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Kategorie: Bücher

Bernhard Heinzlmaier – Performer, Styler, Egoisten

Wer weiß, dass alles immer schlimmer wird, muss erklären können, warum die heranwachsende junge Generation daran nichts ändern wird. Eine pessimistische Beschreibung einer Gesellschaft erfordert notwendigerweise stets eine negative Beschreibung ihrer Jugend. Bernhard Heinzlmaiers Buch Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben (Archiv der Jugendkulturen Berlin, 3. Auflage August 2013, 202 S.) bietet insofern, wenn auch nicht mehr ganz taufrisch, die methodische Ergänzung zu Robert Pfallers und K. P. Liessmanns Werken, die ich in den ersten beiden Teilen dieser Trilogie rezensiert habe. (Übrigens beziehen sich sowohl Pfaller als auch Heinzlmaier wiederholt auf Liessmann.)

Dass es seit mindestens über 40 Jahren (Tom Wolfe, The »Me« Decade and the Second Great Awakening, 1976) zur intellektuellen Geräuschkulisse der westlichen Industriegesellschaften gehört, die Jugend als egozentrisch und narzisstisch zu kritisieren, habe ich bereits in der Liessmann-Rezension angemerkt. Letztlich handelt es sich dabei um die aktuelle Akzentuierung der mindestens bis ins 5. Jahrhundert vor Christus (Aristophanes, Die Wolken) zurückgehenden Beschwerden über die Jugend von heute. Heinzlmaier liefert in seinem Buch ähnlich wie Pfaller eine ausgearbeitete Darstellung der vollständig ökonomisierten, »neoliberalen« Gesellschaft, in der wir seiner Meinung nach leben, und ordnet verschiedene mehr oder minder empirisch begründete Beobachtungen über die Jugend v.a. in Österreich in dieses Bild ein, die, wie der Titel schon andeutet, durchweg auf Narzissmus und Egozentrik abheben.

In groben Zügen sieht dieses Bild so aus (7–44): In der neoliberalen Marktgesellschaft ist das Bildungssystem bis auf unbedeutende Restbestände darauf reduziert, Individuen fachspezifisch und technisch auszubilden, damit diese in der Arbeitswelt als unternehmerisch agierende Monaden den Kampf aller gegen alle erfolgreich bestreiten können. Ob Erfüllung durch die eigene Arbeit dabei etwas ist, was den Massen vorenthalten wird (»Nur den Bildungseliten gelingt es noch, Arbeit und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden«, 10) oder etwas, womit diese sediert und angetrieben werden (»Nun genügt es nicht mehr, dass der Arbeitnehmer seine Arbeit einfach erledigt, er muss sie auch gerne tun«, 20), weiß Heinzlmaier dabei selbst nicht so genau, und es ist ihm auch nicht so wichtig. Der moralisch spätestens seit der Finanzkrise diskreditierte Kapitalismus hat jedenfalls aus der Gesellschaft ein reines Schmierentheater gemacht, in dem es um nichts mehr geht außer um persönliches, materielles Vorankommen, und alle wissen, dass alle lügen.

Der empirische Befund, der ab Seite 45 darstellt wird, ist interessanter: Die Jugend zerfällt nach Heinzlmaier in verschiedene Populationen, die fast nichts mehr miteinander gemeinsam haben; insbesondere gibt es eine quasi unüberwindliche Kluft zwischen Studierenden bzw. Studierten und nicht akademisch Gebildeten, und ca. ein Zehntel der jungen ÖsterreicherInnen kann als völlig abgehängtes Prekariat gelten, das die neoliberalen Institutionen nicht einmal mehr in den Arbeitsmarkt integrieren wollen (46f.). Kommunikations-, Freizeit- und Konsumverhalten der Jugend sind geprägt von losen Vernetzungen ewig Rollen spielender, sich bewusst selbst inszenierender Individuen, nicht mehr von starken gemeinschaftlichen Bindungen. Die konkreten Einzelbeobachtungen Heinzlmaiers sind dabei durchaus erhellend: So ist die mit Abstand größte Jugendszene Österreichs und Deutschlands die Fitness-Szene (109f.). Die Interpretationen der Befunde scheinen mir als Laie teils zweifelhaft, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, alle »szenigen« Jugend-Freizeitbeschäftigungen wie Snowboarden, Autotuning oder Social Media seien durchweg kompetitiv, überall müsse es Gewinner und Verlierer geben und so etwas wie »solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Handeln« (103) gebe es nicht mehr. Die aufgebotenen Theorieapparate stammen wieder einmal hauptsächlich aus den 70er/80er-Jahren (Ulrich Beck, Richard Sennett usw.).

Was Heinzlmaiers Werk durchweg nicht klar beantwortet, ist die Frage danach, inwieweit der angebliche Narzissmus, Egoismus, die Tugendferne (158), die sich darin ausdrücke, dass Gemeinschaft nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Mittel angesehen werde, universell oder bloß ein Milieuphänomen ist. Wenn er feststellt, dass unter Wiener Lehrlingen 35 % es gutheißen, dass ein ÖVP-Politiker seine Position zur Bereicherung ausgenutzt hat, unter höher Gebildeten jedoch nur 8 % (162), und im Weiteren große Unterschiede im Wertebezug zwischen FPÖ-Milieu und anderen Milieus konstatiert (166f.), liegt doch der Schluss nahe, dass das eigentliche Problem weniger ein allgemeines Außermodekommen gemeinorientierten Denkens und Handelns als vielmehr das Entstehen mehr oder minder sozialdarwinistisch denkender Soziotope und Subkulturen sein könnte. Die Beschreibung des Befundes als allgemeine Verfallsgeschichte wird auch dadurch in Frage gestellt, dass Daten dazu, dass es früher einmal besser gewesen sei, weitgehend fehlen.

Der Band hinterlässt bei mir insgesamt einen schalen Nachgeschmack: Ein Hagel von Theoretikernamen, Beobachtungen und Schlagworten für den sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte zieht an einem vorbei, aber jenseits der Feststellung, dass es irgendwie schlecht um die Jugend bestellt ist, bleibt das Gesamtbild diffus und wenig schlüssig. Ärgerlich ist an diesem Buch, das sei noch gesagt, dass es schlecht korrigiert ist und daher diverse peinliche Fehler enthält (»Hyprid«, 26). Zur Einordnung von Heinzlmaiers Forschung empfehle ich die Lektüre eines Interviews aus dem letzten Jahr in der Wiener Zeitung, das die subjektive Motivation erkennen lässt: Hier ist wieder einmal jemand unterwegs, der eine echte oder imaginierte »68er«-Jugendkultur als Maßstab zur Abwertung der Gegenwart heranzieht. Dass Heinzlmaier sich zumindest offen zur Misanthropie bekennt, die ihn dabei antreibt, kann schon fast wieder als sympathisch gelten.

Diese Rezension ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie von Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Bernhard Heinzlmaier über Jugendkultur behauptet

  • »Siedler« und »World of Warcraft« erziehen spielerisch zu ökonomischem und kolonialem Denken (19f.); vermutlich verwechselt Heinzlmaier hier Warcraft/Warcraft 2 und WoW.
  • »Oper, instrumentale Kunstmusik und in neuerer Zeit auch Jazz und Chanson sind die zentralen Bestandteile der legitimen Musikkultur. Im Gegensatz dazu werden Kompetenzen, die sich junge Menschen bezüglich der populären Kultur […] aneignen, weder gewürdigt noch repräsentieren sie einen Statuswert« (86).
  • »Selbst die [Fußball-]Ultras instrumentalisieren die Gemeinschaft nur mehr dazu, um ihre narzisstischen Selbstdarstellungs- und Selbstverwirklichungsinteressen realisieren zu können. Also auch hier sind sie vorbei, die Zeiten des einer für alle und alle für einen« (110).
  • »Es ist offensichtlich, dass die Wertesynthese im Sinne von Helmut Klages und Aristoteles unter Jugendlichen genau so wenig gelingt wie unter Erwachsenen.« (158)
  • »Die Tätowierung der Ehefrau eines Spitzenpolitikers kann ausschlaggebender für den Wahlerfolg sein als das Programm, das er vertritt.« (183)

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Konrad Paul Liessmann – Bildung als Provokation

Bereits auf der zweiten Vorwortseite von Bildung als Provokation (Zsolnay 2017, 244 S.) spricht K. P. Liessmann von dem »in einem klassischen Sinne Gebildete[n]« im Irrealis. Es gibt ihn nicht mehr, diesen Gebildeten; und gäbe es ihn noch, wäre er ein Zumutung für uns. Das ist die These des Aufsatzes, der dem Band seinen Namen gibt.

