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Kategorie: Gespräche

Ein Schwein schlachten mit Krimiautorin Simone Buchholz

Das deutsche Feuilleton ist träge geworden, geht nicht mehr dorthin wo es weh tut. Um das Vakuum an extraordinären Reportagen zu füllen, treffe ich mich mit Simone Buchholz in unserer hessischen Heimat. Die Autorin und Kolumnistin lebt zwar eigentlich in Hamburg, doch für unser Vorhaben brauchen wir den Schutz hügeliger Rhönausläufer. Wir wollen ein Schwein schlachten.

Nur wenige Betriebe in Deutschland verarbeiten ihre Wurst noch warm1. Die Hygienestandards sind hoch. Die beste Möglichkeit, solche Vorschriften zu umgehen, bietet immer noch eine Hausschlachtung. Daher haben wir im Frühjahr in Wippershain bei Bad Hersfeld für 25 Euro das Dorfgemeinschaftshaus angemietet. Hier bietet man neben einem Partykeller und einem „Festsaal“ auch einen Schlachtraum; ebenfalls integriert ist das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. Etwas unsicher in Bezug auf Beschaffung und Tötung eines Schweins haben wir uns Hilfe aus dem ebenfalls im Kreis Hersfeld-Rotenburg gelegenen Dorf Heenes geholt. Peter Sorga ist gelernter Metzger, war für Kali und Salz unter Tage und hat im Laufe seines Lebens an die tausend Hausschlachtungen betreut. Wir treffen uns auf seinem Hof in Heenes. Hier hält er noch zwei Schweine, eines für sich und seine Familie, ein weiteres, das er uns verkauft hat. Beide Sauen kamen als Ferkel zu ihm und wurden über ein Jahr, also fast dreimal so lange wie in der Massentierhaltung, persönlich umsorgt. Auch an Platz mangelt es den beiden hier nicht, den Stall, früher für eine niedrige zweistellige Zahl von Paarhufern vorgesehen, bewohnen nun die beiden Wutzen allein.

Pit, so nennen Freunde und Familie Peter, empfängt uns in Gummistiefeln und langer Schürze, an seinem Gürtel baumelt so etwas wie ein Holster mit einem Messer. „Holen wir die Sau?“, fragt er die beiden verschüchterten Großstädter nach kurzer Begrüßung und wir nicken stumm. Der Schweinstall riecht naturgemäß, aber irgendwie milder als erwartet, auch sieht es dort nicht so aus. Ein riesiges Tier liegt in einer Ecke der großen Box. Simone schaut mich an und wir sind beide überrascht ob der Fülle an Tier, der Respekt vor diesem und dem vorgesehenen Prozedere steigt. „Da honners“, sagt Sorga in nordhessischem Platt. Um Zeit zu gewinnen, frage ich nach dem Namen der Sau. „Meine Kinder haben den Schweinen früher Namen gegeben, aber das macht es schwerer“, gibt er zu, während er dem Tier den mitgebrachten Strick wie eine Leine umlegt, und es mit leisen Worten zum Aufstehen animiert. Plump durchbreche ich mit neuen Fragen seine andächtige Stille und merke erst später, dass ich wichtige Momente für Bauer und Schwein dadurch zerstöre. „Was hat das so gefressen?“ – „Die Küchenabfälle und Essensreste, den Rest haben wir zugefüttert. Dafür lasse ich mir immer eine Mischung machen, mir ist das wichtig, hauptsächlich Mais und Soja, aber aus konventioneller Landwirtschaft. Nicht so moderne Sachen.“ – „Ein richtiges Bioschwein?!“ Sorga winkt ab. „Bio? Das ist doch auch so eine Mode, da tricksen sicher irgendwelche Chinesen und jubeln uns Sachen unter, die wir früher selbst besser gemacht haben.“

Unter beruhigenden Worten lotsen wir die Sau in die Mitte des Hofes. Pit drückt Simone einen Eimer und ein übergroßen Kochlöffel in die Hand, verschwindet nochmal kurz und kehrt mit seinem Schwiegersohn und einem Bolzenschussgerät zurück. Dieses muss man sich wie eine große Thermoskanne vorstellen aus deren einer Seite mittels Drucks einer Platzpatrone ein Bolzen hervorschießt. Wird das Gerät etwas oberhalb der Augenpartie mittig auf der Stirn des Schweins ausgelöst, stößt der Bolzen ins Hirn des Tieres und betäubt es. Pit und sein Schwiegersohn binden der Sau nun noch zwei weitere Stricke an die Hinterläufe und Pit weist uns ein: Sobald das Schwein betäubt ist, eröffnet er ihm die Halsschlagader, Simone soll das Blut im Eimer für die Blutwurst auffangen und rühren, sonst gerinnt es. Es ist zu erwarten, dass das Nervensystem des Schweins trotz der Betäubung verrückt spielt, daher hält sein Schwiegersohn die Hinterbeine an den Stricken. Ich soll mich auf das Schwein setzen, aber sehr weit vorne, dort wo man die Schultern vermuten würde, und versuchen es zu halten, 100 Kilogramm gegen fast 220.

Auf einmal geht alles so schnell, dass wir uns gar nicht mehr sortieren können. Peter, der gerade noch leise der Sau gut zuredet, zieht sofort nach dem Knall des Bolzenschusses sein Messer aus dem Holster und sticht dem Schwein in den Hals. Der erste Schwall dampfendes Blut ergießt sich auf Simones Stiefel bevor sie den Eimer hochreißen und in die richtige Richtung manövrieren kann. Als der Bolzen im Schädel der Sau einschlägt, grunzt diese dumpf und beginn kurz danach zu schreien. Ein hohes Kreischen hallt von den Wänden der umliegenden Gebäude wider, und unter mir versucht das Schwein im Todeskampf sich aufzubäumen. Der Schwiegersohn zerrt an den Stricken und kommt fast zu Fall, sämtliche Läufe schlagen unkontrolliert aus. Nicht stark, aber schwer, versuche ich die Kontrolle über Gewichtsverlagerung zurückzugewinnen, doch was kann Masse gegen Todeskampf ausrichten. Der Eimer in Simones Armen füllt sich erschreckend schnell, obwohl sich wegen der heftigen Zuckungen auch einzelne Blutpfützen auf den unebenen Betonsteinen sammeln. Das Ausschlagen unter mir wird weniger, die Sau langsamer, bis sie zusammenbricht.

Alle Anwesenden schweigen. An der Hauptstraße waren ein paar Passanten vorbeigelaufen, aber niemand stehen geblieben, in Heenes scheint man noch ans Schlachten gewöhnt zu sein. Ich bin es nicht. In meinen leuchtend neuen Gummistiefeln stehe ich breitbeinig über einem toten Schwein, dessen Blut sich unter meiner Schuhsohle sammelt. Es will sich kein Gefühl archaischer Männlichkeit einstellen, kein Triumph. Vielmehr schwanke ich unsicher zwischen Übelkeit und Sprachlosigkeit, während die anderen Herren bereits den Hänger aus dem Schuppen rollen. Das Schwein muss ausbluten, damit wir es verarbeiten können, und das soll möglichst bald sein. Wieder bleibt keine Zeit zur Vorbereitung oder Besinnung, wir wuchten und ziehen, ich weiß nicht wie, das Vieh auf den Hänger. Pit, in emsiger Geschäftigkeit, verschließt den Eimer mit dem Schweineblut mit einem Deckel, stellt ihn neben das Tier auf den Hänger, besteigt sein Auto und zuckelt los. Seine Tochter verabschiedet uns, und beginnt mit Wasser aus einem Gartenschlauch das Blut von den Betonplatten in den Gulli zu spülen.

Autorin und Blogger sind sprachlos. Wir schauen uns an und steigen ins Auto, starren zwei Minuten schweigend aus dem Fenster. Als ich den Motor anlasse, holt Simone Luft um etwas zu sagen, verschluckt es aber wieder. Wir sprechen erst wieder, als wir in Wippershain das Dorfgemeinschaftshaus nicht finden.

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Peter Sorga (links) sticht die Wutz, Simone Buchholz (rechts) fängt das Blut auf. Aus Gründen der Pietät, und weil wir Angst hatten, wurden keine Bilder vom Tötungsvorgang angefertigt.

