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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Stoner von John Williams

Die Leute flippen ja förmlich aus. Ein Roman, dessen Qualität so außerordentlich ist, dass er alles überragt; einer der großartigstens Romane, die in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht wurden (The Dallas Morning News), ein vollkommener Roman (New York Times Book Review)- fehlt nur noch, dass jemand dieses Buch, das doch schon eben besagte fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, zum größten allerzeiten ausruft. So viel vorweg: ich werde das bestimmt nicht sein!

stoner cover dtv john williamsWilliam Stoner ist der einzige Sohn eines Bauern irgendwo in den Weiten der Farmen im Mittleren Westen der USA. Sein Vater schickt ihn auf die Universität, damit der Junge Agrarwirtschaft studieren kann. Als Einzelgänger schlägt er sich durch die ersten Semester, bis er durch Zufall seine Liebe zur Literatur entdeckt, besser eine Liebe zur Literatur entwickelt. Zurückhaltend und in allen Lebensbereichen passiv, kommt Stoner nur langsam voran und mausert sich doch über die Jahre zum Professor, findet eine Frau, kauft ein Haus, hat ein Kind und eine Affäre. Unglücklich verheiratet, Zank an der Universität mit seinem Vorgesetzen und immer wieder Versagensängste, das Verharren im Mittelmaß macht William Stoner sein Leben bis zum Ende nicht leicht.

Auf den ersten 100 Seiten ist mir der Protagonist in seiner Einfalt und seiner Behäbigkeit so unsympathisch, seine Entwicklung so stockend, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe das Buch abzubrechen, auch wenn auf manchen Seiten Potenzial durchschien. Auf Seite 115 dann aber:

Sloane besaß keine Familie, sodass sich nur Kollegen und einige Stadtleute an der schmalen Grube versammelten, um dem Priester ehrfürchtig, verlegen oder respektvoll zu lauschen. Und da keine Familie und niemand, der ihn liebte, um sein Dahinscheiden trauerte, war es Stoner allein, der weinte, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, als könnten seine Tränen die Einsamkeit dieses letzten Augenblicks lindern. Nur wusste er nicht, ob er um sich selbst weinte, um den Teil seiner Geschichte und Jugend, der mit dem Sarg in die Erde versank, oder um die arme, dürre Gestalt, die einmal jener Mann gewesen war, den er verehrt hatte.

“So wie Du das vorliest, klingt es kitschig“, sagt meine Madame am Telefon und sie hat Recht, das ist nah am Kitsch. Bricht dies aber aus einer Person heraus, die auf den letzten 114 Seiten recht tumb durch die Welt stolperte, rührt es auf angenehme Weise an; auch mich, dessen kann ich mich nicht erwehren. Später aber:

Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Klar eine Liebeserklärung an die Literatur, von einem bildungsfernen Bauernjungen, genau das was unser Bildungssystem (vom amerikanischen wollen wir gar nicht sprechen) nicht zu schaffen vermag, schafft er aus eigenen Stücken. Aber nun ist es klar, es ist Kitsch! Trotzdem vermag Stoner mich eine zeitlang zu packen. In der Mitte machte mir dieses Buch wirklich Spaß, lief am Ende aber wieder recht unspektakulär aus.

Mein Problem liegt gar nicht unbedingt dabei, dass Stoner schlecht wäre, denn das ist es nicht. Vielmehr liegen mir die überbordenden Lobpreisungen schwer im Magen. Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem dennoch die großen Dinge ihren Widerhall fanden: Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg, Liebe. Wenn man mit Widerhall meint, dass diese Dinge irgendwie vorkommen, mag das sein. Widerhall finden nach diesen Maßstäben auch Hunde, Kinder, Schule, Bücher, Shakespeare, Felder, Bauern, Schuhe und Kartoffeln. Verkauft mir jemand ein Buch unter der Prämisse, es sei der größte Verlust der letzten halben Dekade gewesen, dass es vergessen wurde, muss mehr kommen. Das hier ist gehobenes Mittelmaß mit Ausflügen in aphoristische Esoterik.