Es handelt sich in der Tat wieder einmal (wie bei Greiner und Pfaller) um einen uneingestandenen Sammelband – ehrlicherweise müsste etwas wie »18 vermischte Aufsätze, 2013–2016« auf dem Umschlag stehen. Immerhin gibt es am Ende einen Drucknachweis. Mit Bildung im engeren Sinne beschäftigt sich nur das erste Drittel; der Rest wurde aufgefüllt mit mehr oder minder passenden Texten, die sich z.B. mit Händen, Abfall, Innovation, Grenzen, Sozialdemokratie und bürgerlicher Politik befassen. Letztere beide Aufsätze sind dabei hervorgegangen aus Reden bei den Parteitagen der SPÖ 2014 und der ÖVP 2015. (Wäre Vergleichbares, dass also derselbe Philosoph beim SPD- und ein Jahr später beim CDU-Bundesparteitag spricht, in Deutschland möglich? Vermutlich ja – man möchte gar nicht darüber nachdenken.) Die Parteitagsreden in beiden traditionellen Lagern dürfen als symptomatisch gelten: Liessmann weiß einfach zu allem etwas zu sagen. Doch dazu am Schluss mehr.

Die Verkürzung des Titels »Belesenheit. Literarische Bildung als Provokation« (13–25) zum Titel des Bandes ist programmatisch. Auch wenn Liessmann ab und zu Bildungsgegenstände benennt, die nicht irgendwie literaturförmig sind – wenn er von Bildung spricht, meint er Belesenheit, definiert als je individuelles Gemachthaben lebens- und persönlichkeitsverändernder, einsamer Leseerfahrungen mit einer relativ großen Menge kanonisierter Werke, die »durch [ihre] pure Existenz den Grund für [ihre] Rezeption« darstellen (19; siehe auch Anhang). Zur Provokation wird Belesenheit nun deswegen, weil es Liessmann zufolge nicht nur so sein soll, dass Schul- und Hochschulsystem keinen Wert mehr darauf legen, Belesene hervorzubringen, sondern dass sie sogar aktiv verhindern wollen, dass sich in ihrem Rahmen mit Literatur beschäftigt wird.

Liessmanns Überlegungen dazu im titelgebenden und in den folgenden Aufsätzen prägt folgender Gedankengang: Belesenheit ist primär zweckfrei (dass sie sekundär segensreiche, von Liessmann eher übertriebene als heruntergespielte Auswirkungen haben kann, stellt er jedoch nicht in Zweifel); sie kann darum nicht planbar und prüfbar unterrichtet werden. Deswegen wird sie wiederum zwangsläufig stets ein Minderheitenphänomen bleiben; und ein auf die Erzeugung von Belesenheit ausgerichtetes Bildungssystem ist daher nicht dazu geeignet, soziale Gleichheit herzustellen.

Die Weltbeschreibung, die er als Kontrastfolie bringt, ist dabei abgeschmackter Feuilletonstandard, üblichstes Bologna-, Digitalmedien- und Didaktikbashing, wie es gefühlt alle 14 Tage irgendein mittelalter Herr aus Lehre und Forschung in der FAZ abliefert. Auch die seit spätestens 1976 pausenlos geführte Klage über den Narzissmus der jungen Generation darf nicht fehlen. Jedes nähere Wort dazu wäre zu viel, man hat das alles schon oft genug gelesen. (Interessant übrigens, dass zwei von Liessmanns wichtigsten Kronzeugen Publikationen von Christopher Lasch 1982 und von Heinz-Joachim Heydorn 1970 sind – ähnlich wie bei Robert Pfaller, der seine »Gegenwartsdiagnose« u.a. bei Richard Sennett 1977 und an Sprachtrends aus der Zeit der Ölkrise anknüpft.) Es wird auch nicht überraschen, dass Liessmanns Position dazu, was zum Bildungskanon gehören sollte, weithin eine der schicksalsergebenen Reflexionslosigkeit ist – Werke rufen, wie oben bemerkt, rein intrinsisch danach, rezipiert zu werden, und wenn dann eben fast ausschließlich Werke von lange toten Männern rufen (siehe wiederum Anhang) und z.B. (um nur ein winziges Beispiel zu nennen) keine Werke, die diesen Werk- und Kanonbegriff selbst irgendwie kritisch aufnehmen, dann ist das eben so, point final. Immerhin plädiert der Verfasser für eine Europäisierung des Kanons und damit implizit gegen die Ausrichtung von Bildung an Nationalliteraturen (23–25).

Es lohnt sich dennoch, zu überlegen, was die praktischen Konsequenzen von Liessmanns Argument sind. Wenn er Recht hat, dann sollte es doch vielleicht Ziel des Bildungssystems sein, dass fachlich hochqualifizierte Lehrkräfte mit gebotener Muße, ohne Didaktisieren und ohne Herumkritteln am Kanon, möglichst vielen die Chance eröffnen, klassisch belesen zu werden? Die Vorstellung einer Art humanistischer Einheitsschule drängt sich auf; man mag auch an Schulutopien denken, wie ich sie vor vielen Jahren bei einem Vortrag von Hartmut von Hentig in Marburg hören durfte (Schüler renovieren eigenständig ein altes Bauernhaus und berichten abends am Lagerfeuer in lateinischen Versen) – oder an das sehnsuchtsvolle Bild, das für viele hierzulande die Bachelor-Programme der großen amerikanischen Colleges darstellen, wo Studierende nicht selten 400 Seiten Lesepensum pro Woche haben und durchaus im Mathematikunterricht Euklid im griechischen Original bearbeiten. Gleichzeitig spricht sich Liessmann jedoch engagiert ebenso gegen die Vorstellung von Beeinflussbarkeit von Chancen wie gegen die Vermehrung höherer Schul- und Studienabschlüsse aus – in der (von ihm hart kritisierten) Wettbewerbsgesellschaft sei es Augenwischerei, Wettbewerb und Selektion erst nach dem Schulabschluss beginnen zu lassen (47ff.). Dass der Erwerb echter Bildungserfahrungen bestimmte ungleich verteilte Fähigkeiten erfordern möchte, die man vielleicht versuchen sollte, grundständig kompetenzorientiert zu unterrichten, taucht nicht auf. Liessmann spielt sogar mit dem Gedanken, dass es aufgrund der Verwurzelung des klassischen Bildungskanons in spezifischen Vergangenheiten unvermeidlich und möglicherweise sogar wünschenswert sein könnte, dass echte Bildungserfahrungen nur aus einer bestimmten Herkunft heraus gemacht werden könnten (51f.).