Als wir durch die Toreinfahrt auf den Hof rollen, koppelt Pit bereits den Hänger ab und schiebt ihn in eine Parklücke. Der kleine, drahtige Mann ist für sein Rentenalter äußerst fit. Ein paar Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr haben ihm geholfen das Schwein vom Hänger in den Schlachtraum zu hieven. Mit heißem Wasser hat er die Haut des Tieres überbrüht und mit Glocken gegen den Strich die Borsten abgeschabt. An den Hinterläufen neben den Achillessehnen hat er eingeschnitten und zwei Haken eingehängt. Wir betreten gemeinsam den hohen, feuchten Raum, der bis unter die Decke gefliest ist. Peter betätigt die Winde an der Wand. Die Stahlseile an den Läufen der Sau straffen sich und schleifen den Körper ein Stück über den Boden bis er sich langsam anhebt. Ich frage, ob ich helfen kann, doch Pit winkt ab. Nach kurzer Zeit hängt kopfüber ein knapp zweieinhalb Meter langer Kadaver von der Decke. Nur der Kopf fehlt bereits. Dank des Verfahrens auf dem Weg zum Schlachthaus mussten wir nicht mit ansehen wie das erledigt wurde. Peter, sonst offenbar nicht sehr zimperlich, hat wohl aus Rücksicht auf uns nicht gewartet. Andererseits ist jeder Ablauf bei ihm automatisiert, wahrscheinlich kam er gar nicht auf die Idee, für dieses „Highlight“ auf uns zu warten, er ist einfach bei der Arbeit. Der Kopf ist nirgends zu sehen, was macht man wohl damit? Aus dem Hals der Sau tropft noch etwas Blut in den Ausguss in der Mitte des Raumes, über dem sie hängt.

„Wir brauchen einen von den Tischen“, weist Pit uns an. Was er Tische nennt sind eigentlich aufgebockte übergroße Schneidbretter. Simone und ich heben die Platte an, während Peter die Böcke vor die Bauchseite der Sau stellt und wir das sicher drei Meter lange Plastikbrett darauf legen. Die Routine, mit der Pit die meisten seiner Handgriffe ausführt, gepaart mit unserer Rolle als Handlanger und Zuschauer führt zur nächsten Überraschung. Ohne Ankündigung stellt er sich auf die Zehenspitzen, greift wieder in sein Holster und öffnet dem Tier mit einem großen Schnitt den Bauchraum. Das Innere dampft in den ungeheizten Raum und mit einem schmatzenden Klatschen ergießen sich die Innereien auf den Tisch. Hatten wir uns inzwischen an das Odeur des Schweineäußeren gewöhnt, werden unsere Nasen nun völlig neuen olfaktorischen Reizen ausgesetzt. Der Gestank nach Blut und Scheiße erfüllt in Sekunden den Raum.

Ein Jeep rollt auf den Hof und eine riesige Frau steigt aus, die Tierärztin. Die Fleischbeschau verläuft positiv, zumindest aus Sicht des späteren Konsumenten. „Die Leber müsst ihr aber wegmachen“, sagt die Veterinärin mit Blick auf einen riesigen dunkelbraunen Lappen auf dem Tisch. Positiv also auch der Befund in Bezug auf Würmer in der Leber. „Nicht schlimm“, sagt Peter und zeigt auf Löcher im Gewebe, „nicht schlimm.“ Er zückt ein prähistorisches Mobiltelefon und ruft „die Tochter“ an. Sie solle bitte mal in den Hersfelder Schlachthof fahren und eine neue Leber kaufen. Während des Gesprächs tritt er nah an das Schwein heran, öffnet mit einer Hand wieder den Schnitt und betrachtet ihn. „Und Fett brauchen wir auch, schau mal, zehn Kilo, besser fünfzehn.“ Simone und ich schauen uns an. „Wenn man zu wenig Fett an der Wurst hat, wird die schlecht, Fett ist gut für die Haltbarkeit“, erklärt uns Pit beiläufig und drückt der Tierärztin zwanzig Euro in die Hand. Nutzlose Helfer, die wir sind, stehen wir weiter in der Gegend rum, während Pit wieder nach draußen wuselt. Er kommt mit einem Bottich wieder, der eigentlich eine Wanne zum Anrühren von Zement zu sein scheint. Er zieht und zerrt Teile der Eingeweide hinein. Der prallgefüllte Darm, die Lunge und viel undefinierbare Matsche rutschen vom Tisch in den Kübel. Der kleine Mann zerrt den Pott nach draußen und der Gestank lichtet sich etwas. Peter hat eine Säge in der Hand. Er weist Simone an mittels eines überdimensionalen Wasserhahns den Kessel an der einen Längsseite des Raums zu befüllen. Knapp eine Badewanne voll fasst dieser als er nur zu zwei Dritteln gefüllt ist und Simone auf Pits Anweisung beginnt die restlichen Innereien hineinzulegen. Das Herz, die Nieren, irgendwelche Fleischlappen und einen zwei Kilo schweren Rinderbraten, den Peter aus einer Kühlbox holt. Da ist auf einmal der Kopf der Sau. Aus dem Nebenraum trägt Pit ihn rein. Die Augen fehlen. „Eigentlich schneide ich die Augen immer schon auf dem Hof raus. Schwerer, wenn man ständig angeguckt wird. Aber unser junger Kollege hier scheint nicht so belastbar, da dachte ich, das mach ich, wenn ihr nicht dabei seid.“ Diese Rücksicht überrascht mich etwas. Ich bin fast gerührt. Für viel mehr Einfühlung ist jetzt aber auch kein Raum mehr, denn Pit setzt die armlange Säge mittig auf den Kopf und beginnt ihn zu zersägen. Das geht überraschend schnell. Jeder Hälfte schneidet er die innen sehr dreckigen Ohren ab, trägt sie zum Kessel und lässt sie hineingleiten. Die Säge über dem Arm besteigt er auf der Rückenseite des Schweins eine kleine Leiter und beginnt den Körper mittig zu zersägen. Das klingt wie das Zersägen eines Schweins.

„So“, sagt der Mann in der Plastikschürze als er von der Leiter steigt und die Säge an einen der vielen Haken an der Wand hängt, „jetzt kurz verschnaufen.“ Er gießt Schlitzer Burgenkümmel in Gläser und erhebt das Pinnchen „Auf die Sau.“ Wir repetieren und trinken. Es ist das erste Mal seit wir den Stall betreten haben, dass etwas Ruhe in den Metzger kehrt. Das Schlimmste haben wir jetzt aber hinter uns, hoffe ich. Das vorhin noch lebende Tier hängt in Hälften entpersonalisiert von der Decke. Der Anblick von Schweinehälften ist deutlich erträglicher als der von augenlosen Köpfen und Tischen voller Eingeweide. Auch unser Zeremonienmeister ist das erste Mal entspannt und erzählt, wie seine Eltern ihn zur Metzgerlehre drängten, wie sehr ihn der Beruf abgestoßen hat und die Übelkeit, die ihn bereits morgens überkam, wenn er um sechs Uhr früh mit dem Geruch von Tod und ausgekochtem Fleisch konfrontiert wurde. Als er bei Kali und Salz im Werratal arbeitete und genügend Abstand vom täglichen Schlachten hatte, begann er auf Bitten vieler Bekannter wieder mit Hausschlachtungen. „Oh ich zeig euch was Lustiges!“ Pit wuselt von dannen, kramt, spült einen Hautlappen im Waschbecken aus, setzt ihn an den Mund und bläst Luft hinein. „Die Blase“, lacht er und bindet sie mit grobem Garn zu. Den Bioluftballon hängt er an den Haken neben die Säge.

Simone und ich bekommen jeder einen Tisch zugewiesen und ein Messer in die Hand. Die von mir mitgebrachte Klinge, die beste des Hauses dachte ich, legt er lächelnd wieder in meine lila Klappbox zurück. Auch meine kleine Schleifmaschine von Tchibo wird ignoriert, blitzschnell dagegen schärft Pit mit einem Wetzstahl mehrere Messer verschiedener Größen, die er in sein Cowboyholster steckt. Behände trennt er den Vorderlauf der einen Hälfte vom Rest. Ich muss halten, so schwer ist das Teil. Es wird immer mal wieder gesägt, viele Knochen löst er durch gekonnte Schnitte sauber und ohne Fleischverlust vom Rest und legt Simone und mir je ein circa vier Kilo schweres Stück auf den Tisch. „Schaut euch den Fleischwolf an“, Peter zeigt auf das Loch in der großen Schale, das in eine Röhre in den Fleischwolf führt, „da müssen die Stücke durchpassen.“ Erst jetzt scheint unsere Hilfe wirklich gebraucht, schweigend arbeiten wir nebeneinander. In unserem Rücken zerteilt Pit das Schwein immer weiter, sobald er den hängenden Rest nicht mehr leicht erreichen kann, kurbelt er ihn an der Winde etwas herab. Immer mal wieder muss ich schleppen helfen.

