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Kategorie: Gespräche

Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete “Ecce Homo” Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

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Gespräch mit Isabel Bogdan über “Der Pfau”

Isabel Bogdan, Autorin „Der Pfau“, Kiepenheuer&Witsch ©Smil
© Smilla Dankert

Seit der Frankfurter Buchmesse 2014 kenne ich Isabel Bogdan und wir sind die allerbesten Freunde auf der Welt. Manchmal gehen wir Kaffee trinken und Torte essen oder treffen uns auf Veranstaltungen, zum Beispiel bei Lesungen in ihrem schönen großen Wohnzimmer, zu denen sie immer wieder befreundete Autoren einlädt, auf Konzerten, Geburtstagen oder beim Resteessen an Neujahr.

Als wir uns bei einem Abendessen des mairisch Verlags in Frankfurt kennenlernten, erzählte Isabel gerade das erste Mal in großer Runde, dass ihr Roman im Frühjahr 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Was damals noch sehr weit entfernt schien, steht nun [im Januar 2016] kurz bevor. Mit zwei Tüten Backwaren unter dem Arm komme ich leicht verspätet in der großen Altbauwohnung in Hamburgs Osten zu einem sehr langen Frühstück an, das bis nach Mittag dauert und aus dem ein Interview zu Isabels Debüt werden soll.

Weil ich mich leicht verspäte, schicke ich die erste Frage vorab per Whatsapp.

54books: Ist Dein Roman ein Kammerspiel?

Zwanzig Minuten später öffnet mir Isa die Tür und wir sprechen Breakfast-Sprech (Tee/Kaffee/die Größe von Hühnereiern).

IB: Habe die Sache mit dem Kammerspiel mal im Wilpert [Sachwörterbuch der Literatur] nachgesehen, Du fragst jetzt aber nicht nur sowas, oder?

Tue ich natürlich nicht, sondern wir unterhalten uns entspannt, wie immer, nur dass eine von uns beiden langsam zu realisieren scheint, was sich auf sie zubewegt. Denn Der Pfau ist ein ziemlich gutes Buch, und nachdem die erste Begeisterungswelle über das wirklich gelungene Cover abgeebbt ist, folgt nun die nächste, diesmal über den sehr gelungenen Inhalt.

IB: Ich war neulich in einem Buchladen und wollte mir was für meine Schwiegermutter empfehlen lassen. Die freundliche Buchhändlerin holt Jane Gardam [Ein untadliger Mann], die sei sehr gut. Ich sage also: „Ja, das weiß ich, das habe ich übersetzt.“ Sie blickt mich an, „Sie sind Frau Bogdan? Ich hab Ihren Roman gelesen, der ist ja so toll, ich freue mich schon so drauf, den zu verkaufen. Das ist mir ja total peinlich, dass ich Sie nicht erkannt habe.“ – Ich so „Bitte? Peinlich, dass Sie mich nicht erkannt haben?“ Wieso hätte sie mich erkennen sollen. Und ich war total platt, dass sie sofort die Verbindung gezogen hat Gardam – Pfau – Bogdan.

54books: Buchhändler sind auch immer noch wichtiger als so ein Zirkus wie das Literarische Quartett, da haben doch die Verkaufszahlen nicht mal gezuckt bei den ersten beiden Sendungen. Anders bei Gardam und Auerhaus von Bov Bjerg.

IB: Die Bücher sind ja beide nicht mehr neu, da merkt man das jetzt schon deutlich. Bov Bjerg steht jetzt auf Platz 3 der Bestsellerliste und Jane Gardam auf 10, beide Bücher haben sich schon vorher ordentlich verkauft, aber das ist nun nochmal ein Sprung. Eigentlich wollte ich das Quartett auch gar nicht mehr sehen, weil es mir auf kein Buch Lust gemacht hatte, und das soll doch eigentlich eine solche Sendung zumindest auch machen.

54books: Wo wir bei anderen Büchern sind, hast Du eigentlich Angst vor dem anderen Pfau bei KiWi, der Pfaueninsel von Thomas Hettche?

IB: Als das rauskam, bin ich fast geplatzt vor Neid. KiWi war mein Traumverlag und dann kommt dieses Buch und ich dachte „Das darf nicht wahr sein – das hätte mein Cover sein können, und wenn sie jetzt eine Pfaueninsel haben, kauft KiWi doch nicht nächstes Jahr ein Buch das Der Pfau heißt. Aber jetzt sind die Cover ebenso wenig vergleichbar wie der Inhalt, und beide passen wunderbar.

54books: Du betonst, dass Kiepenheuer und Witsch Dein Traumverlag für Der Pfau war. Wieso wusstest Du das so genau?

IB: Bei KiWi hab ich schon immer das Gefühl, die machen nicht so viel wie geht, sondern nur die Bücher, hinter denen sie stehen. Das hat mich am Anfang aber echt Nerven gekostet. Erst musste Olaf Petersenn [Isabels Lektor bei Kiepenheuer & Witsch] es lesen, und wenn der es gut findet, müssen es die anderen aus dem Lektorat lesen, und wenn die es gut finden, muss es die Werbeabteilung lesen und der Vertrieb und das Marketing, weil sie es nur kaufen, wenn es alle gut finden. Das ist natürlich klug, weil wenn ein Lektor ein Buch gut findet, der Vertrieb aber nicht, nutzt es dem Buch nichts. Es ist toll, wenn ein gesamter Verlag hinter einem Buch steht und sich dafür einsetzt, das merke ich jetzt.

54books: Bisher hast Du fast ausschließlich übersetzt, wie kommt man dann aber als Autorin eines Romans an seinen Wunschverlag?

IB: Erst habe ich versucht, neben dem Übersetzen zu schreiben, aber das hat nicht gut funktioniert. Ich brauche immer ein bisschen Druck, damit ich was schaffe. Also habe ich mir eine Agentin gesucht. Für die Kontakte zu Verlagen hätte ich sie nicht unbedingt gebraucht, aber für die Verhandlungen, das Einschätzen von Angeboten, den Verkauf der Taschenbuch- und Hörbuchrechte, das hätte ich alles so nicht gekonnt.

54books: Vor fünf Jahren hast Du den Hamburger Förderpreis für einen Romananfang bekommen. War das damals schon Der Pfau?

IB: Ja! Der Pfau war erst eine Kurzgeschichte. Sie endete mit einer schlüssigen Pointe [diese wird hier wegen Spoilergefahr nicht verraten]. Dann fiel mir auf, dass das ja gar nicht das Ende der Geschichte ist, und habe weiter geschrieben. Als dann die Frist für den Förderpreis ablief, habe ich einfach kackfrech „Romananfang“ drübergeschrieben, weil es nun kein Ende mehr gab, es war nicht einfach eine längere Kurzgeschichte, sondern hing total in der Luft. Und ich dachte, wenn Du den Preis kriegst, kannst Du immer noch einen Roman draus machen.

[Tweet “Isabel Bogdan ist klug, schön und charmant.”]

 

isabel bogdan der pfau cover
Glitzert in echt mega!

54books: Dein Roman beginnt mit dem Satz „Einer der Pfauen war verrückt geworden.“ Er steht auch auf dem Rücken, statt eines Klappentextes. Also ein Kaliber wie „Ilsebill salzte nach“?

