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Kategorie: Gespräche

Gespräch mit Harald Martenstein oder Interview mit Vogelscheiße

© C. Bertelsmann Verlag
© C. Bertelsmann Verlag

An keinen meiner bisherigen Gesprächspartner, auch die noch nicht veröffentlichten, war es so schwer heranzukommen. Über seinen Verlag kam keine Antwort, auch die ZEIT blieb stumm und als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, leitete der Tagesspiegel meine Email an ihn weiter und er schrieb zurück. “Interview: gerne!” und seine Handynummer ließ er mich wissen, nur erreichen konnte ich ihn auf dieser nicht – unterwegs in Hamburg auf dem Harbour Front Literaturfestival. Also spreche ich Harald Martenstein auf die Mailbox und er ruft mich am nächsten Tag zurück. Zugegeben ein erhebendes Gefühl, wenn “Harald Martenstein ruft an” auf dem eigenen Handydisplay erscheint. Wir haben einen Termin ausgemacht, uns getroffen und unterhalten. Wir sprachen über modernen Journalismus, Blogs, neue und alte, gute und schlechte Bücher, solche die man seinen Freunden aufdrängt und Kritik an politisch inkorrekten Kolumnen. Das Ergebnis dieses interessanten, lustigen Gesprächs mit einem Kultur- und Gesellschaftskritiker, der unfassbar belesen ist:

Ihre Kolumne

54books: Gefühle – Rentner – Busen – Teamwork – Carla Bruni; Das ist von allem etwas. Gibt es Themen, die auch ein Harald Martenstein nicht anfasst?

Harald Martenstein: Da würde ich zunächst mal nein sagen. Ich habe Kolumnen geschrieben, die Über Juden hießen oder Über Neger. Ich glaube, dass man zu jedem Thema einen Dreh finden kann, was nicht bedeutet, dass man über jedes Thema lustig schreiben kann. Aber die Kolumne ist ja auch nicht immer lustig, wenn ich mal das Gefühl habe, dass es keinen humoristischen Aspekt gibt, lass ich’s bleiben. Aber für mich ist nicht wichtig, dass sich daraus der Humorfunke schlagen lässt, sondern dass ich einen Zugang zu dem Thema finde und das ist bei jedem Thema möglich.

Themen, die nicht machbar sind, sind Themen die mich überhaupt nicht interessieren. Nicht irgendwelche Tabus würden mich abschrecken, sondern Dinge, die mich einfach nicht interessieren.

54books: „Ein Land, das von Kindern regiert wird, stelle ich mir so ähnlich vor wie Uganda unter der Herrschaft von Idi Amin. Bestenfalls käme Italien unter Silvio Berlusconi dabei heraus.“ Diese Aussage ist genauso lustig wie politisch unkorrekt, ebenso Ihre Forderung nach einem Mahnmal für die rauchende Frau im Dritten Reich. Dürfen Sie das einfach sagen, weil man weiß, dass der Martenstein dabei zwinkert oder ist das die Narrenfreiheit des Kolumnisten?

Harald Martenstein: Was die ZEIT angeht habe ich, nicht völlige, aber weitgehende Narrenfreiheit. Ich glaube, dass ich fast alles machen kann. Das ist am Anfang meiner Kolumnistentätigkeit noch nicht so gewesen, aber als dann die Akzeptanz da war, sind die Grenzen weitergefasst worden.

Was politische Korrektheit angeht, glaube ich aber, dass man es nicht zu einer Masche machen sollte, dass man immer dagegen ist. Das bin ich auch gar nicht. Ich finde es falsch Leute zu beleidigen, Leute zu diskriminieren. In vielerlei Hinsicht stehe ich ganz auf der Seite der politischen Korrektheit, nur dann, wenn es ins Wahnsinnige umschlägt… Es gibt ja kaum etwas Gutes unter der Sonne, das sich durch gewaltige Übertreibung nicht in Terror verwandeln kann. Zuneigung zu Menschen ist was Wunderschönes, aber wenn Ihnen ein Mensch jahrelang auf Schritt und Tritt folgen würde und Sie mit seiner Zuneigung erdrückt, Ihnen keine Luft zum Atmen lässt, dann schlägt es ins Negative um – so ist es mit allen Sachen.

54books: „Ein Artikel, der nicht angreifbar ist, kann nur völlig inhaltsleer sein“, sagen Sie in einem Videobeitrag des Tagesspiegels. Sie schreiben jede Woche angreifbare Artikel, weil Sie Stellung beziehen. Viele Leute fühlen sich dann wieder auf die Füße getreten. Denken Sie da nicht manchmal auch, dass es besser wäre inhaltsleer zu schreiben?

Harald Martenstein: Ich merke, dass ich manchmal ein bisschen Nerven zeige und denke, du brauchst mal ein paar Wochen, in denen du keine Hassmails kriegst und dann schreibe ich mal zwei, drei Wochen über summende Bienen – als Synonym für Themen ohne Aufregefaktor. Aber das ist immer nur von begrenzter Dauer. Ich kann aber auch gar nicht klagen, weil ich mehr Zuspruch als Ablehnung bekomme. So gesehen wäre es absolut unangebracht von mir die Jammerplatte aufzulegen. Es ist ja auch nicht so, dass ich irgendeiner Form der Verfolgung ausgesetzt wäre [lacht], überhaupt nicht. Dass man hin und wieder mal angegriffen wird oder ein Kollege versucht einen in die Pfanne zu hauen, weil man irgendwas geschrieben hat, was ihm gegen den Strich geht, das gehört halt zum Geschäft dazu, wenn man das nicht abkann, dann muss man schweigen.

