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Kategorie: Kochen

Richtig Tiere essen?! – The ethical Carnivore von Louise Gray

Louise Gray zieht aus, um ein Jahr lang nur das Fleisch von Tieren essen, die sie eigenhändig getötet hat und scheitert bereits im Vorwort fast an einem Kaninchen. So führt sie in den Kampf ein, den sie ausfechten muss, im Umgang mit tödlichen Waffen, Vorurteilen von Jägern und Jägern gegenüber, der Ignoranz, aber auch dem Unwissen, von Konsumenten beim Erwerb von eingeschweißtem Fleisch an der Theke. Ihr Kampf ist zu Beginn aber vor allem ein Ringen mit sich selbst. Möchte ich Tiere töten? Was fühle ich, wenn ich Tiere töte und muss ich wirklich ein Leben nehmen, nur um etwas zu essen?

Fleischessen als Thema ist inzwischen derart aufgeladen, dass sich in Diskussionen schnell Fronten bilden. Gray ist aber neugierig und unvoreingenommen, sie spricht ehrlich über ihre Bedenken beim Töten und noch ehrlicher zum Beispiel über den Abscheu, den sie bei ihrem ersten Schlachthofbesuch empfindet. Sie erkennt die offensichtlichen Vorteile der Reduzierung des Fleischkonsums (Reduzierung von Treibhausgasen, Gesundheitsaspekte für den Konsumenten, Schonung von Ressourcen, Verminderung von tierischem Leid etc.), gibt aber zu dass es auch ihr nicht immer leicht fällt, vegetarisch oder vegan zu leben.

Richtig Tiere essen?! ist dabei keine martialische Reise von Schlachthof zu Schlachthof. Gray beginnt mit dem Töten von Austern und erkundet dabei die Austernbänke ihrer Heimat, sie geht Angeln und schreibt über die Überfischung der Meere und Lachswanderungen, das Schießen von Tauben und Grauhörnchen sind Anlass für Ausführungen zu Fressfeinden und natürlichem Lebensraum in Wald und Flur. Die Probleme der Massentierhaltung sind selbstverständlich eines der Hauptthemen des Buchs, aber auch diese werden differenziert dargestellt, denn Massentierhaltung bedeutet nicht zwangsläufig mehr Leid für Kreaturen, sondern können durchaus zu Vorteilen für Halter, Tier und Konsument führen.

Louise Gray war fünf Jahre „Environment Correspondent“ für The Daily Telegraph, ein Jobtitel unter dem ich mir nichts vorstellen kann. Ihre Themen – u.a. Klimawandel, nachhaltige Landwirtschaft – lassen dann aber doch ein gewisses Profil vermuten, das Richtig Tiere essen?! im Verlauf der Lektüre bestätigt. Es gibt Zeigefinger – wie könnte man nicht bei der allfälligen Ignoranz – in diesem Buch, aber Gray ist keine verbohrte Dogmatikerin, sie möchte nicht belehren, sondern differenziert und ruhig Vor- und Nachteile aufzeigen. Der Leser möge dann selbst entscheiden. In diesem Buch gibt es keine Schocker [dafür bitte nach unten scrollen], es ist die persönliche Geschichte der Suche nach der richtigen Ernährung.

Richtig Tiere essen?! ist ein gelungener Anlass das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und wenn schon nicht ganz auf Fleisch zu verzichten, dann doch wenigstens bewusster auszuwählen und hoffentlich bewusster zu genießen.

Weiterführende Informationen:

Der Rezensent verfügt ebenfalls über Erfahrungen im Schlachten (von Schweinen), die man hier nachlesen kann.

Jonathan Safran Foer hat sich in Tiere essen vornehmlich in den USA die Massentierhaltung vorgeknöpft.

Jamies Oliver wird geliebt und gehasst, gerade weil er sich zum Volksaufklärer der Briten aufgeschwungen hat. Schocker erzeugen Aufmerksamkeit und vielleicht hinterfragt man dann auch mal was:

Cowspiracy gehört ebenfalls zum harten Scheiß (aber weil Fleisch”produktion”) eben der harte Scheiß ist. Den Film gibt es inzwischen bei Netflix

Die Konsequenzen der globalen Lebensmittelproduktion auf unser Ökosystem, unsere Gesundheit und Wirtschaft, noch recht neu bei Netflix, die hauseigene Serie Rotten in mehreren Teilen, die sich jeweils einem Thema (Honig, Allergien, Geflügel-, Milchindustrie, Fisch) widmen. Eine True Crime Serie (!)

