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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft

Knapp vier Wochen erst kann man Petra Hartliebs Meine wundervoll Buchhandlung erst in einer solchen oder bei der Internetkrake erwerben. Knapp vier-tausend Mal ist man da schon über positive Besprechungen gestolpert. Ein hübsch gestaltetes Cover lädt ein diese wundervolle Buchhandlung zu entdecken und obwohl hier alles nach leichter Unterhaltung aussieht, greife ich zu.

Hartlieb schreibt eigentlich Krimis, war mal Pressereferentin und Literaturkritikerin, ist zweifache Mutter und eben auch Buchhändlerin. Nein nicht gelernte Buchhändlerin, gemachte – selbstgemachte. Über Umwege, aber mit viel Leidenschaft, werden Hartlieb und ihr Mann Betreiber eines Ladens in Wien, den sie aus dem Affekt kaufen. Jobs und Wohnungen werden aufgegeben, in wenigen Wochen eine Renovierung durchgeführt, Bücher eingekauft und Leute engagiert. Der Traum, wer hatte ihn noch nicht, einen Laden zu führen, in dem das herrliche, analoge Kulturgut verkauft wird, entwickelt sich für das Ehepaar mal in die Hölle und dann wieder in eine Quelle der Lebensfreude.

Das hat so gar nichts mit Glamour zu tun und auch nichts mit diesem “Ach-ich-lese-so-gern-und-wollte-immer-Buchhändlerin-sein”-Gefühl.

Der harte Alltag vor Öffnung und nach Ladenschluss, der Wahnsinn des Weihnachtsgeschäfts, Backoffice, wirtschaftliche Zwänge, der Druck der großen Buchhandelsketten lastet nicht nur auf dem Ehepaar Hartlieb, sondern auch auf ihren Kindern und Mitarbeitern. Die Verantwortung, die geschultert werden muss, scheint manchmal riesig.

meine-wundervolle-buchhandlungUnd warum diese ganze Mühsal? Zum Beispiel für die Organisation einer Lesung von Jonathan Franzen, aber vor allem weil Petra Hartlieb Literatur liebt und es liebt Leute mit ihr in Kontakt zu bringen (manchmal sogar zu missionieren, wie sie es nennt).  Die Zufriedenheit einer Frau, die genau das tut, was ihr Spaß macht und die daraus resultierende Freude an ihre Kunden und ihre Leser weitergibt. Die Dankbarkeit für Kunden und Freunde, für jede helfende Hand, und wenn sie ehrlich ist, wahrscheinlich sogar für jeden Nörgler und kauzigen Besucher.

“Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!”

Doch dieses Buch ist nicht nur die schöne Stöberecke, sondern hat auch einen wichtigen politischen Kern, der aber sehr liebevoll verpackt ist: Hartlieb kennt die Probleme des kleinen Sortimenters aus eigener Erfahrung und ärgert sich über die Gedankenlosigkeit, mit auch ihre unmittelbaren Nachbarn nicht nur ihre Bücher bei Amazon bestellen, sich aber über ausgestorbene Einzelhandelsviertel in der eigenen Stadt beschweren. Hartlieb ärgert sich über das Unwissen der Kunden, dass die Bücher bei Amazon eben nicht billiger sind (Buchpreisbindung!) und auch gar nicht schneller bei einem zu Hause sind.

Bei Amazon kann man schließlich auch nicht in einen Laden spazieren und das Buch sofort mitnehmen. Nicht einmal das Buch von Platz eins der aktuellen Bestsellerliste! Man muss es bestellen, und dann kommt es einen Tag später mit einem Boten, der es wieder mitnimmt, wenn man nicht zu Hause ist. Was ist daran so toll?

Jede Beschwerde steht nicht klagend vor einem, sondern bittet um Verständnis, dass man dieser Frau, ist man nicht sowieso schon für dieses Thema sensibilisiert, sofort entgegenbringt. Sieht man auf der einen Seite die Leidenschaft, die, fast alle, Buchhändler für den Erhalt eines Kulturguts aufbringen und auf der anderen einen emotionslosen Algorithmus, fällt einem nicht schwer welche Partei man in Zukunft ergreifen will. Für die Buchriesen hat Hartlieb fast nur noch Mitlied übrig.

Und so beschäftigen sich qualifizierte Buchhändler nun damit, Gartenzwerge und Kaffeebecher zu arrangieren oder Lego nach den richtigen Altersgruppen zu sortieren. Hätten sie uns mal gefragt. Die Inhaber der kleinen Buchläden hätten ihnen allesamt von Anfang an vorrechnen können, dass man mit Büchern nicht reich werden kann.

Es gibt einen Druckfehler auf Seite 125 in der letzten Zeile. Dort steht “selbstr” kann aber in der nächsten Auflage ausgebessert werden, denn diese wird kommen – ganz bestimmt – und vielen Leute die Augen für die beschwerliche und herrliche Arbeit der Buchhändler auch bei ihnen um die Ecke öffnen.


Warum der Rezensent Hans-Peter Siebenhaar im HANDELSBLATT Meine wundervolle Buchhandlung als “schön gebundene[s] Leinenbuch” lobt, ist mir nicht klar, denn es ist schön gestaltet, aber NICHT aus Leinen. Geschenkt.

 

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Longlistlesen: Pfaueninsel – Schönheit ist Willkür.