Das vorherige Tier ist jetzt nur noch Fleisch, es ist ein bisschen wie Kochen mit großen Mengen. Nur das Dampfen der riesigen Brocken, die wir auf den Tisch gelegt bekommen, erinnert an das vorhin noch pulsende Leben darin. „Wir könnten tolle Schnitzel machen“, freue ich mich und patsche auf einen Teil des riesigen Schinkens. Mit Produktwerdung des Schweins in Fleisch löst sich auch bei mir langsam die Stimmung. „Nee, wäre zu zäh, die Sau ist zu alt, das macht keinen Spaß. Diese Schnitzelviecher sind drei Monate alt, das hier wird alles Wurst“ Pit legt mir den ausgelösten Kotelettstrang auf den Tisch, Bemerkungen zum Grillen von Selbstgeschlachtetem, das keine Wurst ist, verkneife ich mir. Er wiederum blickt auf die von mir geschnittenen Stücke, befindet die Größe für angemessen. „Wasn das?“ fragt er dagegen bei Ansicht eines Haufens, den ich still „Schlabber“ getauft habe. „Dachte das macht man weg, das war so … Schlabber?“ „Simone machst Du das etwa auch so?“ Nein, Simone hat brav nur Fleisch zerschnitten. „Das kommt alles in die Wurst. Das ist doch einfach nur Fett und ein bisschen Bindegewebe.“ Ich mische betreten den Schlabber unter die schönen Stücke schieren Fleischs. Ein letzter Versuch. „Wir könnten tolle Fleischwurst machen, so Lyoner, Kinderwurst, Du weißt schon Pit.“ „Ja, aber dafür bräuchten wir nur den Schlabber, einen Kutter, Eis, sehr viele Gewürze und Stabilisatoren.“ Ich sehe ein, wir werden heute keine Fleischwurst zubereiten.

Was der Bürger sonntags auf den Tisch zaubert, die „feinen Stücke“ des Schweins, alles kommt bei uns in die Wurst, Filets, Schinken, Braten, Koteletts, einfach alles. Dem Nichthessen sollte spätestens jetzt klar sein, warum der Hesse unwirsch wird, bezeichnet man seine „Stracke“ als Mettwurst oder gar Salami. Für solche Stücke, die Peter für minderwertig erachtet, gibt es einen eigenen Haufen, daraus wird Blut- und Leberwurst und Schwartemagen gemacht. „Das was da liegt“, Pit weist auf das Fleisch, „ist immer noch besser als alles was die Industrie in ihre Salami macht.“ Und ich dachte kurz es wären die Abfälle. Für besagten Schwartemagen hat Peter von den Rückenstücken die Haut des Schweins abgezogen, bevor er sie uns zugeteilt hat. Diese kommt ebenfalls in den Kessel. Der dadrin simmernde Sud verströmt inzwischen einen leichten Geruch nach sehr fettiger Brühe, die Scheiben des Schlachtraums beschlagen und von der Decke tropft Kondenswasser. Zwischenzeitlich bringt „die Tochter“ eine neue Leber und einen Müllsack voller fettem Speck. Peter wuchtet eine Wanne, „Marke Eigenbau“, auf eine riesige Waage. Sämtliches Fleisch der guten Seite wandert in die Wanne. Die Waage verrät uns, dass wir bereits über hundert Kilo Fleisch zerlegt haben. „Hmm“, überlegt der Metzger und legt uns fast den gesamten Inhalt des Fettsacks zum Zerkleinern auf den Tisch, während er Gewürze abwiegt, sehr viel Salz, frischen Knoblauch, Kümmel, Muskatnuss, Pfeffer. Er verteilt die Mischung, sicher mehr als zwei Kilo, über dem Fleisch in der Wanne. „Pulli aus oder Ärmel hochkrempeln“, sagt er zu mir und verschwindet bis zu den Schultern mit den Armen in der Wanne, „jetzt wird erstmal vorgemengt.“ Das Salz entzieht dem Fleisch schon merklich Feuchtigkeit, die sich am Boden sammelt, mit dem Umwälzen geben die Berge schmatzende Geräusche von sich. Die großen Stücke sind bald alle mit einer Schicht Salz und Gewürze umgeben und Pit kramt schon wieder in einer Kiste. „Wisst ihr, die Messer von dem Fleischwolf hier sind nicht so gut, da bringe ich immer extra meine eigenen mit, das ist wenn so viele Amateure dadran rumfuhrwerken.“ Während ich mir meine Arme noch mit sehr heißem Wasser und Spülmittel wasche, beginnt Simone mit dem Befüllen des Wolfs. Weil wir nur eine Wanne haben, hat Peter das Fleisch in die eine Ecke geschoben und in den freien Raum plumpsen bereits die ersten Portionen Gehacktes. Nach vielleicht zehn Kilo unterbricht Peter Simone und krempelt die Ärmel wieder nach oben. Er klemmt die eine Seite der Wanne unter das Fensterbrett und beginnt das Hackfleisch mit den Händen zu bearbeiten. „So kippelt nichts und man rutscht nicht weg.“ Er knetet. „Ihr müsst den Wurstteig richtig gut mengen. Einmal damit die Gewürze gleichmäßig verteilt sind, andererseits aber auch, dass das ganze Bindung kriegt, sonst kommt Luft in die Wurst, es bilden sich Hohlräume und darin schimmelt sie. Ihr müsst das Fleisch mit den Handballen aufeinander reiben, so hin und herrutschen, das wird richtig klebrig dann.“ Ich darf beginnen, nach fünf Minuten werden Simones Künste überprüft. Geschwindigkeit und Ergebnis sind zumindest derart zufriedenstellend, dass Pit das Geschaffene zur Weiterverarbeitung freigibt. Simone und ich wechseln uns im Wolfen und Mengen ab. Die Arme werden bei letzterem schneller lahm als man glaubt. Pit holt immer wieder den fertigen Wurstteig, außerhalb Hessens sagt man eher Brät, und schmeißt diesen in einen Kolben. Das klatscht kräftig. „Auch damit keine Luft in die Wurst kommt“, erklärt er. Vorne an dem Kolben befindet sich eine Tülle, über die er nun gewässerten (Fremd-)Darm zieht, der eigene liegt ja draußen im Eimer und ist noch reichlich mit Unappetitlichem gefüllt. Auf den Kolben montiert Peter einen Stempel, der die Wurstmasse durch die Tülle in den Darm presst, wenn man an einer Kurbel dreht. Durch nicht nachvollziehbare Knoten wurde das grobe Garn am Tisch befestigt und immer wenn ausreichend Darm gefüllt ist, wird vorne und hinten abgebunden. Einen Teil der so entstehenden Würste werden in der Geraden gelassen, Stracke, andere zu einem Kringel gebunden. Es dauert sicher zwei Stunden bis Simone und ich den gesamten Haufen Fleisch zerkleinert und gemengt haben und Pit die Würste gefüllt hat.

Zwischendurch machen Simone und ich immer wieder Pausen, trinken Kaffee aus einer großen Kanne mit 70er-Jahre-Blumen-Motiv von Pit. Mit kleinen Späßen versuchen wir weiter zu kaschieren, dass wir immensen Respekt davor haben, was gerade um uns passiert ist. Meine Mutter hatte Brötchen gekauft, die wir mit dem frischen Wurstteig belegen, Mettbrötchen deluxe. Dafür unterbricht auch Pit kurz seine Arbeit. Als wir die gesamte erste Fuhre Fleisch zerkleinert und Pit sie in Därme gefüllt hat, wird wieder gewogen. Aus der heißen Brühe hatten wir nach Anweisung alle schwimmenden Teile gefischt, Herz, Nieren, die Kopfhälften, aber auch Teile der Rippen, an denen noch kleine Fleischfetzen hängen. Die sollen wir jetzt abklauben, den Rinderbraten schneide ich in Würfel, ebenso ein großes gekochtes Stück fetten Speck. Die langen Streifen der Schwarte sind inzwischen grau und sehr glitschig, diese wandern erstmal zum Auskühlen in eine Blechwanne. Die Mengen an „schlechtem“ Fleisch und den angehäuften Resten sind deutlich kleiner. Simone schält ein Netz Zwiebeln und lässt sie zum Fleisch durch. Pit wiegt wieder Gewürze. Diesmal ist noch sehr viel Majoran dabei. Die gesamte Masse sind nur etwas über vierzig Kilo. Die gekochte Schwarte kommt nun auch in den Fleischwolf, den sehr klebrigen Brei geben wir zu einer Hälfte der Masse. Die andere Hälfte wird wieder halbiert, ein mit der frischen Leber, die sich im Wolf in einen widerlichen braunen Matsch verwandelt, und der Hälfte von Rind- und Fettwürfeln vermischt. Der andere Teil wird Blutwurst und erst nochmal zurückgestellt. Pit füllt den Schwartemagenteig in Schweineblasen, auch der Luftballon von vorhin ist dabei, und in Weckgläser. Die Leberwurst wird in Gläser und Därme gefüllt. Die Blasen und Därme mit Leberwurst und Schwartemagen werden im Kessel gekocht. Simone soll derweil das von ihr gerührte Blut holen.