Arbeitet man sich durch die sechs lose verbundenen Aufsätze im Bildungsteil des Buchs, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Verfasser sich letztlich schlicht bis ins Detail das Bildungssystem, das er in seiner eigenen Jugend erlebt hat, zurückwünscht, vielleicht in einer europäisierten und idealisierten Form. Dafür spricht auch weiter hinten der hymnische Ton der Erinnerung an die eigene Maturaprüfung in Villach 1971 (113 ff.). Ohnehin – die Weise, in der Liessmann sich gleichzeitig als Person halbherzig aus der Argumentation heraushält, ständig durchblicken lässt, dass er selbst ein Exemplar des für ausgestorben erklärten belesenen Gebildeten darstellt, und dabei darauf beharrt, »man« (also: auch alle, die sein Buch lesen) empfinde solcherlei echte Bildung heutzutage als unangenehm, ist eben das: höchst unangenehm. Die Selbstüberschätzung spricht auch daraus, dass Liessmann gleich zu Anfang dem klassisch Gebildeten zuerkennt, er wisse »auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen« zu trennen (8), und über den gesamten Band hinweg immer wieder gegen die Ausbildung zu Digitalkompetenzen polemisiert – als wäre nicht das tagtäglich zu beobachtende Hereinfallen klassisch gebildeter mittelalter bis älterer Herren, aus Dresden oder anderswo, auf die billigsten Lügen von Extremisten die praktische Widerlegung seiner Wunschvorstellung (die bedenkliche Rede von der »Zensurbehörde« möchte ich erst gar nicht anfassen, genauso wenig sein Polemisieren gegen gendersensible Sprache u.Ä.).

Während das faktische Plädoyer für Theorie und Praxis einer konservativen Bildung immerhin noch konsistent, gehaltvoll und streckenweise sympathisch daherkommt, ließen mich die Aufsätze in den beiden hinteren Dritteln des Buches öfters mit dem Kopf schütteln. Insbesondere die Texte zu Abfall (140–151) und jener mit dem sprechenden Titel »Unsere Grenzen. Zwischen hier und dort« (202–210) rangieren hart an, wenn nicht jenseits der Grenze zur Belanglosigkeit; sie erinnern stilistisch an die Textsorte, die man gerne liberalen evangelischen Geistlichen zu Satirezwecken in den Mund legt:

Grenzen signalisieren deshalb ihrer Logik nach immer Folgendes: Hier ist dieses, aber dort ist jenes. Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb, an das zu denken, was hinter der Grenze liegt – eine Gefahr, eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. Gerade dort, wo Grenzen gezogen werden, um etwas ein für alle Mal abzugrenzen, wird dies nie gelingen. Denn jedem, der an einer Grenze steht, stellt sich diese eine Frage: stehen bleiben oder weitergehen. (206f.)

Der titelgebende erste Teil des Buches ist sicherlich der stärkere, aber auch er hält sich im Grunde vollständig im Rahmen gewohnter konservativer Kultur- und Bildungskritik. Dass Liessmann gerne gegen »Sonntagsreden« polemisiert, wirkt selbstironisch – hat er doch genau das abgeliefert: ein Buch voller Sonntagsreden.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Von Konrad Paul Liessmann konkret gutgeheißene Kulturgegenstände bzw. Bildungsinhalte

Adorno, Altgriechisch, Anders (Günther), Antike (griechische), Architektur, Arendt, Balzac, Beethoven, Berg (Alban), Beuys, die Bibel, Biologie, Büchner, Bude, Cervantes, Crouch, Dahrendorf, Dante, Dostojewski, Epiktet, Feuerbach, Flaubert, Fontane, Freud, Goethe, Hegel, Heidegger, Hobbes, Homer, Horkheimer, Humboldt (Wilhelm), Ibsen, Kant, Kazantzakis, Kierkegaard, Latein, Lessing, Literatur, Lübbe, Lyrik, Mann (Thomas), Marx, Mathematik, Mendelssohn (Moses), Mommsen (Wolfgang), Musil, Mythen (griechische), das Nibelungenlied, Nietzsche, Ott (Konrad), Petrarca, Physik, Platon, Proust, Raffael, Rilke, Ritter (Joachim und Henning), Rorty, Rousseau, Sandel, Schiller, Shakespeare, Spaemann, Staatskunst, Vergil, Voltaire, Wagner, Walter (Franz), Weber, Wolfram von Eschenbach, Zola

Photo by Igor Ovsyannykov on Unsplash

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David Foenkinos – Lennon

David Foenkinos hat ein paar von vielen viel, von mir bisher wenig beachtete Bücher geschrieben. Seine Bücher erscheinen in 40 Sprachen, sagt mir Wikipedia, und er selbst im Interview ist auch der Meinung, dass sein neustes Werk Lennon gelungen sei, schließlich verkaufe es sich ja gut. Bestechende Logik, trotzdem schlechtes Buch.

Schlecht ist dabei natürlich ein hartes Wort, es sind immerhin keine Schreibfehler drin, es hat einen Anfang und einen Schluss, es passiert etwas in der Mitte und es ist wohl inhaltlich nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt, aber irgendwie will man häufig ja doch ein bisschen mehr.

Der Inhalt ist schnell umrissen. In Lennon liegt ein fiktiver John Lennon in achtzehn Sitzungen auf der Couch eines Therapeuten und erzählt in Ich-Form ununterbrochen sein gesamtes Leben; ununterbrochen, da der Therapeut oder die Therapeutin kein Wort sagt. Unterbrechend sind nur kurz die Enden der fiktiven Sitzungen und am Ende Lennons Tod.

Lennon von David Foenkinos

Der Aufhänger ist dabei natürlich schon ein bisschen billig. Wo erzählt man sein Leben, wenn nicht beim Therapeuten, wird sich Bestseller-David gedacht haben. Das naheliegende Setting würde man gern verzeihen, wenn daraus irgendetwas gemacht würde. Die größtenteils vater- und mutterlose Kindheit, das Leben bei der Tante, der frühe Unfalltod der Mutter, lebenslanger Ruhm, Beatlemania etc pp all dies hätte sagenhaften Stoff gegeben, die Erzählung tiefer gehen zu lassen. Foenkinos lässt Lennon aber einfach nur erzählen und sich zwischendurch kurz selbst analysieren, was aber auch nicht über “das ist für Sie bestimmt ein interessantes Detail” hinausgeht. Kreativität sieht dann doch anders aus.

Lennon als Figur ist dabei je nach dem eine denkbar dankbare oder undankbare Person, die man als den Mittelpunkt eines solchen Buchs wählen kann. Ein umfangreiches Werk, eine gut bekannte, aber schwere Kindheit, wilde Jahre in Hamburg, absurde Jahre mit der größten Band der Welt und eine absurde Liebe zu einer absurden Frau, die heute Hamburger Kneipen abmahnt. David Foenkinos verarbeitet dabei, soweit ich das überblicken kann, alles fein säuberlich was bekannt und belegbar ist. Was anderen Autoren dieses Genres – die unbekannten Lücken mit Leben füllen, mit der Geschichte spielen, sie weiterentwickeln, Erklärungen finden – versucht David Foenkinos dagegen gar nicht erst.

Die große Frage bleibt daher während der ganzen Lektüre: Warum sollte ich das lesen? Mir fällt leider kein guter Grund ein. Lennon ist so unterhaltsam und inspirierend wie der Wikipedia Artikel Johns, nur das letzterer mehr Bilder hat. Will man sich Hintergrundinfos zum Chefbeatle reinziehen, eignen sich Bücher wie die Lennon Biographie von Philip Norman eher. In meinem Fantum habe ich sogar die Biographie seiner ersten Frau Cynthia gelesen und die würde ich mir eher ein zweites mal zu Gemüte führen als noch einmal den Lennon von David Foenkinos.

“Ich bin ein riesiger Fan seiner Songs”, sagt der Autor, “sie sind perfekt, einfach und stark zugleich, sie gehen leicht ins Ohr und sind doch ungemein komplex.” Das alles kann man über dieses Buch nicht sagen.

Beitragsbild: Von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 922-2301 – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20079241

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Auster und Klinge von Lilian Loke

„Hoffnungsträger ist ein furchtbar großes Wort, und ich sehe mich nicht in einer Riege“, sagt Lilian Loke angesprochen auf die Kategorisierung ihrer Person in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des Erscheinens ihres neuen, zweiten Romans Auster und Klinge bei C.H.Beck. Eine Rezension und ein Gespräch.