Thomas Hettche hat den Deutschen Buchpreis nicht bekommen und ich kann mangels Kruso-Erfahrung nicht sagen, ob das so richtig oder falsch ist. Wie in vorherigen Beiträgen zu Long- und Shortlist-Büchern angeklungen, ist mir, wahrscheinlich auch den meisten anderen, nicht so richtig klar was der Deutsche Buchpreis auszeichnen soll, wann die Kunst bei der Preisvergabe hinter dem abzusehenden Absatzerfolg zurücktreten muss. So wie man hört, muss bei Kruso die Kunst die Nase vor der Verkäuflichkeit haben, der Preis dient also einer Förderung eines Künstlers und der Bewerbung seiner Kunst – so sollte es sein.

Was das alles mit Hettches Pfaueninsel zu tun hat? Dieses Buch ist mit Sicherheit kein Selbstläufer was den Verkauf angeht: das Sujet etwas sperrig, Preußen im 19. Jahrhundert nicht die Leckerbissenlektüre der Massen, Hettches Sprache an die Zeit angepasst, zudem legt der Autor weniger Wert auf Unterhaltung als auf das Schaffen einer eigenen Welt.

Nun kann ich also keinen Vergleich zwischen Kruso und Pfaueninsel anstellen. Ich kann aber sagen was Hettche sehr gut gelungen ist und was mir missfällt.

Daß man sie Schloßfräulein nannte, war nichts als ein Maskenspiel in der Spielzeugwelt der Pfaueninsel, wie alles andere hier auch, wie der Gutshof, bei dem es ganz gleichgültig war, wieviel Milch die Kühe gaben, wieviel Wolle die Schafe, alles nur Maskerade, Kulisse wie die Mauern des Schlosses, die nicht aus Steinen, sondern aus bemalten Brettern bestanden. Schlossfräulein, dachte Marie, und begann zu weinen, war sie nur in dieser Welt der Lüge, in der wirklichen aber ein Monster.

Maria Dorothea Strakon, genannt Marie, ist noch kleines Mädchen als sie zusammen mit ihrem Bruder auf die Pfaueninsel gebracht wird. Klein werden sie und ihr Bruder, dem Wuchs nach, immer bleiben und sich so in die Kuriositäten dieser Lustinsel der preußischen König nahtlos einfügen. Die Zwerge sind nur eine Attraktion inmitten von Palmen und Rosengärten, Löwen und Affen, einem Riesen und einem Südseeinsulaner, einem Vorzeigedorf, das nur, wie scheinbar die ganze Insel, um seinerselbst Willen existiert. In dieser Spielzeugwelt findet fast das gesamte Leben von Marie statt, um sie herum kommen und gehen Könige und es werden Kriege geführt, ihr Leben wird hiervon nur peripher berührt. Am jeweiligen Herrscher braucht sie eigentlich nur zu interessieren, ob dieser weiterhin die Pfaueninsel unterhält.

9783462045994Nicht nur über der Liebe Maries, sondern ihrem ganzen Leben, liegt eine Last, die sie seit einem Zusammentreffen mit der Königin Luise bedrückt. Ihren Bruder Christian hatte Luise Monster genannt und damit ein Trauma hervorgerufen, dass beide zu verarbeiten suchen. Christian lebt wie ein Faun in den Wäldern und die monströse Zwergin kehrt sich nach innen. Sie versucht ihren Körper und ihren Geist zu ergründen, die Grenzen zwischen Menschen und Monstern zu verwischen. Sie erfährt Liebe und Verlust, sie verspürt Verlangen und wird benutzt und um sie herum zerfällt eine Märchenwelt, in die sie immer weniger zu passen scheint. Bis auch sie als letzter Anachronismus aus dieser verschwindet.

Marie und ihr Bruder Christian haben tatsächlich auf der Pfaueninsel gelebt, beide waren kleinwüchsig. Vielmehr weiß man aber nicht über sie. Auch fast alle auftretenden Personen, zumindest die historischen, haben so oder so ähnlich gelebt. Durch das Aufgreifen der Geschichte zweier fast völlig Unbekannter nimmt und gibt sich Hettche die Freiheit seine Hauptfiguren in einer historischen Welt spielen zu lassen ohne sich historisch binden zu lassen, sich den Rahmenbedingungen zu unterwerfen und gleichzeitig in seiner Gestaltung völlig frei zu sein. So hat Hettche etwa seine Sprache an die der Zeit angepasst, schreibt also nicht nur Shawl und daß, sondern auch im Stil dem 19. Jahrhundert gemäß. Hieraus entstehen Passagen von vollendeter Schönheit, wenn er beispielsweise Marie das Werben des Pfaus beobachten lässt.

Ob die Henne ihn erhören wird? Marie betrachtete den balzenden Hahn mit Sympathie. Sie würde sich nicht zieren. Niemals würde sie schön sein, dachte sie traurig und verfolgte gebannt das Spiel zwischen den beiden. Wie er seinen Schmuck werbend immer wieder nach der Henne hindrehte, und wie sie ihn scheinbar nicht beachtete. Wie grotesk ist doch diese Schleppe, dachte Marie, wenn sie sich nicht zum Rad aufspannt, und das tat sie ja meistens nicht. Wie sehr sie den Pfau behinderte. Schönheit ist Willkür. Es gab sie nicht, wenn er ihr nicht gefiel. Ganz egal, ob ich ihn schön finde, dachte Marie, nur ihr muß er gefallen.