Auf der Oberfläche hat sich irgendeine Eiweißschlacke abgesetzt. „Müsster abschöpfen“, sagt Pit, doch weder Simone noch ich haben große Lust darauf mit bloßen Händen in fünf Litern Blut zu fischen. Der Metzger übernimmt wenig zimperlich und gießt einen großen Schwall in die Wanne mit Blutwurstteig. Simone greift in den Eimer, feuchtet ihren Finger im Blut an und wischt mir unter der Nase lang. „Mengen“, weist Pit an, doch wir möchten nur ungern. Pit mengt vor, durch die Flüssigkeit ist der Wurstteig nun viel breiiger. Zwischendurch probiert Peter. Es schüttelt uns. Rohes Gehacktes zu essen, das noch warm ist, aber sonst wie gewohnt, mag angehen, mit Leberbrei Versetztes war schon eklig, aber einen Brei aus warmen Fleisch und Blut zum Munde zu führen, von den Fingern zu lecken, ist sehr abstoßen. Unsere Blicke sagen ihm das. „Ja, und wenn die Wurst nicht schmeckt? Wenn nicht genug Salz dran ist? Muss man halt probieren“, die Erklärung leuchtet ein, nur tauschen wollen wir mit Pit nicht. Wieder werden Gläser und Därme gefüllt, Därme in den Kessel gelegt. Draußen wird es langsam dunkel. Unter Pits Anleitung räumen wir auf und putzen, nutzen sehr viel Putzsand und sehr heißes Wasser. Zuletzt fischen wir die Würste aus dem Kessel und lassen die Brühe in den Ausguss plätschern. „Stop! Da honner gute Worschtsubb“, Pit holt einen Topf und füllt fünf Liter ab.

blut abschöpfen

Pit wässert und schrubbt die Ladefläche des Hängers, wir heben gemeinsam den Bottich mit den Innereien hinauf, die er auf seinem Hof auf den Mist schmeißen wird. Fast alle Würste laden wir in sein Auto, sie sollen geräuchert werden. Von Blut- und Leberwurst gibt er uns jeweils ein paar frische mit. Ohne große Sentimentalitäten gehen wir auseinander, die Rechnung für das Schwein und seine Arbeit schickt er uns mit der Post. Außerdem gibt er Bescheid, wenn wir die geräucherte Wurst abholen können. „Denkt dran“, verabschiedet uns Pit, „nur schlechte Wurst braucht Senf.“

Vor lauter Schlachten haben wir gar nicht über Simone Buchholz‘ Schreiben, ihren neuen Krimi „Blaue Nacht“, der bei Suhrkamp erschienen ist, gesprochen, nicht über ihre Zeit bei einem Frauenmagazin in Hamburg, über die brennende Außenbestuhlung der Pizzaria gegenüber, das Schwarzangeln, das Schuppen von Fischen in Ferienwohnungen. Simone ist ein lustiger Mensch, mit dem man sehr gut Zeit verbringen und/oder Schweine schlachten kann, ihre Krimis sind schnodderig ohne aufgesetzt, unterhaltsam ohne doof zu sein. Kauft alles von Simone Buchholz.

 

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Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete “Ecce Homo” Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

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Gespräch mit Isabel Bogdan über “Der Pfau”

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil
© Smilla Dankert

Seit der Frankfurter Buchmesse 2014 kenne ich Isabel Bogdan und wir sind die allerbesten Freunde auf der Welt. Manchmal gehen wir Kaffee trinken und Torte essen oder treffen uns auf Veranstaltungen, zum Beispiel bei Lesungen in ihrem schönen großen Wohnzimmer, zu denen sie immer wieder befreundete Autoren einlädt, auf Konzerten, Geburtstagen oder beim Resteessen an Neujahr.

Als wir uns bei einem Abendessen des mairisch Verlags in Frankfurt kennenlernten, erzählte Isabel gerade das erste Mal in großer Runde, dass ihr Roman im Frühjahr 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Was damals noch sehr weit entfernt schien, steht nun [im Januar 2016] kurz bevor. Mit zwei Tüten Backwaren unter dem Arm komme ich leicht verspätet in der großen Altbauwohnung in Hamburgs Osten zu einem sehr langen Frühstück an, das bis nach Mittag dauert und aus dem ein Interview zu Isabels Debüt werden soll.

Weil ich mich leicht verspäte, schicke ich die erste Frage vorab per Whatsapp.

54books: Ist Dein Roman ein Kammerspiel?

Zwanzig Minuten später öffnet mir Isa die Tür und wir sprechen Breakfast-Sprech (Tee/Kaffee/die Größe von Hühnereiern).

IB: Habe die Sache mit dem Kammerspiel mal im Wilpert [Sachwörterbuch der Literatur] nachgesehen, Du fragst jetzt aber nicht nur sowas, oder?

Tue ich natürlich nicht, sondern wir unterhalten uns entspannt, wie immer, nur dass eine von uns beiden langsam zu realisieren scheint, was sich auf sie zubewegt. Denn Der Pfau ist ein ziemlich gutes Buch, und nachdem die erste Begeisterungswelle über das wirklich gelungene Cover abgeebbt ist, folgt nun die nächste, diesmal über den sehr gelungenen Inhalt.

IB: Ich war neulich in einem Buchladen und wollte mir was für meine Schwiegermutter empfehlen lassen. Die freundliche Buchhändlerin holt Jane Gardam [Ein untadliger Mann], die sei sehr gut. Ich sage also: „Ja, das weiß ich, das habe ich übersetzt.“ Sie blickt mich an, „Sie sind Frau Bogdan? Ich hab Ihren Roman gelesen, der ist ja so toll, ich freue mich schon so drauf, den zu verkaufen. Das ist mir ja total peinlich, dass ich Sie nicht erkannt habe.“ – Ich so „Bitte? Peinlich, dass Sie mich nicht erkannt haben?“ Wieso hätte sie mich erkennen sollen. Und ich war total platt, dass sie sofort die Verbindung gezogen hat Gardam – Pfau – Bogdan.

54books: Buchhändler sind auch immer noch wichtiger als so ein Zirkus wie das Literarische Quartett, da haben doch die Verkaufszahlen nicht mal gezuckt bei den ersten beiden Sendungen. Anders bei Gardam und Auerhaus von Bov Bjerg.

IB: Die Bücher sind ja beide nicht mehr neu, da merkt man das jetzt schon deutlich. Bov Bjerg steht jetzt auf Platz 3 der Bestsellerliste und Jane Gardam auf 10, beide Bücher haben sich schon vorher ordentlich verkauft, aber das ist nun nochmal ein Sprung. Eigentlich wollte ich das Quartett auch gar nicht mehr sehen, weil es mir auf kein Buch Lust gemacht hatte, und das soll doch eigentlich eine solche Sendung zumindest auch machen.

54books: Wo wir bei anderen Büchern sind, hast Du eigentlich Angst vor dem anderen Pfau bei KiWi, der Pfaueninsel von Thomas Hettche?

IB: Als das rauskam, bin ich fast geplatzt vor Neid. KiWi war mein Traumverlag und dann kommt dieses Buch und ich dachte „Das darf nicht wahr sein – das hätte mein Cover sein können, und wenn sie jetzt eine Pfaueninsel haben, kauft KiWi doch nicht nächstes Jahr ein Buch das Der Pfau heißt. Aber jetzt sind die Cover ebenso wenig vergleichbar wie der Inhalt, und beide passen wunderbar.

54books: Du betonst, dass Kiepenheuer und Witsch Dein Traumverlag für Der Pfau war. Wieso wusstest Du das so genau?

IB: Bei KiWi hab ich schon immer das Gefühl, die machen nicht so viel wie geht, sondern nur die Bücher, hinter denen sie stehen. Das hat mich am Anfang aber echt Nerven gekostet. Erst musste Olaf Petersenn [Isabels Lektor bei Kiepenheuer & Witsch] es lesen, und wenn der es gut findet, müssen es die anderen aus dem Lektorat lesen, und wenn die es gut finden, muss es die Werbeabteilung lesen und der Vertrieb und das Marketing, weil sie es nur kaufen, wenn es alle gut finden. Das ist natürlich klug, weil wenn ein Lektor ein Buch gut findet, der Vertrieb aber nicht, nutzt es dem Buch nichts. Es ist toll, wenn ein gesamter Verlag hinter einem Buch steht und sich dafür einsetzt, das merke ich jetzt.

54books: Bisher hast Du fast ausschließlich übersetzt, wie kommt man dann aber als Autorin eines Romans an seinen Wunschverlag?

IB: Erst habe ich versucht, neben dem Übersetzen zu schreiben, aber das hat nicht gut funktioniert. Ich brauche immer ein bisschen Druck, damit ich was schaffe. Also habe ich mir eine Agentin gesucht. Für die Kontakte zu Verlagen hätte ich sie nicht unbedingt gebraucht, aber für die Verhandlungen, das Einschätzen von Angeboten, den Verkauf der Taschenbuch- und Hörbuchrechte, das hätte ich alles so nicht gekonnt.

54books: Vor fünf Jahren hast Du den Hamburger Förderpreis für einen Romananfang bekommen. War das damals schon Der Pfau?

IB: Ja! Der Pfau war erst eine Kurzgeschichte. Sie endete mit einer schlüssigen Pointe [diese wird hier wegen Spoilergefahr nicht verraten]. Dann fiel mir auf, dass das ja gar nicht das Ende der Geschichte ist, und habe weiter geschrieben. Als dann die Frist für den Förderpreis ablief, habe ich einfach kackfrech „Romananfang“ drübergeschrieben, weil es nun kein Ende mehr gab, es war nicht einfach eine längere Kurzgeschichte, sondern hing total in der Luft. Und ich dachte, wenn Du den Preis kriegst, kannst Du immer noch einen Roman draus machen.

