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Kategorie: 1900-1945

Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

Wann darf man eine neue Biographie über jemanden schreiben? Wenn tatsächlich neue Erkenntnisse erlangt wurden, unbekannte Briefe oder Tagebücher aufgetaucht sind, man anderer Meinung ist als vorherige Biographen – man einfach Lust hat?

Die Mutmaßung Stefan Zweig könnte homosexuell gewesen sein ist nicht neu, die Tagebücher wurden, wie fast sämtliche Briefe bereits akribisch ausgewertet und die Biographie von Oliver Matuschek ist noch keine zehn Jahre alt. Ulrich Weinzierl schreibt trotzdem und dies tut in erster Linie dem be- und verhandelten Autor gut, denn auch ein gemeinfreier Klassiker, soll immer wieder in Erinnerung gerufen werden und dies geht am besten mit einem kleinen Skandal. In diesem Fall einem berühmten Penis, besser dem Penis eines Berühmten.

Ich aß Müsli und trank Tee als ich das Buch las.  Instagram
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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis möchte dabei auch gar keine Biographie sein. Es ist vielmehr eine psychologische Studie, die Weinzierl, ebenso wie Matuschek, in “Drei Leben” unterteilt. Diese sind in diesem Fall die Ehe mit Friderike Zweig, geschiedene von Winternitz, die Untersuchung einer möglichen Homosexualität und der Schluss Zweig sei Exhibitionist gewesen. Tatsächlich neu ist hieran, wie gesagt, nicht viel. Dass die Ehe von Stefan und Friderike in vielerlei Hinsicht unglücklich war, wussten wir ebenso wie von dem sehr berechneten Werben der Dame um den späteren Gatten, dass Zweig seine Frau in den letzten Jahren zu einem Faktotum der Latifundien am Salzburger Kapuzinerberg degradierte ist nicht zuletzt aus dem Briefwechsel bekannt.

Doch eine derart genaue Beschreibung der Ehe wie bei Weinzierl aber habe ich noch nicht gelesen und hatte bisher eher Mitleid mit Friderike Zweig, hervorgerufen insbesondere durch teils harsche und sehr abweisende Briefe des Gatten. Weinzierl zeichnet dagegen ein höchst unvorteilhaftes, möglicherweise aber zutreffendes Bild. Friderike hat sehr berechnend um den berühmten Schriftsteller geworben, ihn sanft belagert und mit vorgegebener Großzügigkeit, speziell seinen Affären gegenüber, an sich gebunden. Manchmal erinnert ihr Verhalten an leichte Formen des Stalkings. Die Vereinnahmung des inzwischen Ex-Gatten ging nach dessem Tod mit der Verklärung, nicht nur des Verblichen, sondern auch der eigenen Rolle weiter; ein zum Teil wirklich garstiges Weib. Völlig unklar bleibt mir bis heute die Begeisterung Stefans für die Romane Friderikes, die diese vornehmlich schrieb, um ihn zu becircen, voller schrecklich schwülstiger, übertrieben triefiger Bilder, ja sogar widerlicher pädophiler Motive.* Weinzierl spricht zu recht von nicht bloß miserabler Literatur, hart an der Grenze zu pseudopoetischer Kindesmissbrauchspornographie.  Eine überaus kuriose Beziehung band diese beiden Menschen aneinander, ein Band, das auch nach der Scheidung nicht abriss. Weinzierl dröselt dieses anschaulich und gewissenhaft auf.

Die vermutete Homosexualität kann Weinzierl dagegen nicht belegen, zeichnet aber ein gelungenes Bild der Zeit, in der die Knabenliebe innerhalb der Intellektuellenszene nicht zwingend akzeptiert, aber geduldet und sehr häufig war. Von klassischer Homosexualität kann insoweit trotzdem nicht die Rede sein, da stets nur die griechische Jünglingsliebe zelebriert wurde, vor bärtigen alten Männern, dürfte es Stefan Zweig geschüttelt haben. Nicht ohne Grund verliebte sich Thomas Mann selbst als Großvater nur in junge Kerls. Die Wenigsten der Zitierten waren wirklich schwul, sondern in einer irgendwie merkwürdig-changierend Form des Begehrens zwischen Homosexualität und leichter Form der Pädophilie gefangen.

“Dann spazieren, Liechtenstein, schaup.”

Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)
Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)

Weinzierl gibt selbst zu, dass wir uns weniger im Reich der Spionage bewegen als in demjenigen der Vermutung und Andeutung, auf unsicherem Terrain. Dies betrifft nicht nur die ersten beiden Abschnitte, als vor allem den wirklich das brennende Geheimnis des Exhibitionismus behandelnden Teil. Diese Vermutung wurde bereits u.a. von Oliver Matuschek touchiert, im Ergebnis aber verworfen, und beruhte damals vor allem auf den Aussagen Benno Geigers, eines ehemaligen Freundes Zweigs, der aber nicht für die Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen bekannt ist. Weinzierl will nun in den Tagebüchern eindeutigere Hinweise von Zweig selbst entdeckt haben. Seine Theorie fußt grundlegend auf dem Wort schaup, das er als schauprangern, im Sinne von sich selbst zur Schau stellen, als die Vornahme von exibitionistischen Handlungen übersetzt und tatsächlich ergibt die zitierte Stelle im Tagebuch so Sinn und ja, viele weitere Stellen werden schlüssig.

Doch nehmen wir an, dass Weinzierl recht hat, was heißt das für Autor und Werk? Exhibitionismus ist als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung in Form einer Störung der Sexualpräferenz nach ICD-10 anerkannt. Doch ist diese Krankheit damals wie heute mit einer Stigmatisierung verbunden, die früher beispielsweise bei Knabenliebe so nicht verhanden war. § 183 StGB** stellt exhibitionistische Handlungen von Männern unter Strafe, für Knabenliebe gelten glücklicherweise ähnliche, ungleich schärfere Verbote. Diese Krankheit, diese Verhaltensauffälligkeit hat Zweigs Leben und Werk unzweifelhaft geprägt, ob jemand durch sein Handeln Harm angetan wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.