54books: Wie gehen Sie mit der Kritik um? Wollen Sie darauf eingehen, blocken Sie das ab oder nehmen Sie es sich zu Herzen?

Harald Martenstein: Kritik grundsätzlich abzublocken ist dumm. Man muss sie sich erstmal anhören, sacken lassen und prüfen, ob sie berechtigt ist. Manchmal ist sie ja auch berechtigt. Einzugestehen ist da nicht immer ganz einfach, aber so ist es nun mal. Ich habe auch schon Dinge geschrieben, die mich im Nachhinein gereut haben. Manchmal stoße ich auch auf ältere Texte von mir, da denke ich mir, das hättest du besser machen können. Niemand ist unfehlbar. Ich mach auch Fehler, auch sachliche Fehler, in Texten. Den Menschen der soviel Text schreibt, wie ich das tue, und keinen sachlichen Fehler macht, den würde ich gerne mal kennenlernen. Ich kenne aber auch Leute, die so skrupulös, so perfektionistisch sind beim Schreiben, dass sie im Jahr nur zwei Texte zu Stande bringen. Ich will das gar nicht geißeln, wenn diese Texte sehr gut sind, ist das ja in Ordnung, mir würde es nur Leid tun, um die vielen Dinge, die man hätte machen können. Ich schreibe seit vielen Jahren jeden Tag und für mich ist das so wie für andere das regelmäßige Joggen, es gehört zum Leben dazu.

Ich unterbreche die Aufnahme, weil ich immer Angst habe, dass die Aufzeichnung nicht mitgelaufen ist. Harald Martenstein berichtet über seine Tätigkeit an der Journalistenschule in Hamburg, dass ihm das selbst auch schon passiert sei, dass das Gerät nicht aufgezeichnet hat; ebenso von einer Unterhaltung mit Hellmuth Karasek über das Nachvollziehen von verlorenen Interviews aus dem Kopf.

54books: „Der Autor ist tot.“ Sind bei der Flut von Bloggern und anderen Menschen, die ins Internet schreiben alle Autoren? Blogger sind da ja wie Kolumnisten.

Harald Martenstein: Die Leute haben ja früher auch viel geschrieben – Tagebücher, Briefe auf einem ganz anderen Level, als das was wir heute als E-Mails verschicken. Dass Leute schreiben ohne vom Schreiben zu leben, hat es immer gegeben. Ich lese öfter in Blogs herum und das unterscheidet sich zum Teil kaum im Niveau von journalistisch Gedrucktem, andere sind sehr amateurhaft. Aber Sachen die amateurhaft sind und nicht gut, finde ich auch in Zeitungen nicht gut.

Ich mache mir allerdings Sorgen darüber, dass es in naher Zukunft sehr schwer werden könnte vom Schreiben zu leben. Ich werde wahrscheinlich die Kurve noch kriegen.

54books: Ich finde Ihre Kolumnen und fast das gesamte ZEIT Magazin nach wenigen Tagen online, ebenso den Feuilleton der FAS, der Süddeutschen. Das sind alles Themen, die nicht tagesaktuell sind oder sein müssen. Diese Informationsbedürfnisse kann ich auf ganz anderen Kanälen befriedigen. Aber warum gibt es denn alles andere ebenfalls gratis? Muss Journalismus kostenlos sein?

Harald Martenstein: Er darf nicht kostenlos sein, um sich finanzieren zu können. Sie werden vielleicht einen Kolumnisten finden, der es für lau macht, aber Sie können natürlich niemanden auf eine Reportage irgendwohin schicken, wenn zwei, drei Wochen Recherche erforderlich sind. Ich bin früher für GEO unterwegs gewesen, die haben mir dann eine vierwöchige Reise bezahlt, damit ich darüber einen Text schreibe, das geht natürlich nur, wenn Geld vorhanden ist.

Das ist gefährlich. Ich habe aber kein Rezept dagegen. Jetzt versucht man es mit Bezahlschranken, aber ich weiß nicht, ob das akzeptiert wird, ich hoffe es. Ich selber habe, wie viele Leute, mal drüber nachgedacht mich selbstständig zu machen und meine Texte online zu stellen und wer 50 oder 30 Cent dafür bezahlt, kriegt sie dann halt, aber ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert. Damit kann man auch böse auf die Nase fallen.

54books: Gibt es Blogs vor denen der Print Angst haben muss?

Harald Martenstein: Ja, die Huffington Post zum Beispiel. Natürlich kann man mit den Onlineauftritten von ZEIT, Spiegel und Tagesspiegel gut über die Runden kommen, da braucht man keine gedruckte Ausgabe mehr. Die Zeitungen haben ihre Funktion als Nachrichtenüberbringer an das Internet verloren, aber dadurch steigt natürlich der Druck analytisch zu schreiben, unterhaltsam zu sein. Die Blüte der Kolumnen hängt auch damit zusammen, man braucht Unterhaltung. So gesehen haben wir Kolumnisten in der ersten Phase des Funktionsverlusts der Zeitungen profitiert. Jetzt sind wir aber in der zweiten Phase und keiner weiß genau wie es weitergeht.

54books: Sie persönlich sorgen sich noch nicht?

Harald Martenstein: Ich bin ja nun älter und glaube nicht, dass in unmittelbarer Zukunft alles zusammenbricht, aber wie es in 20 Jahren ist, weiß ich nicht. Jetzt mit 20 oder 25 in diese Medien zu gehen, ist natürlich ein Risiko.

54books: Machen Sie dann Ihren Studenten Mut oder raten Sie davon ab?

