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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Memo zweier Leben in Berlin

Foto: Norman Weiß
Foto: Norman Weiß

Eigentlich ist es müßig nun auch noch in eines dieser Hörner zu stoßen, von denen gestern bereits der Speichel von Biller, Weidermann, Mangold, Dath, Ungerer, Stahl, Bartels und Konsorten troff. Erster Stein des Anstoßes war wohl Florian Kesslers Kommentar in der ZEIT, in dem er monierte, dass nur Kinder der oberen Mittelschicht heutzutage die deutsche Gegenwartsliteratur bevölkern. Biller schließt sich, ohne sich direkt auf Kessler zu beziehen, an, “seit der Vertreibung der Juden” sei nur noch diese Mittelschicht der Literatur am Ruder, die nur Mittelschicht in der Literatur hervorbringe. Biller wiederum hat damit in den letzten 10 Tagen unzählige, oben verlinkte, Repliken provoziert. Erfreulicherweise nicht nur von älteren Damen und Herren des “Hoch-Feuilletons”, sondern z.B. auch von Sophie bei Literaturen.

Die Gegenwartsliteratur, könnte man die meisten kritischen Stimmen runterbrechen, beziehe sich immer nur auf die Aufarbeitung von Nazideutschland und der DDR. Die wirklich aktuellen, also gegenwärtigen Themen, würden gar nicht behandelt.

Zwangsläufiger Nebeneffekt dieser Diskussion ist das Ausrufen neuer Helden. Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel Endlich Kokain und seinen Autoren Joachim Lottmann als “mögliche Rettung der Gegenwartsliteratur”, Ijoma Mangold lobt Per Leo für die gekonnte Bearbeitung der “Standardsituation” Nazi-Opa und in der FAS von letzter Woche wurde u.a. der neue Roman Feridun Zaimoglus Isabel von Volker Weidermann derart empor gehoben, dass Norman und ich ihn, unabhängig von einander, erwarben.

Unter den Beispielen, die Weidermann nannte, war auch “Isabel” von Feridun Zaimoglu. Ein Buch, das “einem echt den Hut vom Kopf” fege, mit stakkatohafter, schneller und genauer Sprache. Weidermann nennt ihn den “repräsentativste[n] deutsche[n] Autor unserer Zeit. Unser[en] Thomas Mann.”

Norman Weiß zitiert Volker Weidermann

9783462046076Derartig angefixt suche ich also sofort meinen Bücherdealer auf. Hundert Seiten später kann ich sagen: deutsche Gegenwartsliteratur spielt – natürlich – in Berlin, aber nicht dort wo die Hippen aus der Werbebranche Smoothies schlürfen, sondern am Rand der Gesellschaft, die Ausgestoßenen der Generation Praktikum. Isabel titelgebende Protagonistin hat sich gerade von ihrem wohlhabenden Freund getrennt, ist ein etwas in die Jahre gekommenes Model und hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Essen der Wohlfahrt über Wasser. Sie streift durch die Stadt und trifft andere Versprengte, “Verrückte, aber nicht Verkommene”. Nach dem Selbstmord einer ihrer Freundinnen lernt sie deren Ex-Freund, einen Ex-Soldaten kennen und die Welt des desillusionierten Models trifft auf die des desillusionierten Legionärs.

Es tut mir leid Gegenwartsliteratur aber so wirst du nicht gerettet! Bereits die Geschichte, erscheint in ihrem die Hauptstadt-abseits-der-Hippster, abgedroschen und beliebig, als hätte es das nicht schon halb so oft wie den Nazi-Opa gegeben? Ein abgehalfteres Model und ein Soldat sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht werden, aber gerade auch nicht das Gegenteil genug um spannungsgeladene Reibung zu erzeugen. Model und Soldat sind uninspiriert und abgedroschen.

Die stakkatohafte, schnelle und genaue Sprache ist, gerade ohne packenden Inhalt, derart ermüdend, dass man bei Dialogen wie “Das ist ja schön. – Keine große Sache. – Aber eine Chance, sagte Isabel.” schnell an das Ende der Lektüre denkt. Kurze Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, mögen zu Beginn der Beschreibung (“Staub des Kosovo. Ödland. Schwelender Himmel.”) der Schilderung Zug verleihen, über Absätze schlägt der Effekt ins Gegenteil und am Ende der seitenlangen Ausführungen wird der Leser schlicht gelangweilt.

Man entschuldige dazu mein Brett vorm Kopf, aber die Anführungszeichen, der Volksmund nennt sie Gänsefüßchen, wurden erfunden, damit der Leser der wörtlichen Rede folgen kann, ein Service des Autors an den Leser. Aber auch egal, steht ja immer “sagte xyz” dahinter, selbst Fragen werden gesagt. Das erscheint zwar vordergründig, als kleinlich von mir, nur geben die folgenden drei Zeilen ein sehr deutliches Abbild der Monotonie derartig zerhackter Lektüre.

Wo wollen Sie hin?, sagte die Chefin.
Das hat hier keinen Sinn mehr, sagte Isabel.
Ich habe alles mitbekommen, sagte die Chefin zur Blinden, fast alles.