Viele der kompromittierenden Stellen hat Zweig sicher vernichtet, doch die zitierte Stelle (wohl von ihm übersehen, mutmaßt Weinzierl) blieb ebenso wie andere (diese anscheinend wissentlich) in den Tagebüchern, die, davon musste Zweig ausgehen, veröffentlicht werden würden, wenn sie nicht gar dafür geschrieben wurden. Ob dies eine letzte Form des Exhibitionismus des schauprangernden Zweig war? Hier fällt besonders die Diskrepanz zwischen der diskreten, fast völlig vom Ich gelösten, Autobiographie, in der nicht mal die Ehefrauen auftauchen und der intimen Selbstentblätterung auf.

Die neuen Aspekte der Persönlichkeit Zweigs werden bei der Lektüre dessen Werk sicher einfließen, nicht aber mein Lesen bestimmen. Mein Bild seiner Bücher ändert dies nicht. Denn losgelöst von etwaigen Einflüssen auf diese, tritt der Autor für mich beim Lesen erstmal als Person mit allen etwaigen Stärken und Schwächen in den Hintergrund. Die Erkenntnis um Stefans Zweig verdirbt mir nichts, sondern fügt eine neue Facette zu meiner Sicht auf einen bedeutenden Autor mit Schwächen hinzu.

Zuletzt: Vorkenntnisse sind für die Lektüre empfehlenswert, setze ich bei dem Einstieg in Spezialthemen wie dieses bei euch klugen Menschen aber voraus. Weinzierl schreibt sehr unterhaltsam, ohne den nötigen Ernst zu vernachlässigen, das Buch kann man easy wegsnacken, wie warmes Brot mit Butter, falls sich das lesen lässt. Besonderes Schmankerl, der immer wieder versteckte beißende Spott.***

Darf man auch mal sagen: das Format dieses Buchs ist perfekt, nicht zu hoch, schmal aber nicht fitzelich, großzügiger Satz. Alles richtig gemacht Zsolnay!


*Nach eigenen Angaben hat Ulrich Weinzierl sämtliche Romane von Frau Z. gelesen, fast unvorstellbar bei Ausschnitten wie:

Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos. Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen […] Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt.

Friderike Zweig – Vögelchen

**Hierzu die Strafrechtswissenschaft:

Die Vorschrift schützt die Selbstbestimmung über die Abgrenzung des höchstpersönlichen sexuellen Bereichs, die durch die aufgedrängte, häufig schockiernde Konfrontation mit fremder, beziehungsloser, aber gleichwohl auf das Opfer gerichteter und daher vielfach als Bedrohung empfundener Sexualbetätigung verletzt wird.

Fischer, StGB, § 183 Rn. 2

***Nicht so wie ich spotten würde, aber Spott, der in so einem ernsten Buch, eines so vordergründig ernsten Menschen, auffällt. Bspw.:

Eigentlich hatte Zweig mit dem lyrischen Dichten bereits aufgehört (was in Kenntnis seines Jugendwerks keiner riesiger Verlust war) […]

 

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Über den Gräben von Romain Rolland

daz4edRomain Rolland erhielt 1915 den Literaturnobelpreis, war einer der engagierten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und ebenso der Verfechter des europäischen Gedankens und des Pazifismus. Doch sind seine bedeutensten Romane der zehnbändige (!) Jean-Christophe und Meister Breugnon, die zuletzt vor über fünfzig Jahren übersetzt wurden, nur noch antiquarisch zu kaufen. Immerhin Pierre und Luce wurde 2010 vom Aufbau Verlag neu aufgelegt ist, soweit ersichtlich, aber ebenfalls nicht mehr lieferbar. Rolland ist, zumindest in Deutschland, fast gänzlich vom Radar verschwunden.

Der Name Rolland ist mir nur geläufig, da sich bereits vor der Zeit des ersten Weltkriegs Stefan Zweig mit dem Franzosen befreundete. Ein stetiger Briefwechsel, entsprechende Tagebucheinträge der beiden und Fußspuren in den Biographien, aber auch ein Buch Zweigs über den Mann und dessen Werk sind Zeugen dieser engen Verbindung.

Wider das Vergessen ist kürzlich bei C.H.Beck in der textura Reihe eine Zusammenstellung aus den Tagebüchern Rollands zwischen 1914-1919 erschienen. Die Zeit des ersten Weltkrieges stellt dabei natürlich, zumal in den privaten Aufzeichnungen eines Mannes mit dem Ziel des Friedens in der Welt, eine besondere Probe für diesen dar. Daher wird sich auch der bereits zu Beginn angeschlagene Ton nicht ändern.

3.-4. August 1914
Deutschland fällt in Luxemburg ein, richtet ein Ultimatium an Belgien.
Ich bin am Boden. Ich möchte tot sein. Es ist furchtbar, inmitten dieser wahnsinnigen Menschen zu leben und ohnmächtig dem Bankrott der Zivilisation beizuwohnen. Dieser europäische Krieg ist die größte Katastrope der Geschichte seit Jahrhunderten, der Zusammenbruch unserer heiligsten Hoffnungen auf die Brüderlichkeit der Menschen.

Rolland berichtet in der Folge über seine berührende Freiwilligenarbeit in der “Kriegsgefangenenauskunftsstelle” in der Schweiz, bei der er sich darum bemüht den Kontakt zwischen Gefangenen und ihren Familien in der Heimat herzustellen. In der Folge übernimmt er einige rührende (nicht rührselige) Exzerpte aus Briefen von Soldaten nach Hause oder sogar eines französischen Soldaten, der einer deutschen Mutter vom Tod ihres Sohnes berichtet. Zugleich gerät Rolland aber auch selbst zwischen die Fronten. Als in der Schweiz lebender Franzose, der zwischen Ideologien und Staaten zu vermitteln versucht, sieht er sich zahllosen Angriffen ausgesetzt, die durch die Vergabe des Nobelpreises an ihn, im Jahr ’16 rückwirkend für das vergangene, nur verstärkt werden. Der Ton seiner Notate ist, ob der Welt- und der eigenen Situation fast durchgängig verzweifelt-resigniert, nie aber weinerlich.