Ich glaube jeder Mensch sollte das machen was ihm Spaß macht. Mein Sohn hat jetzt angefangen Sport zu studieren und mein Rat war immer „Richte dich nicht nach irgendwelchen Prognosen, die sich ja auch ständig ändern, sondern wenn du das machst was dir Spaß macht, wirst du gut darin sein. Wenn du gut bist, wirst du dich auch in einer schrumpfenden Branche behaupten können“.

Auch wenn sich die Printlandschaft verändert und vieles schwieriger wird, die richtig guten Leute werden schon irgendwie eine Möglichkeit finden. Der Rat kann also nicht sein „lass das“, sondern „mach es gut“.

Ihre Bibliothek

54books: In Ihrer Kolumne Über Bücher beschreiben Sie, wie Sie Ihre Bibliothek einkochen wie eine gute Soße, weil Sie Ihren Bestand auf 2000 gedeckelt haben. Für jedes Buch, das Sie neu aufnehmen, muss ein anderes, welches Ihnen nicht oder nicht mehr gefällt, weichen.

„Ein paar Romane findet man so gut, dass man sie Freunde leihweise aufdrängt“, schreiben Sie. Welches war das letzte Buch, das Sie leihweise aufgedrängt haben?

Harald Martenstein: David Vann Im Schatten des Vaters und noch das zweite Buch von ihm Die Unermesslichkeit, dafür habe ich wirklich nach Kräften Reklame gemacht.

Kürzlich sollte ich für eine Fernsehsendung die drei Bücher meines Lebens raussuchen und da habe ich aus der neueren Produktion Sand von Wolfgang Herrndorf genommen. Dabei hatte ich Tschick gar nicht gelesen, weil mich der Plot nicht interessiert hat. Roadmovies habe ich schon so viele gesehen, Tom Sawyer und Huckleberry Finn habe ich gelesen, brauche ich nicht noch mal, dachte ich. Aber nachdem ich Sand gelesen hatte, habe ich das sofort hinterhergeschoben.

Man macht immer wieder die Erfahrung, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob die Geschichte, das Milieu, die Zeit einen interessiert – völlig egal. Die guten Autoren schaffen es dich dafür zu interessieren, auch wenn dich das Thema, die Umgebung überhaupt nicht zu interessieren scheint. „Bienenzucht im 17. Jahrhundert“ ich bin mir sicher, dass ein guter Autor es schafft ein Buch darüber zu schreiben, das wir beide lesen wollen.

54books: Die ebengenannten Bücher haben dann sicher auch Einzug in Ihre Bibliothek gehalten. Wissen Sie noch welche Sie dafür rausgeworfen haben?

Harald Martenstein: Weiß ich das noch? [überlegt] Ich habe vor einiger Zeit ein paar Romane von Emile Zola aussortiert, obwohl ich Zola schätze und viel gelesen habe, aber ich dachte Zola und ich, das ist ein abgeschlossenes Kapitel. [überlegt weiter]

54books: Es hat mir sehr gefallen, dass Sie [wie in der besagten Kolumne steht] Montauk von Max Frisch aussortiert haben, vor allem, dass Sie darüber zweimal eingeschlafen sind. Genau so ist es mir auch gegangen.

Harald Martenstein: Ja, ein Buch nur aus Angeberei stehen zu lassen, ist ja auch Quatsch. Das lernt man auch, wenn man sagt, der Bücherschrank wird gedeckelt. Da kann es schon mal passieren, dass der Proust verschwindet, ich werde den nicht lesen, es wird einfach nicht passieren.

54books: Haben Ihre eigenen Bücher einen Freifahrtschein für Ihre Bibliothek oder haben die ein eigenes Regal?

Harald Martenstein: Die haben im Keller ihren Platz. Ich habe von meinen eigenen Büchern auch mehrere Exemplare, weil man mal eins verschenkt oder auf der Lesung ist eines kaputt gegangen.

54books: Schwedenkrimi oder Tolstoi – was liest Harald Martenstein im Urlaub?

Harald Martenstein: Ich war gerade im Urlaub. Was habe ich denn da gelesen? – Eva Menasse, Quasikristalle. Von Stephen King habe ich, ich habe seit Jahren keinen Stephen King mehr gelesen, diesen Rummelplatz Thriller [Joyland] gelesen, eines seiner schwächeren Bücher. Was war denn da noch? Das fällt mir noch ein!

54books: „Der Titel ist die halbe Miete“ – wie überschreibe ich mein Interview mit Harald Martenstein?

Harald Martenstein: In Überschriften mische ich mich nicht ein, mache ich bei der ZEIT auch nicht.

54books: Ich danke Ihnen ganz herzlich, es hat mir große Freude gemacht!

Harald Martenstein: Sehr gerne!

Während ich meine Bücher zum Signieren zücke, fliegt über uns eine Möwe und scheißt mir auf den Arm.

Harald Martenstein: [lacht] Ein krönender Abschluss – Interview mit Vogelscheiße.

Wir plaudern über die Güte von Rezensionen bei Amazon, Literaturblogs im Allgemeinen und 54books im Besonderen, da fällt Herr Martenstein noch ein, dass er im Urlaub den neuen Kehlmann “F” gelesen hat, aber nicht besonders fand, empfiehlt mir im Gehen noch “Nur eine Ohrfeige” von Christos Tsiolkas und macht sich auf den Weg zur Lesung.