Auster und Klinge sind zwei.

Da ist Georg, ein Maler, der nicht mehr malt, der lieber wachrütteln will mit Aktionen im öffentlichen Raum, obwohl seine Galeristin ihm wieder zu Gemälden rät, die sich auch besser verkaufen. Aber Geld braucht Georg eigentlich gar nicht zu verdienen, denn er ist mit einem üppigen Erbe ausgestattet, lebt aber lieber distanziert von der schweineschlachtfabrikbetreibenden Verwandtschaft.

Auf der anderen Seite ist Victor. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen schiefgegangenen Einbruch einsaß, bei dem er den Hausherrn fast totgeprügelt hat (u.a. § 252 StGB für die Jurafreaks; aber auch ziemlich nah an §§ 211 Abs. 2, 22, 23 Abs. 1 StGB, also mit einer kurzen Gefängnisstrafe noch ziemlich gut bedient). Victor ist aber – bis auf diese Tatsache und dass ihn Einbrüche ziemlich kicken – gar kein so übler Kerl. Am liebsten würde er ein Restaurant mit einem alten Kumpel eröffnen und endlich wieder mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zusammenwohnen. Weil diese Frau aber erst kurz vor dem unrühmlichen Gefängnisaufenthalt vom Doppelleben ihres Mannes erfuhr, ist diese verstimmt. Mit ehrlicher Arbeit müssen nun die Schulden bei alten Komplizen abgearbeitet werden, bevor man für den großen Traum sparen kann.

Auster und Klinge können beide sein.

auster und klinge lilian loke cover

An dieser Stelle ihrer Lebensläufe treffen Georg und Victor aufeinander und ziehen zusammen. Als Victor erfährt wie vermögend Georg eigentlich ist, schließen beide einen Deal. Georg soll Victor finanziell bei der Eröffnung des Restaurants sponsorn und Victor bringt Georg das Einbrechen bei – für dessen Kunst, bis eine Aktion aus dem Ruder läuft und Victor erneut den großen Traum gefährdet sieht.

Bei Amazon „beschwert“ sich eine Leserin, die einen „lockeren, vielleicht humorvollen Roman über ein interessantes Duo“ erwartet hat. „Auster und Klinge“ liest sich tatsächlich stellenweise leicht wie Unterhaltung, behandelt aber harte Themen. „Wer schwarzen Humor mag, kommt bei mir sicher eher auf seine Kosten“, sagt Lilian mir im Gespräch. „Ich wollte harte Themen mit Humor angehen, auch im Schrecken Komik finden. Neben der Sprache sind mir vor allem Figuren mit Licht- und Schattenseiten und ein starker Plot mit straffen Spannungsbögen wichtig. In der deutschen Literatur wird gern recht streng zwischen Ernster Literatur und Unterhaltungsliteratur getrennt, aber gute Literatur sollte auch ernste und harte Themen interessant und kurzweilig vermitteln können. Nichts ist trauriger als ein langatmiges Buch, das legt man beiseite.“ Langatmig ist Auster und Klinge sicher nicht, denn die Geschichte entwickelt Fahrt. Die Story von Georg und Victor muss man dabei weniger als ernstgemeinte Fiktion nehmen als vielmehr als ein Rollenspiel. Dass die Figuren dabei manchmal etwas zu offensichtlich ihre Rollen spielen, verzeiht man aber gern.

„Kunst darf auch wehtun, aufwühlen, reizen. Außerdem gilt »Depiction is not endorsement«: Nur, weil etwas in einer Fiktion dargestellt wird, wird es dadurch nicht automatisch befürwortet. Diese Entscheidung liegt beim Leser oder Betrachter und ist Teil des Rezeptionsprozesses. Ich schreibe bewusst möglichst dicht aus der Perspektive der jeweiligen Figuren, ohne eine auktoriale und wertende Erzählinstanz, um dem Leser größtmögliche Freiheit zu geben. Für mich sind besonders Geschichten und Kunstwerke interessant, die einen Konflikt im Rezipienten erzeugen, den er selbst individuell auflösen kann. Ein Bild erschreckt mich, aber ich kann nicht aufhören, es anzusehen – warum? Ein Protagonist ist mir sympathisch, aber seine Handlungen sind verwerflich, meine Sympathien bleiben oder schwinden – weshalb? Wie positioniere ich mich zum Dargestellten? Ob Woyzeck, der zum Mörder wird, Michael Kohlhaas, der zur Selbstjustiz greift oder Breaking Bads Walter White, der als Drogenproduzenten groß in die organisierte Kriminalität einsteigt, Antihelden ermöglichen ein besonderes Spannungsfeld, einen anderen, einen tieferen Blick auf bestimmte Themen.“

Lilian Loke hat mit Auster und Klinge einen Roman mit Witz und der nötigen Portion Anstoß zum Nachdenken geschrieben, dass man mit der Autorin gerne gemeinsam zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung balanciert. Die Hoffnungsträgerin sagt selbst, dass sie jeden Tag alle um sich herum hoffnungsvoll beobachte, und sehr oft würde dieses genaue Hinschauen belohnt. Beobachten wir weiter hoffnungsvoll Lilian, man kann recht sicher von weiteren Belohnungen ausgehen.

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Robert Pfaller – Erwachsenensprache

In seinem Buch Erwachsenensprache (258 S., Fischer, 3. Aufl. Januar 2018) stellt Robert Pfaller die Bezeichnung von »Putzfrauen« als »Raumpflegerinnen« als Phänomen der »vom Neoliberalismus zerfressenen Situation der Postmoderne« dar (164). Wer das vage bekannt findet, kennt das Beispiel vielleicht noch aus dem einen oder anderen Deutschbuch der 1980er; jedenfalls ist es tatsächlich so, dass die Verwendungshäufigkeit des Wortes »Raumpflegerin«, soweit der Korpus von Google es kennt, ihren Höhepunkt exakt mit dem Jahr 1973 erreicht hat, dem Jahr der Ölkrise, das selbst für die härtesten Neoliberalismustheoretiker als ein Jahr gelten darf, in dem mit dem sozialdemokratischen Westen gerade noch eben alles in Ordnung war. Seitdem hat die Frequenz wieder stark abgenommen. Die Konjunktur von »Putzfrau« ist übrigens durch »Raumpflegerin« nie auch nur verlangsamt worden. Merkwürdigerweise ist es so, dass um dieselbe Zeit, nämlich 1975, der Ausdruck »adult language« für sexuell explizite Sprache den Höhepunkt seiner Popularität im Englischen erreicht; und dies ist der Ausdruck, an dessen bloßer Existenz Pfaller sein gesamtes Buch hochzieht (bzw.: es hochzuziehen behauptet, da es sich hier um einen Essayband handelt, der so tut, als sei er eine geschlossene Abhandlung, ein Ärgernis, das mir schon bei Ulrich Greiner aufgefallen ist).

