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Kategorie: Bücher

Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

edna o'brien die kleinen roten stühleNach Cloonoila – ein kleines, irisches Nest – kommt ein Fremder und sucht nach einer Herberge. Er ist gutaussehend und geheimnisvoll. Im Dorf ist man Neuankömmlingen gegenüber skeptisch, was durch dessen schillernden Berufsbeschreibungen Dichter, Heiler, Sexualtherapeut noch verstärkt wird, der Gipfel sein Wunsch sich dort niederzulassen. Die Kirche schaltet sich ein, doch Dr. Vlad wickelt nicht nur deren Vertreter ein, sondern weiß bereits bei den ersten Patientinnen mit Erfolgen zu überzeugen oder sich geschickt bei der Polizei Nachfragen zu entziehen. Aus vielerlei Perspektive erfährt man wie das Dorf sich von dem geheimnisvollen Doktor – mit Lyrik, mit Wanderungen und Heilungen – einlullen lässt.

Als Hauptfigur kristallisiert sich im Laufe des Romans die kinderlose, mit einem älteren Mann verheiratete Fidelma heraus. Sie verliebt sich in den Fremden, wünscht sich von ihm ein Kind und empfängt dieses auch. Doch die Vergangenheit des Doktors holt das gesamte Dorf ein als er eines Tages festgenommen und offenbar wird, was er tatsächlich ist, ein Kriegsverbrecher des Bosienkriegs auf der Flucht. Cloonoila ist in heller Aufruhr und Fidelma wird von Agenten heimgesucht, die an ihr die Rache verüben, die für den Doktor vorgesehen war.

Edna O’Brien, Jahrgang 1930, hat mit Die kleinen roten Stühle, dieses Jahr im Steidl Verlag erschienen, wahrlich eine faszinierend, bedrückende Geschichte der neueren europäischen Geschichte verarbeitet. Dr. Vladimir Dragan ist dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nachempfunden, der erst im letzten Jahr von dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Teilnahme am Massaker von Srebrenica zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde.

Grigori Rasputin (um 1914/16)
Grigori Rasputin (um 1914/16)

Dass Kritiker und Kollegen sich nun vor Begeisterung überschlagen, liegt an der unfassbaren Wucht, mit der Edna O’Brien die Gräuel von Massakern, Belagerungen und Hass schildert, ohne diese wirklich zu schildern. Ein Meisterwerk – sagt Philip Roth auf dem Buchrücken zurecht – weil hier nicht plump sämtliche Widerlichkeiten, zu denen – auch die moderne, europäische – Menschheit – auch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert – fähig war, geschildert werden, sondern auf irische Idylle, persönliche Schicksale, die bisher keine anderen Sorgen als Kinderlosigkeit oder das Schließen der eigenen Boutique hatten, gepfropft werden. Meisterwerk, weil auf diesem Hintergrund in Nebentönen, in Stimmungen das unfassbare Leid gezeichnet werden und dazu diese schier unglaubliche Geschichte des Doktors, einer Geschichte des Leugnes, von Arroganz und Mitleidlosigkeit. O’Briens Doktor ist ein Rasputin und Wunderheiler, ein Seher. Sie schafft eine Figur, die ihre Abgründe in scheinbarer Menschenfreundlichkeit verbirgt und im Hintergrund hört man die Schreie der Geschundenen und Toten. Die Gewalt ist über 300 Seiten greifbar, nimmt den Leser brutal gefangen und wird aber nie voyeuristisch geschildert. Die kleinen roten Stühle tatsächlich ein Meisterwerk!

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Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater

Am vergangenen Montag, den 20.11.2017, erhielt Hisham Matar für seinen Roman „Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ den Geschwister-Scholl-Preis. Dieser Preis ist kein Literaturpreis wie jeder andere, es geht ihm nicht einfach um die autonome literarische Kunst, sondern es geht ihm um die literarische Kunst in der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung, die sie eben auch hat oder doch zumindest haben kann. „Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“, so die Absichtserklärung des Preises, der erstmals 1980 an Rolf Hochhuth für „Eine Liebe in Deutschland“ und im letzten Jahr an Achille Mbembe für „Kritik der schwarzen Vernunft“ verliehen wurde.

Und dieses Jahr also Hisham Matar mit seinem beeindruckenden autobiographischen Roman „Die Rückkehr“: Hier erzählt Matar von der Rückkehr in das Land seiner Kindheit, nach Libyen, in der kurzen Phase zwischen dem Sturz Gaddafis und dem neuen Bürgerkrieg im Jahr 2012. Seit über 30 Jahren war er nicht mehr dort gewesen: Die Familie musste 1979, zur Regierungszeit Gaddafis, fliehen, denn der Vater, Jaballa Matar, war ein wichtiger Oppositionsführer – 1990 wurde Jaballa Matar im Exil in Kairo vom ägyptischen Geheimdienst entführt und nach Libyen ausgeliefert, wo er in das berüchtigte Gefängnis Abu Salim gesperrt wurde, genauso wie mehrere seiner männlichen Verwandten. Seit 1996 hatte seine Familie nichts von ihm gehört, es gab jedoch einen Hinweis darauf, dass er ein Massaker, das 1996 in Abu Salim stattfand, überlebt haben könnte – Hisham Matar ging nicht nur große Risiken ein, um mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen für die Freilassung seines Vaters und seiner Verwandten zu kämpfen, er reiste eben 2012 auch nach Libyen, um nach seinem Vater zu suchen. Davon erzählt dieser Roman.

Und er erzählt von so viel mehr: Von einem Vater, der für seinen Sohn und viele, die ihn kannten, ein Held war, ein Vorbild an Haltung und Menschlichkeit. Durch den Einbezug der Geschichte der Familie Matar vom Großvater an erzählt der Roman auch von der ganzen Geschichte und dem Leid Libyens, von der Kolonialzeit über die Zeit unter König Idris und Gaddafi bis zum Arabischen Frühling. Er erzählt von der unsicheren Zeit nach der Revolution, von den Hoffnungen, Ängsten, beeindruckenden Visionen und Bemühungen der Menschen, um Recht und Gerechtigkeit herzustellen, und von der Unterschätzung der islamistischen Gefahr. Man erfährt von der Verstrickung europäischer Länder nicht nur in die Verbrechen der Kolonialzeit, sondern auch in die Diktatur Gaddafis, von den Repressionen gegenüber der Familie eines Oppositionellen in dieser Diktatur, von den Wunden und den Folgen des Verschwindens eines geliebten Familienmitgliedes für die ganze Familie. Vom global verstreuten, kosmopolitischen Leben einer Familie, die ihr Zuhause verlassen musste, von der Rückkehr in das Land der Kindheit und damit in die eigene Kindheit selbst, von der Begegnung mit dem, wie das eigene Leben hätte sein können, wenn einige Wendungen ausgeblieben wären. Und immer wieder: Von unvorstellbarem Mut, für etwas einzustehen und zu kämpfen, auch wenn es die schlimmsten Folgen haben kann.

Dabei erzählt Matar nie pathetisch, immer nüchtern, mit einer großen Beobachtungs- und Beschreibungsgabe für Szenen und Menschen, vor allem für Lichtverhältnisse – der Roman liest sich manchmal fast wie ein Essay oder eine Meditation, weniger wie ein Roman. Und gerade in dieser erzählerischen Zurückhaltung, in seinem leisen Erzählen, liegt vielleicht seine Stärke. Hisham Matar sagte in seiner Dankesrede bei der Preisverleihung: „Literatur besitzt die einzigartige Fähigkeit, das Unsagbare auszudrücken, menschliche Widersprüche und Zweifel darzustellen und zu ertragen.“ Das tut dieser Roman, und er tut es gerade dadurch, dass er ganz leise von himmelschreiendem Unrecht und Leid Zeugnis ablegt.

Für „Die Rückkehr“ erhielt Hisham Matar übrigens ebenfalls den Pulitzer-Preis für Biographie oder Autobiographie 2017. Wer „Die Orangen des Präsidenten“ von Abbas Khider gelesen hat und mochte, mag vermutlich auch „Die Rückkehr“ von Hisham Matar und umgekehrt. Hätte ich beide nicht schon gelesen, würde ich es jetzt tun.