Prinzipiell kann ich der Vermittlung von Inhalten in klarer Sprache viel abgewinnen, nur möge der Autor bitte die Waage halten zwischen Protokoll und Erzähltext. Mitnichten muss man in überbordendem, blumigen Stil schreiben, um mich, wenn nicht zu begeistern, doch wenigstens zu überzeugen; aber das Memo zweier Leben in Berlin, langweilt mich; in Stil und Inhalt.

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Arnon Grünberg – Monogam

Ein großer Penis soll – wie das Werkzeug eines Schornsteigfegers – die Vagina bis in den letzten Winkel vom Samen anderer Männer befreien. […] In dieser Vagina, in diesem schwarzen Loch, dieser entzückenden Hölle kann es nur einen geben.

So langsam scheint Arnon Grünberg die Aufmerksamkeit zu erfahren, die ihm gebührt. In seinem Jüdischen Messias konnte ich bereits seinen Witz, seine absurden Geschichten und seine sprachliche Raffinesse erfahren. Dass der Messias erst acht Jahre nach dem Erscheinen ins Deutsche übersetzt wurde, mag vielleicht auch am flappsig-ironischen Umgang mit dem Judentum gelegen haben. Nun erschien Monogam, 12 Jahre nach der Veröffentlichung unter dem Pseudonym Marek van der Jagt, in Grünbergs “Klarnamen”.

gruenberg monogamDer gleichnamige Protagonist Marek will bereits als frühreifer Junge nur eines: Macht. Also versucht er seine Eltern unter Kontrolle zu bringen, diese schicken ihn aber nur zum Psychiater. Planänderung: Er versteigt sich nun, darauf der Don Juan Wiens zu werden. Er will Frauen erobern und nach Gutdünken fallen lassen, um so zu Macht über sie gelangen. Sein einziges Problem dabei ist nur, dass keine anbeißen will. Es folgt das Einlesen in “Fachliteratur”: Frank Wedekinds Lulu, Stendhals Über die Liebe, der Film Der Mann der die Frauen liebte, Albert Camus’ Der Fall und natürlich Don Juan, nur einige der vielen bemühten Quellen und Ratgeber. An seinen Schlüssen und neuen Theorien nimmt der Leser interessiert-verwirrt Anteil.

Seine schlussendlichen Eroberungen sind eine Kindergärtnerin, eine Cellistin und eine Beamtin. Seine neuen sexuellen und emotionalen Erfahrungen verarbeitet er in neuen Vergewaltigungs- und Machtphantasien, versteigt sich in Theorien von Liebe und Sex. Der Protagonist ist offensichtlich gestört.

Aber das waren im Jüdischen Messias auch alle: ein hehres Ziel (Messias der Juden/Don Juan von Wien werden) vor Augen, finden die meisten Erfolge dann leider doch nur in der eigenen Welt im Kopf statt. Grünberg erzählt die Geschichte, des trotz gruseliger Allmachtsphantasien schelmischen Protagonisten, in grotesker Absurdität, die allerdings nie ins Alberne überspannt. So sind die Gedanken über Penisgrößen und Sex zwar bizarr und befremdlich, aber in einem Ernst vorgetragen, der nur Schmunzeln lassen kann.

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Sibylle Lewitscharoff – Consummatus

Was treibt Andy Warhol in einem Stuttgarter Kaffeehaus? Draußen nur Kännchen, sogar für Jim Morrison? Und warum habe ich eigentlich noch nie etwas von Sibylle Lewitscharoff gelesen, einer Autorin, für die mein geschätzter Freund und Blogbetreiber Tilman die beschwerliche Reise von Münster ins hessisch-sibirische Bad Hersfeld zurücklegen würde (wenn sie ihm denn auf seine Interviewanfrage geantwortet hätte)?

consummatusDiese gestapelten Fragen haben dazu geführt, dass ich mir in Zwischenjahreszügen und –flügen Lewitscharoffs Roman „Consummatus“ zu Gemüte führte. Sagen wir es so: Ich würde für dieses Buch keine Weltumrundung auf mich nehmen. Aber eine anregend kurvige Gehirnrundfahrt ist es schon. Das Buch von 2006 folgt den wodkatriefenden Gedankenschleifen von Ralph Zimmermann, einem mittelalten, mittelinteressanten Geschichtslehrer, der sich jeden Samstag im schwäbischen Spießercafé Rösler die Lichter ausschießt. Das Spannendste an „Ralphi“ – mit peha und i – ist seine Begleitung. Denn Ralphi sieht Tote, eine ganze Menge davon. Während dieser Umstand die meisten von uns in einen eher unentspannten Geisteszustand versetzen würde, hat sich der Erzähler längst an seine körperlose Gesellschaft gewöhnt. Neben den rührkuchenkauenden Hausfrauen bevölkern auch seine Idole Andy Warhol, Jim Morrison und Edie Sedgwick das Samstags-Lokal. Die klaustrophobisch deutsche Heinrich-Böll-Örtlichkeit rückt plötzlich absurd nah an Warhols Factory und den rauschhaften  New-York-Glamour der 70er.

Unter den Toten, die wie durchsichtige Insekten in Lederjacken an den Tischen und Wänden kleben, ist auch Zimmermanns Ex-Freundin und Ex-It-Girl Joey (ein Schelm, wer Nico dabei denkt). Diese vor Wut und Sarkasmus tropfende Rockfurie war sein Kurzzeitticket ins Rampenlicht. Endorphineruptionen und Hippie-Inseln, bis er Joey aus Versehen mit dem Tourbus überfuhr und zurück in sein Geschichtslehrerdasein geparkt wurde.

