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Kategorie: Aktuell im Gespräch

Alles super in der Abstiegsgesellschaft! (feat. Kathrin Weßling: „Super, und dir?“ und Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ und ein paar andere)

[es gibt auch viele extralange Zitate und extrawenig Absätze, juhu!]

Vor ein paar Monaten habe ich einen recht länglichen Blogbeitrag über die Frage geschrieben, welche Strukturen dafür sorgen, dass Autorinnen aus der Literaturgeschichte verschwinden – ein nicht unerheblicher Faktor dabei ist, dass Bücher von Autorinnen seltener besprochen werden, und wenn sie überhaupt besprochen werden, dann häufig in Sammelrezensionen. Entsprechend schade finde ich es, dabei zuzuschauen, wenn genau das passiert: Dass ein Buch einer Autorin von fast allen Feuilletons größerer Tages- oder Wochenzeitungen gar nicht erst angefasst wird, während ein Buch eines Autors von vergleichbarer Qualität lauter positive Rezensionen bekommt.

Ich habe selbst „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch besprochen und empfohlen, weil es interessante und wichtige Problemlagen gelungen verhandelt, wenn auch nicht literarisch gelungen – denn dass hier vieles gar nicht erst zu Ende erzählt wird, dass viele Stellen sprachlich schlecht und das Dazwischenklatschen dieses „Manifestes“ zwischen die Handlung literarisch eigentlich eine Frechheit ist, sollte ja offensichtlich sein. Trotzdem ist es ein gutes Buch, es ist eben ein Thesenroman. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling ein gutes Buch ist, das ebenso gesellschafts- wie kapitalismuskritisch ist wie „Hochdeutschland“, genauso drängende gegenwärtige Probleme anpackt und benennt, dabei wirklich ein ganzes Stück besser erzählt ist, hier und da aber ein bisschen redundant geschrieben (die sprachlichen Schleifen sind aber als Gedankenschleifen im Text überzeugend) und sprachlich halt nicht Avantgarde ist (ja, und?). Aber wenn Bücher halt einfach gut erzählt sind, ist das ja eher ein Manko, hat man manchmal den Eindruck, das ist erst dann in Ordnung, wenn sie aus dem angelsächsischen Bereich übersetzt worden sind – ein deutschsprachig geschriebener Roman dagegen, der halt einfach eine Geschichte erzählt ohne irgendwelchen Schnickschnack, noch dazu von einer jungen Frau über eine junge Frau geschrieben worden ist, das muss ja Quatsch sein dann, da schreiben wir lieber keine Besprechungen darüber, Nein, Nein, Nein, aber bei „Hochdeutschland“ tun wir so, als wäre es eine Offenbarung, auch wenn es der schlechter geschriebene Roman ist. Es ist doch zum Mäuse melken.

„Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch ist natürlich nach wie vor ein gutes Buch. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling, die hier in von mir zumindest noch nie gelesener Genauigkeit und Drastik von den Problemen von Kindern aus der Mittelschicht in der Abstiegsgesellschaft erzählt.

Oliver Nachtwey beschreibt in seinem Essay „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“, was eine Gesellschaft prägt, deren Phase der „sozialen Moderne“, die in den 1970ern mit dem Wechsel zum Postfordismus einsetzt, von Wachstum und der vergleichsweise hohen sozialen Mobilität vor allem auch auf Grundlage von Bildungsexpansion geprägt war, seit der Agenda 2010 vorbei ist und zu einer Phase der „regressiven Moderne“ geworden ist. Nachtwey modifiziert hier Ulrich Becks Begriff der „reflexiven Moderne“: Während die „reflexive Moderne“ dadurch gekennzeichnet war, dass sie im Zuge des Fortschritts Folgen verursacht hat, die ihr Anliegen unterlaufen – man baute Atomkraftwerke, weil man saubere Energie wollte, und bekam Tschernobyl – zeichnet sich die „regressive Moderne“ dadurch aus, dass sie hinter ein zuvor erreichtes Maß an sozialer Integration zurückfällt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidargemeinschaft bröckeln, neue Klassen und vor allem neue Formen des Prekariats/der Unterschichtung entstehen, die allerdings zu keiner Solidarisierung fähig sind, da sie gleichzeitig eben unterschiedlichen Schichten angehören – das journalistische Medienprekariat solidarisiert sich eben nicht mit Zeitarbeitern am Fließband, auch wenn beide von ähnlichen Arbeitsstrukturen ausgebeutet werden –, soziale Mobilität stagniert ebenso wie Umverteilung: Immer mehr Menschen haben immer höhere Bildungsabschlüsse, die immer weniger wert sind, vor allem nicht unbedingt zu mehr Einkommen und also mehr sozialer Sicherheit führen, während Kapitalzuwachs vor allem dort stattfindet, wo bereits Kapital zu finden ist: bei den Vermögenden.

In der Konsequenz sehen sich junge Arbeitnehmer seit den Agendareformen, die zahlreiche Arten atypischer Beschäftigungsformen ermöglicht und erleichtert haben, insbesondere die grundlose Befristung von Arbeitsverträgen, einer Arbeitswelt gegenüber, die eigentlich nicht mehr mit dem Leistungsdenken der alten Mittelschicht bewältigbar ist. Junge Leute kämpfen also mit dem Denken von gestern gegen Probleme von heute, gegen einen Arbeitsmarkt, auf dem im „Zuge der regressiven Modernisierung […] die ‚Institutionalisierung von Prekarität‘ vollzogen“ (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 137) wurde. Es ist eben nicht mehr jeder seins Glückes Schmied, und wer sich nur genug anstrengt, der wird deswegen noch lange nicht auch was, in einer Zeit der Praktika, der Volontariate, der Freelancer, der befristeten Verträge.

Die Mittelschicht entwickelt entsprechend Abstiegssorgen, die Unterschicht, die die Einschränkung der sozialen Mobilität besonders hart trifft, Abstiegsangst. Die Folge sind neue Protestformen und -bewegungen – Occupy ebenso wie Pegida. Wer eine klare Darstellung der Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen und der gefährlichen Folgen des Abbaus des Sozialstaates und der Isolation der Klassen voneinander lesen will und „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey nicht ohnehin diesbezüglich schon auf dem Schirm hatte, sollte es jetzt lesen, so klar, zusammenhängend und transparent argumentiert (Nachtwey benennt auch klar, wo ihm empirische Belege fehlen) liest man das sonst nirgends.

Schon Bourdieu, wie Nachtwey darstellt, bemerkte, dass prekär (also nicht stabil, sondern unsicher und widerrufbar) Beschäftigte dazu neigen, betriebliche Normen überzuerfüllen, weil sie sich jeden Tag aufs Neue bewerben/bewähren müssen, immer in der Hoffnung auf eine Festanstellung, was sie länger, intensiver und mehr arbeiten lässt (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 144). In der Abstiegsgesellschaft nimmt dies noch drastischere Züge an:

„Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der Realität nicht mehr aufwärtsgeht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können. Es entstehen Abstiegssorgen und ‚Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand‘ (Vogel 2006, S. 354). Dabei bilden sich mit steigender Häufigkeit ‚anomische‘ Konstellationen heraus, in denen die etablierten sozialen Normen, die eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration bilden, sukzessive erodieren und an Geltung verlieren (vgl. Berton 1995 [1949]). Wenn Aufstieg nicht mehr möglich erscheint und solidarische Handlungsmöglichkeiten – etwa im Rahmen und mithilfe von Gewerkschaften – entweder kaum existent oder nicht wirksam sind, dann greifen die Menschen verstärkt zu selbstoptimierenden Strategien. Diese laufen auf eine intensivierte, beinahe völlige Hingabe an den Wettbewerb hinaus. Viele Menschen steigern ihre innerbetriebliche Leistungsbereitschaft, arbeiten mehr und entgrenzter, verdichten ihre Tage rund um die Uhr produktiv. Sie verzichten auf Ansprüche an das gute Leben, an die Work-Life-Balance, nehmen Stress und Sinnverlust in Kauf, beschleunigen sich immer weiter. Die eigenen Erwartungen hinsichtlich Autonomie und Selbstentfaltung werden durch ‚die verstärkten Opfer für den Aufstieg konterkariert‘ (Voswinkel 2013, S. 30). Der kulturelle Individualismus wird sparsamer gelebt, man verzichtet zunehmend auf einen marktfernen Hedonismus (z.B. ohne Eile zu studieren).“ (Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 165f.)

Von einem Typ der vielen durch atypische Beschäftigungsformen neu entstandenen Prekariate, dem Volontariats-Prekariat, erzählt Kathrin Weßling in „Super, und dir?“ und schafft damit das narrative Gegenstück zu Nachtweys Analyse der Abstiegsgesellschaft. Die junge Protagonistin mit dem Allerweltsnamen Marlene Beckmann – denn ein Allerweltsschicksal ist es ja, das hier erzählt wird – ist dort angekommen, wo sie glaubte, immer hin zu wollen. Sie hat eine Beziehung zu einem Mann, der sie liebt, sie hat ihr Marketingstudium abgeschlossen und einen begehrten Volontariatsplatz in einer bekannten Firma bekommen. Wie sie mehrfach betont, ist das eine „Chance“, für die sie „dankbar“ ist, der neoliberalen Ideologie zufolge muss das Individuum ein prekäres Arbeitsverhältnis nämlich als Chance wahrnehmen, nicht als Form der Ausbeutung, und für diese Ausbeutung hat es dankbar zu sein, um der massiven Abhängigkeit in dieser unsicheren Position den positiven Anstrich des Freiwilligen, Selbstgewählten zu geben. In der individualisierten Gesellschaft hat sich das Individuum nämlich alles selbst zuzuschreiben, es hat es sich ja so „ausgesucht“.

Weil nun Marlene das mittelständische Leistungsdenken die Idee in den Kopf gesetzt hat, dass Arbeit glücklich macht, dass sie eine Form der Selbstverwirklichung ist, statt von Marx zu lernen, dass Arbeit, insbesondere Arbeit die eine extreme Form der Ausbeutung der Arbeitskraft darstellt, bei der kein sinnvolles Produkt entsteht, also entfremdete Arbeit, Selbstentfremdung nach sich zieht, geht sie zunehmend in die Knie. Marlene weiß, dass ihr Job im Online Marketing nicht sinnvoll ist, „[w]ir lassen die Scheiße wie Gold aussehen“ (S. 78), wobei natürlich auch hier die Wahrheit ideologisch vertuscht werden muss („[n]atürlich würden wir das […] niemals so sagen, denn wir sind selbstverständlich Fans all dieser Sachen“, S. 78), genauso wie sie weiß, dass die Firma Massenware für vermasste Menschen produziert, „dass wir lieblose Massenware auf den Markt schmeißen, mit der irgendwie jeder etwas anfangen kann“ (S. 72). Über den Sinn ihrer Arbeit hat sie sich während des Studiums nie Gedanken gemacht (S. 72), sie hat für die Karriere auf Sinn verzichtet. Sie leistet entfremdete Arbeit in einem prekären Arbeitsverhältnis, die nicht Selbstverwirklichung, sondern Selbstaufgabe, Selbstentfremdung bedeuten muss. Und das bringt Weßling auch so auf den Punkt: Marlene leistet „Selbstverwirklichung bis zur Selbstaufgabe“ (S. 121).

Und genau das, also die schrittweise Selbstaufgabe, vollzieht sich dann auch: Vom ersten Tag an ist ihr Job mit Angst verbunden, jeden Tag, wenn sie in die Arbeit fährt, wenn sie ihre Mails öffnet, hat sie Angst – Angst davor, aufzufliegen, es nicht zu schaffen, Angst vor Beschwerden, kurz: Die Angst, die jemand empfinden muss, der jeden Tag so arbeiten muss, als bewerbe er sich neu, die Angst, die eigentlich die Abstiegsangst in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis ist: Eben Angst vor dem Abstieg, der auch soziale Desintegration bedeutet. „Jedes Gespräch fühlt sich wie ein Test an, wie eine weitere Aufgabe, die ich erledigen muss. Ich bin mir nicht sicher, was getestet wird“, beschreibt Marlene die Situation bei einem Feierabenddrink mit den Kollegen. Sie hat Angst vor dem Verlust des Jobs, damit des Platzes in der Gesellschaft und also der sozialen Integration, denn das bedeutet es, einen Job zu haben: „ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“ (S. 54). In der Leistungsgesellschaft – Menschen, die mal Hartz bezogen haben, können ein Lied davon singen – hat der Mensch eben keinen Wert an sich, sondern er hat eine Arbeitskraft, und deren produktiver Einsatz macht ihn wertvoll.

Irgendwann ist die Angst so groß, dass Marlene nicht mehr weiß, was ihr mehr Angst macht: Dass man merkt, dass sie für den Job nicht geeignet ist, oder dass man es nicht merkt und sie ewig so weitermachen muss (S. 147). Und natürlich spricht niemand über die Entlassungen, die stattgefunden haben, denn das, was Angst macht, wird verdrängt, „[e]s sind immer nur die anderen“ (S. 152), stattdessen betont man gebetsmühlenartig (und eine Art Gebet ist es, mit dem Mann die Götter, die Vorgesetzten besänftigen will) die eigene Dankbarkeit für die Chance, sich ausbeuten zu lassen. Noch wenige Wochen vor dem Auslaufen ihres Arbeitsvertrages weiß Marlene nicht, ob sie übernommen werden wird, sie traut sich kaum, nachzufragen, und als sie sich doch überwindet, erhält sie viele nette Worte, aber keine Auskunft – der prekären Ausbeutung wird der Anstrich der Wertschätzung verliehen.

Weil Marlene nun einfach nicht so funktioniert, wie die Werbung und die Ideologie der Leistungsgesellschaft das wollen, weil sie von dem permanenten Druck des atypischen Beschäftigungsverhältnisses völlig erschöpft ist, da sie – wie Nachtwey das beschreibt – gegen eine abwärts fahrende Rolltreppe nach oben rennen muss, entwickelt sie die von Nachtwey beschriebenen anomischen Verhaltensweisen. Es gibt keine Möglichkeit eines solidarischen Zusammenschlusses mit anderen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, die einzige Person, die mit ihr im selben Boot säße, ist ihre Konkurrentin, die andere Volontärin, nur eine von beiden wird übernommen werden. Also wendet sie das gesamte Sortiment selbstoptimierender Strategien an – sie redet sich Kalendersprüche ein, um sich zu motivieren, sie meditiert morgens, ernährt sich gesund, macht Sport in dem Fitnesscenter, das für Mitarbeiter besondere Konditionen bietet und den Slogan „Du machst nicht Sport, du machst dich glücklich“ (S. 64) propagiert, und als das nicht mehr reicht, nimmt sie eben Drogen. Kokain, dann billigeres Speed tagsüber, manchmal Ritalin, dann abends was zum runterkommen, so optimiert sie sich selbst zu Grunde, hinein in die schönste Abhängigkeit. Sie gibt sich völlig an den Wettbewerb hin, arbeitet ständig über ihrer Belastungsgrenze, 70 Stunden Wochen sind die Regel, Sinnverlust nimmt sie, wie schon erwähnt, in Kauf. Auf Work-Life-Balance verzichtet sie, ihre Beziehung leidet, die entfremdet sich von ihrem Partner, alles im Dienst der Selbstverwirklichung durch Arbeit.

Entsprechend löst sich auch zunehmend die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben auf, eine Grenze, die ohnehin nicht existiert, wie Marlene von ihrem Vorgesetzten mitgeteilt wird. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass dieser ihr, wenn er mit ihr sprechen will, Nachrichten über ihr privates Facebook-Profil schickt, und Marlene sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie das übergriffig findet und dass es sie stört.

„Wie soll ich also Stefan erklären, dass er mir nicht auch noch auf Facebook schreiben soll? ‚Lieber Stefan, ich möchte dich bitten, das letzte bisschen Privatsphäre, das ich habe, zu achten und mir keine Nachrichten im Messenger zu schreiben. Denn seitdem ich in dieser Firma arbeite, habe ich kein Privatleben mehr. An meinem einzigen freien Tag, am Sonntag, schlafe ich nur noch, weil ich so erschöpft bin von der Woche. Deshalb wissen meine Freunde schon gar nicht mehr, wie ich aussehe, na ja, außer, sie rufen mein Facebook-Profil auf, denn da sieht man ja, wie geil es mir geht, wie absolut super alles ist, wie hübsch und dünn und erfolgreich ich bin. Und man kann sich die Bilder angucken, auf denen ich mit Jakob lache und Ausflüge mache und zwischen all meinen Freunden in die Kamera lache, weil wir so viel Spaß haben, weil wir so verdammt viel Spaß haben. Ja, schau dir das an, Stefan, ich bin nämlich ein Mensch, auch wenn das hier sonst keiner mehr ist, weil alle nur noch wie Roboter den immer gleichen Scheiß erzählen: Mir geht es sehr gut, danke.“ (S. 79f.)