So funktioniert über weite Strecken das ganze Werk: Es nimmt sich irgendwelche Phänomene her (entweder per Anekdote oder durch bloße Behauptung), entledigt sie jedes prüfbaren Kontexts, der irgendwie Informationen dazu liefern könnte, wie groß oder klein ihre tatsächliche Bedeutung ist, und reiht sie in eine Erzählung ein, die längst geschrieben ist. Diese Erzählung lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die USA betreiben seit Langem erfolgreich eine auf Verarmung der Menschheit und Verwüstung der Erde zugunsten des Einflusses einer winzigen, mächtigen Elite gerichtete neokoloniale Politik. Flankiert wird dieser Feldzug durch identitätspolitische Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Menschen infantil, dumm, empfindlich, narzisstisch und sich untereinander spinnefeind werden, sodass sie keinen Widerstand leisten. (Es sind in der Tat »die Behörden der USA«, die weltweit für antirassistisches Gedankengut oder Empfindlichkeit für weiße Privilegien verantwortlich sind, weil die USA die Welt »mit Dekolonialisierung […] kolonialisieren«; 38f.) Alles in allem war alles noch nie so schlimm wie heute und alles wird immer schlimmer (16 ff.). Es handelt sich wirklich um ein ganz altmodisches, klassisch antiamerikanisches Buch. Man fühlt sich bei der Lektüre immer wieder mitten in die Nullerjahre zurückversetzt. Dass so etwas wie der Krieg in Syrien möglicherweise nicht allein auf amerikanischem Mist gewachsen sein könnte, wird nirgendwo auch nur in Erwägung gezogen. Ein irgendwie empirisch gestützter diachroner und globaler Blick auf Phänomene wie Armut, Ungleichheit, Krankheit und Krieg, der das ausgebreitete Höllenpanorama relativieren könnte, geschieht schlicht nicht. Das Buch ist ein Buch für heterosexuelle weiße Europäer, da mache man sich nichts vor.

Viele der interessantesten Sätze stehen, wie gesagt, gänzlich ohne Literaturhinweise oder Erläuterung herum – wenn es etwa heißt, es seien »in westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten meist grüne und sozialdemokratische Kräfte [gewesen], die nach Polizei und bürokratischer Regulierung […] riefen« (138) oder dass »Ausbildung zur Eigeninitiative« an Hochschulen heute bedeute, »dass man Studierenden alles vorschreibt, was sie zu tun haben« (34). Es wird bereits im ersten Kapitel glasklar, dass Erwachsenensprache ein Buch ist, das niemanden von irgendetwas überzeugen will. Hier spricht jemand zu einem Publikum, das das Gesagte für ebenso selbstverständlich hält wie Pfaller selbst.

Aber was genau wird nun über Sprache gesagt, außer, dass in ihrem Medium anscheinend irgendetwas Sinistres, amerikanisch Getriebenes, Postkoloniales und Postmodernes passiert, das die Welt zerstört? Es wird ein recht großer Theorieapparat in Stellung gebracht, der u.a. mit Marx, Freud und Nietzsche operiert und auch vor anspruchsvoller eigener Begriffsbildung nicht zurückschreckt (vgl. den Aufsatz »Weiße Lügen, schwarze Wahrheiten«, 70–111), aber der gezogene Schluss ist recht einfach: Pfaller fordert in erster Linie eine Entprivatisierung des Öffentlichen, ein Heraushalten von Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum. Die Öffentlichkeit soll (wie Pfaller findet: wieder) ein Raum werden, in dem »starke, stolze Menschen« (140) einander als Gleiche gegenübertreten. Es ist nirgendwo die Rede, wie damit umgegangen werden soll, dass es ja tatsächlich nennenswerte Probleme mit Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten gibt – sie werden schlicht wegdeklariert. Tatsächlich beschädigte oder diskriminierte Menschen tauchen bei Pfaller nicht auf; jede Beschwerde, die nicht antikapitalistisch-antiamerikanisch ist, ist das Ergebnis eingeredeter und eingebildeter Schwäche. Reiß dich zusammen, werde stark und klage über das Richtige!, ruft er uns zu, und passenderweise weiß er auch genau, was das Richtige ist. Die von mir laienhaft immer für das Spezifikum linker Theoriebildung gehaltene Zurückhaltung davor, Einzelnen oder Gruppen persönliche Verantwortung für die Verhältnisse zuzuschreiben, ist dabei nicht erkennbar – im Gegenteil werden diverse Personenkreise (z.B. alle Angehörige von Minderheiten, die sich für die Berücksichtigung von deren Rechten innerhalb von Institutionen einsetzen) als »Kollaborateure« (28) geziehen.

Pfallers Zusammenwerfen sämtlicher Arten behaupteter postmoderner Entmündigungen und Schwächungen des Subjekts bietet dem demonstrativen Raucher immer wieder die Möglichkeit, Gesundheitsinitiativen und spezifisch Rauchverbote als deren Paradigma darzustellen. Seine Nemesis ist der fanatische Nichtraucher, der noch nicht einmal einen Atemzug Passivrauch riskieren will, weil er befürchtet, dadurch sofort irreparabel geschädigt zu werden (154f.). Alles echte oder imaginierte Leiden an gesellschaftlicher Schlechterstellung, das nicht in seinen antiamerikanisch gefassten Hauptwiderspruch passt, steht für ihn auf einer Stufe damit, einmal ein bisschen Rauch in die Lunge zu bekommen. Aber es ist eben nicht nur Rauch in der Lunge; und auch die gern als geistige Quelle des ganzen Unheils beschimpften amerikanischen Universitäten sind nicht so, wie Pfaller und all die anderen glauben, dass sie sind. Dass das niemanden kümmert und der Medienbetrieb ein so völlig an Wahrheit oder Falschheit seiner eigenen Weltbeschreibung desinteressiertes Buch wie das Pfallers nicht nur im Ganzen und weitgehend ohne es zu hinterfragen schluckt, sondern sich dabei mutmaßlich auch noch aufklärerisch vorkommt – das ist schlimm.

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Robert Pfaller glaubt

  • Gleichstellungsinitiativen an Universitäten führen dazu, dass »junge Wissenschaftlerinnen, um bessere Chancen zu gewinnen, sich verstärkt mit Genderthemen beschäftigen müssen. Dadurch aber vernachlässigen sie andere Fragen, und es wird in der Folge […] zunehmend schwieriger, überhaupt geeignete weibliche Expertinnen für  [andere] Themen zu finden. Frauen bleiben dann weiterhin unterrepräsentiert. Umso notwendiger, können die Arbeitskreise dann rufen, ist unsere Tätigkeit.« (28)
  • Die Zacken des Gender-Sternchens stehen für das Empfinden verschiedener Gruppen (29).
  • Die EU betreibt »im Interesse der NATO in der Ukraine eine gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland« (37).
  • Das Wort »N*ger« ist unproblematisch, da »in keinem europäischen Land Sklaven aus Afrika gehalten wurden wie in den USA und dieses Wort somit niemals dieselbe Bedeutung besaß wie das amerikanische Wort ›N*gger‹« (beide Wörter im Text ausgeschrieben, 39).
  • Performative Sprechakte nach Austin bestehen einfach darin, dass beim Vollzug bestimmter Handlungen immer bestimmte Äußerungen ausgesprochen werden (70).
  • »Es ist mittlerweile fast unmöglich oder wenigstens sehr teuer geworden, auch nur irgendwelche Kleidung zu erwerben, die nicht von punkigen Elementen wie Löchern, Rissen, Sicherheitsnadeln, riesigen Markenlogos oder mehr oder weniger politischen Parolen markiert wäre.« (104)
  • Es ist organisierte Einbildung, die dafür sorgt, dass »Frauen bestimmte ihrer geschlechtsspezifischen Privilegien plötzlich als Nachteile wahrnehmen« (159).
  • »Es ist doch ganz hübsch, wenn man mit Handkuss begrüßt wird oder an einer Türe den Vortritt gelassen bekommt, auch wenn man vielleicht eine kleine Überraschung unter dem Rock trägt.« (165)
  • »Mit neidischem Staunen schließlich sehen wir in alten Filmen, wie rauschend, glamourös und heiter unsere Eltern oder Großeltern ihre Partys feiern konnten.« (188)
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Céline Minard – Das große Spiel

Übersetzt von Nathalie Mälzer.