Dazu erlaubt sich der Autor die Idee Chamissos Peter Schlemihl auftreten und ihn ausgerechnet einen Schattenriss von Marie fertigen zu lassen. Das rubinrote Glas, das der Alchimist Johannes Kunckel erfand, lässt er zu einem zentralen Motiv der Geschichte werden; auch Kunckel lebte einmal auf der Pfaueninsel. Hettche tobt sich kreativ an den Fakten aus, dass die Funken sprühen und es eine Freude ist, ihm zu lauschen. Vor allem schildert er empathisch die Lieben und Leiden von Maire. Zu Hochform und Meisterschaft läuft er auf, wenn er Marie über ihre Sorgen und Ängste, um ihre Stellung in der Welt und ihr Bild nach außen, reflektieren lässt.

Weil Hettche aber so völlig in seiner Zeit und Welt aufgeht, entstehen, besonders in der Mitte der Lektüre, auch Phasen von Zähigkeit, selbst die schönsten Passagen scheinen etwas sperrig, der Plot kommt nicht voran und plätschert zum Ende hin aus.

Pfaueninsel fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft des Lesers sich auf sie und ihre Bewohner einzulassen. Hettches Sprache will dies ebenso. Pfaueninsel in der U-Bahn lesen? Vergiss es! Fünf Minuten vor dem Einschlafen? Ebenso! Nimmt man sich aber die Zeit und dem Buch den Raum, den es braucht, entfaltet sich eine eigene Welt, die zwar, wie im echten Leben, Schwächen hat, in der es sich aber sehr gut leben lässt.

Pfaueninsel ist ein außergewöhnliches Buch, das als Gesamtkunstwerk preiswürdig ist. Ein Buch, das ist keine traditionelle Kategorie so richtig passen will. Ob der Deutsche Buchpreis diesem Buch hätte gerecht werden können, kann ich nicht beantworten. Die Recherche-, Kreativ- und Fleißarbeit die Hettche geleistet hat ist aller Ehren wert.

Und am Ende muss man auch den Kiepenheuer & Witsch Verlag auf die Gestaltung dieses Buches sehr loben. Blaues Leinen, mit so etwas wie Gummi (?) oder Vinyl (?) bedruckt, auf dem Vorsatz eine historische Karte der Gegend und angenehm großzügiger Satz, preisverdächtigt.

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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
“Fotze, Kacke, Scheiße”-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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Longlistlesen: Das Sandkorn von Christoph Poschenrieder

Auch im zehnten Jahr des Deutschen Buchpreises wird diskutiert nach welchen Kritierien die zu prämierenden Bücher ausgewählt werden sollen. Mutige Kunst kauft keiner, die Bestseller sind selten große Literatur und man will doch auch noch die Verkaufszahlen der Branche ankurbeln. Unter diesen Voraussetzungen zwanzig Bücher für die Longlist zu finden, die irgendwo dazwischen changieren, dürfte nicht so richtig leicht sein.

sandkorn_cover1915 läuft ein junger Mann scheinbar ziellos durch Berlin und verteilt Sand aus kleinen Säckchen auf der Straße. Kurios aber nicht gefährlich, vielleicht ein bisschen verrückt aber nicht kriminell, trotzdem, schließlich herrscht Krieg, nimmt die Polizei ihn mit. Der altgediente und erfahrene Polizist Treptow vernimmt den Kunsthistoriker, der sehr offen Auskunft gibt, ohne dass man ihm überhaupt etwas konkret zur Last legen könnte. Seine Erzählung findet auf drei Ebenen statt: die Geschichte wie sie sich wirklich zutrug, inklusive Gefühlsschilderungen und Einsichten in das Denken des verhörten Jacob Tolmeyn, dazwischen die Version, die er dem Polizisten erzählt und dessen Notizen darüber.

Jacob Tolmeyn ist feinsinniger Kunsthistoriker und aus Berlin nach Rom geflohen, weil er von einem ehemaligem Liebhaber erpresst wurde. Erpressbar wurde er durch seine Homosexualität, die im Kaiserreich strafrechtlich verfolgt wurde. In Italien geht er im Namen eben jenes Kaisers auf Reisen den Spuren Friedrichs II. zu folgen. Nicht aber der preußisch-eiserne Alte Fritz ist Grund für das Forschungsinteresse, sondern Friedrich II., der Staufer: der Gründer von Universitäten, der Falkner, der Schriftsteller, der Kaiser im Zentrum von Wissenschaft und Kunst im dunklen Mittelalter, Friedrich stupor mundi.

Trotz fachwissenschaftlicher Anstrengungen, Friedrich zu historisieren, lebt der Mythos besonders in Apulien und Sizilien bis heute fort und wird wirtschaftlich vermarktet. Friedrich gilt wohl deshalb als Identifikationsfigur, weil unter ihm Apulien eine gewichtige politische Rolle spielte und seine Bauten, insbesondere das Castel del Monte, als Ausdruck eines „goldenen Zeitalters“ betrachtet werden.

220px-Frederick_II_and_eagleSo schreibt Hubert Houben in seiner Biographie Friedrichs “Herrscher, Mensch, Mythos” über das Bild des Staufers in Italien. Tolmeyn will gerade gegen diese Mythisierung vorgehen, die Geschichte auf wissenschaftlich nachprüfbare Fakten stellen. Bereits zu Beginn seiner Reise nimmt er daher der Stadt Andria in Apulien fast ihre Hauptsehenswürdigkeit, das Grab zweier Frauen des Kaisers. Doch die findigen Italiener wissen Tolmeyns Zweifel in Werbung umzugestalten. Die kritischen Analysen des Wissenschaftlers werden überall in Italien auf Skepsis stoßen, doch mit Feuereifer forscht Tolmeyn weiter.