War Marx unter anderem davon ausgegangen, dass den Menschen die Arbeit an der Maschine entfremden muss, da sie den Menschen einem maschinellen Arbeitsrhythmus, dem gnadenlosen Funktionieren und immer gleichen Tempo der Maschine unterwirft, so sieht man hier, dass der Mensch auch durch Arbeit zur Maschine, zum Roboter werden kann, ohne dass er an einer Maschine oder am Fließband arbeitet: Einfach dadurch, dass er sich permanent reibungslos funktionierend in den Ablauf im Betrieb einfügen muss. Marlene muss ständig weiterperformen, ihre Fassade aufrecht erhalten, unabhängig davon, wie es ihr geht – und zerstört sich damit psychisch selbst. Verstärkt wird dies noch durch die Fortsetzung solcher Performance im Internet: Auch hier bemisst sich der Wert des Menschen an seiner Leistung, an der Zahl der Likes, die er generieren kann – und so macht Marlene dann, wenn es ihr besonders schlecht geht, ein Selfie von sich, postet dazu irgendein motivierendes Zitat von Hermann Hesse und fühlt sich mit jedem Like ein bisschen besser, ein bisschen wertvoller (vgl. z.B. S. 122).

Damit steht Marlene auch hier ständig unter Valorisierungsdruck, unter dem Druck, bewertet zu werden und sich also beweisen zu müssen, wie Andreas Reckwitz das in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nennt. Die Orientierung an Selbstverwirklichung als normatives Ziel ergibt den

„Imperativ der Selbstentgrenzung: Das spätmoderne Subjekt zieht enorme Befriedigung daraus, nicht ein für alle Mal festgelegt zu sein, sondern in grenzenlosem Aktivismus immer wieder neu noch ganz andere Aktivitäten und Möglichkeiten für sich entdecken zu können – neue Reiseziele, eine neue Sportart, einen anderen Partner, einen anderen Lebensort etc. Das Ziel lautet dann, möglichst viele Potentiale, die in einem schlummern, zu mobilisieren und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Der Maßstab dieses Lebensstils ist die größtmögliche Fülle des Lebens.
Die Kehrseite der Selbstentgrenzung ist die Selbstüberforderung.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 343)

Weil in der Spätmoderne nun die Chancen zur gelingenden Selbstverwirklichung potenziert wurden, wurden auch die Chancen für Enttäuschungen potenziert: „Es ist nur konsequent, dass die Depression in einer Gesellschaftsformation, die […] parallel zu ihren gesteigerten Ansprüchen auch die Enttäuschungsrisiken potenziert hat und zudem für diese wenig kulturelle Verarbeitungsressourcen bietet, zu einem charakteristischen Krankheitsbild wird.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 349)

Beruflich wie privat will Marlene alles, weil ihr von der Gesellschaft beigebracht worden ist, dass sie alles erwarten könne, wenn sie nur zu entsprechender Leistung bereit sei: „Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.“ (S. 118f.) Die Chancen zur Selbstverwirklichung schlagen um in potenzierte Enttäuschung, die Folge ist Depression, ist Drogensucht, mitverursacht durch hemmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die zum Burn-Out führt.

Wie Mark Fisher in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ zeigt, sind solche psychischen Erkrankungen also politisch zu verstehen: Sie sind Signum der Spätmoderne und Folge einer entfremdenden, ausbeutenden Arbeitswelt. Indem Kathrin Weßling das zeigt, hat sie einen in seiner gesellschaftskritischen Klarheit so wichtigen und aktuellen Roman geschrieben, den ich so, zu dieser Konstellation, noch nicht gelesen habe, denn in dieser Zuspitzung leistet „Super, und dir?“ ja eine Kritik an Leistungsdenken und Arbeitswelt im Neoliberalismus, wie sie bislang eben auch von „Kraft“ von Jonas Lüscher oder „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch nicht vollzogen wurde, diese Romane beschäftigen sich ja mit anderen Zusammenhängen und Problemen. Aber wie der einzelne junge Arbeitnehmer im Zusammenspiel von hohen Erwartungen an sich und das Leben, perkären Arbeitsbedingungen und bürgerlichem Leistungsdenken bis in die Drogenabhängigkeit hinein zerrieben wird, das habe ich so im deutschsprachigen Raum noch nicht gelesen. Und zum Glück ist „Super, und dir?“ zu allem Überfluss noch ein wirklich gut lesbarer Roman, den man zum Zweck der Aufklärung all jenen, die nicht Nachtwey, Reckwitz und Fisher lesen wollen, in die Hand drücken kann: Der Roman erzählt alles, was man über bürgerliche Leistungsideologie zur Zeit wissen muss, um ihr nicht auf den Leim zu gehen, gut erzählt und für jeden nachvollziehbar.

„Ich kriege, was ich will, wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. Ich habe keine psychischen Probleme, sondern nur eine leichte Anpassungsstörung, ich bin nicht sauer, sondern enttäuscht, ich bin nicht am Ende angekommen, sondern stehe am Anfang einer Reise, ich habe mich nicht verloren, sondern erkunde mich bloß selbst. Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. Ich bin nie müde, sondern strenge mich einfach nur sehr an. Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“ (S. 119)

Allerdings – und hier hat der Roman eine Stärke und eine kleine Schwäche gleichzeitig – hat Marlene auch eine Familiengeschichte, die erklärt, warum sie zu der Hochleisterin, die immer über Soll funktioniert, geworden ist. Auch diese Familiengeschichte ist von der Art, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten angesichts ihrer statistischen Häufigkeit erzählt wird: Sie handelt vom Ausfall eines Elternteils durch Alkoholismus und den Kompensationshandlungen, die das von einem Kind verlangt, das hier die typische Rolle des „Helden“ unter Alkoholikerkindern übernimmt: Das Kind „funktioniert“ mehr als tadellos, übernimmt die Elternrolle und erbringt Leistungen, auf die die Eltern stolz sein können, um damit sich und die Eltern zu retten, um etwas Freude und Stolz in ihr Leben zu bringen. Das ist häufig und wird selten erzählt, darum ist es gut, dass es hier erzählt wird – allerdings bringt es die Gefahr mit sich, dass Marlenes psychische Zerrüttung damit weniger als strukturell-politisches Problem als vielmehr als familiär-individuelles erscheint, was es nicht ist. Man muss kein Alkoholikerkind sein, um unter die Räder prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu geraten. Das wird auch deutlich, es sei denn, man möchte den Roman eben unpolitisch lesen, dann eröffnet die Familiengeschichte natürlich eine Tür, um ihn psychologisch zu lesen. Aber auch das ist dann für die eine oder den anderen vermutlich eine wichtige Lesart.

JA UND JETZT WOLLT IHR SICHER WISSEN, WIE ES WEITERGEHT MIT MARLENE UND OB SIE IHRE BEZIEHUNG RETTEN KANN UND DEN JOB KRIEGT UND DIE DROGENSUCHT LOS WIRD. Verrate ich euch nicht, ihr sollt ja das Buch lesen!

„Super, und dir?“ ist, wie geschrieben, hier und da ein bisschen redundant erzählt, was aber zu den Gedankenschleifen der Figur passt, es ist in einer Sprache, die nahe an der gesprochenen Sprache liegt, geschrieben, die damit nicht unbedingt die literarischste aller Sprachen ist, Fans der Sprache Thomas Manns könnte das stören, – und es ist ein gut erzählter, wichtiger Roman. Es ist ein Roman der Abstiegsgesellschaft. Lest ihn, ich verspreche euch, ihr kommt klüger und kritischer und leider auch betroffen wieder heraus.

(Zitate, auf die nur eine Seitenangabe folgt, beziehen sich auf “Super, und dir?” von Kathrin Weßling.)

(Das Beitragsbild stammt von Wyron A auf unsplash.com)

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Weibliche Aneignung männlicher Fantasie: Von Meerjungfrauen und einem Meermann (feat Andreas Kraß „Meerjungfrauen“, Melissa Broder „Fische“)

Im Februar diesen Jahres wurde in der Manchester Art Gallery das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse (s. Beitragsbild oben) im Rahmen einer Kunstaktion von Sonia Boyce abgehängt – man wollte damit eine Debatte über die Darstellung von Frauen in der Kunst auslösen. Entsprechend konnten während des Zeitraumes, in dem das Bild abgehängt blieb, die Besucher an der so entstandenen Leerstelle Zettel hinterlassen, auf die sie ihre Meinung zu diesem Thema und Möglichkeiten einer angemessenen Kontextualisierung des Gemäldes bei seiner erneuten Ausstellung schreiben konnten. „This gallery presents the female body as either a ‘passive decorative form’ or a ‘femme fatale’. Let’s challenge this Victorian fantasy!“, erklärte die Kuratorin Clare Gannaway die Absicht hinter dieser Aktion, die tatsächlich ja auch hierzulande für Debatten sorgte, vermutlich auch deswegen, weil sie sich hier mit der schier endlosen Diskussion um die Überstreichung von „Avenidas“ an der Alice-Salomon-Hochschule verband.

Tatsächlich ist diese Form der Kunstperformance – und das sollte die Abhängung ja sein – nicht ganz gelungen, gar nicht deshalb, weil Kunst hier im Rahmen einer Kunstperformance ihre Selbstzweckhaftigkeit verliert und eben zum Mittel von Kunst wird, was ja zumindest eine interessante Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist. Vor allem ist diese Kunstaktion doch deswegen nicht gelungen, weil sie wenig zur Aufklärung und Emanzipation der Besucher*innen beiträgt, anders als dies der Fall gewesen wäre, wenn man in einer gut aufgearbeiteten Ausstellung etwa unterschiedliche künstlerische Darstellungen von Frauen mit entsprechend erklärenden Texten gezeigt und am Ende die Möglichkeit zum Hinterlassen von Zetteln gegeben hätte. Das ist eigentlich der Job, den Kurator*innen machen sollten, wenn sie eine „fantasy“ „challengen“ wollen, um auf diese Idee zu kommen, brauchen sie keine Anregungen von Besucher*innen. In einer solchen Ausstellung hätten die Besucher*innen sich ein Bild von der Darstellung von Frauen in der Kunst machen können, eine Debatte hätte auf der Basis von Informationen geführt werden können – und wäre vielleicht damit eine vernünftige Debatte über die Darstellung der Frau in der Kunst gewesen, und nicht eine Debatte über Zensur, die die Kunstaktion tatsächlich auslöste. Nicht Abhängen, sondern Information führt zu Mündigkeit – und schön wäre es ja auch gewesen, im Kontext einer solchen Ausstellung auch ganz andere Darstellungen von Weiblichkeit von Künstlerinnen zu zeigen.

Denn dass Clare Gannaway mit ihrer Diagnose – dass Frauen in der dominant von Männern bestimmten Kunstgeschichte in der Regel entweder als passiv-dekorativ (meist: die Ehefrau) oder als femme fatale (meist: die Geliebte) dargestellt werden – nicht nur bezogen auf die Manchester Art Gallery, sondern bezogen auf die Künste überhaupt, Recht hat, ist ja eine Binsenweisheit feministischer Diskussion seit spätestens Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“. Und dies lässt sich par excellence an eben dem Mythos zeigen, der in der Romantik so beliebt war und wohl darum auch auf dem in Manchester abgehängten romantischen Gemälde von Waterhouse zu sehen ist: dem der Meerjungfrau.

Das zeigt Andreas Kraß in „Meerjungfrauen. Geschichte einer unmöglichen Liebe“, einer so gut lesbaren wie spannenden komparatistischen Untersuchung des Motivs der Meerjungfrau von der Antike bis in die Gegenwart. Die Meerjungfrau, die erst seit Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“, das irgendwann zu einem Walt Disney-Film geworden ist, einen Fischschwanz hat, ist dabei immer Figur einer – wie der Titel von Kraß‘ Buch schon sagt – unmöglichen Liebesgeschichte. Entsprechend werden Erzählungen von Meerjungfrauen literaturwissenschaftlich dem Erzählmuster der „gestörten Mahrtenehe“ (Mahrte = Fee) zugeordnet, also Erzählungen von tragisch verlaufenden Verbindungen von Menschen und Feen. Für gewöhnlich gibt es in derartigen Erzählungen ein Tabu, das vom Menschen nicht verletzt werden darf, dann aber doch verletzt wird, was zum Tod von wenigstens einer der Figuren führt.

Meerjungfrauen sind dabei überraschend vielgestaltig: Die Sirenen der Antike wurden als Vogelfrauen vorgestellt, die mit ihrem Gesang Menschen in den Tod führen, die mittelalterliche Melusine ist eine Schlangenfrau, Nymphen waren in der Regel mehr oder weniger menschlicher Gestalt, bis Andersen ihnen eben einen Fischschwanz andichtete. Typischerweise tragen sie alle in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung Züge der Verderberin, der Gebärerin oder der Verführerin, also Züge eben des mythischen Frauenbildes, das – wie Kraß zeigt, aber ja auch schon lange zuvor Simone de Beauvoir gezeigt hat – häufig von Männern in Kunst- und Kulturgeschichte entworfen worden ist: Die Frau ist das Andere zum Mann, auf sie projiziert er seine Wünsch und Ängste. So tritt die Meerjungfrau beispielsweise während der Romantik häufig in Konkurrenz zur standesgemäßen Ehefrau, ist also der weibliche Mythos, an dem das Problem der Vereinbarkeit von passionierter Liebe als romantisches Ideal und bürgerlicher Ehe als Realität verhandelt wird. Kraß fasst daher

„die Meerjungfrau als Sinnbild für die Liebe. Die Wesensdifferenz von Mensch und Fee ist letztlich eine metonymische Verschiebung, sie steht für die imaginierte Wesensdifferenz von Mann und Frau. Die Meerjungfrau repräsentiert ein männliches Phantasma des Weiblichen, das die Frau als Fee überhöht.“ (Andreas Kraß: Meerjungfrauen, Frankfurt a. M. 2005, S. 17)

Dass dies zutrifft, zeigt auch schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der Untersuchung: Nur zwei der untersuchten Texte stammen von Autorinnen (Ingeborg Bachmann „Undine geht“, Bertha Pappenheim „Die Weihernixe“). Gleichzeitig ist die Meerjungfrau als Fantasiegeschöpf häufig auch Sinnbild für dichterische Imaginationskraft und also auch Sinnbild der Literatur selbst – auch hinsichtlich dieses Aspektes untersucht Kraß das Motiv der Meerjungfrau.

Indem Männer einen weiblichen Mythos erschaffen haben, ein Frauenbild, das ihrem Kopf, nicht weiblicher Realität entspringt, indem die Nymphe die Andere zum Mann ist, erzählt jede solche Imagination nicht nur vom (männergemachten) Frauenbild, sondern ex negativo auch vom Männerbild einer Zeit. Man kann nicht über das von Männern entworfene Frauenbild einer Zeit sprechen, ohne gleichzeitig vom Männerbild, das darin steckt zu sprechen. Aber genau darin liegt eben auch die Asymmetrie: Ex negativo ist es immer noch ein von Männern entworfenes Bild von Männlichkeit, kein von Frauen entworfenes. Die Kunst- und Kulturgeschichte ist dominiert von einer männlichen Sicht auf Weiblichkeit und Männlichkeit, die weibliche Sicht auf beides fehlt in der Regel. Es gibt keinen von Frauen geschaffenen männlichen Mythos.

„Da die Frauen sich nicht als Subjekt setzen, haben sie keinen männlichen Mythos geschaffen, in dem sich ihre Entwürfe spiegeln. Sie haben keine Religion und keine Dichtung, die ihnen selbst gehört: sogar wenn sie träumen, tun sie es auf dem Weg über die Träume der Männer.“ (Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, Hamburg 2000, S. 194)

Genau das tut auch Melissa Broder in „Fische“: Sie träumt auf dem Weg über die Träume der Männer. Aber: Sie durchbricht diesen Traum. Darum ist „Fische“ ein feministischer Roman.

Die Protagonistin des Romans, Lucy, ist Ende 30, lebt in der Wüste in Phoenix, arbeitet eher nicht an ihrer Dissertation und ist nach dem Zerbrechen ihrer achtjährigen Beziehung am Boden zerstört – sie versucht nicht nur mehr oder weniger bewusst, sich umzubringen, sie bricht ihrem Ex auch die Nase und muss daraufhin eine Therapie machen. Ihre Schwester bietet ihr an, während einer Reise ihr Strandhaus und ihren Hund in Venice L.A. zu hüten und dabei eine Gruppentherapie zu besuchen. Lucy nimmt dieses Angebot an, besucht eher unregelmäßig ihre Therapiesitzungen, die sie abstoßend findet – der Roman ist hier eine Persiflage auf safe-space- und trigger-warning-Diskurse, allerdings ohne gehässig zu werden oder dem Anliegen dahinter letztendlich die Berechtigung abzusprechen –, und stürzt sich stattdessen in desaströse Tinder-Dates. Es geht ihr immer schlechter, bis sie am Strand Theo kennen lernt, der sich als Meermann mit Fischschwanz erweist, in den sie sich verliebt und von dem sie endlich so geliebt wird, wie sie es sich in ihren vorherigen Beziehungen gewünscht hatte. Wäre da nur nicht die Frage des zukünftigen Wohnortes: Lucy muss nach ein paar Wochen zurück in die Wüste, nach Phoenix, wohin Theo ihr nicht folgen kann; Theo dagegen möchte, dass Lucy mit ihm unter Wasser kommt, was ihren Tod bedeuten würde.