(Das Beitragsbild stammt von Tim Marshall auf unsplash.com)

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Kassandras Standard. Über Omar El Akkads Roman “American War”

Nie war es leichter, sich als Prophet zu gebärden, nie billiger, vom Ende des Friedens, des Westens oder gleich der ganzen Welt zu künden. Ein wenig Krise, dazu Krieg samt seinen Unwägbarkeiten, mittendrin Figuren, die straucheln und fallen – schon wirkt es, als sähe man, was da käme. Was passiert aber, wenn hieraus Literatur wird? Ist sie allein deswegen gut, weil sie zeitgenössisch ist? Und ist sie zeitgenössisch, weil sie krisenhaft ist?

Gleich zu Beginn stoßen wir in „American War“ von Omar El Akkad auf eine Landkarte. Der südöstlichste Teil der USA hebt sich farblich vom Rest des Landes ab; von Florida ragen nur mehr einige Inselchen aus dem Meer heraus, darunter eine mit der Legende „Gefangenenlager Sugarloaf“. Ja, die Welt ist eine andere geworden. Es gibt wieder Fronten, die quer durch Land- und Gesellschaften verlaufen: hier die Rebellen, die sich 2074 weigerten, ein strenges Brennstoffverbot für „eine nachhaltige Zukunft“ mitzutragen, dort die Zentralregierung der „Blauen“, die über Jahrzehnte gegen die Aufständischen vorgeht; hier der steigende Meeresspiegel, der immer mehr Land schluckt, dort die Bevölkerung, die vor dem Wasser zurückweicht, in verwahrloste Städte hinein. In ihrer Verelendung ist sie auf Hilfslieferungen angewiesen, die aus den neuen starken Staaten wie China und dem fiktiven Bouazizireich geschickt werden.

In diesen apokalyptischen Trubel wird die Hauptfigur hinabgelassen: Sarat Chestnut, geboren 2068, die zu schnell die Härte des Lebens kennenlernt. Ihr Vater stirbt bei einem Attentat, gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter wird sie in das Flüchtlingscamp „Patience“ umgesiedelt. Dort lernt sie Albert Gaines kennen, eine rätselhafte Gestalt, die mit einem Entsandten des Bouazizireich kooperiert und Sarat mit rebellischen Idealen wie Opfermut und Widerstand indoktriniert.

So ist der Weg, den die Hauptfigur gehen wird, schnurgerade vorgezeichnet: Heldin der Rebellen, Gefangene auf der Folterinsel Sugarloaf, endgültig kaputte Märtyrerin. Tatsächlich wird hier eine Protagonistin auf eine Weise mit biographischen Episoden ausgestattet, wie man etwas einfallslos einen Kühlschrank bestückt, um über das lange Wochenende zu kommen. Alles ist vorhanden, nichts überrascht.

Unterbrochen wird dieser träge Hauptstrang durch dokumentarische Einschübe. Wir kriegen Auszüge aus Geschichtsbüchern, parlamentarischen Befragungen und Akten des Kriegsministeriums vorgelegt. Derart wird der Dystopie ein quasi-historisches Fundament untergeschoben, eine vermeintliche Historiographie des letzten Viertels des 21. Jahrhunderts entsteht. So erfahren wir von der großen Seuche, die um die Jahrhundertwende mehr als hundert Millionen Menschen dahinraffen wird, sowie vom Beginn des Bürgerkriegs, als die Blauen Demonstranten aus dem Süden niederschossen.

Wer in alledem eine weitere Spiegelfläche sucht, um sich lüstern der masochistischen Morbidität des Westens hinzugeben, der findet in dieser so sauber ausformulierten wie standardisiert entfalteten Geschichte ausreichend Material für Kümmernis und K.O.-Gedanken. Neue Religiosität, gesellschaftliche Risse, Erstarkung vulgärer Umgangsformen, brutaler Zynismus – alles liegt verdaulich vor einem ausgebreitet.

Wer hingegen mehr will als eine dekadente Katastrophenlektüre, der wird von der 440-seitigen apokalyptischen Handelsüblichkeit enttäuscht sein. In seiner Schwarzmalerei ist die sprachliche, figürliche und konzeptuelle Palette dieses Buches nämlich arg begrenzt. Als Sarat zusammenbricht, weil Milizen ihre Mutter umgebracht haben, bekommen wir etwa zu lesen: „Sie sah den leisen Anflug eines Lächelns nicht, der in diesem Augenblick über die Lippen ihres Lehrers huschte.“ Zu mehr gereichen die Figuren und das entworfene Szenario nicht. Das verkohlte Holz, aus dem hier alles geschnitzt ist, bietet nun einmal wenig Möglichkeiten für Spitzfindigkeiten.

Da hilft es auch wenig, dass der Autor in Interviews immer wieder betont, er sei kein Seismograph – und sein Roman kein schriftstellerischer Reflex auf Donald Trump und die Spaltung der US-Gesellschaft. Dass „American War“ aber nur als ein solcher überhaupt lesenswert ist, dass er nur in seiner denkerischen Akutheit von (kurzem) Belang ist für eine 2017-Leserschaft – das ist die Falle, aus der er sich nicht herauswinden kann. Vielmehr erinnert er an die vielen drittklassigen Katastrophenfilme auf RTL 2, die wahlweise Seuchen, Terroristen oder klimatische Veränderungen herbeizitieren, um ein 0815-Epos aus Glück, Trauma und Rache zusammenzuschustern.

Umso verwunderlicher ist es, dass ein Großteil der Kritik, darunter die Washington Post und die New York Times, „American War“ als außerordentlich lobten. Das wiederum wirft ein fahles Licht darauf, wie in Zeiten der Unbeständigkeit auch das Schreiben, Lesen und Kritisieren von Literatur allzu schnell dem hektisch-hysterischen Zeitgeist unterliegt. Gerade lechzen wir nach Kommentierung, Fiktionalisierung, rundum: nach erklärender und illustrativer Einhegung, um ein wenig mehr den Überblick zu haben. Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.

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Julia Bachstein (Hg.): Katzenleben. Neueste Katzengeschichten aus aller Welt

„Die Katze (Felix blandus susurrans) ist das streichelbarste Wesen im Universum.“ (S. 147), so beginnt Rudy Kousbroek seine Erzählung „Der Vertrag“ in der Anthologie „Katzenleben“ aus dem Schöffling-Verlag. Wer schon mal eine Katze gestreichelt hat, weiß, dass das wahr ist. Genauso wie es wahr ist, dass Katzen perfekt zu Buchhändlern passen (s. dazu die hier enthaltene Erzählung von William Darling: „Des Buchhändlers Katze“) und dass das Zusammenleben mit einer Katze zwar oft ärgerlich, aber irgendwie auch unaufkündbar ist, wenn man mal damit angefangen hat (s. dazu: Zhang Jie: „Die Katze, die keine Mäuse fängt“).

Diese und viele andere Wahrheiten über Katzen, Menschen und das Zusammenleben beider wurden hier in kurze Geschichten und Gedichte verpackt und zwischen zwei Buchdeckel gebracht: „Katzenleben“, herausgegeben von Julia Bachstein, enthält 35 Erzählungen und Gedichte über Katzen von renommierten Autorinnen und Autoren aus aller Welt wie Elke Heidenreich, Karin Kiwus, John Steinbeck, Karel Čapek, Françoise Sagan, Thomas und Jane Carlyle. Hier wird vom Glück des Kleinen, Alltäglichen (John Steinbeck: „Zum liebenswürdigen Floh“) erzählt, hier gibt es eine Fabel auf die, die nie genug bekommen können (Jaroslav Hašek: „Vom eingebildeten Kater Bobeš“), man sieht die Welt aus den Augen der Katze, erfährt von ihr als Symbol für Fruchtbarkeit und Eros, man liest vom Unverstand der Menschen, von allzu Menschlichem und von Tierischem. Und man lernt lesend mit Cíntia Moscovich „den sanften und neuen Instinkt, für Dinge, die von anderen stammen, Liebe zu empfinden.“ (S. 35) Es ist vermutlich eine banale Erkenntnis, aber wenn man Tiergeschichten liest, erfährt man mehr über Menschen und die Menschenbilder der Autorinnen und Autoren als über Tiere – so ist das auch hier, bei diesen Katzengeschichten.