Einer der bedeutensten Romane aus Amerika (Stadtlichter Lüneburg!, tatsächlich bei dtv als Referenz angegeben) – ganz sicher nicht! Hätte man mir stattdessen das Buch mit den Worten “Ein nette, unterhaltende Lektüre” ans Herz gelegt, könnte ich ohne den Gram dieser Rezension zustimmen, denn es liest sich durchaus locker, packt mich, wie gesagt, tatsächlich in seiner Mitte und hat starke Stellen, die einen Bildungs- oder Entwicklungsroman ausmachen, aber eben nicht die, die ein Meisterwerk ausmachen. Aber auch wieder Stellen, die in ihrer Nutzlosigkeit inhaltsleere Phrasen wie diese produzieren:

In seinem dreiunvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.

Nein, sowas steht nicht in einem Meisterwerk, sowas steht bei Paula Coelho und Konsorten. Etwas mehr Demut beim Anpreisen so manch eines Werkes, bitte.

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Alice Munro

“Writing this letter is like putting a note in a bottle – And hoping it will reach Japan”
Alice Munro, To reach Japan

Aus Nobel-gegebenen Anlass ein paar Worte von Saskia zu Alice Munro.

Alice Munro war ein Märchenkind. Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen hatte es der kanadischen Farmerstochter besonders angetan, eine fremde Geschichte voller Sehnsucht und Verlangen. Nur das Ende war ihr ein wenig zu traurig und so schrieb sie kurzerhand ein neues.

Viele Jahrzehnte später ist Alice Munro (82) Literatur-Nobelpreisträgerin und irgendwo in ihren bedächtigen Kurzgeschichten ist sie eine Märchen-Erzählerin geblieben. Nicht im Sinne von abenteuerlichen Feen- und Fabelgeschichten. Ihre weiten kanadischen Landschaften sind eher kühle Einöden als verzauberte Märchenwälder. Prinzessinnen werden nicht von feuerspeienden Drachen bewacht, sondern von strengen Vätern und Kleinstadt-Konventionen. Bei Munro haben die Märchen Grauschleier, niemand will die Welt erobern, weil schon der nächste Schritt mühsam genug ist.

 Trotzdem wohnt allen ihren Geschichten ein unbedingter Wille zur Magie inne. Mikro-Magie vielleicht, die in alltäglichen Momenten und winzigen Dosen wirkt. Immer wieder gibt es Augenblicke, die einen Charakter verändern und ein paar Zentimeter wachsen lassen. Eine Hausfrau arrangiert ein Kammerkonzert im eigenen Wohnzimmer und lehnt sich damit zum ersten Mal gegen den Schraubstockwillen ihres Mannes auf. Eine Party bei einem Kollegen schickt eine Dichterin auf eine lange Zugreise, die sie weg von ihrer vernünftigen Ehe in die Ungewissheit führt. Munros Figuren müssen in den kurzen Geschichten nicht zwingend irgendwo ankommen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, viele Konflikte ungelöst, wichtig ist nur, dass sich jemand auf einen Weg gemacht hat.

Dass die Erzählungen trotzdem so eindrücklich sind, liegt daran, dass Alice Munro ein nachhaltiges Sprachkraftwerk ist. Mit ihrem langsamen Erzählstil nimmt sie die kleinen Schritte ihrer Figuren ernst und verleiht ihnen Kraft, ohne sie durch sprachliches Feuerwerk zu überhöhen.

Die Autorin beherrscht die Kunst, mit wenigen Sätzen die Essenz einer Situation zu beschreiben. So beginnt ihre Erzählung „Haven“ mit einer Bemerkung über die Haarlänge der Dorfjugend. Es waren die Siebziger, die Haare waren länger, aber längst nicht so lang, dass wirklich jemand Anstoß nehmen konnte.  Dieses Detail setzt den Ton für den Rest der Geschichte: es gibt keine Revolution, nicht mal eine offene Konfrontation, sondern höchstens feine Risse in erstarrten Strukturen.