Dieser Ansatz einer Handlung schält sich erst nach und nach aus Ralphis trägen Säufergedanken heraus. In seinem Kopf kreisen Leben und Tod und Gott und Frühstückseier. Immer wieder wird der Erzähler von den Toten unterbrochen, die sich genötigt fühlen, Ralphis Wodkathesen richtig zu stellen. Sie tun das im Buch in verblichen zartgrau abgesetzter Schrift, blasse Geisterbuchstaben auf den beigen Seiten. Die Idee dieser Off-Stimmen ist durchaus elegant, und ohne die lakonischen Kommentare aus dem Totenreich wäre Zimmermanns pathetische Litanei mit Mythenglasur und Bibelkrümeln wohl über 240 Seiten nicht  zu ertragen. Doch auch so stellt sich nach der Hälfte des Buches eine gewisse Ermüdung ein, wenn die Hauptfigur ein wenig zu sehr im Selbstmitleid zergeht und zwischen Kaffeekännchen und Wodkagläsern die großen Fragen des Lebens malträtiert. Selbst die Café Hall of Fame der Toten kann bei den Gedanken ihres Diesseits-Gefährten kaum Begeisterung aufbringen. Wir lernen, dass man als Wiedergänger ein wenig blasser und gleichgültiger wird. Andy Warhol sagt fast gar nichts mehr und Jim Morrison drückt sich wie ein ungezogener Schuljunge in der Küche herum. Den Resten der geliebten Joey scheint ihr entgleisender Ex-Ralphi sogar ein wenig peinlich zu sein. Und auch ich als zwar erschöpfte, aber lebendige Leserin fühlte mich erleichtert, als der Protagonist schließlich im Stuttgarter Schneetreiben verschwindet. Erlösung oder Delirium, man weiß es nicht so genau. Aber zumindest wird der allzu bedeutungsschwangere Gedankenpfad zwischen der Ewigkeit und der Pop-Art-Factory zuverlässig von den schwäbischen Schneeflocken überdeckt.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Sibylle Lewitscharoff.

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Generation-Warum

Woche für Woche ist er sechzig und mehr Stunden unter Leuten, für die er wenig übrighat, die ihn allein dadruch anstrengen, dass er ihre Existenz zur Kenntnis nehmen muss.

Der Anwalt Paul Stern arbeitet in einer Großkanzlei in Berlin. Er hat eine lange Ausbildung und viel Arbeit hinter sich um dorthin zu kommen, nur die Guten, wenn nicht gar die Besten arbeiten bei Tennenbaum & Koch, dem fiktiven Pendant zu den Großkanzleien, die mir sofort eine Abmahnung bei Ziehung der Parallele schicken würden. Paul arbeitet sehr viel, denn er will irgendwann Partner werden, um dann genug Geld zu verdienen bzw. verdient zu haben, einen luxeriösen Lebenswandel mit viel Freizeit führen zu können. Als er aber mal wieder für ein Mandat ein Wochenende durcharbeiten muss und sich in der Dosis der aufputschenden Substanzen, Koffein spielt hier nur eine untergeordnete Rolle, verschätzt, bricht er zusammen und schmeißt die Brocken hin.

die freiheit am morgen martin simons coverDie Freiheit am Morgen (danach) eröffnet Paul unendlich viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und doch streift er zunächst ziellos durch Berlin und trinkt übermäßig, bis er Mara kennenlernt. Auf einer Party trifft er außerdem den Medienmogul Tasso Vonderweide, dem Pauls Ausstieg und Leidenschaft imponieren und den er daher für ein neues Magazin gewinnen will. Paul schreibt und plant, doch kommt das von Tasso geplante Über-Printprodukt MoMa nicht aus den Startlöchern. Während Paul (noch) gut von seinem Ersparten leben kann, zieht Mara bei ihm ein. Doch um Mara machen unschöne Gerüchte in seinem Freundeskreis die Runde, die durch ihre Verschlossenheit und ihr ständiges plötzliches Verschwinden Zweifel in Paul wecken: Escort-Service, Drogen und/oder ein eifersüchtiger, weiterhin geliebter Freund aus der Vergangenheit. Der vorher so erfolgreiche Anwalt mit dem Traum nach künstlerischer und persönlicher Erfüllung muss sich in seinem neuen Leben und dessen Möglichkeiten erstmal zurecht finden.

Martin Simons schreibt in seinem ersten Roman unaufgesetzt und klar. Er schafft es die Kultur- und Partyszene Berlins ohne überzogene Klischees darzustellen und trotzdem deren Absurdität einzufangen. Dazu zeichnet er mit Paul einen Charakter, der in seiner sinnsuchenden Zerrissenheit sympathisch bleibt ohne aufgesetzt zu wirken.

Während der Lektüre habe ich mich mehrfach gefragt, ob nur ich diesen Sog spüre, fühle ich mich als Jurist auf Sinnsuche direkt angesprochen. Inzwischen glaube ich aber, dass dieses Buch Stoff für die meisten Leser bereit hält. Die Frage, ob man wirklich weiter der aktuellen Beschäftigung nachgehen oder doch nach einem Ideal der eigenen Jugend streben soll, dürfte sich jeder bisweilen stellen, das ist kein Juristenproblem, sondern inzwischen das einer ganzen Generation.