ARD Brisant hat zur Weihnachtszeit Gänse auf dem Marktplatz schlachten lassen, kam super an.

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Himmel und Erde – Jürgen Dollase

8Noch nie wurde auf dieser Seite ein Kochbuch besprochen, doch dieses ist außergewöhnlich und voller Text, daher muss diese Ausnahme gemacht werden. Jürgen Dollase ist einer der, wenn nicht der,  profilierteste Restaurantkritiker Deutschlands – quasi der Chef von 54restaurants – und reitet auf einem hohen Ross – as I do. Nur fehlt ihm mein Augenzwinkern.

Man muss also mit dem Ton des Jürgen D. umzugehen wissen, wenn er zum einen voraussetzt, dass der Leser jeden Tag kocht, ihm aber gleichzeitig als Hobbykoch fast jegliche Kompetenz abspricht; er betont, dass bitte stets nur die besten Produkte verwendet werden sollen, berichtet aber sogleich, dass die von ihm verwendeten zum Teil für Otto N. nicht zu bekommen sind. Die Frage muss also zwangläufig lauten, darf ein solcher Meister seines Fach überheblich sein oder täte ihm auch etwas Demut gut, zumal eben keine Spur von Ironie zu spüren ist.

Das [von mir gekochte] Essen scheckte gut, was ich auch – ehrlich gesagt – nicht anders erwartet hatte.

Zudem ist nicht immer ganz klar für welchen Leser Dollase schreibt. Ist es denn eine wichtige Information, dass er bei wenig Lust zu Kochen einfach mal ein Kilo Langustinen pro Person in den Topf wirft? Otto N. wird etwas beschämt an seinem Knopfloch nesteln und betreten zu Boden sehen, während ich die Menge verdoppel. Vor lauter Selbstverliebtheit geht ihm da auch mal durch, ob er nun beim 60. oder 65. Geburtstag Witzigmanns im Tantris das halbe Kalb gegessen hat – geschenkt. Die in der Vorrede sehr gelobten Bilder von Thomas Ruhl sind dafür nicht immer ganz gelungen.

Warum ich dieses Buch doch uneingeschränkt empfehlen kann? Nicht weil, das Cover aussieht als würde sich Neil Young ein Mahl kredenzen oder wir sehen können wie der Grinch in seiner Scheune grillt, sondern weil Dollase ausnahmslos weiß wovon er spricht. Die Einleitung zu jedem Kapitel sind neben allem Brimborium mit das Beste was man in der aktuellen Literatur über das Kochen auf höchstem Niveau lesen kann. Seine Überlegungen zu Aufbau und Struktur von einzelnen Gerichten bis hin zu Menüs sind höchstinteressant, die vorgestellten Rezepte voller Raffinesse und neben dem eigenen Anspruch frei von jedem Dogma. Dollase lässt alles, selbst ihm nicht zusagende Richtungen und Auswüchse des Kochens, als Einfluss gelten und vermittelt am Ende doch worauf es ankommt: die Lust am Kochen und die Freude an einem guten Produkt.

(Bei Dollase ist es wie bei Thomas Fischer, ein absoluter Mann vom Fach, der eigentlich der Welt nur etwas Gutes tun möchte und sein Wissen teilen, dass das leider nicht vom Pferd herunter funktioniert, müssen beide noch lernen. Also absteigen und Hand reichen.)

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Christoph Ribbat – Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne

Ich habe ein Buch gelesen, dessen Titel, Autor, Verlag und Erscheinungsjahr ich hier noch nicht verrate. Darin geht es darum wie wir essen und was Essen in Restaurants für uns und unsere Kultur bedeutet hat. Es ist aber nicht nur eine Geschichte der Gastronomie, sondern auch der Gesellschaft. Es mischen sich Anekdoten mit naturwissenschaftlichen Fakten, Kuriositäten und Schweinereien, fast and slow and leisure food. Ein heiteres, kurzweiliges Buch habe ich da gelesen, das aber auch manche Schwäche hat.

