Kategorie: Gespräche

„Identitti“ – Ein Gespräch mit Mithu M. Sanyal

Geführt von Sibylle Luithlen

 

Mithu M.Sanyal ist bisher als Autorin von Sachbüchern* und als öffentliche Stimme im Diskus um race und Feminismus in Erscheinung getreten. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. Mithu und ich kennen uns schon länger. Einige Jahre lang haben wir zusammen im Kölner Literaturatelier Texte besprochen. Anlässlich ihres Romans „Identitti“ habe ich mit Mithu ein Gespräch über race und sex, Schreiben, soziale Netzwerke und den Raum von Frauen innerhalb und außerhalb von Romanen geführt, pandemiebedingt per Zoom. „Identitti“ erscheint am 15.2.21 bei Hanser. Weiterlesen

Hauptperson Havanna – Ein Interview mit dem Übersetzer Hans-Joachim Hartstein

Seit gut 40 Jahren überträgt Hans-Joachim Hartstein Literatur aus dem Spanischen und Französischen ins Deutsche. Er hat u. a. Werke von Georges Simenon, Léo Malet, Luis Goytisolo, Juan Madrid, Marina Mayoral, Leonardo Padura und Ernesto Che Guevara ins Deutsche übertragen – ein Gespräch über die Arbeit als Übersetzer, Entdecker neuer Autorinnen und Autoren und warum er das Feld inzwischen lieber jüngeren Kolleginnen und Kollegen überlässt.

Das Gespräch führte Viktor Funk

Herr Hartstein, in der deutschen Auslandsberichterstattung kommt Spanien nicht zu kurz und es gibt auch ein Interesse an Lateinamerika. Ist es dann leichter für Autorinnen und Autoren aus diesen Ländern, in den deutschen Buchmarkt vorzudringen?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, das war mal ganz kurzfristig so, als García Márquez 1982 den Nobelpreis bekam, da war Interesse für Südamerika geweckt. Aber grundsätzlich ist es schwierig für spanischsprachige und lateinamerikanische Autorinnen und Autoren. Vor allem, sie neu einzuführen, ist schwierig. Es gibt einige Namen, die allgemein bekannt sind, ansonsten wird alles vom angloamerikanischen Buchmarkt erschlagen.

Sie haben unter anderem alle Bücher vom kubanischen Autoren Leonardo Padura übersetzt, ohne eine Reise nach Kuba wäre ich selbst nie auf ihn gestoßen, wie war das bei Ihnen?

Hans-Joachim Hartstein: Als Übersetzer frage ich auf Reisen manchmal Bekannte oder Freunde, was sich für Europa oder den deutschsprachigen Raum eignen könnte. So wurde ich auch auf Padura aufmerksam gemacht, las den ersten Krimi aus seinem Havanna-Quartett. Der hat mir so gut gefallen, dass ich versucht habe, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Das war Ende der 90er Jahre, 1996/97 hat das angefangen. 1994 war ich das erste Mal auf Kuba.

Die 90er Jahren waren sehr dramatisch für das Land, eine brutale Wirtschaftskrise, die sozialistischen Handelspartner verschwanden, das Land setzte auf Tourismus, litt aber dennoch sehr. Was hat Sie nach Kuba gelockt?

Hans-Joachim Hartstein: Ich wollte da schon sehr lange hin, in den 1970er und 80er Jahren war es sehr schwierig, aber als der Tourismus in den 90ern anfing, wollte ich hin. Wir hatten ein Hotel in einer Kleinstadt gewählt und bekamen schnell Kontakt zur Bevölkerung.

Was natürlich nur geht, weil Sie Spanisch perfekt sprechen. Seit wann übersetzen Sie spanischsprachige Literatur?    

Hans-Joachim Hartstein: Aus dem Spanischen übersetze ich seit Ende der 80er Jahre, ich habe aber um 1980 als Französisch-Übersetzer angefangen. Dann habe ich meine jetzige Frau 1987 in Spanien kennengelernt, und die Arbeit verlagerte sich nach und nach auf Spanien, Mittel- und Südamerika.

Dann schauen wir das konkret am Beispiel von Padura an. Sie sind auf ihn gestoßen und was passierte dann?

Hans-Joachim Hartstein: Normalerweise fragen Verlage an, ob man eine Übersetzung übernehmen will. Einem Verlag etwas selbst vorzuschlagen, ist im Moment fast unmöglich. Das war früher anders. In den 80ern, bis Mitte der 90er Jahre ist mir das schon öfters gelungen. Padura war dann später eine Ausnahme. Da war es tatsächlich so, dass ich Kontakt zu ihm aufgenommen habe, wir haben uns auf einer Buchmesse in Havanna getroffen, 1998 oder 1999 war das. Er erzählte mir, dass er Schwierigkeiten hat, Kontakte nach Europa zu finden, obwohl er in Spanien bei Tusquets Editores in Barcelona schon veröffentlicht wurde. Ich habe zugesagt, mal nachzufragen bei Verlagen, mit denen ich zusammenarbeite. Aber das ist ein unüblicher Weg, die Verlage haben ihre eigenen Scouts, und die Verlage haben miteinander Abmachungen. Und wenn ich zum Beispiel in Spanien ein Buch entdecke, sind die Rechte daran garantiert schon vergeben. Bei Padura half da ein Zufall, weil der damalige Cheflektor des Unionsverlags Thomas Wörtche in Zürich sich auch für Padura interessierte. Ich würde ihn als Alleskenner für Kriminalromane bezeichnen, deswegen hatte er Padura auch schon bemerkt. Dann kamen wir zusammen, und der Unionsverlag erwarb die Rechte für alle vier Havanna-Krimis. Ich bekam dann vom Unionsverlag den Zuschlag für die Übersetzung, darum ging es mir ja auch. Ein Literaturvermittler bin ich ja nicht.

War das der einzige kubanische Autor?

Hans-Joachim Hartstein: Ich hatte noch einen, Abel Prieto [1], er hat ein tolles Buch geschrieben. Die Verlage, die ich angesprochen habe, waren begeistert, ich habe ein paar Kapitel vorübersetzt und ihnen gezeigt. Nur hatte Prieto den großen Fehler, wenn man so sagen will, für den deutschen Markt, dass er damals schon Kultusminister war und damit Mitglied der kubanischen Regierung und der Parteispitze und war dann für die Verlage plötzlich nicht mehr interessant.

War das ein politisches Buch?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, es handelte von einer Gruppe Jugendlicher, die in den 70er und 80er Jahren erwachsen werden, mit all den Problemen. Es war auch andeutungsweise kritisch, es hat nicht die stramme Parteilinie verfolgt, trotzdem wurde das nicht veröffentlicht.

Padura würde ich einerseits nicht als politischen Schriftsteller bezeichnen, aber seine Alltagsdarstellung ist im Zweifel eher kritisch. Wie wird er hier in Deutschland angenommen?

Hans-Joachim Hartstein: Das Echo, das ich kenne, ist durchweg positiv und interessiert. Man erfährt durch ihn sehr viel über den Alltag, hauptsächlich in Havanna. Das ist ja quasi die Hauptperson jedes seiner Romane, Kubas Hauptstadt Havanna.

Welche andere Autorinnen oder Autoren aus Lateinamerika haben Sie übersetzt?

Hans-Joachim Hartstein: Zum Beispiel zwei Bücher von Óscar Martínez, eins hat er allein geschrieben und eins mit seinem Bruder Juan José Martínez.[2]  Die Bücher handeln von der Situation in El Salvador, von den Bandenkriegen, der Kriminalität, der Situation in den Gefängnissen und wie das überhaupt entstanden ist, dieses Bandenwesen in El Salvador und überhaupt in Mittelamerika. Und wie so oft ist der Ursprung in den USA zu suchen, aber das führt hier zu weit. Es ist einerseits ein Sachbuch, andererseits wird am Beispiel einer Person gezeigt, wie so etwas möglich ist. Besonders im zweiten Buch wird beschrieben, wie dieser junge Mann, der mit 32 ermordet wird, selbst zu einem Mörder geworden war, schon als Kind. Es ist sehr berührend geschrieben, obwohl es ein Sachbuch ist.

Wie erfolgreich sind solche Bücher aus einem Land, das wenig beachtet wird in Deutschland?

Hans-Joachim Hartstein: Solche Bücher zu machen, das ist schon selbstloses Handeln. Solche Bücher muss der Verlag dann durch andere Bücher finanzieren.

Auf 54books erschien einmal ein Gespräch mit dem Persisch-Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad. Er erzählte davon, dass im Iran deutsche Literatur, Klassiker und auch neuere, beachtet werden, dass in Deutschland Literatur aus dem Iran aber kaum zu finden ist. Wie ist es mit Kuba?

Hans-Joachim Hartstein: Nach meiner Erfahrung eher umgekehrt. Deutsche Literatur ist dort lediglich bei Studenten, Professoren oder Leuten bekannten, die sich beruflich damit beschäftigen. Aber sonst nicht. Es liegt auch daran, dass es dort an allem fehlt, an Papier, an Geld, an allem. Deswegen wird wenig veröffentlicht. Und hier sind neben Padura auch noch einige kubanische Klassiker bekannt wie Alejo Carpentier oder Gabrera Infante. Zugleich ist es aber so, dass wir die aktuelle Szene aus Kuba auch kaum kennen.

Bei Padura ist neben der Stadt Havanna die zweite Hauptperson seiner Romane Mario Conde. Er war lange Polizist, dann wurde er zu einer Art Privatermittler. Ich habe mich manchmal gefragt, ob er überzeichnet ist. Er ist ein Macho, hat ein kompliziertes Leben, philosophiert viel und ist zugleich herzensgut. Wie realistisch sind die Alltagsdarstellungen und die Beschreibungen der Menschen in Paduras Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Sehr repräsentativ. Das sind so auch Charaktere, die ich dort kennengelernt habe. Wenn ich die Bücher lese, meine ich, die Menschen zu kennen, angefangen bei Mario Conde. Sein Freundeskreis, der da beschrieben wird, der ist mir sehr gegenwärtig, auch alle Ausdrucksweisen kenne ich.

Diese Macho-Kultur in den Büchern, die sieht man auch im Land.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das hat auch der Sozialismus nicht geschafft einzuschränken, ein wenig vielleicht. Die Situation ist ja folgendermaßen: Die Frauen sind sehr, sehr selbstbewusst, weil eben auch berufstätig selbstverständlich. Sie sind unabhängiger. Trotzdem ist die Macho-Kultur sehr spürbar. Ich will’s mal so sagen: Es ist sehr einfach dort nicht als Macho zu gelten. Man fällt dann eher positiv auf.

Die Frauen in Paduras Büchern sind eher so Nebenfiguren, oft im sexualisierten Kontext.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das schon. Aber sie wissen auch, was sie wollen, lassen häufig Conde abblitzen, er sieht nicht immer gut aus. Es steht dann oft als der Dumme da und trinkt dann wieder mit seinen Freunden.

Sind die spanischsprachigen Buchmärkte auch von Männern dominiert wie in Europa?

Hans-Joachim Hartstein: Auf jeden Fall.

In Deutschland gab es in den vergangenen zwei, drei Jahren Diskussionen darüber, wie viele Männer die Verlage erscheinen lassen und wie viele Frauen. Gibt es solche Diskussionen in der spanischsprachigen Buchwelt?

Hans-Joachim Hartstein: Insgesamt dominieren Männer da den Markt, mehr noch als hier. Natürlich gibt es auch Schriftstellerinnen, aber ich finde die nicht. Ich habe zum Beispiel die Spanierinnen Carmen Laforet übersetzt oder Marina Mayoral. Und in Lateinamerika, auf Kuba, kenne ich persönlich keine Schriftstellerin. Obwohl ich da immer drauf dränge und danach frage und auch deutsche Verlage da Interesse haben. Idealtypisch dann eine Schriftstellerin 35 bis 40 Jahre mit zwei bis drei veröffentlichten Romanen.

Wenn in Kuba das Geld und das Papier fürs Herausgeben der Bücher fehlen, wie ist es mit dem Lesen, wird viel gelesen, gehören Bücher da zum Alltag?

Hans-Joachim Hartstein: Oh ja, aber anders. Hier liest man ein Buch, findet es gut und sagt: Kauf es dir auch mal. Dort gibt es private Wartelisten. Wenn jemand ein Buch ergattert hat, dann wird es weitergereicht. Es ist völlig üblich, dass zehn, fünfzehn, zwanzig Menschen dasselbe Buchexemplar lesen. Wenn ich zum Beispiel spanischsprachige Bücher mitbringe nach Kuba, entsteht sofort eine Warteliste unter den Bekannten.

Weil die Bücher teuer sind?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, weil sie nicht vorhanden sind. Es gibt zu wenig. Wenn man eins ergattert, dann ist es billig. Vor allem sind die Bücher nicht in den Buchläden zu finden, da sieht es wirklich mau aus. Der große Hype sind die Buchmessen, die von einer Provinz in die nächste ziehen. Die Saison beginnt in Havanna Ende Februar, dann zieht die Messe weiter. Das sind reine Verkaufsmessen für die Leserinnen und Leser. Da muss man dann ganz schnell sein und Bücher kaufen, denn es gibt einfach zu wenige, es werden zu wenige gedruckt, das ist eine finanzielle Frage. Vor allem vor den Ständen mit Kinderbüchern stehen viele Kinder und Jugendliche an, um ein Buch zu bekommen, das ist wirklich atemberaubend, das zu sehen.

Zum deutschen Buchmarkt: Haben Sie den Eindruck, dass das deutsche Publikum offen wäre für mehr Literatur aus Lateinamerika? Trauen sich die Verlage nicht, hier mutiger zu sein und hier noch unbekannte Autorinnen und Autoren zu verlegen?

Hans-Joachim Hartstein: Ich bin mir sicher, dass das Interesse beim Publikum da wäre. Aber es ist natürlich auch immer die Frage des finanziellen Einsatzes. Nehmen wir zum Beispiel Paduras Der Mann, der Hunde liebte, das ist ein Buch von mehr als 700 Seiten. Da müssen die Rechte bezahlt werden, dann die Übersetzung und dann die Erstellung, Marketing … da kommt viel zusammen. Und da trauen sich viele Verlage nicht. Ich habe zum Beispiel ein höchst interessantes Buch aus Uruguay, das ähnlich wie Padura auf Fakten basierend eine Geschichte über die Diktaturen in Uruguay, Argentinien und so weiter, die sich gegenseitig die Widerstandskämpfer ausgeliefert haben. Das Buch hat den Nachteil, dass es rund 1000 Seiten hat, das ist für die Verlage in der Investition ganz einfach zu teuer. Das ist mit us-amerikanischen Schriftstellern leichter, da kann man schon 1000 Seiten produzieren, die verkaufen sich dann auch millionenfach. Bei Büchern aus Lateinamerika ist der Einsatz zu hoch und es ist fast sicher, dass es sich nicht so gut verkauft. Und einen langen Atmen mit einer Autorin oder einem Autor zu haben, das trauen sich höchstens die unabhängigen Verlage, aber die haben oft kein Geld.

Der Soziologe Norbert Elias, der in den Niederlanden lebte, sagte, dass vor allem kleine Länder große Probleme haben, die Literatur aus ihrer Sprache, bekannter zu machen …

Hans-Joachim Hartstein: Manchmal gibt es einen Hype um jemanden, dann bekommt man einen kleinen Einblick, wie damals, nach der Verleihung des Nobelpreises an den Kolumbianer García Márquez, in die lateinamerikanische Literatur. Und einen Niederlanden-Hype gab es auch mal, denken wir nur an Leon de Winter, Cees Nottenboom, Margriet de Moor. Auch über die Rolle des Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse bekommt ein Land mal kurz Aufmerksamkeit, aber lange hält sich das alles nicht. Für kleine Verlage, die vielleicht mutiger sind, gibt es außerdem kaum die Möglichkeit, ihre Bücher auf den Tischen am Eingang der Buchläden zu platzieren. Die Platzierungen der Bücher in den Läden werden ja bezahlt. Um eine neue Autorin einzuführen muss man sehr gut vernetzt sein, das ist für die Vielfalt natürlich nicht förderlich. Das ist schon für deutsche Autoren schwer, für jemanden aus anderen oder gar kleinen Ländern ist es doppelt und dreifach schwer.

