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Kategorie: Gespräche

Literatur am Meer gelesen

Hier bin ich nicht nur aufgewachsen, sondern auch groß geworden – weit über ein Jahr meines Lebens habe ich an diesem Ort verbracht. Hohwacht ist ein kleiner Ort, der eigentlich rein touristisch “genutzt” wird. Der “historische” Kern ist näher besehen keiner und die kulturellen Highlights lassen sich größtenteils an einer Hand pro Saison abzählen. Neben ein paar sehr guten Konzerten, die ich schon vor Ort genossen habe, breche ich heute auf um bei Literatur am Meer gelesen teilzunehmen.

Im Hotel Genueser Schiff – Hort meiner Kindheit bis 15 – findet ab heute eine Reihe von Lesungen statt, mit dabei Hubertus Meyer-Burckhardt, Klaus-Peter Wolf, Oliver Hilmes, Harald Martenstein und Denis Scheck – mit dabei und mittendrin auch ich, allerdings größtenteils passiv. Abgeschnitten vom Highspeed Internet, ohne den eingeschickten Laptop unterwegs, wird es wohl nur per Mikroblogging auf Twitter Infos geben bis ich in längeren Artikeln die Woche aufbereiten werde.

Oder leihen mir Schwester, Papa oder Patenonkel mal ihr Apple-Produkt und das Genueser Schiff sein Internet?

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1 Kommentar

Interview mit Denis Scheck

Es gibt wohl keinen Literaturkritiker, der in Deutschland ähnliches Ansehn genießt, keinen, der so bekannt ist und keinen, der so polarisiert. Denis Scheck sagt was er denkt und daher kann es schonmal sein, dass er von “sprachlichem Brachland” spricht, eine Empfehlung nur für “Freunde[…] masochistischer Selbstkasteiung” aussprechen kann und Paulo Coelho den “unangefochtenen König des Esoterikschunds” nennt, einen Autor von “in der Literaturgeschichte ganz und gar beispiellose[m] und groteskem Dilettantismus”, der dessen Erfolg diametral entgegengesetzt ist.

Mit keinem Kritiker bin ich zumeist so einig. Seine Deutlichkeit und Sprachgewalt würde ich mir wünschen, ebenso die Aufmerksamkeit, die er genießt. Umso erfreulicher ist es für mich, dass ich Herrn Scheck zum Beginn meiner Reihe Gespräche für ein solches gewinnen konnte.

Buch vs. eBook

54books: Würden Sie in der heutigen Zeit eher einen Buchladen eröffnen oder Amazon-Aktien erwerben?

Denis Scheck: Zu allen Zeiten war die Literatur eine todsichere Sache, zu einem kleinen Vermögen zu kommen – vorausgesetzt, man fängt mit einem großen an. Aber im Ernst: ich glaube durchaus an die Zukunft des stationären Buchhandels. Solche Läden haben, wenn sie gut geführt sind und die Lage stimmt, das Attraktivste im Angebot, was man im Kapitalismus anbieten kann: ein Allheilmittel gegen die Einsamkeit.

54books:Kindeln Sie?

Denis Scheck: Nein, ich möchte nicht, daß Amazon weiß und kontrolliert, was ich wann lese. Ich habe einen E-Reader von Sony. Als Kritiker muß ich viel Fahnen lesen – da ist der Reader eine schöne Alternative.

54books: Setzt sich Qualität auch auf einem von Selfpublishern und 0,99€-eBooks überschwemmten Markt durch?

Denis Scheck: Ja.

Literaturkritik

54books: Was sagt es Ihnen, dass die Bücher, die sie am gnadenlosesten niedermachen, die erfolgreichsten sind?

Denis Scheck: Kommerzieller Erfolg besitzt in der Kunst wenig Aussagekraft, sonst hingen in unseren Museen hauptsächlich röhrende Hirsche.

54books: Muss man als deutscher, männlicher Literaturkritiker immer den Vergleich mit Reich-Ranicki fürchten?

Denis Scheck: Fürchten muß man Vergleiche nicht, man muß ihnen standhalten. Vergleiche mit Alfred Kerr und Alfred Polgar schüchtern mehr ein.

54books: Welches Buch haben Sie in letzter Zeit mit besonderem Genuss in den Reißwolf geworfen?

Denis Scheck: Ich habe – hier geht Ihre visuelle Phantasie mit Ihnen durch – überhaupt noch nie ein Buch in den Reißwolf geworfen. Aber Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ war schon ein Tiefpunkt.