Eine Französin, die in Russland ist, wirft mir vor, ich sei ein schlechter Franzose. Ein Deutscher in Sankt Moritz wirft mir vor, ich sei ein von Nationalgefühl verblendeter Franzose. Beide Briefe erreichen mich mit der gleichen Post.

Die Hellsicht Rollands in der hundertjährigen Rückschau schmerzt besonders, als er die herannahenden Probleme des Friedensschlusses von Versailles skizziert und diesen in weiser Voraussicht mit dem Schlusswort der Sammlung einen lächerlichen Zwischenakt zwischen zwei Völkermassakern nennt.

Lesen Sie!

Der Leser entscheidet mit dem Kauf von Büchern über Wohl und Wehe des Erinnertwerdens eines Autors mit. Kein Nobelpreis und keine noch so hehren Absichten bewahren einen Menschen davor nur knapp siebzige Jahre nach dem Tod der Vergessenheit anheim zu fallen. Bereits diese kleine Auswahl aus den Tagebüchern Rollands von C.H.Beck zeigt wie viel Bewahrenswertes sich in dessen Werk findet und das nicht nur, weil die gegenwärtige Dramtik des Weltgeschehens dessen Aktualität wiederherstellt.

[Lohnend sicher auch der Briefwechsel Von Welt zu Welt zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig.]

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München und der Nationalsozialismus – lästige Vergangenheitsbewältigung

Die “Hauptstadt der Bewegung” kann sich bis heute nicht als solche der Aufklärung und Aufarbeitung bezeichnen. Wer ohne Schuld ist möge den ersten Stein werfen und so könnte München immer wieder auf andere zeigen: In Braunau weiß man bis heute nicht wie man mit dem Geburtshaus Hitlers umgehen soll, in Schwerte fiel gerade auf, dass man nur noch einen Ehrenbürger hat – Hermann Göring. Und doch scheint das Erbe Münchens schwerer zu wiegen, und auch wenn inzwischen die wenigsten der heute (noch) lebenden Münchner an Verbrechen der Nazis beteiligt gewesen sein dürften, zeigt man sich immer wieder unfähig im Umgang mit der eigenen Vergangenheit.

Für ein Erbe ist der Erblasser*  verantwortlich, nicht der Erbe und trotzdem ist es Letzterer, der an seinem Umgang mit selbigem gemessen wird. Übersteigen die Schulden das Vermögen, schlägt man die Erbschaft klugerweise aus, § 1942 Abs. 1 BGB. Was tut man aber, wenn dies nicht möglich ist?

An München klebt der Makel der Geschichte und durch Ignorieren der Altlasten wird man diese nicht mehr los. Die Taktik des Taubstellens wird manchmal noch durch Akte der politischen, natürlich auch moralischen, Unvernuft durchbrochen, wenn der Stadtrat sich etwa gegen die inzwischen bundesweit etablierten Stolpersteine ausspricht. Erst 1993 (!!) gab es die erste Ausstellung im Stadtmuseum über München im Nationalsozialismus. 2001, 56 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Erlöschen der als Ehrentitel getragenen Hauptstadtbezeichnung, wurde die Errichtung eines eigenen Museums am Ort der NSDAP-Zentrale, dem “Braunen Haus” beschlossen, dessen Fertigstellung 15 Jahre währte. 70 Jahre nach Hitlers Tod steht endlich das NS-Dokumentationszentrum.

9783406667015_largeDie verspätete, nun aber umfassende Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit wird parallel zur Ausstellung im hervorragenden Band “München und der Nationalsozialismus” von C. H. Beck dokumentiert**. Der Verlag scheint auch daher besonders passend, da dort zum 250. Jubiläum ein Streit um die eigene Geschichte zur Zeit des dritten Reichs entbrannte. Der üppig ausgestattete Band umfasst über 350 Seiten voll farbiger Bilder zur Ausstellung selbst und weitere 250 Seiten mit Aufsätzen zur Vertiefung warum gerade München im NS-Staat eine solche herausragende Stellung einnahm, zur Frühgeschichte der NSDAP, zu den Profiteuren und den Gründen und Abgründen des eigenen Schweigens. Eine gelungene Zusammenstellung, die nicht regionalbegrenzt das Zeug zum Standardwerk hat.

Spät, aber nicht zu spät, erkennt eine Stadt was sie tun muss(te). Dieses Buch ist nicht nur ein Lehrstück der Vergangenheitsbewältigung für München, sondern für ganz Deutschland. Endlich könnte man sagen, nehmt euch ein Beispiel an dieser Stadt und wie sie mit dem schweren Erbe ihrer Vergangenheit umgeht.

*Hier geht es um den Erb-lasser, der natürlich auch ein Er-blasser im Angesicht des Todes ist, besser war. Der ungeheure Humor von Juristen, die diesen Witz seit Generationen pflegen, soll aber nicht Gegenstand des Beitrages sein.
**Ein Buch dieser Ausstattung (sehr viele Bilder in Farbe, Leinen, Format, Lesebändchen) für 38 € ist übrigens ein echtes Schnäppchen! Trust me.

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Harry Graf Kessler, Xaver Bayer und Daniel Kehlmann im Juni 2015/1

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Harry Graf Kessler, Tagebuch eines Weltmannes – Ulrich Ott (Hrsg.)
Knapp zehn Jahre ist es her, dass man sich Leben und Werk Harry Graf Kesslers kaum fundiert nähern konnte. Die schwer zu transkribierenden Tagebücher, weil wohl in winziger Krakelschrift, nur in einer Auswahl erhältlich, keine seriöse Biographie auf dem Markt, überall waren nur Schnipsel dieses großen, übervollen curriculum vitaes* zu erhaschen. Die beste Einführung gab bis vor einer Dekade der von Ulrich Ott herausgegebene Katalog zur Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach von 1988. Am heutigen Tag gibt es zwei ernstzunehmende Biographien, eine bei Klett-Cotta erschienen (inzwischen aber auch wieder vergriffen und nur antiquarisch zu bekommen), eine im Siedler Verlag (im Ergebnis umstritten, aber von FJR gelobt) und die grandiose auf neun Bände angelegte Edition seiner Tagebücher, in denen, wie man sagt, circa 40.000** Zeitgenossen auftauchen. Scheut man aber deren 7000-seitige Lektüre oder die einer umfassenden Biographie, so bleibt der Marbach-Katalog ein wunderbar bebilderter Einstieg.