Theo ist also eine Frauenfantasie, eine Aneignung der Männerfantasie: Er ist zwar 40, sieht aber aus wie 21, ist emotional fast schon übermäßig einfühlsam und zu allem Überfluss noch wahnsinnig gut im Bett (oder eher: auf dem Felsen und auf dem Sofa, denn das Bett ist im 1. Stock und Treppen sind für einen Mann mit Fischschwanz doch ein Hindernis). Konzipiert ist er nach dem Vorbild von Andersens Märchen – er hat einen Fischschwanz – gleichzeitig ist er aber auch erotischer Verführer und Verderber – mehrfach greifen Theo und Lucy auf die Bezeichnung „Sirene“ zurück, am Ende steht sein Wunsch, Lucy im Wasser zu ertränken.

Theo könnte bloße Einbildung Lucys sein: Bevor sie ihn trifft, kündigt die Leiterin ihrer Therapiegruppe an, ihr „Männerentzug“ könne auch zu Halluzinationen führen, gegen Ende des Romans ist sie sich während dem Sex auf einem Felsen am Strand nicht sicher, ob ein Außenstehender sie mit einem Meermann sehen würde oder ob dieser Außenstehende nicht nur sehen würde, wie sie sich an einem Felsen reibt – Lucy ist eine unzuverlässige Erzählerin, und vielleicht gerade deshalb werden hier völlig surreale Geschehnisse als plausible Realität erzählt.

Tatsächlich füllt Theo genau die „Leere“, die Lucy immer wieder in sich zu tragen betont und die sie nur durch einen Mann zu füllen können meint, weswegen sie sich immer wieder verzweifelt in neue Dates stürzt, die in Enttäuschungen enden: Lucy ist zunächst über weite Strecken des Romans keine feministische Figur, sondern eine sich selbst extrem über ihre Wirkung auf Männer definierende. Zunächst.

Melissa Broder kennt die psychoanalytische Deutung der Figur der Meerjungfrau: So hat Freud in „Das Motiv der Kästchenwahl“ (vgl. dazu auch: Andreas Kraß: Meerjungfrauen, S. 30-37) über die häufig fatale Verbindung von Mann und Fee im Märchen geschrieben, die das Prinzip der symbolischen Substitution, der Wunschverkehrung zum Ausdruck bringt: Der Mann möchte das Leben wählen und verbindet sich mit einer Frau, die mutmaßlich für das Leben steht in ihrer Jugend und Schönheit, die sich aber als Verderberin erweist. Lebens- und Todeswunsch schlagen wechselseitig ineinander über, das eine erweist sich als das andere.

Dieselbe Wunschverkehrung vollzieht sich in „Fische“: Lucy verbindet sich mit einem jungen, überaus attraktiven Meermann, der ihre innere Leere kennt und scheinbar füllt, der ihr über ihre Depression hinweg hilft, und der doch für den Tod steht. Immer wieder ist nicht nur von einer tiefen Traurigkeit die Rede, die Theo mit sich bringt und auf Lucy überträgt, letztendlich will er ihren Selbstmord, ihren Tod im Meer, und bei dem ersten Oralsex, den Theo und Lucy auf dem Felsen am Strand haben, geht Lucys Lachen kurz vor dem Orgasmus in eine „kalte, todernste Finsternis“ (S. 184) über. Eros und Thanatos sind verbunden, schlagen ineinander um: Lucy meint, ihrem Lebenstrieb zu folgen, einen Partner gefunden zu haben, mit dem sie leben kann – und wenn auch nur nachts auf einem Felsen – und hat doch einen Partner gefunden, der für den Tod, für ihren Todestrieb, ihre Depression steht. Gerade am Ende des Romans ist man sich eben nicht mehr sicher, ob Theo nicht nur eine von Lucy imaginierte Figur ist, ob er nicht eine Personifikation ihrer Depression ist, die sie in den Suizid treiben will.

Der Roman arbeitet noch zentraler mit der Theorie der „Archetypen“ von C. G. Jung – ein Plakat mit diesen Archetypen hängt auch in dem Raum, in dem Lucys Gruppentherapie stattfindet, diese Spur legt also Broder explizit in ihren Roman. Sirenen und die Figur der Loreley gehören nach C. G. Jung zum Archetyp Animus/Anima. Animus/Anima sind die zwei wichtigsten im kollektiven Unbewussten angelegten Strukturen menschlicher Imagination und Emotion – Männer personifizieren in Anima (Beispiele sind eben u.a.: Sirene, Loreley, Fausts Gretchen) ihre weiblichen Seelenanteile, ihr Urbild von der Frau an sich, Frauen verfahren spiegelverkehrt mit Animus.

Und Theo kann durchgehend als Lucys Animus verstanden werden: Er erfüllt ihren Wunsch danach, begehrt zu werden, einer anderen Person alles zu bedeuten – ein Wunsch, den Lucy selbst auf den frühen Tod ihrer Mutter und also auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Auch hierin zeigt sich, wie stark der Roman psychoanalytisch inspiriert ist: Das grundsätzliche Problem der Protagonistin wird biografisch aus ihrer Kindheit heraus erklärt – und genau das würde ich tatsächlich auch, so konsequent das im Romanganzen ist, in gewisser Weise als Schwäche des Romans sehen: Dass er den Grund für die Probleme der Protagonistin in ihr selbst und ihrem privaten Umfeld, nicht so sehr in der Gesellschaft, dort herrschenden normativen Vorstellungen von Liebe und zwischenmenschlicher Interaktion, sucht. Aber wie geschrieben, ist das in der Anlage des Romans schon richtig so, auch wenn ich es zu kurz gedacht finde.

Theo erfüllt nun also Lucys Wunsch danach, begehrt zu werden, gleichzeitig ist er einfühlsam und er verkehrt die Rolleneinteilung, die Lucy sonst in ihren Beziehungen kennengelernt hat: Schon zu Anfang des Romans bezeichnet sie es als typisch männlich, Macht über den Partner zu haben, vor allem deswegen, weil es immer der Mann ist, der irgendwann geht, von dessen Begehren sie abhängig ist. Bei Theo ist dies nun anders: Er ist nicht nur in mehrfacher Hinsicht verletzlicher als sie, emotional aber an Land auch körperlich aufgrund seines Fischschwanzes, in diesem Fall ist es vor allem aber sie, die ihn verlassen wird, dies auch weiß und vor ihm verheimlicht. Lucy weiß, dass sie nur auf Zeit in Venice L.A. lebt und früher oder später nach Phoenix zurück muss, sie ist die, die ihn verlassen wird, und nimmt damit die männliche Rolle ein, die sie sonst nie in Beziehungen inne hatte.

Theo ist noch aufgrund zahlreicher anderer Merkmale als Figur mit klar weiblichen Eigenschaften konzipiert: Er riecht aufgrund seines Fischschwanzes „ein bisschen nach Muschi“ und Lucy nimmt seinen Fischschwanz, obwohl er „phallisch geformt war […] als weiblich wahr“ (S. 191). Entsprechend will Lucy ihn „wie eine Frau berühren“ (S. 192) und sie stellt beim Oralsex fest: „Sein Sperma in meinem Mund schmeckte nicht bitter wie bei manchen Männern, aber auch nicht süß. Der Geschmack war eher weiblich.“ (S. 207). Lucys weiblichen Geschlechtsorgane verwandeln sich zu männlichen, ihre Vagina „existierte wie ein zweiter Penis“, während Theo „Verlangen und Hingabe“, klassisch weibliche Muster, ausstrahlt (S. 229). Theo entstammt dem Meer, motivgeschichtlich das Symbol für Werden und Vergehen, und an einer Stelle verschwindet er im Meer und sieht dabei aus, „als tauchte er in eine riesige Vagina ab“ (S. 349). Theo ist das Gegenstück zu Lucy, die aus der Wüste kommt, Lucy vergleicht Theo mit dem Meeresgott Poseidon und sich mit der Erdgöttin Demeter (S. 207f.); der Felsen ist die Zwischenwelt, die Grenze zwischen ihnen. Theo, seinem Namen nach göttlich (vom Griechischen „theos“ = Gott; mehrfach wird Theo zudem mit „Dunkelheit“ assoziiert, S. 223-225, 240), ist das Spiegelbild zu Lucy (die Nähe zu „Luzifer“ liegt auf der Hand, vom lateinischen „lux“ = Licht abgeleitet), er ist ihr Animus.

Entsprechend sind sie, sobald sie Sex haben, eine Einheit, zwei Seiten einer Medaille, Lucy vergleicht sie mit Yin und Yang/Licht und Dunkel (S. 214, 245) und Zwillingen (S. 275): ihre Liebe fühlt sich an wie „eins sein miteinander“ (S. 208), er ist „ein Spiegel“ (S. 229) von ihr, sie fragt sich „Wer bist du? Bist du ich?“ (S. 240), und kommt zu der Erkenntnis: „Ich war Mann und Frau zugleich. Theo und ich, war waren zwei Seiten derselben Münze.“ (S. 275).

Und indem Theo das Gegenstück zu Lucy darstellt, ihren männlichen Mythos, ermöglicht er ihr, andere (männliche wie weibliche) Verhaltensweisen auszuprobieren und sich zu wandeln.

Melissa Broder hat also in „Fische“ unter bemerkenswertem Einbezug psychoanalytischer Theorie eine Männerfantasie zur Frauenfantasie umgedreht, sich einen von Männern erschaffenen Mythos weiblich angeeignet. Auch in dieser Mahrtenehe gibt es ein Tabu – Theo ermahnt Lucy mehrfach, sie dürfe niemandem von ihm erzählen. Wie oben schon geschrieben wurden in den romantischen Erzählungen von Meerjungfrauen zeitgeschichtliche Problemlagen von Männern durchgespielt, die sich zwischen dem romantischen Ideal echter Liebe und der bürgerlichen Ordnung einer standesgemäßen Ehe entscheiden mussten. Folglich finden sind in diesen Erzählungen häufig Dreiecks-Beziehungen: Der Mann steht zwischen eine Wasserfrau und einer bürgerlichen Frau.

Auch das überträgt Broder auf eine weibliche Figur und auf die Gegenwart: Lucy steht zwischen ihrem Ex-Freund Jamie bzw. der Möglichkeit, zu menschlichen Männern eine „achtsame“ Beziehung zu führen und Theo, einem Meermann. Auch sie steht zwischen bürgerlicher Ordnung und Begehren: Entsprechend überlegt sie durchaus, wie eine Obdachlose am Strand zu leben, also die bürgerliche Ordnung zu verlassen, um mit Theo zusammenzuleben. Im Rahmen der Sitzungen ihrer Therapiegruppe und der aus ihr resultierenden Freundschaften zu anderen Frauen wird zudem der Gegensatz zwischen wahnsinnigem Begehren und gesunder, „achtsamer“ Beziehung diskutiert.

Daneben gibt es eine zweite Dreiecksbeziehung: Lucy steht auch zwischen Theo, der erotische Fantasieliebe verkörpert, und Dominic, dem Hund ihrer Schwester, der reine Liebe verkörpert (S. 326f.). Entsprechend stellt ihre Therapeutin ihr die Frage, ob sie wirklich Liebe oder nur Begehren sucht – eine Frage, auf die Lucy keine Antwort weiß, weil sie sich diese Frage nie gestellt hat. Lucy steht also auch zwischen unterschiedlichen Verständnisweisen von Liebe, allerdings schlägt hier durch, was ich oben schon bemängelt habe: Aufgrund der stark psychoanalytischen Ausrichtung des Romans werden gesellschaftliche Konventionen und also auch gesellschaftliche Vorstellungen von „Liebe“ zu wenig genau reflektiert, weswegen der Roman hier zu keiner wirklich greifbaren Analyse kommt. Interessant ist aber dennoch, wie das alte romantische Modell der Dreiecksbeziehung hier gewendet wird.

Broder dreht den alten Mythos der Sirenen auch dahingehend um, dass Theo zu Lucys Muse wird: Die antiken Sirenen stammen von den Musen ab, klassischerweise Frauenfiguren, die in der Regel – abgesehen von etwa der im Roman eine zentrale Rolle spielenden Sappho – männliche Künstler inspirierten. Theo, der immer wieder mit Sirenen assoziiert wird, inspiriert nun Lucy, ihre Doktorarbeit über Sappho endlich zu schreiben, wobei diese dann aber eben keinen wissenschaftlichen Text mehr, sondern einen literarischen und also Kunst verfasst.

[Jetzt folgen ein paar Spoiler, Obacht]

Melissa Broder eignet sich damit nicht nur eine durchaus nahezu pornographische Art, über Sex zu schreiben, an, die man in den letzten Jahren vielleicht vor allem von Houellebecq so kennt, sondern gleich einen ganzen von Männern erschaffenen Mythos von Weiblichkeit – und dreht ihm um. Noch könnte man ihr allerdings vorwerfen, dass das nicht feministisch sei, weil sie eben, wie oben zitiert, lediglich auf dem Weg der Träume von Männern träumt. Tatsächlich geht Broder aber einen Schritt weiter, indem sie genau diesen Traum durchbricht: Lucy entscheidet sich gegen Theo und gegen den Selbstmord, sie folgt ihm nicht ins Meer. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, für ihre Schwester und ihre Freundinnen, die sie in der Therapiegruppe kennengelernt hat, da zu sein, sie entscheidet sich für die „schwesterliche Liebe“ (S. 341), die sie ihre Gruppe gelehrt hat. Am Ende des Romans ist Lucy eben keine von Männern abhängige, sich über männliche Liebe definierende Figur mehr, sondern sie entscheidet sich für weibliche Solidarität und eine dritte Form der Liebe, die „schwesterliche“ oder auch mütterliche Liebe. Dies kann auch damit zu tun haben, dass der Roman zumindest die Möglichkeit, dass Lucy schwanger sein könnte, andeutet.

„Fische“ von Melissa Broder ist also tatsächlich ein feministischer Roman. Nicht so deutlich wie „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann, eine Erzählung, in der die Nymphe Undine sich gegen Männer und sich diesen unterordnende Frauen gleichermaßen wendet, aber doch mit derselben Schlussfolgerung wie diese dreht sie den weiblichen Mythos um und fordert weibliche Solidarität statt der Unterordnung unter von Männern gemachte Strukturen.

[Spoiler Ende]

In diesem – sehr gut von Eva Bonné übersetzten – Roman steckt viel mehr motivliche und motivgeschichtliche Arbeit, als man vielleicht meinen möchte, wenn man ihn liest, ohne die Motivgeschichte und psychoanalytische Theorie zu kennen. Bedauerlicherweise ist „Fische“ von Melissa Broder damit einer Gefahr ausgesetzt, der gut und leicht geschriebene Romane von Frauen immer schnell ausgesetzt sind: Dass er deswegen, weil er witzig und gut erzählt ist, sich zudem mit Weiblichkeit und vor allem weiblicher Sexualität – durchaus in gewisser Kontinuität zu George Sand – auseinandersetzt, als Unterhaltungsroman für Frauen und nicht als ernst zu nehmende Literatur wahrgenommen wird. Dabei könnte jedes literaturwissenschaftliche Seminar ganz gut ein paar Seminarsitzungen mit der Interpretation dieses Romans verbringen.

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Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Ich bin kurzsichtig, trage meine Brille aber nur zum Arbeiten und zum Autofahren. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich das Verschwommene mag. Mein ganzes Leben ist also wie diese verwischten Fotografien von Gerhard Richter: Alles ist gleich wichtig und gleich unwichtig.

Unsere Augen sind keine Schaufenster, durch die wir einfach hindurchsehen könnten, so dass wir den Gegenstand dahinter genauso sehen können wie er eben ist. Wenn überhaupt, sind unsere Augen verbogene, fleckige Scheiben, durch die wir die Dinge auf je eigene Weise wahrnehmen. Wie wir die Dinge sehen, ist zum einen genetisch bedingt – wenn ich ohne Brille herumlaufe, sieht für mich alles weicher aus als für jemanden, der gar keine Brille braucht –, zum anderen aber stark durch Sozialisation geprägt. Das Sehen selbst ist nicht objektiv, sondern so individuell wie das Sprechen.