Begleitet wird er dabei von seinem Assistenten dem Schweizer Beat Imboden. Nach anfänglichem Unmut über die aufgezwungene Hilfe freunden die Beiden sich an. Auf der teils beschwerlichen Reise kommt man sich in einfachen Gaststätten und bei den Feldstudien näher, Jacob verliebt sich. Doch durch den begonnen ersten Weltkrieg wird deutsch-preußische Forschung in Italien nicht mehr tragbar. Außerdem hängen die Kriegserlebnisse von Beat und das letzte finale Aufeinandertreffen von Jacob mit seinem Erpresser bleiern über der Reisegemeinschaft, der zudem noch eine resolute Italienerin als Aufseherin beigestellt wurde, die die Annäherungen von Jacob an Beat unmöglich macht. Eine letzte gemeinsame Station machen die drei im Castel del Monte, bis Jacob zurück nach Berlin beordert wird und nach dem wunderlichen Ausstreuen seiner Mitbringsel aus Italien bei der Polizei landet.

Auch bei diesem Buch muss man sich fragen, was hat es in die Nähe des Deutschen Buchpreises gebracht. Aber nicht aufgrund schriftstellerischer Schwächen, denn die gibt es kaum, sondern vielmehr aufgrund des Hintergrund des Preises. Christoph Poschenrieder hat einen Roman geschrieben, der interessante geschichtliche Hintergründe in eine politisch brisante Geschichte einbringt. Eine leichte, keinesfalls triviale, Sprache trägt einen Roman voller schöner Bilder und Geschichten, der anregt sich mit Friedrich in Italien zu beschäftigen, über die Kreuzzüge zu lesen und Bilder des beeindruckenden Castel del Monte zu betrachten. Aber dieses Buch dürfte für den Deutschen Buchpreis nicht vermittelbar sein. Der Plot ist zu speziell, als dass er massentauglich wäre, er ist nicht modern genug, um sich für wahlweise lobende oder wütende Besprechungen im Feuilleton zu eignen. Der Roman ist tolle Unterhaltung auf hohem Niveau und deshalb ist es sein Glück, dass er nicht auf der Shortlist steht. Das breite Publikum hätte diesen Preisträger nicht nachvollziehen können, denn Das Sandkorn ist keine Massenware, sondern eine liebevolle Geschichte für a happy few.

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Longlistlesen: 3000 Euro von Thomas Melle

3000-Euro-9783871347771_xxlDie Beiden sind zwei Charaktere, die beide nicht in die Gesellschaftschicht passen, in deren Umfeld sie sich momentan bewegen. Denise kommt zwar von unten, ist für eine Kassiererin aber zu intelligent, zu wissbegierig; eigentlich könnte sie höher hinaus, wird aber durch ihr Umfeld, insbesondere ihre pflegebedürftige Tochter, in ihrem Ehrgeiz gebremst. Ihren großen Traum, eine Reise nach New York, will sie sich aber endlich durch einen Pornodreh finanzieren. 3000 Euro bekommt sie noch dafür, denn die Produzenten zahlen nicht.

Diese 3000 Euro fehlen auch Anton, um seine Schulden zu begleichen, der Privatinsolvenz zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen. Der Ex-Jurastudent ist tief gefallen. Der vielversprechende Nachwuchs-Rechtswissenschaftler brachte alle Voraussetzungen für eine steile Karriere mit, sammelt jetzt aber Flaschen und trägt sie in den Supermarkt. Seine Freunde unterstützen ihn so gut es geht, aber Anton will keine Almosen, will wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch alle Strohhalme, die sich ihm boten, hat er verpasst, alles Geld verprasst und der neue gebrauchte Anzug ist auch schon wieder verdreckt. Alleine liegt er in der Sozialunterkunft, mürrisch öffnet er, von der Betreuerin angehalten, immer neue Mahnungen, schwankt zwischen Weitermachen und dem an der Tür hängenden Strick.

Zögerlich lernen sich Kassiererin und Obdachloser kennen. Denise ist zurückhaltend, weil sie trotz Antons Äußerlichem merkt, dass er von oben kommt; Anton zaudert, denn er bemerkt Denise’ Potenzial, schämt sich für Schulden und Absturz. Nach zaghaften Annährerungsversuchen scheint so etwas wie ein Verhältnis denkbar, vielleicht sogar mehr. Wären da nicht seine Schulden und ihre Scham über den Pornodreh.

Nach einem Schnitt, in dem der sexy Coach seine Expertise mitteilt, staksen die Möchtgernmodels schon wieder über den Catwalk, ihren kantigen Beckenknochen hinterher.
Denise genießt jede Erniedrigung, der sie nicht selbst ausgesetzt ist. Sie wäre gern dort, auf der anderen Seite. Gleichzeitig weiß sie, dass sie diesem Druck keinen Moment lang standhalten könnte und ihre Schadenfreude fehl am Platz ist. Und doch steigt Trotz in ihr hoch: Warum nicht hämisch sein? Zum Ausgleich, dass sie nicht dort ist, darf sie so schadenfroh sein, wie sie will. Wer in die Öffentlichkeit geht, muss auch einstecken können. Da wird ihr plötzlich heiß, und sie sieht sich als Thumbnail. In welche Öffentlichkeit hat sie sich hineinbegeben?