54books: Erkennen Sie den Klassiker von morgen, wenn Sie ihn heute lesen?

Denis Scheck: Nein, das ist auch nicht mein Ehrgeiz. Als Literaturkritiker wende ich mich an die Gegenwart, das Lesen in Kristallkugeln überlasse ich gern anderen.

Literaturkritik und -szene im Internet

54books: Aus Protest gegen die Streichung des Wortes Neger aus Kinderbuchklassikern haben Sie sich in einer Folge Druckfrisch das Gesicht schwarz angemalt. Haben Sie die – zumeist empörten – Reaktionen, die vor allem auf Twitter und auf Blogs veröffentlicht wurden, verfolgt?

Denis Scheck: Twitter? Ich bitte Sie – ich bin doch kein Politiker. Für das, was mich interessiert, besitzt das die Relevanz von CB-Funk.

54books: Verfolgen Sie die Entwicklungen und Diskussionen der Literaturszene im Internet?

Denis Scheck: Manches schon. Allerdings gilt hier dieselbe Regel, die Flaubert dem Autor für seine Präsenz im Text auferlegt, wenn er sagt, dieser müsse sein wie Gott: immer zu spüren, nie zu sehen.

54books: Die Szene der Literaturblogs wird von Vampir-/Schmacht-/Fantasy- und Weltuntergangsbüchern beherrscht, die Rezensionen kommen zumeist von jungen Damen zwischen 15 und 20. Welcher Klassiker macht jungen Menschen richtig Lust auf dieses Genre?

Denis Scheck: Bücher über den Austausch von Körperflüssigkeiten werden in diesem Alter nun mal gern gelesen. Ich würde die Amerikanerin Elizabeth Kostova mit „Der Historiker“ empfehlen. Außerdem Jack Vance, Stephen King und James Tiptree Jr. Ich persönlich habe zwischen 10 und 20 ein ausgesprochenes Faible für Vampir-, SF- und Fantasyromane gehabt und habe es immer noch. Gegenüber dieser Art von Literatur gibt es leider viel hohle Arroganz.

54books:Eitel, elitär, arrogant – grauenhaft, so sind wir ja nicht?!, sagten Sie im Gespräch mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Haftet aber nicht gerade dieses Vorurteil dem Literaturkritiker an, der vielmehr den Feuilleton bedient als den Mainstream; der Otto-Normalleser durch den Verriss ihrer Lieblingsbücher vor den Kopf stößt?

Denis Scheck: Och, manchmal ist ja so ein bißchen Vor-den-Kopf-gestoßen-werden nachgerade heilsam. Man findet in der deutschen Literaturkritik beides: die Locken-auf-Glatzen-Dreher und die durchschaubaren Populisten, die nach der Devise „Endlich-ein-Buch-für-uns-Mädels“ herumfuhrwerken.

Empfehlungen

54books: Von wem lässt sich jemand, der hauptberuflich Bücher empfiehlt, Bücher empfehlen?

Denis Scheck: Die wirksamste Empfehlung ist der Enthusiasmus eines begeisterten Lesers. Ich lasse mir durchaus gern etwas von meinen Kollegen und von Autoren empfehlen, besonders hellhörig bin ich, wenn literarische Übersetzer etwas loben.

54books: Jeder Literaturkritiker wird über kurz oder lang nach seinem Kanon befragt. Umgekehrt, Herr Scheck: welches sind ihre 3 schrecklichsten Bücher und warum haben sie Ihre Missachtung ehrlich verdient?

Denis Scheck: Das würde den Rahmen eines Interviews sprengen. Aber unter Shades of Grey, Paolo Coelho und Stephenie Meyer habe ich wirklich gelitten.

54books:Der Scharfsinn des Kritikers erweist sich besonders an neuen Schriften, die noch nicht durch das Publikum erprobt sind. Erraten, vorauseilen, auf den ersten Blick beurteilen, das ist die Gabe des Kritikers, sagte Charles-Augustin Sainte-Beuve haben Sie zum Abschluss einen spontanen Geheimtipp, der zu wenig beachtet wurde?

Denis Scheck: Die Brasilianerin Clarice Lispector lohnt eine Entdeckung, ebenso die deutsche Lyrikerin Sabine Scho, die in Hamburg auch sehr schöne Fahrräder produziert.

54books: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

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