„Das unterkomplexe Verständnis des Sehens als wirklichkeitsabbildende Kenntnisnahme und des Sichtbaren als objektive Präsenz verstellt die Einsicht in die konfigurierenden und sinnstiftenden Kapazitäten des Sehvollzugs. Wir sehen nicht durch die Augen, wie durch ein Fensterglas, wir sehen mit ihnen, lautet ein Einwand Donald Davidsons gegen ein instrumentalistisches Verständnis von Sprechen und Sehen. Das Wie der Durchführung entscheidet bei beiden Tätigkeiten über das, was gesehen und gesagt wird. Wenn Sehen die Welt aber genauso wenig abbildet wie Sprechen, dann, weil es wie jenes eine Praxis ist, deren performative Vollzugsform Wirklichkeit paradoxerweise vorfindet, indem sie sie konstituiert. Erst performativitätstheoretisch wird diese Paradoxie beschreibbar: So wie Sprechhandeln Realität und Bedeutung performativ hervorbringt und zugleich vermittelt, ist auch das Wahrnehmungshandeln als ein Vollzugsgeschehen zu begreifen, dessen Spektrum von kommunikativen Blicken, mit denen ganz konkret und sozialwirksam gehandelt wird, wenn etwa gewarnt oder aufgefordert wird, bis zu selbstzweckhaften Vollzügen reicht, in denen zwischen Prozess und Resultat nicht mehr unterschieden werden kann.“ (Eva Schürmann: Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht, Frankfurt a. M. 2008, S. 17f.)

Sehen ist also eine Praxis, ein aktives Handeln, das die Welt auf je eigene Weise wahrnimmt und also auch formt. Und eben davon erzählt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha, ein Gesellschaftsroman, der von Sanaa, einer Studentin, die als kurdische Asylsuchende mit ihren Eltern im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, und ihrer Familie erzählt, von dem Viertel mit Hochhäusern, in dem sie unter anderen kurdischen Migranten leben und von diesen beobachtet werden, von Schichtzugehörigkeit, Enge und der Last der Verantwortung für die eigene depressive Mutter.

Sanaa wird pausenlos gesehen und beurteilt: Von der Tante und ihren Freundinnen, von den Nachbarn, die sie im Supermarkt trifft, die auf den Balkons der Hochhäuser stehen, und alles sehen und kommentieren, was sie tut. Sie sehen sie und beurteilen sie: hübsch, also heiratsfähig. Raucht, also verlottert. Sie sehen Sanaa, und Sanaa weiß, dass sie gesehen wird, dass alles, was die Nachbarn von ihr sehen, zu einem Bild von ihr führt, und so konstruieren die Sehenden Sanaa selbst, die nur handeln kann, in dem Wissen, dass sie gesehen wird. Sie engen durch ihr Sehen Sanaa ein – in besonders extremer Form geschieht dies durch einen Stalker, der sie mit seinem Auto verfolgt. Das ganze Viertel, nicht nur das einzelne Hochhaus ist für Sanaa ein Panoptikum, und das Viertel verfolgt sie – real und in ihrer Prägung – noch dann, wenn sie es verlässt. Das Viertel ist in ihr.

Einzig ihre Mutter Asija sieht sie nicht: Im Gegensatz zu den anderen Frauen im Hochhaus, die tagsüber auf ihren Balkons stehen, um zu beobachten, was passiert, steht Sanaas Mutter in der Nacht auf dem Balkon und weint. Und schon Asija wurde Opfer des Sehens: Auch sie wurde von Nasser, ihrem späteren Mann, im Irak verfolgt, wurde von ihm gesehen, und musste ihn schließlich deswegen heiraten – und mochte dabei bezeichnenderweise als einziges an ihm seine Augen. Asija wollte den Irak nicht verlassen, ihr Mann hat sie dazu gedrängt, und nun lebt sie depressiv in der Vergangenheit – genauso wie Onkel Agid, der den ganzen Tag im Hochhaus auf dem Sofa liegt und alte Hochzeitsvideos aus dem Irak ansieht. Sie nehmen an der gegenwärtigen Welt nicht teil, sie sehen sie nicht und konstruieren sie also auch nicht aktiv mit. Allerdings werden sie gesehen und somit werden auch sie als Teil der Wirklichkeit konstruiert: Insbesondere die Tante wirkt mit an dem negativen Bild, das von beiden vorherrscht, Sanaas Mutter spricht sie gar die Mutterschaft, die Weiblichkeit ab, da diese immer nur weine und nie koche.
Wie massiv der Zusammenhang von Sehen und Wirklichkeitskonstruktion, von Sehen und sozialer Kontrolle ist, verdichtet sich im Bild des Auges: Etwas von dem Salz, das von den getrockneten Tränen der Mutter auf ihren Wangen zurückgeblieben ist, ist Sanaa als Kind in ein Auge gefallen und hat zu einer Entzündung geführt – die Vergangenheit, die der Mutter die Sicht und die Gegenwart raubt, raubt auch der Tochter das Augenlicht. Helfen kann schließlich eine Freundin der Tante, die ihr das Auge ausleckt, dabei aber eine Entdeckung an Sanaas anderem Auge macht: Darin kann sie deren Zukunft voraussehen, sie sieht, dass Sanaa vier Männer haben wird, was mit dem Bild von Tugendhaftigkeit, das im Viertel herrscht, nicht vereinbar ist. Aus diesem Grund wird ein abergläubisches Ritual mit einer abgeschnittenen Haarsträhne Sanaas vollzogen, das Männer von ihr fernhalten soll – die Auswirkungen dieses Rituals spielen im Laufe des Romans immer wieder eine Rolle und bleiben im Vagen, auf jeden Fall wirkt es aber psychisch auf Sanaa ein, die als Kind erst an die Macht dieses Zaubers geglaubt hat und sich auch später nicht ganz sicher ist, ob die Tante durch diese Haarsträhne nicht doch Einfluss auf sie hat. Im Auge Sanaas wird also ihre Zukunft konstruiert: Sie wird konstruiert, indem die Freundin der Tante etwas darin sieht. Sehen ist eine Praxis, die Wirklichkeit formt. Die „Übernahme von Rollenerwartungen [ist] in erheblichem Ausmaß visuell bedingt […] und [baut] auf der Erfahrung des Gesehenwerdens auf[]. […] Ichbildung beginnt mit dem Augenblick, in dem das Kleinkind die Reaktionen seiner Eltern auf sich selbst zurückgespiegelt bekommt und darin erste Ansätze eines Ich-Bewusstseins auszubilden beginnen kann.“ (Schürmann: Sehen als Praxis, 2008, S. 185f.)

Entsprechend bedeutet Unsichtbarkeit Freiheit, Sanaa weiß „dass man in meiner Welt nur dann frei ist, wenn die anderen einen nicht sehen.“ (S. 191). Und Unsichtbarkeit bedeutet Heilung: Als Asija ihre Depressionen überwindet, senkt sich tagelang ein dichter Nebel über das Viertel, der allen die Möglichkeit nimmt, einander zu beobachten: Die Frauen, die es sonst gewohnt sind, auf dem Balkon zu stehen und andere zu sehen, klagen nun über Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen, nur Asija geht es plötzlich gut – die Verhältnisse haben sich durch die Unsichtbarkeit verkehrt, „[d]er Nebel hat sie in Asijas verwandelt, nur Asija wurde verschont.“ (S. 190)

Gleichzeitig bedeutet Wirklichkeitskonstruktion durch Wahrnehmung auch die Unsicherheit nicht nur eben des Sehens, sondern auch der Wirklichkeit selbst: Eben darum ist es für Sanaa so wichtig, das Hochzeitsvideo ihrer Eltern zu finden, deswegen verspricht sie sich davon, ihre Eltern durch das Sehen des Videos endlich verstehen zu können – und aus diesem Grund ist es so eine Katastrophe, dass Onkel Agid gerade dieses Video überspielt hat. Er hat ihr damit das Sehen, die Wirklichkeit genommen. Und aus diesem Grund, weil Sehen Wirklichkeit konstruiert, ist der Aberglaube so ein Unsicherheitsfaktor: Weil Sanaa sowie andere Bewohner des Hochhauses nicht wissen können, ob sie dem, was sie sehen, trauen können.

Ist Sehen eine Praxis, so wird es eben auch durch Sozialisation geprägt und ist also schichtspezifisch. Die Praxis des Sehens wird hervorgebracht vom schichtspezifischen Habitus (Bourdieu) oder geprägt vom Dispositiv (Foucault) (vgl. dazu: Sophia Prinz: Die Praxis des Sehens. Über das Zusammenspiel von Körpern, Artefakten und visueller Ordnung, Bielefeld 2014, S. 283-327; interessant ist dieser Zusammenhang insbesondere auch für die Wahrnehmung von Kunst, eben das erläutert Sophia Prinz näher, das ist ganz interessant und kann man mal lesen). Entsprechend fühlt sich Sanaa, die soziale Aufsteigerin aus der Hochhaussiedlung, fremd in dem wohlsituierten Einfamilienhäuschen der Familie ihres türkischen Freundes Adnan – vieles hier kommt ihr komisch vor: Der Gebetsteppich, der als Kunstobjekt an der Wand hängt, statt auf dem Boden zu liegen, um genutzt zu werden; das Essen von Sonnenblumenkernen, das wie eine ungeschickte Pose wirkt, wie eine dilettantische Imitation dessen, was in ihr eigenes Viertel gehört (S. 153). Und Sanaa weißt: So wenig, wie sie in diese Wirklichkeit, in diese Schicht passt, so wenig könnte Adnan ihre Wirklichkeit verstehen, weswegen sie sie vor ihm verheimlicht – die Kluft zwischen den Schichten ist unüberwindbar: In Adnans Familie muss man „nicht denken, die Probleme und Konflikte spielen sich in Büchern und Filmen ab, sie rumoren nicht in der Brust, treiben keinen von ihnen in der Nacht auf Balkone.“ (S. 153f.) Entsprechend kann Sanaa keine gemeinsame Zukunft für sich und Adnan sehen, sie weiß, dass Welten zwischen ihnen liegen, dass sie diesen Abstand nicht überbrücken können (S. 206f.).

Und hier – was den Unglauben an die eigene Zukunft, überhaupt an die Möglichkeit, eine glückliche Zukunft haben zu können, anbelangt – ist „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ so gut und so genau beobachtet und erzählt, wie ich es noch selten in einem Roman, dessen Handlung im prekären Milieu verortet ist, gelesen habe: Denn das ist ja wirklich das Lebensgefühl von Kindern, die schon ganz früh Verantwortung für ihre Eltern tragen und sozialen Aufstieg meistern müssen, die Enge und der Druck erzeugen eine Angst vor einer vage in der Zukunft liegenden Katastrophe, die durch permanente eigene Anstrengung unbedingt vermieden werden muss und die dazu führt, dass diese Kinder selbst kaum an eine glückliche Zukunft glauben können, weil sie eben Zukunft immer nur als zu vermeidende Katastrophe zu denken gelernt haben.

Wie breit eine durch Schichtzugehörigkeit erzeugte Kluft in der Wahrnehmung sein kann, zeigt sich aber beispielsweise auch, wenn Sanaa von anderen jungen Frauen, mit denen sie einen Club besucht, eben deswegen, weil sie angezogen ist, wie sie eben angezogen ist, und sich nicht auftakelt, für „feministisch und stark“ gehalten wird – die Einschreibung von Schichtzugehörigkeit in den Körper erkennen diese Frauen nicht – und „erst jetzt fühle ich mich fehl am Platz“ (S. 202f.). Denn selten wird der Abstand zwischen den Schichten so deutlich, wie im völligen Unverständnis der Zugehörigen der höheren Schicht für die der niedrigeren Schicht Zugehörigen. Zwischen den Schichten liegen Welten.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist nicht nur außergewöhnlich genau beobachtet (höhö, „gesehen“) und erzählt, der Roman ist darüber hinaus getragen von einer sehr eigenständigen, klingenden Sprache, von einem eigenen Ton und außergewöhnlich vielen Bildern und wiederkehrenden Motiven. Entsprechend verstehe ich wirklich nicht, warum dieses Debüt so wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, warum zudem in einer Rezension auf Spiegel Online dann kritisiert wird, die Autorin leiste mit dem Zeichnen von „Karikaturen“ von Kurden (als wären nicht Sanaa und ihre Mutter, die Gegenfiguren zu diesen „Karikaturen“, sowie andere, deutlich positiv gezeichnete Hochhausbewohner, ebenfalls Kurden), insbesondere mit Bemerkungen über deren Körperbehaarung (als wäre nicht deutlich, dass diese Protagonistin aus figurenbiografischen Gründen zu Haaren aller Art ein äußerst gestörtes Verhältnis hat) xenophoben Klischees Vorschub, gar dem AfD-Stammtisch soll die Autorin damit Material geliefert haben. Hier merkt man dann vor allem, wie das tagespolitische Geschehen offensichtlich die Wahrnehmung von Literatur durch die Literaturkritik beeinflusst, plötzlich ist man hier jetzt übervorsichtig, anders noch als man es noch vor einem guten Jahr war, bei Fatma Aydemirs durchaus mit mehr Klischees über das beide Romane verbindende Milieu aufwartenden „Ellbogen“. Man merkt halt schon, dass Taha das Milieu, über das sie schreibt, genau beobachtet (soll ich das Witzchen mit “gesehen” nochmal wiederholen, was meint ihr?) hat, “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist das leisere, weniger auf Effekt geschriebene Buch, damit eigentlich das bessere “Ellbogen” (bin mir aber nicht sicher, wie viel solche Vergleiche bringen), aber eben deswegen, weil es weniger auf Effekt geschrieben ist, weil es differenzierter erzählt und weil sich die politische Stimmung weiter negativ verschoben hat, vermute ich, der weniger erfolgreiche Roman. Schade eben.

Das einzige, was ich an „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ nicht so recht überzeugend finde, ist das Durchbrechen des realistischen Erzählens hin zur Fantastik, etwa dort, wo die Heilung Asijas mit einem ominösen Nebel einhergeht – zum einen bin ich mir eben hier, gerade in Kombination mit dem für die Romanhandlung eine Rolle spielenden Aberglauben und der eher uneindeutigen Bewertung desselben, unsicher, ob ich das nicht ein bisschen zu esoterisch finde. Zum anderen hat für mich eben genau das einfach nicht überzeugend funktioniert, das mag aber eine Frage der Gewöhnung sein. Soweit ich das sehe, ist genau dieses Aufbrechen der Grenze zwischen Realem und Surrealem ein Trend, mit dem wir wohl in den nächsten Jahren rechnen müssen – vielleicht überzeugen mich solche Plots dann mit der Zeit irgendwann. Wobei ich bezweifle, dass ich Fan dieses Trends werde, aber mal sehen.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist jedenfalls ein Roman, den man ruhig mal lesen kann. So genau, so einfühlsam und mit so schöner Sprache wurde in den letzten Jahren selten von Prekären erzählt, von Kindern, die ihre Eltern tragen müssen. Wenn einen die Verbindung von Realem und Surrealem nicht stört, ist das ein sehr gutes Buch.

(Beitragsbild von Hans Eiskonen auf unsplash)

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland (feat. Jonas Lüscher – Kraft; Jens Beckert – Imaginierte Zukunft)

[Obacht, ich spoilere in diesem Beitrag – also wie immer halt.]

In seinem so gut lesbaren wie unbedingt lesenswerten Buch „Imaginierte Zukunft“, das gerade auch in deutscher Übersetzung von Stephan Gebauer bei Suhrkamp erschienen ist, geht Jens Beckert der naheliegenden, wenn auch anscheinend bislang wissenschaftlich kaum beachteten Überlegung nach, dass die Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems vor allem von Zukunftsentwürfen abhängt. Wettbewerb und Kredit(würdigkeit), die den Motor der Wirtschaft antreiben, speisen sich nicht nur aus der Geschichte des Marktes und der Unternehmen, sondern vor allem auch aus den Zukunftserwartungen institutioneller wie individueller Akteure: „Wie literarische Fiktionen sind auch fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie eine eigene Welt erzeugen, in die sich die Akteure hineinversetzen können […]. In der ökonomischen Praxis nehmen fiktionale Erwartungen die Form von Narrativen an und werden als Geschichten erzählt, die den Akteuren verraten, wie die Zukunft aussehen und wie sich die Volkswirtschaft ausgehend vom gegenwärtigen Zustand in Zukunft entwickeln wird.“ (Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 24f.)

Literatur wie Ökonomie beruhen also grundsätzlich auf fiktiven Geschichten, die natürlich in völlig unterschiedlicher Diktion verfasst sind und unterschiedlichen Qualitätskriterien unterworfen sind, eines aber gemeinsam haben dürften: Indem erzählt wird, wird nicht nur Geschichte und Gegenwart (einer Figur, eines Unternehmens, etc.) konstruiert, sondern auch dessen Zukunft entworfen. Selbst der historischste Roman und der klassischste Klassiker wird immer auch im Prozess des Lesens aktualisiert, und eine Deutung der Gegenwart, die nicht auch einen Ausgriff auf die Zukunft enthalten würde, gibt es halt nicht, weil – ÜBERRASCHUNG – Gegenwart natürlich immer ein Konstrukt aus Geschichte und Zukunftserwartung ist.