3000 Euro sind gute, moderne Unterhaltung. Mit 3000 Euro steht Thomas Melle aber auch auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises, ob er da hingehört wage ich, auch ohne alle anderen Titel gelesen zu haben, zu bezweifeln. Melle schafft es die Ängste Antons, seine Sprunghaftigkeit darzustellen, der wankelmütige gefallene Jurist schwankt ständig zwischen aufrappeln und liegenbleiben und mit ihm seine ganze Geschichte. Anton ist an manchen Stellen nicht glaubwürdig genug und das überträgt sich auf seinen Teil der Geschichte.

Denise dagegen ist der stärkere Charakter des Romans und die Figur, die deutlich besser gelungen ist. Ihre Beklemmungen, hinter der Kasse eingesperrt, wenn sie glaubt, dass einer der Konsumenten ihres Pornos vor ihr steht, die in ihr aufwallende Panik, hier läuft Thomas Melle zur Hochform auf. Ebenso in der Schilderung ihres Alltags, die Szenen mit den Freundinnen, in der Kneipe um die Ecke und der “Bootycall” bei einem Bekannten, stark, stark und stark, Literatur auf gehobenem Niveau, die heute alltägliche Probleme einer sonst wenig dargestellten Gesellschaftsschicht reflektiert.

Obwohl Denise’ und Antons Mileu so nah aneinander liegen, eins darstellen, sollen, scheidet sich an den Beiden das Können Melles. Es steht bereits oben zwischen den Zeilen, ganz deutlich: der Denise Roman gehört auf die Shortlist, der Anton Teil nicht auf die Longlist. Erstaunlich, dass Melle seine Hochform bei der Gestaltung Denise’ nicht für Anton konservieren konnte.

Am Ende berührt mich der Roman nicht so, wie ich es von diesem Stoff erwartet hatte. Thomas Melle kann das Potenzial seines Plots nicht erschöpfen, das sich dann im diffusen, aber vorhersehbarem Ende verliert.

Heute bin ich okay. Ich will nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber ich bin okay, und das ist mehr, als ich erwarten konnte.

Thomas Melle ist mehr als okay. Ich will nicht sagen, dass er ein herausragender Schriftsteller ist, aber er schreibt gut, der deutsche Buchpreis ist aber mehr, als er erwarten darf.

Wäre da nicht Denise…

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Wir haben Raketen geangelt

Hamburg ist auch ein Dorf, irgendwie. Denn trotz 1,8 Mio Einwohnern trifft man immer wieder “Bekannte”. So lernte ich bei einem Pub’n’Pub Stammtisch Daniel Beskos den Verleger des mairisch Verlages kennen. Nach dem offiziellen Teil tranken wir auf dem, natürlich – Hamburg ist eben ein Dorf – identischen Nachhauseweg, ein Freizeitgetränk und tauschten uns aus, von Alteingesessenem zu Neuhamburger. Ersterer erzählte mir u.a., dass seine Freundin im Sommer einen Band von Erzählungen bei Hanser herausbringen würde. Eben diese, Karen Köhler, wurde wenig später von Hubert Winkels zum Lesen anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt eingeladen. Die Tage der deutschsprachigen Literatur generieren zwar keine Mainstream-Berühmtheiten, aber bereits die Einladung schmückt die Vita des Gastes, mindestens der Sieger darf mit einem Umsatzplus rechnen.

Wir haben Raketen geangeltUmso tragischer, dass Karen Köhler nicht anreisen konnte, Windpocken verhinderten das Lesen, wenn nicht das Kassieren des Preises inklusive Aufmerksamkeit. Denn mit ihrem Können hätte sie in die vorderste Reihe gehört, wie nun Wir haben Raketen geangelt eindrucksvoll beweist.

In Cowboy und Indianer freundet sich eine deutsche Touristin auf der Durchreise mit einem Indianer an, die beiden retten sich gegenseitig das Leben, pfeifen Enter Sandman und sie verarbeitet, das kunstvoll eingeflochtene Vergewaltigungstrauma ihrer Jugend. Polarkreis erzählt eine Trennungs- und Liebesgeschichte in kurzen Schnipseln und siebzehn Postkarten. Diese ersten beiden Geschichten, in meiner Ausgabe fehlt Il Comandante noch, weil für besagten Wettbewerb zurückgehalten, belegen bereits das Können der jungen Autorin.

Aber mit Name. Tier. Beruf. haut sie mich um. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle er ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen.

Ich glaube, du bist hergekommen, um deinen verfickten Preis zu feiern und uns zu zeigen, wie provinziell wir alle sind, und wie geil du bist, weil du es zu etwas gebracht hast.

Karen Köhler Foto: © Julia Klug
Karen Köhler
Foto: © Julia Klug

Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene könnte zu einer ziemlichen Standardgeschichte verkommen. Karen Köhler vermag es jedoch Kleinigkeiten in die Szenen zu zaubern. In diesen liegt dann aber die Spannung der Erzählung, in den Details die Schönheit jeder ihrer – und besonders dieser – Geschichten.

Fast jede Erzählung kreist um das Verlassenwerden und doch nimmt jede andere Facetten auf. Die Auflösungen kommen überraschend ohne aufgesetzt zu sein. Man braucht etwas Atem und Geduld die Schönheit jeder Geschichte zu würdigen, muss sich auf kleine Experimente mit Text und Erzählformen einlassen. Einen Roman diesen Stils hätte ich vielleicht in Ungeduld nicht beendet, nun weiß ich, dass Karen Köhler Ausdauer belohnt. Auch ein umfangreicheres Werk würde ich nach dieser Leseerfahrung sofort kaufen und lesen, weiß ich doch nun wofür dieser Name steht: vielversprechende junge deutsche Literatur, die eines Bachmann-Preises würdig gewesen wäre.