Was entgeht uns denn?

Hans-Joachim Hartstein: Uns entgeht die Möglichkeit, die Kulturen kennenzulernen. Wir haben jetzt noch gar nicht von asiatischen Ländern gesprochen oder afrikanischen, das ist ja in unserer Wahrnehmung noch weiter weg.

Soweit müssen wir gar nicht gehen, mein Eindruck ist, dass osteuropäische Literatur auch kaum wahrgenommen wird in Deutschland, nur, wenn wichtige Preise vergeben werden wie für die Polin Olga Tokarczuk oder Zsuzsa Bánk, die ungarische Wurzeln hat. Dann erhöht sich die Wahrnehmung …

Hans-Joachim Hartstein: … aber auch nur für diese Autorinnen, sonst nichts.

Dabei beschäftigen wir uns politisch geradezu obsessiv mit dem Osten.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, so geht es mir tatsächlich auch. Ich interessiere mich nun wirklich für die Literatur, aber ich weiß auf Anhieb nicht, ob ich denn jemals einen ukrainischen Schriftsteller gelesen hätte. Das gleiche gilt für den Balkan.

Sie sind ja seit Jahrzehnten im Geschäft, wie hat sich eigentlich die Arbeit eines Übersetzers in dieser Zeit verändert?

Hans-Joachim Hartstein: Verändert hat sie sich auf jeden Fall, ob etwas besser oder schlechter ist – mit solchen Bewertungen bin ich vorsichtig. Anders betrachtet: Wer heute neu als Übersetzer oder Übersetzerin anfangen will, hat es schwerer, Aufträge von Verlagen zu bekommen. Es sind sehr viele, es war früher nicht so überfüllt, sagen wir’s mal so.

Es gibt heute mehr Konkurrenz?

Hans-Joachim Hartstein: Das zum einen, aber die Verlage machen teilweise auch Angebote, die eigentlich nicht in Frage kommen. Die gehen sehr weit runter mit dem Preis, jüngst habe ich sogar gehört, dass erstmal eine Gratisübersetzung verlangt wurde, quasi ein Buch als Praktikum, eine Art Bewährung. In diesem Punkt ist die Situation offensichtlich schwieriger geworden. Wenn ich mir überlege, wie ich angefangen habe …

Wie war das?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe damals beim Diogenes Verlag schlichtweg angerufen und wurde mit dem damaligen Cheflektor Gerd Haffmanns (später Gründer des gleichnamigen Verlags) verbunden. Und der hat mich dann an die Lektorin Irene Riesen verwiesen, sie suchte gerade Übersetzer für die zahlreichen Maigret-Romane des Belgiers Georges Simenon. So bin ich dann reingekommen. Heute ist es viel schwieriger, sich mit den Verlagen in Kontakt zu setzen. Der persönliche Kontakt ist aber wichtig, wenn man sich kennenlernte, bekam man dann neue Aufträge, nur so ging das.

Wie viel übersetzen Sie heutzutage noch?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe ja schon das gesetzliche Rentenalter erreicht, bin 1949 geboren. Die Rente ist aber so bescheiden, dass ich gerne noch übersetze und das auch brauche. Aber ich gebe keine Seminare mehr an der Uni Düsseldorf, da war ich früher aktiv im Studiengang Berufsübersetzerinnen und -übersetzer. Irgendwann muss man das einfach Jüngeren übergeben.

Das können manche nicht, klammern sich dann an so etwas fest.

Hans-Joachim Hartstein: Ich kann das ganz gut, weil ich merke, dass sich vieles geändert hat.

Die Sprache, oder was meinen Sie?

Hans-Joachim Hartstein: Die Sprache sowieso, das war aber früher nicht anders. Man muss unterscheiden, ob es sich um eine der permanent stattfindenden Veränderungen der Sprache oder um eine Verschluderung oder Verflachung der Sprache handelt. Ich meine aber auch die Art und Weise wie mit digitalen Medien umgegangen wird, zum Beispiel Wörterbücher. Einsprachige, zweisprachige, Synonymwörterbücher – das geht jetzt alles mit einem Klick. Das hat aber den Nachteil, dass dann nicht mehr so viel nachgedacht wird. Es wird angeklickt und was da steht, wird genommen. Doch dann beginnt die eigentliche Arbeit: Passt der gefundene Ausdruck zum Kontext? Oder muss ich „in der Nähe“ suchen, um gegeben falls etwas Passenderes zu finden. Ich habe dann vor einigen Jahren gemerkt, jetzt muss ich loslassen können, obwohl ich wirklich gerne gelehrt habe.

Wenn Sie jetzt nicht mehr so viel übersetzen müssen, wählen Sie jetzt gezielter aus, was Sie machen?

Hans-Joachim Hartstein: So häufig kommen die Anfragen für spanischsprachige Bücher nicht bei, das ist nicht so üppig. Aber was ich an Anfragen bekomme, das interessiert mich auch immer, wie der Óscar Martínez über El Salvador. Das ist wahnsinnig interessant, weil wir da nicht so viel drüber wissen. Nur, dass es da sehr kriminell ist, aber warum, weshalb, wie kam es dazu, das wissen wir nicht. Und ich lerne beim Übersetzen ja enorm viel.

Wie klären Sie etwas, wenn Sie unbekannte Themen übersetzen.

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe schon zum Beispiel das eine oder andere Mal mit der Polizei gesprochen, wenn ich Krimis übersetzt habe, um zu erfahren, wie was genau abläuft. Ich habe einfach angerufen, die staunen zuerst, aber die wehren nichts ab und erklären gerne, die freuen sich auch. Einmal war ich auch im Generalvikariat hier in Münster, weil ich einmal eine Geschichte übersetzt habe über einen Bischof, der ein kleines Mädchen  als Patenkind aufgezogen hat, ihr eine Schulbildung und so weiter ermöglicht hat. Da gab es sehr viele kirchliche Ausdrücke. Ich war zwar mal Messdiener, aber vieles wusste ich doch nicht. Es waren viele Dinge, wie zum Beispiel die Anreden, wie redet man richtig einen Bischof an und wie redete man ihn vor 50 Jahren an, da gibt es auch einen Unterschied. Und da bin ich dann dahin marschiert und der damalige Bischof Lehmann hat mir das alles erzählt, es war ein sehr angenehmes Gespräch.

Sie recherchieren also auch selbst.

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Da hilft das Internet natürlich sehr, aber auch nicht immer. Früher war man aber viel stärker darauf angewiesen, dass es jemand einem erklärt. Man musste irgendwo anrufen. Es ist schon interessant, dass das jetzt ein bisschen verloren geht durch das Internet. Früher hat man die unmöglichsten Dinge unternommen, um an Informationen zu kommen. Telefon natürlich, Briefe, Kontakte, Kollegen, die jemanden kennen, der weiterhelfen kann; oder Ansprechen von Personen, die sich auskennen müssen, z.B. bei kriminaltechnischen Fragen hilft gerne die Polizei, bei Fragen zur Kirche eben kirchliche Stellen (Beispiel: Wie wurde in den Zwanzigerjahren ein Bischof angesprochen? Wie werden die verschiedenen Kopfbedeckungen eines Würdenträgers bezeichnet? Dafür war ich im Generalvikariat Münster.) Bei Padura gibt es zum Beispiel viele Baseball-Ausdrücke, die musste ich erst verstehen. Ich habe ihn gebeten, mal über Fußball zu schreiben, aber für ihn zählt nun mal Baseball. Es war auch ein befriedigendes Gefühl, wenn man etwas rausgekriegt hat.

Ist das Übersetzen eigentlich eine genauso einsame Tätigkeit wie das Schreiben von Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Und ich liebe es. Das muss man wirklich vorher wissen. Und wenn man das nicht mag, sollte man das lieber nicht tun. Das ist eine einsame Geschichte.

 

[1] Abel Prieto, Jahrgang 1950, war 1997 bis 2012 und Juli 2016 bis Juli 2018 Kulturminister in Kuba. Er ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.

[2] Bücher von Óscar Martínez  und Juan José Martínez: „Eine Geschichte der Gewalt“ 2016 und „Man nannte ihn El Niño de Hollywood“ 2019, beide Bücher: Verlag Antje Kunstmann

Empfehlungen von Hans-Joachim Hartstein:

  • Juan Marsé: Die obskure Liebe der Montserrat Claramunt. Moos, 1991.
  • Marina Myoral: Helena. Marion von Schröder Verlag, 1997.
  • Carmen Laforet: Nada. Claassen, 2005.
  • Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Antje Kunstmann Verlag, 2017.

 

Titelbild von Viktor Funk

„Welten aktiv gestalten und verändern“ – Ein Interview mit Muna AnNisa Aikins

Muna AnNisa Aikins ist Sozialwissenschaftlerin, Trainerin für Empowerment und Antidiskriminierung und leitet als Mitglied von Each One Teach One (EOTO) e.V. den Afrozensus. In ihrem literarischen Debüt „Die Haut meiner Seele“ erzählt sie in Gedichten und Erzählungen von den Etappen ihres Lebens: von der Flucht aus einem Krieg, dem Leben in Deutschland, den Narben ihres Aufwachsens in Strukturen, die sie marginalisieren, und von ihrem Weg, diese Wunden zu heilen. Mit Charlotte Milsch spricht sie über literarisches Schaffen, Befreiungsmomente und Verantwortung.

„Die Haut meiner Seele“ ist eine Komposition aus Gedichten und Erzählungen. Und du hast darin einen ganz eigenen Ton gefunden, um dich auszudrücken. Wie kam es zu dieser Sprache?

Muna AnNisa Aikins: Sprachen, die mich geprägt haben, empfinde ich als Möglichkeiten, als Reichtum, was sie ja in unserer Gesellschaft oft nicht sind, zumindest manche Sprachen. Ich kann Realität in verschiedenen Formen ausdrücken, was mir hilft, ein Puzzlestück zu sehen, das ich vorher nicht gesehen habe. Und das war auch der künstlerische Teil, der mir am meisten Spaß gemacht hat: Worte finden als kreativer Prozess. Es hat etwas Symbolisches: Ich drücke etwas mit einem Wort aus und drücke so auch mich selbst aus. Und fühle mich dadurch. Deswegen ist Schreiben für mich ein Heilungsprozess. Sprache als Heimat sozusagen. Sprache ist auf der einen Seite ein Instrument, um mich zu befreien, aber es ist auch ein Instrument, in dem ganz viel Gewalt steckt. Sprache ist kein neutrales Werkzeug.

„Die Haut meiner Seele“ ist autobiografisch, du schreibst darin u.a. von der Gewalt, die du erlebt hast, von Flucht, vom Zurechtfinden in Deutschland, von Erlebnissen in der Familie. Hat es Überwindung gekostet, das zu veröffentlichen?

Muna AnNisa Aikins: Ich habe das Gefühl es ist wichtig, notwendig, dass diese Geschichten erzählt werden, gerade für die Menschen, mit denen ich durch die geografische Herkunftsverbindung verbunden bin, und für deren Herausforderungen innerhalb dieser Gesellschaft und deren Kämpfe. Ich musste für mich eine Ebene finden, wo ich hin konnte mit meinem persönlichen Schmerz und meiner Zerrissenheit. Ich glaube, wir haben eine gemeinsame Verantwortung und deswegen stelle ich es einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung.

Ich hab auch zwischendurch einige Gewalterfahrungen weggelassen, weil ich dachte, das sei zu viel. Ich will niemanden desillusionieren. Aber diese Geschichten sind entscheidend, um das Bild komplett zu machen, um die gesellschaftlichen Gewaltmechanismen wie Patriarchat oder Sexismus zu verstehen. Ich habe mich aber auch gefragt: Wie viel kann ich anderen zumuten? Auf der anderen Seite, ist es ja so, dass bestimmte Gewalterfahrungen in marginalisierten Positionen härter zusammenkommen.

In deinem Buch heißt es: „Ich habe lange versucht, die Seiten in diesem Buch zu reparieren“. Wie sahen diese Versuche aus und was hat sich dann verändert?

Muna AnNisa Aikins: Vieles von dieser Gewalt bestimmt mich ja so, dass ich damit trotzdem werde. Ich finde einen Weg damit zu sein. Irgendwie hat das, was ich an Gepäck mit Mitte 20 hatte, keine Zukunftsvision mehr für mein Werden ergeben. Mein Sein war so schwer und zerrissen, dass ich mich gefragt habe: Wie kann ich mit all dem sein? Die Konsequenz war, dass manches davon aufhören musste, weil ich es nicht mehr mittragen konnte, auch innerhalb meiner Familie.

Und leider müssen Menschen, die in diesen Gewaltmechanismen feststecken, und so erschöpft davon sind, sich diese Befreiungsmomente selbst schaffen. Die werden nicht angeboten oder ermöglicht. Da sieht sich niemand in der Verantwortung. Und wenn, dann im Kampf gegen eine andere Seite. Verantwortung wird oft reduziert auf Schuld und schlechtes Gewissen, aber ich habe gelernt, dass sie einen im Status Quo halten: Du fühlst dich schlecht, weil die Umstände schlecht sind, und das macht dich unfähig zu reagieren.

Geht es dabei auch um generationenübergreifende Traumata? Und was ist deiner Meinung nach besonders wichtig, wenn es darum geht, sie zu durchbrechen?

Muna AnNisa Aikins: Verlust von Heimat bedeutet, dass die folgenden Generationen etwas mitverloren haben, wovon sie gar nicht wissen, was es ist. Es prägt ihr Sein. Es ging mir aber auch um Gewaltmomente, die zwar weit zurückliegen, wie die FGM-Geschichte (FGM = Female Genital Mutilation). Denn sie bestimmten mein ganzes Leben. Es ist wichtig, dass ich nicht nur eine Co-Existenz damit finde, sondern eine eigene Existenz, die davon gesunden kann. Ich hab sehr lange mit mir gekämpft, mich dafür zu entscheiden, eine Rekonstruktions-OP zu machen, weil ich das Gefühl hatte, ich verrate den Struggle, den die Frauen vor mir hatten. Aber wenn ich mich dagegen entscheide, würde ich mir Situationen zumuten, die noch mehr Schmerz und Gewalt bedeuten, z.B. wenn ich Kinder kriegen möchte. Ich wollte, dass andere Frauen wissen, dass es diese Option gibt, denn ich wusste es lange Zeit nicht.

Wir haben uns über Instagram kennengelernt und dort erlebe ich, dass du viel zum Thema Heilen teilst. Du beschreibst den Weg der Heilung in „Die Haut meiner Seele“ auch als Kampf um einen Platz in dieser Welt. Wie sah dieser Kampf für dich aus?

Muna AnNisa Aikins: Das ist eng verwoben mit dem Veröffentlichen. Das, was ich bin, hat seinen Platz. Mein Buch ist wie ein gesamtgesellschaftlicher Hinweis, sich mit dieser Gewaltsituation auseinanderzusetzen. Für mich bedeutet es ja, ein Stück Sicherheit aufzugeben. Es macht mich angreifbar, verwundbar. Trotzdem habe ich eine Stabilität und Balance, von der ich denke, dass es auch den Ursprung jedes Wesens ausmacht, die ich mir wieder dadurch zurück erkämpft habe: Mich dafür nicht zu schämen, den Schmerz nicht zu relativieren. Das begleitet mich wie eine Melodie, auch im Kontext von Gerechtigkeits- und Menschenrechtskämpfen in meiner Arbeit. Ich glaube wir haben alle eine Form des Schaffens in uns, die uns hilft zu heilen. Und das ist meine. Heilen ist ein ständiger Prozess.

Du hast über die Bedeutung deines Schreibens für dich gesprochen. Was ist mit den Leser*innen? Hast du einen Wunsch, was dein Schaffen bei Ihnen bewirken könnte?