IB: Ich habe tatsächlich mit diesem Satz angefangen, das war schon der erste Satz der Kurzgeschichte. Ich finde nach wie vor, dass es ein guter erster Satz ist. Keine Ahnung, ob es ein gutes Buch ist, aber den ersten Satz finde ich immer noch gut.

54books: Nach dem ersten Roman sollen die persönlichen Referenzen abnehmen, weil alle Anekdoten schon in das Debüt geflossen sind. Bist Du leergeschrieben?

IB: Nein, das meiste im Roman hat mit mir gar nichts zu tun. Ich kenne das Setting sehr gut, dieses schottische Anwesen. Und dass an einem Morgen hintereinander zwei Vögel ins Zimmer kamen, das ist mir dort passiert. Aber die meisten anderen Dinge sind ausgedacht oder hier und da zusammengeklaubt und neu kombiniert, haben aber mit mir gar nichts zu tun.

54books: Den Musikgeschmack Deines Mannes finde ich auch in manchen Szenen wieder. Hast Du eine Liste mit den gesungenen Liedern?

IB: Nein, eine Liste habe ich nicht, aber die Lieder gibt es natürlich alle.

[Ich lese die Szene aus der Küche vor, in der Jim und Helen in der Küche sitzen und singen.]

54books: „Caledonia“, ist das dieser B.B. King Song?

IB: Nein, das ist von Dougie MacLean, ein wunderschöner und ganz berühmter Song, quasi die inoffizielle schottische Nationalhymne.

Langsam verlieren wir den professionellen Faden, spätestens als wir versuchen ein Foto vor Isabels großem Regal zu schießen. Zwei sehr heitere erwachsene Menschen, haben drei angenehme Stunden beim Frühstück verbracht und trennen sich nachdem Zeit für das Mittagessen wurde. Ein zweiter Teil des Interview, in dem wir über Isabels Tätigkeit als Übersetzerin sprechen, folgt.

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Was willst Du mehr?

Bei dem Treffen der Paten der Leipziger Buchmesse erschienen, wie berichtet, u.a. die drei Preisträger und viele der weiteren Nominierten und waren zum großen Teil uns Bloggern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich war informiert worden, dass auch Klaus Binder, der Übersetzer von Lukrez, sein Kommen angekündigt hatte. Nicht im klassischen Sinne aufgeregt war ich, sondern vielmehr gespannt auf den Austausch und etwas sorgenvoll, ob der kritischen Nachfragen, die kommen könnten, schließlich hatte ich offen mit meinen mangelnden Lateinkenntnissen kokettiert und bin auch kein versierter Philosophiekenner. Doch Herr Binder kam nicht. Nachts erhielt ich stattdessen eine Email, die ich in Ausschnitten veröffentlichen möchte.* Weiterlesen Was willst Du mehr?

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Fragt mich ruhig.

Ich wurde auf der Messe in Leipzig gleich zweimal interviewt: einmal von Stefan Mesch für Deutschlandradio Kultur, ein zweites Mal von Gesa Ufer zusammen mit Daniel Beskos vom mairisch Verlag für Radio Eins vom rbb.

Nachgelesen und -gehört werden, können beide Interviews hier:


 

Zum Interview von Stefan Mesch mit mir einfach auf das Foto oder hier klicken.

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Gespräch mit Volker Weidermann

Der Journalist und Autor Volker Weidermann studierte Politikwissenschaften und Germanitik und ist seit 2003 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit seinen Büchern Lichtjahre – Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute und Das Buch der verbrannten Bücher schrieb er zwei Werke, die für jeden Literaturbegeisterten eine Fundgrube an Entdeckungen bereithalten und zur Kanonisierung der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beigetragen haben. Sein Buch Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft wurde dieses Jahr zum Bestseller und handelt von der Freundschaft Stefan Zweigs zu Joseph Roth und den exilierten deutschen Schriftstellern, die sich im Sommer 1936 im kleinen Nordseebad Ostende in Belgien trafen.

Im Gespräch mit 54books spricht Volker Weidermann über die Arbeit an Ostende, den Einfluss von Marcel Reich-Ranicki auf seine Arbeit und mit wem er gerne mal am Strand spazieren würde.

Die Arbeit an Ostende

54books: Wer ist der Stefan Zweig aus ihrem Buch: der Stefan Zweig, ihr Stefan Zweig oder eine Chimäre?

Volker Weidermann: Oh, ich fürchte selbst Stefan Zweig hätte uns den wahren Stefan Zweig nicht beschreiben können. Joseph Roth auch nicht. Friederike, seine erste Frau, die später ein komplett verzerrtes Lebensbildnis ihres Mannes zeichnete – erst recht nicht. Aber schon falsch: was heißt “erst recht nicht”. Ich weiß es ja nicht. Ich war nicht dabei, habe ihn nicht kennen gelernt. Klar also, dass es “mein Stefan Zweig” ist, den ich da beschreibe. Ich bin natürlich sicher: superdicht an der Wirklichkeit. So dicht, wie ich nach jahre-, ja jahrzentelanger Zweig-Lektüre heran kommen konnte. Aber womöglich auch: meilenweit entfernt…

54books: Gibt es eine Recherchespirale, in der man immer noch einen “letzten” Tagebucheintrag, einen Brief sucht, um darin in einem vorher unentdeckten Detail den Schlüssel zur Gefühlswelt von Stefan Zweig oder Joseph Roth zu finden?

Volker Weidermann: Jo. Gibt es. Große Kunst: immer wieder Wege abbrechen, nicht weitergehen, um sich nicht zu verlaufen. Immer den Kern der Geschichte im Blick behalten. Das, was einem wirklich zu sagen wichtig ist.

54books: “In manchem Betracht gewannen seine Bücher durch die Übersetzung. Seine Prosa ist nachlässig, reich an Füllseln und schiefen Bildern”, schrieb Hermann Kesten über den Freund Stefan Zweig. Fritz J. Raddatz nannte ihn in einem Brief an Kesten gar den “Friseur unter den Literaten”. Wie erklären Sie sich seinen ungebrochenen, sogar neu aufbrandenden, Erfolg?

Volker Weidermann: Er war ein Meister darin, Menschen zu lesen. Das Innerste der Menschen zu erkennen. Dabei wurde er – und seine Sprache – oft sentimental. Aber scheinbar ist seine Menschenfreundlichkeit, seine Verstehenskunst so groß, dass die Menschen ihm seine stilistischen Schwächen verzeihen. Ungefähr so sah das ja auch Joseph Roth.

54books: Schätzen Sie Stefan Zweig mehr als Schriftsteller oder als Chronisten seiner Zeit?

Volker Weidermann: Als Chronist ist er kolossal unzuverlässig. Ich bin nicht sicher, ob auch nur ein Wort in der Welt von gestern wahr ist. Als Dokument würde ich es jedenfalls nicht empfehlen.

Verbrannte Bücher

54books: Der Roman Schlump wurde, auch mit Ihrer Hilfe, wiederentdeckt und neuaufgelegt. Welchem der verbrannten Schriftsteller aus Ihrem Buch würden Sie eine Renaissance wünschen?

Volker Weidermann: Arthur Holitscher. Maria Leitner. Rudolf Geist. Armin T. Wegner.

54books: Fiel es Ihnen so leicht wie es scheint die Autoren in Gruppen zu sortieren?

Volker Weidermann: Nö. Aber muss ja.

54books: Ich mutmaße, dass wir Ostende auch den Recherchen zu den verbrannten Büchern verdanken. Wann kommt das Pendant zu Lichtjahre; vielleicht ein neues Treffen in Telgte?