Wer mit Il Comandante, dem für den Bachmannpreis vorgesehen Text, einen Leseeindruck von Karen Köhler bekommen möchte, kann das hier tun.

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Meine Straße

Siegfried Lenz und ich sind Neu-Hamburger; er als er 1951 herzog, ich heute. Wir sind, in seinem Fall besser waren, Zugezogene in einer Stadt, die sich selbst als schönste Stadt der Welt bezeichnet, einer in welcher der Schmuddel von St. Pauli auf die weißen Direktorenvillen an der Alster trifft, der derbe Hafenarbeiter auf den pikfeinen Großbürger. Mich hat Hamburg, ohne es zu merken, herzlich aufgenommen, ein reiches Kulturprogramm, eine bunte Szene auf der Schanze und in Eimsbüttel (passenderweise wohne ich auf der Grenze der beiden Stadteile), ein Elbjazz Festival, verschiedene Konzerte und bereits viele unverhoffte Treffen mit interessanten und netten Menschen in den ersten zwei Monaten, viel mehr braucht es nicht, um mich fürs erste zu überzeugen. Und doch merkt auch der Zugezogene schnell, dass es in dieser Stadt brodelt. Gentrifizierung und Grabenkämpfe um die Rote Flora, ständiges Verkehrschaos und die bräsige Zufriedenheit mit dem status quo, vor allem aber die Kluft zwischen Arm und Reich in einzelnen Stadtteilen.

Besonders eklatant wird dieser nun durch die Politik herausgestellt: in der Sophienstraße in Harvestehude soll ein Asylbewerberheim angesiedelt werden und die gutbetuchten Anwohner laufen Sturm, mal offen fremdenfeindlich, mal unter dem Deckmantel des Schutzes der armen Armen, die sich einem solchen Überfluss des Luxusses ausgesetzt sehen, nicht mal einkaufen können. Außerdem werde doch Neid geschürt, Diebstähle und Raubüberfälle würden die logische Folge sein.

Statt diese Entwicklung, die Argumente der Gegner und Befürworter politisch bewerten zu wollen, will ich lieber von einer 40 Jahre alten Geschichte berichten, die sich auch ins Heute übertragen ließe. Vielleicht bringt sie die einen zum Schmunzeln über “Die da oben” und die anderen zum Umdenken und etwas Selbstironie

9783455404883Passenderweise saß ich im Haynspark an der Alster als ich die Erzählung Meine Straße von Siegfried Lenz aus Die Flut ist pünktlich las. Im Jahr 1973 suchte Siegfried Lenz in Hamburg eine neue Wohnung. Jedes Viertel wäre ihm recht gewesen, nur nicht der Elbvorort, diese Luxusgegend Othmarschen, in der er heute wohnt. Schon damals war Lenz gefeierter Autor, Deutschstunde war bereits erschienen, ebenso viele seiner berühmten Kurzgeschichten. Als Lenz nun in das neue Viertel zieht, muss er sich dieses, vor allem die neue Nachbarschaft, erst erschließen, nur langsam kommen er und seine Frau an: doch wer unsere Nachbarn wirklich waren, das erfuhren wir lange nicht. Aus der Draufsicht des Fremden in diesem Viertel beschreibt Lenz die Gegend, beobachtet die Menschen und kauft beim Fischsalon oder beim Milchmann ein. Erst nach sechs Jahren lernt das Ehepaar Lenz die ehemaligen Prokuristen und Direktoren einer Zigarettenfabrik wirklich kennen, die um sie herum wohnen, den Zahnarzt und die verwitwete Inspektorenfrau, die überaus reizende dänische Frau eines hervorragenden Müllverbrennungsspezialisten. Lenz analysiert den Sperrmüll vor den Villen und staunt über die Größe der Geldscheine, mit denen hier bereits die Kinder zahlen.

Die Beobachtungsgabe des Ostpreußen Lenz, die bereits aus diesen zwanzig Seiten heraustritt, ist das Geheimnis seiner vielen Erzählungen und Kurzgeschichten. Das Besondere an Meine Straße ist der Humor, ohne offene Bösartigkeit wird sich über die Nachbarn echauffiert und ihr Dünkel enttarnt. Der Autor ist so sympathisch, weil er offensichtlich nicht dazugehört und das auch nicht will, er beobachtet nur. Er frotzelt, aber er ist nicht neidisch.

Die verläßliche Freundlichkeit der Gastarbeiter beeindruckt mich noch jedesmal. Sie sind allemal dabei, wenn in meiner Straße gebaut wird, wenn Leitungen verlegt oder repariert werden. Was müssen sie entbehren, wenn sie auf ein knappes Kopfnicken schon mit ausschweifender Freundlichkeit antworten? Wie muß ihnen die Straße vorkommen, in der Leute im Tennisdreß einkaufen oder, über den großen Onkel latschend, Reitkostüm und Gerte spazierenführen? Welche Gedanken erfüllen sie beim Anblick der teuren Rassehunde, die zwar keine Rolexuhren tragen, doch mitunter aufgeputzt sind, als gingen sie zu einem Hunde-Cocktail?

Man kann dem Menschenfreund Lenz nur wünschen, dass sein Asylgesuch in Othmarschen inzwischen positiv beschieden wurde oder er kann zu uns nach Eimsbüttel ziehen, wir haben ein Schlafsofa. Vielleicht können wir dann auch mal gemeinsam durch Harvestehude schlendern und eine besonders vielversprechende Villa für unseren ersten gemeinsamen Bruch auskundschaften.