Muna AnNisa Aikins: Ich wünsche mir mehr zwischenmenschliche Verbindungen und über diese Bindungen gemeinsame Verantwortungsübernahme, die aktiv wahrgenommen wird, in der wir unsere Welten aktiv gestalten, positiv beeinflussen und verändern. Das verlangt eben auch, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Sharon Dodua Otoo stellt in „Das unveröffentlichte Interview“ die Frage: Wie können Schwarze feministische Schriftsteller*innen schreiben und sich in den Strukturen bewegen, die sie marginalisieren und ausschließen? Hast du für dich Antworten auf diese Frage gefunden?

Muna AnNisa Aikins: Ich bin nicht wirtschaftlich vom literarischen Schreiben abhängig. Insofern habe ich viele andere Optionen, die diesen gesellschaftlichen Druck in einem literarischen Kontext relativieren. Aber ich bin von meinen Lebensrealitäten her schon emotional und ganzheitlich darauf angewiesen, dass bestimmte Geschichten erzählt werden, dass es Repräsentation gibt. Und das war beim Schreiben für mich ein Orientierungspunkt: Dass ich möchte, dass bestimmte Geschichten, dass meine Stimme als Angebot platziert wird.

Ich wollte mein Buch aber auch nicht in einem großen Verlag unterbringen, in einer Konstellation, wo ich dem Machtgefälle nicht gewachsen bin. Mir war klar: Das muss in einem emotional für mich erträglichen Setting passieren. Agentinnen haben mir zurückgemeldet, sie wüssten nicht, wie das zu platzieren sei, es sei zu spezifisch. Und das war ein Argument, das mich wütend gemacht hat, wenn Menschen, die zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehören, sagen, das sei nicht relevant für die Allgemeinheit. Das hat mich bestärkt, mein Ding zu machen. Es war ein Findungsprozess, wo ich viel mit mir verhandelt habe: Was kann ich annehmen, hinnehmen? So kam ich zu Unrast, wo auch viele andere BIPoC und Feminist*innen veröffentlicht haben. Und dort wurde ich mit offenen Armen empfangen.

Es geht in dem Artikel von Sharon ja auch um Engagierte Literatur: Da werden oft die Inhalte thematisiert und gar nicht mehr das Schreiben als Kunst. Es geht gar nicht mehr darum, wie die Personen schreiben, sondern nur um die Themen. Das Schreiben an sich sollte auch thematisiert werden. Ich war beim Schreiben auch sehr vorsichtig. Ich muss meine Geschichten navigieren in den Verhältnissen: Wenn ich bestimmte Geschichten erzähle, kann ich dann instrumentalisiert werden für rassistische Gewalt oder Zuschreibungen? So etwas muss ich immer mitdenken.

Du hast von anderen BIPoC Autor*innen gesprochen. Gibt es denn für dich Schriftsteller*innen, die dieses Buch oder dein Schreiben begleitet haben?

Muna AnNisa Aikins: Beim Schreiben habe ich viel von Nayyirah Waheed gelesen. Ich finde es beeindruckend, wie kurz und prägnant sie Gefühle erklärt und auf den Punkt bringt. Das war ein Rettungsanker. Genauso Audre Lorde. Einer der Sätze von ihr, die mich sehr geprägt haben, war: „Your silence will not protect you“. Und „Mindplatter“ von Najwa Zebian hat mich begleitet. Bei ihr geht es auch um Heilen und Zurechtkommen in dieser Welt.

Du schreibst: „Ich bin nicht geboren, um fremd zu bleiben, sondern um zuhause zu sein.“ Hast du dieses Gefühl von zuhause, von Zugehörigkeit, mittlerweile gefunden?

Muna AnNisa Aikins: Ich sage vorsichtig: „Ja“. Das Zuhause bin ich selbst, in meinem ganzen Sein. Ich habe gelernt, dass ich schon alles dabei habe, was ich brauche, und was ich bin. Dass ich mir ein Zuhause in meinem Körper, in meinem Sein machen möchte. Ich möchte meine Erinnerungen und meinen Körper heilen. Auch nach der Geburt meiner Kinder bin ich körperlich noch mehr zu mir selber gerückt, noch mehr in mein Zuhause eingezogen. Es ist das Gefühl von im Hier und Jetzt sein, lebendig sein und fühlen.

Beitragsbild von Diego PH

Unter Vorbehalt – Ein Gespräch über Literaturveranstaltungen in der Corona-Krise

Emily Grunert, Ludwig Lohmann und Alexander Graeff organisieren Literaturveranstaltungen in verschiedenen Einrichtungen. Wie die meisten Veranstalter*innen in ganz Deutschland mussten auch sie Anfang März lange geplante Lesungen, Festivals und Gesprächsreihen absagen, verschieben oder ins Internet verlagern. Wie geht man mit dieser Situation um? Ist der virtuelle Raum für alles die Lösung und was heißt eigentlich “Literatur als soziale Praxis”? Darüber haben wir von 54books mit den drei gesprochen. Weiterlesen

Wie betrifft die aktuelle Situation Menschen im Kulturbetrieb?

Wir haben in der letzten Woche Stimmen von Menschen aus dem Kulturbetrieb, Dienstleister*innen und  anderen Arbeiter*innen der Kulturbranche darüber gesammelt, wie die Corona Krise sie betrifft.

John Cohen, Buchhändler
www.codobuch.de
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© Ulrike Schmitt | Cohen & Dobernigg

Die behördlich verordnete Schließung unseres Ladengeschäfts hat uns natürlich schwer getroffen. Sofort gingen alle Alarmglocken an und wir haben uns schnell koordiniert. Die größte Frage ist die der Liquidität. Unser Lager ist gerade proppenvoll, da die meisten Bücher der Frühjahrsproduktion der Verlage schon eingetroffen sind und diese auch bezahlt werden wollen. Gehälter, Miete etc. laufen auch weiter. Glücklicherweise hat unser Vermieter uns die Miete für zwei Monate gestundet, das hilft schon sehr. Für unsere Mitarbeiter werden wir Kurzarbeit beantragen und last but not least werden wir auch die Möglichkeit von Krediten nicht ausschließen.

Unser großes Glück ist jetzt, dass wir innerhalb von ein paar Stunden unseren kompletten Betrieb von hauptsächlich Ladengeschäft auf einen reinen Liefer-, Versand- und seit einigen Tagen auch wieder Abholservice umstellen konnten. Wir sind hierbei als Buchhandelsbranche sehr viel besser aufgestellt als andere Einzelhändler. Schon seit Firmengründung vor 18 Jahren besorgen wir Bücher (und mehr) über Nacht. Diese verschicken wir auch schon immer per Post und im Stadtviertel beliefern wir seit jeher per Bote. Was wir nicht wussten: Wie nehmen unsere Kunden die neue Situation an? Werden sie diese Kanäle nutzen? Schaffen wir es das alles schnell und effektiv zu kommunizieren?

Tatsächlich ist die Resonanz der Kunden ist im Moment phänomenal. Wenn weiterhin in dieser Größenordnung Bestellungen bei uns eingehen und unsere Lieferanten ihren Service aufrecht erhalten können, haben wir gute Chancen diese Krise glimpflich, aber nicht schadlos, zu überstehen. Wir vermissen natürlich unsere Kunden hier im Laden und freuen uns jetzt schon, wenn wir wieder ein normaler Buchladen sein können.

Wir fühlen sehr mit anderen Akteuren aus dem Kulturbereich, die es bisher viel schlimmer erwischt hat als uns. Es muss hier schnelle und unbürokratische staatliche Hilfsprogramme geben!

 

Leona Stahlmann, Autorin und Journalistin
Letzte Veröffentlichung: “Der Defekt”, Februar 2020 bei Kein & Aber
www.leonastahlmann.de
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© Simone Hawlisch

Hätte jeder von uns einen ihm zugeteilten Alltagsprotokollanten, einen minutiösen Beobachter mit Vierundzwanzigstundenschichten und spitzem Bleistift und kariertem Blockpapier und saurem Behördenkaffeeatmen – für meinen hätte sich an den Kulissen nicht viel geändert. Ich stehe jeden Morgen auf, später meist, als ich “sollte” (aber wenn sich eines ebenso beängstigend wie beglückend aufgelöst hat in diesen Tagen – kommt bei seinem Text hier irgendeiner ohne “in diesen Tagen” aus? – dann ist es der Zusammenhang zwischen Leistung und gesicherter Existenz),  davor war es genauso, und es wird danach so bleiben und bis zum Ende aller möglichen Krisen so geblieben sein. Ich stehe jedenfalls auf, jeden Tag, und tue, was Autorinnen so tun sollten, wenn sie trotz aller Widrigkeiten nicht nur Autorinnen sein, sondern auch bleiben wollen, länger womöglich, auch wenn es ein Wahnsinn ist, diese Idee; ich schreibe, Mails und Artikel und Skizzen und Anfänge oder Enden oder halbrohe Mittelstücke von irgendwas manchmal, und den Wahnwitz dieses Unterfangens macht mir spätestens meine Agentin schmerzhaft bewusst: Ich habe im Februar debütiert und Glück im Unglück gehabt, ich hatte eine ordentliche Premiere und viele Besprechungen und Interviews und gute Verkäufe im ersten Monat, ein kleiner Höhenflug nach anderthalb Jahren Schreibtischarbeit, dann kam Corona, und Flüge waren plötzlich gestrichen, auch der meines Buches. Gestrichen die Lesungen bis Herbst, die Dozententätigkeit an der Kunsthochschule bis Jahresende. Die Krise, sagt meine Agentin, wird uns Autor*innen zeitversetzt erreichen. Zuerst trifft sie Buchhandlungen und Verlage, aber deren Verluste sind auch unsere Verluste: weniger Buchverkäufe, in Zukunft noch kleinere Vorschüsse. Ich habe mich auf Preise beworben und für Aufenthaltsstipendien, weiß der Teufel, ob es sie dieses Jahr überhaupt geben wird, ob man die Gelder anderswo dringender braucht als für die Literaturschaffenden dieses Landes und ob man die Grenzen dieses Landes für Aufenthaltsstipendien überhaupt noch wird verlassen dürfen. Beide Fördermittel sind existenznotwendig für mich, könnten gedrosselte Buchverkäufe und ausfallende Lesungen und verschobene Dozentur abfedern. Die Ungewissheit habe ich mit meinem Beruf zusammen eingekauft, ich habe sie akzeptiert. In diesem Ausmaß, der über mich als herumkrauchelndes Individuum hinausgeht und penetrant gesamtgesellschaftlich wird, kann ich sie kaum schultern.  Was hilft? Sich nicht jeden Tag an der Pandemie abarbeiten. Schreiben, trotzdem und deswegen. Der Alltagsprotokollant nickt bekräftigend und reicht mir eine Tasse dünnen Tchibobohnenkaffee. Es ist tröstlich, dass er noch da ist und notiert. Und darum werde ich das auch weiter tun: Notieren.

 

Kai Schumacher, Pianist
Letzte Veröffentlichung: „Rausch“ wurde im Oktober 2019 bei Neue Meister/Edel veröffentlicht
www.kaischumacher.com
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© Marvin Böhm

Als das Corona-Chaos vor knapp drei Wochen begann, den Kulturbetrieb nach und nach lahm zu legen, steckte ich gerade mitten in den Proben für ein wunderbares Schubert-Projekt, einer Herzensangelegenheit, die nach über einem Jahr Vorbereitung kurz vor der Premiere stand. „Habe ja doch nichts begangen, dass ich Menschen sollte scheu´n“ – die Zeile aus Schuberts „Wegweiser“ bekam dank Covid-19 auf einmal eine völlig neue Bedeutung für mich. Eine Absage jagte die nächste, nach wenigen Tagen waren sämtliche Konzerte bis weit in den Mai gecancelt, der Blick in den leeren Terminkalender nahm den Blick auf das Bankkonto voraus. Für viele Kolleg*innen, mich inbegriffen, die von Konzert zu Konzert, von Tour zu Tour planen, und für die die Bildung von größeren finanziellen Rücklagen kaum möglich ist, wurden die traditionell umsatzstarken Monate von März bis Mai auf einmal zur existentiellen Bedrohung. Wer von solch profanen Sorgen verschont bleibt und in Zeiten von sozialer Distanzierung eine entsprechende Social-Media Reichweite besitzt, macht aus der Not eine medienwirksame Tugend und setzt dem Virus vom heimischen Wohnzimmer aus beispielsweise den Geist Beethovens als kulturellen Antikörper entgegen. Da dieser allerdings vermutlich nicht in der Lage sein wird, zehntausenden von freischaffenden Künstler*innen die Miete und notwendigen alltäglichen Ausgaben zu begleichen, werden Live-Streams für diejenigen Musiker, die unter dem Feuilleton-Radar fliegen, in den nächsten Wochen (und Monaten?) wahrscheinlich leider nicht mehr als eine willkommene Abwechslung vom Isolations-Trott sowie ein paar Instagram-Herzchen bringen.

 

Nefeli Kavouras, mairisch Verlag, Veranstalterin in Hamburg, Autorin
Letzte Veröffentlichung: Beitrag in “Briefe an die Täter – Akzente”, erschienen bei Hanser
www.mairisch.de | www.hafenlesung.com

© Avi Bolotinsky

In erster Linie kann man sagen: Es fühlt sich gerade ein wenig an wie die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester und ich komme mir unnütz vor. Auf 2020 hatte ich mich sehr gefreut. Es wären etliche Veranstaltungen angestanden, ein Magazin-Release, die Hafenlesung, die ich in Hamburg organisiere, die Messe in Leipzig, die Messe in Thessaloniki, coole Dinge durch mairisch und stattdessen sitze ich am Küchentisch und entferne einen Termin nach dem anderen aus meinem Google-Kalender. Das fühlt sich nicht gut an. Ich frage mich als Veranstalterin: Welche Verantwortung habe ich gegenüber den Autor:innen? Und als Verlagsmitarbeiterin: Wie können wir den Büchern, die gerade frisch erschienen sind, in diesen Zeiten gerecht werden, so ohne Release, ohne Buchhandlungstische? Und ganz privat: Wie kann ich gerade das Richtige tun? Ich bestelle Kinogutscheine, Bücher über Buchhandlungen, Schallplatten über den Schallplattenladen des Vertrauens und hoffe, dass es viele genauso tun. Dieses Jahr fühlte sich auch der Indiebookday komisch an, da man nicht einfach in die Buchhandlung gehen konnte. Gleichzeitig verblüfft es mich, wie viel Kreativität gerade aus der Nasen vieler gezogen wird, wie wir alle versuchen digital umzudenken. Sogar meine Mutter hat WhatsApp-Video für sich entdeckt. Das Gute an der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ist ja, dass man weiß, dass sie ein Ende hat. Hier ist es anders. In mir löst das alles ein ziemliches Unwohlsein aus und ich gucke ein bisschen ängstlich auf meine frühen Sommerpläne und hoffe vor allem, dass ich bald wieder mit meinen Kollegen Daniel und Peter im mairisch-Büro sitzen kann. Das fehlt nämlich.

 

Benjamin Quaderer, Autor
Letzte Veröffentlichung: Für immer die Alpen, 2020
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© Maximilian Engel

Am 9. März ist mein Debütroman Für immer die Alpen erschienen. Zwei Tage später hat die Bundesregierung empfohlen, sämtliche Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen abzusagen und zum Ende der Woche hin haben schon gar keine Veranstaltungen mehr stattgefunden. Ich wäre auf Lesereise gegangen. Quer durch Deutschland, nach Österreich, in die Schweiz, sogar in die USA. Von den 25 Lesungen konnten zwei stattfinden, alle weiteren bis Anfang Mai sind abgesagt worden, und die Chance, dass es bis in die Sommerpause so weitergeht, liegt bei ungefähr 90 Prozent. Ausfallhonorar gezahlt wurde eins, sicher nachgeholt werden zwei Veranstaltungen, danach kommt der Herbst und im Herbst erscheinen neue Bücher und die vom Frühjahr sind dann wahrscheinlich nicht mehr so interessant. Wie soll ich sagen. Die Verdienstausfälle sind das eine; das andere ist das Gefühl, dass die fünfjährige Arbeit, die in diesem Text drinsteckt, gerade so in der Luft verpufft.