Volker Weidermann: Super Idee. Erscheinungstermin aber noch ungewiss.

Die Arbeit für die FAS

54books: “Sein Buch ist leider furchtbar. Rührselig. Kitschig. Gut gemeint.”, schreiben Sie über Georg Fink in den verbrannten Büchern. Würden Sie einen lebenden Autor in einem Artikel derart abstrafen oder lieber schweigen über ein Buch, das nur diese Meinung verdient?

Volker Weidermann: Mein Sonntags-Privileg: Ich kann in der FAS irre viel weglassen. Eigentlich alles. Ich hab keine Rezensionspflichten. Das erspart mir viel (und vielleicht auch vielen Autoren). Ich lobe lieber. Und lese lieber gute Bücher.

54books: Als letztes Jahr Marcel Reich-Ranicki starb, ging auch eine Ära der populären Literaturkritik zu Ende. Sehen Sie einen würdigen Nachfolger, vielleicht aus den Reihen derer, die zwei Generationen jünger sind als MRR?

Volker Weidermann: Nee. Ich sehe mich natürlich nicht als “würdigen Nachfolger”. So selbstbegeistert bin ich gerade noch nicht. Er war halt großartig. Ein phantastisches Geschenk für mich und die deutsche Literatur. Ich hab unfassbar viel von ihm gelernt. Schon während des Studiums. Auch aus dem Literarischen Quartett. Er war eben zu allererst ein toller Journalist.

Das Wichtigste – gerade in Zeiten, in denen Journalisten, Kritiker usw. nach Schutz suchen, ihre ungelesenen Artikel subventionieren zu lassen, vom Staat, von was weiß ich wem – ist der Text. Der Text ist wichtig. Der Text ist die Party. Die Leute wollen keine Literaturkritiken lesen? Gut, dann zwingen wir sie mit sanfter Gewalt und zwar mit: Unterhaltsamkeit. Verständlichkeit. Entschiedenheit. – mit gutem Journalismus.

54books: Was haben Sie persönlich, die Sie anlässlich seiner Kolumne in der FAS: Fragen Sie Reich-Ranicki jede Woche mit ihm Kontakt hatten, für Ihre Arbeit von ihm gelernt?

Volker Weidermann: Es war vor allem persönlich toll. Auch die Telefonate mit ihm – immer zwei, drei pro Woche, zwölf Jahre lang, waren nie langweilig. Und er forderte den Telefonpartner auch immer mit seinem nervigen” Was gibt es Neues”. Da musste man sich schon jedesmal zwei, drei gute Geschichten zurechtlegen. Sonst war das Gespräch schnell vorbei.

54books: Wenn Reich-Ranicki über Walsers Jenseits der Liebe schreibt, “Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman”, könnte das in seiner Deutlichkeit auch von Ihnen kommen. Eindeutige Parallelen – sind Sie gar der Nachfolger?

Immer noch nicht. Immer noch nicht. Aber ich bin ein fanatischer “in-Spuren-Geher”, wie Thomas Mann das mal genannt hat. Ich suche mir Vorbilder, ich will anknüpfen da, wo Fäden abgerissen sind, oder einer liegengelassen wurde. Ich brauche diese Spuren. Wie groß auch immer die sein mögen, das ist mir egal; oder: ja, ich suche gern große Spuren. Wie kleine meine eigenen Abdrücke dann darin wirken, ist mir egal.

54books: Sie sind mit Alice Carey auf den Spuren der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch nach Montauk gefahren. Mit welcher weiteren Lynn, real oder fiktiv, wollen Sie mal am Strand spazieren?

Volker Weidermann: Irmgard natürlich. Irmgard Keun. Zum Beispiel. Oder Mascha Kaleko.

54books: Vor kurzem habe ich nach zehn Jahren Der Fänger im Roggen wiedergelesen und war erschüttert von der Großartigkeit dieses Buches, das mich vorher nicht wirklich berührte. Ihre Begeisterung für Montauk bringt mich dazu es bald noch einmal zu lesen, nachdem ich es vor sieben Jahren für langweilig befunden habe. Was war ihr letztes Erweckungserlebnis?

Volker Weidermann: Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene

54books: Sie sind u.a. Fachmann für Max Frisch und Exilliteratur, nun auch Herausgeber der Werke von Armin T. Wegner. Nehmen Sie sich ein fiktives Sabbatjahr. Zu wem möchten Sie in Ruhe forschen?

Volker Weidermann: Georg Büchner

54books: Herr Weidermann, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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©Bücher und Co in Hamburg Winterhude

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Mit Hingabe, Herzblut und Heinrich Heine

Eingewachsen, zwischen hohen Bäumen, in zweiter Reihe und mit Blick auf die Außenalster liegt das Verlagsgebäude von Hoffmann und Campe im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Ein feudales Anwesen auf dem einer der ältesten und renommiertesten Verlage Deutschlands residiert. HoCa steht für gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher, so fasste es der Verleger Daniel Kampa zusammen, für Autoren wie Heinrich Heine, Siegried Lenz, José Saramago, Doris Lessing, Matthias Politycki und Sachbücher von Hellmuth Karasek, Helmut Schmidt oder zuletzt Jaron Lanier. In diesen heiligen Hallen bin ich heute Gast.

Eingeladen hat mich Ute Nöth. Sie verantwortet den Bereich E-Publishing und mit ihr hatte ich bereits Kontakt als HoCa Blogger zu Doris Lessing ins Kino schickte. Als nun der neue Verleger Daniel Kampa, vormals bei Diogenes, nach nur kurzer Eingewöhnungszeit in Hamburg den neuen Atlantik Verlag aus der Taufe hob, wurden erneut Blogger angeschrieben und mit einem kleinen Geschenkpaket auf den neuen Verlag aufmerksam gemacht.

Buch_der_Lieder_Heinrich_Heine_1827_CoverMit diesem klingelte der Postbote in Münster just nachdem ich meiner Studienstadt den Rücken gekehrt hatte. Das hanseatische Paket gelangte so über Umwege erst drei Wochen später zu mir in die Stadt, aus der es kam. Per Email dankte ich für die Post, gab die Adressänderung und erste Rezensionsexemplarwünsche durch. Nun bestünde aufgrund neuer Nachbarschaft auch die Möglichkeit die Bücher per Boten geliefert zu bekommen oder ob ich mir sie nicht gleich im Verlag, inklusive kleiner Führung, abholen wollte, frug Ute per Email zurück.

Nun also werde ich an der Pforte empfangen und in Utes Büro wartet bereits ein Stapel Bücher auf mich. Beim Tee sprechen wir über unsere Werdegänge und stellen schnell fest wie klein die Blogosphäre und die wahrnehmbare Buchbranche im Internet ist. Alte Bekannte und lesenswerte Blogs, Aktionen und Interviews, Klischees, aber besonders interessant natürlich für den Blogger die Innenansicht: wie nehmen Verlage Blogs wahr und können diese gegenüber dem klassischen Feuilleton bestehn. Die Glaubwürdigkeit, Leidenschaft für Literatur und ein persönlicherer Bezug lasse viele Leser heute eher dem freien Blogger als der Journalie vertrauen, sind wir uns einig. Dazu kommt, dass das Feuilleton nicht im Ansatz der Flut von Neuerscheinungen Herr wird, Unterhaltungsliteratur, selbst anspruchsvolle, an dieser Stelle selten besprochen wird. Ganz bewusst wendet sich also der Atalantik Verlag auch an die Literaturkritik im Internet.

