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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

Georg Simmel behauptete [jaja, I’m bildungsbürgering around again] in der „Philosophie des Geldes“ um 1900, es gebe „[f]ür den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun […] sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, denn dieses existiere immer nur, indem es weitergegeben werde. Selbst wenn es gespart werde, werde es gespart mit dem Zweck, später weitergegeben zu werden.

Ein paar Jahrzehnte später zeigt sich der absolute Bewegungscharakter der Welt immer noch am deutlichsten in Bezug auf das Geld, jetzt bewegt sich aber nicht mehr nur das Geld oder der Arbeiter vom Land in die Stadt, jetzt bewegt sich der Arbeiter über Landesgrenzen hinweg dem Geld hinterher: Die Arbeitsmigration ist ein Symptom der durch das Geld bewegten Welt.

Und das Geld und die Arbeit bringen auch Gül, die Hauptfigur aus Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“ nach Deutschland: Ihr Mann Fuat war vor vielen Jahren um Geld zu verdienen aus der Türkei nach Deutschland gegangen, sie war ihm gefolgt, zwischenzeitlich aber in die Türkei zurückgekehrt – davon handeln die ersten beiden Romane („Die Tochter des Schmieds“, „Heimstraße 52“) der Trilogie, deren dritter Band „Wo noch Licht brennt“ ist – und ist mit Beginn des Romans wieder in Deutschland, um in der Nähe ihres Mannes leben zu können, der eben in Deutschland geblieben ist.

Gül und Fuat sind also ein typisches Ehepaar der türkischen Arbeitsmigration: Sie haben ihr Zuhause verlassen, weil das Geld sie zwang, sie haben in einem anderen Land gearbeitet, das nichts dafür getan hat, sie zu integrieren (jahrzehntelang ging man in Deutschland ja davon aus, die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter würden wieder zurück in die Türkei gehen), sie haben damit ihren Kindern sozialen Aufstieg finanziert und sie haben einen Preis dafür bezahlt:

„Wir sind als einfache Arbeiter in dieses Land gekommen, denkt Gül, und die Zukunft meiner Enkelin ist hier, wo sie einen ordentlichen Beruf lernt, wo sie nie putzen gehen wird oder Erdbeeren pflücken, bis ihr Rücken schmerzt, und nie in der Nachtschicht arbeiten. Vielleicht hat es sich dafür gelohnt. Wir konnten Ceren ein Studium finanzieren, unsere Zeit in der Fremde hat dazu gedient, dass Duygu und Timur nie hungern werden. Aber auch, dass sie in der Türkei immer Fremde bleiben werden.“ (S. 174)

Die Geschichte von Güls Familie, die die Geschichte sozialen Aufstiegs ist, ist doch auch die Geschichte sozialen Verlustes: Des Verlustes von sozialen Bezügen, von Freunden, Bekannten und Verwandten, die man in der Türkei zurücklassen musste, von sozialen Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die man in der Türkei verloren hatte, weil man in Deutschland nicht in die Gesellschaft integriert wurde und gleichzeitig die Veränderungen in der Türkei verpasste. „Wo noch Licht brennt“ erzählt auch davon: Von dem Konflikt zwischen finanziellen und sozialen Bedürfnissen.

Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt zwischen Mann und Frau: Für Gül ist Geld an sich nicht wichtig, es ist höchstens als Mittel wichtig, um den Kindern zu helfen, um in die Türkei reisen und telefonieren zu können, um das Erbe des Vaters, ein Sommerhaus in der Türkei, und damit die Erinnerungen an die Kindheit erhalten zu können. Das Geld dient Gül als Mittel, um soziale Beziehungen zu pflegen, aber es hat keinen Wert an sich. Für die männlichen Figuren des Romans ist das anders, insbesondere ihrem Mann Fuat, aber auch anderen männlichen Figuren im Roman schreibt Gül zu, am Geld stärker und anders interessiert zu sein als Frauen – im Hintergrund dürften unausgesprochen Geschlechterrollenbilder stehen, die dem Mann eben die Rolle des auf Geld bezogenen Ernährers, der Frau die der in sozialen Bezügen denkenden Mutter zuschreiben:

„Vielleicht hat Can Unrecht, die Welt trennt sich nicht in Arm und Reich, vielleicht haben Can und Yılmaz gemeinsam Unrecht, weil sie nicht sehen wollen, dass sich die Welt in Mann und Frau teilt. Und die Männer bestimmen, dass die Welt in Reich und Arm unterteilt wird. Die Männer wollen zum Geld, deshalb lassen sie ihr Land, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Heimat, ihre Sprache hinter sich und nehmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf.“ (S. 116)

Immer wieder gerät Gül innerlich in Konflikt mit dem Geldsystem: Das Geld nimmt ihr nicht nur das Zuhause, das Geld nimmt ihr auch den Ort ihrer Kindheit und schließlich sogar die Geschwister, die sich wegen des Erbes des Vaters zerstreiten – ein Erbe, das Gül nur aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden sind, interessiert, nicht aufgrund seines materiellen Wertes.