 

Corinna Kroker, Lektorat Literatur, Klett-Cotta
www.klett-cotta.de/

© Martin Krondorfer

Für uns Lektoren ist der März ja vor allem die trubelige Hochphase der Akquise. Hier werden die kommenden Programme gefüllt, es wird gelesen bis zum Umfallen und im Idealfall tolle neue Stimmen entdeckt. Nun hat sich die Lage grundlegend verändert. Statt in Messegespräche und Rechtelisten fließt meine gesamte Energie nun in Ideen und Strategien, wie unter solchen Bedingungen Bücher machen eigentlich noch möglich ist. Denn das fein austarierte Netz aus Besprechungen, Empfehlungen des Buchhandels, Marketingaktionen und persönlichen Begegnungen mit den Autoren (also Lesungen, Gesprächsrunden, Interviews etc) wird ja gerade völlig aufgebrochen. Es gilt also, für die aktuellen Frühjahrstitel neue, kreative Wege zu finden. Wenn uns das so gut gelingt wie bei den Romanen von Anna Burns und Ulla Lenze, die mit ihren zeithistorisch anspruchsvollen Stoffen – der Nordirlandkonflikt bei Anna Burns, die Tätigkeiten der deutschen Abwehr im New York der 30er Jahre bei Ulla Lenze – seit kurzem auf der Bestsellerliste stehen, dann ist das ein Glücksfall. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch mit Hochdruck an der Vorbereitung des Herbstprogramms, um in diesen ungewissen Zeiten für jedes Buch die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Den neuen Roman von Kai Wieland haben wir beispielsweise um zwei Monate verschoben, um ihm die idealen Startbedingungen zu verschaffen. Das alles geht nur natürlich nur mit dem unermüdlichen Einsatz des ganzen Verlagsteams, mit großartigen Autoren, die sich unheimlich engagieren, und der beeindruckenden Leistung der Buchhändler und vieler Menschen des Literaturbetriebs, die in kürzester Zeit unglaubliche Projekte auf die Beine stellen und unseren Autoren so den nötigen Raum geben. Ein solches Engagement ist gar nicht hoch genug zu würdigen.

 

Silke Hartmann, Kulturmanagerin und -veranstalterin, Inhaberin der Agentur Kulturperle
www.kulturperle.com

© Alexander Paul Englert

Ich bin seit mehr als zehn Jahren Inhaberin und Betreiberin der Agentur Kulturperle und konzipiere und organisiere für verschiedene Institutionen Veranstaltungen, Reihen und Festivals, vor allem im Bereich Literatur. Zudem bin ich Dozentin für Kulturmanagement an der Goethe-Universität Frankfurt. Derzeit erlebe ich eine Vollbremsung all meiner Projekte und Planungen. Aktuelle Veranstaltungen und Reihen sind gestrichen worden, kurz- und mittelfristig anstehende Projekte hängen in der Luft, nichts ist planbar. Ein normalerweise sehr trubeliger Arbeitsalltag samt abendlichen Veranstaltungen steht plötzlich still, der Terminkalender ist auf einmal leer, ich sitze derzeit noch an einem Korrektorat und einer Textredaktion, aber langsam dünnt sich das Arbeitsportfolio aus. Als sogenannte Soloselbständige geht damit natürlich auch der Verlust von Einnahmen einher. Und wie lange diese ausbleiben werden, ist noch nicht absehbar. Als Dozentin für Kulturmanagement würde ich normalerweise ab dem 20. April gemeinsam mit meinen Student*innen eine Veranstaltung planen, die am 1. Juli im Rahmen einer Ausstellung stattfinden soll. Mein Kurs lebt von Exkursionen, Trainings, verschiedenen Gästen, intensiver Gruppenarbeit und viel Interaktion. Das lässt sich kaum ins digitale Kurszimmer verlagern. Ob und wie dieser Kurs stattfinden wird, lässt sich aktuell nicht absehen. Ebenso wie ein für den Herbst geplantes Festival, in dessen Team ich mitarbeite. Neben der unsicheren finanziellen Situation finde ich es vor allem bedrückend, wie mein Beruf und meine gesamte Branche gerade ausgebremst ist.

 

Gunda Windmüller, Journalistin und Autorin
aktuelles Buch: “Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift” – Rowohlt
Twitter | Instagram

© Lia Haubner

Als erstes dachte ich: ok, das war’s. Ich kann nicht mehr schreiben. Mit welcher Dringlichkeit kann ich denn jetzt noch über Themen nachdenken, die nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben? Wie kann ich überhaupt nachdenken, wo mein Hirn so vollgestopft ist mit Angst? 

Mein Vater erzählte mir am Telefon, das er im Garten sitzt und Bach hört. Ich hab mich für ihn gefreut, obwohl es mir fast obszön erschien. Kunst zum Trost. Ist es das, was bleibt?

So ging es mir die ersten Tage. Mittlerweile merke ich, dass ich noch denken kann. Genießen kann. Schreiben geht auch. Wobei ich merke, dass die aktuelle Situation derzeit für mich noch keine sehr produktive Zeit ist. Mental Oberwasser zu behalten frisst grad ganz schön Energien. Kulturschaffen mit angezogener Handbremse vielleicht.

Inwiefern mich die Krise auch finanziell betreffen wird, kann ich noch gar nicht sagen. Wir werden vieles an der gewohnten Welt nicht mehr wiedererkennen, denke ich. Aber meine Ur-Großmutter sagte immer: “Vorher wird nicht geheult.” Daran versuche ich mich gerade zu halten, obwohl ich wirklich herausragend gut “vorher heulen” kann. Aber diese Sorgen mache ich mir ausnahmsweise wirklich erst, wenn es soweit ist.

 

Hannes Wittmer, Musiker
Letzte Veröffentlichung: Album – “Das große Spektakel”
www.hanneswittmer.de
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© Christoph Naumann | www.mairisch.de

Eigentlich wäre ich gerade auf einem Frachtschiff mitten im Altantik auf dem Weg Richtung Kanada. Nach einem längeren, kräftezehrenden Projekt wollte ich mich dort neu sortieren, leben, arbeiten und an neuen Ideen feilen. Ich stand schon in Kontakt mit dem Goethe Institut in Montreal und mehreren Musiker*innen im ganzen Land und meine Wohnung in Würzburg ist längst gekündigt.

Ich habe das Glück, nun erstmal auf meine Rücklagen für die Reise zurückgreifen zu können und komme vorübergehend in der Wohnung von Freunden unter. Parallel versuche ich mich einzubringen wo ich kann. Mitte März war ich Gast bei einem Livestream zur Eröffnung einer Nachrichtenseite, speziell für Menschen mit Angststörungen (www.angstfrei.news) und gerade nehme ich ein Video für ein Online-Soli-Festival für die Geflüchteten auf, die gerade auf Lesbos vom Rest der Welt vergessen werden.

Anfang März habe ich zusammen mit Marcus Wiebusch von Kettcar einen Podcast über das Politisch-Sein als Musiker aufgenommen, der nur zwei Wochen später wohl ganz anders abgelaufen wäre. Ich hab das Gespräch letzte Woche auf meiner Website (www.hanneswittmer.de) veröffentlicht und denke nun darüber nach, in den nächsten Monaten weitere Podcasts aufzunehmen.

Bei all den schrecklichen Dingen die gerade passieren, hoffe ich, dass wir diese sonderbare Zeit auch als längst überfällige Zäsur für eine Gesellschaft begreifen, die aus den Fugen zu geraten droht und ein paar richtige Schlüsse daraus ziehen können.

 

Claudia Feldtenzer, Autorenberatung und Agentur
www.feldtenzer.com

© Anette Göttlicher

Ganz konkret, meine Aufträge in diesem Frühjahr wurden entweder abgesagt oder verschoben. Das war eine Vollbremsung sozusagen auf 0. Ich habe zum Glück einige eigene Ideen und Projekte, um die ich mich schon länger kümmern wollte, dazu jedoch noch keine Zeit hatte. Um die kümmere ich mich aktuell. Darin sehe ich auch eine Chance für die Kultur- und Verlagsbranche: Viele kreative Digitalisierungsprojekte könnten jetzt realisiert werden. Ich glaube, die Kultur- und Verlagslandschaft wird reichhaltiger und vielfältiger aus dieser Krise hervorgehen.

 

Markus Huber, Kulturamt Frankfurt am Main, Fachbereich Literatur
Markus gehört unter anderem zum Orga-Team des Literaturfestivals literaTurm, das von 23. bis 29. März 2020 in Frankfurt am Main und Umgebung hätte stattfinden sollen
www.kultur-frankfurt.de
www.literaturm.de
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© privat

Was man dieser Tage gefühlt beinahe so oft liest wie Klagen über ausverkauftes Toilettenpapier: Wir sitzen alle in einem Boot, Corona geht uns alle an. Diese Vorstellung hat in unsicheren Zeiten etwas sehr Tröstendes, verwischt aber auch die Unterschiede. Wer wie ich beruflich irgendwas mit Kultur macht, ist von der Pandemie anders betroffen als Beschäftige im Gesundheitswesen oder Geflüchtete auf Lesbos, für deren Lage sich gerade überhaupt niemand mehr zu interessieren scheint. Aber auch innerhalb der überschaubaren Literaturbetriebsblase unterscheiden sich die Schicksale ja sehr. Als Angestellter einer Behörde befinde ich mich in der privilegierten Position, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob ich am Ende des Monats meine Miete zahlen kann oder dass ich demnächst auf Grundsicherung angewiesen sein werde. Mein persönlicher Verlust ist eher ideell: Monatelang auf ein Festival hinzuarbeiten, das dann zehn Tage vor Beginn abgesagt wird, ist – vorsichtig ausgedrückt – frustrierend. So ein bisschen fühlt das sich an, als würde man bei schneller Fahrt plötzlich eine Vollbremsung hinlegen. Wobei die Kolleg*innen und ich eben nicht allein im Auto sitzen, sondern zusammen mit zahlreichen Autor*innen und vielen anderen Menschen, die leider nicht alle einen Sicherheitsgurt tragen (können). Und dass niemand sicher zu sagen vermag, wie und wann es weitergeht, bestimmt jetzt den Alltag im Home Office. Man hat Ideen, macht Pläne – aber hinter vielem steht ein Fragezeichen. Mit dieser Unsicherheit ist immerhin niemand allein.

 

Lukas Diestel, Schriftsteller / Social Media Kram

© Marvin Ruppert

Ich war noch nie so froh, nicht mein gesamtes Geld mit Auftritten zu verdienen. Dank Nebeneinkünften sind meine Fixkosten halbwegs abgedeckt. Trotzdem bricht viel weg, natürlich. Die Auftritte und das damit verbundene Gehalt fehlen und, als jemand der viel “für Bühnen” schreibt, mitunter auch die Motivation. Zwischen Sorge um die Szene, die Spielstätten, die eigene Gesundheit und die Kolleg*innen, die erfolgreicher mit ihrer Kunst sind, und dadurch jetzt ironischerweise schlechter dastehen, verbringe ich meine Zeit damit, mich zu fragen, ob ich jetzt eigentlich mehr oder weniger Zeit habe als vor der Ausgangssperre. Ansonsten ankämpfen, anschreiben, andichten gegen das allgegenwärtige Gefühl der Ohnmacht. Als Kulturschaffende (was für ein Wort) kennen wir, denke ich, das ewige auf und ab des “Warum mache ich den ganzen Scheiß überhaupt?” etwas besser, als einige, die sich mit der Frage jetzt vermehrt konfrontiert sehen in Bezug auf Arbeit, Gesellschaft, etc. Irgendwie ist die Kunst ja schon immer das vielleicht Unwichtigste und Wichtigste zugleich gewesen.

Es wird sich zeigen, wie wir aus der Nummer rauskommen. Im besten Fall stürmen wir dann wieder auf die Bühnen, in die Konzerte, zu den Lesungen. Im besten Fall mit offenen Augen und Ohren für die weniger privilegierten Mitmenschen, aber das war ja auch schon vor der Ausgangssperre so.

 

Jonathan Löffelbein, Autor, Performer (Poetry Slams, Comedy und Mixed Shows, Lesungen)
Letzte Veröffentlichungen: Worst of Chefkoch, Der Bock singt, Besucher
www.derloeffelbein.de
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© Henrike Dusella

Was sich geändert habe, fragen die Leute, was man jetzt mache. Meine finanzielle Existenz ist weg. Ich lebe von Bühnen, schreibe und trage Texte vor. Diese Bühnen werden auf unbestimmte Zeit, vermutlich Mai, leer bleiben. Und danach kommt der Sommer, und auch im Sommer bleiben Bühnen leer. Wer hockt sich bei gutem Wetter in einen alten Schlachthof? Und selbst wenn die Auftrittssaison wieder startet, wahrscheinlich September, bleibt es ungewiss. Werden die Leute hungrig oder ängstlich sein? Bookings haben sich verschoben. Wann ich wieder ein Einkommen habe – keine Ahnung.

Das alles sollte mir Angst machen, ich bin sowieso ängstlich. Dennoch ist da eine Ruhe: Auch in diesem Chaos habe ich viele Privilegien. Ich habe ein kleines finanzielles Polster, kann durchhalten, auch wenn ich nicht weiß, wie lange. Ich bin ein weißer cis Mann aus der unteren Mittelschicht, habe über Bühnen Kontakte geknüpft. Ich bin von der Pandemie betroffen. Aber es gibt Leute, die es sehr viel härter trifft. Es gibt Leute, deren Beruf weniger Prestige hat.

Mein Alltag, wenn ich nicht auf Bühnen stehe, hat sich kaum geändert. Ich bin darin geübt, allein in meinem Zimmer zu hocken, im Internet zu bleiben. Was sich geändert hat? Meine Zukunft ist letztendlich wie zuvor auch: ungewiss. Es ist ein Durcheinander und niemand weiß, was danach kommt. Diese radikale Offenheit gibt mir Ruhe, denn welche Option habe ich schon? Ich kann gerade nichts tun, außer nichts tun.

 

Isabella Caldart, Journalistin und auch sonst Vielwörterei
www.novellieren.com | www.isabellacaldart.de
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Ich habe gezögert, ob ich öffentlich über meine Situation schreiben soll. Fällt es nicht negativ auf mich zurück, wenn ich zugebe, dass ich gerade wenig Aufträge habe? Ich tue es dennoch, da ich stark davon ausgehe, dass ich nicht die einzige in dieser Situation bin. Von vielen Seiten höre ich: Aber jetzt lesen die Leute erst recht! Im Feuilleton ist mehr Platz! Ja, ich frage mich auch, warum mir so viel weggebrochen ist durch Corona. Ich versuche, mir das selbst zu erklären, um mich nicht noch mehr verrückt zu machen: Als freie Autorin ist Akquise eh nie einfach. Und im Moment interessieren sich die Zeitungen nur für Corona. Das wird sich wieder ändern, aber Rezensionen sind derzeit wohl unsexy. Dazu kommt, dass ich nicht nur Literaturkritiken schreibe, sondern viele Dinge mache, und Artikel absagen musste. Ein Stadtmagazin, für das ich öfter schreibe, hat den Erscheinungsrhythmus halbiert, ein anderes setzt das nächste Heft komplett aus – wer sich auf Veranstaltungs- und Restauranttipps konzentriert, hat im Moment echt verloren. Zuletzt ist mir der Deutsche Sachbuchpreis, der verständlicherweise auf nächstes Jahr verschoben wurde, weggebrochen. Und so sind es kleine (auch zukünftige) Aufträge und größere Projekte, die plötzlich flöten gehen. Zudem stand ich kurz davor, nach Barcelona umzuziehen, Ende März wäre es soweit gewesen. Der Plan ist nur aufgeschoben. Aber in einem Land, das wirtschaftlich am Boden ist (Spanien ist frisch aus der Weltwirtschaftskrise von 2008 raus), Fuß zu fassen, wird nicht lustig.