Die meisten Erzählungen haben mir wirklich gut gefallen, wie das bei einer Sammlung mit Erzählungen eben so ist, haben einzelne mir auch nicht gefallen, kam in einzelnen die Figur der Katze nur am Rande vor, aber ganz deutlich überwiegend halte ich „Katzenleben“ für eine gelungene Anthologie mit vielen wirklich schön zu lesenden Geschichten. Falls ihr jemanden kennt, der Katzen und Literatur mag (und wer könnte beides nicht mögen?): Das hier ist das perfekte Weihnachtsgeschenk.

[Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Wer Katzengeschichten mag, mag vielleicht auch:

  • Für Katzenfreunde: Eugen Ruge: Cabo de Gata, Rororo
  • Für Hundefreunde: Daniel Kampa (Hg.): Die schönsten Hundegeschichten, Diogenes

(Beitragsbild von Mikhail Vasilyev auf unsplash.com)

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Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

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Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten

Seit Anfang diesen Jahres tingelt die inzwischen Hallen füllende Poetry Slammerin Julia Engelmann sehr erfolgreich mit ihrem Song „Grapefruit“ (auf Youtube: ca. 1.5 Millionen Views) durch die deutschen Fernsehtalkshows – in diesem Song setzt sie sich auf äußerst unangenehm unterkomplexe Art und Weise mit den Depressionen einer Freundin auseinander, der sie tolle Tipps wie „mal durchlüften“ und „Grapefruit zum Frühstück essen“ gegen Depressionen gibt, schließlich ist Engelmann da Fachfrau: Sie hatte auch mal Depressionen (meint sie zumindest), denn „Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt / Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt / Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn / Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin.“ Deutschlands bekannteste Poetry Slammerin sagt: Nicht wie die anderen sein zu können macht traurig, und anscheinend können sich Tausende damit identifizieren.

Nicht so Andreas Reckwitz. Der erklärt Depressionen, die er für eine für unsere Zeit typische Krankheit hält, ganz anders: Heutzutage leiden so viele Menschen an Depressionen, weil sie aufgrund des Drucks erschöpft sind, sich als singuläre Individuen mit einem wertvollen Leben inszenieren zu müssen. Denn die ganze globale Gesellschaft ist in der Spätmoderne eine „Gesellschaft der Singularitäten“, wie das Sachbuch von Reckwitz eben auch heißt. Dominiert von einer ab den 1970ern entstandenen neuen akademischen Mittelklasse gilt heute global das als wertvoll, was als singulär, als authentisch gilt, wobei nicht nur Individuen, sondern auch Dinge, Ereignisse und sogar Kollektive als singulär und damit als wertvoll konstruiert werden können. Dass dem so ist liegt an dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie ab den 1970ern und der Digitalisierung, die zu einer „Kulturmaschine“ geworden ist, die nur dem Singulären Aufmerksamkeit verschafft und durch seine Algorithmen die Singularisierung jedes Nutzers noch vorantreibt. Die Folgen dieser Gesellschaft der Singularitäten sind nichts Geringeres als alle Probleme, die wir heute haben: Erosion der Volksparteien, neuer religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus, Depressionen, Amokläufe.

Und das ist sicher alles richtig, und ich bin auch keine Soziologin, weswegen ich dazu nichts Fundiertes sagen kann. Das Feuilleton bespricht dieses Buch ja ganz euphorisch. Nun bin ich aber in der Situation, irgendetwas zu diesem Buch schreiben zu müssen (weil es für den Bayerischer Buchpreis nominiert wurde, den ich ja als Bloggerin begleite), und also bleibt wohl nichts anderes übrig, als das ich erkläre, warum mich das Buch als Laienleserin an mehreren Stellen nicht überzeugt hat.

Da ist zum einen eben die Behauptung, durch das Internet würden bestimmte Rationalisierungsmechanismen der Moderne nun in den Dienst der Singularisierung treten, sprich: Das Internet mit seinen Algorithmen trage zur Singularisierung bei, nicht zur Normierung, da jeder Nutzer ja ein individuell auf ihn abgestimmtes Profil erhalte. Für mein Empfinden ist aber genau das eben keine Singularisierung, sondern eine Normierung, denn zum einen wird der einzelne Nutzer, wenn auch auf natürlich sehr differenzierte Weise, hier mit Durchschnittswerten abgeglichen – er bekommt eben durch den Algorithmus nicht Daten zugespielt, die nur er mag, sondern solche, die alle mögen, die sich im Netz ungefähr wie er verhalten – zum anderen wirkt jeder Algorithmus darüber auf das Individuum zurück. Der einzelne Internetuser wird dadurch eben nicht einfach singulär, sondern vor allem doch auch manipulier- und also normbar, wie aus dem politischen Kontext ebenso bekannt ist wie aus der Werbebranche. Was, wenn die Singularisierung im Dienst einer (ökonomischen) Normierung steht, nicht anders herum, also wenn das, was als Singularisierung konstruiert wird, nichts anderes ist als eine Form der Rationalisierung? Diese Möglichkeit räumt Reckwitz für mich nicht überzeugend aus.

Und das Internet erzeugt ja auch gar nicht lauter singuläre User, die sich alle als furchtbar singulär inszenieren würden, wie Reckwitz es ja behauptet. Es hat ja eben nicht jeder einen YouTube-Kanal oder einen Blog. Im Gegenteil: Das Internet erzeugt in seinen wirkmächtigsten Momenten Hypes, an denen die Leute partizipieren, weil alle das tun, weil sie mitreden wollen, wenn es um das geht, worüber gerade alle reden – nicht weil sie singulär sein wollen. Der enorme Erfolg von Avocadobrot-Fotos auf Instagram erklärt sich nicht daraus, dass jeder, der so ein Foto macht, dabei denkt „ach guck, damit wirke ich jetzt aber einzigartig und authentisch“, sondern es geht doch eher um „ach guck, in den letzten Tagen habe ich so viele total schöne, INSPIRIERENDE Fotos von Avocadobroten gesehen, jetzt mache ich mir ein Avocadobrot und mache ein Foto davon, voll inspirierend“. Viele Instagram-Accounts folgen doch schlicht der Ästhetik der Werbung, und damit der Ökonomie – und das ist ein Gebiet, das Reckwitz im ganzen Buch als wirkmächtiges System bemerkenswert hartnäckig ausblendet: Die Ökonomie kommt weitestgehend nur als Form veränderter Arbeitsplätze in den Blick – dass heutzutage weltweit Teenager Jeans tragen, bei McDonalds essen und Justin Bieber hören, und zwar durchaus auch in akademischen Haushalten, ist auch dem globalen Wirtschaftssystem geschuldet, und anscheinend hat Reckwitz nie mit einem Teenie gesprochen, denn Teenies argumentieren nicht mit “aber ich will ganz individuell sein” sondern mit “aber alle tragen das so”. Selbstverständlich gibt es die Trendsetter, die Influencer, die singulär Neues setzen – davon aber darauf zu schließen, dass alle das sein wollen, wird der Gesamtgesellschaft wohl kaum gerecht, in der die meisten halt doch einfach dazugehören und mitmachen wollen, in der viele „genauso sein wollen wie XY“, sogar dann, wenn sie wie XY behaupten, einfach nur sie selbst sein zu wollen. (Weitere Randbemerkung: Und so ist es auch ärgerlich, dass Reckwitz – bestehender Forschungsergebnisse zum Trotz – die Pfingstkirchen Lateinamerikas in einen Topf “religiöser Fundamentalismus” mit Islamisten wirft und behauptet, es ginge hier um Singularität, dabei gewinnen beide religiösen Gruppierungen gerade durch ihr Verhältnis zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung ihre Attraktivität: Die Pfingstkirchen aufgrund ihrer enormen Passung zum Kapitalismus, islamistische Gruppierungen aufgrund ihrer massiven Ablehnung des Kapitalismus; beispielsweise Friedrich Wilhelm Graf hat dahingehend, bezüglich der Rückkehr der Religionen und des Marktes religiöser Angebote, einschlägige Publikationen geschrieben, die alle in der Bibliografie von Reckwitz vollständig fehlen – dafür finden sich in dieser Bibliografie mehrere Werke von Byung-Chul Han, welchen wissenschaftlichen Wert auch immer diese haben sollen.)