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Über den Feldern

Das Gedenkjahr zum Beginn des ersten Weltkriegs ist momentan allgegenwärtig. Einzelne Bücher wurden bereits kurz vor ’14 lanciert – siehe 1913 von Florian Illies – oder haben schon vor Jahreswechsel hohe Wellen geschlagen, wie Die Schlafwandler von Christopher Clark, das zum neuen Standardwerk über den großen Krieg zu werden scheint. Neben all diesen wichtigen Werken von Historikern, Populärwissenschaftlern und Schriftstellern erschien im März aber ein Buch, das siebzig neue Perspektiven liefert, die bei den anderen etwas untergehen: 70 Innenansichten.

ueber den feldern manesseIn Über den Feldern hat der Manesse Verlagsleiter Horst Lauinger eine internationale, weltliterarische Gesamtschau von Kurzgeschichten, Essays und Novellen zum Ersten Weltkrieg zusammengestellt. Anders als die meisten Veröffentlichungen von Historikern stehen hier nicht politische Zusammenhänge und die Wechselwirkung von Menschen als Kanonenfutter, sondern das Individuum als Kriegsteilnehmer im Fokus. Als Schauplatz dient nicht allein die Front, sondern auch und vor allem, “die inneren Fluchten, Ideen- und Seelenräume sowie, nicht minder umkämpft  als die Gefechtszonen der Außenwelt, die Territorien des Gewissens”, wie der Herausgeber in der editorischen Notiz treffend zusammenfasst.

Mit sicherer Hand hat Lauinger Texte ausgewählt, deren Zusammenstellung nicht genug gelobt werden kann. Zu den sowieso Großen dieser Zeit – Hemingway, Zweig, Proust, Musil, Woolf, Döblin, Conrad, Brecht, Faulkner, Kafka – treten die Texte der großen Pazifisten – wie Romain Rolland oder Émile Verhaeren – dagegen bleibt Thomas Mann, anders als Heinrich, aufgrund seiner Kriegsbegeisterung außen vor, denn die Tendenz der Veröffentlichung ist versöhnlich und friedlich. Daher haben nicht nur Manns Betrachtungen eines Unpolitischen hier nichts verloren, sondern auch der vom Krieg berauschte Ernst Jünger fehlt. Doch wird beispielsweise mit Louis-Ferdinand Céline, dem Italofaschisten Gabriele d’Annunzio oder Rudyard Kipling, der zu Beginn des Krieges noch zum bedingungslosen Kampf gegen die Hunnen aufrief, auch umstrittenen Autoren Gehör verschafft, nie jedoch mit allzu tendenziösen Texten, sondern immer nur mit solchen, die der aufmerksame Leser entsprechend einordnen kann. Hierzu gesellen sich in Deutschland eher unbekannte Autoren wie Akutagawa Ryunosuke, Mohammad Ali Dschamalzade oder Miroslav Krleza.

Insgesamt handelt es sich um Texte aus 16 Sprachen, darunter auch auf dänisch, serbokroatisch, japanisch, persisch und armenisch, viele neu- oder erstmals übersetzt. Über Landes- und Sprachgrenzen hinweg vereint dieses Buch große Literatur. Der Rücken des in bedrucktes Leinen gebundenen Buchs hält Wort so er von einer weltliterarischen Gesamtschau spricht, von einem universellen Panorama, das menschliche Abgründe beleuchtet, die Realität des Krieges zeigt und aber auch, und hierin ist es groß, mit unvermuteten Hoffnungs- und Glücksmomenten überrascht. Denn mögen die historischen Bearbeitungen in diesem Jahr Pflichtlektüre, die Kür dürfte nunmehr Über den Feldern sein. Denn hier wird aufgezeigt, dass trotz dieser weltumfassenden und -verschlindenden Katastrophe, in und im Angesicht dieser dunklen Zeit große Literatur geschaffen wurde, die uns heute noch bewegt.

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Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Die Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut des Literaturkritikers, daher müsse er alle Bücher, auch die schlechten komplett lesen, so oder so ähnlich sagte es Denis Scheck einmal, danach befragt, ob er alle von ihm besprochenen Bücher von der Spiegel Bestsellerliste auch wirklich lese. Sigrid Löffler ließ uns im Interview mit Mara wissen, dass es für sie ein “Kriterium des erstens Satzes, erweiterbar allenfalls auf das Kriterium der ersten Seite” gebe. “Da entscheidet sich, ob ein Buch etwas taugt, ob es sprachlich und gedanklich auf der Höhe ist und ob ich weiterlese. Missglückte Bücher lege ich beiseite, ohne sie zu Ende zu lesen. Das sind nicht wenige.”

Für meine Rezensententätigkeit möchte ich mir einen Mittelweg zum Credo machen. Im besten Fall würde ich alle Bücher komplett lesen, um sie fundiert zu loben oder zu schmähen. Die Geduld und Zeit eines Denis Scheck kann ich dafür aber leider nicht aufbringen. Viele Bücher kann man bereits aufgrund Sujet, Aufmachung und Anpreisung aussortieren, die kleine Zahl der Perlen, die mir hierdurch verloren geht, kann ich, erneut wegen Zeitmangel, verschmerzen, denn alles kann man sowieso nicht lesen und meine Auswahl ist sehr sicher geworden. Breche ich ein Buch allerdings ab, so schreibe ich das in die Besprechung, wenn es denn überhaupt besprochen wird. Besprechen kann ich dann nur das allgemein bekannt ist und soweit ich gelesen habe.