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Gespräch mit Oliver Hilmes

Es folgt die Dokumentation des Gesprächs, das ich mit Oliver Hilmes in Hohwacht geführt habe. Da man sich mit interessanten Leuten lange unterhalten kann, gibt es auch viel Text. Aufgeteilt ist das Gespräch in drei Abschnitte: “Die Arbeit als Historiker”, “Die Wahl der Themen” und “Klassiker des Genres”, wer also springen mag, darf das tun, aber – obacht! – die ganze Lektüre lohnt!

Ihre Arbeit als Historiker

54books: Verstehen Sie sich als Historiker oder Populärwissenschaftler?

Dr. Oliver Hilmes: Ich bin Historiker! – weil ich Geschichte studiert habe und das Schreiben meiner Bücher eben auch als historische Arbeit begreife. Der Widerspruch ist nur in Deutschland ein Widerspruch. Im angelsächsischen Bereich gibt es diesen nicht. Christopher Clark, der mit allen akademischen Meriten versehen ist, kann trotzdem Bestsellerautor sein. Aber er ist Biograph: Er hat eine Biographie über Wilhelm II. geschrieben, über das deutsche Kaiserreich, über Preußen – im angelsächsischen Bereich geht das. Nur in Deutschland galt das Schreiben von Biographien jahrzehntelang als unakademisch.

Ein ganz berühmter deutscher Historiker, Hans-Ulrich Wehler, hat Anfang der 70er Jahre ein Buch über das deutsche Kaiserreich geschrieben, weit verbreitet, viel gelesen. In diesem Buch über das deutsche Kaiserreich kommt der Kaiser gar nicht vor. Das heißt, da wird Geschichtswissenschaft als reine Systemkritik und Systemanalyse betrieben, unabhängig von Personen. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Es gibt sehr viele Historiker, die mittlerweile auch Biographien schreiben.

Ich sehe mich in der angelsächsischen Tradition und finde eine seriöse, historisch recherchierte, handwerklich sauber gearbeitete Biographie kann – wenn man das kann – hervorragend geschrieben sein. Ich bin Historiker, ich habe zur gleichen Zeit aber auch einen literarischen Anspruch. Ich will natürlich literarisch möglichst gut schreiben.

54books: In Königsalleevon Hans Pleschinski nennt sich Golo Mann, von Pleschinski in den Mund gelegt, einen schriftstellernden Historiker. In solchen Zwitterkategorien müssen Sie also nicht denken, wenn Sie zu Anfang sagen: „Ich bin Historiker!“ Oder ist das alles vielmehr eine Frage der Rezeption?

Dr. Oliver Hilmes: Ich bin Schriftsteller oder Publizist, das kann man nennen wie man will, aber ich schreibe Texte, ich gehe mit Sprache um. Das ist wahrscheinlich ähnlich wie in der Medizin: Sie können Dermatologe oder Arzt für Geschlechtskrankheiten sein, aber Sie haben Medizin studiert. Das eine ist die Ausbildung, das andere ist der Tätigkeitsbereich. Ich habe Geschichte studiert, aber mein Tätigkeitsbereich ist die Schriftstellerei. Populärwissenschaft ist in Deutschland aber auch immer so pejorativ besetzt, das hat immer gleich so ein bisschen was Unseriöses. Aber populär sein, im Sinne von „für die Leser zu schreiben“, das ist ja nichts Schlimmes.

54books: Viele Klassiker werden zu Graphic Novels verarbeitet. Eine der neusten Strömung in diesem Bereich sind Biographien als Graphic Novels: Munch, Kafka, Stefan Zweig. Nehmen Sie solche neuen Strömungen wahr oder ist diese zu populär für Sie?

Dr. Oliver Hilmes: Nicht zu populär! Wenn ich sagen würde: „Das ist mir zu populär“ das würde ja beinhalten, dass ich mich damit auseinandergesetzt habe und es ablehne, aber das ist gar nicht der Fall. Ich weiß gar nicht was eine Graphic Novel ist.

54books: Das ist quasi ein Comic für Erwachsene.

Dr. Oliver Hilmes: Comics haben mich eigentlich nicht interessiert und für Erwachsene auch nicht. Ich kann es nicht ablehnen, ich kenne es gar nicht. Dagegen kann ich Ihnen auch sagen, es kommt für mich nicht in Frage, weil es mich nicht interessiert.

Naja also ich finde es super, dass es solche Dinge gibt, aber man kann sich auch nicht für alles interessieren. Wenn Sie mich jetzt fragen würden: „Haben Sie etwas dagegen, dass Ihre Biographien getanzt oder vertanzt werden?“ Dann habe ich auch nichts dagegen, es interessiert mich aber genauso wenig. Da muss man Mut zur Lücke haben indem man sagt: „Finde ich super, aber interessiert mich nicht.“

54books: Sind Sie der Ansicht, dass man Zeitgeschichte anhand eines Lebens beschreiben kann? Haben Sie beim Schreiben das Gefühl, dass Sie nicht nur das Leben der Person einfangen, sondern die ganze Geschichte dieser Zeit?

Dr. Oliver Hilmes: Natürlich kann man nicht die ganze Geschichte einer Zeit mit Hilfe eines Lebens erzählen. Aber das ist natürlich mein Ansatz: ich erzähle die Geschichte einer Person, sei es Alma, Cosima oder andere, aber gleichzeitig eben auch Geschichten. Wenn ich Details in den Leben schildere, muss ich ja auch wahrnehmen was drum herum in der Welt geschehen ist oder in Wien oder Weimar oder wo immer sie sich eben aufgehalten haben. Das muss man ja wahrnehmen und das hat ja ihr Handeln beeinflusst. Und das ist das Doppel, das ich oft gerne beschreibe: Ich erzähle die Lebensgeschichte, Geschichte und Geschichten.