Aber was bringt lamentieren? Ich bin froh, dass es Förderprogramme gibt und hoffe, die werden ausgeweitet. Irgendwie geht es schon weiter, tut es ja immer.

 

Ulla Lenze, Schriftstellerin
Letzte Veröffentlichung: Der Empfänger, Klett-Cotta Verlag Februar 2020
www.ullalenze.de
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© Julien Menand

Auch nach mehreren Wochen wirkt die Situation surreal auf mich. Am 22. Februar 2020 ist mein neuer Roman erschienen („Der Empfänger“, Klett-Cotta Verlag), ich hatte insgesamt drei Lesungen; Hamburg, Berlin und Koblenz. Zuerst wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt, dann die LitCologne, dann nach und nach alle anderen Veranstaltungen. Statt auf Lesereise (die Monate vorher von meiner Verlagsveranstaltungsfrau auf die Beine gestellt wurde) sitze ich nun in meiner Wohnung in Berlin. Die Situation ist durchaus bedrückend. Auf die Lesereise-Phase habe ich während des Romanschreibens hingelebt, es ist eine Art Belohnung für drei, vier Jahre reduzierten Soziallebens (ich gehöre zu der Sorte Schriftsteller, die sich zum Schreiben zurückziehen müssen). Aber vor allem ein „Wirklichwerden“ des Buches mit den Lesern, durch Vortrag und Gespräch. Das fehlt. Und natürlich fehlen auch die Lesungshonorare.

Die Kommunikation findet vermehrt in den sozialen Medien statt, durch Blogger, digitale Leseevents oder Interaktionen auf Facebook und Instagram. Vereinzelt wagen einige Sender Interviews oder TV-Drehs; neulich saß ich mit einem Redakteur im Park statt im Studio, mit langem Kabel, das Mikro hielt ich selber in der Hand, nachdem ich die mitgebrachten Latexhandschuhe übergestreift hatte. Bei der TV-Lesung schwebte das Mikro hoch über meinem Kopf, und das obligatorische Lesungs-Wasserglas fehlte.

Immerhin bin ich gewohnt, viel zuhause zu sein – ich fürchte also keine Langeweile – das ist aber auch schon der einzige Trost.

 

Dorian Steinhoff, Autor & Literaturvermittler
Letzte Veröffentlichung/Veranstaltung: Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern, mairisch Verlag, Leseclubfestival NRW
www.doriansteinhoff.dewww.handforahand.dewww.leseclubfestival.nrw
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© Marco Piecuch

Die Kastanien vor unserem Haus werden bald blühen und um mich herum zerbrechen Existenzen von Menschen, die ich schon lange kenne, mit denen ich arbeite und von denen ich noch nie etwas gehört habe. Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Meine finanziellen Einbußen sind verkraftbar. Vieles werde ich nachholen können. Manches findet weiterhin statt. Für anderes gibt es Kompensation und neue kreative Wege. Als KSK-versicherter Künstler habe ich das Glück, bei Öffentlichkeit und Politik Berücksichtigung für meine Lage zu finden, die Hilfen greifen. Gleichzeitig bedrückt mich die Paralyse des ganzen Betriebs, in dem ich normalerweise tätig bin. Ich fühle mich ohnmächtig, körperlich wahrnehmbar elend. Und mich ärgert, dass viele Menschen, die ein kulturelles Leben in Deutschland ermöglichen, offensichtlich nicht gemeint sind, wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier von einer lückenlosen Solidarität spricht. Für freie Bühnen- und Tontechniker*innen, Beleuchter*innen, Stage Hands und Veranstaltungshelfer*innen greift die Soforthilfe in unzähligen Fällen nicht. Ein großes Versäumnis, eine politische Unverzeihlichkeit: Menschen durch unzureichende Maßnahmen unverschuldet in die Grundsicherung fallen zu lassen. Um meiner Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, habe ich mit einer Hand voll Leuten (u. a. dem Herausgeber dieses Blogs), den Soldaritätsfonds #handforahand gegründet. Meine Kompetenzen und Kapazitäten einzubringen und damit Menschen in finanzieller Not zu unterstützen, ist mir Beschäftigungstherapie und politisches Anliegen zugleich. Wenn es das Wetter zulässt, gehe ich joggen. Ich kenne mittlerweile mehr Menschen, die in meiner Nachbarschaft leben als früher. Hunde auch. Wo keine Verzweiflung ist, kann man hoffen.

 

Beitragsbild von Branimir Balogović auf Unsplash

Ein Zweiter Frühling – Der Verlag Voland & Quist verschiebt sein aktuelles Programm

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

 

Dass Voland & Quist äußerst kreativ und zugleich resilient ist, hat der Verlag in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. 12 Prozent des Jahresumsatzes gingen im vergangenen Jahr durch die KNV-Insolvenz verloren – also stellte Voland & Quist kurzerhand eine Benefizveranstaltung auf die Beine. Ebenfalls letztes Jahr kündigte der Verlag ein außergewöhnliches Imprint an, das im Herbst 2020 mit dem ersten Programm an den Start geht: V&Q Books wird deutschsprachige Literatur ins Englische übersetzen und in Großbritannien vertreiben. Da wundert es wenig, dass sich Voland & Quist auch von der Coronakrise nicht in die Knie zwingen ließ und stattdessen den Zweiten Frühling ausrief (dem sich hoffentlich viele Verlage anschließen werden): Das Frühjahrsprogramm wird im Herbst erneut aufgelegt. Bereits einen Tag zuvor hatte der Elif Verlag auf Facebook angekündigt, das Frühjahrsprogramm zu schieben, und den Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung dazu aufgerufen, diese Idee zu verbreiten. In vielen weiteren Verlagen wird intern bereits diskutiert, ob und wie eine Programmverschiebung gehandhabt werden kann. Weiterlesen

Rückblick auf 2019

Welches war das beste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Matthias Warkus: Sachbuch – James Donovan: Shoot for the Moon; Essayband – Jia Tolentino: Trick Mirror
Johannes Franzen: Emily Nussbaum: “I like to Watch”
Berit Glanz: Ich fand “Rage Becomes Her: The Power of Women’s Anger” von Soraya Chemali sehr interessant, viel habe ich über “Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch” von Benoîte Groult nachgedacht und ich habe sehr gerne Nella Larsen und Karin Boye (wieder)gelesen. Außerdem hatte ich viel Freude daran “Zwei für mich, einer für dich” von Jörg Mühle vorzulesen.
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus ein paar sehr ordentlich Sachbücher gelesen. “Der Klang von Paris” von Volker Hagedorn hat mich angeregt, mir Spaß und mich neugierig gemacht.
Simon Sahner: Wirklich beeindruckt hat mich Maggie Nelson “The Argonauts”, das ist wirklich großartig.
Samuel Hamen: Jeanette Winterson: “Frankissstein” (bitte nicht vom albernen Titel blenden lassen)
Peter Hintz: “Eine Frau” von Annie Ernaux war wunderbar (wie alle ihre Bücher), sehr gut gefallen hat mir aber auch “Fliegen” von Albrecht Selge.
Elif Kavadar: “Unerhörte Stimmen” von Elif Shafak habe ich sehr gerne gelesen. Zuletzt hat mich “Loyalitäten” von Delphine de Vigan aber auch sehr beeindruckt. Nicht zu vergessen: “The Color Purple” von Alice Walker.

Welches war das schlechteste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Berit Glanz: Es gab einige, die ich rasch abgebrochen habe.
Johannes Franzen: “Die Geschichte der Frau” von Feridun Zaimoglu:
Tilman Winterling: “Der Lesebegleiter” von Tobias Blumenberg war schon ausgesprochen ärgerlich. Meine jährliche Martin-Walker-Lektüre war wieder die zu erwartende Enttäuschung (freue mich schon auf 2020).
Simon Sahner: Ich habe es rechtzeitig abgebrochen, aber Edgar Rai “Im Licht der Zeit” war in jeglicher Hinsicht schlimm.
Tilman Winterling: Da fällt mir ein, ich höre gerade so einen Krimi als Hörbuch “Todesfrist” von Andreas Gruber, das ist auch wirklich ausgemachter Quatsch – nebenher spiele ich Fifa 20 auf der Playstation und bin momentan mit dem SC Freiburg ganz gut in der Champions League dabei, was ich wiederum nicht auf den Krimi zurückführe.
Matthias Warkus: Ich habe mich ziemlich geärgert über das neue Buch von Anke Stelling und über »Proleten, Pöbel, Parasiten« von Christian Baron. Würde ich aber beide nicht direkt »schlecht« nennen.
Samuel Hamen: Axel Milberg: Düsternbrook

Das überflüssigste Buch 2019 war?

Johannes Franzen: Ulrich Tukurs neuer Roman stellvertretend für alle Romane von Promis, die die Verlage als große Titel in ihre Programme gehievt haben. Stop doing that.
Berit Glanz: Ich bin kein Fan von all den Selbstoptimierungsratgebern, aber zu faul da jetzt einen Titel zu nennen.
Matthias Warkus: Michael Winterhoff, »Deutschland verdummt«. Man muss es gar nicht gelesen zu haben, um das zu wissen.
Tilman Winterling: Diese “Lesebegleiter”-Bücher, für die “Der Lesebegleiter” stellvertretend steht: was soll das? einen traditionellen Kanon, der schon 5.400 mal durchexerziert wurde, nochmal und nochmal wiederkäuen – bitte neue Perspektiven oder einfach lassen.
Simon Saher: Solange Martin Walser noch alte Notizzettel zu veröffentlichen hat, wird dafür jedes Jahr wieder Papier verschwendet werden. Überflüssig waren aber auch wieder einige Bücher, bei denen man merkte, dass der Autor Kumpels in einem Verlag hat, weswegen der Nostalgieflash dann veröffentlicht wurde.
Tilman Winterling: Man sollte eigentlich noch viel mehr Promiromane verlegen, es gibt doch mit Sicherheit noch paar so komisch Fernsehhanseln, die noch auf etwas brüten. So Menschen, die auf einer Party sagen “Ich schreibe ja auch!”, dann wackeln sie ein bisschen rum und “naja, eine Kurzgeschichte (2 Seiten) und einen Romananfang (2 Seiten)” – da wird man noch was drauszaubern können. Ich erstelle mal eine Liste von Leuten, die sollten:

  • Beckmann (saunachdenklich, bisschen kritisch, bisschen politisch, eigentlich Punk)
  • JB Kerner (kumpelig, kernig!)
  • Barbara Schöneberger (freches Frauenbuch)
  • Horst Lichter (kölscher Krimi)

Dabei fällt mir ein, man könnte das auch mit Influencern machen. Welcher Roman wohl in Bibi schlummert?!
Samuel Hamen: Wolfgang Joop: “Die einzig mögliche Zeit”.
Peter Hintz: Das Jahrzehnt, das mit “Deutschland schafft sich ab” von Thilo Sarrazin begann, endet mit “Erst die Fakten, dann die Moral!” von Boris Palmer. Passt. Leider.
Elif Kavadar: “Stella” von Takis Würger hat ziemlich viel von dem vereint, was an der Literaturbranche fragwürdig ist. Hätte nicht sein müssen, das Buch.

Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Johannes Franzen: How to choose. Es war eine reiche Ernte dieses Jahr! Aber ich sage: Immer noch die Kontroverse um “Stella” von Takis Würger
Tilman Winterling: Es gibt keine interessanten Feuilletondebatten. An der “Stella”-Debatte hat mich durchaus interessiert, dass dieser Furor noch möglich ist, ein Buch so aufregen kann – das ist an sich ja wirklich erfreulich.
Berit Glanz: Ich habe aus einigen Beiträgen zur Debatte um ”Stella” und zu der Nobelpreisverleihung an Peter Handke viel gelernt. Ansonsten gab es viele interessante Feuilleton-Artikel in diesem Jahr.
Simon Sahner: Am wichtigsten war wahrscheinlich wirklich die Debatte um “Stella”, interessant fand ich aber auch die Diskussion um Karen Köhlers “Miroloi”, die war vor allem entlarvend. Was da an fragwürdigen Dingen gesagt wurde, war schon beeindruckend.
Matthias Warkus: Tatsächlich interessant fand ich die Debatte um Antisemitismus und Architektur, die sich an dem antisemitischen Ezra-Pound-Zitat, das Hans Kollhoff an seinem Walter-Benjamin-Platz in Berlin untergebracht hat, entsponnen hat.
Samuel Hamen: Ich würde Frage 4 & 5 so beantworten wollen: Die Debatte, die nicht im ausreichenden Maß geführt wurde, gilt der Distributionsproblematik, mit der die Branche zu kämpfen hat. Also: Das Barsortiment bei den Großhändlern ist teils dramatisch geschrumpft, die Händler klagen über immer kleinere Margen, die Verlage darüber, dass ein Teil ihres Programms nicht mehr in Umlauf gebracht wird. Das Feuilleton widmet sich (zurecht) ästhetischen Fragestellungen, aber diese strukturelle Facette, die das Lesen und Schreiben ebenfalls stark beeinflusst, bleibt größtenteils außen vor – vielleicht weil sie sich nicht so hübsch / hyperklug in vergeistigter Form verhandeln lässt. Mittel- und langfristig wird sich dieses Strukturdefizit vielleicht stärker auf die literarische Vitalität auswirken als der neue schlechte Würger, der sicherlich gerade in der Mache ist und auf den sich die gesammelten Feuilletonistas- und -os mit Sicherheit stürzen werden.
Peter Hintz: Die das ganze Jahr andauernde Kanonisierungs- und Dekanonisierungsdebatte, die anhand verschiedener Schriftsteller*innen ausgetragen wurde (von Hölderlin bis zum #vorschauenzählen), habe ich mit großem Interesse verfolgt. Außerdem die vielen Faktualitäts- und Fiktionalitätsdebatten (Stella, Relotius, Hingst, Handke).
Elif Kavadar: Auch “Stella” und Handke, wobei ich die Debatten nicht interessant fand, sondern ärgerlich. Beiden Debatten liegt ähnliches zugrunde (Privilegien und das Nicht-Abgeben-Wollen von Definitionsmacht). Still a long way to go.

Welches war die überflüssigste Feuilleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?

Johannes Franzen: Nach dem fünften empörten Artikel über Petra Hartliebs Buchpreis-Bericht hat sich zumindest bei mir eine gewisse Ermüdung eingestellt.
Tilman Winterling: Feuilleton-Debatten sind per definitionem vom wirklichen Leser entfernt. (Als Aussage von mir natürlich Müll, weil das auch nur Öl ins Feuer dieses platten, ewigen “Feuilleton ist am Leser vorbei” ist; daher nehme ich es wieder zurück.)
Berit Glanz: Ich bin keine Freundin der Twitter-vs.-Feuilleton-Beiträge, dazu gab es ja in den letzten Monaten einiges. Auch die wiederholt aufgekochten Beiträge zu Identitätspolitik / Political Correctness / Kulturverfall fand ich sehr ermüdend und ärgerlich.
Matthias Warkus: Am überflüssigsten sind jedes Jahr die FAZ-Beiträge, in denen sich gealterte Professoren darüber echauffieren, wie dumm die Studierenden seit Neuestem wieder seien.
Simon Sahner: Jeder Artikel, der zum gefühlt 1000. mal die Fahne der Freiheit gegen scheinbare Sprachverbote schwenkt.
Elif Kavadar: Was Berit sagt. Und dieser eine Text von Martenstein übers Sensitivity Reading. Generell alle Texte von alten Männern, die in großen Zeitungen von Zensur sprechen.

Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2019?