Liest jetzt noch wer mit? Egal! Eigentlich wollte ich ja nur sagen: Erzählen bedeutet immer die Deutung von Vergangenheit und Gegenwart, um diese für die Zukunft zu öffnen. In Literatur und Ökonomie. Ihr könnt mir das auch einfach glauben, ich bin sehr vertrauenswürdig.

Interessant wird es doch aber spätestens dann, wenn beides verschränkt wird, indem wiederum Ökonomie Gegenstand der Erzählung wird, denn dann wird Wirtschaft nicht erzählt, um die Wirtschaft anzukurbeln (stimmt natürlich nicht, der Buchmarkt ist ja auch ein Markt), sondern um Wirtschaft zu reflektieren. Genau das passiert in „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch.

Das regelt der Markt!

Im Zentrum des Geschehens steht der Investmentbanker Victor, die personifizierte Bank bzw. der personifizierte neoliberale Kapitalismus, und wie wir wissen, gewinnt die Bank immer. Victor ist entsprechend eine Figur, die – ohne selbst so recht zu wissen, wie das passieren konnte – irgendwie immer nach oben gefallen ist und dabei unverschämt reich geworden ist. Er weiß, dass er sein Vermögen und seinen Status nicht verdient hat, weiß um die Zufälligkeit seiner Privilegierung und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Investmentbanking. Da er aber vor allem ein sehr selbstmitleidiger, narzisstischer und zynischer Unsympath ist, suhlt er sich in all diesen Erkenntnissen nur so ein bisschen hin und her, ohne irgendetwas zu verändern, im Gegenteil – gerade die menschenverachtendsten Elemente des Systems bejaht er. Selbst sein gelegentlicher Wille, daran etwas zu ändern, ist nur selbstgefällige Pose, bloß Laune: Denn was tut schon einer, der alles hat?

Laut Maslowscher Bedürfnispyramide hat er nicht nur alle Grund-/Existenzbedürfnisse wie Sicherheitsbedürfnisse durch eine überproportionale Absicherung mit über unterschiedliche Investitionsformen verteiltem Kapital abgedeckt, sondern auch die sozialen Bedürfnisse wie die Individualbedürfnisse werden bedient durch eine Tochter, mit der er ab und zu „quality time“ verbringt und die ihn ja nun qua Definition auch zu lieben hat, mehrere von ihm finanziell abhängige und zum Teil deswegen, zum Teil auch freiwillig ihm sexuell zu Verfügung stehende Frauen, durch berufliches Prestige und eine entsprechende Machtposition in der eigenen Bank. Was bleibt also? Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung als letzte Stufe der klassischen Maslowschen Bedürfnispyramide und dann final – als letzte Stufe der erweiterten Bedürfnispyramide – das Bedürfnis nach Transzendenz. Auf das Bedürfnis nach Transzendenz komme ich später noch einmal zurück, zunächst zum Bedürfnis der Selbstverwirklichung: Auch hier ist Victor ziemlich weit gekommen, aber um seiner Existenz eben bleibende Bedeutung zu verleihen, versucht er es irgendwie wahlweise mit dem Schreiben eines politischen Manifests, dann mit dem Schreiben eines langweiligen Romans. Beides macht er natürlich einfach irgendwie, jemand wie Victor kann schließlich alles, und nicht aus Haltungen oder Überzeugungen, sondern eben aus Lust und Laune heraus, eben: weil er es kann.

Während nun seine künstlerischen Ambitionen, sein Versuch, einen Roman zu schreiben, scheitern (und zwar lustigerweise an den ökonomischen Prinzipien des Buchmarktes), scheitert sein politisches Manifest bezeichnenderweise nicht. Victor hat es aus einer Laune heraus geschrieben und wird dann, als er es schon beinah vergessen hat, von dessen Erfolg nahezu überrollt. Die Wurzeln zu diesem Manifest liegen dabei keineswegs in Victors Überzeugungen, in seinen Enttäuschungen über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, den er tatsächlich abstoßend findet, genauso wenig wie in seiner Erkenntnis der Ungerechtigkeit des Systems – im Gegenteil: es gibt in diesem Roman keinen inneren Wandel Victors. All diese Dinge weiß Victor von Anfang an, er bedauert sie immer wieder mal, ändert aber nichts. Es kann gar keinen inneren Wandel dieser Figur geben, da sie für nichts steht, für keine Werte, keine Haltungen, sie steht allein für das Prinzip, Chancen zur Gewinnmaximierung aufzuspüren und diese zu nutzen. Und das tut Victor den ganzen Roman über. Schon ganz zu Anfang wird deutlich, was Victor unter einem „Prinzip“ versteht, hat er doch den Porsche, den er fährt, „aus Prinzip“ als Firmenwagen beim Wechsel zur Birken Bank, deren Teilhaber er ist, verlangt, wobei „Prinzip“ nicht bedeutet, dass er schon immer einen Porsche wollte oder ähnliches: „aus Prinzip im umgangssprachlichen Sinne, also nicht einer Überzeugung Folge leistend, sondern da er spontan Lust gehabt hatte, nach einem Porsche zu verlangen, und da in Anbetracht des großen Interesses der Birken Bank an seiner Verpflichtung nur halbherzige Einwände zu erwarten gewesen waren“ (S. 9f.). Dieser Art von „Prinzip“ folgt Victor, der entsprechend schon eingangs als „flexible Persönlichkeit“ (S. 9) charakterisiert wird: Er erkennt Chancen und nutzt sie, unabhängig von ihrem Nutzen oder irgendwelchen ethischen Kriterien. Nichts könnte weiter von einem kategorischen Imperativ entfernt sein.

Und so geht es denn weiter: Die Idee, Geld mit der Verstaatlichung privater Unternehmen zu machen, entwickelt er aus der Erkenntnis heraus, dass der Markt abgefischt ist: Verdiente er bislang sein Geld damit, Übernahmen zwischen privaten Unternehmen beratend zu begleiten, so sind nun kaum mehr private Unternehmen übrig, die übernommen werden könnten oder die andere übernehmen wollten – die M&A-Branche, die für dergleichen Geschäfte zuständig ist, steckt in der Krise. Die einzige Möglichkeit, weiterhin große Geschäfte zu machen, scheint Victor also zu sein, die Bundesrepublik selbst zum Unternehmen zu machen, das längst privatisierte Bereiche zurückkauft – er überträgt also ein altes Geschäftsmodell einfach auf einen neuen Akteur, die BRD. Damit beginnt Victor, indem er dem Finanzminister den Kauf eines Pumpspeicherkraftwerks aufschwatzt – und aus Versehen perfektioniert er diese Umwandlung der Bundesrepublik, indem er ein Manifest schreibt, in dem er rechte und linke Populismen mischt, Verstaatlichung und Deckelung von Privatbesitz fordert, so dass niemand mehr als 25 Millionen besitzen darf, und mit Islamkritik mischt. Dieses Manifest schreibt er aus einer Laune heraus in einer halben Stunde, schickt es ebenso aus einer Laune heraus einem muslimischen, in der Politik tätigen Freund, der daraus ein echtes politisches Programm einer Partei macht.

Mit diesem Programm gewinnt seine Partei die Wahl und macht aus der Bundesrepublik ein Unternehmen, die „Deutschland AG“. Als dieser Freund ihn dann verpflichten will, Leiter der GINA, einer gigantischen staatlichen Fondgesellschaft, also des finanziellen Rückgrates der „Deutschland AG“, und somit mächtigster Mann der Welt (da das weltgrößte ökonomische Kapital verwaltend) zu werden, zögert Victor. Er glaubt selbst nicht an das Vorhaben, natürlich, denn er glaubt ja selbst an nichts, vielmehr stört es ihn, wenn Leute Überzeugungen haben (S. 190f.). Letztlich macht er aber natürlich doch mit, weil eben das ja sein Prinzip ist: Chancen zur Gewinnmaximierung instinktiv erkennen und die ergreifen, nach oben fallen. So wird er mächtigster Mann der „Deutschland AG“ und damit der Welt: Victor wird eben nicht, wie manche Rezensionen behaupten, „Antikapitalist“ oder “Kapitalismuskritiker”, im Gegenteil: Er wird Hyperkapitalist, er erhält Macht über die maximal mögliche Kapitalakkumulation. Er bricht das kapitalistische System nicht, er treibt es auf die Spitze. Und zwar schlicht deswegen, weil der Markt die Möglichkeit dazu eben hergab.

„Auch irrationale Entscheidungseinheiten müssen die Realität anerkennen und können beispielsweise keine Entscheidung verwirklichen, die außerhalb ihres Möglichkeitsraumes liegt. Und diese Möglichkeitsräume sind nicht unveränderlich oder willkürlichen Schwankungen unterworfen. Sie werden vielmehr durch verschiedene ökonomische Variable systematisch verändert.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 184). Victor ist eine solche irrationale Entscheidungseinheit: Sein Handeln folgt keiner festen, rational nachvollziehbaren Logik, keinem System, keinen moralischen Grundsätzen, es folgt nur dem Impuls. Und damit folgt es von alleine den Gegebenheiten des Marktes. Alles regelt der Markt.

Dass Victor eben nicht mit dem kapitalistischen System bricht, dass er eben nicht Kapitalismuskritiker wird, wird vor allem darin deutlich, dass sein Manifest, trotz der Kritik seines Freundes hieran, deutlichst an einem kapitalistischen Leistungsprinzip festhält, das – als dieses politische Programm zur Umsetzung kommt – zur völligen Unterjochung der Bevölkerung führt. Die Unmenschlichkeit des Systems, das Menschen zur Humanressource erklärt, wird durch Victor noch gesteigert: Er will gute Bildung für alle, aber nicht, weil Bildung und der Mensch ein Selbstzweck wären, sondern weil man dann erst die größtmögliche Leistung abschöpfen kann.

Seine Ideen und Behauptungen zur Verbesserung des Sozialwesens – Wohlstand für alle, Bildung für alle, Sicherheit etc. – sind dabei nur Tarnung eines Systems, das zur eigenen Gewinnmaximierung führen soll, ganz gemäß dem rotten-kid-Theorem: „ein Egoist hat immer dann einen Anreiz für den Versuch, Altruismus zu simulieren, wenn altruistisches Verhalten durch seine Wirkung auf das Verhalten anderer seinen eigenen Konsum erhöht.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 326)

Verstaatlichung – das könnte eine These des Romans sein – führt im System des neoliberalen Kapitalismus nicht mehr zurück zur sozialen Marktwirtschaft, sondern zu einem maximal missbrauchbaren ökonomischen Kapital-Monopol. Verstaatlichung wird zum Vehikel der Steigerung des Neoliberalismus.

Entmenschlichung und Sprache

Tatsächlich ist, obwohl das alles ziemlich interessant und klug ist, „Hochdeutschland“ nicht so sehr schön zu lesen (aber: trotzdem unbedingt lesenswert!). Das liegt zum einen daran, dass es eben ein Thesenroman ist, womit zusammenhängt, dass vieles eben nicht erzählt, sondern erklärt wird, dass ein nicht unbedeutender Teil des Romans aus dem Manifest, das einfach wie dazwischengeschoben wirkt, besteht – all das ist aber natürlich grundsätzlich legitim, weil es eben ein Thesenroman ist, dem es eher darum geht, ein paar Ideen narrativ in den Raum zu stellen, als die literarischste aller Geschichten zu erzählen. Fair enough.

Ob deswegen die sprachliche Gestaltung wirklich an allen Stellen so hätte sein müssen, wie sie ist, darüber lässt sich streiten: Zumindest die fürchterlich platte Kindersprache, die Schimmelbusch verwendet, wenn er die Gedanken von Victors Tochter wiedergibt („Noch 16 Wochen! Eigentlich war das zu lange, weil sie freute sich ja schon so dolle. Sie freute sich auf das Schwimmen und das Tauchen, und auf die Waffeln mit dem Nutella – weil jeden Tag Nutella, das durfte sie gar nicht bei ihrer Mami.“ S. 167) hätte man sich sparen können, weil sie lediglich unästhetisch ist, aber nichts beiträgt. Dass ansonsten der Text recht breitbeinig-ungehobelt nur so vor sprachlichen Klischees strotzt – die Mitarbeiter der Bank werden als „Sklaven“, Angehörige anderer sozialer Schichten als „Wesen“ bezeichnet – ist dagegen zwar eben nicht schön zu lesen, aber narrativ stimmig: Benutzt wird eben die entmenschlichende Sprache des Kapitals. Die eigentliche Kapitalismuskritik übt in diesem Buch eben nicht Victor als Figur, sondern sie wird geübt durch die Sprache und durch das Menschenbild des Kapitals, die hier ziemlich rücksichtslos Verwendung finden. Und durch den Plot natürlich. Aber es sind Sprache und Menschenbild, durch die einem dieses System, das durch Victor verkörpert wird, so unangenehm werden, dass man des Buch eigentlich nicht gern lesen mag (es sei denn, man kann über sowas lachen, was ich ja immer nicht kann, weil ich keinen Humor habe, so säd). Das ist nicht schön, aber ziemlich gut gemacht.

Und dazu gehört selbstverständlich auch das Frauenbild Victors: Es gibt natürlich nur Frauen, die entweder Mütter von irgendwem sind oder mit denen Victor Sex hat(te). Frauen sind Objekte für irgendwas, und meist sind sie von Victor abhängig (was sie ihrerseits dadurch ausgleichen, dass sie ihn wiederum entmenschlichen, seine Tochter macht da keine Ausnahme). Und obwohl er kurz darüber nachdenkt, dass er spielend die Möglichkeit hätte, durch Schenkungen für die finanzielle Unabhängigkeit dieser Frauen zu sorgen, sogar kurz darüber nachdenkt, dass er das eigentlich tun sollte, macht er das natürlich nicht. Weil es ein Verlust von Macht und damit von Kapital wäre. Das ist nicht so schön zu lesen, aber eben sehr stimmig. Und in der Konsequenz, in der das alles hier angewandt wird, doch bemerkenswert.

Metaphysische Leere und Theodizee

Victors Mangel an Werten ist tatsächlich, wenn man so will und diese alte, oft kulturpessimistisch gewendete Floskel bemühen will, eine metaphysische Leere: An Stelle der Metaphysik ist die Ökonomie getreten, ihr folgt Victor. Und erfüllt damit die letzte, oben schon erwähnte, Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, das Bedürfnis der Transzendenz, die Suche nach Gott: Er wird zum „strategischen Schamanen“ (S. 211) der Deutschland AG, zu ihrem „Ayatollah“ (S. 191). Das Kapital wird zur Religion, Victor zum kapital-religiösen Führer.

Der bereits eingangs erwähnte Jens Beckert nennt diese Substitution religiöser Fiktionen durch ökonomische „säkulare Verzauberung der Welt“: „Schon der Begriff ‚fiktionale Erwartung‘ deutet an, dass die Nichtrationalität unter Bedingungen der Ungewissheit zu allem wirtschaftlichen Handeln beiträgt, und zwar auch dann, wenn die Akteure rational handeln wollen. Der Begriff der Fiktion kann herangezogen werden, um den nichtrationalen Kern des wirtschaftlichen Handelns in den Investoren, Innovatoren und Konsumenten zu verorten, die den Markt mit ihren Projektionen verzaubern, und nicht – wie Weber – in religiösen Doktrinen, welche die Menschen dazu bewegen, ihr religiöses Schicksal zu erfüllen. Die Praktiken und Überzeugungen der Akteure sind eine Art von säkularer Verzauberung der Welt, die sich mit Durkheims Hypothese deckt, dass die moderne Gesellschaft säkulare Formen des Heiligen entwickelt. Aber während sich Durkheim in erster Linie mit dem befasste, was er als „Kult des Individuums“ bezeichnete, liegt mein Augenmerk auf der Rolle der säkularen Formen des Heiligen in der Wirtschaft. Glaubwürdige fiktionale Erwartungen sind feste Überzeugungen. Und wie im Fall der religiösen Klassifizierung sind fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft soziale Projektionen, die in kollektiven Praktiken entstehen.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 443)

Und Gott? Der schaut zu, laut Victor: Zumindest bringt er seiner Tochter bei, dass es einen Gott gibt, der die Welt geschaffen hat und seither zuschaut (S. 156-158), damit ihr die Wahrheit „von der Zufälligkeit, der Vergeblichkeit, der Unwirklichkeit, der Sinnlosigkeit und so weiter“ (S. 158) so lange wie möglich erspart bleibt. Interessanterweise tut Gott das auf der Handlungsebene aber insgesamt eben nicht, zumindest nicht zwangsläufig: So gelingt es Victors Tochter einmal durch ein Gebet, ihren Vater vor einem Herzinfarkt zu retten (S. 199f), und auch später kommt es zu einer merkwürdigen, mystischen Begegnung zwischen Vater und Tochter. Gott wäre, wenn man die Erzählung hier ernst nähme, dementsprechend gar kein stiller Beobachter des grausigen Weltgeschehens, er wäre auch nicht einfach tot, sondern er wäre da und er wäre ansprechbar. Wenn die Rettung vor dem neoliberalen Turbokapitalismus also nicht aus der Verstaatlichung zu erwarten ist, so vielleicht – das könnte der Roman zumindest vorschlagen – in einer Abwendung von einer Religion der Ökonomie und einer erneuten Rückbindung von letztgültigen Heilserwartungen an die Metaphysik.