Es ist ein schönes Kompliment wenn die Leute mir sagen, dass sie durch meine Bücher auch etwas über die Zeit gelernt haben. Unabhängig von der einzelnen Person, z.B. über das fin de siècle in Wien oder in Berlin. Das finde ich schön, denn das ist auch mein Anliegen, dass ich das einfange, dass ich die Figur nicht gelöst von ihrem zeitlichen Kontext betrachte.

54books: Würde sich der Historiker Oliver Hilmes trotzdem auch ein einzelnes Thema, beispielsweise den dreißigjährigen Krieg herausnehmen?

Dr. Oliver Hilmes: Ja könnte passieren, jetzt nicht unbedingt der dreißigjährige Krieg. Aber ich bin nicht mein Leben lang auf Biographien festgelegt – warum nicht mal die Geschichte einer Epoche oder einer Stadt, eines Hotels oder was auch immer?

54books: Würden Sie die Biographie einer Person schreiben, die noch lebt?

Dr. Oliver Hilmes: Wahrscheinlich nicht. Es hinge aber von der Person ab und es wird nur dann Sinn machen, wenn ich von der Person eine carte blanche bekäme, dass diese Person mir in die Hand, besser in Form eines juristischen Schriftstücks, verspricht, dass sie mir da nirgendwo reinredet und ich wirklich alles zu Gesicht bekomme und ich alles verwenden kann. Das ist die Grundbedingung. Eine Gefälligkeitsbiographie, das würde ich nicht machen.

54books: Sowohl bei Ihrer Alma als auch Ihrer Cosima Biographie schildern Sie wie Sie von der ausufernden Quellenlage erschlagen werden. Muss der Historiker der Zukunft bei der Porträtierung einer Person des 21. Jahrhunderts alle Tweets, den E-Mail-Verkehr, die SMS und die Facebook-Einträge dieser auswerten. Wie kann man das kanalisieren, kann man den Anspruch auf Vollständigkeit dann überhaupt aufrechterhalten?

Dr. Oliver Hilmes: Das ist eine sehr gute Frage. Vor allen Dingen eine Frage, deren Beantwortung sehr schwer fällt. Vor allem eine Frage an die Archive. Wie archiviert man das? Wie archiviert man E-Mails? Druckt man die alle aus, archiviert man Festplatten, die sich vielleicht in 50 Jahren alle auflösen, oder in 20 Jahren nicht mehr funktionieren.

Aber auch was vorgestern bei Facebook bei irgendwem stand, ist heute auf Grund der Flut von 10000 neuen Nachrichten gar nicht mehr greifbar. Weiß ich gar nicht wie man damit umgehen soll und vielleicht auch ein weiterer Grund, warum ich mich von Zeitgenossen fernhalte, weil dies wirklich schwer ist.

54books: Ist es für Sie Fluch oder Segen, wenn die Autobiographie von einer Person vorliegt oder nur eine weitere, vielleicht zaghaft anzufassende, Quelle?

Dr. Oliver Hilmes: Das ist eine Quelle von vielen. Aber natürlich eine sehr wichtige, weil es eben das Selbstbild der Person ist, wie sie sich sieht und wie sie gewesen oder annähernd gewesen ist. Sie bietet aber auch einen gewissen Faden zur Orientierung, gibt aber natürlich auch immer wieder wunderbare Möglichkeiten die Person zu hinterfragen, weil die Autobiographie ein Genre ist, in dem viel gelogen wird, das liegt in der Natur der Sache. Gerade aber indem man diese Retuschen auch aufdeckt, indem man nachweist, das hat sie jetzt aber schön getürkt, kann man ganz viele weitere Aufschlüsse über diese Person gewinnen.

54books: Gerade bei Ihrer Alma Biographie greifen Sie als Autor stellenweise ein und Mahnen zur Vorsicht mit den teilweise sehr heftigen Tagebuchaufzeichnungen, nach dem Motto „Lieber Leser, was würden Sie Ihrem Tagebuch anvertrauen?“. Wie sehr wollen Sie selber eingreifen in das Bild, das sich der Leser macht?

Dr. Oliver Hilmes: Also Eingreifen will ich gar nicht. Ich will vor allem nicht lenken im Sinne davon, dass eine bestimmte Position übernommen werden soll, will aber auch die Person nicht verurteilen oder reinwaschen. Ich will die Quellen sprechen lassen, muss diese aber auch in ein Verhältnis zu einander setzen, muss sie interpretieren. Natürlich muss man die Quellen aber auch hinterfragen, ob sie überhaupt zutreffend. Das alles nennt man Quellenkritik. Aber diese erwähnten Zwischenrufe, das mache ich allerdings auch sehr selten, weil es auch ein Stilmittel ist, das sich abnutzt, wo ich in bestimmten Momenten zum Innehalten einlade und sage „Okay das ist ziemlich krass, aber lasst uns mal ehrlich sein, wie würden wir uns in so einer Situation verhalten?“ Das sind aber nur Zwischenrufe, ich will nicht beeinflussen oder lenken, das sind nur Angebote zum Innehalten.

Die Wahl Ihrer Themen

54books: Sowohl Alma, als auch Cosima sind eher die Nebenfiguren großer Männer. Ordnen wir Cosima an das Ende des 19. und Alma an den Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Fällt Ihnen spontan im 18. oder im 21. Jahrhundert eine ähnliche Frauenfigur ein?