Geld bewegt sich aber nicht nur selbst und bewegt nicht nur Menschen, sondern es verändert auch die Orte, an denen die Menschen leben: Das Dorf an der türkischen Ägäis-Küste, in dem Gül mit ihrer Familie Urlaub macht, ist einige Jahre später, als Gül und Fuat sich dort eine Wohnung für die Zeit im Ruhestand kaufen, verschwunden: Der Tourismus hat das Dorf Neubaugebieten mit Hochhäusern weichen lassen, das Geld hat die Art des Zusammenlebens völlig verändert, wie Öykü, eine neue Nachbarin, Gül erzählt:

„Der Tourismus hat Geld gebracht, mehr, als man mit beiden Händen und dem eigenen Schweiß auf der Stirn verdienen kann. Jedermanns Augen sind größer geworden als seine Brieftasche, alle hat die Gier erfasst […]. Früher haben wir uns im Dorf gegenseitig beklaut, es gab Streitigkeiten und Fehden, es gab Schlägereien unter den Menschen, aber wir waren ein Dorf. Wie eine Familie. Jetzt ist nicht nur das Dorf auseinandergebrochen […], sondern auch die Familien sind auseinandergebrochen.“ (S. 274)

Um in den Konflikt zwischen sozialen und finanziellen Werten zu geraten, muss man also nicht erst das Land verlassen – verspätet, aber doch bewegt sich das Geld überall hin, es „spricht überall dieselbe Sprache“ (S. 221), und verändert das Zusammenleben der Menschen. Und egal, ob man nun für das Geld sein Land verlässt oder nicht, die Einsicht, dass man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Lebenszeit verkauft (vgl. S. 197) ist global.

Auch – aber nicht nur – davon erzählt „Wo noch Licht brennt“: Davon, was Menschen gewinnen und verlieren, wenn der materielle Wohlstand relativ gesehen zunimmt. Und der Roman erzählt von Gül, einer Frau, die nicht nur fremd in Deutschland ist und dann auch fremd in ihrem Geburtsort wird, sondern die auch fremd in der Welt des Geldes ist. Und hier ist Gül eine Heldin im Kleinen, die versucht auch dort, wo das ökonomische System bis in das Privateste des Menschen hineingreift, integer zu bleiben und den Menschen höher zu achten als das Geld. Die immer wieder das eigene Denken zu hinterfragen und sich selbst zu überwinden versucht, auch wenn sie ihre kleinen Fehler hat – und die damit eben wirklich eine klassische literarische Heldenfigur ist, gerade dann, wenn die Erzählweise des Romans (dazu übermorgen im Blogbeitrag von Teesalon vermutlich mehr) mit ihren Vorausdeutungen so an die Erzählweise antiker Epik erinnert. Güls Kämpfe finden nur eben nicht auf einem Schlachtfeld statt wie im klassischen Drama oder Epos, sondern im Alltag.

Und eine Heldin, die trotz ihren Bemühungen nicht verhindern kann, auch zu scheitern, auch Leiden weiterzugeben – sie wirft sich vor, ihre Tochter allein in der Türkei zurückgelassen zu haben, als sie das erste Mal nach Deutschland ging, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu verstehen, und beides – das Fehlen eines Elternteils, das Unglück in der Ehe, findet sie als Muster in allen Generationen der Familie.

Denn am Ende bewegt sich nicht nur Geld, sondern mit ihm und unabhängig von ihm auch Leid. In Thornton Wilders „Der achte Schöpfungstag“ heißt es einmal, Leiden sei wie Geld, es werde immer von dem, der es erhält, auch weitergegeben. Gül hätte vielleicht über diese Aussage nachdenken können, wenn sie nicht eine fiktive Figur wäre. Eine fiktive Figur aus einem Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und dem ich viele Leser wünsche.

Dieser Beitrag steht im Zusammenhang einer Blogtour von Literaturschock.de zu “Wo noch Licht brennt”:

Gestern erschien bereits bei Bücherstadtkurier ein Interview mit Selim Özdogan zu dem Roman.
Zudem erschien bereits eine Rezension auf dem Blog Schreibtrieb, auf diesem Blog wird zudem morgen ein Beitrag über das Sehnsuchtsmotiv in dem Roman erscheinen.
Übermorgen folgt ein Beitrag auf Teesalon zur Erzählweise des Romans.
Am letzten Tag der Blogtour kommt noch ein zweites Interview auf Literaturschock.de, natürlich mit anderen Fragen.

(Den Roman habe ich im Rahmen der Blogtour als Leseexemplar vom Haymon Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!)