[Ich warne nochmal vor den nun folgenden Spoilern. Diese betreffen auch „Kraft“ von Jonas Lüscher.]

Damit gäbe der Roman bezüglich der Frage nach Metaphysik eine dezidiert andere Antwort als Jonas Lüschers „Kraft“, ein Roman, der ebenfalls Kritik am neoliberalen Kapitalismus mit einer metaphysischen Fragestellung, der Theodizeefrage verbindet, und in dem ebenfalls die Ökonomie zur Religion geworden ist. Deutlich wird dies in „Kraft“ etwa gleich zu Anfang, wenn das Silicon Valley als „mystisches Tal“, als „formlose[r] Siedlungsbrei mit seinen seltsamen Kultstätten“, deren Namen wie die von „Heiligen und Göttern“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 10) ausgesprochen werden, bezeichnet wird. Als dessen Gegensatz wird ein Glockenturm – der klassischerweise natürlich ein religiöses Symbol ist, hier aber als Carillon auch für Kunst stehen könnte – benannt, der keine Beachtung findet und an dem sich Kraft, der Protagonist des Romans, am Ende erhängen wird. Im Gegensatz zu Victor ist Richard Kraft, Professor für Rhetorik, ein tatsächlich ernüchterter Vorkämpfer des neoliberalen Kapitalismus, dessen Wandlung allerdings schon vor Beginn der Romanhandlung eingesetzt hat und im Laufe derselben lediglich zum Abschluss kommt. Kraft scheitert daran, die mit einer Million Dollar dotierte Preisfrage zu beantworten: „Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium. Why whatever is, is right und why we still can improve it?“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 7) Er erhängt sich am Glockenturm – es gibt keinen Grund zu Optimismus, es gibt keinen Hinweis auf die Existenz metaphysischer Mächte in Lüschers Roman, und wenn man das Carillon in seiner Doppeldeutigkeit, der gemäß es auch für Kunst stehen könnte, ernst nehmen will, ist auch in der Kunst keine Rettung: Das Leuten der Glocken, ausgelöst durch Krafts Selbstmord, hört dieser nicht mehr. Zumindest aber die Möglichkeit, dem Neoliberalismus durch Verstaatlichung beizukommen, wird in „Kraft“ nicht ausgeschlossen: Der Protagonist erwägt sie mit zunehmendem Alter, was ihm Verachtung durch seine Frau einträgt. Hier geht „Kraft“ einen anderen Weg als „Hochdeutschland“.

Gemeinsam ist beiden Romanen aber in jedem Falle so viel: Am Ende gewinnt die Bank nicht mehr – die Vertreter des Neoliberalismus, Victor und Kraft, und damit das System, für das sie stehen, sterben, ihnen wird also narrativ eine deutliche Absage erteilt. Und: Auch in „Hochdeutschland“ gibt es keine Antwort auf die Theodizeefrage, die Victors Tochter stellt (S. 161).

In einem Punkt würde Jens Beckert Alexander Schimmelbusch in jedem Falle Recht geben: Der Kapitalismus verleibt sich selbst die Tendenzen, die ihm zuwiderlaufen, sogar den Antikapitalismus ein: „Selbst die Imaginationen jener Utopien, die Alternativen zum Kapitalismus vorgeschlagen haben, darunter verschiedene Strömungen der Arbeiterbewegung oder der Protestbewegungen der sechziger Jahre, wurden samt der von ihnen inspirierten praktischen Aktivitäten in die kapitalistische Logik integriert. Um seine Dynamik aufrechterhalten zu können, muss der Kapitalismus unentwegt durch Neuheit ‚animiert‘ werden. Er hängt also von der Kreativität und Vorstellungskraft der Akteure ab, die manchmal auch im Widerstand gegen den Kapitalismus zum Ausdruck kommt. Aber am Ende lässt all diese Kreativität stets das Prinzip der Akkumulation unangetastet. Die Imaginationen der Zukunft werden allesamt wieder in die kapitalistische Logik integriert. […] Diese Mischung von Kreativität und Zerstörung beschrieb der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich vor vielen Jahrzehnten mit einem einzigen Wort als – dämonisch.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 446f.) Und auch am Ende des Buches von Beckert bleibt nur der Rekurs auf die Theologie.

Wie auch immer man sich dazu verhalten will, ob man den von „Hochdeutschland“ oder den von „Kraft“ vorgeschlagenen Weg zur Überwindung eines neoliberalen Turbokapitalismus überzeugender findet oder Kapitalismus mehr so ganz hübsch findet – falls noch einmal jemand fragen sollte, was deutsche Gegenwartsliteratur so kann und wozu sie so gut sein kann: Sowohl Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“ als auch Jonas Lüschers „Kraft“ erfassen die Probleme des Wirtschaftssystems und die daraus resultierenden Probleme für die Gesellschaft, deuten sie im Mittel der Narration und öffnen damit – mit unterschiedlichen Vorschlägen – die Gegenwart für die Zukunft. Nicht dass Literatur dergleichen müsste. Aber sie kann und sie tut es. Nebenbei ist „Kraft“ von Lüscher auch literarisch-ästhetisch sehr schön und „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch durchaus auf ganz andere Weise auch, für viele aber vermutlich vor allem ein ironischer Spaß (für mich halt nicht, denn ich lache niemals). Und schon deswegen sind beide Romane unbedingt lesenswert.

VIELLEICHT HABE ICH ABER EINFACH ALLES ÜBERINTERPRETIERT, LOL!

[Beitragsbild von Freddie Collins auf unsplash.]

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David Foenkinos – Lennon

David Foenkinos hat ein paar von vielen viel, von mir bisher wenig beachtete Bücher geschrieben. Seine Bücher erscheinen in 40 Sprachen, sagt mir Wikipedia, und er selbst im Interview ist auch der Meinung, dass sein neustes Werk Lennon gelungen sei, schließlich verkaufe es sich ja gut. Bestechende Logik, trotzdem schlechtes Buch.

Schlecht ist dabei natürlich ein hartes Wort, es sind immerhin keine Schreibfehler drin, es hat einen Anfang und einen Schluss, es passiert etwas in der Mitte und es ist wohl inhaltlich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, aber irgendwie will man häufig ja doch ein bisschen mehr.

Der Inhalt ist schnell umrissen. In Lennon liegt ein fiktiver John Lennon in achtzehn Sitzungen auf der Couch eines Therapeuten und erzählt in Ich-Form ununterbrochen sein gesamtes Leben; ununterbrochen, da der Therapeut oder die Therapeutin kein Wort sagt. Unterbrechend sind nur kurz die Enden der fiktiven Sitzungen und am Ende Lennons Tod.

Lennon von David Foenkinos

Der Aufhänger ist dabei natürlich schon ein bisschen billig. Wo erzählt man sein Leben, wenn nicht beim Therapeuten, wird sich Bestseller-David gedacht haben. Das naheliegende Setting würde man gern verzeihen, wenn daraus irgendetwas gemacht würde. Die größtenteils vater- und mutterlose Kindheit, das Leben bei der Tante, der frühe Unfalltod der Mutter, lebenslanger Ruhm, Beatlemania etc pp all dies hätte sagenhaften Stoff gegeben, die Erzählung tiefer gehen zu lassen. Foenkinos lässt Lennon aber einfach nur erzählen und sich zwischendurch kurz selbst analysieren, was aber auch nicht über “das ist für Sie bestimmt ein interessantes Detail” hinausgeht. Kreativität sieht dann doch anders aus.

Lennon als Figur ist dabei je nach dem eine denkbar dankbare oder undankbare Person, die man als den Mittelpunkt eines solchen Buchs wählen kann. Ein umfangreiches Werk, eine gut bekannte, aber schwere Kindheit, wilde Jahre in Hamburg, absurde Jahre mit der größten Band der Welt und eine absurde Liebe zu einer absurden Frau, die heute Hamburger Kneipen abmahnt. David Foenkinos verarbeitet dabei, soweit ich das überblicken kann, alles fein säuberlich was bekannt und belegbar ist. Was anderen Autoren dieses Genres – die unbekannten Lücken mit Leben füllen, mit der Geschichte spielen, sie weiterentwickeln, Erklärungen finden – versucht David Foenkinos dagegen gar nicht erst.

Die große Frage bleibt daher während der ganzen Lektüre: Warum sollte ich das lesen? Mir fällt leider kein guter Grund ein. Lennon ist so unterhaltsam und inspirierend wie der Wikipedia Artikel Johns, nur das letzterer mehr Bilder hat. Will man sich Hintergrundinfos zum Chefbeatle reinziehen, eignen sich Bücher wie die Lennon Biographie von Philip Norman eher. In meinem Fantum habe ich sogar die Biographie seiner ersten Frau Cynthia gelesen und die würde ich mir eher ein zweites mal zu Gemüte führen als noch einmal den Lennon von David Foenkinos.

“Ich bin ein riesiger Fan seiner Songs”, sagt der Autor, “sie sind perfekt, einfach und stark zugleich, sie gehen leicht ins Ohr und sind doch ungemein komplex.” Das alles kann man über dieses Buch nicht sagen.

Beitragsbild: Von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2301 – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079241

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Auster und Klinge von Lilian Loke

„Hoffnungsträger ist ein furchtbar großes Wort, und ich sehe mich nicht in einer Riege“, sagt Lilian Loke angesprochen auf die Kategorisierung ihrer Person in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des Erscheinens ihres neuen, zweiten Romans Auster und Klinge bei C.H.Beck. Eine Rezension und ein Gespräch.

Auster und Klinge sind zwei.

Da ist Georg, ein Maler, der nicht mehr malt, der lieber wachrütteln will mit Aktionen im öffentlichen Raum, obwohl seine Galeristin ihm wieder zu Gemälden rät, die sich auch besser verkaufen. Aber Geld braucht Georg eigentlich gar nicht zu verdienen, denn er ist mit einem üppigen Erbe ausgestattet, lebt aber lieber distanziert von der schweineschlachtfabrikbetreibenden Verwandtschaft.

Auf der anderen Seite ist Victor. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen schiefgegangenen Einbruch einsaß, bei dem er den Hausherrn fast totgeprügelt hat (u.a. § 252 StGB für die Jurafreaks; aber auch ziemlich nah an §§ 211 Abs. 2, 22, 23 Abs. 1 StGB, also mit einer kurzen Gefängnisstrafe noch ziemlich gut bedient). Victor ist aber – bis auf diese Tatsache und dass ihn Einbrüche ziemlich kicken – gar kein so übler Kerl. Am liebsten würde er ein Restaurant mit einem alten Kumpel eröffnen und endlich wieder mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zusammenwohnen. Weil diese Frau aber erst kurz vor dem unrühmlichen Gefängnisaufenthalt vom Doppelleben ihres Mannes erfuhr, ist diese verstimmt. Mit ehrlicher Arbeit müssen nun die Schulden bei alten Komplizen abgearbeitet werden, bevor man für den großen Traum sparen kann.

Auster und Klinge können beide sein.

auster und klinge lilian loke cover

An dieser Stelle ihrer Lebensläufe treffen Georg und Victor aufeinander und ziehen zusammen. Als Victor erfährt wie vermögend Georg eigentlich ist, schließen beide einen Deal. Georg soll Victor finanziell bei der Eröffnung des Restaurants sponsorn und Victor bringt Georg das Einbrechen bei – für dessen Kunst, bis eine Aktion aus dem Ruder läuft und Victor erneut den großen Traum gefährdet sieht.

Bei Amazon „beschwert“ sich eine Leserin, die einen „lockeren, vielleicht humorvollen Roman über ein interessantes Duo“ erwartet hat. „Auster und Klinge“ liest sich tatsächlich stellenweise leicht wie Unterhaltung, behandelt aber harte Themen. „Wer schwarzen Humor mag, kommt bei mir sicher eher auf seine Kosten“, sagt Lilian mir im Gespräch. „Ich wollte harte Themen mit Humor angehen, auch im Schrecken Komik finden. Neben der Sprache sind mir vor allem Figuren mit Licht- und Schattenseiten und ein starker Plot mit straffen Spannungsbögen wichtig. In der deutschen Literatur wird gern recht streng zwischen Ernster Literatur und Unterhaltungsliteratur getrennt, aber gute Literatur sollte auch ernste und harte Themen interessant und kurzweilig vermitteln können. Nichts ist trauriger als ein langatmiges Buch, das legt man beiseite.“ Langatmig ist Auster und Klinge sicher nicht, denn die Geschichte entwickelt Fahrt. Die Story von Georg und Victor muss man dabei weniger als ernstgemeinte Fiktion nehmen als vielmehr als ein Rollenspiel. Dass die Figuren dabei manchmal etwas zu offensichtlich ihre Rollen spielen, verzeiht man aber gern.

„Kunst darf auch wehtun, aufwühlen, reizen. Außerdem gilt »Depiction is not endorsement«: Nur, weil etwas in einer Fiktion dargestellt wird, wird es dadurch nicht automatisch befürwortet. Diese Entscheidung liegt beim Leser oder Betrachter und ist Teil des Rezeptionsprozesses. Ich schreibe bewusst möglichst dicht aus der Perspektive der jeweiligen Figuren, ohne eine auktoriale und wertende Erzählinstanz, um dem Leser größtmögliche Freiheit zu geben. Für mich sind besonders Geschichten und Kunstwerke interessant, die einen Konflikt im Rezipienten erzeugen, den er selbst individuell auflösen kann. Ein Bild erschreckt mich, aber ich kann nicht aufhören, es anzusehen – warum? Ein Protagonist ist mir sympathisch, aber seine Handlungen sind verwerflich, meine Sympathien bleiben oder schwinden – weshalb? Wie positioniere ich mich zum Dargestellten? Ob Woyzeck, der zum Mörder wird, Michael Kohlhaas, der zur Selbstjustiz greift oder Breaking Bads Walter White, der als Drogenproduzenten groß in die organisierte Kriminalität einsteigt, Antihelden ermöglichen ein besonderes Spannungsfeld, einen anderen, einen tieferen Blick auf bestimmte Themen.“

Lilian Loke hat mit Auster und Klinge einen Roman mit Witz und der nötigen Portion Anstoß zum Nachdenken geschrieben, dass man mit der Autorin gerne gemeinsam zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung balanciert. Die Hoffnungsträgerin sagt selbst, dass sie jeden Tag alle um sich herum hoffnungsvoll beobachte, und sehr oft würde dieses genaue Hinschauen belohnt. Beobachten wir weiter hoffnungsvoll Lilian, man kann recht sicher von weiteren Belohnungen ausgehen.

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Céline Minard – Das große Spiel

Übersetzt von Nathalie Mälzer.

Keine Ahnung, was immer alle mit Bergen und Wandern haben, wo doch die Natur keinen Geist hat. Also ich bleibe ja lieber zu Hause, ich bin ja aber auch grundsätzlich eher ein bisschen faul. Wenn man zu Hause bleibt, kann man dort Bücher lesen, das ist praktisch, dann hat man nämlich gleich noch eine Ausrede dafür, sich gar nicht bewegen zu müssen. Man kann beispielsweise klassische Sagen lesen, dann weiß man, dass die Götter auf einem Berg, dem Olymp (ja, wirklich!), wohnen. Man kann die Bibel lesen, dann weiß man, dass Berge ein Ort der Rettung (Noah strandete auf einem, Psalm 121 etc.), in jedem Fall aber ein Ort der Begegnung mit dem Transzendenten (Isaaks Opferung, Mose auf dem Sinai etc. etc.) sein können. Und wenn man dann noch ein bisschen rumgoogelt, was zuhause auch besser geht als auf so einem Berg beim Wandern, findet man heraus, dass es überall auf der Welt heilige Berge gibt, dass den Berg als herausgehobenen Ort mit „Transzendenz“ zu verbinden also wohl eine kulturübergreifende Idee zu sein scheint.