Dr. Oliver Hilmes: Da muss ich nachdenken. – Mir hat ein politischer Journalist mal gesagt: „Es gibt eine Person, die unbedingt mal porträtiert werden muss: Marianne Strauß, die Ehefrau von Franz Josef Strauß.“ Die muss wohl, wie man so sagt, einen maßgeblichen Einfluss auf ihn und sein politisches Wirken gehabt haben. Das kann ich so nicht beurteilen, aber die fällt mir jetzt spontan ein. Da gibt es vielleicht man ein kleines Bändchen, aber ich weiß nicht ob es eine volle Marianne Strauß Biographie gibt, das ist das eine. Das andere ist, ob so eine Biographie heute überhaupt noch gekauft und rezipiert wird. Franz Joseph Strauß ist schon so lange tot und seine Frau noch ein bisschen länger. Bis auf die mythische Figur Strauß, schwer zu sagen, ob so was heutzutage überhaupt noch trägt.

Das Gleiche, aber das ist natürlich durch, Hannelore Kohl. Sie war eben „die Frau an seiner Seite“, die vielleicht nicht die Karriere gestaltet, aber erst ermöglicht hat.

54books: Liszt – Cosima – Cosimas Kinder und jetzt Ludwig II. von Bayern. Man erkennt in Ihrem Schaffen durchaus eine, nicht nur familiäre, Reihe [Franz Liszt war der Vater von Cosima Liszt-Bülow-Wagner; Cosima, man mag es kaum glauben, die Mutter ihrer Kinder; Ludwig II. war der Mäzen von Richard Wagner]. Wie setzen Sie die Reihe fort oder tanzen Sie aus dieser?

Dr. Oliver Hilmes: Ich weiß es nicht. Aber das hat sich auch so ergeben, das war keine Strategie, sondern man lernt, wenn man sich mit einer Person beschäftigt so viele Personen kennen, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Die Figur von Franz Liszt war mir als Musikliebhaber natürlich vertraut und ich habe seine Musik auch immer sehr gemocht, aber bevor ich begann mich mit Cosima zu beschäftigen, wusste ich über Liszt nicht so arg viel, vor allem nicht ob es gescheite Biographien über ihn gibt. Als ich mich aber mit Cosima beschäftigte, musste ich mich zwangsläufig auch mit ihrem Vater beschäftigten und da merkt man dann: „Aha da gibt es ja gar nichts oder nichts Gescheites oder nichts in deutscher Sprache.“ So kommt man dann von einem zum anderen. Das war aber keine Strategie. Dazu sind die Überschneidungen auch nicht stark genug. Liszt z.B. hat ja nun Jahre fern von seiner Tochter gelebt und bei Ludwig II. spielt natürlich Richard Wagner eine wichtige Rolle, aber nicht die entscheidende. Das sind nur Berührungspunkte. Nur ein Bruchteil meines neuen Buches über Ludwig II. wird sich mit Wagner beschäftigen – er war Politiker, Regierungschef und ich will vor allem auch das Politische in seinem Leben darstellen.

Klassiker des Genres Biographien

54books: Gibt es aus dem Genre Biographien Werke, von denen Sie sagen würden, das sind absolute Klassiker?

Dr. Oliver Hilmes: Brigitte Hamann hat mit ihrer Biographie über Elisabeth von Österreich einen Pflock eingerammt! – ein Buch geschrieben das einfach auch Maßstäbe gesetzt hat, das gezeigt hat, dass man sich einer völlig verkitschten, romantisierten Yellow-Press-Figur, wie eben dieser ominösen Sisi, auch nähern kann, ohne selber in den Kitsch abgleiten zu müssen. Dass man das historisch korrekt, sachlich abgewogen, aber dennoch spannend geschrieben, machen kann. Das ist ein Buch, bei dem ich sagen muss: Da wurde was Großes geleistet.

54books: Gibt es Werke, an denen sich der Autor Oliver Hilmes für sein Schreiben orientiert?

Dr. Oliver Hilmes: Vorbild ist schwer zu sagen. Aber wie z.B. Frau Hamann schreibt, das ist eine Richtung, die auch die meine ist, das finde ich sehr überzeugend. Aber im Grunde muss da jeder Schriftsteller seinen eigenen Weg finden.

Ich weiß, noch bevor ich Alma geschrieben habe, war auf der Spiegel Beststellerliste das Buch „Frau Thomas Mann“ von Inge und Walter Jens. Da habe ich gedacht: „Ich bin jetzt ganz neu in dem Business, mal gucken wie die berühmten Jensens das machen.“

54books: Sie würde ja auch gut zu den zu porträtierenden Frauen neben dem großen Mann passen.

Dr. Oliver Hilmes: Ja zum Beispiel. Genau – Inge Jens ist so ein Beispiel.

54books: Nein, Katia Mann meinte ich.

Dr. Oliver Hilmes: Katia Mann natürlich auch, aber Inge Jens. Das ist ja die Frage, wer der größere Literaturwissenschaftler von beiden war, und das war möglicherweise Inge und nicht Walter Jens. Ich glaube schon, dass Inge Jens eine ganz, ganz kluge, wichtige Frau war, möglicherweise eben auch klüger als ihr Mann war, aber das ist eine andere Frage.

Aber dieses Buch habe ich gelesen, oder besser angelesen, und nach wenigen Seiten gemerkt, das ist überhaupt keine Hilfe, habe es zugeklappt und erst sehr viel später zu Ende gelesen, weil ich gemerkt habe, das bringt mir jetzt nichts, ich muss meinen eigenen Weg finden. Das Buch hat mich aber alles in allem auch nicht überzeugt. Ich lese biographische Werke so nebenbei mal, wenn mich das interessiert, aber Vorbilder oder bestimmte Hilfestellungen kann ich nicht rauslesen.