Und genau darum finde ich das Buch von Reckwitz nicht überzeugend: Er beschreibt natürlich Zusammenhänge und Praxen, die es gibt und die medial sehr wirkmächtig sind, aber er beschreibt eben nicht die gesamte Gesellschaft, schon gar nicht weltweit, wie dies sein Anspruch ist. Er beschreibt einige medial sehr wirkmächtige Milieus, die eben auf der Skala der Milieu-Anordnungen sehr weit weg von der Grundorientierung an „Tradition“ angesiedelt sind, denen Selbstverwirklichung sehr wichtig ist und die eben beruflich „was mit Medien“ machen – und tut dann so, als wären diese Milieus der Singularitäten die ganze Gesellschaft, er sitzt damit der medialen Inszenierung dieser Milieus auf. Er beschreibt nicht die Gesamtgesellschaft und wird ihr meiner Ansicht nach auch nicht gerecht. Denn Reckwitz bemüht eine Klassenstruktur der Gesellschaft, die so inkonsistent ist, wie sie großteils absichtlich auf den gedanklichen Einbezug des materiellen Status der Menschen verzichtet. So geht er eben davon aus, dass es eine dominierende „akademische Mittelklasse“ gibt, in der alle unabhängig vom Einkommen nach Singularität streben, von der er im Wesentlichen eine „Unterklasse“ unterscheidet, zu der schlicht alle gehören, die über geringes kulturelles Kapital verfügen und also keinen akademischen Abschluss haben, und deren Lebensstil von „muddling through“, vom Durchwursteln, gekennzeichnet ist. Ich halte das gelinde gesagt für unterkomplex, nicht nur weil es diverse höhere Beamte, Maschinenbauer, Ärzte, Juristen etc. gibt, die sich in völlig identischen Doppelhaushälften am Sonntag um ihren Thermo-Mix (den man sich ja erst einmal leisten können muss) versammeln und nicht im Traum daran denken, irgendwie singulär sein zu wollen, sondern auch, weil es einfach viele Akademiker gibt, deren Leben von „muddling through“ gekennzeichnet ist.

Daneben gibt es dann aber natürlich auch bei Reckwitz noch die „alte Mittelklasse“, die – obwohl er einräumt, dass sie wohl um die 25% der deutschen Gesellschaft ausmachen (S. 366) – hier auf vier (!) Seiten abgehandelt wird: Laut Reckwitz ist das der alte, nicht-akademische Mittelstand, der im Schwinden begriffen ist, und Reckwitz ordnet dieser „alten Mittelklasse“ die SINUS-Milieus der „Adaptiv-Pragmatischen“, der „bürgerlichen Mitte“ und Teile der „Konservativ-Etablierten“ zu. Das wird empirisch weder erklärt noch bewiesen und ist vermutlich auch schlicht nicht haltbar: Diese Milieus sind doch ihrerseits voll mit hochqualifizierten, akademischen Mittelklassevertretern, das sind eben auch Lehrer, Ärzte, Ingenieure. Und völlig, Entschuldigung, abstrus wird die Gesellschaftsanalyse wenn dann plötzlich doch ausgehend von ökonomischen Kriterien, die ja sonst explizit nirgends eine Rolle spielen durften, doch eine Oberklasse angenommen wird, die allerdings ja eben nur 1% der Weltbevölkerung umfasst und eigentlich sowieso mit dem Lebensstil der akademischen Mittelklasse identisch ist und damit eigentlich nur am Rande mal erwähnt werden muss (und mehr als “am Rande mal erwähnen” findet auch nicht statt). Kurz: Im Wesentlichen behauptet Reckwitz, die gesamte Gesellschaft weltweit bestünde aus armen Nicht-Akademikern, so ein bisschen zu vernachlässigender Mitte und singularitätswütigen Akademikern. Jede Milieu-Analyse beschreibt Gesellschaft differenzierter und realitätsnäher. Die Beschreibung der Lebensstile dieser Klassen liest sich wie bei Bourdieu abgeschrieben (pardon, aber: Die einen essen gesund, die anderen nicht so, die einen machen Sport, die anderen nicht so – das sind nicht gerade große Neuigkeiten), und Bourdieu untersuchte die Gesellschaft vor den 1970ern, die SINUS-Milieus sind da schlicht genauer.

Es ist ja dann fast schon lustig, wenn beispielsweise bei der Beschreibung des Lebensstils der Unterklasse (wir erinnern uns: Die von Reckwitz beschriebene Gesellschaftsstruktur bildet sich ungefähr ab den 1970ern heraus) auf einen Aufsatz von 1958 zurückgegriffen wird (S. 362) oder Romane als empirische Quellen herhalten müssen („Rassistische, auch sexistische und homophobe Tendenzen in der Unterklasse werden immer wieder thematisiert, wie es etwa zwei aktuelle, viel diskutierte Selbstethnografien aus Frankreich zeigen: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016; Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Frankfurt/M. 2015.“ S. 359; ohne die zutreffenden Beobachtungen dieser Romane in Zweifel zu ziehen: Empirische soziologische Arbeit sieht eben doch anders aus und dass Rassismus, Sexismus und Homophobie ein Privileg der Unterklasse oder der alten Mittelklasse seien, wird sich empirisch nicht halten lassen, da mag Reckwitz noch so sehr behaupten, die akademische Mittelklasse wähle keine Rechtspopulisten (S. 340) – die Wahlanalysen sprechen eine andere Sprache, natürlich wählen auch Leute mit akademischem Bildungsgrad die AfD, wenn auch nicht mehrheitlich, Kubitschek und Jongen sehen sich und ihre Fans wohl kaum als Nicht-Akademiker, der Sexismus-Fall Weinstein stammt kaum aus der Unterschicht, hier ist einfach manches wirklich zu stereotyp).

Und damit kann Reckwitz natürlich auch nicht einbeziehen, dass die letzten Shell-Jugendstudien ergeben haben, dass Jugendliche zumindest in Deutschland schon seit Jahren lieber sichere Jobs anstreben als sogenannte Selbstverwirklichungsbranchen, also: irgendwas mit Medien. Natürlich muss Reckwitz dann für seine Behauptung, das Bildungswesen unterliege im Moment nicht einer Tendenz zur Normierung (S. 333), ausblenden, dass es einen Bologna-Prozess und bald in Deutschland auch ein Zentralabitur gibt, und das hat eben nicht nur mit der Sicherung von Mindeststandards für Bildungsniveaus zu tun, wie Reckwitz meint, sondern vor allem mit Vergleichbarkeit im Dienste der transnationalen Mobilität. Und so könnte ich jetzt hier weitermachen, kurz: Das, was Reckwitz beschreibt trifft natürlich Teile der Realität, in der wir leben, aber er beschreibt Gesellschaft unterkomplex, dass ich wirklich nicht behaupten kann, dieses Buch als Bereicherung empfunden zu haben, so leid mit das tut. Es gibt natürlich mediendominierende Milieus, die Singularität propagieren, und natürlich tragen diese zu aktuellen, auch politischen, Problemlagen bei. Aber die Zusammenhänge sind dann doch etwas komplexer als hier beschrieben, meinem Eindruck nach.