Und dann kann man auch „Das große Spiel“ von Céline Minard lesen, wenn man nicht lieber über Gesteinshubbel trampelt und sich Blasen an den Füßen holt. Die namenlose Erzählerin dieses Romans hat sich nämlich ein Stück Berglandschaft gekauft, sich dort ein mit etlichen Segnungen der Zivilisation versehenes high-tech-Domizil errichtet, um sich aus der Zivilisation, unter der sie schrecklich leidet, weil alle doof sind, zu verabschieden, um herauszufinden, ob man gegen sich selbst Schach spielen kann, ob man die Isolation aushalten kann, ob Not ein Umstand, ein Seelen- oder Körperzustand ist, kurz: Es geht eben um existentielle Erfahrung.

Und das in anderer Weise als in Haushofers Roman „Die Wand“, an den man unweigerlich beim Lesen des Klappentextes denken muss (und diese Assoziation führte dazu, dass ich das Buch gekauft habe, denn „Die Wand“ ist ein hervorragender Roman – aber tatsächlich, auf ganz andere Art „Das große Spiel“ eben auch, wenn auch vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger hervorragend), denn in „Die Wand“ ist das Exil nicht selbst gewählt (oder vielleicht doch, wenn man davon ausgehen will, dass die Protagonistin sich die Wand nur einbildet), vor allem aber ist es nicht möglich, dem Exil zu entkommen: Die Not ist wirklich existentiell und wird mit der Zeit drückender. In „Das große Spiel“ ist das nicht der Fall.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich all das so mit maximal augenrollendem Gestus nacherzähle, aber diese Form von Zivilisationskritik, dieses Waldgängertum, ist eben für mein Empfinden maximal albern, vor allem dann, wenn die Protagonistin trotzdem Handy und Laptop hat, um sich im Zweifelsfall in die Zivilisation zurückbringen zu lassen. Das ist eine Form der Zivilisationskritik, die bloßer Gestus ist und auf der Gewissheit wächst, ohne Probleme in diese Zivilisation zurückkehren zu können.

Aber: Ganz so platt funktioniert der Roman dann doch nicht. Tatsächlich ist „Das große Spiel“, so viel ich ideologisch daran drollig finde, ein ästhetisch sehr gelungener Roman, und vermutlich ist er sogar ideologisch interessanter als andere Romane ähnlichen Fahrwassers. Denn Minard lässt ihre Figur die eigene Misanthropie unterlaufen, sie lässt sie zum Tier werden und sich gleichzeitig selbst transzendieren und bricht damit gängige raunende Waldgängerei, überhaupt die Vorstellung von Selbsttranszendierung durchaus auch auf.

Denn die Frau, die sich hier in einer Berglandschaft den Elementen aussetzen will, wird in all ihrer misanthropen Ablehnung der Menschheit, die aus „Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen“ (S. 12 und diverse andere Stellen – diese Trias wird feststehend mehrfach wiederholt) mit der Zeit selbst – vielleicht – schwachsinnig, zumindest stellt nicht nur sie selbst entsprechende Mutmaßungen an, auch der Leser muss zunehmend erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Figur entwickeln: Und das fängt schon damit an, dass man nicht genau weiß, ob sie in den Bergen wirklich auf einen anderen Menschen trifft oder ob sie Tiere (ein Murmeltier) mit einem Menschen verwechselt. Ihre eigene Misanthropie hält sie zumindest nicht durch – und damit bekennt sich der Roman stärker zum menschlichen Miteinander als zum erwählerischen Einzelgängertum. Die Erzählerin entwickelt zudem selbst tierische Verhaltensweisen, wird also in der Isolation nicht zum der Menschheit überlegenen Menschen, sondern zum Tier, zur Natur, zur Idiotin, die sie eigentlich verachtet (es sei denn, die Natur wird hier als überlegen zum Menschen gedacht, das könnte auch sein, das wäre dann wiederum ein anderer Fall; mehrheitlich sprechen die Wertungen, die die Erzählerin ausspricht, aber nicht dafür). Sie „akklimatisiert“ tatsächlich, während sie noch darüber nachdenkt, ob es möglich ist, sich in dieser Berglandschaft zu akklimatisieren.

Am eindrucksvollsten wird das an der Sprache des Romans deutlich: Der Roman beginnt mit einem grammatikalisch brüchigen ersten Satz „Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde.“ (S. 5), die ersten ca. 30 Seiten des Romans lesen sich ungelenk und holprig, und je länger die Protagonistin in ihrem selbstgewählten Exil lebt, desto glatter wird die Sprache, bis sie am Ende stellenweise beinahe lyrisch ist. Die Sprache wird selbst Natur, insofern als gegen Anfang des Romans Naturbeschreibung letztlich nur durch das Handeln der Figur möglich ist – die Berge werden beschrieben als Raum, der durchschritten wird, als Raum, der bearbeitet wird – und gegen Ende die Natur in Bildern, insbesondere in belebten Bildern gefasst wird. Das ist schon bemerkenswert gut gemacht.

Ein bisschen störend sind dagegen leider die (zum Glück jeweils kurzen) philosophischen Einschübe, in denen es ganz unangenehm (und das sage ich als jemand, die der Sprache Heideggers ästhetisch durchaus etwas abgewinnen kann) heideggert. Da wird eben wirklich geraunt, da findet sich halt wirklich ein Jargon der Eigentlichkeit, der irgendwie ergriffen bedeutungsschwanger daherschwadroniert, als bergen seine Worte ein Geheimnis, das aber in Wirklichkeit gar nicht da ist. Beispielsweise eine Passage wie diese wirkt in all ihrer inkonsistenten freien Assoziation ehrlich gesagt so, als hätte Ada, die zentrale (und sehr nervige) Hauptfigur aus Juli Zehs „Spieltrieb“ in den letzten Jahren einfach viel Existenzphilosophie gelesen und würde nun in „Das große Spiel“ als literarische Wiedergängerin ihr Unwesen treiben:

„Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, sich verfügbar zu machen, seine Kräfte zu bündeln und sie zu mobilisieren, um das Problem zu lösen, das sich einem in den Weg stellt. Aber was passiert, wenn die Aufmerksamkeit sich auf gar kein Problem konzentriert? Wenn sie sich zum Beispiel auf die Atmung richtet, wird die Atmung dann zum Problem?

Kann diese Art von Gegenstand eine unabgelenkte Aufmerksamkeit hervorrufen? Weder durch ein Spiel noch durch Kunst noch durch Sport, ein Versprechen oder eine Drohung. Durch überhaupt keine Regel. Ganz nah an einem Risiko und einer Grundsatzentscheidung: lieber atmen als gären, lieber Blut saugen als Saft.“ (S. 66f.)

Na ja, gut, kann ja jeder trinken, was er mag. Aber natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 66 vom „In-der-Welt-Sein“ die Rede ist, natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 102 Leibniz („warum gibt es eigentlich etwas und nicht nichts“) anzitiert wird, weil damit eben gleichzeitig Heidegger („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“) zitiert wird, und natürlich ist Heidegger gemeint, wenn mit „Die Welt verändert sich, wir verändern uns, und in diesem Fluss gibt es nur das Band“ Heraklits „panta rhei“ angedeutet wird, denn Heidegger schloss u.a. an Heraklit an, usw. usw. Es heideggert eben. Und so wie bei misanthroper Zivilisationskritik sollte man halt, so gut der Roman ist, zumindest im Hinterkopf beim Lesen mitdenken, dass das nicht ganz harmlos ist, sondern eben: immer nahe am misanthropen Erwähltheits-Geraune (und ich stelle nicht partout Existenzphilosophie, mit der ich grundsätzlich etwas anfangen kann, unter den Verdacht, nicht ganz harmlos zu sein, sondern eine allzu gewollte Selbstergriffenheit, die sich in ihr Vokabular kleidet und die eben allzu sehr von der eigenen Überlegenheit, der eigenen überlegenen Wahrnehmungssensibilität, und damit von so etwas wie Erwähltheit ausgeht). Auch wenn dergleichen hier insgesamt vermieden wird. Aber der Roman hätte halt einfach auf S. 184 unten, nicht auf S. 185 in der Mitte enden sollen, dann hätte ich nicht abschließend nochmal mit den Augen rollen müssen. Man kann wohl nicht alles haben.

Davon abgesehen: „Das große Spiel“ ist sprachlich bemerkenswert und bricht zumindest in Nuancen mit altem Einsiedler-Kitsch. Die Protagonistin akklimatisiert sich. Sie wird zu Natur, ihre Sprache wird zu Natur. Sie trifft auf vermeintlich Unsterbliches – vielleicht aber auch nur auf Halluzinationen und ein Murmeltier, das bleibt offen – und versucht diesem ähnlich zu werden. Die Berge sind also auch hier Ort der Begegnung mit dem Transzendenten, Ort der Selbsttranszendierung als Selbstüberwindung, als Selbstveräußerung. Es könnte aber auch Wahnsinn sein. Es könnte aber auch wirklich Übernatürliches sein, auf das die Erzählerin trifft, und damit könnte es sich wirklich um die Auflösung der Genregrenze handeln, wie der Klappentext das so behauptet. Sicher sagen lässt es sich nicht. Und indem diese Spannung gehalten wird, ist dieser Roman eben wirklich ein lesenswerter. Am Ende hat „Das große Spiel“ nichts Schwärmerisches, trotz gelegentlichem Geraune. Glücklicherweise. Lest das ruhig mal, es ist recht gut.

Lest aber ruhig auch die sehr schönen und Interessanten Beiträge von anderen Blogger*innen zu diesem Buch:

(Beitragsbild von Denys Nevozhai auf unsplash)

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Kassandras Standard. Über Omar El Akkads Roman “American War”

Nie war es leichter, sich als Prophet zu gebärden, nie billiger, vom Ende des Friedens, des Westens oder gleich der ganzen Welt zu künden. Ein wenig Krise, dazu Krieg samt seinen Unwägbarkeiten, mittendrin Figuren, die straucheln und fallen – schon wirkt es, als sähe man, was da käme. Was passiert aber, wenn hieraus Literatur wird? Ist sie allein deswegen gut, weil sie zeitgenössisch ist? Und ist sie zeitgenössisch, weil sie krisenhaft ist?

Gleich zu Beginn stoßen wir in „American War“ von Omar El Akkad auf eine Landkarte. Der südöstlichste Teil der USA hebt sich farblich vom Rest des Landes ab; von Florida ragen nur mehr einige Inselchen aus dem Meer heraus, darunter eine mit der Legende „Gefangenenlager Sugarloaf“. Ja, die Welt ist eine andere geworden. Es gibt wieder Fronten, die quer durch Land- und Gesellschaften verlaufen: hier die Rebellen, die sich 2074 weigerten, ein strenges Brennstoffverbot für „eine nachhaltige Zukunft“ mitzutragen, dort die Zentralregierung der „Blauen“, die über Jahrzehnte gegen die Aufständischen vorgeht; hier der steigende Meeresspiegel, der immer mehr Land schluckt, dort die Bevölkerung, die vor dem Wasser zurückweicht, in verwahrloste Städte hinein. In ihrer Verelendung ist sie auf Hilfslieferungen angewiesen, die aus den neuen starken Staaten wie China und dem fiktiven Bouazizireich geschickt werden.

In diesen apokalyptischen Trubel wird die Hauptfigur hinabgelassen: Sarat Chestnut, geboren 2068, die zu schnell die Härte des Lebens kennenlernt. Ihr Vater stirbt bei einem Attentat, gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter wird sie in das Flüchtlingscamp „Patience“ umgesiedelt. Dort lernt sie Albert Gaines kennen, eine rätselhafte Gestalt, die mit einem Entsandten des Bouazizireich kooperiert und Sarat mit rebellischen Idealen wie Opfermut und Widerstand indoktriniert.

So ist der Weg, den die Hauptfigur gehen wird, schnurgerade vorgezeichnet: Heldin der Rebellen, Gefangene auf der Folterinsel Sugarloaf, endgültig kaputte Märtyrerin. Tatsächlich wird hier eine Protagonistin auf eine Weise mit biographischen Episoden ausgestattet, wie man etwas einfallslos einen Kühlschrank bestückt, um über das lange Wochenende zu kommen. Alles ist vorhanden, nichts überrascht.

Unterbrochen wird dieser träge Hauptstrang durch dokumentarische Einschübe. Wir kriegen Auszüge aus Geschichtsbüchern, parlamentarischen Befragungen und Akten des Kriegsministeriums vorgelegt. Derart wird der Dystopie ein quasi-historisches Fundament untergeschoben, eine vermeintliche Historiographie des letzten Viertels des 21. Jahrhunderts entsteht. So erfahren wir von der großen Seuche, die um die Jahrhundertwende mehr als hundert Millionen Menschen dahinraffen wird, sowie vom Beginn des Bürgerkriegs, als die Blauen Demonstranten aus dem Süden niederschossen.

Wer in alledem eine weitere Spiegelfläche sucht, um sich lüstern der masochistischen Morbidität des Westens hinzugeben, der findet in dieser so sauber ausformulierten wie standardisiert entfalteten Geschichte ausreichend Material für Kümmernis und K.O.-Gedanken. Neue Religiosität, gesellschaftliche Risse, Erstarkung vulgärer Umgangsformen, brutaler Zynismus – alles liegt verdaulich vor einem ausgebreitet.

Wer hingegen mehr will als eine dekadente Katastrophenlektüre, der wird von der 440-seitigen apokalyptischen Handelsüblichkeit enttäuscht sein. In seiner Schwarzmalerei ist die sprachliche, figürliche und konzeptuelle Palette dieses Buches nämlich arg begrenzt. Als Sarat zusammenbricht, weil Milizen ihre Mutter umgebracht haben, bekommen wir etwa zu lesen: „Sie sah den leisen Anflug eines Lächelns nicht, der in diesem Augenblick über die Lippen ihres Lehrers huschte.“ Zu mehr gereichen die Figuren und das entworfene Szenario nicht. Das verkohlte Holz, aus dem hier alles geschnitzt ist, bietet nun einmal wenig Möglichkeiten für Spitzfindigkeiten.

Da hilft es auch wenig, dass der Autor in Interviews immer wieder betont, er sei kein Seismograph – und sein Roman kein schriftstellerischer Reflex auf Donald Trump und die Spaltung der US-Gesellschaft. Dass „American War“ aber nur als ein solcher überhaupt lesenswert ist, dass er nur in seiner denkerischen Akutheit von (kurzem) Belang ist für eine 2017-Leserschaft – das ist die Falle, aus der er sich nicht herauswinden kann. Vielmehr erinnert er an die vielen drittklassigen Katastrophenfilme auf RTL 2, die wahlweise Seuchen, Terroristen oder klimatische Veränderungen herbeizitieren, um ein 0815-Epos aus Glück, Trauma und Rache zusammenzuschustern.

Umso verwunderlicher ist es, dass ein Großteil der Kritik, darunter die Washington Post und die New York Times, „American War“ als außerordentlich lobten. Das wiederum wirft ein fahles Licht darauf, wie in Zeiten der Unbeständigkeit auch das Schreiben, Lesen und Kritisieren von Literatur allzu schnell dem hektisch-hysterischen Zeitgeist unterliegt. Gerade lechzen wir nach Kommentierung, Fiktionalisierung, rundum: nach erklärender und illustrativer Einhegung, um ein wenig mehr den Überblick zu haben. Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.

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Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Seit Anfang diesen Jahres tingelt die inzwischen Hallen füllende Poetry Slammerin Julia Engelmann sehr erfolgreich mit ihrem Song „Grapefruit“ (auf Youtube: ca. 1.5 Millionen Views) durch die deutschen Fernsehtalkshows – in diesem Song setzt sie sich auf äußerst unangenehm unterkomplexe Art und Weise mit den Depressionen einer Freundin auseinander, der sie tolle Tipps wie „mal durchlüften“ und „Grapefruit zum Frühstück essen“ gegen Depressionen gibt, schließlich ist Engelmann da Fachfrau: Sie hatte auch mal Depressionen (meint sie zumindest), denn „Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt / Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt / Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn / Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin.“ Deutschlands bekannteste Poetry Slammerin sagt: Nicht wie die anderen sein zu können macht traurig, und anscheinend können sich Tausende damit identifizieren.

Nicht so Andreas Reckwitz. Der erklärt Depressionen, die er für eine für unsere Zeit typische Krankheit hält, ganz anders: Heutzutage leiden so viele Menschen an Depressionen, weil sie aufgrund des Drucks erschöpft sind, sich als singuläre Individuen mit einem wertvollen Leben inszenieren zu müssen. Denn die ganze globale Gesellschaft ist in der Spätmoderne eine „Gesellschaft der Singularitäten“, wie das Sachbuch von Reckwitz eben auch heißt. Dominiert von einer ab den 1970ern entstandenen neuen akademischen Mittelklasse gilt heute global das als wertvoll, was als singulär, als authentisch gilt, wobei nicht nur Individuen, sondern auch Dinge, Ereignisse und sogar Kollektive als singulär und damit als wertvoll konstruiert werden können. Dass dem so ist liegt an dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie ab den 1970ern und der Digitalisierung, die zu einer „Kulturmaschine“ geworden ist, die nur dem Singulären Aufmerksamkeit verschafft und durch seine Algorithmen die Singularisierung jedes Nutzers noch vorantreibt. Die Folgen dieser Gesellschaft der Singularitäten sind nichts Geringeres als alle Probleme, die wir heute haben: Erosion der Volksparteien, neuer religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus, Depressionen, Amokläufe.