Die damalige Ausstellung, so der Herausgeber, gehört nur scheinbar zu jenen, deren Thema durch das Leben und Werk einer einzelnen Person umschrieben ist. Wohl bildet dieser Mann den Mittelpunkt, den Schnittpunkt aller Linien, doch in Wirklichkeit wird durch ihn eine europäische Epoche sichtbar, fast Tag für Tag dokumentiert in den Aufzeichnungen seines Lebens, das in einem eigenen Sinne an den Knotenpunkten stand, von denen die Stränge zum Neuen ausgehen. Kessler war weder eigentlich Politiker noch Künstler, aber in seinen unendlichen Beziehungen ein ganz politischer, ganz in der Wirksamkeit für Kunst und Literatur stehender Mensch, homme de lettres in einem in Deutschland sonst kaum vertretenen Typus.

Tagebuch eines Weltmannes ist ebenfalls nur noch antiquarisch zu erhalten, aber mit einem Preis von 10-25 Euro zu einem erschwinglichen Preis, den es auszugeben lohnt.

*Extra nachgesehen: müsste der richtige Genitiv sein.
**Eine kleine, interessante Darstellung Kesslers Netzwerk gibt es dazu  hier.

1Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich – Xaver Bayer

Was gäben wir dafür zu wissen, wer wir sind.

Eines der eindrucksvollsten Bücher meines bisherigen Jahres und unmöglich zu beschreiben. Zum einen weil es in Geheimnisvolles Knisten aus dem Zauberreich keinen roten Faden, keine Geschichte im eigentlichen Sinne gibt, zum anderen weil Xaver Bayer in einer leichten Sprache über ernste Themen hinweggleitet, erst beim zweiten Blick die Tragik des Erzählten offengelegt wird. Miniaturen von manchmal gerade einer halben Seite und alle stecken voller Schönheit und Geschichten, die große Erzählkunst in wenigen Sätzen riesige Szenen zu bannen beherrscht Xaver Bayer bis zur Meisterschaft und ganz nebenbei gelingen ihm dabei aphoristische Wunderbarkeiten. Ein grandioses Buch voller tiefgründiger Schönheit! Unbedingt lesen!

daz4edKommt, Geister – Daniel Kehlmann
Die Tradition der Frankfurter Poetik-Vorlesungen ist eine wunderbare. Uwe Johnson, Heinrich Böll, natürlich Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Koeppen, Dürrenmatt, Grass, Jens* referierten über die deutsche Literatur. Nun also auch Daniel Kehlmann dessen Vorlesungen in hübscher Ausgabe bei Rowohlt erschienen sind.

Völlig außer Frage steht bei Kehlmann dessen kluger Kopf, ein Großfeulletionist, der leider momentan zu wenig in Zeitungen veröffentlich. Bereits sein Band Lob mit gesammelten Essays und Rezensionen zeigte deutlich wie treffend und klar der Bestsellerautor analysieren und schreiben kann. Das ewige Loblied auf die unsägliche Vermessung der Welt verklärt einen der Intellektuellen dieses Landes leider zu einem Unterhaltung-mit-Niveau-Schriftsteller.

Peter Alexander dient dabei dem Dozenten als Türöffner, um über große Literatur zu sprechen und im wilden Ritt in fünf Vorlesungen durch die Geschichte zu reiten. Shakespeare und Tolkien, Grass und Grimmelshausen – was der Journalist und Essayist Kehlmann anfasst gelingt, anders als es dem Autor von Romanen manchmal vergönnt ist.

*Die Lewitscharoff Vorlesungen Vom Guten, Wahren und Schönen sind auch sehr zu empfehlen, garantiert ohne Rüpeleien über zwittrige Reagenzglaskinder und hässliche Menschen im Sommer.

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Erinnern ist scheiße

Dies ist eine absolut wahre Geschichte!

Ein nicht mehr ganz junger Mann macht sich mit einer Spitzhacke bewaffnet in L.A. auf einen Stern des Walk of Fame zu zerstören. Denn für Samuel A. Saunders ist das Kino, das wirkliche Kino, nicht mehr existent.

Die Studios verdienen ihr Geld nur noch mit Popcorn-Filmen für Teenager. Explodierende Autos und Witze über Verdauungsfunktionen. Farbige Brillen soll man sich aufsetzen für ihre lächerlichen 3D-Effekte. Kinderkram. Sie schreien immer lauter, um sich gegenseitig zu übertönen. Weil sie das kunstvolle Lügen verlernt haben.

Dieser Saunders hat seine Promotion über Walter Arnold geschrieben, einen deutschen Schauspieler, der nach dem Zusammenbruch des dritten Reichs in die USA auswanderte und dort unter dem Namen Arnie Walton zu einem gefeierten, gar oscarprämierten Mimen wurde. Der Student recherierte so gut, dass seine Dissertation über die Vergangenheit Arnolds derartig viel Sprengstoff enthielt, dass sein Doktorvater die Annahme aus Sorge um einen Skandal verweigerte. Der Versuch seine Arbeit in ein Enthüllungsbuch umzuschreiben und als populärwissenschaftliches Werk herauszubringen, scheiterte an der Zurückhaltung der Verlage, dort scheute man sich ebenso ein Denkmal des amerikanischen Films vom Sockel zu stoßen. Saunders zog sich zurück und bestritt seinen Lebensunterhalt mit einer Videothek, spezialisiert auf Klassiker der Filmgeschichte, aber Digitalisierung und Internet gruben Wasser und Gewinne ab. Nach dem Tod Arnolds/Waltons witterte Saunders die letzte Chance sein Buch zur Veröffentlichung zu bringen, doch der Stern des Schauspielers ist so schnell verglüht, dass sich schon kurz nach dessen Tod keiner mehr für ihn interessiert, die Enthüllungen würden ungelesen verpuffen.