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Simon Strauß – Sieben Nächte

Sobald die Tage länger und wärmer werden, kann man überall – leider auch in Zügen, wo ein Entkommen besonders schwierig ist – ein besonders nerviges Naturschauspiel beobachten: Kleine Gruppen von jungen Männern oder Frauen ziehen sich alberne Sachen an, betrinken sich sehr und gehen in der Gruppe anderen, völlig unbeteiligten Leuten auf die Nerven. Es handelt sich natürlich um: Jungesell/innenabschiede. Kaum eine Hochzeit kommt ohne sie aus, denn bevor man in den Hafen der Ehe einschippert und also ein geregeltes Leben führt, möchte man die Regel noch einmal so richtig überschreiten. Das ist natürlich Unsinn: Schon die Verletzung der Norm, also der Jungesell/innenabschied, ist selbst so normiert, dass er gar keine Norm verletzten kann, sondern die Norm nur bestätigt. Vor der Hochzeit hat man – so will es die gesellschaftliche Norm – sich in der Gruppe zu betrinken, fremden Leuten Kondome und Schnäpschen zu verkaufen und am Ende im Stripclub zu landen. Selbst der Exzess, selbst der Ausbruch aus der Norm ist normiert.

Und genau dasselbe gilt für „Sieben Nächte“ von Simon Strauß: Es ist ein Buch wie ein Junggesellenabschied. In diesem „Manifest“ und „Generationenroman“, wie dieser Roman ja schon euphorisch bezeichnet wurde, will ein junger Mann an der „Schwelle zum Erwachsenenleben“, also vor seinem 30. Geburtstag, bevor sein Leben in geregelte Bahnen gebracht werden wird, „den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen“ (S. 20), oder wie es dann am Ende des Buches plötzlich heißt: eine „Reifeprüfung“ bestehen. Es wird zwar nirgends zuvor mal deutlich, dass es sich um „Prüfungen“ handeln soll, es erschließt sich auch nicht so recht, wie mit dem Kram, den der Erzähler da so macht, irgendeine Reife geprüft werden oder entstehen soll, die Idee wirkt seltsam brüchig, so als hätte man die Idee der „Prüfung“ am Ende irgendwie dem ganzen aufgesetzt, ohne dann noch einmal zu schauen, ob das überhaupt zum Rest passt. Aber was soll’s.

Dass es sich um einen Generationenroman handeln soll, wie wohl der Autor, der Verlag und mehrere Literaturkritiker meinen, ist natürlich Blödsinn: Nur jemand, der wirklich noch nie über den Tellerrand des eigenen akademischen Milieus geblickt hat, kann glauben, dass eine ganze „Generation“ erst mit 30 auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und dass das Problem dieser ganzen Generation zu viel Sicherheit ist. Ein großer Teil dieser Generation – wie im Buch ja aber deutlich wird, ist dieser Teil der Menschheit ja ohnehin berechtigterweise einfach als Arbeitssklave zu betrachten, der halt den Preis dafür zahlen muss, dass so schöne, kluge Bücher wie dieses hier geschrieben werden können (vgl. S. 93) – ist mit 30 schon seit Jahren mit der Lehre oder Ausbildung fertig und im Beruf, auch die Absolventen von G8 und Bachelor-Studium sind seit Jahren im Beruf, viele haben schon Kinder, und ein gar nicht unerheblicher Teil hat weder berufliche Sicherheit noch ist er dieser überdrüssig. Ein Buch wie „Sieben Nächte“ kann nur jemand schreiben und jemand als Generationenroman sehen, der aus einem Milieu stammt, dass es sich leisten kann, lange zu studieren, und einen Beruf in dem Wissen anfängt, ohnehin durchzukommen, weswegen er eigentlich nur die Freiheit, die man ja hat, einschränkt, nicht diese überhaupt erst ermöglicht, wie es bei Menschen außerhalb dieses Milieus der Fall ist. Es ist ein Milieuroman, kein Generationenroman, und das Milieu, aus dem er kommt, hat den Kontakt zur Realität außerhalb des eigenen Milieus anscheinend weitgehend verloren.