Man müsste sein Leben ändern, gänzlich ändern, zu etwas Weit- und Tiefgreifendem machen, abenteuerlich lebendig, nur wie?

Die Generation Y, wie man die Nachfolger der Babyboomer, Generation Golf und X nennt, also junge, gutausgebildete Menschen Jahrgang um die ’85, strebt nicht so sehr nach Geld und Status, sondern legt vielmehr Wert auf Realisierung ihrer Träume, ihr persönliches Wohlbefinden und nachhaltige Zufriedenheit. Das Y steht dabei auch für why, das Hinterfragen der aktuellen persönlichen und gesellschaftlichen Situation. In diese Generation Y passt Paul vom Alter her eigentlich nicht mehr und doch sind seine Gedanken und Probleme sehr ähnlich. Denn bereits auf den ersten Seiten steht bei ihm das “Warum und wofür mache ich das hier eigentlich?”. Und trotzdem, und das ist Simons hoch anzurechnen, gleitet das Buch nie in Lebensweisheiten und Weinerlichkeit ab. Auch wird nicht kopflos der Selbstfindungstrip propagiert, sondern Paul erlebt die Schattenseiten, wenn er sich in der Antriebslosigkeit des unstrukturierten Tages verliert oder an den eigenen Ansprüchen scheitert oder feststellen muss, dass Leidenschaft manchmal allein nicht ausreicht.

Liebe Juristen, liebe BWLer, liebe Generation X und Y, liebe Aus- und Einsteiger bitte lesen Sie dieses Buch!

Kuriosum am Rande: In den von Tasso für sein Magazin angeheuerten Nikolaus Berg ist eindeutig der, von mir hochgeschätzte, Benjamin von Stuckrad-Barre zu entdecken. Ebenso angeheuert und ebenso eindeutig ist Chip Lambert, nicht nur aufgrund des den Korrekturen entnommen Namens,  Jonathan Franzen. Der Autor möge mich berichtigen, sollte ich falsch liegen.

“Du bist also noch immer in der Kanzlei. Warum?”
“Ich höre auf, sobald ich jemanden finde, der mich fürs Bücherlesen, Weintrinken und Herumstriefen bezahlt.”

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Christopher Clark: The Sleepwalkers/Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Ich habe immer unglaublich fähige Leute in der Hinterhand, die ich mal für einen Gastbeitrag anhaue und habe endlich meinen alten Schulfreund Christoph dazu gebracht für 54books Die Schlafwandler bzw. The Sleepwalkers von Christopher Clark zu rezensieren:

Nach seiner hervorragenden Preußen-Chronik hat der australische Historiker Christopher Clark ein weiteres, viel beachtetes Werk vorgelegt. In “The Sleepwalkers” (deutsch: “Die Schlafwandler”) widmet sich Clark einem Ereignis, das uns im Zuge des bevorstehenden Super-Gedenkjahres in den kommenden Monaten noch ausführlich beschäftigen wird. Es geht um den ersten Weltkrieg, der viel zitierten ‘Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts’.

christopher clark sleepwalkers coverGenauer gesagt beschäftigt sich der Autor mit der Genese dieses infernalischen Massenschlachtens und den europäischen Staaten, die als Schlafwandler zwar wach, aber zugleich auch blind für den von ihnen zu verantwortenden Horror auf den Schlachtfeldern Europas waren. Clarks umfassende Erzählung (knapp 900 Seiten in der deutschen Übersetzung) hört genau dort auf, wo der Schlachtendonner beginnt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – dürfte es schwer werden, in der nächsten Zeit eine spannendere Neupublikation zum Themenkomplex 1. Weltkrieg zu finden. Denn die Kriegsvorgeschichte ist ein faszinierender Stoff!

Das Buch bietet ein Panorama der europäischen (Staaten-)Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei richtet sich der Blick vor allem auf die “Big Five” (England, Frankreich, Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn) und deren diplomatische Beziehungen im Vorfeld des Krieges. Hierbei wird deutlich, wie undurchsichtig das Machtgefüge dieser Zeit war. Jeder Staat war – trotz seiner Bündnisverpflichtungen – ein autonomer Akteur, der seine Mitspieler mit großem Misstrauen beäugte. Hinzu kamen sich stets wandelnde innenpolitische Machtkonstellationen, enormer Einfluss einzelner Personen und verschiedene Machtzentren in den jeweiligen Staaten (daher auch die Kapitel “Wer regiert in St. Petersburg/Berlin/Paris?”).

Aufgrund dieser verworrenen Konstellation hält Clark das Vorspiel zum 1. Weltkrieg für das komplexeste Ereignis der modernen Geschichte. Sicher eine steile These, die aber zweifellos von der Erzählung untermauert wird. Fehleinschätzungen der Positionen der Anderen waren jedenfalls vorprogrammiert – und letztlich ein wichtiger Auslöser der Katastrophe, wie Clark vor allem im Falle Deutschlands zeigt. Clark gelingt es auch, scheinbar periphere Ereignisse der Vorkriegszeit zu beleuchten. Denn wer hat schon wirklich einmal vom Königsmord von Belgrad, dem italienischen Angriff auf zwei osmanische Provinzen oder den beiden Balkankriegen von 1912/13 gehört? Obwohl auf den ersten Blick nebensächlich sind diese Kapitel ein wichtiger Teil des Buches, da sie zum Gesamtbild der Epoche beitragen (auch wenn, zugegeben, die Feinheiten der serbischen Innenpolitik zu Beginn des Buches doch ein paar Längen haben).