[Tweet “Isabel Bogdan ist klug, schön und charmant.”]

 

isabel bogdan der pfau cover
Glitzert in echt mega!

54books: Dein Roman beginnt mit dem Satz „Einer der Pfauen war verrückt geworden.“ Er steht auch auf dem Rücken, statt eines Klappentextes. Also ein Kaliber wie „Ilsebill salzte nach“?

IB: Ich habe tatsächlich mit diesem Satz angefangen, das war schon der erste Satz der Kurzgeschichte. Ich finde nach wie vor, dass es ein guter erster Satz ist. Keine Ahnung, ob es ein gutes Buch ist, aber den ersten Satz finde ich immer noch gut.

54books: Nach dem ersten Roman sollen die persönlichen Referenzen abnehmen, weil alle Anekdoten schon in das Debüt geflossen sind. Bist Du leergeschrieben?

IB: Nein, das meiste im Roman hat mit mir gar nichts zu tun. Ich kenne das Setting sehr gut, dieses schottische Anwesen. Und dass an einem Morgen hintereinander zwei Vögel ins Zimmer kamen, das ist mir dort passiert. Aber die meisten anderen Dinge sind ausgedacht oder hier und da zusammengeklaubt und neu kombiniert, haben aber mit mir gar nichts zu tun.

54books: Den Musikgeschmack Deines Mannes finde ich auch in manchen Szenen wieder. Hast Du eine Liste mit den gesungenen Liedern?

IB: Nein, eine Liste habe ich nicht, aber die Lieder gibt es natürlich alle.

[Ich lese die Szene aus der Küche vor, in der Jim und Helen in der Küche sitzen und singen.]

54books: „Caledonia“, ist das dieser B.B. King Song?

IB: Nein, das ist von Dougie MacLean, ein wunderschöner und ganz berühmter Song, quasi die inoffizielle schottische Nationalhymne.

Langsam verlieren wir den professionellen Faden, spätestens als wir versuchen ein Foto vor Isabels großem Regal zu schießen. Zwei sehr heitere erwachsene Menschen, haben drei angenehme Stunden beim Frühstück verbracht und trennen sich nachdem Zeit für das Mittagessen wurde. Ein zweiter Teil des Interview, in dem wir über Isabels Tätigkeit als Übersetzerin sprechen, folgt.

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Was willst Du mehr?

Bei dem Treffen der Paten der Leipziger Buchmesse erschienen, wie berichtet, u.a. die drei Preisträger und viele der weiteren Nominierten und waren zum großen Teil uns Bloggern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich war informiert worden, dass auch Klaus Binder, der Übersetzer von Lukrez, sein Kommen angekündigt hatte. Nicht im klassischen Sinne aufgeregt war ich, sondern vielmehr gespannt auf den Austausch und etwas sorgenvoll, ob der kritischen Nachfragen, die kommen könnten, schließlich hatte ich offen mit meinen mangelnden Lateinkenntnissen kokettiert und bin auch kein versierter Philosophiekenner. Doch Herr Binder kam nicht. Nachts erhielt ich stattdessen eine Email, die ich in Ausschnitten veröffentlichen möchte.*

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Fragt mich ruhig.

Ich wurde auf der Messe in Leipzig gleich zweimal interviewt: einmal von Stefan Mesch für Deutschlandradio Kultur, ein zweites Mal von Gesa Ufer zusammen mit Daniel Beskos vom mairisch Verlag für Radio Eins vom rbb.

Nachgelesen und -gehört werden, können beide Interviews hier:


 

Zum Interview von Stefan Mesch mit mir einfach auf das Foto oder hier klicken.

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Gespräch mit Volker Weidermann

Der Journalist und Autor Volker Weidermann studierte Politikwissenschaften und Germanitik und ist seit 2003 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit seinen Büchern Lichtjahre – Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute und Das Buch der verbrannten Bücher schrieb er zwei Werke, die für jeden Literaturbegeisterten eine Fundgrube an Entdeckungen bereithalten und zur Kanonisierung der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beigetragen haben. Sein Buch Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft wurde dieses Jahr zum Bestseller und handelt von der Freundschaft Stefan Zweigs zu Joseph Roth und den exilierten deutschen Schriftstellern, die sich im Sommer 1936 im kleinen Nordseebad Ostende in Belgien trafen.

Im Gespräch mit 54books spricht Volker Weidermann über die Arbeit an Ostende, den Einfluss von Marcel Reich-Ranicki auf seine Arbeit und mit wem er gerne mal am Strand spazieren würde.

Die Arbeit an Ostende

54books: Wer ist der Stefan Zweig aus ihrem Buch: der Stefan Zweig, ihr Stefan Zweig oder eine Chimäre?

Volker Weidermann: Oh, ich fürchte selbst Stefan Zweig hätte uns den wahren Stefan Zweig nicht beschreiben können. Joseph Roth auch nicht. Friederike, seine erste Frau, die später ein komplett verzerrtes Lebensbildnis ihres Mannes zeichnete – erst recht nicht. Aber schon falsch: was heißt “erst recht nicht”. Ich weiß es ja nicht. Ich war nicht dabei, habe ihn nicht kennen gelernt. Klar also, dass es “mein Stefan Zweig” ist, den ich da beschreibe. Ich bin natürlich sicher: superdicht an der Wirklichkeit. So dicht, wie ich nach jahre-, ja jahrzentelanger Zweig-Lektüre heran kommen konnte. Aber womöglich auch: meilenweit entfernt…

54books: Gibt es eine Recherchespirale, in der man immer noch einen “letzten” Tagebucheintrag, einen Brief sucht, um darin in einem vorher unentdeckten Detail den Schlüssel zur Gefühlswelt von Stefan Zweig oder Joseph Roth zu finden?

Volker Weidermann: Jo. Gibt es. Große Kunst: immer wieder Wege abbrechen, nicht weitergehen, um sich nicht zu verlaufen. Immer den Kern der Geschichte im Blick behalten. Das, was einem wirklich zu sagen wichtig ist.

54books: “In manchem Betracht gewannen seine Bücher durch die Übersetzung. Seine Prosa ist nachlässig, reich an Füllseln und schiefen Bildern”, schrieb Hermann Kesten über den Freund Stefan Zweig. Fritz J. Raddatz nannte ihn in einem Brief an Kesten gar den “Friseur unter den Literaten”. Wie erklären Sie sich seinen ungebrochenen, sogar neu aufbrandenden, Erfolg?

Volker Weidermann: Er war ein Meister darin, Menschen zu lesen. Das Innerste der Menschen zu erkennen. Dabei wurde er – und seine Sprache – oft sentimental. Aber scheinbar ist seine Menschenfreundlichkeit, seine Verstehenskunst so groß, dass die Menschen ihm seine stilistischen Schwächen verzeihen. Ungefähr so sah das ja auch Joseph Roth.

54books: Schätzen Sie Stefan Zweig mehr als Schriftsteller oder als Chronisten seiner Zeit?

Volker Weidermann: Als Chronist ist er kolossal unzuverlässig. Ich bin nicht sicher, ob auch nur ein Wort in der Welt von gestern wahr ist. Als Dokument würde ich es jedenfalls nicht empfehlen.

Verbrannte Bücher

54books: Der Roman Schlump wurde, auch mit Ihrer Hilfe, wiederentdeckt und neuaufgelegt. Welchem der verbrannten Schriftsteller aus Ihrem Buch würden Sie eine Renaissance wünschen?

Volker Weidermann: Arthur Holitscher. Maria Leitner. Rudolf Geist. Armin T. Wegner.

54books: Fiel es Ihnen so leicht wie es scheint die Autoren in Gruppen zu sortieren?

Volker Weidermann: Nö. Aber muss ja.

54books: Ich mutmaße, dass wir Ostende auch den Recherchen zu den verbrannten Büchern verdanken. Wann kommt das Pendant zu Lichtjahre; vielleicht ein neues Treffen in Telgte?

Volker Weidermann: Super Idee. Erscheinungstermin aber noch ungewiss.

Die Arbeit für die FAS

54books: “Sein Buch ist leider furchtbar. Rührselig. Kitschig. Gut gemeint.”, schreiben Sie über Georg Fink in den verbrannten Büchern. Würden Sie einen lebenden Autor in einem Artikel derart abstrafen oder lieber schweigen über ein Buch, das nur diese Meinung verdient?

Volker Weidermann: Mein Sonntags-Privileg: Ich kann in der FAS irre viel weglassen. Eigentlich alles. Ich hab keine Rezensionspflichten. Das erspart mir viel (und vielleicht auch vielen Autoren). Ich lobe lieber. Und lese lieber gute Bücher.