Aber sei’s drum: Jedenfalls geht der Erzähler um seines wilden Aufbäumens willen einen Pakt mit einem Bekannten ein: Er muss in sieben Nächsten jeweils die sieben Todsünden durchleben und danach dazu jeweils sieben Seiten aufschreiben. Und was macht er dann total Wildes, Exzessives, um „den festgelegten Ablauf noch einmal zu durchbrechen“? Erst springt er an einem Sicherheitsseil von einem Hochhaus, dann isst er viel Fleisch, dann bleibt er einfach mal zuhause, besucht ein Pferderennen, schmollt in der Universitätsbibliothek, besucht maskiert eine Swingerparty und fährt dann beleidigt im Auto eines Freundes mit. Um das also noch einmal zu paraphrasieren: Er besucht erst ein Jochen-Schweizer-Event, isst dann viel Fleisch, um ein Mann zu werden (S. 51) – eine Idee, die so normiert ist, dass man sie in Form des Magazins BEEF an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann – tut dann mal nichts und sich dabei sehr leid, besucht völlig reguläre Veranstaltungen mit völlig geregeltem Ablauf (Pferderennen, Swingerpartys der Oberschicht), und das sollen die sieben Todsünden sein. Nirgends wird eine Norm überschritten, nirgends geht der Erzähler auch nur ernsthaft ein Risiko ein, alles passiert mit Sicherheitsschnur oder Maske, damit auch ja nichts von dem, was passiert, irgendeine Folge haben könnte. Und so ist es ja dann auch kein Wunder, dass der Erzähler am Ende keine Veränderung bewirken konnte (vgl. S. 134) – wie soll er denn auch, wenn der Autor ihn so bumslangweilige Sachen machen lässt? Wenn das ein Generationenroman wäre, wäre das doch ein sehr trauriges Zeugnis für eine Generation, der nicht einmal mehr einfällt, wie man eine Norm eigentlich überschreiten könnte. Es ist eben – wie bereits geschrieben – ein Roman wie ein Jungesellenabschied. Man möchte ein bisschen Exzess, sich ein bisschen besaufen, damit man sein Leben lang erzählen kann, wie man da aber mal einen drauf gemacht hat – in Wahrheit macht man aber nur das, was alle machen, hat dieselben Geschichten zu erzählen, die alle erzählen, weil einem nicht einmal einfällt, wie das gehen könnte: Mal richtig die Sau rauslassen. Wenn jedenfalls keine fünfzig Euro beim Galopprennen verwetten schon eine Todsünde sein soll, dürfte der Erzähler tatsächlich die langweiligste Figur der jüngsten Literaturgeschichte sein. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was einer solchen Figur erst einfiele, wenn sie in die Midlife-Crisis käme – vermutlich so etwas Außergewöhnliches wie: Sich ein Motorrad kaufen und eine Affäre mit einer jüngeren Frau anfangen.

Zumindest sollte man diesen Roman nicht in der Erwartungshaltung lesen, dass hier tatsächlich irgendwie der Versuch unternommen würde, irgendwie mal auch nur vorübergehend aus der Norm auszubrechen. Man sollte es aber auch nicht in der Erwartung lesen, man bekäme hier schöne, poetische Sätze zu lesen. Vielmehr ist das Buch sprachlich merkwürdig uneinheitlich – die ersten zwei Kapitel sind schwülstig, danach wird die Sprache erträglicher, ohne dass ich irgendein Konzept dahinter erkennen könnte, irgendeine Wandlung in der Figur des Erzählers, die diese sprachliche Entwicklung zum poetischen Mittel machen würde. Darüber hinaus ist es aber halt auch sprachlich einfach nicht gut gemacht, gerade am Anfang nicht.

Zum einen ist es fürchterlich geschwätzig. Der Autor hat sich eben nicht eine Formulierung überlegt, mit der er etwas ausdrücken möchte, vielmehr hat er halt einfach mal alles aufgeschrieben, was ihm so eingefallen ist, damit irgendwie alles in allem rüberkommt, was er so meint. Und so sind dann wohl Sätze wie diese entstanden: „Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. Nicht morgen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ (S. 27). Oder: „Habe ich mich eben noch groß und bedeutend gefühlt, bin ich jetzt kleiner als klein. Ein Nichts, ein Niemand.“ (S. 22) Man hatte ja schon bei der ersten Formulierung erfasst, worum es geht, und die synonymen Wiederholungen sind weder ästhetisch besonders ansprechend, noch inhaltlich zielführend, sondern schlicht: geschwätzig.

In diese Kategorie fallen dann auch die völlig überflüssigen, eigentlich nur die Belesenheit des Autors belegenden Zitatwolken:

„Ich schleiche nach Hause. Wieder ein Tag ohne Tat. Und wieder nur Träume von Verschwörung, Geheimbund und Heldentum. In Schillers Fiesco wird gewarnt, dass ‚unsere besten Keime zu Großem und Gutem unter dem Druck des bürgerlichen Lebens begraben sind.‘ In Bruckners ‚Krankheit der Jugend‘ sagt Desiree: „Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord.‘“ (S. 36)

Ist das jetzt Poesie, wenn man zu einem Schlagwort mal einfach Zitate aneinanderreiht, die Dinge sagen, die man selbst auch hätte sagen können? Die Zitate werden ja in diesem Roman nicht funktionalisiert, sie stehen einfach im Text. Es gibt andere Zitate, die in die eigene Sprache eingewoben wurden, die damit tatsächlich poetisch sind. Aber alle paar Seiten stehen da auch einfach schlicht schlaue Zitate dazwischen, als hätte der Autor am Ende mal auf aphorismen.de nach passenden Zitaten, die man noch dazwischenkleistern könnte, um schlau zu wirken, gesucht. Mein liebstes Beispiel, das für diese Deutung spricht, ist ja dieses:

„Früher war das Haus der Inbegriff des Arbeitsplatzes – Ökonomie heißt ja nichts anderes als das Gesetz des Hauses.“ (S. 59f.)