Ich fand „Gesellschaft der Singularitäten“ leider stellenweise sehr banal, die überzeugendsten Passagen sind die über die „Kulturmaschine“ Internet (mit den oben gemachten Einschränkungen) und ansonsten leider die, die Dinge referieren, die aus der Forschung zum Wertewandel schon längst bekannt sind. Und eben diese Wertewandelforschung, Ulrich Becks Theorie der reflexiven Moderne und seine Individualisierungstheorie und vor allem „Nach dem Boom“ von Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael (das Reckwitz in seiner Bibliografie nicht nennt, obwohl der Titel einschlägig ist) können eigentlich all die gegenwärtigen Problemlagen (zunehmende Attraktivität postmaterialistischer, non-konformistischer Werte, Erosion der Volksparteien und Neoliberalismus, wirtschaftlicher Wandel hin zum tertiären Sektor, Erschöpfung des Subjekts), die Reckwitz hier zu erklären beansprucht, schon seit Jahren erklären. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel Mehrwert das Buch von Reckwitz hier bringt – wenn mich persönlich jemand nach einem Buch zur Entwicklung der Gesellschaft seit den 1970ern fragen würde, das auch eine globale Perspektive im Blick hat, würde ich unbedingt „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel/Raphael empfehlen, das mir viel besser belegt, viel stringenter und differenzierter argumentiert zu sein scheint als das Buch von Reckwitz. Was nicht bedeutet, dass „Gesellschaft der Singularitäten“ ein schlechtes Buch ist, das falsche Dinge behauptet, es ist natürlich ein interessantes, gutes Buch, das viel Zutreffendes beschreibt – nur eben für mein Empfinden halt mehrfach unterkomplex und etwas banal. Vielleicht hat mich auch nur einfach die extreme Erwartbarkeit dessen, was man hier zu lesen bekommt, gestört – man liest hier genau das, was man zu lesen erwartet, und was eigentlich seit Eribon ohnehin schon landauf landab in der Zeitung steht (was natürlich das Geschriebene nicht falsch, aber eben auch nicht sehr überraschend macht).

Aber, nochmal: Ich bin keine Soziologin, sondern Laie (gehöre damit aber ja doch auch zum Zielpublikum dieses Buches, was es vielleicht doch wieder legitim werden lässt, dass ich mich darüber äußere), und das Feuilleton feiert das Buch ja wie schon angemerkt. Genauso wie die Jury für den Bayerischen Buchpreis 2017, denn „Gesellschaft der Singularitäten“ steht auf der Shortlist der Sachbücher für diesen Preis. Und da steht es ja, genauso wie das Buch von Gerd Koenen, schon zu recht. Aber: Nicht nur aus den von mir oben schon dargestellten Gründen – das Buch erscheint mir weder inhaltlich bahnbrechend noch besonders genau – sondern vor allem auch aufgrund der sprachlichen Gestalt dieses Buches verstehe ich diese Nominierung trotzdem ehrlich gesagt nicht ganz: Wenn so ein Buchpreis auch die Funktion der Literaturvermittlung hat, dann hat man sich hier für die Nominierung eines Sachbuches entschieden, das eben ein typisches soziologisches Sachbuch aus dem Suhrkamp-Verlag ist, und das bedeutet: Viele Leser des breiteren interessierten (und durchaus auch akademisch gebildeten) Publikums werden hier aufgrund der sprachlichen Komplexität (die nicht in jedem Fall mit inhaltlicher Komplexität korreliert) schon in der Einleitung aussteigen. Das sind dann Leser, die man verliert, auch für den Bayerischen Buchpreis. Schon deswegen würde ich, wenn ich zwischen den beiden von mir gelesenen nominierten Büchern entscheiden müsste, den Preis eher dem Sachbuch von Gerd Koenen über die Geschichte des Kommunismus geben (auch wenn ich von diesem ebenfalls nicht restlos begeistert war) als dem von Reckwitz. Meine beiden Blogger-Kollegen von Sätze & Schätze und Buch-Haltung.com waren aber von dem ebenfalls nominierten Sachbuch „Blau“ von Goldstein sehr angetan – vielleicht wäre das dann ein guter Kandidat für den Preis. Entscheiden müssen das ja aber zum Glück am Ende nicht wir, sondern die Jury.

(Beitragsbild von Jessica Ruscello auf unsplash.com)

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Petra Morsbach – Justizpalast

Justiz ist schon immer ein Thema der Literatur – wenn man ganz weit zurückgreifen will und die Bibel als „Literatur“ bezeichnen will, dann sind hier mehrere Erzählungen der Rahmen für Gesetzestexte, und auch wenn man nicht so weit zurückgreifen will, kann man hier immer noch ohne Probleme eine mehrere Jahrhunderte zurückgreifende Tradition ausmachen: Da ist Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, Kleists „Der zerbrochne Krug“, Kafkas „Process“, Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ und in jüngster Zeit Schirach, um nur ein paar Beispiele zu nennen (es gab dazu mal auf 54books eine Beitragsreihe: Lawandlit).

Dass das Thema des Rechtssystems für die Literatur reizvoll ist, liegt auf der Hand: An wenigen Orten kann man Figuren aus den unterschiedlichsten Milieus miteinander so interagieren lassen, zu wenigen Anlässen sind Figuren so sehr gezwungen, sich zu öffnen, ihre Geschichten zu erzählen, und wenige Anlässe leuchten damit so tief in gesellschaftliche Wertesysteme, soziale und individuelle Abgründe hinein wie ein Gerichtsverfahren. Indem man vom Rechtssystem erzählt, kann man davon erzählen, ob und wie eine Gesellschaft funktioniert oder eben nicht, was Gerechtigkeit ist und ob sie möglich ist. Und in der Reihe der Werke, die davon erzählen, steht auch Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“.

Der Roman, dem ein Zitat von Immanuel Kant „Tue das, was dich würdig macht, glücklich zu sein“ voran steht (das wird im Folgenden noch eine Rolle spielen), handelt von der Lebensgeschichte von Thirza Zorniger, von ihrer nicht ganz einfachen aber irgendwie doch gelungenen Kindheit, ihrem Jurastudium, vor allem aber von ihrer Zeit als Richterin im Justizpalast, ihrem späten Glück mit ihrem Ehemann Max und dem Weiterleben ohne ihn.

Viele kleine Leben

Thirza, und auch davon erzählt der Roman, wurde Richterin zu einer Zeit, zu der es noch nicht viele Frauen in solchen Berufen gab: Sie erarbeitet sich ihre Karriere hart, die Männer um sie herum heiraten jüngere Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss, eine Frau wie Thirza wäre ihnen zu anstrengend. Und so kommt es dazu, dass sie in ihrer Arbeit nahezu verschwindet und vom Leben – wie sie selbst weiß – eigentlich nichts weiß. Narrativ wird dies gespiegelt durch zahlreiche lange Nacherzählungen von juristischen Fällen und Gerichtsverhandlungen. Wo es aus Thirzas Leben nichts zu erzählen gibt, kann nur von ihrer Arbeit erzählt werden. Das ermöglicht aber – wie oben schon angemerkt – in einem Ausmaß und einer Breite von allem Menschlichen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersstufen zu erzählen, wie es ohne diese breiten Schilderungen nicht möglich gewesen wäre. Durch Morsbach genaue Beobachtungen werden Kläger und Beklagte, ihre Geschichten, ihre Streitsucht, ihre verpassten Psychotherapien, die sie im Gerichtssaal auskurieren wollen, ihre Habgier, ihre Enttäuschungen jeweils mit wenigen Strichen dem Leser plastisch vorgestellt. Manch einen könnten diese langen und zahlreichen Exkurse langweilen – ich fand sie als Gesellschaftspanorama und als narrative Spiegelung des nicht existenten Privatlebens von Thirza sehr treffend und bereichernd.

Keine großen Gesten

Und genauso stimmig ist angesichts des einfachen, von Arbeit dominierten Lebens Thirzas die karge Sprache, mit der hier erzählt wird – auch die könnte den einen oder anderen stören, obwohl sie dem Roman sehr angemessen ist. Es ist keine ausladende, poetische Sprache, schon gar nicht ist sie emotional aufgeladen, das Gegenteil ist der Fall. Und gerade dadurch kann diese Sprache die ironische Brüchigkeit der Welt, von der erzählt wird, wiedergeben, gerade dadurch wird diese Sprache viel klarer und direkter als die Sprache der Justiz und der Poesie. Figuren wie die Richter Römer oder Blank, die sich in großen Zitaten ergehen können, haben keine Sprache für das Private (S. 443), sie scheitern privat, weil sie sich nicht verständlich machen können. Thirza dagegen, die einfache Liebesromane liest, kann mit Max kommunizieren, der als einziges Kind aus einer einfachen Arbeiterfamilie studieren konnte und damit trotz seiner literarischen Interessen (die Thriza oft nicht versteht) auch eine einfache, direkte Sprache nutzt. Sie haben eine gemeinsame, intime Sprache, die prosaisch wirken mag – aber damit haben sie etwas, was andere Paare in diesem Roman nicht haben. Hier gibt es kein Pathos, keine großen Gesten, nur das einfache, kleine Leben.