54books: Als letztes Jahr Marcel Reich-Ranicki starb, ging auch eine Ära der populären Literaturkritik zu Ende. Sehen Sie einen würdigen Nachfolger, vielleicht aus den Reihen derer, die zwei Generationen jünger sind als MRR?

Volker Weidermann: Nee. Ich sehe mich natürlich nicht als “würdigen Nachfolger”. So selbstbegeistert bin ich gerade noch nicht. Er war halt großartig. Ein phantastisches Geschenk für mich und die deutsche Literatur. Ich hab unfassbar viel von ihm gelernt. Schon während des Studiums. Auch aus dem Literarischen Quartett. Er war eben zu allererst ein toller Journalist.

Das Wichtigste – gerade in Zeiten, in denen Journalisten, Kritiker usw. nach Schutz suchen, ihre ungelesenen Artikel subventionieren zu lassen, vom Staat, von was weiß ich wem – ist der Text. Der Text ist wichtig. Der Text ist die Party. Die Leute wollen keine Literaturkritiken lesen? Gut, dann zwingen wir sie mit sanfter Gewalt und zwar mit: Unterhaltsamkeit. Verständlichkeit. Entschiedenheit. – mit gutem Journalismus.

54books: Was haben Sie persönlich, die Sie anlässlich seiner Kolumne in der FAS: Fragen Sie Reich-Ranicki jede Woche mit ihm Kontakt hatten, für Ihre Arbeit von ihm gelernt?

Volker Weidermann: Es war vor allem persönlich toll. Auch die Telefonate mit ihm – immer zwei, drei pro Woche, zwölf Jahre lang, waren nie langweilig. Und er forderte den Telefonpartner auch immer mit seinem nervigen” Was gibt es Neues”. Da musste man sich schon jedesmal zwei, drei gute Geschichten zurechtlegen. Sonst war das Gespräch schnell vorbei.

54books: Wenn Reich-Ranicki über Walsers Jenseits der Liebe schreibt, “Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman”, könnte das in seiner Deutlichkeit auch von Ihnen kommen. Eindeutige Parallelen – sind Sie gar der Nachfolger?

Immer noch nicht. Immer noch nicht. Aber ich bin ein fanatischer “in-Spuren-Geher”, wie Thomas Mann das mal genannt hat. Ich suche mir Vorbilder, ich will anknüpfen da, wo Fäden abgerissen sind, oder einer liegengelassen wurde. Ich brauche diese Spuren. Wie groß auch immer die sein mögen, das ist mir egal; oder: ja, ich suche gern große Spuren. Wie kleine meine eigenen Abdrücke dann darin wirken, ist mir egal.

54books: Sie sind mit Alice Carey auf den Spuren der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch nach Montauk gefahren. Mit welcher weiteren Lynn, real oder fiktiv, wollen Sie mal am Strand spazieren?

Volker Weidermann: Irmgard natürlich. Irmgard Keun. Zum Beispiel. Oder Mascha Kaleko.

54books: Vor kurzem habe ich nach zehn Jahren Der Fänger im Roggen wiedergelesen und war erschüttert von der Großartigkeit dieses Buches, das mich vorher nicht wirklich berührte. Ihre Begeisterung für Montauk bringt mich dazu es bald noch einmal zu lesen, nachdem ich es vor sieben Jahren für langweilig befunden habe. Was war ihr letztes Erweckungserlebnis?

Volker Weidermann: Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene

54books: Sie sind u.a. Fachmann für Max Frisch und Exilliteratur, nun auch Herausgeber der Werke von Armin T. Wegner. Nehmen Sie sich ein fiktives Sabbatjahr. Zu wem möchten Sie in Ruhe forschen?

Volker Weidermann: Georg Büchner

54books: Herr Weidermann, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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Mit Hingabe, Herzblut und Heinrich Heine

Eingewachsen, zwischen hohen Bäumen, in zweiter Reihe und mit Blick auf die Außenalster liegt das Verlagsgebäude von Hoffmann und Campe im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Ein feudales Anwesen auf dem einer der ältesten und renommiertesten Verlage Deutschlands residiert. HoCa steht für gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher, so fasste es der Verleger Daniel Kampa zusammen, für Autoren wie Heinrich Heine, Siegried Lenz, José Saramago, Doris Lessing, Matthias Politycki und Sachbücher von Hellmuth Karasek, Helmut Schmidt oder zuletzt Jaron Lanier. In diesen heiligen Hallen bin ich heute Gast.

Eingeladen hat mich Ute Nöth. Sie verantwortet den Bereich E-Publishing und mit ihr hatte ich bereits Kontakt als HoCa Blogger zu Doris Lessing ins Kino schickte. Als nun der neue Verleger Daniel Kampa, vormals bei Diogenes, nach nur kurzer Eingewöhnungszeit in Hamburg den neuen Atlantik Verlag aus der Taufe hob, wurden erneut Blogger angeschrieben und mit einem kleinen Geschenkpaket auf den neuen Verlag aufmerksam gemacht.

Buch_der_Lieder_Heinrich_Heine_1827_CoverMit diesem klingelte der Postbote in Münster just nachdem ich meiner Studienstadt den Rücken gekehrt hatte. Das hanseatische Paket gelangte so über Umwege erst drei Wochen später zu mir in die Stadt, aus der es kam. Per Email dankte ich für die Post, gab die Adressänderung und erste Rezensionsexemplarwünsche durch. Nun bestünde aufgrund neuer Nachbarschaft auch die Möglichkeit die Bücher per Boten geliefert zu bekommen oder ob ich mir sie nicht gleich im Verlag, inklusive kleiner Führung, abholen wollte, frug Ute per Email zurück.

Nun also werde ich an der Pforte empfangen und in Utes Büro wartet bereits ein Stapel Bücher auf mich. Beim Tee sprechen wir über unsere Werdegänge und stellen schnell fest wie klein die Blogosphäre und die wahrnehmbare Buchbranche im Internet ist. Alte Bekannte und lesenswerte Blogs, Aktionen und Interviews, Klischees, aber besonders interessant natürlich für den Blogger die Innenansicht: wie nehmen Verlage Blogs wahr und können diese gegenüber dem klassischen Feuilleton bestehn. Die Glaubwürdigkeit, Leidenschaft für Literatur und ein persönlicherer Bezug lasse viele Leser heute eher dem freien Blogger als der Journalie vertrauen, sind wir uns einig. Dazu kommt, dass das Feuilleton nicht im Ansatz der Flut von Neuerscheinungen Herr wird, Unterhaltungsliteratur, selbst anspruchsvolle, an dieser Stelle selten besprochen wird. Ganz bewusst wendet sich also der Atalantik Verlag auch an die Literaturkritik im Internet.

Im Anschluss besuchen wir die Herstellungsabteilung, Design und Verkauf, treffen die Presseabteilung in Person von Julia auf der Treppe und dürfen den Conference-Call aus London nicht verpassen, dieser dann wieder ohne Bloggerbesuch. Im Büro einer Lektorin stehen zwei große Kisten voller Manuskripte, alles Zusendungen allein aus dem April, nach Jahrzehnten im Beruf könne sie aber meist bereits anhand des Anschreibens, spätestens aber nach der Lektüre des Exposés schlechte Bücher aussortieren. Weglegen kann ich auch schnell. Und auch Ute hat Übung darin. Aus ihrer Tätigkeit bei einer Selfpublishing-Plattform weiß sie, durch welche Berge an Manuskripten man sich wühlen muss, um Perlen zu finden.

 

In jedem Raum liegen Bücher in verschiedenen Evolutionsphasen: Manuskripte, Korrekturfahnen und solche mit Imprimatur-Stempel, Lizenzausgaben und die schönen Hardcover, denen HoCa seinen guten Ruf verdankt, an den Wänden die Devotionalien aus fast 300 Jahren Verlagsgeschichte, darunter auch der in meinem Elternhaus hängende Harry in späten Jahren von Horst Janssen. Und ja, lässt mich Ute wissen, manche Autoren kommen auch noch persönlich vorbei. Oder man trifft Siegfried Lenz auf dem Sommerfest zusammen mit Karasek, Ulrich Wickert, Wolfgang Niedecken und Wolf Biermann, im Garten der angrenzenden Heine Villa.

Der träumende Literaturliebhaber stellt sich einen Verlag als summenden Bienenstock geschäftiger Menschen vor, die voller Leidenschaft einem Job nachgehen, der arbeitsaufwändig und schlecht bezahlt ist, dies aber, aus Liebe zur Literatur und dem Antrieb gute Bücher für ihre Leser herauszugeben, gerne auf sich nehmen. Nach zwei Stunden im Inneren kann ich dieses Traumbild bestätigen. Ich war umgeben von freundlichen, fröhlichen Menschen, die mit Herzblut und Hingabe Bücher produzieren; gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher. Erstaunlich, aber dann doch nicht verwunderlich, dass ein verhältnismäßig kleines Team einen solchen Verlag stemmt. Vielen Dank!