Endlich erklärt das dem Leser mal einer! Wirklich, sehr schön, sehr poetisch. So poetisch wie eine Vorlesung zum Thema „Fremdwort und Lehnwort“.

Und bei manchen Wörtern, die der Autor verwendet, wie „schleichen“, „schlurfen“, „unwirsch“ „schlohweiß“ und „milchweiß“ fragt man sich ja auch unweigerlich: Ach, die gibt’s noch, die darf man jetzt wieder verwenden, ohne sich den Vorwurf gefallen zu lassen, die eigene Sprache sei irgendwie abgedroschen? Auf S. 41 weicht dann „ein Blusenkleid“ aus, auf S. 19 liest sich der Roman so altbacken wie der Schreibversuch eines 16-jährigen, der versucht, in seinem Tagebuch große Literatur zu schreiben:

„Sie [gemeint ist die Angst] kann machen, dass ich in einer Nacht wie dieser plötzlich vom Tisch aufstehe und auf den Balkon gehe, schüchtern erst, mit unsicherem Gang. Der Regen ist stärker geworden, die Äste der Kastanie knacken im Wind. Oben auf dem Dach sitzen ein paar Krähen und schauen spöttisch auf sie herab: Keine Haltung, diese Äste, immer nur ein schwaches Fähnlein im Wind.“ (S. 19f.)

Man fragt sich, ob der Lektor dachte, dass das passt: Äste als Fahnen. Spöttische Krähen. Schüchternes auf den Balkon gehen nach plötzlichem Aufstehen. Oder das Bild zum verschütteten Wein: „der Traubensaft [Hallihallo, „Traubensaft“ ist übrigens kein Synonym für „Wein“, auch wenn es hier als solches verwendet wird. Hätte man ja merken können.] rinnt die Finger runter wie warme Sonnenmilch [wirklich, Wein rinnt wie Sonnenmilch? Das ist dann aber ein besonders dickflüssiger Wein.].“ (S. 44) Man fragt sich auch, ob der Lektor dachte, das passt, wenn der Erzähler auf die Trabrennbahn geht (so im „Glossar“), dort dann aber Galopprennen stattfinden. Man fragt sich, ob der Lektor dachte, das passt, wenn da steht: „Ich werde dort Weintrauben und Rosmarin wachsen lassen und kleine Wasserkübel im Boden installieren.“ (S. 31f.), und nicht etwa „Weinreben/Weinstöcke wachsen lassen“. Sowas hätte doch auffallen müssen.

Man fragt sich auch, ob der Autor wirklich dachte, das hier wäre ein stimmiger, klingender Satz, nicht einfach ein Hybrid aus 19. Jahrhundert und Umgangssprache: „Und die Furcht vor dem unfertigen Ausdruck macht uns die Herzen kaputt.“ (S. 31) Wirklich, sie „macht kaputt“? Und man fragt sich vor allem, wie so viele Leser und Kritiker diese Sprache poetisch finden können. Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass manche Stellen klingen wie ein Songtext von Casper oder wie ein Kalenderspruch, etwa: „Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 13). Ja, ich finde das auch ein bisschen beängstigend, wenn man die Angst vor der Konvention als Dichter nur so konventionell zum Ausdruck bringen kann. Und wenn ich mich fragen muss, ob der Erzähler sich eigentlich über eine Seite hinweg den eigenen Gedankengang merken kann, wenn er auf S. 93 noch die Arbeiter verachtet („Um die Mehrheit ging es noch nie, die hat immer schon geackert und geschuftet, damit die wenigen herrschen, malen und dichten konnten.“), sich dann aber schon auf S. 94 selbst als Arbeiter sieht: „Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage.“ Die herrschende, malende und dichtende Minderheit mit Stechuhr im Rücken. Ach so.

Da sind einfach wirklich zu viele Patzer passiert, was das Lektorat da gemacht hat, ob da überhaupt am Ende nochmal jemand drübergelesen hat, um zu schauen, ob der Roman konsistent ist – ich weiß es nicht. Die Sprache ist emphatisch, aber weder schön noch fehlerfrei (Fehler könnten poetisch sein – hier sind sie es nicht). Der ganzen Konzeption des Romans fehlt es an Mut und Ideen. Der ganze Roman hat das Pathos von Hasenclevers „Der Sohn“, leider aber eben auch nur das Pathos, sonst nichts. Schade drum.

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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien “Es geht doch nicht um die Enten!”.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau “hin”, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Sozusagen Paris – Navid Kermani

Navid Kermani Sozusagen ParisDas Interview von Iris Radisch mit Navid Kermani beginnt, nach dem ersten Abtasten und der zu erwartenden Frage nach dem Amt des Bundespräsidenten, damit dass Frau Radisch Herrn Kermani sagt, dass sie solche Literatur, wie die, über die sie jetzt sprechen, die er geschrieben hat, gar nicht leiden mag. Kermani reagiert etwas patzig, aber souverän und bedauert, dass sie in ihrem Beruf Bücher lesen müsse, die ihr nicht zusagen. Im Gegenzug nennt sie seinen neuen Roman Sozusagen Paris einen bescheidenen Wohnzimmertext. Sozusagen Paris ist ein Wohnzimmertext, da der Roman fast ausschließlich in einem Wohnzimmer spielt, bescheiden ist er dort, wo es Kermanis Erzählung benötigt. Aber der Reihe nach.