Also zieht Saunders los das in sterngegossene Andenken zu zerstören, mit roher Gewalt zu vollenden, was ihm mit Argumenten nicht vergönnt war. Er wird, wie in den USA üblich, von einem Polizisten angeschossen und stirbt an den Folgen. Nun hat Charles Lewinsky Saunders Nachlass gesichtet und aus dessen gesammelten Aufzeichnungen, Interviews, Tagebuchaufzeichnungen und Kurzgeschichten ein grandioses Buch komponiert.

Authentisches Bild einer unglaublichen Geschichte

"Der Watzmann" von Caspar David Friedrich (1824/25)
“Der Watzmann” von
Caspar David Friedrich (1824/25)

Lewinsky greift in die Texte Saunders kaum ein, arbeitet nur dem Auslassen von Redundantem oder stellt handschriftliche Einfügungen kursiv und so entsteht ein authentisches Bild einer unglaublichen Geschichte: Im Winter 1944 gaukelt eine Gruppe von Produzenten und Schauspielern der UFA dem Reichspropagandaministierium vor ihr Film Lied der Freiheit sei derart bedeutend für die Moral des bereits schwer kriegsmüde gewordenen deutschen Volks, dass dieser als kriegswichtig und die Beteiligten als unabkömmlich eingestuft werden. Um aber aus dem von Bombenangriffen schon stark zerstörten Berlin zu entkommen, geben sie auch vor, der Film, der eigentlich zur Zeit der napolionischen Kriege spielt, müsse in den Alpen gedreht werden. Also reist die Filmcrew in das Dorf Kastelau, nahe Berchtesgarden.

Dieses Dorf ist in seinem Glauben an das neue Deutschland noch nicht erschüttert, Auswirkungen vom heimkehrenden Krieg spürt man nicht und der rigorose Ortsvorsteher sorgt dafür, dass keiner der Bewohner aus der ideologischen Reihe tanzt.

Die Filmstars sind in der Provinz die erste Attraktion seit Ausbruch des Krieges und werden entsprechend neugierig, aber auch kritisch beäugt. Daher wird es umso schwieriger den Schein einer wirklichen Filmproduktion aufrecht zu erhalten, neben dem Problem einen Kriegsfilm mit einer Handvoll Schauspieler zu drehen, einem völlig falschen Drehort und dem zu Neige gehenden Filmmaterial, gibt es auch noch Spannungen in der Crew und die Amerikaner stehen bald nahe Berchtesgarden – was sollen die nur über einen Nazipropagandafilm denken?

Eine absolut unwahre-wahre Geschichte!

Was Charles Lewinsky in Kastelau konsturiert, ist derart überzeugend, dass es durchaus eine wahre Geschichte seien könnte und gerade der bereits auf Seite 11 in einer Fußnote gebrachte Link zum Nachlass von Saunders und die Beteuerung des Autors es handele sich um eine wahre Geschichte, lässt den Leser lange in dieser Illusion, durch eingebaute Wikipedia-Einträge z.B. zu Kastelau kommt man vorerst gar nicht auf die Idee die Spurensuche selbst im Internet weiterzuverfolgen. Jede Figur und jedes Dokument hat eine eigene Stimme, insbesondere die Kurzgeschichten von Werner Wagenknecht, dem mit Schreibverbot belegetem vom Produzenten aber protegierten Autor, sind derartig andersartig großartig, dass man an eine wahre Geschichte glauben will, allein um dessen Romane direkt nach Kastelau lesen zu können. Aber auch durch das Verraten dieses Tricks Lewinskys, den fast jede Rezension direkt zu Anfang preisgibt, dürfte dieses Buch nicht an Reiz verlieren. Denn diese unwahre könnte leicht eine wahre Geschichte sein. Das Verstecken von Deserteuren im Keller, das Belügen von sich und anderen, die Wendehalsmentalität von Mitläufern alles ist so in dieser wundersam-grausamen Zeit vorgekommen, insbesondere der Impuls der Filmcrew ihren Einfluss zu nutzen um der Gefahr für das eigene Leben zu entkommen, ist so verständlich, dass man die Realität dieses Buches selten hinterfragt.

Und selbst als ich (endlich) verstanden hatte, dass es sich um ein Konstrukt handelte, wollte ich an dessen Wirklichkeit glauben, ich wollte die wahren Darsteller kennenlernen und ihre Geschichten lesen, ich wollte die Autobiographie von Walter Arnold lesen, mit meinem Wissen über ihn und seine Verstellung, wollte die beschriebenen Filme sehen und vor allem mehr von Werner Wagenknecht lesen – ich wollte weiter an die Realität dieser Geschichte glauben – mehr kann man von Fiktion nicht verlangen!

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Über den Feldern

Das Gedenkjahr zum Beginn des ersten Weltkriegs ist momentan allgegenwärtig. Einzelne Bücher wurden bereits kurz vor ’14 lanciert – siehe 1913 von Florian Illies – oder haben schon vor Jahreswechsel hohe Wellen geschlagen, wie Die Schlafwandler von Christopher Clark, das zum neuen Standardwerk über den großen Krieg zu werden scheint. Neben all diesen wichtigen Werken von Historikern, Populärwissenschaftlern und Schriftstellern erschien im März aber ein Buch, das siebzig neue Perspektiven liefert, die bei den anderen etwas untergehen: 70 Innenansichten.

ueber den feldern manesseIn Über den Feldern hat der Manesse Verlagsleiter Horst Lauinger eine internationale, weltliterarische Gesamtschau von Kurzgeschichten, Essays und Novellen zum Ersten Weltkrieg zusammengestellt. Anders als die meisten Veröffentlichungen von Historikern stehen hier nicht politische Zusammenhänge und die Wechselwirkung von Menschen als Kanonenfutter, sondern das Individuum als Kriegsteilnehmer im Fokus. Als Schauplatz dient nicht allein die Front, sondern auch und vor allem, “die inneren Fluchten, Ideen- und Seelenräume sowie, nicht minder umkämpft  als die Gefechtszonen der Außenwelt, die Territorien des Gewissens”, wie der Herausgeber in der editorischen Notiz treffend zusammenfasst.