Clark AutogrammClark beweist, dass er nicht nur ein hervorragender Historiker ist, der sich durch abertausende Quellen wühlen kann und dabei trotzdem die Materie im Blick behält, sondern auch über erzählerische Qualitäten verfügt. Dies zeigt sich in den vielen kleinen Porträts, die er von den zentralen Figuren der Zeit entwirft. Besonders gelungen, weil komisch und erschreckend zugleich, sind die Ausführungen über Conrad von Hötzendorf, dem Generalstabschef Österreich-Ungarns, der ein episodenreiches Liebesleben hatte und auf neue internationale Situationen stets gleich mit dem Ausruf “Krieg!!!” reagierte.

Besonders gut hat mir die Beschreibung der Julikrise nach dem Attentat auf Franz Ferdinand und Sophie Chotek gefallen, die sich wie ein historischer Krimi liest, der immer wieder zwischen den Handlungen der verschiedenen Staaten und Akteure hin und her springt. Clarks große Leistung ist, die komplizierten Verflechtungen der europäischen Diplomatie aufzudröseln und zu einer spannenden Erzählung zusammenzufügen. Interessant sind am Ende die Ausführungen zur Kriegsschuldfrage. Clark entzieht sich hier einem klaren Urteil. Zum einen daher, weil dieses Buch diese Frage gar nicht beantworten möchte (das “Wie konnte es passieren?” steht im Vordergrund). Zum anderen, da aufgrund der so wahnsinnig komplizierten Sachlage diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Besonders schön fand ich zu diesem Punkt folgende zwei Sätze, die ich im Original zitieren möchte:

“The outbreak of war in 1914 is not an Agatha Christie drama at the end of which we will discover the culprit standing over a corpse in the conservatory with a smoking pistol. There is no smoking gun in this story; or, rather, there is one in the hands of every major character.”

In diesen Worten zeigt sich die Tragik der Ereignisse unmittelbar vor Kriegsausbruch. Statt auf eine Verhinderung des Krieges hinzuwirken, waren die beteiligten Staaten eher bestrebt, Gründe für die eigene Bedrängung durch andere zu finden. Unschuldig, das wird nach der Lektüre des Buches deutlich, ist in dieser Geschichte niemand. Die Einschätzung, wie sich die Schuld auf die einzelnen Akteure verteilt, überlässt Clark dem Leser selbst.

Christoph May hat Publizistik, Amerikanistik und Politik in Mainz und Iowa studiert und war Sportler der Woche der Hersfelder Zeitung. Er absolviert gerade sein Volontariat bei einer Kommunikationsagentur.

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Stoner von John Williams

Die Leute flippen ja förmlich aus. Ein Roman, dessen Qualität so außerordentlich ist, dass er alles überragt; einer der großartigstens Romane, die in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht wurden (The Dallas Morning News), ein vollkommener Roman (New York Times Book Review)- fehlt nur noch, dass jemand dieses Buch, das doch schon eben besagte fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, zum größten allerzeiten ausruft. So viel vorweg: ich werde das bestimmt nicht sein!

stoner cover dtv john williamsWilliam Stoner ist der einzige Sohn eines Bauern irgendwo in den Weiten der Farmen im Mittleren Westen der USA. Sein Vater schickt ihn auf die Universität, damit der Junge Agrarwirtschaft studieren kann. Als Einzelgänger schlägt er sich durch die ersten Semester, bis er durch Zufall seine Liebe zur Literatur entdeckt, besser eine Liebe zur Literatur entwickelt. Zurückhaltend und in allen Lebensbereichen passiv, kommt Stoner nur langsam voran und mausert sich doch über die Jahre zum Professor, findet eine Frau, kauft ein Haus, hat ein Kind und eine Affäre. Unglücklich verheiratet, Zank an der Universität mit seinem Vorgesetzen und immer wieder Versagensängste, das Verharren im Mittelmaß macht William Stoner sein Leben bis zum Ende nicht leicht.

Auf den ersten 100 Seiten ist mir der Protagonist in seiner Einfalt und seiner Behäbigkeit so unsympathisch, seine Entwicklung so stockend, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe das Buch abzubrechen, auch wenn auf manchen Seiten Potenzial durchschien. Auf Seite 115 dann aber:

Sloane besaß keine Familie, sodass sich nur Kollegen und einige Stadtleute an der schmalen Grube versammelten, um dem Priester ehrfürchtig, verlegen oder respektvoll zu lauschen. Und da keine Familie und niemand, der ihn liebte, um sein Dahinscheiden trauerte, war es Stoner allein, der weinte, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, als könnten seine Tränen die Einsamkeit dieses letzten Augenblicks lindern. Nur wusste er nicht, ob er um sich selbst weinte, um den Teil seiner Geschichte und Jugend, der mit dem Sarg in die Erde versank, oder um die arme, dürre Gestalt, die einmal jener Mann gewesen war, den er verehrt hatte.