 Mit oder ohne Nobelpreis ist Alice Munro eine lupenreine Literatin, motiviert durch ihre Lust am Erzählen und dem Format der Kurzgeschichte. Ihre Worte erinnern an verblichene Fotografien, die zwar etwas Verlorenes zeigen, auf denen der Zauber des Moments aber noch zu erahnen ist. Vielleicht ist dies ein seltener Fall von perfekter Arbeitsteilung zwischen einer Autorin und ihren Figuren: Viele Protagonisten scheinen kalt und emotional blutarm, doch die Märchenleserin Alice Munro besitzt genug Magie, um voll Wärme von ihnen zu erzählen.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Alice Munro.

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Ein plötzlicher Spannungsbogen

Nächste Rezension von Manu, wie immer von einem englischsprachigen Autor, heute einer Autorin:

Herausgehoben aus dem Hype um die Veröffentlichung, nutzte ich die verhangenen Septembertage und rezensiere Rowlings erstes „Buch für Erwachsene“ – Ein plötzlicher Todesfall.

Wir befinden uns in Pagford, somewhere in the UK. Der plötzliche Tod trifft, schon auf den ersten Seiten, Barry Fairbrother, der vor dem Golfplatz infolge einer Gehirnblutung tödlich niedersinkt, und dessen Tod Reaktorkammer für eine Vielzahl von Point-of-View Storylines im vermeintlichen Kleinstadtidyll bildet. (Ich hatte zunächst den Eindruck, die Welt Rosamunde Pilchers trifft auf die Gemütlichkeit eines Inspektor Barnaby-Krimis.)

Einfaches CMYKNatürlich ist das kleine Pagford nicht die süße Hutzelstadt mit lieben, verschrobenen Einwohnern, wie man es von Postkarten her glauben könnte; vielmehr gleicht die Situation einem latent glimmendem Pulverfass. Stein des Anstoßes ist die Sozialbau-Siedlung the Fields inklusive Entzugsklinik, die manche möglichst bald an die (gehasste) Stadt Yarvil abtreten möchte (etwas komplizierte Besitz- und Zugehörigkeitsverhältnisse) und gegen deren „Abschiebung“ eben jener Fairbrother im Gemeinderat gekämpft hatte. Gerade in Krystal, deren drogensüchtige Mutter sie und ihren kleinen Bruder Robbie vernachlässigt, sah Barry ein Mädchen, dass es schaffen kann, aus dem Elend von Fields heraus; Ihre Geschichte – ein Vehikel seines Anliegens.

Fairbrothers Hauptgegner war the first citizen Howard Mollison, fetter, fieser Feinkosthändler und so etwas wie der selbsterklärte König von Pagford nebst dessen Gattin Shirley (die ich mal als Neo-Umbridge bezeichnen möchte). Kaum ist Barry unter der Erde, beginnt ein Kampf um seinen Posten, in dem sogar ein „Geist“ schmutzig Wäsche wäscht.

Generationenwechsel! Arf und Fats sind sechzehn Jahre alt und unzertrennlich, die besten Freunde. Aus ihrer Sicht durchlebt der Leser die Perspektive der Jugendlichen in Pagford, die sich mit Problemen wie der ersten Liebe, der eigenen „Authentizität“ oder Hass auf die eigenen Vater herumschlagen. Ihre Freundschaft wird vom kompromisslosen Fats stark auf die Probe gestellt, und als dieser eine Affäre mit der Schulschlampe Krystal beginnt, nimmt ein Drama seinen Lauf.

Man hat dem Buch vorgeworfen, langatmig und oft belangslos zu sein, um dann auf den letzten Metern zum Sprint anzusetzen; und auch ich kann mich diesem „Stream of Gemächlichkeit“ nicht ganz entziehen, wenn ich an das Buch denke. Die Spannung wird, sagen wir mal, in einer sehr flachen Kurve erzeugt.

Ich muss auch zugeben, als leidenschaftlicher Leser von gewissen Internatsgeschichten im Zauberermillieu, etwas stirnrunzelnd mit Szenen z.B. im Haus der Weedons umgegangen zu sein, wo Frau Rowling sehr harte, ja, harsche Realitätsmomente eines zerstörten Lebens zeigt, wo statt Weasley-Idylle weedonsche Fäkalsprache intoniert und wo statt Zaubertränke bei Snape Zauberpulver bei Dealer Obbo gebraut wird.