Der Erzähler ist Autor auf Lesereise. In seinem letzten Roman hat er seine Jugendliebe verarbeitet, eingearbeitet und diese Jugendliebe steht nun, was zu erwarten war, am Büchertisch vor ihm. Jutta ist inzwischen Bürgermeisterin der Lesereisen-Kleinstadt und die beiden gehen nach dem obligatorischen Lesereisen-Abendessen zu ihr, ins Wohnzimmer. Eine Bettszene wird es nicht geben, nicht mal einen Kuss, stellt der Autor bereits zu Beginn seiner gegenwärtigen Nacherzählung klar. Jutta hat drei Kinder und gerade Streit mit ihrem Mann und dieser wird daher auch die ganze Nacht nicht in Person auftauchen. Über Tee, Alkohol und Marihuana spricht Jutta über ihre Ehe, die zurückliegenden Jahre, ihre Träume und die Realität als kleinstädtische Bürgermeisterin.

Selbstverständlich werden sämtlich denkbaren Probleme der gehobenen Mittelschicht abgehandelt. Der jugendliche Traum der Weltverbesserung, der doch im Reihenhaus endet, die wilde Liebe, die doch im Alltag versandet und mit Wochenendtrips und Tantra am Leben zu halten versucht wird, das Eingeständnis nicht alles liefe perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Jutta ist unglücklich und ist es nicht, der Erzähler ein geduldiger Zuhörer und ist es nicht.

Ich knie neben einer etwa fünfzigjährigen Frau, die den Kopf auf meine Schulter gelegt hat, einer Frau die einmal meine große Liebe war, jedoch mit einem anderen Mann verheiratet ist, unglücklich verheiratet, muß ich dem Gesagten nach schließen, und trotzdem liebt sie ihn zweifellos, mag sie selbst oft das Gegenteil fühlen, sie liebt ihn, das ist für mich keine Frage, und er liebt sie erst recht, es ist eine der seltsamsten, verblüffensten, aufwühlendsten Situationen meines Lebens, und doch müssen vor mir andere Männer in exat der gleichen Körperhaltung eine Geliebte getröstet haben, die einen anderen Mann unglücklich liebt, und ihnen werden dieselben schmerzlichen und zugleich zu unsinnigen Hypothesen durch den Kopf geschossen sein, das Was-wäre-gewesen-wenn, das unsere Erinnerung verdirbt, und Ob-nicht-vielleicht-doch, das uns von der Gegenwart ernhält;

Der gesamte Roman ist durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Proust-, Stendal-, Flaubert-Referenzen und Einsprüchen des fiktiven Lektors. Aber Kermani macht bereits zu Beginn klar wie seine Erzählperspektive aussieht: er schreibt als geschähe es gerade, doch es ist eine Nacherzählung, daher kann er sich der Literatur- und Musikzitate bedienen, die sonst in einem Gespräch in diesem Umfang nicht auftauchen würden. Sowieso ist Navid Kermani sehr ehrlich mit seinem Leser, Erwartungen werden gedrückt, vieles vorweggenommen und Frau Radisch hat wohl einen literarischen Trick erwartet, der Autor aber einfach ein sehr ehrliches Buch geschrieben.

Ein wirklich realistischer Roman

Ich will das gar nicht wissen. […] Ich will nicht wissen, warum er sie im Bett nicht in den Arm nimmt, wenn sie weint, sondern sich umdreht und einschläft.

Der Erzähler will es eigentlich nicht wissen, hört es sich trotzdem geduldig an. Der Leser will es nicht wissen und liest es trotzdem. Es ist der Widerwillen in die Intimität zweier anderer hingezogen zu werden und fast unangenehmer als die Erläuterungen des erfüllt-tantrischen Sexlebens des Paares, das Jutta so schrecklich Liebemachen nennt (es soll ja Leute geben, die wirklich so reden, Iris R. hat solche aber nie getroffen!).

Kermani hat eine literarische Form gefunden, in der er einen solchen Wiedersehens-Intimitäts-Zweifel-Abend abbilden kann, denn so sind solche Treffen. Wer das nicht versteht, war wohl nie unglücklich verliebt, hat nie einer Jugendliebe hinterher getrauert und sich gefragt, was wäre gewesen wenn, als er sie wiedertrifft. Die Frage ist dann nur, ob man überhaupt Literatur besprechen sollte, die sich mit dem Leben auseinandersetzt, oder man nur noch Kopfliteratur rezensiert. Warum wird heute so viel banaler über die Liebe gesprochen als bei Proust oder Stendhal, fragt Radisch und gibt damit eindeutig zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, wie banal Liebe so häufig ist, dass Proust und Stendhal eine idealisierte oder zum Teil fast karrikierend verzerrte Version der Liebe erzählt haben, die in keinem Reihenhaus, keinem Alltag Platz hat.

Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt, vielfach beschrieben in Romanen, die in heutigen Wohlstandsgesellschaften spielen, ja, für das Milieu und Alter geradezu stereotyp, soll ich Jutta erklären und ihr freiheraus sagen, daß ich sie ebendeshalb zum Gegenstand meines Romans genommen hätte: weil ihr Fall verallgemeinerbar sei.

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder “Muss ich den lesen?” oder “Sollte ich wohl auch mal lesen”.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Aberland – Gertraud Klemm

940Mehrfach habe ich die selten, aber wenn gut besprochene, Gertraud Klemm und ihr Aberland begonnen, mehrfach abgebrochen. Die Geschichte zweier Frauen zweier Generationen, Mutter und Tochter, Franziska und Elisabeth, begann mit einer Suada Franziskas in einem Satz über vier Seiten, ach hat sie es schwer mit dem Kind und ihre Promotion kriegt sie auch nicht fertig, weil ihr Mann so wenig hilft; der Lebensplan, die Wäsche, die Windeln, Abstillen, Altersabstand, zweites Kind, Kinderärzte, Schreibaby. Nichts für mich denke ich kurz angebunden.

Doch ich lasse mich Wochen später erneut darauf ein, sehr zögerlich, und bin überwältigt. Ja, manche der geschilderten Szenen und Figuren sind fast zu abziehbildchenhaft die Klischees der gelangweilten, nicht verwirklichten westeuropäischen Frau, aber diese gibt es eben auch genau so. Die Sorgen um den Kindergeburtstag nehmen groteske Züge an, der längst verlorene Kampf um den Ehemann mit dessen jüngeren Geliebten und natürlich weiterhin der Wunsch der modernen Frau nach Erfüllung irgendwo zwischen Kind und Karriere, nicht aber gleichzeitig den Eindruck erwecken eine schlechte Mutter zu sein, dies sind wohl (ich mag das kaum abschließend zu beurteilen) die tatsächlichen Probleme zweier (oder mehr) Generationen Frauen heute.

Ein bisschen versteht sie das Publikum, das unterhalten werden will, diese jungen Künstler sind anstrengend, Literatur ist es, und die von Schriftstellerinnen noch mehr, immer diese Autorinnen mit ihren persönlichen Befindlichkeiten, kaum geben sie etwas von ihrem Privatleben preis, frisst ihnen das Publikum aus der Hand, Selbstmitleid auf Honorarbasis, ob sich das nicht rächt, ich hätte auch Autorin werden sollen, dann könnt ich meine pummelige, komplexbelandene Mutter unter Aspik auf einem Silbertablett servieren, denkt sie, meinen notorischpolygamen Vater häppchenweise als Beilage und meinen Bruder, den Steuerfachtrottel, als Nachtisch.

Aberland ist in diesem Zitat fast komplett enthalten: Klemm sollte sich trauen mehr Punkte zu setzen, aber sie beobachtet genau und beschreibt in ihrem zynischen Ton auf den Punkt. Im Verlauf der Lektüre lässt es einen Schaudern wie sie auf die Welt sieht, man möchte verzweifelen wie ihre Protagonistinnen in deren Leben aufgerieben werden und doch immer weiterstrampeln. Die Gertraud Klemm schreibt in einer ganz offenen Sprache über Sexualität, Sex und Erotik, kommt dabei aber ganz ohne das zuweil Plakativ-Aufdringliche eines Houellebecq aus, dessen Pessimismus sie dagegen übernimmt. Dem Leser wird vorgeführt, dass der Rest des Lebens eines Westeuropäers nur noch darin besteht zuzusehen wie man mit dem Alter verlischt, Persönliches und Erreichtes bedeutungslos wird, bis man dement wird, nur noch da sitzt und sich einpinkelt. Tragischerweise hat Gertraud Klemm damit wahrscheinlich recht.

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Die Sprache der Vögel – Norbert Scheuer

911Also wenn es zwei Dinge gibt, die ich nicht leiden kann sind es Vogelviecher und Krieg, aber dieses Buch…

Paul Arimond ist vor seinem Leben in der Eifel in den Krieg nach Afghanistan geflohen. Der zurückhaltende junge Mann vertreibt sich den Tag mit Vogelbeobachtungen und dem Zeichnen. Zwischen dem unspektakulären, aber im Kriegszustand immer angespannten Alltag wird der Grund für seine Flucht in Rückblenden gezeigt. Die Schuld an einem Autounfall, bei dem sein bester Freund schwer verletzt wurde, lastet auf ihm und hat sein altes Leben mit einem Schlag zerstört.