“So wie Du das vorliest, klingt es kitschig“, sagt meine Madame am Telefon und sie hat Recht, das ist nah am Kitsch. Bricht dies aber aus einer Person heraus, die auf den letzten 114 Seiten recht tumb durch die Welt stolperte, rührt es auf angenehme Weise an; auch mich, dessen kann ich mich nicht erwehren. Später aber:

Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.

Klar eine Liebeserklärung an die Literatur, von einem bildungsfernen Bauernjungen, genau das was unser Bildungssystem (vom amerikanischen wollen wir gar nicht sprechen) nicht zu schaffen vermag, schafft er aus eigenen Stücken. Aber nun ist es klar, es ist Kitsch! Trotzdem vermag Stoner mich eine zeitlang zu packen. In der Mitte machte mir dieses Buch wirklich Spaß, lief am Ende aber wieder recht unspektakulär aus.

Mein Problem liegt gar nicht unbedingt dabei, dass Stoner schlecht wäre, denn das ist es nicht. Vielmehr liegen mir die überbordenden Lobpreisungen schwer im Magen. Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem dennoch die großen Dinge ihren Widerhall fanden: Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg, Liebe. Wenn man mit Widerhall meint, dass diese Dinge irgendwie vorkommen, mag das sein. Widerhall finden nach diesen Maßstäben auch Hunde, Kinder, Schule, Bücher, Shakespeare, Felder, Bauern, Schuhe und Kartoffeln. Verkauft mir jemand ein Buch unter der Prämisse, es sei der größte Verlust der letzten halben Dekade gewesen, dass es vergessen wurde, muss mehr kommen. Das hier ist gehobenes Mittelmaß mit Ausflügen in aphoristische Esoterik.

Einer der bedeutensten Romane aus Amerika (Stadtlichter Lüneburg!, tatsächlich bei dtv als Referenz angegeben) – ganz sicher nicht! Hätte man mir stattdessen das Buch mit den Worten “Ein nette, unterhaltende Lektüre” ans Herz gelegt, könnte ich ohne den Gram dieser Rezension zustimmen, denn es liest sich durchaus locker, packt mich, wie gesagt, tatsächlich in seiner Mitte und hat starke Stellen, die einen Bildungs- oder Entwicklungsroman ausmachen, aber eben nicht die, die ein Meisterwerk ausmachen. Aber auch wieder Stellen, die in ihrer Nutzlosigkeit inhaltsleere Phrasen wie diese produzieren:

In seinem dreiunvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.

Nein, sowas steht nicht in einem Meisterwerk, sowas steht bei Paula Coelho und Konsorten. Etwas mehr Demut beim Anpreisen so manch eines Werkes, bitte.

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Alice Munro

“Writing this letter is like putting a note in a bottle – And hoping it will reach Japan”
Alice Munro, To reach Japan

Aus Nobel-gegebenen Anlass ein paar Worte von Saskia zu Alice Munro.

Alice Munro war ein Märchenkind. Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen hatte es der kanadischen Farmerstochter besonders angetan, eine fremde Geschichte voller Sehnsucht und Verlangen. Nur das Ende war ihr ein wenig zu traurig und so schrieb sie kurzerhand ein neues.

Viele Jahrzehnte später ist Alice Munro (82) Literatur-Nobelpreisträgerin und irgendwo in ihren bedächtigen Kurzgeschichten ist sie eine Märchen-Erzählerin geblieben. Nicht im Sinne von abenteuerlichen Feen- und Fabelgeschichten. Ihre weiten kanadischen Landschaften sind eher kühle Einöden als verzauberte Märchenwälder. Prinzessinnen werden nicht von feuerspeienden Drachen bewacht, sondern von strengen Vätern und Kleinstadt-Konventionen. Bei Munro haben die Märchen Grauschleier, niemand will die Welt erobern, weil schon der nächste Schritt mühsam genug ist.

 Trotzdem wohnt allen ihren Geschichten ein unbedingter Wille zur Magie inne. Mikro-Magie vielleicht, die in alltäglichen Momenten und winzigen Dosen wirkt. Immer wieder gibt es Augenblicke, die einen Charakter verändern und ein paar Zentimeter wachsen lassen. Eine Hausfrau arrangiert ein Kammerkonzert im eigenen Wohnzimmer und lehnt sich damit zum ersten Mal gegen den Schraubstockwillen ihres Mannes auf. Eine Party bei einem Kollegen schickt eine Dichterin auf eine lange Zugreise, die sie weg von ihrer vernünftigen Ehe in die Ungewissheit führt. Munros Figuren müssen in den kurzen Geschichten nicht zwingend irgendwo ankommen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, viele Konflikte ungelöst, wichtig ist nur, dass sich jemand auf einen Weg gemacht hat.

Dass die Erzählungen trotzdem so eindrücklich sind, liegt daran, dass Alice Munro ein nachhaltiges Sprachkraftwerk ist. Mit ihrem langsamen Erzählstil nimmt sie die kleinen Schritte ihrer Figuren ernst und verleiht ihnen Kraft, ohne sie durch sprachliches Feuerwerk zu überhöhen.

Die Autorin beherrscht die Kunst, mit wenigen Sätzen die Essenz einer Situation zu beschreiben. So beginnt ihre Erzählung „Haven“ mit einer Bemerkung über die Haarlänge der Dorfjugend. Es waren die Siebziger, die Haare waren länger, aber längst nicht so lang, dass wirklich jemand Anstoß nehmen konnte.  Dieses Detail setzt den Ton für den Rest der Geschichte: es gibt keine Revolution, nicht mal eine offene Konfrontation, sondern höchstens feine Risse in erstarrten Strukturen.