Mit sicherer Hand hat Lauinger Texte ausgewählt, deren Zusammenstellung nicht genug gelobt werden kann. Zu den sowieso Großen dieser Zeit – Hemingway, Zweig, Proust, Musil, Woolf, Döblin, Conrad, Brecht, Faulkner, Kafka – treten die Texte der großen Pazifisten – wie Romain Rolland oder Émile Verhaeren – dagegen bleibt Thomas Mann, anders als Heinrich, aufgrund seiner Kriegsbegeisterung außen vor, denn die Tendenz der Veröffentlichung ist versöhnlich und friedlich. Daher haben nicht nur Manns Betrachtungen eines Unpolitischen hier nichts verloren, sondern auch der vom Krieg berauschte Ernst Jünger fehlt. Doch wird beispielsweise mit Louis-Ferdinand Céline, dem Italofaschisten Gabriele d’Annunzio oder Rudyard Kipling, der zu Beginn des Krieges noch zum bedingungslosen Kampf gegen die Hunnen aufrief, auch umstrittenen Autoren Gehör verschafft, nie jedoch mit allzu tendenziösen Texten, sondern immer nur mit solchen, die der aufmerksame Leser entsprechend einordnen kann. Hierzu gesellen sich in Deutschland eher unbekannte Autoren wie Akutagawa Ryunosuke, Mohammad Ali Dschamalzade oder Miroslav Krleza.

Insgesamt handelt es sich um Texte aus 16 Sprachen, darunter auch auf dänisch, serbokroatisch, japanisch, persisch und armenisch, viele neu- oder erstmals übersetzt. Über Landes- und Sprachgrenzen hinweg vereint dieses Buch große Literatur. Der Rücken des in bedrucktes Leinen gebundenen Buchs hält Wort so er von einer weltliterarischen Gesamtschau spricht, von einem universellen Panorama, das menschliche Abgründe beleuchtet, die Realität des Krieges zeigt und aber auch, und hierin ist es groß, mit unvermuteten Hoffnungs- und Glücksmomenten überrascht. Denn mögen die historischen Bearbeitungen in diesem Jahr Pflichtlektüre, die Kür dürfte nunmehr Über den Feldern sein. Denn hier wird aufgezeigt, dass trotz dieser weltumfassenden und -verschlindenden Katastrophe, in und im Angesicht dieser dunklen Zeit große Literatur geschaffen wurde, die uns heute noch bewegt.

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Über das Lesen von Briefwechseln

Das Briefeschreiben geht unserer Tage doch leider etwas unter; Satzfetzen und kurze Kommentare per Email, Whatsapp oder bei Facebook, viel mehr kriegen wir in der vermeintlichen Unruhe unseres Alltages nicht mehr zustande. Viele Schriftsteller waren nicht nur große Tagebuchschreiber (tolle Übersicht bei Michael Maar), sondern haben zumeist auch in regem Briefwechsel mit ihren Zeitgenossen gestanden. Dass an der Lektüre solcher, teilweise sehr intimen, Dokumente ein ungebrochenes Interesse, auch abseits der Wissenschaft besteht, zeigen immer wieder neu erscheinende Editionen (Arno Schmidts Briefe, Dürrenmatt – Frisch, Alma Mahler – Arnold Schönberg, Thomas Mann – Hermann Hesse, Einstein – Freude, sogar ein Hörbuch mit einer Auswahl der Briefe von Heinrich und Thomas Mann gibt es).

So um die 3000 Seiten haben die gesammelten Briefe in vier Bänden von Stefan Zweig und dies ist nur eine Auswahl und selbstverständlich nur solche, die erhalten sind. Als bekennender Anhänger Zweigs, inzwischen viel mehr in seiner Rolle als Intellektueller und Zeitzeuge des frühen 20. Jahrhunderts, mehr “Mensch (innerhalb s)einer Zeit” denn nur als Autor, habe ich mir in letzter Zeit zwei seiner Briefwechsel vorgenommen: diesen mit seiner ersten Ehefrau Friderike Zweig, geb. Burger, geschied. von Winternitz “Wenn einen Augenblick die Wolken weichen” (1912-1942) und den mit seinem Freund Joseph Roth “Jede Freundschaft mit mir ist verderblich” (1927-1938).

Wie Briefwechsel lesen? Eine Lektüre, sollen nicht nur einzelne besondere Episteln nachgeschlagen werden, von vorne nach hinten ist möglich und auch empfehlenswert, denn so kann man in diesen beiden Fällen auch die gesamten Beziehungen nachvollziehen, lernte man sich doch über Briefe kennen: Beiden Chroniken ist gemein das Zustandekommen der Briefwechsel gemein; jeweils nimmt der andere Kontakt zum 1912 (Friderke), u.a. dank Brennendes Geheimnis schon bekannten, 1927 (Roth) berühmten Schriftsteller Stefan Zweig auf. Schwärmerische Fanpost aus der sich eine Ehe und eine tiefe Freundschaft entwickeln.

3-10-097096-9Warum Briefwechsel lesen? Der Briefwechsel mit Friderike gibt einen Einblick  in den Privatmenschen und dieser ist zu großen Teilen kein angenehmer Zeitgenosse. Die schwärmerische Friderike muss sehr offen über die Affäre des Geliebten lesen und nimmt dies hin. Sie wird, obwohl sie selbst als Schriftstellerin und Übersetzerin veröffentlicht hat, zur Sekretärin degradiert und ordnet sich ihrem Mann und seinem Werk unter. Ein granteliger, unromantischer – doch sonst so gefühlvoller – Autor schreibt seiner zukünfitgen Frau – “Alfred sieht wieder Vaterfreuden entgegen. Ich hoffe, von Dir bald das Gegenteil zu hören.” Trotzdem war das Verhältnis der beiden jederzeit von gegenseitiger Achtung geprägt, selbst nach der Scheidung und der erneuten Heirat Stefans blieben sie in intemsivem Kontakt, doch auch nicht ohne Spannungen, unter anderem aufgrund der beiden von Friderike in die Ehe mitgebrachten Töchter oder Winzigkeiten des Alltags.