Norbert Scheuer, einer der Nominierten des Leipziger Buchpreises für Belletristik 2015, eilt in schnell, kurzen Sätzen durch die Geschichte, die sich am Ende wundersam in ein ausgewogenes Ganzes fügen. Die Lautstärke und Geschwindigkeit des Krieges prallen auf die Ruhe Pauls, die Sätze Scheuers wollen verweilen und werden durch die Story getrieben, das liebevolle Interesse Pauls für Vögel kontrastiert dessen Gleichgültigkeit für den Krieg, gar für Tote und Verletzte. Die menschlichen Verluste werden nur festgestellt, während der Sanitäter Paul Vögel bis ins Detail von Aussehen und Verhalten darstellt. Der Soldat sucht einen Ausweg aus dem Lager, aber nicht um zu desertieren, sondern nur um weiter ungestört beobachten zu können.

Ein so zauberhaftes Buch voller beeindrucktender Schönheit, trotz Krieg und Flattertier. Bitte unbedingt lesen!

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Die herrliche Welt des Scheins – Berlin 1936 von Oliver Hilmes

Die Propaganda, zumindest die rassistische, antisemitische, hält im August 1936 für kurze Zeit die Luft an, denn es ist Olympiade. Das Dritte Reich möchte sich von seiner besten Seite zeigen, friedvoll, friedliebend und weltoffen. Im selben Jahr hatte Hitler zwar die Verträge von Locarno gebrochen und die Wehrmacht im Rheinland einmarschieren lassen, aber dies sollte nicht die größte Sportveranstaltung der Welt stören. Ebenso wenig der bereits tobende Bürgerkrieg in Spanien, der heimlich von Deutschland auf Seiten Francos untersützt wird.

berlin 1936 oliver hilmes coverOliver Hilmes, bekannt durch seine Alma Mahler Biographie, seine Arbeiten zu Ludwig II., der Familie Wagner und Franz Liszt hat die Zeit der olympischen Spiele in Berlin als Aufhänger für sein neues Buch genommen. Der Berliner Historiker wirft sich ins Nachtleben der 30er Jahre, blickt hinter die Kulissen der Propaganda und schaut den Berühmten über die Schulter. Diese knapp zwei Wochen vom 1. bis zum 16. August 1936 reichen Hilmes um ein Panoptikum einer Epoche zu zeichnen, den letzten Akt der Inszenierung einer Regierung, eines ganzen Landes, das sich später voll Begeisterung in einen weltumspannenden Krieg werfen wird und hinter dessen Kulissen bereits die Vorbereitungen für diesen laufen.

Hilmes verschneidet geschickt Tagebuchaufzeichnungen von Harry Graf Kessler und dem unvermeidbaren Goebbels, offizielle Äußerungen und Pressemitteilungen und Wetterberichte mit Zeitzeugenberichten. Er nutzt der Technik, derer sich auch Florian Illies in 1913 bediente, Prominente einander beobachten zu lassen, wahre Begebenheiten so zu komponieren, dass hieraus nicht nur eine, sondern die Geschichte, entsteht. Also sitzt der junge Reich-Ranicki im Theater bei Gründgens, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zieht mit Thomas Wolfe, einem geheimen Protagonisten des Buchs, um die Häuser und Mascha Kaléko verlässt ihren Mann, während alle sich das Maul über Pauline Strauss, die Frau des Komponisten Richard Strauss, zerreißen. Hierein fügen sich immer wieder Bilder, die das Kolorit der Zeit nachzeichnen. Einen großen Anteil hieran hat die Musik dieser Zeit, die zwischen wildem “Negerswing”, Propagandafanfaren und dem ewigen Wagner vorkommt.

Berlin 1936 ist vor allem daher so gelungen, weil Hilmes es schafft das Gleichgewicht aus unterhaltsamen Tratsch, nüchterner Meldung, Tagespolitik und Zeitgeschichte zu halten. Das Lokalkolorit wird nie aufdringlich und selbst bei den Skandalen und Stargeschichten beschleicht den Leser nie das unangenehme Gefühl der Schnüffelei. Zur Balance trägt bei, dass eben nicht nur Anekdoten von Stars nacherzählt werden, sondern Zeitgeschichte anhand des Lebens einfacher Bürger aufgezeigt wird, der Barbesitzer und Soldat auf Geheimmission, bereits gegängelte Juden und Sinti, Besucher der Spiele und Fans von Sportlern. Der in diesen beiden Wochen omnipräsente Sport fügt sich in Berlin 1936 in die Ausgewogenheit des gesamten Buches sein. Natürlich hat Jesse Owens seinen Auftritt, doch auch die Schilderungen der Ereignisse der Leibesertüchtigung, erzeugen keine erzählerlische Unwucht. Man möchte fast sagen, perfekt komponiert.

Oliver Hilmes hat bereits in seinen vorherigen Büchern gezeigt, dass Geschichte und Biographien unterhaltsam sein können. Spätestens jetzt hat er bewiesen, dass er auch ein großer Erzähler ist.

Beitragsbild: Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1976-116-08A  CC-BY-SA 3.0

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