Keine Ahnung, was immer alle mit Bergen und Wandern haben, wo doch die Natur keinen Geist hat. Also ich bleibe ja lieber zu Hause, ich bin ja aber auch grundsätzlich eher ein bisschen faul. Wenn man zu Hause bleibt, kann man dort Bücher lesen, das ist praktisch, dann hat man nämlich gleich noch eine Ausrede dafür, sich gar nicht bewegen zu müssen. Man kann beispielsweise klassische Sagen lesen, dann weiß man, dass die Götter auf einem Berg, dem Olymp (ja, wirklich!), wohnen. Man kann die Bibel lesen, dann weiß man, dass Berge ein Ort der Rettung (Noah strandete auf einem, Psalm 121 etc.), in jedem Fall aber ein Ort der Begegnung mit dem Transzendenten (Isaaks Opferung, Mose auf dem Sinai etc. etc.) sein können. Und wenn man dann noch ein bisschen rumgoogelt, was zuhause auch besser geht als auf so einem Berg beim Wandern, findet man heraus, dass es überall auf der Welt heilige Berge gibt, dass den Berg als herausgehobenen Ort mit „Transzendenz“ zu verbinden also wohl eine kulturübergreifende Idee zu sein scheint.

Und dann kann man auch „Das große Spiel“ von Céline Minard lesen, wenn man nicht lieber über Gesteinshubbel trampelt und sich Blasen an den Füßen holt. Die namenlose Erzählerin dieses Romans hat sich nämlich ein Stück Berglandschaft gekauft, sich dort ein mit etlichen Segnungen der Zivilisation versehenes high-tech-Domizil errichtet, um sich aus der Zivilisation, unter der sie schrecklich leidet, weil alle doof sind, zu verabschieden, um herauszufinden, ob man gegen sich selbst Schach spielen kann, ob man die Isolation aushalten kann, ob Not ein Umstand, ein Seelen- oder Körperzustand ist, kurz: Es geht eben um existentielle Erfahrung.

Und das in anderer Weise als in Haushofers Roman „Die Wand“, an den man unweigerlich beim Lesen des Klappentextes denken muss (und diese Assoziation führte dazu, dass ich das Buch gekauft habe, denn „Die Wand“ ist ein hervorragender Roman – aber tatsächlich, auf ganz andere Art „Das große Spiel“ eben auch, wenn auch vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger hervorragend), denn in „Die Wand“ ist das Exil nicht selbst gewählt (oder vielleicht doch, wenn man davon ausgehen will, dass die Protagonistin sich die Wand nur einbildet), vor allem aber ist es nicht möglich, dem Exil zu entkommen: Die Not ist wirklich existentiell und wird mit der Zeit drückender. In „Das große Spiel“ ist das nicht der Fall.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich all das so mit maximal augenrollendem Gestus nacherzähle, aber diese Form von Zivilisationskritik, dieses Waldgängertum, ist eben für mein Empfinden maximal albern, vor allem dann, wenn die Protagonistin trotzdem Handy und Laptop hat, um sich im Zweifelsfall in die Zivilisation zurückbringen zu lassen. Das ist eine Form der Zivilisationskritik, die bloßer Gestus ist und auf der Gewissheit wächst, ohne Probleme in diese Zivilisation zurückkehren zu können.

Aber: Ganz so platt funktioniert der Roman dann doch nicht. Tatsächlich ist „Das große Spiel“, so viel ich ideologisch daran drollig finde, ein ästhetisch sehr gelungener Roman, und vermutlich ist er sogar ideologisch interessanter als andere Romane ähnlichen Fahrwassers. Denn Minard lässt ihre Figur die eigene Misanthropie unterlaufen, sie lässt sie zum Tier werden und sich gleichzeitig selbst transzendieren und bricht damit gängige raunende Waldgängerei, überhaupt die Vorstellung von Selbsttranszendierung durchaus auch auf.

Denn die Frau, die sich hier in einer Berglandschaft den Elementen aussetzen will, wird in all ihrer misanthropen Ablehnung der Menschheit, die aus „Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen“ (S. 12 und diverse andere Stellen – diese Trias wird feststehend mehrfach wiederholt) mit der Zeit selbst – vielleicht – schwachsinnig, zumindest stellt nicht nur sie selbst entsprechende Mutmaßungen an, auch der Leser muss zunehmend erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Figur entwickeln: Und das fängt schon damit an, dass man nicht genau weiß, ob sie in den Bergen wirklich auf einen anderen Menschen trifft oder ob sie Tiere (ein Murmeltier) mit einem Menschen verwechselt. Ihre eigene Misanthropie hält sie zumindest nicht durch – und damit bekennt sich der Roman stärker zum menschlichen Miteinander als zum erwählerischen Einzelgängertum. Die Erzählerin entwickelt zudem selbst tierische Verhaltensweisen, wird also in der Isolation nicht zum der Menschheit überlegenen Menschen, sondern zum Tier, zur Natur, zur Idiotin, die sie eigentlich verachtet (es sei denn, die Natur wird hier als überlegen zum Menschen gedacht, das könnte auch sein, das wäre dann wiederum ein anderer Fall; mehrheitlich sprechen die Wertungen, die die Erzählerin ausspricht, aber nicht dafür). Sie „akklimatisiert“ tatsächlich, während sie noch darüber nachdenkt, ob es möglich ist, sich in dieser Berglandschaft zu akklimatisieren.

Am eindrucksvollsten wird das an der Sprache des Romans deutlich: Der Roman beginnt mit einem grammatikalisch brüchigen ersten Satz „Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde.“ (S. 5), die ersten ca. 30 Seiten des Romans lesen sich ungelenk und holprig, und je länger die Protagonistin in ihrem selbstgewählten Exil lebt, desto glatter wird die Sprache, bis sie am Ende stellenweise beinahe lyrisch ist. Die Sprache wird selbst Natur, insofern als gegen Anfang des Romans Naturbeschreibung letztlich nur durch das Handeln der Figur möglich ist – die Berge werden beschrieben als Raum, der durchschritten wird, als Raum, der bearbeitet wird – und gegen Ende die Natur in Bildern, insbesondere in belebten Bildern gefasst wird. Das ist schon bemerkenswert gut gemacht.

Ein bisschen störend sind dagegen leider die (zum Glück jeweils kurzen) philosophischen Einschübe, in denen es ganz unangenehm (und das sage ich als jemand, die der Sprache Heideggers ästhetisch durchaus etwas abgewinnen kann) heideggert. Da wird eben wirklich geraunt, da findet sich halt wirklich ein Jargon der Eigentlichkeit, der irgendwie ergriffen bedeutungsschwanger daherschwadroniert, als bergen seine Worte ein Geheimnis, das aber in Wirklichkeit gar nicht da ist. Beispielsweise eine Passage wie diese wirkt in all ihrer inkonsistenten freien Assoziation ehrlich gesagt so, als hätte Ada, die zentrale (und sehr nervige) Hauptfigur aus Juli Zehs „Spieltrieb“ in den letzten Jahren einfach viel Existenzphilosophie gelesen und würde nun in „Das große Spiel“ als literarische Wiedergängerin ihr Unwesen treiben:

„Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, sich verfügbar zu machen, seine Kräfte zu bündeln und sie zu mobilisieren, um das Problem zu lösen, das sich einem in den Weg stellt. Aber was passiert, wenn die Aufmerksamkeit sich auf gar kein Problem konzentriert? Wenn sie sich zum Beispiel auf die Atmung richtet, wird die Atmung dann zum Problem?

Kann diese Art von Gegenstand eine unabgelenkte Aufmerksamkeit hervorrufen? Weder durch ein Spiel noch durch Kunst noch durch Sport, ein Versprechen oder eine Drohung. Durch überhaupt keine Regel. Ganz nah an einem Risiko und einer Grundsatzentscheidung: lieber atmen als gären, lieber Blut saugen als Saft.“ (S. 66f.)