Begeistert haben mich aber Rowlings Figuren, die meines Erachtens nach sehr interessant (mal mehr, mal weniger originell) gezeichnet wurden und bei denen ein Jeder eine tiefere, innere Welt besitzt. Fats, den ich ganz unverblümt als destruktiven, gehässigen Arsch bezeichnen würde, hat mich zum Lesen ebenso stark motiviert wie die unsägliche Shirley – starke Charaktermomente!

Die von vielen kontrovers gesehene Beischlafszene der Jugendlichen auf dem Friedhof hatte ich als eher unspektakulär wahrgenommen, konnte mich aber über die Verhältnisse im Hause Price oder den Schaden an Arf und Fats Freundschaft nachhaltig aufregen – Rowling kann einfach phänomenal mit Charakteren punkten.

Sehr ernste Themen wie Mobbing, Selbstverletzendes Ritzen, Affären, prügelnde Eltern und eine brutale Vergewaltigung werden dem Leser ebenso kompromisslos vermittelt wie das Angebot im Feinkostladen oder die Gemeindeordnung Absatz III.

Auf den letzten hundert Seiten entzündet sich dann genau diese Dynamik, die einen in ihren Bann zu ziehen vermag – als schließlich viele Einzelperspektiven jenen tragischen Sonntagmorgen mosaikartig zum Katharsis-Moment führen, hab ich mich (vom Gefühl, nicht vom Inhalt) an beste JKR-Momente in Hogwarts erinnert. Gut, dass ich mich gezwungen habe, gut, dass ich zu Ende gelesen habe. Fahren Sie nach Pagford, immer dem Fluss entlang und dann rechts!

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Paul Auster – Winter Journal

Häufig schon habe ich sie gebeten, viel ist sie ausgewichen und endlich liefert sie. Meine beste Freundin aus Oberstufenzeiten ist nicht nur eine Perlentaucherin in Bezug auf Musik, sondern versteht auch mehr von moderner Kunst als jemals in meine Rübe gehen wird, dass sie nebenbei gute Bücher liest, ist selbstverständlich. Blogs findet sie eigentlich doof, hilft mir aber trotzdem beim Ausarbeiten von Interviews und nun endlich schreibt sie ihre erste Rezension für mich. Meine Damen und Herren, ich darf vorstellen, für Sie heute die großartige Saskia T:

Vor Kurzem saß ein Mann in meiner Küche, der Paul Auster kennt. So gut, dass er ihn beim Vornamen nennt und die Familie „ab und zu“ zu Hause in Brooklyn besucht. „Der stirbt bald“, sagte mein Besuch, mehr eine nüchterne Feststellung als eine dunkle Befürchtung. „So viel wie der raucht und trinkt.“ Ob Paul Auster diese Annahme teilt, ist nicht überliefert. Doch zumindest bringt der 66-Jährige nun mit „Winter Journal“ ein Buch heraus, das man als Rückschau lesen kann. Ein Leben, erzählt an den Bestandteilen des eigenen Körpers.

Die exzessive Auseinandersetzung mit psychischen und physischen Zuständen scheint in der Schriftstellerfamilie zu liegen. 2010 veröffentlichte Austers Frau Siri Hustvedt „The Shaking Woman“, eine Analyse ihres Nervenzusammenbruchs nach dem Tod ihres Vaters, die sie tief in die Geschichte der Neurowissenschaften führt.