54books: Abgrenzung nach unten ist ja immer möglich.

Dr. Oliver Hilmes: Bei den allermeisten Biographien denke ich mir erstmal „so nicht“, aber das hat natürlich mit dem Geschmack zu tun.

54books: Herr Dr. Hilmes, ich danke Ihnen sehr für das nette Gespräch.

oliverhilmes
Oliver Hilmes bei der Lesung im Genueser Schiff in Hohwacht

An dieser Stelle endet eigentlich das Interview, aber Herr Hilmes und ich geraten ins Plaudern. Der Weg über die Pyrenäen der Reisegruppe Heinrich, Nelly, Golo Mann mit dem Ehepaar Werfel, Carl Zuckmayer besoffen in der Hundehütte und das Trinken mit Alma, Quellenkritik bei Elias Canetti und Literaturblogs im Internet. Daher darf ich auf den mir von Herrn Hilmes empfohlenen Blog „Herbert Liest“, insbesondere auf die Folge mit der Vorstellung des Bücherregals meines Gesprächspartners, hinweisen.

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Gespräche!

Heute abend kommt das erste Interview nach Denis Scheck und ich möchte vorher eine kleine Änderung vornehmen: Die Kategorie wird fortan nicht mehr Interviews, sondern Gespräche heißen. Nicht, weil ich mich zwangsläufig an englischen Wörtern stoße, sondern weil die Interviews Gespräche waren.

Die Unterschiede mögen auf den ersten Blick nicht groß sein, doch habe ich das Gefühl, dass man bei Interviews zuerst an ein Frage-Antwort-Spiel denkt, bei einem Gespräch dagegen treffen sich zwei Menschen auf Augenhöhe und unterhalten sich. Genau so waren, allen meinen Befürchtungen zum Trotz, die beiden kommenden “Interviews”. Sowohl mit Oliver Hilmes, als auch dem noch nicht genannten Gesprächspartner Nummer 2, habe ich jeweils fast eine Stunde zusammengesessen und auch nachdem der offizielle Teil vorbei war, sind wir sitzen geblieben und haben – im klassischen Sinne – geplaudert.

Vor allem da die beiden heute und morgen zu veröffentlichenden Gespräche eine so nette und bereichernde Erfahrung waren, freue ich mich besonders, diese mit euch zu teilen.

Freut euch mit mir heute abend auf das Gespräch mit Oliver Hilmes!

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Literatur am Meer gelesen

Hier bin ich nicht nur aufgewachsen, sondern auch groß geworden – weit über ein Jahr meines Lebens habe ich an diesem Ort verbracht. Hohwacht ist ein kleiner Ort, der eigentlich rein touristisch “genutzt” wird. Der “historische” Kern ist näher besehen keiner und die kulturellen Highlights lassen sich größtenteils an einer Hand pro Saison abzählen. Neben ein paar sehr guten Konzerten, die ich schon vor Ort genossen habe, breche ich heute auf um bei Literatur am Meer gelesen teilzunehmen.

Im Hotel Genueser Schiff – Hort meiner Kindheit bis 15 – findet ab heute eine Reihe von Lesungen statt, mit dabei Hubertus Meyer-Burckhardt, Klaus-Peter Wolf, Oliver Hilmes, Harald Martenstein und Denis Scheck – mit dabei und mittendrin auch ich, allerdings größtenteils passiv. Abgeschnitten vom Highspeed Internet, ohne den eingeschickten Laptop unterwegs, wird es wohl nur per Mikroblogging auf Twitter Infos geben bis ich in längeren Artikeln die Woche aufbereiten werde.

Oder leihen mir Schwester, Papa oder Patenonkel mal ihr Apple-Produkt und das Genueser Schiff sein Internet?

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Interview mit Denis Scheck

Es gibt wohl keinen Literaturkritiker, der in Deutschland ähnliches Ansehn genießt, keinen, der so bekannt ist und keinen, der so polarisiert. Denis Scheck sagt was er denkt und daher kann es schonmal sein, dass er von “sprachlichem Brachland” spricht, eine Empfehlung nur für “Freunde[…] masochistischer Selbstkasteiung” aussprechen kann und Paulo Coelho den “unangefochtenen König des Esoterikschunds” nennt, einen Autor von “in der Literaturgeschichte ganz und gar beispiellose[m] und groteskem Dilettantismus”, der dessen Erfolg diametral entgegengesetzt ist.

Mit keinem Kritiker bin ich zumeist so einig. Seine Deutlichkeit und Sprachgewalt würde ich mir wünschen, ebenso die Aufmerksamkeit, die er genießt. Umso erfreulicher ist es für mich, dass ich Herrn Scheck zum Beginn meiner Reihe Gespräche für ein solches gewinnen konnte.

Buch vs. eBook

54books: Würden Sie in der heutigen Zeit eher einen Buchladen eröffnen oder Amazon-Aktien erwerben?

Denis Scheck: Zu allen Zeiten war die Literatur eine todsichere Sache, zu einem kleinen Vermögen zu kommen – vorausgesetzt, man fängt mit einem großen an. Aber im Ernst: ich glaube durchaus an die Zukunft des stationären Buchhandels. Solche Läden haben, wenn sie gut geführt sind und die Lage stimmt, das Attraktivste im Angebot, was man im Kapitalismus anbieten kann: ein Allheilmittel gegen die Einsamkeit.

54books:Kindeln Sie?

Denis Scheck: Nein, ich möchte nicht, daß Amazon weiß und kontrolliert, was ich wann lese. Ich habe einen E-Reader von Sony. Als Kritiker muß ich viel Fahnen lesen – da ist der Reader eine schöne Alternative.