Und das ist sicher alles richtig, und ich bin auch keine Soziologin, weswegen ich dazu nichts Fundiertes sagen kann. Das Feuilleton bespricht dieses Buch ja ganz euphorisch. Nun bin ich aber in der Situation, irgendetwas zu diesem Buch schreiben zu müssen (weil es für den Bayerischer Buchpreis nominiert wurde, den ich ja als Bloggerin begleite), und also bleibt wohl nichts anderes übrig, als das ich erkläre, warum mich das Buch als Laienleserin an mehreren Stellen nicht überzeugt hat.

Da ist zum einen eben die Behauptung, durch das Internet würden bestimmte Rationalisierungsmechanismen der Moderne nun in den Dienst der Singularisierung treten, sprich: Das Internet mit seinen Algorithmen trage zur Singularisierung bei, nicht zur Normierung, da jeder Nutzer ja ein individuell auf ihn abgestimmtes Profil erhalte. Für mein Empfinden ist aber genau das eben keine Singularisierung, sondern eine Normierung, denn zum einen wird der einzelne Nutzer, wenn auch auf natürlich sehr differenzierte Weise, hier mit Durchschnittswerten abgeglichen – er bekommt eben durch den Algorithmus nicht Daten zugespielt, die nur er mag, sondern solche, die alle mögen, die sich im Netz ungefähr wie er verhalten – zum anderen wirkt jeder Algorithmus darüber auf das Individuum zurück. Der einzelne Internetuser wird dadurch eben nicht einfach singulär, sondern vor allem doch auch manipulier- und also normbar, wie aus dem politischen Kontext ebenso bekannt ist wie aus der Werbebranche. Was, wenn die Singularisierung im Dienst einer (ökonomischen) Normierung steht, nicht anders herum, also wenn das, was als Singularisierung konstruiert wird, nichts anderes ist als eine Form der Rationalisierung? Diese Möglichkeit räumt Reckwitz für mich nicht überzeugend aus.

Und das Internet erzeugt ja auch gar nicht lauter singuläre User, die sich alle als furchtbar singulär inszenieren würden, wie Reckwitz es ja behauptet. Es hat ja eben nicht jeder einen YouTube-Kanal oder einen Blog. Im Gegenteil: Das Internet erzeugt in seinen wirkmächtigsten Momenten Hypes, an denen die Leute partizipieren, weil alle das tun, weil sie mitreden wollen, wenn es um das geht, worüber gerade alle reden – nicht weil sie singulär sein wollen. Der enorme Erfolg von Avocadobrot-Fotos auf Instagram erklärt sich nicht daraus, dass jeder, der so ein Foto macht, dabei denkt „ach guck, damit wirke ich jetzt aber einzigartig und authentisch“, sondern es geht doch eher um „ach guck, in den letzten Tagen habe ich so viele total schöne, INSPIRIERENDE Fotos von Avocadobroten gesehen, jetzt mache ich mir ein Avocadobrot und mache ein Foto davon, voll inspirierend“. Viele Instagram-Accounts folgen doch schlicht der Ästhetik der Werbung, und damit der Ökonomie – und das ist ein Gebiet, das Reckwitz im ganzen Buch als wirkmächtiges System bemerkenswert hartnäckig ausblendet: Die Ökonomie kommt weitestgehend nur als Form veränderter Arbeitsplätze in den Blick – dass heutzutage weltweit Teenager Jeans tragen, bei McDonalds essen und Justin Bieber hören, und zwar durchaus auch in akademischen Haushalten, ist auch dem globalen Wirtschaftssystem geschuldet, und anscheinend hat Reckwitz nie mit einem Teenie gesprochen, denn Teenies argumentieren nicht mit “aber ich will ganz individuell sein” sondern mit “aber alle tragen das so”. Selbstverständlich gibt es die Trendsetter, die Influencer, die singulär Neues setzen – davon aber darauf zu schließen, dass alle das sein wollen, wird der Gesamtgesellschaft wohl kaum gerecht, in der die meisten halt doch einfach dazugehören und mitmachen wollen, in der viele „genauso sein wollen wie XY“, sogar dann, wenn sie wie XY behaupten, einfach nur sie selbst sein zu wollen. (Weitere Randbemerkung: Und so ist es auch ärgerlich, dass Reckwitz – bestehender Forschungsergebnisse zum Trotz – die Pfingstkirchen Lateinamerikas in einen Topf “religiöser Fundamentalismus” mit Islamisten wirft und behauptet, es ginge hier um Singularität, dabei gewinnen beide religiösen Gruppierungen gerade durch ihr Verhältnis zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung ihre Attraktivität: Die Pfingstkirchen aufgrund ihrer enormen Passung zum Kapitalismus, islamistische Gruppierungen aufgrund ihrer massiven Ablehnung des Kapitalismus; beispielsweise Friedrich Wilhelm Graf hat dahingehend, bezüglich der Rückkehr der Religionen und des Marktes religiöser Angebote, einschlägige Publikationen geschrieben, die alle in der Bibliografie von Reckwitz vollständig fehlen – dafür finden sich in dieser Bibliografie mehrere Werke von Byung-Chul Han, welchen wissenschaftlichen Wert auch immer diese haben sollen.)

Und genau darum finde ich das Buch von Reckwitz nicht überzeugend: Er beschreibt natürlich Zusammenhänge und Praxen, die es gibt und die medial sehr wirkmächtig sind, aber er beschreibt eben nicht die gesamte Gesellschaft, schon gar nicht weltweit, wie dies sein Anspruch ist. Er beschreibt einige medial sehr wirkmächtige Milieus, die eben auf der Skala der Milieu-Anordnungen sehr weit weg von der Grundorientierung an „Tradition“ angesiedelt sind, denen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist und die eben beruflich „was mit Medien“ machen – und tut dann so, als wären diese Milieus der Singularitäten die ganze Gesellschaft, er sitzt damit der medialen Inszenierung dieser Milieus auf. Er beschreibt nicht die Gesamtgesellschaft und wird ihr meiner Ansicht nach auch nicht gerecht. Denn Reckwitz bemüht eine Klassenstruktur der Gesellschaft, die so inkonsistent ist, wie sie großteils absichtlich auf den gedanklichen Einbezug des materiellen Status der Menschen verzichtet. So geht er eben davon aus, dass es eine dominierende „akademische Mittelklasse“ gibt, in der alle unabhängig vom Einkommen nach Singularität streben, von der er im Wesentlichen eine „Unterklasse“ unterscheidet, zu der schlicht alle gehören, die über geringes kulturelles Kapital verfügen und also keinen akademischen Abschluss haben, und deren Lebensstil von „muddling through“, vom Durchwursteln, gekennzeichnet ist. Ich halte das gelinde gesagt für unterkomplex, nicht nur weil es diverse höhere Beamte, Maschinenbauer, Ärzte, Juristen etc. gibt, die sich in völlig identischen Doppelhaushälften am Sonntag um ihren Thermo-Mix (den man sich ja erst einmal leisten können muss) versammeln und nicht im Traum daran denken, irgendwie singulär sein zu wollen, sondern auch, weil es einfach viele Akademiker gibt, deren Leben von „muddling through“ gekennzeichnet ist.

Daneben gibt es dann aber natürlich auch bei Reckwitz noch die „alte Mittelklasse“, die – obwohl er einräumt, dass sie wohl um die 25% der deutschen Gesellschaft ausmachen (S. 366) – hier auf vier (!) Seiten abgehandelt wird: Laut Reckwitz ist das der alte, nicht-akademische Mittelstand, der im Schwinden begriffen ist, und Reckwitz ordnet dieser „alten Mittelklasse“ die SINUS-Milieus der „Adaptiv-Pragmatischen“, der „bürgerlichen Mitte“ und Teile der „Konservativ-Etablierten“ zu. Das wird empirisch weder erklärt noch bewiesen und ist vermutlich auch schlicht nicht haltbar: Diese Milieus sind doch ihrerseits voll mit hochqualifizierten, akademischen Mittelklassevertretern, das sind eben auch Lehrer, Ärzte, Ingenieure. Und völlig, Entschuldigung, abstrus wird die Gesellschaftsanalyse wenn dann plötzlich doch ausgehend von ökonomischen Kriterien, die ja sonst explizit nirgends eine Rolle spielen durften, doch eine Oberklasse angenommen wird, die allerdings ja eben nur 1% der Weltbevölkerung umfasst und eigentlich sowieso mit dem Lebensstil der akademischen Mittelklasse identisch ist und damit eigentlich nur am Rande mal erwähnt werden muss (und mehr als “am Rande mal erwähnen” findet auch nicht statt). Kurz: Im Wesentlichen behauptet Reckwitz, die gesamte Gesellschaft weltweit bestünde aus armen Nicht-Akademikern, so ein bisschen zu vernachlässigender Mitte und singularitätswütigen Akademikern. Jede Milieu-Analyse beschreibt Gesellschaft differenzierter und realitätsnäher. Die Beschreibung der Lebensstile dieser Klassen liest sich wie bei Bourdieu abgeschrieben (pardon, aber: Die einen essen gesund, die anderen nicht so, die einen machen Sport, die anderen nicht so – das sind nicht gerade große Neuigkeiten), und Bourdieu untersuchte die Gesellschaft vor den 1970ern, die SINUS-Milieus sind da schlicht genauer.

Es ist ja dann fast schon lustig, wenn beispielsweise bei der Beschreibung des Lebensstils der Unterklasse (wir erinnern uns: Die von Reckwitz beschriebene Gesellschaftsstruktur bildet sich ungefähr ab den 1970ern heraus) auf einen Aufsatz von 1958 zurückgegriffen wird (S. 362) oder Romane als empirische Quellen herhalten müssen („Rassistische, auch sexistische und homophobe Tendenzen in der Unterklasse werden immer wieder thematisiert, wie es etwa zwei aktuelle, viel diskutierte Selbstethnografien aus Frankreich zeigen: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016; Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Frankfurt/M. 2015.“ S. 359; ohne die zutreffenden Beobachtungen dieser Romane in Zweifel zu ziehen: Empirische soziologische Arbeit sieht eben doch anders aus und dass Rassismus, Sexismus und Homophobie ein Privileg der Unterklasse oder der alten Mittelklasse seien, wird sich empirisch nicht halten lassen, da mag Reckwitz noch so sehr behaupten, die akademische Mittelklasse wähle keine Rechtspopulisten (S. 340) – die Wahlanalysen sprechen eine andere Sprache, natürlich wählen auch Leute mit akademischem Bildungsgrad die AfD, wenn auch nicht mehrheitlich, Kubitschek und Jongen sehen sich und ihre Fans wohl kaum als Nicht-Akademiker, der Sexismus-Fall Weinstein stammt kaum aus der Unterschicht, hier ist einfach manches wirklich zu stereotyp).

Und damit kann Reckwitz natürlich auch nicht einbeziehen, dass die letzten Shell-Jugendstudien ergeben haben, dass Jugendliche zumindest in Deutschland schon seit Jahren lieber sichere Jobs anstreben als sogenannte Selbstverwirklichungsbranchen, also: irgendwas mit Medien. Natürlich muss Reckwitz dann für seine Behauptung, das Bildungswesen unterliege im Moment nicht einer Tendenz zur Normierung (S. 333), ausblenden, dass es einen Bologna-Prozess und bald in Deutschland auch ein Zentralabitur gibt, und das hat eben nicht nur mit der Sicherung von Mindeststandards für Bildungsniveaus zu tun, wie Reckwitz meint, sondern vor allem mit Vergleichbarkeit im Dienste der transnationalen Mobilität. Und so könnte ich jetzt hier weitermachen, kurz: Das, was Reckwitz beschreibt trifft natürlich Teile der Realität, in der wir leben, aber er beschreibt Gesellschaft unterkomplex, dass ich wirklich nicht behaupten kann, dieses Buch als Bereicherung empfunden zu haben, so leid mit das tut. Es gibt natürlich mediendominierende Milieus, die Singularität propagieren, und natürlich tragen diese zu aktuellen, auch politischen, Problemlagen bei. Aber die Zusammenhänge sind dann doch etwas komplexer als hier beschrieben, meinem Eindruck nach.

Ich fand „Gesellschaft der Singularitäten“ leider stellenweise sehr banal, die überzeugendsten Passagen sind die über die „Kulturmaschine“ Internet (mit den oben gemachten Einschränkungen) und ansonsten leider die, die Dinge referieren, die aus der Forschung zum Wertewandel schon längst bekannt sind. Und eben diese Wertewandelforschung, Ulrich Becks Theorie der reflexiven Moderne und seine Individualisierungstheorie und vor allem „Nach dem Boom“ von Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael (das Reckwitz in seiner Bibliografie nicht nennt, obwohl der Titel einschlägig ist) können eigentlich all die gegenwärtigen Problemlagen (zunehmende Attraktivität postmaterialistischer, non-konformistischer Werte, Erosion der Volksparteien und Neoliberalismus, wirtschaftlicher Wandel hin zum tertiären Sektor, Erschöpfung des Subjekts), die Reckwitz hier zu erklären beansprucht, schon seit Jahren erklären. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel Mehrwert das Buch von Reckwitz hier bringt – wenn mich persönlich jemand nach einem Buch zur Entwicklung der Gesellschaft seit den 1970ern fragen würde, das auch eine globale Perspektive im Blick hat, würde ich unbedingt „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel/Raphael empfehlen, das mir viel besser belegt, viel stringenter und differenzierter argumentiert zu sein scheint als das Buch von Reckwitz. Was nicht bedeutet, dass „Gesellschaft der Singularitäten“ ein schlechtes Buch ist, das falsche Dinge behauptet, es ist natürlich ein interessantes, gutes Buch, das viel Zutreffendes beschreibt – nur eben für mein Empfinden halt mehrfach unterkomplex und etwas banal. Vielleicht hat mich auch nur einfach die extreme Erwartbarkeit dessen, was man hier zu lesen bekommt, gestört – man liest hier genau das, was man zu lesen erwartet, und was eigentlich seit Eribon ohnehin schon landauf landab in der Zeitung steht (was natürlich das Geschriebene nicht falsch, aber eben auch nicht sehr überraschend macht).

Aber, nochmal: Ich bin keine Soziologin, sondern Laie (gehöre damit aber ja doch auch zum Zielpublikum dieses Buches, was es vielleicht doch wieder legitim werden lässt, dass ich mich darüber äußere), und das Feuilleton feiert das Buch ja wie schon angemerkt. Genauso wie die Jury für den Bayerischen Buchpreis 2017, denn „Gesellschaft der Singularitäten“ steht auf der Shortlist der Sachbücher für diesen Preis. Und da steht es ja, genauso wie das Buch von Gerd Koenen, schon zu recht. Aber: Nicht nur aus den von mir oben schon dargestellten Gründen – das Buch erscheint mir weder inhaltlich bahnbrechend noch besonders genau – sondern vor allem auch aufgrund der sprachlichen Gestalt dieses Buches verstehe ich diese Nominierung trotzdem ehrlich gesagt nicht ganz: Wenn so ein Buchpreis auch die Funktion der Literaturvermittlung hat, dann hat man sich hier für die Nominierung eines Sachbuches entschieden, das eben ein typisches soziologisches Sachbuch aus dem Suhrkamp-Verlag ist, und das bedeutet: Viele Leser des breiteren interessierten (und durchaus auch akademisch gebildeten) Publikums werden hier aufgrund der sprachlichen Komplexität (die nicht in jedem Fall mit inhaltlicher Komplexität korreliert) schon in der Einleitung aussteigen. Das sind dann Leser, die man verliert, auch für den Bayerischen Buchpreis. Schon deswegen würde ich, wenn ich zwischen den beiden von mir gelesenen nominierten Büchern entscheiden müsste, den Preis eher dem Sachbuch von Gerd Koenen über die Geschichte des Kommunismus geben (auch wenn ich von diesem ebenfalls nicht restlos begeistert war) als dem von Reckwitz. Meine beiden Blogger-Kollegen von Sätze & Schätze und Buch-Haltung.com waren aber von dem ebenfalls nominierten Sachbuch „Blau“ von Goldstein sehr angetan – vielleicht wäre das dann ein guter Kandidat für den Preis. Entscheiden müssen das ja aber zum Glück am Ende nicht wir, sondern die Jury.

(Beitragsbild von Jessica Ruscello auf unsplash.com)

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