Während Hustvedt jedoch nach dem allgemein Menschlichen in ihren Symptomen sucht, bleibt Paul Auster im wörtlichen Sinne ganz bei sich. Es ist nicht unser Körper, den er beschreibt, sondern sein Körper – ein Lebensraum, zu dem niemand sonst Zutritt hat. „Winter Journal“ könnte banal sein. Paul Auster schlingt Schokolade, wiegt ein Baby in den Armen, hat guten und erbärmlichen Sex und erstickt fast an einer Fischgräte. Aber anders als die meisten Menschen, die in einem Körper stecken, ist Paul Auster ein großartiger Erzähler.

paulausterwinterjournalDer Autor widmet sich den Erlebnissen seiner Finger, Füße und Lippen mit der gleichen Ernsthaftigkeit, die er den Protagonisten seiner Romane schenkt. Das Buch ist mehr Bewusstseinsstrom als komponierte Geschichte, jeder Erzählstrang hat unzählige Seitenarme, und manchmal scheint der Autor selbst mit Staunen auf sein Leben zu blicken. Dieser Eindruck wird auch durch die Perspektive des Buches verstärkt. Auster spricht sich selbst mit „Du“ an, ein literarischer Kunstgriff, den er schon in seinen fiktionalen Werken etabliert hat. Damit bringt er eine Distanz zwischen Schreiber und Beschriebenen, die dem Buch gut tut. Paul Auster scheint aus seinem Körper herauszutreten und ab und an mit sich selbst zu fremdeln. Dabei schwankt seine Rolle zwischen nüchternem Sachbearbeiter (er nennt die Adressen aller Wohnungen, in denen er je gelebt hat) und altersklugem Philosophen (so ganz kann sich ein Paul Auster die großen Fragen des Lebens dann doch nicht verkneifen).

Man kann „Winter Journal“ lesen, weil es ein starkes, berührendes Buch ist. Aber natürlich bleibt dieser Funken Voyeurismus, die Neugier auf den Körper eines großen Geistes. Auch Paul Auster hat Rückenschmerzen, Verstopfung und zu wenig Disziplin zum Nichtrauchen oder Diäthalten.

Fans der literarischen Familie kennen diesen Körper längst. Schließlich hat sich Siri Hustvedt ihren Mann schon oft für die Beschreibung von Sexszenen geborgt. Paul Auster hat diese Passagen nie kommentiert. Aber jetzt hat er sich die Erzählhoheit über seinen Körper zurückgeholt.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Paul Auster.

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Ein gutes Herz von Leon de Winter

Leon de Winter polarisiert, Theo van Gogh hat polarisiert und beide haben sich nicht riechen können.

Jetzt muss aber erstmal sortiert werden: Leon de Winter ist einer der Schriftsteller der Niederlande und geistert immer wieder durch die Medien, eben nicht nur wegen seiner Bücher, sondern auch wegen seiner Religion und seinen Attacken auf den Islam.

Theo van Gogh, tatsächlich der Urenkel von dem gleichnamigen Bruder des großen Vincent, war ein niederländischer Filmemacher, der nicht zuletzt aufgrund seines gewaltsamen Todes traurige Berühmtheit erlangte. 2004 wurde er auf offener Straße von Mohammed Bouyeri niedergeschossen, dieser schnitt ihm die Kehle auf und heftete mit einem Messer ein Bekennerschreiben an (in) seinen Körper. Anlass war ein islamkritischer Kurzfilm van Goghs (siehe unten) – Submission – in dem eine Muslima die Unterdrückung der Frau in der islamischen Welt und Religion anprangert.

Theo van Gogh und Leon de Winter waren sich nie grün, weil van Gogh de Winter immer wieder dessen (angeblicher) Zurschaustellung seines jüdischen Glaubens und die Vermarkt seiner Familiengeschichte vorwarf – eine Fehde die über 20 Jahre dauerte, sich nicht nur in Beschuldigungen erschöpfte, sondern Beleidigungen und Lügen beeinhaltete.

leon de winter ein gutes herzUmso erstaunlicher daher, dass in de Winters neuem, heute erscheinenden, Buch Auftritt 1 dem verstorbenem Filmemacher und dem Tag seines Todes gebührt. Doch van Gogh “erwacht” wieder im Himmel und hier gehen die Verwicklungen los. Er bekommt einen ihn anleitenden “Engel-Erzieher” zur Seite gestellt, der ihn auf seinem Weg zu Stufe 2 des Verstorbenseins begleitet und ihm die Betreuung eines (lebenden) Ex-Gangsters aufträgt. Dass Engel Jimmy zufällig dem Verbrecher Max Kohn nach seinem Tod sein Herz gespendet hat, der vor Jimmy mit einer verflossenen Liebe liiert war, die jetzt mit dem Autor, de Winter selbst, zusammen kommt, lässt bereits auf mannigfache Verwicklungen schließen, die im Laufe des Buches immer verzwickter, aber auch raffinierter werden. Alle Verbindungen sind, bis auf eine unglaubwürdige, um den Kreis zu schließen, etwas hineingedokterte Halbbruderschaft, von erheiterndem Einfallsreichtum.