Im Anschluss besuchen wir die Herstellungsabteilung, Design und Verkauf, treffen die Presseabteilung in Person von Julia auf der Treppe und dürfen den Conference-Call aus London nicht verpassen, dieser dann wieder ohne Bloggerbesuch. Im Büro einer Lektorin stehen zwei große Kisten voller Manuskripte, alles Zusendungen allein aus dem April, nach Jahrzehnten im Beruf könne sie aber meist bereits anhand des Anschreibens, spätestens aber nach der Lektüre des Exposés schlechte Bücher aussortieren. Weglegen kann ich auch schnell. Und auch Ute hat Übung darin. Aus ihrer Tätigkeit bei einer Selfpublishing-Plattform weiß sie, durch welche Berge an Manuskripten man sich wühlen muss, um Perlen zu finden.

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In jedem Raum liegen Bücher in verschiedenen Evolutionsphasen: Manuskripte, Korrekturfahnen und solche mit Imprimatur-Stempel, Lizenzausgaben und die schönen Hardcover, denen HoCa seinen guten Ruf verdankt, an den Wänden die Devotionalien aus fast 300 Jahren Verlagsgeschichte, darunter auch der in meinem Elternhaus hängende Harry in späten Jahren von Horst Janssen. Und ja, lässt mich Ute wissen, manche Autoren kommen auch noch persönlich vorbei. Oder man trifft Siegfried Lenz auf dem Sommerfest zusammen mit Karasek, Ulrich Wickert, Wolfgang Niedecken und Wolf Biermann, im Garten der angrenzenden Heinrich Heine Villa.

Der träumende Literaturliebhaber stellt sich einen Verlag als summenden Bienenstock geschäftiger Menschen vor, die voller Leidenschaft einem Job nachgehen, der arbeitsaufwändig und schlecht bezahlt ist, dies aber, aus Liebe zur Literatur und dem Antrieb gute Bücher für ihre Leser herauszugeben, gerne auf sich nehmen. Nach zwei Stunden im Inneren kann ich dieses Traumbild bestätigen. Ich war umgeben von freundlichen, fröhlichen Menschen, die mit Herzblut und Hingabe Bücher produzieren; gute und gut lesbare Literatur und ton­angebende Sachbücher. Erstaunlich, aber dann doch nicht verwunderlich, dass ein verhältnismäßig kleines Team einen solchen Verlag stemmt. Vielen Dank!

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Gespräch mit Karla Paul

Foto: Anette Mayerhofer von göttlicher fotografieren
Foto: Anette Mayerhofer von göttlicher fotografieren

Jeder Literaturinteressierte, -blogger, jeder, der sich mit Literaturkritik und -diskussionen im Internet beschäftigt, wird ihr über kurz oder lang über den Weg laufen. Karla Paul hat mit ihrem Blog www.buchkolumne.de als Kritikerin und Podcasterin früh Aufmerksamkeit, Bekanntheit und Preise gesammelt, heute ist sie einer der führenden Köpfe bei lovelybooks. Hierdurch haben wahrscheinlich wenige einen besseren Überblick über die Vernetzung in der Branche, die Risiken und Möglichkeiten der “neuen Medien” im Literaturbetrieb und die neusten Trends. Klar, dass ich mit ihr über alle diese Dinge und ihre Lieblingsbücher, sowie die eigene Autorenschaft sprechen wollte.

Literaturkritik im Internet

54books: Man darf Dich wahrscheinlich getrost als eine deutsche Pionierin der Literaturkritiker im Internet bezeichnen. Wie kam es dazu?

Karla Paul: Ich freue mich natürlich, wenn ich Leser dazu bringen kann mehr zu lesen, oder aber gar Nichtleser zum Lesen animieren kann. Deswegen bin ich aber keine Pionierin – viele Medien haben mir diese Rolle in der letzten Zeit dank meiner inzwischen recht hohen Reichweite sozusagen auf den digitalen Leib geschrieben. Ich selbst würde mich allerdings nicht so bezeichnen. So wirklich angefangen hat alles 1988, als ich Lesen lernte. Von da an ging es eigentlich steil bergauf – Gewinnerin des Lesewettbewerbs in der Grundschule und seit jeher hielt ich mich lieber in der Welt der Bücher als in der Realität auf.

54books: Wie wurde das Lesen Dein Beruf?

Karla Paul: Erste Rezensionen und Autoreninterviews habe ich mit 16 Jahren für die regionale Zeitung geschrieben. 2006 habe ich im Rahmen meines Studiums die Website Buchkolumne.de sowie den dazugehörigen Literaturpodcast ins Leben gerufen. Innerhalb von drei Jahren hatte dieser 5.000 Abonnenten. Seit 2009 arbeite ich hauptberuflich als Redaktionsleiterin und Social Media Managerin für LovelyBooks.de – das größte deutschsprachige Literaturnetzwerk – und halte inzwischen auch Vorträge rund um Literaturblogs, Social Media für Autoren und Verlage sowie Online Marketing an Universitäten und für verschiedene Firmen in der Buchbranche. Ich kommuniziere sehr gerne und fast ohne Unterbrechung online und Literatur ist mein Herzensthema – in diesem Fall kommt Beruf tatsächlich von Berufung.

54books: Wir müssen über ihn sprechen: Denis Scheck! Du warst in letzter Zeit nicht immer seiner Meinung, viele Dinge stoßen Dir unschön auf. Was genau?

Karla Paul: Denis Scheck hat sich ohne Zweifel in vielen Jahren einen Namen gemacht. Er kennt sich sehr gut aus und ich liebe seine Interviews, seine wunderbare Art mit dem Anzug ganz als Gentleman seine Autoren dann selbst noch in die Sauna oder auf dem Pferd zu begleiten. Nicht ganz so ein Gentleman ist er dann aber, wenn er Bücher verreißt und das oft auf eine sehr einseitige Art und Weise. Manche Genres liegen ihm einfach nicht und das macht er recht deutlich klar. Als Literaturkritiker sollte man das aber sachlich unterscheiden können – viele Romane können mir vom Thema her nicht liegen und dennoch für genau diese spezielle Zielgruppe gut geschrieben sein. Außerdem sehe ich das etwas massentauglicher: was immer Dich begeistert – lies es! Ich halte es für arrogant den Menschen vorzuschreiben was sie lesen sollten – ich bin froh, wenn sie es überhaupt tun.

54books: Ist die Zeit der Literaturkritik der gesetzten Herren und Feuilletonnisten vorbei? Wenn ja: Wer kommt jetzt?

Karla Paul: Grundsätzlich gilt: je mehr Menschen über Literatur reden und tolle Bücher empfehlen, desto besser. Mir ist dabei völlig egal, ob das Menschen mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund oder Hobbyliteraturblogger sind. Manch ein Leser legt Wert auf das Feuilleton – andere Leser schätzen dafür die Empfehlungen von Freunden mehr. Für viele hauptberufliche Kritiker bedeutet dies aber Probleme, weil nun jeder etwas zu Büchern sagen kann und ihre Meinung automatisch weniger Wert ist – es gibt ja so viele Alternativen. Dies gilt aber nur, wenn man keinen USP, also kein Alleinstellungsmerkmal hat. Manch einer hat dies verstanden und nutzt die Möglichkeiten nun zur weiteren Vernetzung und um sich nicht nur in der Zeitung, dem Radio oder dem Fernsehen einen Namen zu machen, sondern auch im Netz.