Brüchige Helden

Und das gilt für den Roman insgesamt: „Justizpalast“ hat keine Helden, nur einfache Menschen, die mal mehr, mal weniger das Beste zu tun versuchen, und in der Regel damit nicht ganz erfolgreich sind. Der überkorrekte Richter Thenner erreicht mit seiner Hyperkorrektheit nicht mehr Gerechtigkeit als alle anderen, er arbeitet nur alle auf. Richter Blank, der Idealist, der hehre Grundsätze, nichts geringeres als das Grundgesetz selbst, zu verteidigen versucht, legt sich mit allen seinen Vorgesetzten an und erreicht doch nichts, außer seinen persönlichen Ruin. Max, der liebende, freundliche Ehemann von Thirza, der im Rahmen seiner Möglichkeit immer versucht hat, sich auch für die Schwachen der Gesellschaft einzusetzen, vor allem dann in seiner Zeit als selbstständiger Anwalt, kann sich finanziell kaum über Wasser halten und das Schicksal bestraft ihn mit Krebs. Das ist kein heroischer Tod, sondern bloßer sinnloser Zufall. Thirza, die vorsitzende Richterin, entscheidet und richtet fast nie, sie versucht fast immer die streitenden Parteien zu einem Vergleich zu bewegen – nicht ohne Grund wirft ihr Blank bei einem Besuch ihren Relativismus vor, der sich auch in ihrer Vorliebe für den Vergleich spiegelt. Hier gibt es keine großen Macher – keine der Figuren tut das, was das Kant-Zitat, das dem Roman voransteht, verlangt: Keiner tut das, was sie oder ihn würdig macht, glücklich zu sein. Und wenn sie es doch zumindest zu tun versuchen, dann führt das oft nicht zu Glück, sondern zu bloßen Zufälligkeiten und in der Regel zum Unglück. Glück erfahren nur Thirza und Max, und das nur auf Zeit. „Leben ist Chaos.“ (S. 439)

Zufall, kein Schicksal

Denn neben der „Justiz“ hat dieser Roman noch ein weiteres Thema: das Schicksal. Über das Schicksal denken Max und Thriza nach, wenn sie den „Wallenstein“ und Shakespeare lesen, sie dichten ihr rein zufälliges Aufeinandertreffen zur Absicht der Vorsehung, zum Schicksal um – und werden doch widerlegt, wenn der Zufall, der Krebs sie auseinanderreißt. Nicht umsonst ist die bleibende Erkenntnis von Thirza immer wieder: „Hatte ich ein Glück“. Und das in doppeltem Sinne: Nicht nur, weil sie glücklich war, sondern auch, weil sie damit schlicht Glück gehabt hat. Purer Zufall, nicht Schicksal ist es, wenn ihr Kollege Blank, der sich als eine Person bezeichnet, die immer dem „Schicksal in die Speichen“ (S. 453) greifen will, seine Freundin an einen anderen Mann verliert – und sich dieser als Scrammer entpuppt, was zwar die Beziehung der beiden nicht rettet, aber die Situation für Blank erträglicher zu machen scheint. Keine Figur hier hat ein Schicksal oder könnte dieses gar in die eigene Hand nehmen – viele Figuren haben Pech, einige wenige haben Glück. Es gibt in der Geschichte keinen übergreifenden Sinn. Davon lässt sich nur in einer kargen Sprache erzählen, alles andere wäre nicht stimmig.

Das menschliche Rechtssystem

So wenig, wie es in diesem Roman individuelle Helden gibt, so wenig gibt es überindividuelle Helden: Das Rechtssystem ist keine hehre, erhabene Institution, die für Gerechtigkeit sorgt. Es ist brüchig und missbrauchbar, als von Menschen gemachtes und aufrecht erhaltenes System ist es auch vom Menschen abhängig und wird von Mächtigen ausgenutzt – insbesondere spielt im Roman ein Fall von Steuerbetrug in Millionenhöhe durch die Familie von Franz Josef Strauß eine Rolle, ein Justizskandal wie er im Bilderbuch steht. Und über diese Hintertüre werden dann die Nicht-Helden, die Richter und Juristen in ihrer ganzen alltäglichen Überarbeitung, doch wieder „Helden“, oder eher kleine Zahnräder, die die Maschine am Laufen halten und Schlimmeres verhindern: Nur weil sie, obwohl sie überarbeitet sind und ihre Fälle immer mehr werden (im Laufe der Amtszeit von Thirza verdoppelt sich die Zahl der offenen Fälle, die ein Richter zu bearbeiten hat), zum Teil bis zum Zusammenbruch weiterarbeiten, funktioniert das System noch. Und nur weil einzelne Entscheidungen zu fällen, die den Mächtigen missfallen, kann verhindert werden, dass derjenige, der den eben genannten Straußschen Steuerbetrug aufgedeckt hat, dafür juristisch belangt wird. Allerdings werden diese Einzelnen dafür – nach allem, was man aus dem Roman lernt – vermutlich mit ihrer Karriere bezahlen.

Das Rechtssystem ist menschlich, von Menschen gemacht und von Menschen erhalten und gefährdet. Es gibt kein metaphysisches Gesetz, das Gerechtigkeit garantiert. Ebenso wie das Schicksal keinen metaphysischen Gesetzen folgt.

Gegen Ende des Romans schreibt Thirza an Blank:

„Durchschnittsmoral besteht in dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein und nicht vorsätzlich Böses zu tun; aber alles Weitere ist undeutlich. Was wir haben, halten wir für selbstverständlich; was wir nicht haben, glauben wir uns geschuldet. Unseren Vorteil nehmen wir gerne wahr, unser Nachteil empört uns. Was wir günstig kriegen, nehmen wir, ohne zu fragen, woher es kommt. Was uns missfällt, verdrängen wir. Verantwortung übernehmen wir lieber dort, wo sie mit Macht, als dort, wie sie mit Pflicht verbunden ist. Fazit: nicht großartig. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass schon Bürger vergleichsweise harmloser Demokratien aus ethischer Perspektive Verbrecher sind. Müssen wir uns hassen? Wer möchte das?“ (S. 430f.)

Das ist das, was dieser Roman zeigt: Den modernen Menschen mit seiner Durchschnittsmoral, der aber in all seiner Wursteligkeit in der Regel doch liebenswert ist. Hier ist kein Raum mehr für Kant. Alles in diesem Roman ist brüchig: Die Sprache mir ihrem Hang zur Ironie, die Figuren, das Rechtssystem, die Gesellschaft. Es gibt kein reines Gutes, auf das man hinstreben, für das man sich opfern könnte. Morsbach fällt glücklicherweise nicht hinter Dürrenmatt zurück: Der Moderne mit ihren Tragödien kommt nur noch die Komödie bei, alle Wursteln nur noch herum, Dinge wie „Verantwortung“ und „Schuld“ existieren nicht mehr, alles ist relativ und zufällig.

Ironie und Liebe

Selbst da, wo andere die Erzählung vielleicht emotional aufgeladen hätten, wo auch Petra Morsbach durchaus die Erzählung emotional auflädt, wird dies gleich wieder ironisch gebrochen: Als Thirza über die Obduktion nachdenkt, die Max nun bevorsteht, wird ihre Trauer unterbrochen von einer Erinnerung an eine Obduktion, der sie beiwohnte – und bei der der Assistent einen kaputten Latexhandschuh einfach am Ende in die Leiche warf und mit einnähte (S. 396), als andere Form der Müllentsorgung. Eine Frau berichtet von ihrem Mann, der den Darmkrebs besiegt hat, nur um ein paar Jahre später vom Auto überfahren zu werden (S. 475). Die Handlung des Romans ist so brüchig wie es die Realität eben ist. Selbst der Schluss ist noch ein ironischer Bruch: Er ist kein Abschluss, wenn überhaupt, dann nur der Abschluss eines Handlungsstrangs, aber insgesamt ist er ein Abbruch. Ohne Helden, ohne Schicksal kann es auch keinen Abschluss geben, weil es kein Ziel gibt. Und indem Petra Morsbach selbst so ihre eigene Dramaturgie immer wieder (auch ironisch) unterbricht – und dazu tragen auch immer wieder die langen Schilderungen aus dem Gericht bei – erzählt sie in sehr großer Genauigkeit und bemerkenswert gekonnt von dem brüchigen Alltag in der Bundesrepublik. Und gerade das macht den Roman dann wieder berührend, der einen immer wieder mit einzelnen Beobachtungen ganz plötzlich trifft, beispielsweise dann, wenn Thirza ohne jedes Selbstmitleid feststellt, dass sie eigentlich gar nicht richtig lebt, oder dann, wenn sie dankbar auf ihr Glück zurückblickt.