Doch in diesem Buch geht es nicht (nur) um ein lustiges Ränkespielchen zwischen Engeln, sondern um die Bedrohung durch Terrorismus in Europa, denn elf junge Marokkaner planen einen Anschlag auf die Oper in Amsterdam und der Anführer dieser Bande ist der Sohn der ehemaligen Rechten Hand des van Goghs zugewiesenem Schützling. Während immer weitere persönliche Verwicklungen ans Licht kommen, stellt sich heraus, dass der Anschlag auf die Oper nur Schritt eins in einem perfiden Plan war.

Obwohl ich ein belastbarer Leser bin musste ich bei folgender Szene schwer schlucken:

Er zog etwas hervor, was er die ganze Zeit hinter seinem Rücken versteckt hatte. Flügel. Wunderschöne weiße Flügel im weißesten Weiß, das Theo je gesehen hatte, transparent wie Glas, leicht wie Luft, zart wie der feinste Samt.

Das ist nicht starker Tobak, das ist drüber und wenn mir eine solche Schilderung nicht erst auf Seite 385, sondern 25 vorgesetzt worden wäre, man hätte mich wahrscheinlich vergrault. Aber trotz des Himmelszenarios weiß de Winter seine Figuren realistisch zu führen, vermengt Realität und Fiktion geschickt und schafft einen Roman, der packend die Sorgen des modernen Europa vor dem nicht zu beherrschenden, weil nicht einzuschätzenden und zu fassenden Terror, und der eigenen Geschichte im Zeitgeist der Niederlande zusammenfügt. Sympathisch, wenn auch nicht immer glaubhaft, macht er auch vor der eigenen Person nicht halt und lässt sich Dingen sagen wie:

“Oder klingt das jetzt wieder zu rechts […]?”

LdW ist aber auch derselbe Autor, der seine sympathische Freundin Sonja Geert Wilders für seinen Rechtspopulismus angreift (und dies überaus überzeugend):

Ich kenn mich mit dem Islam nicht aus. […] Aber man kann die Leute nicht ungestraft Jahr für Jahr in ihrer tiefsten Überzeugung beleidigen. […] Und damit sind Sie nicht nur für sich selbst, sondern für uns alle Risiken eingegangen. Im Grunde für die gesamte Gesellschaft. Sie haben Extremisten provoziert. Die werden nicht weniger extremistisch, wenn man Reden über sie hält, wie Sie es tun.

Der polarisierende de Winter hat ein Buch geschrieben, in dem alle Pole zwischen denen er sich aufreibt und er aufgerieben wird, vorkommen und erstaunlich unvoreingenommen miteinander konkurrieren. Am Ende bricht er, zum Glück, noch ironisch mit den Engeln und lässt mich aufatmen als ihm van Gogh im Traum erscheint.

 

“Bring mich als Engel in deinem Buch unter.”

“Das ist zu viel des Guten, Mensch.”

“Mach einen Engel aus mir. Aber wir haben keine Flügel. Den Fehler darfst du nicht machen.”

[…]

“Ohne Flügel. Warte… Nein, mach mal mit Flügeln. Ist nicht verkehrt, wenn die Menschen denken, dass wir Flügel haben…”

Ein gelungener Roman zwischen Realität und Fiktion, der dazu anregt auch mal hin und wieder in unser Nachbarland zu schauen und was dort politisch so am vorgehen und kochen ist.

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Königsallee

Der alternde Autor trifft eine Jugendliebe, die er äußerst erfolgreich zu Literatur hat werden lassen. Goethe trifft hochbetagt seine Lotte wieder, die Lotte des Werther. Niemand anders als Thomas Mann hat diese Begegnung erdacht, inszeniert und zu Papier gebracht, dass niemand vor einer solchen Transformation sicher ist, auch Thomas Mann nicht, beweist jetzt Hans Pleschinski mit seinem Roman Königsallee.