54books: Fällt Dir jemand ein, der die sozialen Medien hier besonders gut nutzt?

Karla Paul: Ein gutes Beispiel hierfür ist mein Freund Peter M. Hetzel von Sat.1, der seine Kritiken nicht nur auf YouTube hochlädt, sondern sie auch auf Facebook und Twitter verbreitet und dort ebenfalls mit Autoren und Verlagen Kontakt hält. So nutzt man die Möglichkeit, um auch neue Leser auf die eigenen Rezensionen aufmerksam und zu Fans zu machen. Wer dies verstanden hat, der hat heute eine ebenso gute Chance wie vor 10-20 Jahren, wenn nicht sogar bessere. Wer dies nicht verstanden hat, das Internet weiterhin für eine seltsame Laune der Jugend hält und die vielen Möglichkeiten nicht sieht, dessen Zeit ist tatsächlich vorbei. Außerdem muss man neben den gesetzten Herren Reich-Ranicki, Denis Scheck usw. auch die vielen Frauen wie Elke Heidenreich, Thea Dorn, Amelie Fried, Felicitas von Lovenberg oder den Nachwuchs wie Dana Buchzik erwähnen. Das Ungleichgewicht liegt vielleicht eher in der mangelnden Aufmerksamkeit für als in der fehlenden Anwesenheit von spannender junger Kritik.

54books: Überblickt man im Schnelldurchgang die Kritikerszene im Internet, fällt schnell auf, dass das Gros der Besprechungen nur solche der Unterhaltungsliteratur sind. Wer übernimmt die Arbeit des Feuilletons, wie sollen die Besprechungen die Generation erreichen, für die das Internet immer noch „Neuland“ ist?

Karla Paul: Welche Generation meinst Du? Mein Vater ist über 70 Jahre alt und surft auf dem iPad. Die Frage solltest Du vielleicht auch eher dem Feuilleton stellen. Ich provoziere mal weiter – ist die Arbeit der Feuilletonisten denn wirklich nötig? Wer ist schuld, wenn die Liebhaber von Unterhaltungsliteratur im Internet aktiver sind? Manch ein hauptberuflicher Literaturkritiker sieht nicht die Notwendigkeit für eine Anwesenheit im Netz – das ändert sich aber stetig. Ich könnte auf Anhieb ein Dutzend Blogger und Journalisten nennen, die online aktiv sind und sich der gehobenen Literatur verschrieben haben. Stefan Mesch schreibt für die Zeit und bloggt und postet täglich Facebook-Postings, Stefan Möller postet Buchtipps auf Tumblr, Mara Giese liest und bespricht mit anderen Bloggern gemeinsam die Shortlist des Deutschen Buchpreises, „Herbert liest“ ist ein sehr beliebtes YouTube-Format – davon könnte ich viele weitere Beispiele aufzählen. Wie immer online: das Problem ist nicht die Masse oder die Art der Information, das Problem ist Dein Filter!

Dein Leben als öffentliche Person

54books: Zwangsläufig wird jeder Literaturblogger auf einem der Netzwerke mit Dir Berührungspunkte bekommen. Jeder heißt, dass auch diejenigen, deren Arbeit Du schlecht findest, mit Dir interagieren wollen. Musst Du viele Leute vor den Kopf stoßen?

Karla Paul: Ich bin ehrlich. Das hat mich in den letzten 30 Jahren schon viele Pluspunkte gekostet – dafür kann man auf meine Meinung vertrauen und ich versuche mir für jeden Zeit zu nehmen. Wem es nur um halbherziges Lob geht, der kann sich dies gern woanders abholen und wer mit ernsthafter Kritik nicht umgehen kann, der wird in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen ebenfalls Probleme bekommen. Mich mag ja auch nicht jeder – je höher die Reichweite ist, desto mehr Kritik erhält man auch und das muss man irgendwie verarbeiten können. Ich diskutiere und streite gern über Literatur, aber nein, ich hoffe, dass ich nicht viele Leute vor den Kopf stoße.

54books: Noch schwieriger wird das wahrscheinlich bei lovelybooks, musst Du Dich „fürs Geschäft“ mit Deiner Meinung zurückhalten?

Karla Paul: Zu manchen Dingen kann ich mich deswegen nicht äußern, ja. Über viele Entwicklungen weiß ich vielleicht schon eher Bescheid, man hat Insiderwissen und dementsprechend auch Verantwortung und Pflichten – dies wächst ebenso wie die Möglichkeiten in einer entsprechenden Position. Deswegen verkaufe ich mich aber nicht, d.h. das Marketing bei LovelyBooks ist immer unabhängig von meiner Meinung und ich setze mich auf meinen privaten Accounts nur für die Bücher und Autoren sowie Projekte ein, die ich wirklich auch persönlich unterstützen möchte.

54books: Die NEON kürte Dich zur „Literaturpäpstin“. Was überwog: Zuspruch, Neid oder Anfeindungen?

Karla Paul: Zu 99 Prozent gab es viele Glückwünsche und jede Menge Zuspruch. Neid muss man sich erarbeiten und das gehört eben dazu. Anfeindungen gab es glücklicherweise bisher nie oder evtl. bekomme ich davon auch einfach nichts mit. Ein bisschen seltsam war natürlich das Timing – ich werde als neuer Reich-Ranicki gekürt und eine Woche später stirbt der wohl bekannteste Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum. Da kamen dann schon ein paar Kommentare, die musste ich mir natürlich gefallen lassen.

Die Autorin

54books: War das Schreiben von „Das Alphabet der Bücher“ eine Zwangsläufigkeit oder musste der Verlag auf Dich zugehen?

Karla Paul: Der Verlag kam auf mich zu als meine Präsenz noch weit weniger groß war – das war damals aufgrund einer kleineren Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung. Allerdings arbeite ich noch immer daran und bin sehr froh, dass mein Verlag so geduldig mit mir ist. Also schreibe ich lieber mehr dazu, wenn es denn dann wirklich fertig gestellt und in den Läden erhältlich ist.

54books: Wird die Social-Media-Königin als Autorin alle ihr möglichen Register ziehen um die Werbetrommel für das eigene Werk zu rühren, oder willst Du Dich bedeckt halten?

Karla Paul: Das werde ich gemeinsam mit dem Verlag entscheiden. Aber die ein oder andere Idee werde ich mir sicherlich nicht verkneifen können.

Entwicklungen auf dem Buchmarkt

54books: Alle sprechen über das E-Book. Du stehst (wahrscheinlich) aufgrund Deiner Internetaffinität auch diesem nahe. Hand aufs Herz, glaubst Du an eine Zukunft des Papiers oder bist Du vielleicht sogar der Meinung, dass dessen Zeit einfach vorbei ist?

