knapp 130 Seiten mehr Geschichten als andere auf 300, mehr Charaktere, mehr Abgründe – mehr mehr mehr! Die erzählte Wirtschaftsphantasie wirkt in keinem Moment aufgesetzt. Die Charakterisierungen der nouveau riche sind so entwaffnend, wie treffend und ehrlich. Trotz des sehr aktuellen Plots tat Lüscher wohl recht daran das Thema nicht auf Romangröße aufzublasen, denn auch wenn man sich während der packenden Lektüre mehr Seiten wünscht und bedauernd auf die wenigen noch zu lesenden blickt, ihre Kraft erzeugt die Kürze und besonders die Drastik und das Drama des Finales wird hierdurch verstärkt und besonders eindrücklich.

Ja, die Zeit hat also recht. Frühling der Barbaren ist ein sehr vielversprechendes Debüt und warum müssen es immer Romane sein? Hier handelt es sich eindeutig um Klasse statt Masse: eine Novelle, die den Zeitgeist trifft. Jonas Lüscher – ich behalte Dich auf dem Schirm!

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Bücherwahn

Wie angekündigt habe ich gestern Abend schnell nach meinem Bücherwahn, den des jungen Flaubert gelesen.

Was dieser damals 15-Jährige zu Papier bringt ist stilistisch bereits derart sicher, seine spätere Größe nur noch eine Frage der Zeit. Obwohl ich (eigentlich) kein Freund allzu detaillierter, blumiger Umschreibungen jedes Baums am Wegesrand bin, ist Flaubert einer meine Lieblingsautoren. Einen Grund dafür kann ich gar nicht so genau nennen, am ehesten vielleicht, dass er das Gleichgewicht zwischen Beschreibung und Erzählung hält und so in seinen Bann zu ziehen weiß. Weiterlesen Bücherwahn

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