Hans Pleschinski KönigsalleeAnfang der 50er-Jahre ist Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika in Düsseldorf auf Lesereise. Der Exilliterat in seiner alten Heimat, dem zerstörten Deutschland, und im selben Hotel hat sich Klaus Heuser mit seinem Lebensgefährten eingemietet. Erika entdeckt die beiden, rauscht herein und gibt zu verstehen, dass ein Wiedersehen mit dem geschwächten Nobelpreisträger nicht möglich, gar ausgeschlossen ist, viel zu groß die mögliche Gefahr für die Gesundheit, denn Klaus ist so etwas wie eine verflossene Liebe. Als dieser 17 war, hat der Schriftsteller den Sohn des Düsseldorfer Künstlers und Leiter der Kunstakademie Werner Heuser auf Sylt kennengelernt, fand ihn anziehend und lud ihn nach München ein. Der Zauberer schreibt seinen beiden ältesten Kindern, Klaus und Erika, dass er Klaus dutzte und an sein Herz drückte; vertraut seinem Tagebuch an, dass er “die geliebten Lippen […] küsste – es war da, auch ich hatte es, ich werde es mir sagen können, wenn ich sterbe”. Heuser bildete vielfach eine Art Vorlage für Manns Schaffen: Felix Krull, der Joseph aus den gleichnamigen Romanen und natürliche der Tod in Venedig, überall schimmert Heuser durch die Seiten.

Pleschinski baut, wie vor ihm Mann, einen Roman um eine fiktive Begegnung, das spannungsreiche Wiedersehen mit einer alten Liebe. Erika Mann wird eindrücklich, leicht überzogen (wie sie wohl auch war) und daher besonders glaubhaft charakterisiert. Ernst Bertram wendet sich an Klaus, damit dieser ein gutes Wort für ihn beim Freund von einst einlegt und Golo Mann lauert ihm in der Kneipe auf, damit dieser dem berühmten Vater ein Manuskript aushändigt.

Ein kleiner Herr Friedemann steht im Hotel an der Rezeption,Russinnen und knallende Türen und andere kleine Blüten aus dem Mann-Kosmos sind zwar zum Schmunzeln, teilweise aber doch zu sehr mit dem Holzhammer in den Roman eingefügt. Die Betrachtungen des kleinen Mannes über Thomas Mann und die Worte die Pleschinski den Stadt-Oberen in den Mund legt, sind dagegen amüsant. Die Erkenntnis Heusers im Werk Manns für die Ewigkeit festgehalten zu sein, bleibt ein einfühlsames “Ich bin unsterblich. Die Welt liest mich.” Trotzdem verfällt der Autor immer wieder in ein zähes Palaver, aus dem man sich einzelne Perlen picken muss, die durchaus vorhanden sind. Der Liebhaber der großen Familie Mann, ihrer Schrullen und Geschichte, zu denen ich mich eigentlich auch zähle, ist dies eine interessante Veröffentlichung, die doch die eigenen Möglichkeiten nicht nutzt. Es bleibt daher leider bei einer seichten Nachkriegsgeschichte, die glaubhaft die Stimmen des Landes und seines Volkes wiedergibt, aber mit den Stimmen der eigentlich Protagonisten mehrfach danebenliegt.

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Frühling der Barbaren

Bereits zum dritten Mal muss ich diese Rezension beginnen; zum dritten Mal bin ich unschlüssig – so stark der Nachhall dieses Buches. In der Zeit habe ich gelesen, dass Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher ein ach so vielversprechendes Debüt sei, eine Novelle, die endlich mal aktuelle Probleme behandelt, nicht wieder irgendein schwülstiger Nonsense-Roman eines aufstrebenden Wortverdrehers.