Matthias Warkus: Salatherzen. Einfach mit Vinaigrette aus der Hand essen! Spart Zeit und Schüsseln!
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus eine beachtliche Zahl an Nüssen gegessen. Das soll sehr gesund sein, kleckert nicht – aber ich habe diese irrationale Angst vor Mandeln mit Blausäure. Wahrscheinlichster Tod von mir: selbst vergiftet mit blausäurehaltigen Mandeln beim Lesen.
Berit Glanz: Dominosteine, Lakritz, Käsebrote sind gut. Passen auch alle prima zu den vielen Bechern Kaffee, die meine Lektüren immer begleiten.
Simon Sahner: Mandeln sind ein Kindheitstrauma von mir, weil meine Mutter immer sagte, ich solle nicht so viel davon essen, wegen der Blausäure…einem Kind sagen, in etwas, das es gerne isst, sei eine Säure. Ich glaube, ich habe viel Sellerie gegessen dieses Jahr und Ingwer literweise getrunken.
Tilman Winterling: Ich würde da auch mit dem Finger auf meine Mutter zeigen wollen, die ich im übrigen sehr, sehr schätze!
Johannes Franzen: Man isst nicht beim Lesen!
Samuel Hamen: gut: die katastrophal misslungenen Kekse, die Kinder befreundeter Eltern mit ihren Tollpatschhänden backen – sie sind viel zu fest, krümeln also nicht und schmecken nach so wenig, dass die Textaufmerksamkeit nicht gestört wird. Schlecht: die gut gebackenen Kekse der Streberkinder – zu viel Marmelade, zu viele Krümel, zu viel Ablenkung.
Peter Hintz: Eigentlich kann man alles außer Lakritz essen.
Berit Glanz: Das ist leider falsch, Peter.
Elif Kavadar: Was Berit sagt (generell ist das eine gute Lebensdevise). Und Sonnenblumenkerne.

Berit Glanz: Vielleicht sollten wir “54Books & 54Snacks” als Kochbuch schreiben.

Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2019 war….?

Tilman Winterling: Ich will hier nur reinschreiben, dass Matthias immer so schöne Fehler findet. Mir fallen die ja gar nicht auf.
Matthias Warkus: Auf Befragen fallen mir natürlich keine ein.
Tilman Winterling: Sicher?
Berit Glanz: Fehler in eigenen Texten ärgern mich am meisten, bei anderen bin ich recht nachsichtig.
Matthias Warkus: OK, Tilman, dann sag ich halt: die atemberaubend, unverfroren, hirnschüttelnd miserabel falsche französischsprachige Passage in Takis Würgers »Stella«. Die ist symptomatisch für so vieles.

Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2019?

Tilman Winterling: Richtig super finde ich, dass jeder Verlag, der groß posaunte “WIR LASSEN DIE FOLIE WEG!” eine Meldung in sämtlichen Branchenblättchen wert war.
Berit Glanz: Tilman, ich finde das mit der Folie gut.
Johannes Franzen: Also, dass Denis Scheck gesagt haben soll, durch den Nobelpreis für Handke habe die “politische Korrektheit” eine “krachende Ohrfeige” erhalten, hat mir zumindest ein gequältes Schmunzeln abgerungen. Vor allem, wenn man bedenkt, was für einen Ohrfeigenhagel es danach setzte.
Peter Hintz: Stimme Johannes zu.
Matthias Warkus: Da fällt mir tatsächlich nichts Konkretes ein.
Samuel Hamen: Dass Twitter das Ende des Denkens bedeutet, dass die Plattform anti-literarisch ist und so weiter und so fort.
Berit Glanz: Einige Aussagen von Bildungsministerin Anja Karliczek zu den schlechten Lesekompetenzergebnissen der Pisa-Studie fand ich ärgerlich, weil sie nicht am zentralen Punkt ansetzen, dass sehr viel mehr Geld in das Bildungssystem investiert werden muss. Ist das überhaupt noch Buchmarkt? Im weitesten Sinne schon, oder?

Hast du 2019 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Matthias Warkus: Einige. U.a. John Keegan, »The Face of Battle« – wenn man im Leben nur ein einziges Buch über Militärgeschichte liest, dann bitte dieses.
Simon Sahner: Joan Didions Essays. In die hatte ich mit 18/19 mal reingelesen und fand sie langweilig, dieses Jahr hab ich “The White Album” gelesen und war begeistert.
Berit Glanz: Karin Boye “Kallocain” habe ich wiedergelesen und sehr gemocht.
Johannes Franzen: Anlässlich der vielen Preisskandale in diesem Jahr habe ich Edward St. Aubyns supervergnügliche Satire “Lost for Words” wieder als Hörbuch gehört.
Samuel Hamen: Die “Pariser Briefe” des luxemburgischen Schriftstellers Frantz Clément, der zwischen 1924 und 1933 in Paris lebte und Freund*innen zuhause von allem und nichts berichtete: von der Einsamkeit des Exilierten, von dem Pochen der Metropole, von der Sehnsucht nach einem Heimatgefühl abseits extremistischer / exkludierender Konnotationen. Auch, etwas jünger: Thomas Stangls “Der einzige Ort”.
Peter Hintz: Die neue Susan-Sontag-Biografie von Benjamin Moser kann ich nur mit Vorbehalten empfehlen, die Essays von Sontag (z.B. die Sammlung “Against Interpretation”) sind aber immer wieder eine Lektüre wert.
Elif Kavadar: Äh, ich habe wieder “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” gelesen/gehört und entschieden, dass ich die Bücher immer noch sehr mag, J.K. Rowling aber so gar nicht.

Hat sich 2019 dein Leseverhalten verändert?

Tilman Winterling: Hab mir immer noch keinen eReader gekauft. Aber z.B. das digitale SZ Abo verlängert, weil mich Zeitungsformat (als das Format von Zeitungen, nicht das Format Zeitung) schon immer genervt hat. Wahrscheinlich habe ich insgesamt ein bisschen weniger gelesen.
Simon Sahner: Ich glaube dieses Jahr war das erste Jahr, in dem ich mehr Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, gelesen habe und ich glaube, ich habe vieles gezielter gelesen, im Sinne von “Das ist wichtig, das sollte ich lesen.”
Johannes Franzen: Es stellt sich heraus, dass mehr Arbeit mit weniger Lesen einhergeht, was ziemlich traurig ist, wenn dein Beruf eigentlich das Lesen ist.
Matthias Warkus: Ich habe endgültig beschlossen, dass es okay ist, mehr Bücher zu kaufen als man dann auch liest.
Samuel Hamen: Nein, ich lese vielleicht öfters schlecht abfotografierte JPEG-Handyfoto-Texte, das macht sehr wenig Spaß.
Berit Glanz: In diesem Jahr habe ich viel geschrieben und hatte dadurch etwas weniger Zeit zum Lesen. Das frustriert mich manchmal. Ich lese momentan vermehrt lange Artikel (“Longreads”) in Zeitschriften und online, dadurch lese ich wahrscheinlich etwas weniger Romane.
Elif Kavadar: So sehr wie noch nie. Ich habe viel, viel weniger gelesen (was schade ist), mich dafür aber viel bewusster damit beschäftigt, was mich wirklich interessiert und weitaus mehr Sachbücher gekauft und gelesen als je zuvor. Außerdem habe ich mein Regal radikal aussortiert und besitze im Vergleich zu vorher kaum mehr Bücher, was irgendwie sehr befreiend, früher aber undenkbar gewesen wäre.

Welcher Indie-Verlag hat 2019 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman Winterling: Auf der einen Seite will man immer sagen “alle Indie Verlage”, andererseits ist auch dieses ewige Lobhudeln falsch, es gibt doch auch Indies, die fürchterlichen Quatsch machen, für die Entscheidung, ob man Quatschbücher verlegt, ist es völlig unabhängig ab man “abhängig” oder “unabhängig” ist. Und trotzdem: ganz viele bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und jedes Jahr kann man sagen Frohmann, Mikrotext, Weidle, Lilienfeld und viel andere, die irre gutes Zeug abseits des Mainstream machen.
Simon Sahner: Letztes Jahr habe ich Frohmann-Verlag gesagt, das gilt natürlich immer noch, aber dieses Jahr ist mir dank Sina Kamala Kaufmanns “Helle Materie” vor allem Mikrotext aufgefallen.
Johannes Franzen: Verbrecher (Es war schon reichlich, aber es könnte noch mehr sein.)
Matthias Warkus: Was Johannes sagt, denke ich mal.
Berit Glanz: Ich bin Fan von Reprodukt, die können meiner Meinung nach immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. In diesem Jahr habe ich versucht mehr Bilderbücher aus unabhängigen Verlagen zu kaufen und empfehle den Kullerkupp Verlag und Baobab Books, die haben tolle Bücher im Programm.

Welcher literarische Trend wird 2020 vorherrschen?

Matthias Warkus: Der Trend zum irgendwie mit Sex und fahrlässigen Geschichtsdeutungen vollgestopften Dickbuch aus außerliterarisch bekannter Feder (»Tatortkommissarroman«) wird sich sicherlich weiter verstärken.
Tilman Winterling: Trends sind einfach richtig geil. Ist Waldbaden schon wieder durch? Neulich hat eine Kollegin – die nicht wusste, dass ich sie höre – zu einem anderen Kollegen gesagt: “Tilman macht das schon, der ist Narzisst.” War bestimmt fürchterlich lieb gemeint, seitdem sehe ich überall Bücher über Narzissten. Ansonsten sollte man mehr Bücher über Leute machen, die gar nichts zu erzählen haben und ihnen dann Raum geben, damit sie den großen Roman, der bestimmt in ihnen schlummert, endlich schreiben können.
Simon Sahner: Ich denke das essayistische Selbsterzählen, Personal Essays werden noch stärker in den Fokus rücken und Autofiktion scheint ja immer weiter auf dem Vormarsch zu sein. Generell eine Stärkung faktualer oder autofiktionaler literarischer Texte. Das fände ich auch persönliche keine schlechte Entwicklung.
Samuel Hamen: ganz grundsätzlich Romane, die es sich konsequent mit vielem zu einfach machen, mit ihren Szenarien (einfalls- und hilflose Dystopien werden sicherlich zuhauf kommen), mit ihrer immunisierenden “Wokeness”, mit ihrer Medienkritik, mit ihren einfältigen Geschichtsbildern und Gesellschaftsdiagnosen, mit ihren antimodernen Ressentiments, die als legitime Einwände verschnürt werden, also eigentlich mit allem. Sobald die Texte ahnen, dem sog. Zeitgeist auf der Spur zu sein, wirds gefährlich / öde / vorhersehbar.
Berit Glanz: Der Sachbuchboom wird weiter um sich greifen und wahrscheinlich auch zu noch mehr schnell zusammengeschusterten Debattenbüchern führen.
Elif Kavadar: True Crime wird 2020 einen Höhepunkt erreichen, glaube ich.

Auf welche Neuerscheinung 2020 freust du dich besonders?

Tilman Winterling: Der neue Martin Walker Krimi! Freue mich sehr auf Katharina Herrmanns “Dichterinnen und Denkerinnen”.
Simon Sahner: Ich bin sehr gespannt auf Olivia Wenzels “1000 Serpentinen Angst”, Sarah Bergers neues Buch und auf Sjón “CoDex 1962”.
Tilman Winterling: Ich freue mich auf alle hochgejazzten Debüts, die mehr als 150k Vorschuss bekommen haben.
Matthias Warkus: Ist es sehr schlimm, überhaupt nicht zu wissen, was 2020 Wichtiges rauskommt?
Samuel Hamen: Schimpft mich Fanboy, stempelt mich als Badminton-Simplizist ab, aber: Leif Randts “Allegro Pastell”. Auf was ich mich auch freue: Valerie Fritschs “Herzklappen von Johnson & Johnson”.
Peter Hintz: “Death in Her Hands” von Ottessa Moshfegh.
Berit Glanz: Wenn man sich hier als letztes äußert, kann man den anderen nur zustimmen. Das tue ich hiermit. Ansonsten freue ich mich besonders auf eine Neuerscheinung (ich sag noch nicht welche), die im Herbstprogramm 2020 kommen wird. In den Frühjahrsprogrammen habe ich soviele spannende Bücher gesehen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es freut mich aber wirklich, dass nun bald auch meine deutschen Freunde “CoDex 1962” von Sjón lesen können und ich bin gespannt auf Alena Schröders Roman bei Ullstein.

Welche Neuerscheinung 2020 lässt du lieber liegen?

Simon Sahner: Das Buch, das Peter Handke hoffentlich nicht über das zweite Halbjahr 2019 schreiben wird.
Johannes Franzen: Wie jedes Jahr den neuen Walser.
Matthias Warkus: Wie jedes Jahr den neuen Winterhoff und den neuen Spitzer.
Berit Glanz: Ich lasse bei dem großen Angebot an Büchern ja zwangsläufig mehr liegen, als ich lesen kann. Momentan versuche ich noch diverser zu schauen, von mir bis jetzt übersehene Bücher von Autorinnen zu lesen und übersetzte Bücher aus kleinen Sprachen gezielt zu suchen. Liegen bleiben dann wahrscheinlich Neuerscheinungen von kanonisierten Großliteraten.

Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2020 wiederlesen bzw. neulesen?

Matthias Warkus: Jetzt wo die Neuausgabe endlich raus ist, natürlich Klaus Theweleit, »Männerphantasien«. Wenn man die unzähligen Satzfehler erträgt, heißt das. Inhaltlich rentiert es sich, und das Buch ist sicher aktueller, als es je war.
Simon Sahner: “Männerphantasien” liegt schon auf meinem Nachttisch, das also auf jeden Fall. Und ich möchte es endlich schaffen “Effingers” von Gabriele Tergit zu lesen. Nach der Lektüre von Maren Lickhardts “Pop in den 20er Jahren” will ich außerdem mehr Literatur von Frauen aus der Dekade lesen.
Tilman Winterling: Gerade flippen ja alle regelrecht auf “Middlemarch” von George Eliot aus, das kann ich bestimmt auch 2020 lesen. Ich wollte echt mal Johnsons “Jahrestage” lesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« habe ich nach mehreren Jahren On-/Off-Dranrumlesen irgendwann im Laufe dieses Jahres abgeschlossen. Weiß gar nicht mehr genau, wann.
Tilman Winterling: Ja, irgendwas klingelte da auch bei mir. Hast Du es Dir komplett reingezogen? Sollte man das tun? Bewundere bei Johnson immer am meisten, dass er so einen unfassbar prächtigen Eierkopf hatte. Gleichzeitig diese tragische Biographie, totgesoffen in einem Haus in England, Tilman Jens bricht ein und wühlt in deinen Unterlagen – bei welchem Schriftsteller heute, stürbe er, würde jemand einbrechen, wer ist noch so groß, so wichtig, so interessant – doch wieder nur Tukur oder?
Johannes Franzen: Kein “Klassiker” in dem Sinne, aber ich trommele ja immer noch für den Erzählband “Barbara the Slut and Other People” von Lauren Holmes. Außerdem wird mir Jane Smiley im deutschsprachigen Raum zu wenig gelesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« lohnt sich wirklich, ich bereue keine Stunde, die ich hineingesteckt habe.
Peter Hintz: “Franziska Linkerhand” von Brigitte Reimann war nie vergessen, wird aber gerade erneut neu entdeckt, was gut ist.
Berit Glanz: Cora Sandel sollte mehr gelesen werden (“Café Krane” ist 2019 bei Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus erschienen). Ich hoffe außerdem auf eine Neuübersetzung von Karin Boyes “Astarte.”