Karla Paul: Das gedruckte Buch ist das erfolgreichste Medium überhaupt und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. Das E-Book ist lediglich eine neue Möglichkeit die Inhalte wiederzugeben und eine Alternative der Nutzung, kein Ersatz. Ich passe die Literatur meinen Lesemöglichkeiten an: beim Joggen höre ich ein Hörbuch, in der U-Bahn lese ich auf dem Reader ein E-Book und daheim im Bett genieße ich das Blättern zwischen Papierseiten. Je mehr Möglichkeiten dazu kommen, desto mehr lese ich und desto mehr Geld gebe ich dafür aus. Es werden in Zukunft sicherlich weniger gedruckte Bücher verkauft – viele Leser nutzen lieber die oft günstigere Möglichkeit des E-Books – zumal es innerhalb von Sekunden verfügbar ist und Platz spart. Vieles spricht aber auch dagegen – viele Menschen lieben ihre Bücher im Regal, wollen Seiten umblättern, der Besuch in der Buchhandlung ist ein sozialer Austausch und nicht nur Konsum. Literatur wird aber auch nicht schlechter, nur weil sie als Datei wiedergegeben wird.

54books: Interaktionen mit dem Leser im E-Book, im Internet, immer mehr Autorenmarketing – hat ein gutes Buch das nötig oder kann man sonst in der Flut der Neuerscheinungen nicht mehr auf sich aufmerksam machen?

Karla Paul: Auch ein gutes Buch muss irgendwie entdeckt werden. Das beste Produkt nutzt Dir nichts, wenn Du keine Werbung dafür machst. Nur in den wenigsten Fällen (wie z.B. bei „Tschick“ des kürzlich verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf) wird ein Buch tatsächlich von Lesern entdeckt und per Mundpropaganda so oft empfohlen, dass es auf der Bestsellerliste landet. Wie soll das Gespräch über Bücher entstehen, wenn niemand anfängt darüber zu reden? Da muss man oft nachhelfen. Trotzdem ist dies keine Garantie – viele gute Bücher bleiben trotz viel Werbung Geheimtipps, manch anderes Buch wie Shades of Grey verbreitet sich auch ohne Marketing. Es gibt da kein Wundermittel.

54books: Nicht jeder ist Autor, nicht jeder kann schreiben, viele tun es trotzdem. Wird die Flut abebben?

Karla Paul: Wer beurteilt denn genau, wer sich als Autor bezeichnen darf und wer nicht und wer schreiben kann und wer nicht? Das soll der Leser entscheiden und beliebte Bücher werden sich durchsetzen.

Deine Empfehlungen

54books: Magst Du für uns Deine drei liebsten Klassiker küren?

Karla Paul: „Der Proceß“ von Kafka. „Es waren Habichte in der Luft“ von Lenz. „Schöne neue Welt“ von Huxley. Alle toll geschrieben, der Inhalt bleibt (leider) immer aktuell und trotzdem fassen sich die Autoren bemerkenswert kurz.

54books: Hast Du einen Geheimtipp, der bis jetzt in der Flut der Internetrezensionen untergegangen ist oder vielleicht gar nicht beachtet wurde?

Karla Paul: Da verweise ich gern auf meinen Beitrag und meine fünf Empfehlungen hier: http://fuenfbuecher.de/karla-paul/ Und Scarlett Thomas mit „Troposphere“ oder aber „Shakespeare & Company“ oder aber … ach, wer mir online folgt, der sollte das eigentlich immer mitbekommen und ich kann mich nicht entscheiden. Lest einfach, lest viel und gern und alles was Ihr finden könnt!

54books: Ich danke Dir sehr herzlich für Deine Zeit und die ausführlichen Antworten.

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Moderne Literaturkritik, 54books, JVM

Kaum hatte ich meine ersten Gespräche mit Scheck, Martenstein und Hilmes im Kasten kam eine Redakteurin von den Jungen Verlagsmenschen auf mich zu und frug, ob ich nicht ihr ein Interview geben wolle. Also haben wir uns letzte Woche auf der Buchmesse getroffen und sie schrieb einen Artikel über moderne Literaturkritik, die Erben MRRs und – ähh – mich. Mit dabei außerdem Denis Scheck und Herbert von Herbert liest. Den ganzen Artikel von Dominique Conrad findet ihr HIER. Den Part über mich beim Klicken auf

Vom Stapel ungelesener Bücher zum Blog
Beruflich ist Tilman Winterling nicht in der Buchbranche zu Hause. Er hat Jura studiert, ist im Moment Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter. In seinem Bücherregal zählte der leidenschaftliche Leser vor einem Jahr noch 54 ungelesene Bücher, vornehmlich Klassiker. Als Ansporn diesen Stapel ungelesener Bücher abzubauen, begann er den Blog www.54books.de zu schreiben, rezensiert dort jede Woche neben Klassikern auch anspruchsvolle moderne Literatur. Die 54 Bücher hat er allerdings noch nicht gelesen, zu oft stößt er auf neue Titel: in Literaturverweisen, über Freunde, in Buchhandlungen oder durch Empfehlungen über seinen Blog. Mit „54books“ hofft Tilman Winterling Leser mit gleichen Interessen anzusprechen; literaturferne Menschen glaubt er nicht erreichen zu können. Insbesondere für die Genres Jugendbuch, Fantasy und Krimi seien Blogs jedoch eine gute Plattform, die oft vor dem Buchkauf konsultiert werden. Den großen Vorteil von Blogs sieht er darin, dass sie Berührungsängste mit der Literatur abbauen, denn im Gegensatz zur Besprechung im Feuilleton seien Blogs frei zugänglich, es müsse nicht erst eine Zeitung gekauft werden. Trotzdem glaubt Winterling nicht an ein Aussterben der klassischen Feuilletonkritik. Für den Rezensenten bedeute eine Besprechung in einer Zeitung eine höhere Reputation als eine Besprechung in einem Blog. Letzterer biete hingegen mehr Freiheit bei der Titelauswahl und der Meinungsäußerung.
Für die Zukunft von „54books“ hofft Tilman Winterling genug Zeit zu haben, um in gleicher Häufigkeit zu rezensieren, mehr Bücher zu lesen und bessere Besprechungen zu schreiben. Seine Buchempfehlung ist ein Klassiker der deutschen Literatur: Erich Kästners „Fabian“.

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Gespräch mit Harald Martenstein oder Interview mit Vogelscheiße

© C. Bertelsmann Verlag
© C. Bertelsmann Verlag

An keinen meiner bisherigen Gesprächspartner, auch die noch nicht veröffentlichten, war es so schwer heranzukommen. Über seinen Verlag kam keine Antwort, auch die ZEIT blieb stumm und als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, leitete der Tagesspiegel meine Email an ihn weiter und er schrieb zurück. “Interview: gerne!” und seine Handynummer ließ er mich wissen, nur erreichen konnte ich ihn auf dieser nicht – unterwegs in Hamburg auf dem Harbour Front Literaturfestival. Also spreche ich Harald Martenstein auf die Mailbox und er ruft mich am nächsten Tag zurück. Zugegeben ein erhebendes Gefühl, wenn “Harald Martenstein ruft an” auf dem eigenen Handydisplay erscheint. Wir haben einen Termin ausgemacht, uns getroffen und unterhalten. Wir sprachen über modernen Journalismus, Blogs, neue und alte, gute und schlechte Bücher, solche die man seinen Freunden aufdrängt und Kritik an politisch inkorrekten Kolumnen. Das Ergebnis dieses interessanten, lustigen Gesprächs mit einem Kultur- und Gesellschaftskritiker, der unfassbar belesen ist:

Ihre Kolumne

54books: Gefühle – Rentner – Busen – Teamwork – Carla Bruni; Das ist von allem etwas. Gibt es Themen, die auch ein Harald Martenstein nicht anfasst?