Und Petra Morsbach entlässt den Leser nicht ohne Hoffnung aus dem Buch, denn zum einen sind sie eben da, auch im Roman, die kleinen, tapferen Zahnrädchen, die die Maschine am Laufen halten und die sich gegenseitig stützen können, die tatsächlich auch Mitmenschlichkeit ermöglichen, und zum anderen ist Erlösung aus der sinnlosen Brüchigkeit des Alltags möglich: durch Liebe. „Man kann wirklich Erlösung von einem bestimmten Menschen erlangen“ (S. 415). Und das ganz ohne Pathos, sondern in all seiner schlichten Direktheit.

„Justizpalast“ von Petra Morsbach ist für den Bayerischen Buchpreis 2017 nominiert und ich würde mich freuen, wenn dieser Roman den Preis bekäme.

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Papperlapathos: Sieben Nächte von Simon Strauß

Es ist ein willkommenes Buch, für alle, auch für Kritiker, die es sich zu einfach machen (wollen), die im Buch nur die falsche, hysterische, hyperaktive Artikulation eines Wohlstandskindes sehen, das sich auflehnt, ein erstes, ein letztes Mal, bevor es an den Trog der Arbeit, der Familie, der Schulden geführt wird und nie wieder etwas Größeres, Stärkeres, Schnaufenderes von sich geben wird als wohlgefällige satte Grunzlaute.

Solche Kritiken stürzen sich auf die vermeintliche erste und größte Schwäche dieses Buchs, das diese eine Flanke wiederum unbekümmert, stolz gar, hinhält, im kühnen Wissen, wem es sich dadurch zum Fraß vorwirft. Zugleich schert sich „Sieben Nächte“ wenig um diese freie Flanke, im Gegenteil: Es ist gerade dies die erfolgreiche Strategie des Buches. Es will doch verletzlich, großspurig, angehbar, belangbar sein; es will reinhauen und eins in die Fresse bekommen. Hauptsache: Das intensive Leben schimmert und schießt durch.

Und die Flanke glänzt unverhohlen: Ein Streberbengel versucht, sich risikobereit und schmuddelig durch ein nur sieben Nächte andauerndes anderes Leben zu wälzen, selbst wenn nicht wirklich viel Schlamm vor ihm ausgebreitet wurde. In Ermangelung tatsächlicher aventiure springt er halt von halbhohen Türmen und stopft zu viel halbgares Fleisch in sich rein, als ließe sich dadurch der innere Hunger stillen. Er wagt es, sehnsüchtig zu sein, sich dem Gedanken(kitsch) einer großen befreienden Geste hinzugeben. Derlei zu kritisieren ist einfach, gängig – und nur an einigen Stellen tatsächlich angebracht, dann nämlich, wenn der Erzähler sich unter dem arg plüschigen Deckmantel von Pathos und Urgefühl nur noch sich selbst gefällt, wenn er derart vom eigenen Ungenügen gegenüber der Welt berauscht ist, dass er mehr und mehr Bilderfluten und rhetorische Fragen bemüht.

Oftmals aber stürzen sich die Kritiken, die ich las, ausschließlich auf das vermeintlich nervig Proklamative dieses Textes, hervorgebracht von einer hassenswerten Gestalt, irgendetwas Ausgebufftem zwischen Bube, Bonze und Botho Junior. Dabei gleicht diese gefällige Form der Kritik jenem Angeraunze, mit dem die beige Oma sich darüber aufregt, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht: Sie ist evident, halbwegs legitim und unsäglich festgefahren. In dem Sinne gehen wir jetzt mal den Kritiker an: Wieso darf „Sieben Nächte“ das alles nicht? Wieso dürfen wir in diesem öden Land nicht bei Rot über die Ampel? Kann die Schreibgeste in all ihrer pathetischen Schnauzigkeit nicht sympathisch sein – oder wenn schon nicht sympathisch, so doch annehmbar, nachvollziehbar, gerne auch: wünschenswert, sei es als Maßnahme gegen die ironieverkühlte immerzu abwägende Hin-und-her-graue-Stadt-graue-Seele-Prosa des großen ganzen Rests, sei es auch nur als erfreuliche Andersdarstellung, als statistisches Gegenüber, schlimmstenfalls als symmetrisches Übel, das den Laden mal aufmischt – stilistisch, weltanschaulich, lebensreformerisch.

Wenn man diesem Buch denn etwas vorwerfen möchte, dann sind es „nur zwei [andere] Dinge“: Dass es sich erstens einem unpräzisen Denken hingibt, dass es Worte, Begriffe und Vokabeln zusammenklaubt, sie nachts, bei zu viel Starksprudel und arg herabgedimmtem Laptopbildschirm, aneinanderknallt, um sich Ausdruck zu verleihen – und darüber nicht bemerkt (nicht bemerken will?), dass es mit heiklen, historisch aufgeladenen, ideologisch leichthin andockbaren Ideen hantiert: Gemeinschaft, Tat, Monument.

[Zusatz, 20.11.2017: Nachdem ich diesen bedinungslos lesenswerten (ich würde sogar sagen: pflichthalber zu lesenden) Text von Wolfgang Ullrich (Die Wiederkehr des Schönen) gefunden habe, will ich diesen ersten Punkt nochmal besonders herausstellen: Der Text von Strauß ist an manchen Stellen reine Rhetorik, nichts als Geste ohne Körper, die wirken will – auch und gerade abseits einer intellektuellen Aufnahme. Und das ist dann mehr als ein Kniff aus der Schreibschul-Mottenkiste, das kann schlechterdings ein Schreibverfahren sein, das sich gefühlshalber und mächtig imponieren will, das zugleich eine bedachte, besonnene Reaktion seitens der Leserschaft unterbinden will. Schließlich steht die monumentale tat-bezogene Wirkkraft qua Text an erster Stelle, und derlei beabsichtigte „Stöße“ und „Umwälzungen“ setzen analytische, reflektierte Umgangsformen außer Kraft. Und ja, das ist dann tatsächlich sehr bedenklich. Besser, ausgiebiger und klüger steht das alles bei Ullrich, & nochmal: pflichthalber zu lesen!]

Dass es zweitens bei all der um sich greifenden großen Trostlosigkeit, bei all den Leuten, die glauben, ausgelaugt zu sein, wo sie eigentlich nie mehr als Schongang und Weichspüler kannten, dass es sich demgegenüber nicht anders zu helfen weiß als mit einem Schrei nach MEHR!, nach mehr Ich, mehr Gefühl, mehr Leben. Vor lauter gierigem Ich-Schielen verliert das Buch jegliches Gegenüber aus den Augen. Die Recherche in „Sieben Nächte“ käme wohl an ein Ende, wenn der Erzähler sich selbst potenziert (wieder-)fände, d. h.: aufgebläht, eingedellt, gesättigt, voller Schrammen, Enttäuschungen und Erfahrungen, wenn er aufs spätere Selbst stieße, das in monströse Intensität hoch- und breitgepumpt wäre. Dass es womöglich eine andere befreiende Haltung gibt, eine weitsichtigere Reaktion auf die niederträchtige Üblichkeit unserer Gedanken und Gesten – das ist in der radikal subjektivistischen Logik von „Sieben Nächte“ undenk- und also unerzählbar. Wie wäre es, statt als Hyperprivilegierter dadurch den Ausbruch zu wagen, mehr, bloß halt anderes härteres Zeug für sich einzufordern, zu versuchen, diesem Impuls ein anderes Mehr! entgegenzusetzen, ein Miteinander, ein Mitmenschiges. Es wäre eine (ebenfalls großspurige) Haltung des Zurückstehens, des Still-Werdens, des Zuhörens, des leisen Mitmachens, um derart die Hypoprivilegierten vorzulassen, deren Bäuche überzeugender grummeln, nicht von zu viel Maki-Rollen, sondern von zu wenig tatsächlicher Lebenszufuhr. Auch sie würden sich vermutlich gerne bis zum rhetorischen Platzen aufblähen und alles und nichts für sich beanspruchen wollen.