Critical Westdeutschness – Teil 3 von 3: Gershwin und die Rentenangleichung

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil III: Gershwin und die Rentenangleichung

Matthias Warkus: Ich möchte im letzten Teil dieses Gesprächs gerne etwas geradezu Anrüchiges tun und konstruktiv werden – zu Handlungsempfehlungen kommen: Was können wir als Ost- und Westdeutsche, insbesondere als irgendwie kulturbetrieblich oder journalistisch Tätige, tun, um es besser zu machen? Dabei gehe ich gleich mit zwei Vorschlägen in Vorlage.
Der erste ist nach dem bisherigen Gesprächsverlauf fast selbstverständlich: nämlich als WestdeutscheR darauf zu reflektieren, ob, was man als allgemein setzt, in Wirklichkeit doch nur ein rheinisches, ein Westphänomen ist – genauso, wie man beispielsweise auch immer darauf reflektieren sollte, ob, was man für eine »Generation« hält, in Wirklichkeit doch nur ein Milieu ist.
Der zweite Vorschlag braucht etwas mehr Anlauf. Ich habe Ende 2018 als zugezogener Wessi in Jena zwei Beobachtungen gemacht. Einmal: Es gibt hier ein hochgradig spießig anmutendes Aussichtslokal auf einem Hügel, das bis heute von einem Siedlerverein getragen wird, und in dem man als Westdeutscher kein Kulturprogramm erwarten würde, das über einen gelegentlichen Frühschoppen mit Blasmusik hinausgeht. Hier aber gibt es genau in diesem Lokal eine weit zurückreichende, lebendige Tradition von Blues- und Bluesrock-Liveauftritten. Dazu passt das zweite: Ich bin zufällig in das Adventskonzert eines Akkordeonorchesters hineingeraten (auch so etwas, was im Kontext viele sicherlich als »typisch ostdeutsch« belächeln würden, obwohl es natürlich auch im Westen Akkordeonorchester gibt), in dem ein Stück mit einer hochemotionalen Ansprache anmoderiert wurde; das Arrangement stammte schon aus den 60ern und konnte jahrzehntelang nicht aufgeführt werden. Es war »Summertime« aus »Porgy and Bess«, was nun vielen der Inbegriff einer ausgelutschten Nummer sein könnte – wir haben das schon im Schulmusikunterricht gesungen, meine ich. Dass ein Arrangement davon irgendwie Tragweite und Fallhöhe haben könnte, war mir bis zu diesem Moment fremd gewesen.
Also möchte ich dafür plädieren, zu akzeptieren, dass es originär ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, die als solche ernst genommen werden müssen – ohne sie in die eine Schublade zu packen, in der Achim Menzel und Karsten Speck liegen, aber vor allem auch, ohne sie in die andere zu tun, in der Heiner Müller und Peter Hacks liegen.

Peter Neumann: Ich schließe einen dritten Vorschlag an: Ausgehend davon, dass es originäre ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, müssen die bisherigen vor allem westdeutsch geprägten Zugänge neu erzählt werden. Ich denke, es reicht nicht aus, zu sagen, da gäbe es ›auch‹, nur eben dann eine ›ostdeutsche‹ Erzählung. Spannend wird es erst, wenn sich beide Erzählungen verbinden, widersprechen, in Dialog miteinander treten. Als ich am Wochenende im Haus der Berliner Festspiele war und mir ein Podium angehört habe, in dem es unter anderen um den Zusammenhang von Ost- und Migrationsfrage ging, da fiel der Satz: »Der erste Platz ist vergeben. Er ist in der Hand westdeutscher Eliten. Was gerade den Nationalismus von rechts wie von links im Osten so stark macht, ist dieser Kampf um den zweiten Platz.« Da muss meines Erachtens eine neue, eine irgendwie ›gesamtdeutsche‹ Erzählung ansetzen: Dass der erste Platz nicht nur nicht vergeben ist, sondern auch gar nicht besetzt werden kann. Das Problem am Phänomen des/der Osterklärer/in ist, dass er/sie in der Betonung der Originarität des Ostens das bestehende West-Narrativ nur forciert. Insofern würde ich hinzufügen: Geschichten nicht nur ernst nehmen, sondern – wie es Deinem Fall ja auch wirklich war – offen sein, die eigene Geschichte überschreiben zu lassen.

MW: Also die Begriffe »ostdeutsch« und »westdeutsch« gleichzeitig rehabilitieren (als legitime Zuschreibung und Analysekategorie) und destruieren (als ontische Bestimmung)? Bzw.: offenlegen, dass es grundsätzlich verschieden nuancierte Begriffe sind – dass es z.B. keine nennenswerte identitäre Verwendung von »westdeutsch« gibt, weil »westdeutsch« als der Regelfall konnotiert ist, vergleichbar mit Weißsein und Männlichkeit?

PN: Ja, so in etwa könnte es gehen: »Ostdeutsch« und »Westdeutsch« als Kategorien aufbauen, stark machen, um sie über ihre blinden Flecken jeweils zu desavouieren. Ein Buch, das das erstaunlich konsequent macht und auf das ich erst diese Woche gestoßen bin: Wolf Lepenies’ Folgen einer unerhörten Begebenheit, wobei der Titel insofern trügt, als es sich vielmehr – von alt-bundesrepublikanischer Seite – um die »Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit« handelt: »Überheblichkeit kommt in der Überzeugung zum Ausdruck, die DDR sei nun einmal ein totalitärer Staat gewesen, und daher biete der Osten des vereinten Deutschland heute in keinem Bereich der Politik, in keiner Sparte der Lebenswelt, in keinem einzigen Aspekt erlebter und erlittener historischer Erfahrung eine Alternative, über die im ganzen Deutschland ernsthaft nachzudenken sich lohne«. Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist die Rehabilitierung und Destruktion der Etiketten. Hier ein Beispiel, das – gerade in seiner Überzogenheit und ›typisch‹ deutschen Themenwahl – fast schon Teil einer (noch zu schreibenden) übergreifenden Geschichte der Mentalitäten wäre: »Westfahrer in Westautos sind langweilig; ihre Identitätsansprüche lassen sich bereits an den unterschiedlichen Automarken ablesen. Ostfahrer dagegen demonstrieren alle Stufen, in denen augenblicklich die deutschen Identitätswechsel vor sich gehen: Sie fahren in Ostautos mit alten Ostkennzeichen, in Westautos mit neuen Ostkennzeichen, in Ostautos mit Westkennzeichen, in Westautos mit Ostkennzeichen ohne Nationalitätenschild, in Ostautos mit Ostkennzeichen und übermalten DDR-Schild, in dem die beiden letzten Buchstaben unter unschuldigem Weiß verschwunden sind, in Ostautos mit Westkennzeichen und D-Schild und – unerlaubt, Gipfel der historischen Ironie und Ikone der Vergeblichkeit – in Westautos mit Westkennzeichen und altem DDR-Emblem. Sichtbar wird so ein Kaleidoskop deutscher Ungleichzeitigkeit.« (Ungleichzeitigkeit, darum geht es.)
Ein vierter Vorschlag wäre, zu überlegen, welche gesamtdeutsche Erzählung man überhaupt stiften möchte: Geht es um Deutschland, geht es um Europa? Die Einsicht, dass 89/90 zwei deutsche Staaten untergegangen sind, kann meines Erachtens nur bedeuten, an einem Narrativ zu arbeiten, das diese doppelte Geschichtserfahrung in sich einbezieht und die blinden Flecken, die es hier wie dort gibt, zum Motor ihrer eigenen Erzählung macht.
Und als fünfter Vorschlag, der allerdings über die Ebene kultureller Zuschreibungen hinausgeht, aber eben diese mehr bedingt als alles andere: Es wäre vermessen zu glauben, der Osten könnte es mit dem Westen aufnehmen, wenn es um die eigene Sprecherposition geht. Das wird auch in absehbarer Zeit nicht geschehen. Dennoch: Jedes Macht- und Herrschaftsgefälle hat eine materielle Basis. Insofern sollte man gerade diese Basis bei allen geschichts- und erinnerungspolitischen Fragen im Blick behalten. Dass die Rentenangleichung Ost-West 2025 kommen soll, ist angesichts der Zeit, die dann verstrichen ist, ja ein schlechter Scherz.
Hier ist übrigens eines der klügsten politischen Positionspapiere zum Thema, das ich seit Langem gelesen habe, und das viele unsere Punkte aufgreift.

MW: Dieses Grünen-Positionspapier habe ich noch nicht gründlich gelesen, aber es bringt mich auf eines meiner Lieblingsthemen zum ganzen Komplex Wende, Wiedervereinigung, Ost/West: Obwohl die Opposition in der DDR maßgeblich von der Umweltbewegung getragen wurde und die Umweltzerstörung maßgeblich zur Delegitimierung des Regimes beitrug, obwohl Ostdeutschland eine einzigartige natur- und umweltschützerische Erfolgsgeschichte darstellt, hat man heutzutage manchmal den Eindruck, dass das niemanden mehr interessiert, weder in Ost noch in West. Da gibt es auch anscheinend kaum Niederschlag in der jüngeren Literatur, bei Tellkamp ist es mal ein Seitenthema, mehr fällt mir da nicht ein.

PN: In der Gegend, aus der ich komme, Mecklenburger Seenplatte, ist der Natur- und Umweltschutz, so zumindest mein Eindruck, von vielen als Mittel zum Zweck wahrgenommen worden: Was funktioniert touristisch, vermarktungstechnisch. Wasserskianlage, Bootsanleger, Villen am See. Alle anderen Anliegen galten irgendwie als Luxusprobleme, da hieß es, die Grünen hätten im Stadtrat wieder diesen oder jenen Investor blockiert, und immer so weiter, bis sich niemand mehr für die Region interessiere. Arbeitslosigkeit war lange Zeit, bis in die Mitte der Nullerjahre hinein, einfach das bestimmende Thema.
Um es wieder mit einem Verweis auf ein Gespräch auszudrücken:
Das Integrationsparadigma forciert die Ungleichheiten mehr, als dass es ihnen entgegenarbeitet. Die These würde ich teilen! Die Frage ist nur, welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Wenn es nicht mehr die Leitidee der deutschen Einheit sein kann, die Ost und West zusammenhält, welche Erzählung ist es dann?

MW: Ich würde ja sagen, Einheitsideen braucht man überhaupt nicht. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Staat, ein Staatenverbund, ein Planet eine Zweck-WG ist. Ost und West, jetzt als geographische Gebilde im weitesten Sinne gedacht und nicht irgendwie identitär, sind ja in sich auch wieder völlig heterogen. Ich finde rein verwaltende Staaten, die kategorial einfach eine Ebene von Gebietskörperschaften sind wie Städte oder Regierungsbezirke, eine sympathische Sache – sympathischer jedenfalls als Staaten, die Ideen und Missionen für sich beanspruchen. Die großen Ideen à la allgemeine Menschenrechte, Vervollkommnung des Menschengeschlechts usw. leben auch, wenn sie nicht mit Nationalstaaterei amalgamiert werden: Das ist m.E. doch eine der großen impliziten Botschaften der Weimarer Klassik.

PN: Was soll ich sagen: Durch unser Gespräch fühle ich mich ostsozialisierter denn je. Durch die Umkehrung der Blickrichtung ist für mich aber auch deutlich geworden, wie sehr diese (un-)ausgetragenen Mentalitätsgeschichten Raum schaffen können für etwas Drittes, Viertes, Fünftes. Ich glaube, hier liegt auch ein großes poetologisches Potenzial, gewissermaßen ein Plädoyer für ein achronales, polyperspektivisches, materialgesättigtes Erzählen: Erfahrungsmuster zu bedienen, und sie gleichzeitig zu unterlaufen.

Im Folgenden noch ein paar Links, die im Gespräch nicht mehr direkt thematisiert wurden:

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Critical Westdeutschness – Teil 2 von 3: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil II: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Peter Neumann: Matthias, du bist vor drei Jahren nach Jena gekommen, aus Marburg: Wie waren deine ersten Eindrücke, gab es vor Ort, in Jena, besondere Begegnungen, Pfalz, Marburg, konnte damit irgendwer etwas angefangen, und: Wie haben Menschen aus deinem Umfeld reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du ›rübermachst‹, in den Osten? Ich stehe ja kurz davor, nach Oldenburg zu gehen. Abgesehen davon, dass die meisten nicht auf Anhieb wissen, wo Oldenburg liegt, gibt es eigentlich relativ wenig Vorbehalte. Man wartet ab. Wenn ich auf Lesungen oder Tagungen in den alten Ländern bin und erzähle, dass ich aus Mecklenburg komme, bleibt es meistens bei dem netten, unkomplizierten ›Ach, schön, da bin ich auch schon mal durchgepaddelt‹. Würde ich ›Brandenburg‹, ›Sachsen‹ oder ›Sachsen-Anhalt‹ sagen, sähe die Sache sicher anders aus.

Matthias Warkus: Reaktionen auf die Nennung von Jena waren üblicherweise »Ist das nicht in Sachsen?« oder »Ich kenne das nur vom Vorbeifahren, ist das nicht furchtbar hässlich?«. Das ist jetzt nicht ostspezifisch. Ich habe mich einmal mit einem bekannten Satiriker unterhalten, der ernsthaft davon überrascht war, dass in Jena günstige Wohnungen knapp sind (»Waaas, ist da nicht einfach alles völlig leer?«), das fand ich recht erschütternd. In meinem Umfeld gibt es jemanden, der sich vom Bauernsohn mit Volksschulabschluss bis zum Klinikmanager hochgearbeitet hat und auch geschäftlich nach der Wende viel im Osten zu tun hatte – bei dem fand ich die Redeweise über »diese Ossis« immer ziemlich kolonial. Ich habe Vergleichbares auch von anderen Westdeutschen bestätigt bekommen; das gönnerhafte Reden über »die da« ist auch nach fast 30 Jahren immer noch völlig üblich. Ansonsten fand ich die eine oder andere Reaktion interessant, die es als Indiz für eine Art »neue Normalität« genommen hat, dass ich »in den Osten« gehe, mit der Implikation, vor 10–20 Jahren sei das ja so noch nicht möglich gewesen. Wenn ich erkläre, wo ich herkomme, führt das weder im Westen noch im Osten zu großen Reaktionen, weil der langweilige, weinlose und strukturschwache Teil der Pfalz, aus dem ich stamme, hier wie da niemandem bekannt ist.

PN: Bei der Redeweise über Ost und West fällt mir auf, dass man im Fall der alten Länder viel eher bereit ist zu differenzieren, also regionale Unterschiede in die eigene Beurteilung miteinzubeziehen, sich auf Mentalitätsgeschichten, die oftmals sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen, einzulassen. Niemand würde auf die Idee kommen, die rheinische und bayerische Provinz umstandslos in einen Topf zu werfen. Man kann sie höchstens in eine geschichtliche Konstellation setzen: Ich habe mich neulich erst gefragt, was aus der Rheinischen Republik geworden wäre, hätte es sie gegeben. Und wie viel Geist von dieser separatistischen Bewegung in die junge Bundesrepublik eingeflossen ist. Adenauer hatte sich ja Ende der 1910er-Jahre, wenn er auch nicht aktiv an ihr beteiligt war, positiv zu ihr bekannt, als Gegengewicht zur preußischen Hegemonialstellung, eine Tradition, die heute zweifelhafterweise eher von der CSU fortgesetzt wird. Mit anderen Worten: Es gibt ungeheuer viel Geschichte aufzuarbeiten und diese Geschichte ist präsent. Beim Osten ist das anders. Als ich im Radio über Jena 1800 interviewt wurde, kam einmal aus einem Kölner Studio die Frage: »Herr Neumann, damals, um 1800, war Jena ein geistig-kulturelles Zentrum Europas, heute blickt man mit Sorge auf den Osten. Hat das für Ihre Arbeit eine Rolle gespielt?« Was soll man auf Fragen wie diese antworten? Fragen, die so ungeheuer voraussetzungsreich sind, weil sie den Osten bloß als Singular kennen, ohne geschichtliche Tiefendimensionen. Du sagst, du hättest die Redeweise über den Osten immer ziemlich ›kolonial‹ empfunden: Kannst du das spezifizieren?

MW: Das hat für mich zwei Hauptaspekte: erst einmal das Gönnerhafte, das nett oder lustig gemeinte Abwertende – »die da« geben sich ja Mühe, aber die Mentalität, das kriegt man aus denen nicht raus, die könnten so viel aus sich und ihren Ressourcen machen und tun es nicht. Das hat man, meine ich, durchaus auch in der Rede erfolgreicher Ostdeutschen über ihre »Landsleute«. Der andere Aspekt ist, davon abgeleitet, sozusagen die Selbstverständlichkeit des Verfügens über die ostdeutschen Ressourcen. Das ist das, was ich damit meinte, dass über Altbauwohnungen in Leipzig oder Berlin nie als von Wohnungen von Ostdeutschen gesprochen wird, sondern immer nur als Chance für Zugezogene.