Der Autor, dessen Namen ich an dieser Stelle immer noch nicht verrate, ist Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn, was überhaupt ganz kurios ist und mancher mag sich fragen, was diesen Herrn dazu befähigt über Esskultur zu schreiben, aber essen tun wir ja alle und klug scheint er auch zu sein. Er schreibt auch ganz gefällig, das erfreut. Und als Wissenschaftler kann man auch gut forschen, als hat er zu philosophierenden Köchen und soziologisierenden Kellnern recherchiert (und umgekehrt), Fastfood verspeist und sicher auch mal zugeschaut wie jemand den Boden wischt oder eine Auster öffnet. Das Buch ist echt nicht verkehrt, aber seinen Titel erfährt man erst am Ende dieser Rezension…

Christoph Ribbat bedient sich in Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne einer ähnlichen Verschnitttechnik wie Florian Illies in 1913. Er verschachtelt und arrangiert unterhaltsame Episoden, manche über mehrere Abschnitte hinweg, die meisten nur Intermezzi im großen Ganzen. Doch was Illies unter dem Dach eines Jahres gelingt, funktioniert als roter Faden in Im Restaurant nur bedingt. Die Sprünge zwischen den Enden der Episoden werden zu groß, die Zusammenhänge gehen verloren. Im Restaurant zerfasert.

Dazu kommt leider, dass die häufig arg konstruierten Cliffhanger in einem Buch über das beaufsichtigte Speisen keine Spannung aufbauen, sondern zwangsläufig aufgesetzt wirken. Der seichte Scherz den Namen des Protagonisten erst am Ende des diesen einführenden Abschnitts zu lüften, ist beim ersten Mal sicher ein probates Stilmittel, nur spätestens nach dem dritten Jux führt diese „Spannungsmethode“ dazu, dass der Leser die Wände hochgeht. (Welche Wände erfahren Sie am Ende dieser Rezension.)

Für Einsteiger in die Welt der Bücher übers Kochen (nicht zu Hause am Herd, sondern in der rauen Welt der Gastronomie) bietet Im Restaurant sicher eine unterhaltsame Introduktion. Besser aber sind diese Bücher, mit denen ich damals startete.

Geständnisse eines Küchenchefs: Was Sie über Restaurants nie wissen wollten von Anthony Bourdain

Der Klassiker unter den Restaurantenthüllungsbüchern und über die Leidenschaft, die Köche antreibt. Sex, Koks, vergammeltes Fleisch und Meeresfrüchte, Blut, Geschrei, Alkohol und viel Liebe zum Kochen. Anthony Bourdain wurde mit diesem Buch zu einem Star der literarischen Szene der Köche. Geständnisse eines Küchenchefs war lange vergriffen, nun scheint es wieder zu haben. Wenn man ein Buch über Restaurants und das Kochen liest, dann dieses.

 

Hitze: Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling von Bill Buford

Bill Buford, Literaturchef beim »New Yorker«, kündigt von heute auf morgen seinen Job, um ein Jahr lang im Sterne-Restaurant Babbo Töpfe und Pfannen zu schrubben und das Kochen von der Pike auf zu lernen. Sein Großmeister ist der (TV-)Starkoch der USA Mario Batali. Er lernt im Restaurant und begibt sich im Anschluss nach Italien auf die Spuren der Küche des Landes, lernt bei Nonnas die klassische Herstellung von Pasta und wie man schlachtet. Eine grandiose Kurzzeit-Aussteiger-Geschichte aus Liebe zum Kochen.

Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers von Jürgen Dollase

Buford ist sicher ein bisschen verrückt und Bourdain nicht nur ein bisschen, aber Jürgen Dollase ist komplett von Sinnen. Dieses „Kochbuch“ ist was für Freaks wie Dollase selbst, zum Nachkochen ist da das wenigste, aber seine Ausführungen über spezielle Zutaten und Techniken, Produkte und Zubereitung, Speisen, Schmausen und Genießen – für Dollase stets nur auf allerhöchstem Niveau; so lesen sich auch seine Schilderungen.