Jonas_Lüscher_Frühling_der_Barbaren

Wir befinden uns auf einem Spaziergang mit dem Erzähler und Preising, einem reichen Mann aus der Schweiz. Das Geld ist geerbt; Grundlage die Firma seines Vaters, von deren Technik er nichts versteht und nur durch einen findigen Radiotechniker vor dem Bankrott gerettet wurde. Eben dieser Mann berichtet dem Erzähler und uns von einer Reise nach Tunesien. Ein Luxusressort wie sie für die Reichen und Schönen dieser Welt gebaut werden, die zwar die Schönheiten der Wüste möglichst authentisch und aus der Nähe kennenlernen wollen, in beduinischer Einsamkeit aber auf frisch-duftende Handtücher und 5*-Service nicht verzichten wollen. So trifft sich, dass die Ausgeburt der Urlaubshölle, das Klischee des champagner-schlürfenden und doch proletarischen Urlaubers in René Lezard-Anzug – der Engländer – mit ihm in der Wüste weilt. Die sympathische Lehrerin, die er kennenlernt, ist nur ein Teil der 70-köpfigen Hochzeitsgesellschaft ihres Sohnes; alles neureiche Banker, Jüngelchen von nicht mal 30, die bereits im Monat mehr Geld verdienen als der bemitleidenswerte Vater der Braut. Doch mitten in die Dekadenz der Juppies bricht der Staatsbankrott Englands und als man am Morgen erwacht ist man nicht nur arbeitslos, sondern auch pleite und kann die zurückliegenden Freuden nicht mehr bezahlen.

Gibt es das denn? Jonas Lüscher erzählt auf knapp 130 Seiten mehr Geschichten als andere auf 300, mehr Charaktere, mehr Abgründe – mehr mehr mehr! Die erzählte Wirtschaftsphantasie wirkt in keinem Moment aufgesetzt. Die Charakterisierungen der nouveau riche sind so entwaffnend, wie treffend und ehrlich. Trotz des sehr aktuellen Plots tat Lüscher wohl recht daran das Thema nicht auf Romangröße aufzublasen, denn auch wenn man sich während der packenden Lektüre mehr Seiten wünscht und bedauernd auf die wenigen noch zu lesenden blickt, ihre Kraft erzeugt die Kürze und besonders die Drastik und das Drama des Finales wird hierdurch verstärkt und besonders eindrücklich.

Ja, die Zeit hat also recht. Frühling der Barbaren ist ein sehr vielversprechendes Debüt und warum müssen es immer Romane sein? Hier handelt es sich eindeutig um Klasse statt Masse: eine Novelle, die den Zeitgeist trifft. Jonas Lüscher – ich behalte Dich auf dem Schirm!

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Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Zweimal jährlich kommt ein Liebesroman und Sie sagen empört, das gehört gar nicht hierher. Ich weiß gar nicht, Sie halten die Liebe für etwas anstößig Unanständiges, aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema.

Es ist der Roman, über den das Literarische Quartett zerbrach, zumindest dessen Ende einleitete. Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte wurde neu übersetzt und erscheint nun (auch) als Südlich der Grenze, westlich der Sonne bei DuMont. Weiterlesen Südlich der Grenze, westlich der Sonne

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Nach meinem recht kritischen Beitrag zum Geschmack der Allgemeinheit geriet ich in einer Facebook-Gruppe von Buchbloggern in den berühmten Scheißsturm. In 228 Kommentaren brach das Unverständnis und die Ablehnung meiner Ansichten über mich herein und ohne das Ganze wieder aufzurollen – wir haben uns im Frieden getrennt und dazu haben Tobi und ich angeboten ein Buch ihrer Wahl zu lesen. Die Mehrheit war der Meinung ich solle mich doch mal an Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green versuchen.

Lieber hätte ich Ein Vampir zum Vernaschen oder die Saga vom Dunkelelf gelesen, um nach 150 Seiten sagen zu können: “Ich hatte recht”. Stattdessen nun also ein Buch, das 4,8 Sterne bei Amazon hat und alle sich von der FAZ bis zum KulturSpiegel einig sind: gutes Buch; meine Freundin hat es auch gemocht, was soll ich also tun? Lesen! Weiterlesen Das Schicksal ist ein mieser Verräter

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