54books: Setzt sich Qualität auch auf einem von Selfpublishern und 0,99€-eBooks überschwemmten Markt durch?

Denis Scheck: Ja.

Literaturkritik

54books: Was sagt es Ihnen, dass die Bücher, die sie am gnadenlosesten niedermachen, die erfolgreichsten sind?

Denis Scheck: Kommerzieller Erfolg besitzt in der Kunst wenig Aussagekraft, sonst hingen in unseren Museen hauptsächlich röhrende Hirsche.

54books: Muss man als deutscher, männlicher Literaturkritiker immer den Vergleich mit Reich-Ranicki fürchten?

Denis Scheck: Fürchten muß man Vergleiche nicht, man muß ihnen standhalten. Vergleiche mit Alfred Kerr und Alfred Polgar schüchtern mehr ein.

54books: Welches Buch haben Sie in letzter Zeit mit besonderem Genuss in den Reißwolf geworfen?

Denis Scheck: Ich habe – hier geht Ihre visuelle Phantasie mit Ihnen durch – überhaupt noch nie ein Buch in den Reißwolf geworfen. Aber Nina Georges „Das Lavendelzimmer“ war schon ein Tiefpunkt.

54books: Erkennen Sie den Klassiker von morgen, wenn Sie ihn heute lesen?

Denis Scheck: Nein, das ist auch nicht mein Ehrgeiz. Als Literaturkritiker wende ich mich an die Gegenwart, das Lesen in Kristallkugeln überlasse ich gern anderen.

Literaturkritik und -szene im Internet

54books: Aus Protest gegen die Streichung des Wortes Neger aus Kinderbuchklassikern haben Sie sich in einer Folge Druckfrisch das Gesicht schwarz angemalt. Haben Sie die – zumeist empörten – Reaktionen, die vor allem auf Twitter und auf Blogs veröffentlicht wurden, verfolgt?

Denis Scheck: Twitter? Ich bitte Sie – ich bin doch kein Politiker. Für das, was mich interessiert, besitzt das die Relevanz von CB-Funk.

54books: Verfolgen Sie die Entwicklungen und Diskussionen der Literaturszene im Internet?

Denis Scheck: Manches schon. Allerdings gilt hier dieselbe Regel, die Flaubert dem Autor für seine Präsenz im Text auferlegt, wenn er sagt, dieser müsse sein wie Gott: immer zu spüren, nie zu sehen.

54books: Die Szene der Literaturblogs wird von Vampir-/Schmacht-/Fantasy- und Weltuntergangsbüchern beherrscht, die Rezensionen kommen zumeist von jungen Damen zwischen 15 und 20. Welcher Klassiker macht jungen Menschen richtig Lust auf dieses Genre?

Denis Scheck: Bücher über den Austausch von Körperflüssigkeiten werden in diesem Alter nun mal gern gelesen. Ich würde die Amerikanerin Elizabeth Kostova mit „Der Historiker“ empfehlen. Außerdem Jack Vance, Stephen King und James Tiptree Jr. Ich persönlich habe zwischen 10 und 20 ein ausgesprochenes Faible für Vampir-, SF- und Fantasyromane gehabt und habe es immer noch. Gegenüber dieser Art von Literatur gibt es leider viel hohle Arroganz.

54books:Eitel, elitär, arrogant – grauenhaft, so sind wir ja nicht?!, sagten Sie im Gespräch mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Haftet aber nicht gerade dieses Vorurteil dem Literaturkritiker an, der vielmehr den Feuilleton bedient als den Mainstream; der Otto-Normalleser durch den Verriss ihrer Lieblingsbücher vor den Kopf stößt?

Denis Scheck: Och, manchmal ist ja so ein bißchen Vor-den-Kopf-gestoßen-werden nachgerade heilsam. Man findet in der deutschen Literaturkritik beides: die Locken-auf-Glatzen-Dreher und die durchschaubaren Populisten, die nach der Devise „Endlich-ein-Buch-für-uns-Mädels“ herumfuhrwerken.

Empfehlungen

54books: Von wem lässt sich jemand, der hauptberuflich Bücher empfiehlt, Bücher empfehlen?

Denis Scheck: Die wirksamste Empfehlung ist der Enthusiasmus eines begeisterten Lesers. Ich lasse mir durchaus gern etwas von meinen Kollegen und von Autoren empfehlen, besonders hellhörig bin ich, wenn literarische Übersetzer etwas loben.

54books: Jeder Literaturkritiker wird über kurz oder lang nach seinem Kanon befragt. Umgekehrt, Herr Scheck: welches sind ihre 3 schrecklichsten Bücher und warum haben sie Ihre Missachtung ehrlich verdient?

Denis Scheck: Das würde den Rahmen eines Interviews sprengen. Aber unter Shades of Grey, Paolo Coelho und Stephenie Meyer habe ich wirklich gelitten.

54books:Der Scharfsinn des Kritikers erweist sich besonders an neuen Schriften, die noch nicht durch das Publikum erprobt sind. Erraten, vorauseilen, auf den ersten Blick beurteilen, das ist die Gabe des Kritikers, sagte Charles-Augustin Sainte-Beuve haben Sie zum Abschluss einen spontanen Geheimtipp, der zu wenig beachtet wurde?

Denis Scheck: Die Brasilianerin Clarice Lispector lohnt eine Entdeckung, ebenso die deutsche Lyrikerin Sabine Scho, die in Hamburg auch sehr schöne Fahrräder produziert.

54books: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

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