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Gespräch mit Karla Paul

Foto: Anette Mayerhofer von göttlicher fotografieren
Foto: Anette Mayerhofer von göttlicher fotografieren

Jeder Literaturinteressierte, -blogger, jeder, der sich mit Literaturkritik und -diskussionen im Internet beschäftigt, wird ihr über kurz oder lang über den Weg laufen. Karla Paul hat mit ihrem Blog www.buchkolumne.de als Kritikerin und Podcasterin früh Aufmerksamkeit, Bekanntheit und Preise gesammelt, heute ist sie einer der führenden Köpfe bei lovelybooks. Hierdurch haben wahrscheinlich wenige einen besseren Überblick über die Vernetzung in der Branche, die Risiken und Möglichkeiten der “neuen Medien” im Literaturbetrieb und die neusten Trends. Klar, dass ich mit ihr über alle diese Dinge und ihre Lieblingsbücher, sowie die eigene Autorenschaft sprechen wollte.

Literaturkritik im Internet

54books: Man darf Dich wahrscheinlich getrost als eine deutsche Pionierin der Literaturkritiker im Internet bezeichnen. Wie kam es dazu?

Karla Paul: Ich freue mich natürlich, wenn ich Leser dazu bringen kann mehr zu lesen, oder aber gar Nichtleser zum Lesen animieren kann. Deswegen bin ich aber keine Pionierin – viele Medien haben mir diese Rolle in der letzten Zeit dank meiner inzwischen recht hohen Reichweite sozusagen auf den digitalen Leib geschrieben. Ich selbst würde mich allerdings nicht so bezeichnen. So wirklich angefangen hat alles 1988, als ich Lesen lernte. Von da an ging es eigentlich steil bergauf – Gewinnerin des Lesewettbewerbs in der Grundschule und seit jeher hielt ich mich lieber in der Welt der Bücher als in der Realität auf.

54books: Wie wurde das Lesen Dein Beruf?

Karla Paul: Erste Rezensionen und Autoreninterviews habe ich mit 16 Jahren für die regionale Zeitung geschrieben. 2006 habe ich im Rahmen meines Studiums die Website Buchkolumne.de sowie den dazugehörigen Literaturpodcast ins Leben gerufen. Innerhalb von drei Jahren hatte dieser 5.000 Abonnenten. Seit 2009 arbeite ich hauptberuflich als Redaktionsleiterin und Social Media Managerin für LovelyBooks.de – das größte deutschsprachige Literaturnetzwerk – und halte inzwischen auch Vorträge rund um Literaturblogs, Social Media für Autoren und Verlage sowie Online Marketing an Universitäten und für verschiedene Firmen in der Buchbranche. Ich kommuniziere sehr gerne und fast ohne Unterbrechung online und Literatur ist mein Herzensthema – in diesem Fall kommt Beruf tatsächlich von Berufung.

54books: Wir müssen über ihn sprechen: Denis Scheck! Du warst in letzter Zeit nicht immer seiner Meinung, viele Dinge stoßen Dir unschön auf. Was genau?

Karla Paul: Denis Scheck hat sich ohne Zweifel in vielen Jahren einen Namen gemacht. Er kennt sich sehr gut aus und ich liebe seine Interviews, seine wunderbare Art mit dem Anzug ganz als Gentleman seine Autoren dann selbst noch in die Sauna oder auf dem Pferd zu begleiten. Nicht ganz so ein Gentleman ist er dann aber, wenn er Bücher verreißt und das oft auf eine sehr einseitige Art und Weise. Manche Genres liegen ihm einfach nicht und das macht er recht deutlich klar. Als Literaturkritiker sollte man das aber sachlich unterscheiden können – viele Romane können mir vom Thema her nicht liegen und dennoch für genau diese spezielle Zielgruppe gut geschrieben sein. Außerdem sehe ich das etwas massentauglicher: was immer Dich begeistert – lies es! Ich halte es für arrogant den Menschen vorzuschreiben was sie lesen sollten – ich bin froh, wenn sie es überhaupt tun.

54books: Ist die Zeit der Literaturkritik der gesetzten Herren und Feuilletonnisten vorbei? Wenn ja: Wer kommt jetzt?

Karla Paul: Grundsätzlich gilt: je mehr Menschen über Literatur reden und tolle Bücher empfehlen, desto besser. Mir ist dabei völlig egal, ob das Menschen mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund oder Hobbyliteraturblogger sind. Manch ein Leser legt Wert auf das Feuilleton – andere Leser schätzen dafür die Empfehlungen von Freunden mehr. Für viele hauptberufliche Kritiker bedeutet dies aber Probleme, weil nun jeder etwas zu Büchern sagen kann und ihre Meinung automatisch weniger Wert ist – es gibt ja so viele Alternativen. Dies gilt aber nur, wenn man keinen USP, also kein Alleinstellungsmerkmal hat. Manch einer hat dies verstanden und nutzt die Möglichkeiten nun zur weiteren Vernetzung und um sich nicht nur in der Zeitung, dem Radio oder dem Fernsehen einen Namen zu machen, sondern auch im Netz.

54books: Fällt Dir jemand ein, der die sozialen Medien hier besonders gut nutzt?

Karla Paul: Ein gutes Beispiel hierfür ist mein Freund Peter M. Hetzel von Sat.1, der seine Kritiken nicht nur auf YouTube hochlädt, sondern sie auch auf Facebook und Twitter verbreitet und dort ebenfalls mit Autoren und Verlagen Kontakt hält. So nutzt man die Möglichkeit, um auch neue Leser auf die eigenen Rezensionen aufmerksam und zu Fans zu machen. Wer dies verstanden hat, der hat heute eine ebenso gute Chance wie vor 10-20 Jahren, wenn nicht sogar bessere. Wer dies nicht verstanden hat, das Internet weiterhin für eine seltsame Laune der Jugend hält und die vielen Möglichkeiten nicht sieht, dessen Zeit ist tatsächlich vorbei. Außerdem muss man neben den gesetzten Herren Reich-Ranicki, Denis Scheck usw. auch die vielen Frauen wie Elke Heidenreich, Thea Dorn, Amelie Fried, Felicitas von Lovenberg oder den Nachwuchs wie Dana Buchzik erwähnen. Das Ungleichgewicht liegt vielleicht eher in der mangelnden Aufmerksamkeit für als in der fehlenden Anwesenheit von spannender junger Kritik.

54books: Überblickt man im Schnelldurchgang die Kritikerszene im Internet, fällt schnell auf, dass das Gros der Besprechungen nur solche der Unterhaltungsliteratur sind. Wer übernimmt die Arbeit des Feuilletons, wie sollen die Besprechungen die Generation erreichen, für die das Internet immer noch „Neuland“ ist?

Karla Paul: Welche Generation meinst Du? Mein Vater ist über 70 Jahre alt und surft auf dem iPad. Die Frage solltest Du vielleicht auch eher dem Feuilleton stellen. Ich provoziere mal weiter – ist die Arbeit der Feuilletonisten denn wirklich nötig? Wer ist schuld, wenn die Liebhaber von Unterhaltungsliteratur im Internet aktiver sind? Manch ein hauptberuflicher Literaturkritiker sieht nicht die Notwendigkeit für eine Anwesenheit im Netz – das ändert sich aber stetig. Ich könnte auf Anhieb ein Dutzend Blogger und Journalisten nennen, die online aktiv sind und sich der gehobenen Literatur verschrieben haben. Stefan Mesch schreibt für die Zeit und bloggt und postet täglich Facebook-Postings, Stefan Möller postet Buchtipps auf Tumblr, Mara Giese liest und bespricht mit anderen Bloggern gemeinsam die Shortlist des Deutschen Buchpreises, „Herbert liest“ ist ein sehr beliebtes YouTube-Format – davon könnte ich viele weitere Beispiele aufzählen. Wie immer online: das Problem ist nicht die Masse oder die Art der Information, das Problem ist Dein Filter!

Dein Leben als öffentliche Person

54books: Zwangsläufig wird jeder Literaturblogger auf einem der Netzwerke mit Dir Berührungspunkte bekommen. Jeder heißt, dass auch diejenigen, deren Arbeit Du schlecht findest, mit Dir interagieren wollen. Musst Du viele Leute vor den Kopf stoßen?

Karla Paul: Ich bin ehrlich. Das hat mich in den letzten 30 Jahren schon viele Pluspunkte gekostet – dafür kann man auf meine Meinung vertrauen und ich versuche mir für jeden Zeit zu nehmen. Wem es nur um halbherziges Lob geht, der kann sich dies gern woanders abholen und wer mit ernsthafter Kritik nicht umgehen kann, der wird in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen ebenfalls Probleme bekommen. Mich mag ja auch nicht jeder – je höher die Reichweite ist, desto mehr Kritik erhält man auch und das muss man irgendwie verarbeiten können. Ich diskutiere und streite gern über Literatur, aber nein, ich hoffe, dass ich nicht viele Leute vor den Kopf stoße.