Ulrike-Draesner-Sieben-Sprünge-vom-Rande-der-Welt-CoverIn seltenen Fällen habe ich einem Verlag oder Autoren eine Besprechung zugesagt, hier nehme ich mir die Freiheit auch Negatives zu schreiben, denn sonst würde tatsächlich meine Glaubwürdigkeit verloren gehen, aber auch hier muss ein Abbruch möglich sein. Beim folgenden Buch hat mich Doro von imaginary friends angesprochen. Doro unterstützt kurzgesagt, man möge mich berichtigen falls so nicht richtig, Verlage und Autoren bei der Umsetzung neuer Formen des Storytelling. Für das Buch Sieben Sprünge vom Rand der Welt von Ulrike Draesner betreut Doro die “Metaebene” zum Buch, nämlich die Website dazu. Hier werden die Quellen und Hintergründe, sowie ein Essay zur Geschichte veröffentlicht, dem potenziellen Leser wird so Lust auf mehr , also das Buch, gemacht, dem Leser Beweggründe der Autorin und Entstehung des Buches geliefert. Prinzipiell ein interessanter Ansatz, weshalb ich zusagte.

Sieben Sprünge vom Rand der Welt ist eine Familiengeschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Simone Grolmann ist Jahrgang 1962 und so mit einem deutlichen zeitlichen Abstand vom Krieg geboren. Dennoch wirft die Geschichte ihres Vaters einen Schatten auf sie. Ihr Vater Eustachius Grolmann, wie Simone Professor für Verhaltensforschung, musste im Winter ’45 mit seiner Mutter und seinem behinderten Bruder durch den Breslauer Wald fliehen. Frau Grolmann macht nun die Erfahrung von Ängsten, die sich nicht rational erklären lassen (welche Ängste sind schon rational?), und führt sie zurück auf die Traumata des Vaters. Die Geschichte der Grolmanns wird im Verlauf verwoben mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Breslau vertriebenen Familie.

Ich packte aus, was ich eingekauft hatte, Ingwer-Honig-Bonbons, Handcreme für Gärtner, Sonnenblumenbrot.

So weit klingt alles nach einer dieser Papa/Opa-war-ein-Nazi/Opfer-Geschichten, die inzwischen in den deutschen Feuilletons so gescholtenen, die aber trotzdem bitte immer noch geschrieben und auch gelesen werden dürfen. Es ist der bekannte Versuch der Später-Geborenen durch das Schreiben die eigene Familien- und Kriegsgeschichte zu ergründen. Würde mein Großvater sich nicht weigern, hätte ich bereits die meine hinzugefügt: die Geschichte des rechtschaffenden Flakhelfers Willi Winterling (oder so ähnlich).

Ulrike Draesner ist eine mit Preisen dekorierte Autorin, schrieb Romane und ein Buch über Kleist, Joyce, Mann, prinzipiell also schonmal von den Einflüssen auf meiner Wellenlänge, ist Lyrikerin und als solche sogar in Reclams Großen Buch der deutschen Gedichte vertreten. Und trotzdem brauche ich drei Anläufe um über die ersten Seiten hinwegzukommen, bis heute bin ich nicht im Ansatz zum Kern der Geschichte vorgedrungen, denn dieses Buch ist für mich unlesbar.

Ich stand vor einem der Käfige, versuchte, ein sich ständig lösendes Pflaster (Sima, Brotschneiderin) besser an meinem Daumen zu befestigen.

Draesner schreibt wie eine Mischung aus Mittelstufenschülerin und Autorin der Schreibkurse vom Rücken der Fernsehzeitung. Eine solche Flut von hanebüchenen Adjektiven und Nonsense-Alltagsbeschreibungen habe ich lange nicht gelesen: “Grün wie die Grüffelowarze”, das Alter des Vaters wird mit “zweiundachtzigdreiviertel” angegeben (so zählt man, wenn man fünf ist, nicht ein fiktiver Verhaltensforscher mit Chancen auf den Nobelpreis), ebenso Wohnungsdetails wie “glitzerten die doppelt isoliernde Glasfront [!!] und die Metallgitter” oder “Eine Viertelstunde später erholte ich mich bei zweifach zu backendem Mürbteig”. Ständig werden in die ausufernde, langweilige Detailflut in Klammer noch mehr Einzelheiten hinzugefügt (dass das Sofa eine selbstgebaute, ausklappbare Lehne hat). “Der Mixer jaulte auf Stufe zwei (Höchstleistung)”. Die Beschreibung der Affen, an denen geforscht werden soll, erfolgt in äffischen Alliterationen: “Rudel, Rotte, Radau!” Wo soll das hinführen? Die Verhaltensforscherin mit den nichterklärbaren Traumata des Vaters ist mir bereits nach 30 Seiten so über, weil so unglaubwürdig, so geschwätzig, so adjektivüberladen und trotzdem so farblos, dass ich nicht bis Seite 50 kommen kann. Egal was noch kommen mag, ich habe nicht die Kraft, die Zeit und den Hang zur Selbstkasteiung bis dahin vorzudringen.

Da diese Materie schon so häufig Gegenstand von Veröffentlichungen war, braucht es schon Kunstfertigkeit und Güte um aus der Flut herauszustechen. Ob eine Homepage mit Quellen reicht? Von diesem Buch muss ich mich mit einem zweifach zu backendem Mürbeteig erholen und es nebenbei im Mixer auf Stufe 2 (Höchstleistung) zerkleinern. Ich hoffe meine Glaubwürdigkeit als Blogger hat darunter nicht zu leiden.

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