“Dein Blick war eiskalt, als Du mir die Hand gabst, nur die Hand. Und warum, weil Du ein Paar Socken erwischt hast, das ich für Valerie zum Stopfen hingelegt hatte.”

978-3-257-24279-9Mit Joseph Roth dagegen dikutiert Zweig ausführlich über Literatur, das eigene Schreiben, den Literaturbetrieb und die Politik. Roth leiht sich von Zweig immer wieder Geld, das der wohlhabende Freund gerne, aber nicht ohne Mahnung gibt. Immer wieder versucht er den Freund vom Trinken abzuhalten, neue Verleger für ihn zu finden, seine Verträge und sein Leben zu ordnen.

Während der Lektüre beider Bücher kommt zwangsläufig der Punkt, an dem man als Leser etwas missmutig wird: die Betteleien Roths um Geld, Kontakte, wohlwollende Rezensionen, die blinde Liebe Friderikes oder Oberlehrer und Scheusal Zweig. Nur darf man nicht vergessen, dass es sich hier um private Briefe handelt, die eben nicht auf die Außendarstellung bedacht sind. In dieser Nähe liegt aber auch der Schatz und damit der mögliche Gewinn einer Lektüre. Das Eintauchen in die Arbeit zweier der größten Autoren dieser Zeit, die Tragik der verpuffenden Appelle Roths an Zweig sich endlich politisch zu engagieren, seine Bekanntheit für Österreich und den Frieden in Europa einzusetzen, ist bewegend un erhellend. Schon 1933 liest man Zweigs Resignation und Depression gegen den Furor und den Aktionismus Roths, gingen doch andere davon aus, dass der Hitlersche Spuk bald vorüber wäre, bedrückend wenn man beider Enden und das Ende der Geschichte kennt.

Gerade in den Jahren zwischen 1932 und 1934 entwickelt dieser Briefwechsel einen regelrechten Sog. Stundenlang (!) habe ich hunderte Briefe und Seiten gelesen, wie gebannt von meiner intimen Nähe zu diesen beiden Granden und dieser Zeit. Erschütternd dann wieder die Sorge Zweigs um den siechen Freund, die verzweifelten Versuche ihn vor dem Abgrund zu retten. “Roth, halten Sie Sich jetzt zusammen, wir brauchen Sie. Es gibt so wenig Menschen, so wenig Bücher auf dieser überfüllten Welt!!”

Herrlich erheiternd dagegen wieder die Stilkritik, die Roth an Zweigs Werken übt. Ganz dezidiert zerpflückt er die eingesanten Texte des verehrten Freundes, der gehorcht, ändert und sich artig bedankt. Er bemängelt zumeist was auch mich heute beim Wiederlesen stört. “Es gibt ein paar zu locker sitzende Attribute.” “Manchmal haben Sie so eine Konstruktion […]. Das ist nicht schön, und nicht gut.”

Da, vor allem aufgrund des unsteten Lebens Roths, viele  Briefe von Zweig an ihn nicht mehr erhalten sind, hat man im Anhang dieses Fehlen durch das hinzufügen einiger Briefe Zweigs mit anderen Zeitgenossen (sehr gut) aufgefangen. Der Lesegenuss wird durch den guten, bei S. Fischer, den sehr, sehr guten (!) Kommentarteil bei Wallstein/Diogenes ergänzt; keine bloße Klugmeierei, sondern eine Fülle von hilfreichen Anmerkungen, die viele weitere Hintergründe erschließen.

Ergo: Briefwechsel lesen! Das ist keine akademische Übung für Fans, Nerds und Wissenschaftler, sondern kann spannend werden und den Leser den Großen dieser Welt so nahe bringen, wie sonst nie.

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Ich habe das Bedürfnis nach Freunden

stefan_zweig____ich_habe_das_beduerfnis_nach_freunden_-9783222133725_xxlMeine große Liebe zu und tiefe Verehrung für Stefan Zweig dürfte dem regelmäßigen Leser bereits bekannt sein. Der empfindsame, einfühlsame, scheue Österreicher feiert heute Geburtstag und gehört sicher zu den Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts. Seine Novellen, nicht nur die vielgelesene Schachnovelle, seine historischen Biographien und, für mich, allem voran seine Autobiographie Die Welt von Gestern bilden Glanzpunkte der deutschsprachigen Literatur.

Mit dem 70. Jahrestag seines Todes letztes Jahr lief auch der Urheberschutzes seines Werkes aus und daher dürften in naher Zeit einige Stefan Zweig Neuveröffentlichungen und -zusammenstellungen erscheinen. Einen maßstabsetzenden Anfang machte nun der österreichische styria Verlag mit der Sammlung “Ich habe das Befürfnis nach Freunden”.

Neben den unbedingt zu lesenden Erzählungen Angst, Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau , Verwirrung der Gefühle und natürlich der Schachnovelle, versammelt dieser von Klemens Renoldner herausgegebene Band u.a. auch bisher unveröffentlichte Aufsätze, Essays und Porträts Zweigs: Erinnerungen an Theodor Herzl, unter dem Zweig als junger Mann arbeitete, an Arthur Schnitzler und Hermann Bahr, Essays über Lou Andreas-Salomé und sein ergreifender Abschied von Joseph Roth, ebenso wie die Worte am Sarge Sigmund Freuds. Wird im ersten Teil des Buches klar warum Zweig einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit war, bildet der zweite sein Schaffen als Chronist seiner Zeit ab. Stellenweise lesen sich die Texte im hinteren Teil, wie die Quellen zu Die Welt von Gestern.

Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart.

Das kluge Nachwort des Herausgebers, immerhin als Direktor des Stefan Zweig Centre in Salzburg eine Kapazität, beschließt eine lohnenswerte Neuerscheinung, die nicht als einfaches Potpourri oder Best of daher kommt, sondern gerade durch die geschickte Kombination der Novellen mit den Essays auch für Kenner Neues und eben bisher Unveröffentlichtes bereithält. Für den Zweig Novizen dagegen stellt sie einen Kanon zusammen, der für hoffentlich viele zur (Neu-)Entdeckung dieses großen Europäers führen mag.