Na ja, gut, kann ja jeder trinken, was er mag. Aber natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 66 vom „In-der-Welt-Sein“ die Rede ist, natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 102 Leibniz („warum gibt es eigentlich etwas und nicht nichts“) anzitiert wird, weil damit eben gleichzeitig Heidegger („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“) zitiert wird, und natürlich ist Heidegger gemeint, wenn mit „Die Welt verändert sich, wir verändern uns, und in diesem Fluss gibt es nur das Band“ Heraklits „panta rhei“ angedeutet wird, denn Heidegger schloss u.a. an Heraklit an, usw. usw. Es heideggert eben. Und so wie bei misanthroper Zivilisationskritik sollte man halt, so gut der Roman ist, zumindest im Hinterkopf beim Lesen mitdenken, dass das nicht ganz harmlos ist, sondern eben: immer nahe am misanthropen Erwähltheits-Geraune (und ich stelle nicht partout Existenzphilosophie, mit der ich grundsätzlich etwas anfangen kann, unter den Verdacht, nicht ganz harmlos zu sein, sondern eine allzu gewollte Selbstergriffenheit, die sich in ihr Vokabular kleidet und die eben allzu sehr von der eigenen Überlegenheit, der eigenen überlegenen Wahrnehmungssensibilität, und damit von so etwas wie Erwähltheit ausgeht). Auch wenn dergleichen hier insgesamt vermieden wird. Aber der Roman hätte halt einfach auf S. 184 unten, nicht auf S. 185 in der Mitte enden sollen, dann hätte ich nicht abschließend nochmal mit den Augen rollen müssen. Man kann wohl nicht alles haben.

Davon abgesehen: „Das große Spiel“ ist sprachlich bemerkenswert und bricht zumindest in Nuancen mit altem Einsiedler-Kitsch. Die Protagonistin akklimatisiert sich. Sie wird zu Natur, ihre Sprache wird zu Natur. Sie trifft auf vermeintlich Unsterbliches – vielleicht aber auch nur auf Halluzinationen und ein Murmeltier, das bleibt offen – und versucht diesem ähnlich zu werden. Die Berge sind also auch hier Ort der Begegnung mit dem Transzendenten, Ort der Selbsttranszendierung als Selbstüberwindung, als Selbstveräußerung. Es könnte aber auch Wahnsinn sein. Es könnte aber auch wirklich Übernatürliches sein, auf das die Erzählerin trifft, und damit könnte es sich wirklich um die Auflösung der Genregrenze handeln, wie der Klappentext das so behauptet. Sicher sagen lässt es sich nicht. Und indem diese Spannung gehalten wird, ist dieser Roman eben wirklich ein lesenswerter. Am Ende hat „Das große Spiel“ nichts Schwärmerisches, trotz gelegentlichem Geraune. Glücklicherweise. Lest das ruhig mal, es ist recht gut.

Lest aber ruhig auch die sehr schönen und Interessanten Beiträge von anderen Blogger*innen zu diesem Buch:

(Beitragsbild von Denys Nevozhai auf unsplash)

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Richtig Tiere essen?! – The ethical Carnivore von Louise Gray

Louise Gray zieht aus, um ein Jahr lang nur das Fleisch von Tieren essen, die sie eigenhändig getötet hat und scheitert bereits im Vorwort fast an einem Kaninchen. So führt sie in den Kampf ein, den sie ausfechten muss, im Umgang mit tödlichen Waffen, Vorurteilen von Jägern und Jägern gegenüber, der Ignoranz, aber auch dem Unwissen, von Konsumenten beim Erwerb von eingeschweißtem Fleisch an der Theke. Ihr Kampf ist zu Beginn aber vor allem ein Ringen mit sich selbst. Möchte ich Tiere töten? Was fühle ich, wenn ich Tiere töte und muss ich wirklich ein Leben nehmen, nur um etwas zu essen?

Fleischessen als Thema ist inzwischen derart aufgeladen, dass sich in Diskussionen schnell Fronten bilden. Gray ist aber neugierig und unvoreingenommen, sie spricht ehrlich über ihre Bedenken beim Töten und noch ehrlicher zum Beispiel über den Abscheu, den sie bei ihrem ersten Schlachthofbesuch empfindet. Sie erkennt die offensichtlichen Vorteile der Reduzierung des Fleischkonsums (Reduzierung von Treibhausgasen, Gesundheitsaspekte für den Konsumenten, Schonung von Ressourcen, Verminderung von tierischem Leid etc.), gibt aber zu dass es auch ihr nicht immer leicht fällt, vegetarisch oder vegan zu leben.

Richtig Tiere essen?! ist dabei keine martialische Reise von Schlachthof zu Schlachthof. Gray beginnt mit dem Töten von Austern und erkundet dabei die Austernbänke ihrer Heimat, sie geht Angeln und schreibt über die Überfischung der Meere und Lachswanderungen, das Schießen von Tauben und Grauhörnchen sind Anlass für Ausführungen zu Fressfeinden und natürlichem Lebensraum in Wald und Flur. Die Probleme der Massentierhaltung sind selbstverständlich eines der Hauptthemen des Buchs, aber auch diese werden differenziert dargestellt, denn Massentierhaltung bedeutet nicht zwangsläufig mehr Leid für Kreaturen, sondern können durchaus zu Vorteilen für Halter, Tier und Konsument führen.

Louise Gray war fünf Jahre „Environment Correspondent“ für The Daily Telegraph, ein Jobtitel unter dem ich mir nichts vorstellen kann. Ihre Themen – u.a. Klimawandel, nachhaltige Landwirtschaft – lassen dann aber doch ein gewisses Profil vermuten, das Richtig Tiere essen?! im Verlauf der Lektüre bestätigt. Es gibt Zeigefinger – wie könnte man nicht bei der allfälligen Ignoranz – in diesem Buch, aber Gray ist keine verbohrte Dogmatikerin, sie möchte nicht belehren, sondern differenziert und ruhig Vor- und Nachteile aufzeigen. Der Leser möge dann selbst entscheiden. In diesem Buch gibt es keine Schocker [dafür bitte nach unten scrollen], es ist die persönliche Geschichte der Suche nach der richtigen Ernährung.

Richtig Tiere essen?! ist ein gelungener Anlass das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und wenn schon nicht ganz auf Fleisch zu verzichten, dann doch wenigstens bewusster auszuwählen und hoffentlich bewusster zu genießen.

Weiterführende Informationen:

Der Rezensent verfügt ebenfalls über Erfahrungen im Schlachten (von Schweinen), die man hier nachlesen kann.

Jonathan Safran Foer hat sich in Tiere essen vornehmlich in den USA die Massentierhaltung vorgeknöpft.

Jamies Oliver wird geliebt und gehasst, gerade weil er sich zum Volksaufklärer der Briten aufgeschwungen hat. Schocker erzeugen Aufmerksamkeit und vielleicht hinterfragt man dann auch mal was:

Cowspiracy gehört ebenfalls zum harten Scheiß (aber weil Fleisch”produktion”) eben der harte Scheiß ist. Den Film gibt es inzwischen bei Netflix

Die Konsequenzen der globalen Lebensmittelproduktion auf unser Ökosystem, unsere Gesundheit und Wirtschaft, noch recht neu bei Netflix, die hauseigene Serie Rotten in mehreren Teilen, die sich jeweils einem Thema (Honig, Allergien, Geflügel-, Milchindustrie, Fisch) widmen. Eine True Crime Serie (!)

ARD Brisant hat zur Weihnachtszeit Gänse auf dem Marktplatz schlachten lassen, kam super an.