Sitting Küchenbull: Gepfefferte Erinnerungen eines Kochs von Vincent Klink

Der Vincent ist schon ein putziger Mensch, so drollig, dicklich, unterhaltsam wie im Fernsehn ist er auch auf dem Papier. Allein die Anekdote seines Besuchs bei Bocuse ist dieses Buch, den Coming-of-Age-Roman eines Kochs zu lesen wert.

[Das Buch, welches ich las war übrigens Im Restaurant von Christoph Ribbat. Bin außerdem gar keine Wände hochgegangen, das sagt man nur so.]

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Rezension: Tiere essen

30157996N.jpgIch esse gerne Fleisch, Jonathan Safran Foer eigentlich auch – bis er sich, anlässlich der Geburt seines Sohnes, auf die Suche begibt. Er will hinter die Zäune sehen, er will in die Fabriken sehen, in denen Tiere geboren, großgezogen und geschlachtet werden und die Leute treffen und interviewen, die dies als Beruf machen. Er ist nicht als Kampf-Veganer auf die Welt gekommen und will so weit wie möglich objektiv bleiben und das ist der Punkt der das Buch nicht nur glaubhaft, sondern GUT macht. Weiterlesen Rezension: Tiere essen

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Luxusgut!

Das passt nun wirklich nicht in einen Literaturblog, erhitzt aber dennoch momentan tagtäglich die Gemüter, da ich außerdem aus (immer) aktuellem Anlass “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer lese, passt es also auch irgendwie doch. Außerdem trifft es ebenso genau meine Meinung, die ich vielleicht nach der Lektüre des Buches revidiere, aber sicher in der Rezension darlegen werde.

Vermutlich treibt uns also nicht die Unwissenheit dazu, Billigfleisch zu kaufen. Wir weigern uns schlicht, Fleisch als das anzuerkennen, was es ist: ein Luxusgut. Wenn wir Discount-Bratwürste für 70 Cent, Billig-Bolognesesoße für 99 Cent oder Räucherlachs für 2,50 Euro kaufen, sagen wir damit auch: Sie sind nicht mehr wert. Täglich billiges und leckeres Fleisch zu konsumieren, scheinen wir als Grundrecht zu betrachten. Um nicht darauf verzichten zu müssen, kaufen wir lieber täglich Billigfleisch als einmal pro Woche gutes. So ist es kein Wunder, dass der Druck auf die Hersteller steigt, noch mehr Tiere für noch weniger Geld auf noch weniger Platz zu halten. Oder das Fleisch zur Not mit dem rund viermal billigeren Pferdefleisch zu strecken.

Schuld am Pferdefleisch-Betrug sind also zweifellos die Hersteller. Doch auch der Verbraucher sollte sich bewusst machen, dass er beim Kauf eine Verantwortung trägt und den Machenschaften der Lebensmittelindustrie nicht hilflos ausgeliefert ist. Er muss hinterfragen, wo sein Essen herkommt und sein Bewusstsein für den Wert von Fleisch und Tierprodukten schärfen. Vor allem aber muss er sich klarmachen, dass Billigpreise selten ein glücklicher Zufall sind, sondern meistens ein Zeichen dafür, dass in der Handelskette jemand zu kurz gekommen ist – entweder die Zwischenhändler, die Tiere oder die Fleischqualität.

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-02/Pferdefleisch-Kommentar-Verbraucherschutz

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ZEIT online: Wochenmarkt oder Kommentare in Blogs

Auf der Seite der ZEIT fühle ich mich wohl! Es gibt nicht nur aktuelle Nachrichten, sondern hintergründige Informationen zu Kultur, Geschichte und Gesellschaft, aber auch kleinere Rubriken und z.B. auch Auszüge aus dem, sehr starken, ZEIT Magazin, u.a. die Rubrik “Wochenmarkt”. Hier werden in wöchentlicher Regelmäßigkeit Tipps und Rezepte zu Saisonalem gegeben. Auch innerhalb der ZEITeigenen Blogosphäre kann man viel entdecken. So bin ich zum Beispiel auch ein großer Freund des Rezeptorblogs, der “alltagstaugliche” Rezepte vorstellt, denn hin und wieder hat man eben nicht genug Zeit (Lust vielleicht doch) sich nach der Arbeit noch stundenlang in die Küche zu stellen. Weiterlesen ZEIT online: Wochenmarkt oder Kommentare in Blogs

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