 Mit oder ohne Nobelpreis ist Alice Munro eine lupenreine Literatin, motiviert durch ihre Lust am Erzählen und dem Format der Kurzgeschichte. Ihre Worte erinnern an verblichene Fotografien, die zwar etwas Verlorenes zeigen, auf denen der Zauber des Moments aber noch zu erahnen ist. Vielleicht ist dies ein seltener Fall von perfekter Arbeitsteilung zwischen einer Autorin und ihren Figuren: Viele Protagonisten scheinen kalt und emotional blutarm, doch die Märchenleserin Alice Munro besitzt genug Magie, um voll Wärme von ihnen zu erzählen.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Alice Munro.

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Ein plötzlicher Spannungsbogen

Nächste Rezension von Manu, wie immer von einem englischsprachigen Autor, heute einer Autorin:

Herausgehoben aus dem Hype um die Veröffentlichung, nutzte ich die verhangenen Septembertage und rezensiere Rowlings erstes „Buch für Erwachsene“ – Ein plötzlicher Todesfall.

Wir befinden uns in Pagford, somewhere in the UK. Der plötzliche Tod trifft, schon auf den ersten Seiten, Barry Fairbrother, der vor dem Golfplatz infolge einer Gehirnblutung tödlich niedersinkt, und dessen Tod Reaktorkammer für eine Vielzahl von Point-of-View Storylines im vermeintlichen Kleinstadtidyll bildet. (Ich hatte zunächst den Eindruck, die Welt Rosamunde Pilchers trifft auf die Gemütlichkeit eines Inspektor Barnaby-Krimis.)

Einfaches CMYKNatürlich ist das kleine Pagford nicht die süße Hutzelstadt mit lieben, verschrobenen Einwohnern, wie man es von Postkarten her glauben könnte; vielmehr gleicht die Situation einem latent glimmendem Pulverfass. Stein des Anstoßes ist die Sozialbau-Siedlung the Fields inklusive Entzugsklinik, die manche möglichst bald an die (gehasste) Stadt Yarvil abtreten möchte (etwas komplizierte Besitz- und Zugehörigkeitsverhältnisse) und gegen deren „Abschiebung“ eben jener Fairbrother im Gemeinderat gekämpft hatte. Gerade in Krystal, deren drogensüchtige Mutter sie und ihren kleinen Bruder Robbie vernachlässigt, sah Barry ein Mädchen, dass es schaffen kann, aus dem Elend von Fields heraus; Ihre Geschichte – ein Vehikel seines Anliegens.

Fairbrothers Hauptgegner war the first citizen Howard Mollison, fetter, fieser Feinkosthändler und so etwas wie der selbsterklärte König von Pagford nebst dessen Gattin Shirley (die ich mal als Neo-Umbridge bezeichnen möchte). Kaum ist Barry unter der Erde, beginnt ein Kampf um seinen Posten, in dem sogar ein „Geist“ schmutzig Wäsche wäscht.

Generationenwechsel! Arf und Fats sind sechzehn Jahre alt und unzertrennlich, die besten Freunde. Aus ihrer Sicht durchlebt der Leser die Perspektive der Jugendlichen in Pagford, die sich mit Problemen wie der ersten Liebe, der eigenen „Authentizität“ oder Hass auf die eigenen Vater herumschlagen. Ihre Freundschaft wird vom kompromisslosen Fats stark auf die Probe gestellt, und als dieser eine Affäre mit der Schulschlampe Krystal beginnt, nimmt ein Drama seinen Lauf.

Man hat dem Buch vorgeworfen, langatmig und oft belangslos zu sein, um dann auf den letzten Metern zum Sprint anzusetzen; und auch ich kann mich diesem „Stream of Gemächlichkeit“ nicht ganz entziehen, wenn ich an das Buch denke. Die Spannung wird, sagen wir mal, in einer sehr flachen Kurve erzeugt.

Ich muss auch zugeben, als leidenschaftlicher Leser von gewissen Internatsgeschichten im Zauberermillieu, etwas stirnrunzelnd mit Szenen z.B. im Haus der Weedons umgegangen zu sein, wo Frau Rowling sehr harte, ja, harsche Realitätsmomente eines zerstörten Lebens zeigt, wo statt Weasley-Idylle weedonsche Fäkalsprache intoniert und wo statt Zaubertränke bei Snape Zauberpulver bei Dealer Obbo gebraut wird.

Begeistert haben mich aber Rowlings Figuren, die meines Erachtens nach sehr interessant (mal mehr, mal weniger originell) gezeichnet wurden und bei denen ein Jeder eine tiefere, innere Welt besitzt. Fats, den ich ganz unverblümt als destruktiven, gehässigen Arsch bezeichnen würde, hat mich zum Lesen ebenso stark motiviert wie die unsägliche Shirley – starke Charaktermomente!

Die von vielen kontrovers gesehene Beischlafszene der Jugendlichen auf dem Friedhof hatte ich als eher unspektakulär wahrgenommen, konnte mich aber über die Verhältnisse im Hause Price oder den Schaden an Arf und Fats Freundschaft nachhaltig aufregen – Rowling kann einfach phänomenal mit Charakteren punkten.