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Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

edna o'brien die kleinen roten stühleNach Cloonoila – ein kleines, irisches Nest – kommt ein Fremder und sucht nach einer Herberge. Er ist gutaussehend und geheimnisvoll. Im Dorf ist man Neuankömmlingen gegenüber skeptisch, was durch dessen schillernden Berufsbeschreibungen Dichter, Heiler, Sexualtherapeut noch verstärkt wird, der Gipfel sein Wunsch sich dort niederzulassen. Die Kirche schaltet sich ein, doch Dr. Vlad wickelt nicht nur deren Vertreter ein, sondern weiß bereits bei den ersten Patientinnen mit Erfolgen zu überzeugen oder sich geschickt bei der Polizei Nachfragen zu entziehen. Aus vielerlei Perspektive erfährt man wie das Dorf sich von dem geheimnisvollen Doktor – mit Lyrik, mit Wanderungen und Heilungen – einlullen lässt.

Als Hauptfigur kristallisiert sich im Laufe des Romans die kinderlose, mit einem älteren Mann verheiratete Fidelma heraus. Sie verliebt sich in den Fremden, wünscht sich von ihm ein Kind und empfängt dieses auch. Doch die Vergangenheit des Doktors holt das gesamte Dorf ein als er eines Tages festgenommen und offenbar wird, was er tatsächlich ist, ein Kriegsverbrecher des Bosienkriegs auf der Flucht. Cloonoila ist in heller Aufruhr und Fidelma wird von Agenten heimgesucht, die an ihr die Rache verüben, die für den Doktor vorgesehen war.

Edna O’Brien, Jahrgang 1930, hat mit Die kleinen roten Stühle, dieses Jahr im Steidl Verlag erschienen, wahrlich eine faszinierend, bedrückende Geschichte der neueren europäischen Geschichte verarbeitet. Dr. Vladimir Dragan ist dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nachempfunden, der erst im letzten Jahr von dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Teilnahme am Massaker von Srebrenica zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde.

Grigori Rasputin (um 1914/16)
Grigori Rasputin (um 1914/16)

Dass Kritiker und Kollegen sich nun vor Begeisterung überschlagen, liegt an der unfassbaren Wucht, mit der Edna O’Brien die Gräuel von Massakern, Belagerungen und Hass schildert, ohne diese wirklich zu schildern. Ein Meisterwerk – sagt Philip Roth auf dem Buchrücken zurecht – weil hier nicht plump sämtliche Widerlichkeiten, zu denen – auch die moderne, europäische – Menschheit – auch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert – fähig war, geschildert werden, sondern auf irische Idylle, persönliche Schicksale, die bisher keine anderen Sorgen als Kinderlosigkeit oder das Schließen der eigenen Boutique hatten, gepfropft werden. Meisterwerk, weil auf diesem Hintergrund in Nebentönen, in Stimmungen das unfassbare Leid gezeichnet werden und dazu diese schier unglaubliche Geschichte des Doktors, einer Geschichte des Leugnes, von Arroganz und Mitleidlosigkeit. O’Briens Doktor ist ein Rasputin und Wunderheiler, ein Seher. Sie schafft eine Figur, die ihre Abgründe in scheinbarer Menschenfreundlichkeit verbirgt und im Hintergrund hört man die Schreie der Geschundenen und Toten. Die Gewalt ist über 300 Seiten greifbar, nimmt den Leser brutal gefangen und wird aber nie voyeuristisch geschildert. Die kleinen roten Stühle tatsächlich ein Meisterwerk!

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Hisham Matar – Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater

Am vergangenen Montag, den 20.11.2017, erhielt Hisham Matar für seinen Roman „Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ den Geschwister-Scholl-Preis. Dieser Preis ist kein Literaturpreis wie jeder andere, es geht ihm nicht einfach um die autonome literarische Kunst, sondern es geht ihm um die literarische Kunst in der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung, die sie eben auch hat oder doch zumindest haben kann. „Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“, so die Absichtserklärung des Preises, der erstmals 1980 an Rolf Hochhuth für „Eine Liebe in Deutschland“ und im letzten Jahr an Achille Mbembe für „Kritik der schwarzen Vernunft“ verliehen wurde.

Und dieses Jahr also Hisham Matar mit seinem beeindruckenden autobiographischen Roman „Die Rückkehr“: Hier erzählt Matar von der Rückkehr in das Land seiner Kindheit, nach Libyen, in der kurzen Phase zwischen dem Sturz Gaddafis und dem neuen Bürgerkrieg im Jahr 2012. Seit über 30 Jahren war er nicht mehr dort gewesen: Die Familie musste 1979, zur Regierungszeit Gaddafis, fliehen, denn der Vater, Jaballa Matar, war ein wichtiger Oppositionsführer – 1990 wurde Jaballa Matar im Exil in Kairo vom ägyptischen Geheimdienst entführt und nach Libyen ausgeliefert, wo er in das berüchtigte Gefängnis Abu Salim gesperrt wurde, genauso wie mehrere seiner männlichen Verwandten. Seit 1996 hatte seine Familie nichts von ihm gehört, es gab jedoch einen Hinweis darauf, dass er ein Massaker, das 1996 in Abu Salim stattfand, überlebt haben könnte – Hisham Matar ging nicht nur große Risiken ein, um mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen für die Freilassung seines Vaters und seiner Verwandten zu kämpfen, er reiste eben 2012 auch nach Libyen, um nach seinem Vater zu suchen. Davon erzählt dieser Roman.

Und er erzählt von so viel mehr: Von einem Vater, der für seinen Sohn und viele, die ihn kannten, ein Held war, ein Vorbild an Haltung und Menschlichkeit. Durch den Einbezug der Geschichte der Familie Matar vom Großvater an erzählt der Roman auch von der ganzen Geschichte und dem Leid Libyens, von der Kolonialzeit über die Zeit unter König Idris und Gaddafi bis zum Arabischen Frühling. Er erzählt von der unsicheren Zeit nach der Revolution, von den Hoffnungen, Ängsten, beeindruckenden Visionen und Bemühungen der Menschen, um Recht und Gerechtigkeit herzustellen, und von der Unterschätzung der islamistischen Gefahr. Man erfährt von der Verstrickung europäischer Länder nicht nur in die Verbrechen der Kolonialzeit, sondern auch in die Diktatur Gaddafis, von den Repressionen gegenüber der Familie eines Oppositionellen in dieser Diktatur, von den Wunden und den Folgen des Verschwindens eines geliebten Familienmitgliedes für die ganze Familie. Vom global verstreuten, kosmopolitischen Leben einer Familie, die ihr Zuhause verlassen musste, von der Rückkehr in das Land der Kindheit und damit in die eigene Kindheit selbst, von der Begegnung mit dem, wie das eigene Leben hätte sein können, wenn einige Wendungen ausgeblieben wären. Und immer wieder: Von unvorstellbarem Mut, für etwas einzustehen und zu kämpfen, auch wenn es die schlimmsten Folgen haben kann.

Dabei erzählt Matar nie pathetisch, immer nüchtern, mit einer großen Beobachtungs- und Beschreibungsgabe für Szenen und Menschen, vor allem für Lichtverhältnisse – der Roman liest sich manchmal fast wie ein Essay oder eine Meditation, weniger wie ein Roman. Und gerade in dieser erzählerischen Zurückhaltung, in seinem leisen Erzählen, liegt vielleicht seine Stärke. Hisham Matar sagte in seiner Dankesrede bei der Preisverleihung: „Literatur besitzt die einzigartige Fähigkeit, das Unsagbare auszudrücken, menschliche Widersprüche und Zweifel darzustellen und zu ertragen.“ Das tut dieser Roman, und er tut es gerade dadurch, dass er ganz leise von himmelschreiendem Unrecht und Leid Zeugnis ablegt.

Für „Die Rückkehr“ erhielt Hisham Matar übrigens ebenfalls den Pulitzer-Preis für Biographie oder Autobiographie 2017. Wer „Die Orangen des Präsidenten“ von Abbas Khider gelesen hat und mochte, mag vermutlich auch „Die Rückkehr“ von Hisham Matar und umgekehrt. Hätte ich beide nicht schon gelesen, würde ich es jetzt tun.

(Das Beitragsbild stammt von Tim Marshall auf unsplash.com)

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