54books: Noch schwieriger wird das wahrscheinlich bei lovelybooks, musst Du Dich „fürs Geschäft“ mit Deiner Meinung zurückhalten?

Karla Paul: Zu manchen Dingen kann ich mich deswegen nicht äußern, ja. Über viele Entwicklungen weiß ich vielleicht schon eher Bescheid, man hat Insiderwissen und dementsprechend auch Verantwortung und Pflichten – dies wächst ebenso wie die Möglichkeiten in einer entsprechenden Position. Deswegen verkaufe ich mich aber nicht, d.h. das Marketing bei LovelyBooks ist immer unabhängig von meiner Meinung und ich setze mich auf meinen privaten Accounts nur für die Bücher und Autoren sowie Projekte ein, die ich wirklich auch persönlich unterstützen möchte.

54books: Die NEON kürte Dich zur „Literaturpäpstin“. Was überwog: Zuspruch, Neid oder Anfeindungen?

Karla Paul: Zu 99 Prozent gab es viele Glückwünsche und jede Menge Zuspruch. Neid muss man sich erarbeiten und das gehört eben dazu. Anfeindungen gab es glücklicherweise bisher nie oder evtl. bekomme ich davon auch einfach nichts mit. Ein bisschen seltsam war natürlich das Timing – ich werde als neuer Reich-Ranicki gekürt und eine Woche später stirbt der wohl bekannteste Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum. Da kamen dann schon ein paar Kommentare, die musste ich mir natürlich gefallen lassen.

Die Autorin

54books: War das Schreiben von „Das Alphabet der Bücher“ eine Zwangsläufigkeit oder musste der Verlag auf Dich zugehen?

Karla Paul: Der Verlag kam auf mich zu als meine Präsenz noch weit weniger groß war – das war damals aufgrund einer kleineren Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung. Allerdings arbeite ich noch immer daran und bin sehr froh, dass mein Verlag so geduldig mit mir ist. Also schreibe ich lieber mehr dazu, wenn es denn dann wirklich fertig gestellt und in den Läden erhältlich ist.

54books: Wird die Social-Media-Königin als Autorin alle ihr möglichen Register ziehen um die Werbetrommel für das eigene Werk zu rühren, oder willst Du Dich bedeckt halten?

Karla Paul: Das werde ich gemeinsam mit dem Verlag entscheiden. Aber die ein oder andere Idee werde ich mir sicherlich nicht verkneifen können.

Entwicklungen auf dem Buchmarkt

54books: Alle sprechen über das E-Book. Du stehst (wahrscheinlich) aufgrund Deiner Internetaffinität auch diesem nahe. Hand aufs Herz, glaubst Du an eine Zukunft des Papiers oder bist Du vielleicht sogar der Meinung, dass dessen Zeit einfach vorbei ist?

Karla Paul: Das gedruckte Buch ist das erfolgreichste Medium überhaupt und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. Das E-Book ist lediglich eine neue Möglichkeit die Inhalte wiederzugeben und eine Alternative der Nutzung, kein Ersatz. Ich passe die Literatur meinen Lesemöglichkeiten an: beim Joggen höre ich ein Hörbuch, in der U-Bahn lese ich auf dem Reader ein E-Book und daheim im Bett genieße ich das Blättern zwischen Papierseiten. Je mehr Möglichkeiten dazu kommen, desto mehr lese ich und desto mehr Geld gebe ich dafür aus. Es werden in Zukunft sicherlich weniger gedruckte Bücher verkauft – viele Leser nutzen lieber die oft günstigere Möglichkeit des E-Books – zumal es innerhalb von Sekunden verfügbar ist und Platz spart. Vieles spricht aber auch dagegen – viele Menschen lieben ihre Bücher im Regal, wollen Seiten umblättern, der Besuch in der Buchhandlung ist ein sozialer Austausch und nicht nur Konsum. Literatur wird aber auch nicht schlechter, nur weil sie als Datei wiedergegeben wird.

54books: Interaktionen mit dem Leser im E-Book, im Internet, immer mehr Autorenmarketing – hat ein gutes Buch das nötig oder kann man sonst in der Flut der Neuerscheinungen nicht mehr auf sich aufmerksam machen?

Karla Paul: Auch ein gutes Buch muss irgendwie entdeckt werden. Das beste Produkt nutzt Dir nichts, wenn Du keine Werbung dafür machst. Nur in den wenigsten Fällen (wie z.B. bei „Tschick“ des kürzlich verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf) wird ein Buch tatsächlich von Lesern entdeckt und per Mundpropaganda so oft empfohlen, dass es auf der Bestsellerliste landet. Wie soll das Gespräch über Bücher entstehen, wenn niemand anfängt darüber zu reden? Da muss man oft nachhelfen. Trotzdem ist dies keine Garantie – viele gute Bücher bleiben trotz viel Werbung Geheimtipps, manch anderes Buch wie Shades of Grey verbreitet sich auch ohne Marketing. Es gibt da kein Wundermittel.

54books: Nicht jeder ist Autor, nicht jeder kann schreiben, viele tun es trotzdem. Wird die Flut abebben?

Karla Paul: Wer beurteilt denn genau, wer sich als Autor bezeichnen darf und wer nicht und wer schreiben kann und wer nicht? Das soll der Leser entscheiden und beliebte Bücher werden sich durchsetzen.

Deine Empfehlungen

54books: Magst Du für uns Deine drei liebsten Klassiker küren?

Karla Paul: „Der Proceß“ von Kafka. „Es waren Habichte in der Luft“ von Lenz. „Schöne neue Welt“ von Huxley. Alle toll geschrieben, der Inhalt bleibt (leider) immer aktuell und trotzdem fassen sich die Autoren bemerkenswert kurz.

54books: Hast Du einen Geheimtipp, der bis jetzt in der Flut der Internetrezensionen untergegangen ist oder vielleicht gar nicht beachtet wurde?

Karla Paul: Da verweise ich gern auf meinen Beitrag und meine fünf Empfehlungen hier: http://fuenfbuecher.de/karla-paul/ Und Scarlett Thomas mit „Troposphere“ oder aber „Shakespeare & Company“ oder aber … ach, wer mir online folgt, der sollte das eigentlich immer mitbekommen und ich kann mich nicht entscheiden. Lest einfach, lest viel und gern und alles was Ihr finden könnt!

54books: Ich danke Dir sehr herzlich für Deine Zeit und die ausführlichen Antworten.

3 Kommentare

Moderne Literaturkritik, 54books, JVM

Kaum hatte ich meine ersten Gespräche mit Scheck, Martenstein und Hilmes im Kasten kam eine Redakteurin von den Jungen Verlagsmenschen auf mich zu und frug, ob ich nicht ihr ein Interview geben wolle. Also haben wir uns letzte Woche auf der Buchmesse getroffen und sie schrieb einen Artikel über moderne Literaturkritik, die Erben MRRs und – ähh – mich. Mit dabei außerdem Denis Scheck und Herbert von Herbert liest. Den ganzen Artikel von Dominique Conrad findet ihr HIER. Den Part über mich beim Klicken auf

Vom Stapel ungelesener Bücher zum Blog
Beruflich ist Tilman Winterling nicht in der Buchbranche zu Hause. Er hat Jura studiert, ist im Moment Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter. In seinem Bücherregal zählte der leidenschaftliche Leser vor einem Jahr noch 54 ungelesene Bücher, vornehmlich Klassiker. Als Ansporn diesen Stapel ungelesener Bücher abzubauen, begann er den Blog www.54books.de zu schreiben, rezensiert dort jede Woche neben Klassikern auch anspruchsvolle moderne Literatur. Die 54 Bücher hat er allerdings noch nicht gelesen, zu oft stößt er auf neue Titel: in Literaturverweisen, über Freunde, in Buchhandlungen oder durch Empfehlungen über seinen Blog. Mit „54books“ hofft Tilman Winterling Leser mit gleichen Interessen anzusprechen; literaturferne Menschen glaubt er nicht erreichen zu können. Insbesondere für die Genres Jugendbuch, Fantasy und Krimi seien Blogs jedoch eine gute Plattform, die oft vor dem Buchkauf konsultiert werden. Den großen Vorteil von Blogs sieht er darin, dass sie Berührungsängste mit der Literatur abbauen, denn im Gegensatz zur Besprechung im Feuilleton seien Blogs frei zugänglich, es müsse nicht erst eine Zeitung gekauft werden. Trotzdem glaubt Winterling nicht an ein Aussterben der klassischen Feuilletonkritik. Für den Rezensenten bedeute eine Besprechung in einer Zeitung eine höhere Reputation als eine Besprechung in einem Blog. Letzterer biete hingegen mehr Freiheit bei der Titelauswahl und der Meinungsäußerung.
Für die Zukunft von „54books“ hofft Tilman Winterling genug Zeit zu haben, um in gleicher Häufigkeit zu rezensieren, mehr Bücher zu lesen und bessere Besprechungen zu schreiben. Seine Buchempfehlung ist ein Klassiker der deutschen Literatur: Erich Kästners „Fabian“.

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