Sehr ernste Themen wie Mobbing, Selbstverletzendes Ritzen, Affären, prügelnde Eltern und eine brutale Vergewaltigung werden dem Leser ebenso kompromisslos vermittelt wie das Angebot im Feinkostladen oder die Gemeindeordnung Absatz III.

Auf den letzten hundert Seiten entzündet sich dann genau diese Dynamik, die einen in ihren Bann zu ziehen vermag – als schließlich viele Einzelperspektiven jenen tragischen Sonntagmorgen mosaikartig zum Katharsis-Moment führen, hab ich mich (vom Gefühl, nicht vom Inhalt) an beste JKR-Momente in Hogwarts erinnert. Gut, dass ich mich gezwungen habe, gut, dass ich zu Ende gelesen habe. Fahren Sie nach Pagford, immer dem Fluss entlang und dann rechts!

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Paul Auster – Winter Journal

Häufig schon habe ich sie gebeten, viel ist sie ausgewichen und endlich liefert sie. Meine beste Freundin aus Oberstufenzeiten ist nicht nur eine Perlentaucherin in Bezug auf Musik, sondern versteht auch mehr von moderner Kunst als jemals in meine Rübe gehen wird, dass sie nebenbei gute Bücher liest, ist selbstverständlich. Blogs findet sie eigentlich doof, hilft mir aber trotzdem beim Ausarbeiten von Interviews und nun endlich schreibt sie ihre erste Rezension für mich. Meine Damen und Herren, ich darf vorstellen, für Sie heute die großartige Saskia T:

Vor Kurzem saß ein Mann in meiner Küche, der Paul Auster kennt. So gut, dass er ihn beim Vornamen nennt und die Familie „ab und zu“ zu Hause in Brooklyn besucht. „Der stirbt bald“, sagte mein Besuch, mehr eine nüchterne Feststellung als eine dunkle Befürchtung. „So viel wie der raucht und trinkt.“ Ob Paul Auster diese Annahme teilt, ist nicht überliefert. Doch zumindest bringt der 66-Jährige nun mit „Winter Journal“ ein Buch heraus, das man als Rückschau lesen kann. Ein Leben, erzählt an den Bestandteilen des eigenen Körpers.

Die exzessive Auseinandersetzung mit psychischen und physischen Zuständen scheint in der Schriftstellerfamilie zu liegen. 2010 veröffentlichte Austers Frau Siri Hustvedt „The Shaking Woman“, eine Analyse ihres Nervenzusammenbruchs nach dem Tod ihres Vaters, die sie tief in die Geschichte der Neurowissenschaften führt.

Während Hustvedt jedoch nach dem allgemein Menschlichen in ihren Symptomen sucht, bleibt Paul Auster im wörtlichen Sinne ganz bei sich. Es ist nicht unser Körper, den er beschreibt, sondern sein Körper – ein Lebensraum, zu dem niemand sonst Zutritt hat. „Winter Journal“ könnte banal sein. Paul Auster schlingt Schokolade, wiegt ein Baby in den Armen, hat guten und erbärmlichen Sex und erstickt fast an einer Fischgräte. Aber anders als die meisten Menschen, die in einem Körper stecken, ist Paul Auster ein großartiger Erzähler.

paulausterwinterjournalDer Autor widmet sich den Erlebnissen seiner Finger, Füße und Lippen mit der gleichen Ernsthaftigkeit, die er den Protagonisten seiner Romane schenkt. Das Buch ist mehr Bewusstseinsstrom als komponierte Geschichte, jeder Erzählstrang hat unzählige Seitenarme, und manchmal scheint der Autor selbst mit Staunen auf sein Leben zu blicken. Dieser Eindruck wird auch durch die Perspektive des Buches verstärkt. Auster spricht sich selbst mit „Du“ an, ein literarischer Kunstgriff, den er schon in seinen fiktionalen Werken etabliert hat. Damit bringt er eine Distanz zwischen Schreiber und Beschriebenen, die dem Buch gut tut. Paul Auster scheint aus seinem Körper herauszutreten und ab und an mit sich selbst zu fremdeln. Dabei schwankt seine Rolle zwischen nüchternem Sachbearbeiter (er nennt die Adressen aller Wohnungen, in denen er je gelebt hat) und altersklugem Philosophen (so ganz kann sich ein Paul Auster die großen Fragen des Lebens dann doch nicht verkneifen).

Man kann „Winter Journal“ lesen, weil es ein starkes, berührendes Buch ist. Aber natürlich bleibt dieser Funken Voyeurismus, die Neugier auf den Körper eines großen Geistes. Auch Paul Auster hat Rückenschmerzen, Verstopfung und zu wenig Disziplin zum Nichtrauchen oder Diäthalten.

Fans der literarischen Familie kennen diesen Körper längst. Schließlich hat sich Siri Hustvedt ihren Mann schon oft für die Beschreibung von Sexszenen geborgt. Paul Auster hat diese Passagen nie kommentiert. Aber jetzt hat er sich die Erzählhoheit über seinen Körper zurückgeholt.

Saskia ist Studentin, freie Journalistin und Kunstvermittlerin in unterschiedlichen Prozentsätzen. Im Bloggen ist sie genauso erfahren wie Paul Auster.

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