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Christopher Clark: The Sleepwalkers/Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Ich habe immer unglaublich fähige Leute in der Hinterhand, die ich mal für einen Gastbeitrag anhaue und habe endlich meinen alten Schulfreund Christoph dazu gebracht für 54books Die Schlafwandler bzw. The Sleepwalkers von Christopher Clark zu rezensieren:

Nach seiner hervorragenden Preußen-Chronik hat der australische Historiker Christopher Clark ein weiteres, viel beachtetes Werk vorgelegt. In “The Sleepwalkers” (deutsch: “Die Schlafwandler”) widmet sich Clark einem Ereignis, das uns im Zuge des bevorstehenden Super-Gedenkjahres in den kommenden Monaten noch ausführlich beschäftigen wird. Es geht um den ersten Weltkrieg, der viel zitierten ‘Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts’.

christopher clark sleepwalkers coverGenauer gesagt beschäftigt sich der Autor mit der Genese dieses infernalischen Massenschlachtens und den europäischen Staaten, die als Schlafwandler zwar wach, aber zugleich auch blind für den von ihnen zu verantwortenden Horror auf den Schlachtfeldern Europas waren. Clarks umfassende Erzählung (knapp 900 Seiten in der deutschen Übersetzung) hört genau dort auf, wo der Schlachtendonner beginnt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – dürfte es schwer werden, in der nächsten Zeit eine spannendere Neupublikation zum Themenkomplex 1. Weltkrieg zu finden. Denn die Kriegsvorgeschichte ist ein faszinierender Stoff!

Das Buch bietet ein Panorama der europäischen (Staaten-)Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei richtet sich der Blick vor allem auf die “Big Five” (England, Frankreich, Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn) und deren diplomatische Beziehungen im Vorfeld des Krieges. Hierbei wird deutlich, wie undurchsichtig das Machtgefüge dieser Zeit war. Jeder Staat war – trotz seiner Bündnisverpflichtungen – ein autonomer Akteur, der seine Mitspieler mit großem Misstrauen beäugte. Hinzu kamen sich stets wandelnde innenpolitische Machtkonstellationen, enormer Einfluss einzelner Personen und verschiedene Machtzentren in den jeweiligen Staaten (daher auch die Kapitel “Wer regiert in St. Petersburg/Berlin/Paris?”).

Aufgrund dieser verworrenen Konstellation hält Clark das Vorspiel zum 1. Weltkrieg für das komplexeste Ereignis der modernen Geschichte. Sicher eine steile These, die aber zweifellos von der Erzählung untermauert wird. Fehleinschätzungen der Positionen der Anderen waren jedenfalls vorprogrammiert – und letztlich ein wichtiger Auslöser der Katastrophe, wie Clark vor allem im Falle Deutschlands zeigt. Clark gelingt es auch, scheinbar periphere Ereignisse der Vorkriegszeit zu beleuchten. Denn wer hat schon wirklich einmal vom Königsmord von Belgrad, dem italienischen Angriff auf zwei osmanische Provinzen oder den beiden Balkankriegen von 1912/13 gehört? Obwohl auf den ersten Blick nebensächlich sind diese Kapitel ein wichtiger Teil des Buches, da sie zum Gesamtbild der Epoche beitragen (auch wenn, zugegeben, die Feinheiten der serbischen Innenpolitik zu Beginn des Buches doch ein paar Längen haben).

Clark AutogrammClark beweist, dass er nicht nur ein hervorragender Historiker ist, der sich durch abertausende Quellen wühlen kann und dabei trotzdem die Materie im Blick behält, sondern auch über erzählerische Qualitäten verfügt. Dies zeigt sich in den vielen kleinen Porträts, die er von den zentralen Figuren der Zeit entwirft. Besonders gelungen, weil komisch und erschreckend zugleich, sind die Ausführungen über Conrad von Hötzendorf, dem Generalstabschef Österreich-Ungarns, der ein episodenreiches Liebesleben hatte und auf neue internationale Situationen stets gleich mit dem Ausruf “Krieg!!!” reagierte.

Besonders gut hat mir die Beschreibung der Julikrise nach dem Attentat auf Franz Ferdinand und Sophie Chotek gefallen, die sich wie ein historischer Krimi liest, der immer wieder zwischen den Handlungen der verschiedenen Staaten und Akteure hin und her springt. Clarks große Leistung ist, die komplizierten Verflechtungen der europäischen Diplomatie aufzudröseln und zu einer spannenden Erzählung zusammenzufügen. Interessant sind am Ende die Ausführungen zur Kriegsschuldfrage. Clark entzieht sich hier einem klaren Urteil. Zum einen daher, weil dieses Buch diese Frage gar nicht beantworten möchte (das “Wie konnte es passieren?” steht im Vordergrund). Zum anderen, da aufgrund der so wahnsinnig komplizierten Sachlage diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Besonders schön fand ich zu diesem Punkt folgende zwei Sätze, die ich im Original zitieren möchte:

“The outbreak of war in 1914 is not an Agatha Christie drama at the end of which we will discover the culprit standing over a corpse in the conservatory with a smoking pistol. There is no smoking gun in this story; or, rather, there is one in the hands of every major character.”

In diesen Worten zeigt sich die Tragik der Ereignisse unmittelbar vor Kriegsausbruch. Statt auf eine Verhinderung des Krieges hinzuwirken, waren die beteiligten Staaten eher bestrebt, Gründe für die eigene Bedrängung durch andere zu finden. Unschuldig, das wird nach der Lektüre des Buches deutlich, ist in dieser Geschichte niemand. Die Einschätzung, wie sich die Schuld auf die einzelnen Akteure verteilt, überlässt Clark dem Leser selbst.

Christoph May hat Publizistik, Amerikanistik und Politik in Mainz und Iowa studiert und war Sportler der Woche der Hersfelder Zeitung. Er absolviert gerade sein Volontariat bei einer Kommunikationsagentur.

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