Und eins ist sowie und abschließend und immer klar: Gemeinsam läuft es sich besser und sicherer über Rot; je mehr man ist, umso spaßiger ist die Chose – und umso länger müssen die Mercedes-Fahrer hupen und warten. (Ja, das ist ein pathetisches Ende, als Gruß an die guten Seiten dieses Buches.)

Abschließend zwei Links zu Texten, die sich Pathos & dem Lob des endlich wieder extremen Gefühls ebenfalls hingeben:

Hannah Lühmann, “Verhaltenslehren der Kälte”: “Wir haben das Wissen um die Kälte verlernt und das Wissen um die Hitze, ihre dialektische Gegenmacht. Wer sitzt noch in der kalten Dachkammer und ringt um Sprache?”

Alban Nikolai Herbst, “Arbeitsjournal”: “Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch, anders würde sie wieder und wieder relativieren, was Leidenschaft eben ausschließt. Entgrenzung, Begeisterung, Orgasmen sind ironisch nicht nur nicht mehr spürbar, sondern sie werden vernichtet, erstickt und überdies sogar lächerlich gemacht – auch und gerade sich selbst gegenüber. Damit verlieren die Menschen ihren Kontakt zu sich selbst und zur Erde. Sie entgeistigen sich ihr.”

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Die Grundlage meines Geschäfts: Origin von Dan Brown

Keine Fragen, sinnierte der Killer. Das ist die ungeschriebene Regel, die Grundlage meines Geschäfts.

Ohne Frage ist Dan Brown mit Illuminati und Sakrileg etwas – nicht nur kommerziell – außergewöhnliches gelungen. Dabei war das Verknüpfen von Verschwörungstheorien – in der Vor-YouTube-und-Fake-News-Zeit meist nur bekannt als harmlose als Mondlandung-in-der-Wüste und Elvis-lebt-Szenarios – und einfach, aber rasant erzähltem Thriller, keine Erfindung von dan brown origin lübbe coverBrown, auch nicht die Kombination des Jahrhunderte währenden Kampfes zwischen Kirche und Wissenschaft, die legendenartige Zelebrierung des Fights des Fortschritts gegen die Mär vom Paradies und dem Apfel, der sprechenden Schlange und den Salzsäulen, gab es als denkbar offensichtlichen Plot ebenfalls in der Zeit vor Dan.

So offensichtlich und durchschaubar bleibt bis heute alles was Dan Brown schreibt. So sehr die beiden Turbo-Bestseller damals einen Hype entfachten und wahrscheinlich nur irgendwie zur rechten Zeit am rechten Ort waren, schaffen es Autor und Verlag bis heute immer wieder den alten Wein in neue Schläuche zu füllen und von Bahnhofsbuchhandlung bis Bestsellerliste, sicher bald auch wieder Kinosäle, zu fluten.

Dabei will ich nicht verschweigen, dass ich die Brownschen Powerbücher Sakrileg und Illuminati schätze. Nicht weil sie besonders pfiffig konstruiert wären oder (das am wenigsten) gut geschrieben, sondern weil sie einem damals Heranwachsenden dieses Lesegefühl gaben, den Sog, den sonst nur Harry Potter Bücher hatten und eben auch genau in meine (Lebens)Zeit passten, die Empfänglichkeit für das Ablehnen des Alten, der Glaube an die Macht der Wissenschaft und die Faszination für das Uminterpretieren von Geschichte und Geschichten.

Wenn’s am schönsten ist

Der Fehler des Dan Brown war dabei, dass er sich nicht einfach ausgeruht hat. Wobei was heißt dabei Fehler, natürlich ist es sehr, sehr klug von ihm weiterzumachen, denn so wird er ja noch reicher, auch sein neustes Werk verkauft sich bestens und bei einem Ladenverkaufspreis von 28 Euro in deutschen Läden freuen sich Verlage, Buchhändler und Daniel Braun gleichermaßen über Origin. Literaturpreise und/pder Kritikeranerkennung stinken sowieso ziemlich gegen das ab was wirklich wichtig ist: Geld.

Deswegen hat der Bestseller Autor sein altes Kochrezept rausgeholt und damit ein neues, altes Buch geschrieben:

  • Hauptfigur: moderner Indiana Jones = Professor, aber cool, gebildet, aber nicht eingebildet, Tweed (ausgerechnet!), aber sexy
  • irgendeine geschichtsträchtige europäische Stadt: Rom, Paris, Florenz
  • ein Toter am Anfang, der irgendeiner superkrassen Entdeckung auf der Spur war oder supergeheimes Geheimwissen hatte
  • schöne Frau, die mit Professor zusammenarbeitet
  • ein fieslicher Killer, der am besten religös verblendet ist
  • supermächtige Drahtzieher irgendeiner unsympathischen Lobby (am besten katholisch)

Daher der Plot schnell für Origin gebaut:

Langdon + Bilbao, Barcelona, Madrid + toter Mentee des Profs, der publikumswirksam seine Superentdeckung präsentieren wollte, aber kurz vorher ebenso publikumswirksam erschossen wird + schöne Frau ist die superkluge, superschöne Leiterin des Guggenheim in Bilbao, die mit dem spanischen Thronfolger verlobt ist, der möglicherweise mit der katholischen Kirche Spaniens hinter dem Anschlag steckt + der Killer ein ehemaliger Marine Offizier mit – KLAR! – direktem Draht zum (Gegen-)Papst einer absurden Strömung der katholischen Kirche

Und der Mann zieht das ja durch, das ist wirklich derselbe (nicht dergleiche!) Plot wie alle anderen vorher auch. Großes Problem aber zu den Vorgängern, die Story ist jetzt wirklich endgültig durchgekaut und größtes Problem, mindestens die ersten 300 Seiten (so weit bin ich [Update: habe es zu Ende gelesen, es bleibt langweilig]) sind unglaublich langweilig. Von der Superentdeckung weiß der Leser immer noch nichts, es gibt einen superschlauen Computer und superböse Bösewichte, das isses. 28 Steine für den fünften Aufguss eines alten Tees, geschrieben von einem nicht so superschlauen Computer.

Damit ihr euch die Euros für den nächsten Bestseller sparen könnt, hier bereits der von mir durchgeplottete nächste Robert Langdon Powerseller:

  • Berlin
  • ein junger Historiker, der aber nebenbei an Quantencomputern forscht, hat entdeckt, dass Hitler gar nicht tot ist, er arbeitet (wirklich!) als Schichtleiter in einem VW-Werk in Argentinien,
  • weil aber Merkel nicht will, dass das rauskommt, verbündet sie sich mit der katholischen Kirche (obwohl ostdeutsche Pastorentochter!) und lässt Hitler und den Wissenschaftler umbringen, den Mord bezahlt sie mit Bitcoins und organisiert ihn über das Darknet mit ihrem Alias “Mutti” (hintergründiger Humor, aber doch so platt, dass es alle verstehen)
  • Robert Langdon war zu einem Kongress in Berlin und findet eine verschlüsselte Nachricht, er will die Entdeckung publik machen, weil Mutti das rausfindet, hetzt sie ihm und der schönen Elsa (Indianer Jones Referenz) auch einen Killer auf den Hals
  • Langdon muss deshalb superschnell nach Argentinien und rausfinden, ob Hitler einen Sohn hatte
  • am Ende wird alles gut
Beitragsbild von Cristina Gottardi auf Unsplash
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