Harald Martenstein: Da würde ich zunächst mal nein sagen. Ich habe Kolumnen geschrieben, die Über Juden hießen oder Über Neger. Ich glaube, dass man zu jedem Thema einen Dreh finden kann, was nicht bedeutet, dass man über jedes Thema lustig schreiben kann. Aber die Kolumne ist ja auch nicht immer lustig, wenn ich mal das Gefühl habe, dass es keinen humoristischen Aspekt gibt, lass ich’s bleiben. Aber für mich ist nicht wichtig, dass sich daraus der Humorfunke schlagen lässt, sondern dass ich einen Zugang zu dem Thema finde und das ist bei jedem Thema möglich.

Themen, die nicht machbar sind, sind Themen die mich überhaupt nicht interessieren. Nicht irgendwelche Tabus würden mich abschrecken, sondern Dinge, die mich einfach nicht interessieren.

54books: „Ein Land, das von Kindern regiert wird, stelle ich mir so ähnlich vor wie Uganda unter der Herrschaft von Idi Amin. Bestenfalls käme Italien unter Silvio Berlusconi dabei heraus.“ Diese Aussage ist genauso lustig wie politisch unkorrekt, ebenso Ihre Forderung nach einem Mahnmal für die rauchende Frau im Dritten Reich. Dürfen Sie das einfach sagen, weil man weiß, dass der Martenstein dabei zwinkert oder ist das die Narrenfreiheit des Kolumnisten?

Harald Martenstein: Was die ZEIT angeht habe ich, nicht völlige, aber weitgehende Narrenfreiheit. Ich glaube, dass ich fast alles machen kann. Das ist am Anfang meiner Kolumnistentätigkeit noch nicht so gewesen, aber als dann die Akzeptanz da war, sind die Grenzen weitergefasst worden.

Was politische Korrektheit angeht, glaube ich aber, dass man es nicht zu einer Masche machen sollte, dass man immer dagegen ist. Das bin ich auch gar nicht. Ich finde es falsch Leute zu beleidigen, Leute zu diskriminieren. In vielerlei Hinsicht stehe ich ganz auf der Seite der politischen Korrektheit, nur dann, wenn es ins Wahnsinnige umschlägt… Es gibt ja kaum etwas Gutes unter der Sonne, das sich durch gewaltige Übertreibung nicht in Terror verwandeln kann. Zuneigung zu Menschen ist was Wunderschönes, aber wenn Ihnen ein Mensch jahrelang auf Schritt und Tritt folgen würde und Sie mit seiner Zuneigung erdrückt, Ihnen keine Luft zum Atmen lässt, dann schlägt es ins Negative um – so ist es mit allen Sachen.

54books: „Ein Artikel, der nicht angreifbar ist, kann nur völlig inhaltsleer sein“, sagen Sie in einem Videobeitrag des Tagesspiegels. Sie schreiben jede Woche angreifbare Artikel, weil Sie Stellung beziehen. Viele Leute fühlen sich dann wieder auf die Füße getreten. Denken Sie da nicht manchmal auch, dass es besser wäre inhaltsleer zu schreiben?

Harald Martenstein: Ich merke, dass ich manchmal ein bisschen Nerven zeige und denke, du brauchst mal ein paar Wochen, in denen du keine Hassmails kriegst und dann schreibe ich mal zwei, drei Wochen über summende Bienen – als Synonym für Themen ohne Aufregefaktor. Aber das ist immer nur von begrenzter Dauer. Ich kann aber auch gar nicht klagen, weil ich mehr Zuspruch als Ablehnung bekomme. So gesehen wäre es absolut unangebracht von mir die Jammerplatte aufzulegen. Es ist ja auch nicht so, dass ich irgendeiner Form der Verfolgung ausgesetzt wäre [lacht], überhaupt nicht. Dass man hin und wieder mal angegriffen wird oder ein Kollege versucht einen in die Pfanne zu hauen, weil man irgendwas geschrieben hat, was ihm gegen den Strich geht, das gehört halt zum Geschäft dazu, wenn man das nicht abkann, dann muss man schweigen.

54books: Wie gehen Sie mit der Kritik um? Wollen Sie darauf eingehen, blocken Sie das ab oder nehmen Sie es sich zu Herzen?

Harald Martenstein: Kritik grundsätzlich abzublocken ist dumm. Man muss sie sich erstmal anhören, sacken lassen und prüfen, ob sie berechtigt ist. Manchmal ist sie ja auch berechtigt. Einzugestehen ist da nicht immer ganz einfach, aber so ist es nun mal. Ich habe auch schon Dinge geschrieben, die mich im Nachhinein gereut haben. Manchmal stoße ich auch auf ältere Texte von mir, da denke ich mir, das hättest du besser machen können. Niemand ist unfehlbar. Ich mach auch Fehler, auch sachliche Fehler, in Texten. Den Menschen der soviel Text schreibt, wie ich das tue, und keinen sachlichen Fehler macht, den würde ich gerne mal kennenlernen. Ich kenne aber auch Leute, die so skrupulös, so perfektionistisch sind beim Schreiben, dass sie im Jahr nur zwei Texte zu Stande bringen. Ich will das gar nicht geißeln, wenn diese Texte sehr gut sind, ist das ja in Ordnung, mir würde es nur Leid tun, um die vielen Dinge, die man hätte machen können. Ich schreibe seit vielen Jahren jeden Tag und für mich ist das so wie für andere das regelmäßige Joggen, es gehört zum Leben dazu.

Ich unterbreche die Aufnahme, weil ich immer Angst habe, dass die Aufzeichnung nicht mitgelaufen ist. Harald Martenstein berichtet über seine Tätigkeit an der Journalistenschule in Hamburg, dass ihm das selbst auch schon passiert sei, dass das Gerät nicht aufgezeichnet hat; ebenso von einer Unterhaltung mit Hellmuth Karasek über das Nachvollziehen von verlorenen Interviews aus dem Kopf.

54books: „Der Autor ist tot.“ Sind bei der Flut von Bloggern und anderen Menschen, die ins Internet schreiben alle Autoren? Blogger sind da ja wie Kolumnisten.

Harald Martenstein: Die Leute haben ja früher auch viel geschrieben – Tagebücher, Briefe auf einem ganz anderen Level, als das was wir heute als E-Mails verschicken. Dass Leute schreiben ohne vom Schreiben zu leben, hat es immer gegeben. Ich lese öfter in Blogs herum und das unterscheidet sich zum Teil kaum im Niveau von journalistisch Gedrucktem, andere sind sehr amateurhaft. Aber Sachen die amateurhaft sind und nicht gut, finde ich auch in Zeitungen nicht gut.

Ich mache mir allerdings Sorgen darüber, dass es in naher Zukunft sehr schwer werden könnte vom Schreiben zu leben. Ich werde wahrscheinlich die Kurve noch kriegen.

54books: Ich finde Ihre Kolumnen und fast das gesamte ZEIT Magazin nach wenigen Tagen online, ebenso den Feuilleton der FAS, der Süddeutschen. Das sind alles Themen, die nicht tagesaktuell sind oder sein müssen. Diese Informationsbedürfnisse kann ich auf ganz anderen Kanälen befriedigen. Aber warum gibt es denn alles andere ebenfalls gratis? Muss Journalismus kostenlos sein?

Harald Martenstein: Er darf nicht kostenlos sein, um sich finanzieren zu können. Sie werden vielleicht einen Kolumnisten finden, der es für lau macht, aber Sie können natürlich niemanden auf eine Reportage irgendwohin schicken, wenn zwei, drei Wochen Recherche erforderlich sind. Ich bin früher für GEO unterwegs gewesen, die haben mir dann eine vierwöchige Reise bezahlt, damit ich darüber einen Text schreibe, das geht natürlich nur, wenn Geld vorhanden ist.

Das ist gefährlich. Ich habe aber kein Rezept dagegen. Jetzt versucht man es mit Bezahlschranken, aber ich weiß nicht, ob das akzeptiert wird, ich hoffe es. Ich selber habe, wie viele Leute, mal drüber nachgedacht mich selbstständig zu machen und meine Texte online zu stellen und wer 50 oder 30 Cent dafür bezahlt, kriegt sie dann halt, aber ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert. Damit kann man auch böse auf die Nase fallen.

54books: Gibt es Blogs vor denen der Print Angst haben muss?

Harald Martenstein: Ja, die Huffington Post zum Beispiel. Natürlich kann man mit den Onlineauftritten von ZEIT, Spiegel und Tagesspiegel gut über die Runden kommen, da braucht man keine gedruckte Ausgabe mehr. Die Zeitungen haben ihre Funktion als Nachrichtenüberbringer an das Internet verloren, aber dadurch steigt natürlich der Druck analytisch zu schreiben, unterhaltsam zu sein. Die Blüte der Kolumnen hängt auch damit zusammen, man braucht Unterhaltung. So gesehen haben wir Kolumnisten in der ersten Phase des Funktionsverlusts der Zeitungen profitiert. Jetzt sind wir aber in der zweiten Phase und keiner weiß genau wie es weitergeht.

54books: Sie persönlich sorgen sich noch nicht?

Harald Martenstein: Ich bin ja nun älter und glaube nicht, dass in unmittelbarer Zukunft alles zusammenbricht, aber wie es in 20 Jahren ist, weiß ich nicht. Jetzt mit 20 oder 25 in diese Medien zu gehen, ist natürlich ein Risiko.

54books: Machen Sie dann Ihren Studenten Mut oder raten Sie davon ab?

Ich glaube jeder Mensch sollte das machen was ihm Spaß macht. Mein Sohn hat jetzt angefangen Sport zu studieren und mein Rat war immer „Richte dich nicht nach irgendwelchen Prognosen, die sich ja auch ständig ändern, sondern wenn du das machst was dir Spaß macht, wirst du gut darin sein. Wenn du gut bist, wirst du dich auch in einer schrumpfenden Branche behaupten können“.

Auch wenn sich die Printlandschaft verändert und vieles schwieriger wird, die richtig guten Leute werden schon irgendwie eine Möglichkeit finden. Der Rat kann also nicht sein „lass das“, sondern „mach es gut“.

Ihre Bibliothek

54books: In Ihrer Kolumne Über Bücher beschreiben Sie, wie Sie Ihre Bibliothek einkochen wie eine gute Soße, weil Sie Ihren Bestand auf 2000 gedeckelt haben. Für jedes Buch, das Sie neu aufnehmen, muss ein anderes, welches Ihnen nicht oder nicht mehr gefällt, weichen.

„Ein paar Romane findet man so gut, dass man sie Freunde leihweise aufdrängt“, schreiben Sie. Welches war das letzte Buch, das Sie leihweise aufgedrängt haben?

Harald Martenstein: David Vann Im Schatten des Vaters und noch das zweite Buch von ihm Die Unermesslichkeit, dafür habe ich wirklich nach Kräften Reklame gemacht.

Kürzlich sollte ich für eine Fernsehsendung die drei Bücher meines Lebens raussuchen und da habe ich aus der neueren Produktion Sand von Wolfgang Herrndorf genommen. Dabei hatte ich Tschick gar nicht gelesen, weil mich der Plot nicht interessiert hat. Roadmovies habe ich schon so viele gesehen, Tom Sawyer und Huckleberry Finn habe ich gelesen, brauche ich nicht noch mal, dachte ich. Aber nachdem ich Sand gelesen hatte, habe ich das sofort hinterhergeschoben.

Man macht immer wieder die Erfahrung, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob die Geschichte, das Milieu, die Zeit einen interessiert – völlig egal. Die guten Autoren schaffen es dich dafür zu interessieren, auch wenn dich das Thema, die Umgebung überhaupt nicht zu interessieren scheint. „Bienenzucht im 17. Jahrhundert“ ich bin mir sicher, dass ein guter Autor es schafft ein Buch darüber zu schreiben, das wir beide lesen wollen.

54books: Die ebengenannten Bücher haben dann sicher auch Einzug in Ihre Bibliothek gehalten. Wissen Sie noch welche Sie dafür rausgeworfen haben?

Harald Martenstein: Weiß ich das noch? [überlegt] Ich habe vor einiger Zeit ein paar Romane von Emile Zola aussortiert, obwohl ich Zola schätze und viel gelesen habe, aber ich dachte Zola und ich, das ist ein abgeschlossenes Kapitel. [überlegt weiter]

54books: Es hat mir sehr gefallen, dass Sie [wie in der besagten Kolumne steht] Montauk von Max Frisch aussortiert haben, vor allem, dass Sie darüber zweimal eingeschlafen sind. Genau so ist es mir auch gegangen.

Harald Martenstein: Ja, ein Buch nur aus Angeberei stehen zu lassen, ist ja auch Quatsch. Das lernt man auch, wenn man sagt, der Bücherschrank wird gedeckelt. Da kann es schon mal passieren, dass der Proust verschwindet, ich werde den nicht lesen, es wird einfach nicht passieren.

54books: Haben Ihre eigenen Bücher einen Freifahrtschein für Ihre Bibliothek oder haben die ein eigenes Regal?

Harald Martenstein: Die haben im Keller ihren Platz. Ich habe von meinen eigenen Büchern auch mehrere Exemplare, weil man mal eins verschenkt oder auf der Lesung ist eines kaputt gegangen.

54books: Schwedenkrimi oder Tolstoi – was liest Harald Martenstein im Urlaub?

Harald Martenstein: Ich war gerade im Urlaub. Was habe ich denn da gelesen? – Eva Menasse, Quasikristalle. Von Stephen King habe ich, ich habe seit Jahren keinen Stephen King mehr gelesen, diesen Rummelplatz Thriller [Joyland] gelesen, eines seiner schwächeren Bücher. Was war denn da noch? Das fällt mir noch ein!

54books: „Der Titel ist die halbe Miete“ – wie überschreibe ich mein Interview mit Harald Martenstein?

Harald Martenstein: In Überschriften mische ich mich nicht ein, mache ich bei der ZEIT auch nicht.

54books: Ich danke Ihnen ganz herzlich, es hat mir große Freude gemacht!

Harald Martenstein: Sehr gerne!

Während ich meine Bücher zum Signieren zücke, fliegt über uns eine Möwe und scheißt mir auf den Arm.

Harald Martenstein: [lacht] Ein krönender Abschluss – Interview mit Vogelscheiße.

Wir plaudern über die Güte von Rezensionen bei Amazon, Literaturblogs im Allgemeinen und 54books im Besonderen, da fällt Herr Martenstein noch ein, dass er im Urlaub den neuen Kehlmann “F” gelesen hat, aber nicht besonders fand, empfiehlt mir im Gehen noch “Nur eine Ohrfeige” von Christos Tsiolkas und macht sich auf den Weg zur Lesung.

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