PN: Apropos ›ostdeutsche Ressourcen‹, auch eine für mich exemplarische Geschichte, die mit Weimar als gesamtdeutschem Erinnerungsort zusammenhängt, der natürlich insbesondere nach 1990 umkämpft war. Mir ist neulich der FAZ-Artikel von Thomas Steinfeld vom 18.3.1999, also mitten aus dem Kulturhauptstadtjahr, in die Hände gefallen: »Sonderakte Goethe. Eine Trophäe für den Sozialismus: Wie die DDR die sterblichen Überreste Johann Wolfgang von Goethes unsterblich machen wollte«. Es geht um wiederaufgetauchte Akten, die belegen, dass Experten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 1970 Goethes Sarg öffneten, aus konservatorischen Gründen weiche Gewebereste entfernten und den Lorbeerkranz, der noch immer auf dem Kopf saß, mit Kunststoff verstärkten. Bei Steinfeld liest sich das wie ein Angriff auf ein nationales Heiligtum, als Versündigung, als Akt größter Brutalität, mit der man in der DDR versucht habe, eine »Trophäe« herzustellen, Geschichte sich zurechtzubasteln. Fakt ist: Die Akten waren frei zugänglich und unterlagen nicht der Geheimhaltung. Und: Die konservatorischen Maßnahmen, die von Franz Bolck, dem damaligen leitenden Pathologen und Rektor der Universität Jena durchgeführt wurden, wären auch nach heutigen Maßstäben zu rechtfertigen. Insofern: Natürlich hätte die Klassik-Stiftung souveräner mit ihrer Informationspolitik umgehen können, es war ja klar, dass so etwas früher oder später ans Licht kommt, jetzt, da es keine Auflagen mehr für westdeutsche Bundesbürger im Goethe- und Schiller-Archiv gab. Die Skandalisierung und an den Haaren herbeigezogene Unterstellung, hier zeige sich einmal mehr, dass die DDR eine »Gesellschaft von Verschwörern« gewesen sei, wirkt allerdings wie der Versuch, ›deutsche‹ Geschichte, über die man so lange Zeit in Westdeutschland nicht verfügen konnte, materiell nicht verfügen konnte, sich nun gewaltsam zurückzuholen, Deutungshoheit zurückzugewinnen.
Ich glaube, dass in diesem Akt westdeutscher Übergriffigkeit schon viel kulturkonservative Empörung über Gendersternchen und andere Diversitätsmarker drinsteckt – die frühe Kapitulation vor dem Gedanken, es könnte eine Geschichte geben, die womöglich ebenso viel Relevanz hat wie die eigene, von der man lange Zeit glaubte, sie sei die einzig mögliche. Ich denke ja, dass die spezifisch westdeutsche Signatur der Neuen Rechten bisher völlig verkannt wurde. Jana Hensel hat einmal die These aufgestellt, der Erfolg der AfD stelle die größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar (vgl. Hensel zu den Landtagswahlen, bezeichnenderweise austauschbar mit einem Bild aus Sachsen-Anhalt illustriert, obwohl dort gar nicht gewählt wird). Ich würde das Gegenteil behaupten: Die Etablierung einer Partei rechts der Union stellt die größte Emanzipationsleistung eines tief im anti-demokratischen Denken des wilhelminischen Obrigkeitsstaats verwurzelten westdeutschen Konservatismus nach 1945 dar. Aber bevor ich dazu irgendetwas sage: Gibt es für dich etwas, etwas, das du aus deiner eigenen westdeutschen Sozialisation kennst, von dem du sagen würdest: Das hat lange unter der Oberfläche gegoren und tritt jetzt offen zutage?

MW: Der Erfolg der AfD, deren überregionale Exponenten quasi allesamt 150%ige Wessis sind (Gauland, Weidel, Höcke, Tillschneider usw.), ist ungefähr so sehr eine ostdeutsche Emanzipationsgeschichte, wie es der Erfolg der CDU bei der Volkskammerwahl 1990 war, möchte ich behaupten. – Die Frage danach, was jetzt spezifisch Westdeutsches hochkommt, ist eine sehr gute! Aus der hohlen Hand heraus möchte ich mal vermuten: das ganze Thema Sozialstaatschauvinismus und »rohe Bürgerlichkeit«. Dass ein Freund von mir (katholisch, Vater Finanzbeamter) Anfang der 90er jemanden aus unserem Jahrgang als »Sohn eines Arbeitslosen« beschimpfte, dass ich engagierten Widerspruch erntete, und zwar nicht von irgendwelchen »Leistungsträgern«, sondern von alternativ angehauchten Kiffertypen, als ich, Zivi beim Sozialamt, ihnen erklärte, dass die allermeisten Hilfebezieherinnen alleinerziehende Mütter sind und Leistungsmissbrauch ein Randphänomen ist – das haben ja nicht die Ostdeutschen erfunden und in die Pfalz exportiert.

PN: Woher, glaubst du, kommt diese ›rohe Bürgerlichkeit‹, wann ist sie entstanden? In der Literatur taucht der Begriff, soweit ich sehe, ab den 90er-Jahren auf. Könnte das ein westdeutsches Nachwendephänomen sein oder ist das – wie gesagt – älter und lässt sich tiefer in der alten Bundesrepublik verorten? (Ich frage das, weil ich so etwas aus meiner Mecklenburger Landjugend in den 90ern gar nicht kenne, diesen Klassismus von oben.)

MW: Ich bin jetzt auch kein Fachmann für das ganze Thema bürgerliche Abwertung von »Minderleistern« usw., aber die ersten medialen Diskussionen um die angebliche Hängemattenfunktion von Transferleistungen in Westdeutschland datieren weit vor 1990: »Gemeinnützige Beschäftigung von Sozialhilfeempfängern: eine Art Arbeitsdienst oder ein Weg zur Humanisierung und Rationalisierung des Sozialstaates?« Großes Cave dabei: Das ganze Thema »rohe Bürgerlichkeit«, oder wie auch immer man es nennen will, ist ja zuerst einmal völlig vermint, weil man sich schon mit dem Ansatz einer Beschreibung in bestimmte Großtheorien einkauft. Ich persönlich habe aber z.B. keine Lust, mir zuschreiben zu lassen, ich hielte die Warenform für die Wurzel allen Übels. Zum zweiten scheint es sich ja um ein vielschichtiges Phänomen zu handeln, an dem sich derzeit Legionen von SozialwissenschaftlerInnen abarbeiten, ich weiß gar nicht, ob man da überhaupt Richtiges sagen kann, wenn man nicht tief eingelesen ist, oder ob man nicht riskiert, da genauso rettungslos zu vereinfachen wie die Leute, von denen man sich eigentlich abgrenzen möchte. Die DDR, in der ja kulturell das verkleinbürgerlichte Proletariat hegemonial war (während es im Westen kurz vor 1990 pi mal Daumen eher das akademisiert-aufsteigerische Angestellten-Bürgertum war: der Zeit lesende Elektroingenieur, der Studienrat mit Ferienhaus im Périgord, alle mit ihrem Alessi-Wasserkessel), kannte auch Abwertungsdiskurse gegen als arbeitsunwillig Wahrgenommene, nur dass es da die Figur von der staatlichen Hängematte nicht geben konnte. Möglicherweise hat sich da eine Art Zangenbewegung ergeben – die liberal-studierte Abwertung von der einen Seite, die blaumanntragende von der anderen.
Was sich sicher zügig um/nach 1990 ergeben hat, ist diese Verschmelzung von Abwertung vermeintlich Arbeitsunwilliger und vermeintlich Bildungsunwilliger. Das Hängemattenzitat von Kohl ist von 1993; noch 1992 schreibt Dirk Kurbjuweit eine lange Reportage über Sozialhilfe, die ganz ohne die Klischees von erblicher Verwahrlosung auskommt. Dann kommt aber schon bald diese Kulturalisierung und letztlich Rassifizierung, dass man anfängt, »die da« als aus familiären, erblichen kulturellen Faktoren heraus träge und unnütz zu zeichnen, was sich spätestens Anfang der Nullerjahre dann völlig stabilisiert hat. Ich glaube übrigens, dass sich da auch Klischees über westdeutschen »Sozialadel« und über arbeitslose Ostdeutsche miteinander vermengt haben.
Und man vergisst wohl auch gerne: Als die Mauer fiel, war das Phänomen Massenarbeitslosigkeit in Westdeutschland noch keine zehn Jahre alt – zwischen 1980 und 1982 hat sich die Arbeitslosenzahl auf 1,8 Millionen verdoppelt, erst kurz vor 1990 sinkt sie erstmals wieder ein wenig. Die Wellenlänge der Diskurse über sowas ist aber ungeheuer – an dem Kurbjuweit-Artikel sieht man, dass bestimmte Topoi in der Diskussion um Transferleistungen mehr als ein Vierteljahrhundert alt sind. Medial gesehen ist Arbeitslosigkeit als Großthema also gerade höchstens ein bisschen im Abklingen, dann kommt die Wiedervereinigung und hebt sie zumindest medial zu apokalyptischen Ausmaßen empor. Das hat derartigen Nachhall, dass man noch heute in sozialen Medien regelmäßig Kommentare sehen kann, in denen behauptet wird, die verdeckte Arbeitslosigkeit in Deutschland habe ein Ausmaß, das die Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den Schatten stelle. Also, ganz kurz und unwissenschaftlich (und belegt durch meine eigene beschränkte Lebenserfahrung): Zwischen 1990 und 2005 vollzieht sich eine Kulturalisierung und Para-Rassifizierung von Transferleistungsempfängern. Dann kommt ohnehin Hartz IV, was ja vor allem das sichtbar macht, was ohnehin schon geschieht (sanktionsbewehrte Arbeitspflichten gab es z.B. schon längst vorher), aber dem Ganzen noch einmal ein Etikett und gesonderte Aufmerksamkeit gibt. Mit »Fordern und Fördern« ist der staatliche Umgang mit Transferleistungsempfängern interessanterweise auch sehr kolonial: bis hin zur mehr oder minder offenen Forderung, man müsse »denen« ihre Kinder wegnehmen. Das kulturalistisch-genetisch Abwertende, das Koloniale, die Assoziation mit der legendären Bestie Massenarbeitslosigkeit, das spielt alles gegen arme Westdeutsche wie gegen die Ostdeutschen insgesamt.

PN: Weil du den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland Anfang der 80er-Jahre erwähnt hast: Die erste Hängematte war noch eine Sänfte und stammt von Erich Riedl von der CSU, der 1981 im Bundestag meinte, das soziale Netz sei für viele »eine Sänfte geworden, in der man sich von den Steuern und Sozialabgaben zahlenden Bürgern unseres Landes von Demonstration zu Demonstration, von Hausbesetzung zu Hausbesetzung, von Molotow-Cocktail-Party zu Molotow-Cocktail-Party und dann zum Schluss zur Erholung nach Mallorca tragen lasse«. (Mir gefällt die Detailliertheit der Ausführungen. Mir war auch gar nicht klar, dass Mallorca schon damals das deutsche Urlaubsparadies war. Hielt das bisher immer für ein 90er-Jahre-Phänomen.) Erstaunlicherweise ist das aber gar kein dezidiert konservativer Standpunkt Anfang der 80er, auch SPD-Leute wie Heinz Westphal denunzieren ganz offen den Sozialstaat, und das geht dann weiter über Kohls »kollektiven Freizeitpark« 1993 bis hin zu Schröders »Es gibt kein Recht auf Faulheit« 2001, das zurzeit durch Andrea Nahles’ Äußerungen zum Bedingungslosen Grundeinkommen ein trauriges Comeback feiert. Insofern halte ich die Reportage von Kurbjuweit für eine absolute Ausnahme. Es scheint, als hätte sich um 1990 schon einiges an altbundesrepublikanischer Hässlichkeit angestaut, das sich dann großräumig Luft verschafft und sich natürlich auch über die arbeitsunwilligen, bildungsfernen Ostdeutschen ergießt. Wenn man eine solche Genealogie zeichnet, bekommt so jemand wie Sarrazin, der ja das kulturalistisch-genetisch Abwertende völlig ungeschützt als vermeintliches Argument gebraucht, eine ganz andere geschichtliche Tiefendimension.

MW: Ja, dem möchte ich gar nicht widersprechen – mir geht es nur darum, dass der endgültige Umschwung hin dazu, Arbeitslosigkeit und Leistungsbezug als eine Art erblichen Makel zu sehen, m.E. erst deutlich nach der Wiedervereinigung kommt (dazu hier ein aufschlussreiches Diagramm). Noch ein Gedanke dazu, spezifisch zum Schluss: Ostdeutsch und westdeutsch – das sind insbesondere zwei verschiedene Arten des Sichsehnens nach einer in die Vergangenheit projizierten, imaginierten sozialen Wärme. Die Ostvariante davon ist völlig diskreditiert, die Westvariante ist bis in die Spitze des Kulturbetriebs nicht nur gängig, sondern wird regelrecht befördert (vgl. Illies, Seibt usw.). Wir müssen uns zuallererst darüber klarwerden, dass die Westdeutschen genauso in Retrotopien verhaftet sind wie die Ostdeutschen und das kritisch angehen.

PN: Und der springende Punkt an »Rhenish Supremacy« ist, dass die Verletzung im Osten relativ klar lokalisierbar ist, auch die Art der, wie es im Beitrag heißt, gegenwärtigen ›Retraumatisierung‹ durch Zuwanderung, Globalisierung etc., während die Wunde im Westen noch nicht einmal wahrgenommen bzw. einfach anders besetzt und dadurch verdrängt wird. Als besonders ›wütend‹, ›verdrossen‹ und ›roh‹ gilt dann nur die eine Seite. – Eine Sache, auf die ich noch zu sprechen kommen wollte: Als ich danach fragte, was gegenwärtig alles so Westdeutsches hochkommt, hatte ich noch etwas anderes im Sinn als die ›rohe Bürgerlichkeit‹. Mir scheint auch der völkische Nationalismus der Neuen Rechten sehr tief in die Geschichte der alten Bundesrepublik zurückzureichen und mit der Frage zusammenzuhängen, wie man nach 1945 als Konservativer überhaupt noch ›deutsch‹ sein konnte, ohne sich damit nicht verdächtig zu machen. Die unseligen Diskussionen über eine ›Dreiteilung‹ Deutschlands, die verlorenen Ostprovinzen, ›geistige Heimat‹, wie man das nannte, diese Diskussionen, die im Westen bis in die 80er-Jahre reichten (schlagend auch die Selbstverständlichkeit, mit der in dem Zeit-Artikel von 1984 von der ›ehemaligen Reichshauptstadt‹ Berlin gesprochen wird, ohne das zu kontextualisieren), waren ja nach der Wiedervereinigung nicht aus der Welt, sondern waren doch gerade bis dahin aufgeschoben worden, weil erst ein zukünftiger gesamtdeutscher Souverän über die Außengrenzen des Landes entscheiden sollte.

MW: Dazu passt übrigens perfekt dieser Aufsatz von Fritz-Gerd Mittelstädt über die Konstruktion von Heimat in der westdeutschen Nachkriegszeit…

PN: Absolut relevant! Und wie gut, dass er die Sache explizit mit der Frage nach Zeitgenossenschaft verbindet. ›Deutschland in den Grenzen von 1937‹ war ein gängiger Topos im Westen. Wenn man sich anschaut, was Gauland so als klassischer CDU-Konservativer, der er vielleicht mal gewesen ist, in den 90er-Jahren veröffentlicht hat, dann ist da viel von ›Konservativismus‹ und ›deutschen Traditionen‹ zu lesen.

MW: Ich weiß gar nicht, ob Gauland so klassisch CDU ist, immerhin hat er sich seinerzeit in Frankfurt für die Aufnahme vietnamesischer Flüchtlinge eingesetzt. Oder war so etwas damals klassisch CDU-konservativ, weil transatlantisch? – Dass die heutigen Neurechten zumindest auf der Führungsebene ein weitgehend westdeutsches Projekt sind, steht m.E. außer Frage (geradezu klischeehaft steht dafür der schwäbelnde, ostentativ katholische Kubitschek), und das hat natürlich auch vor 1990 angefangen. Hochinteressant zu den ganzen Vorgängen auf dem rechten Flügel seit 1990 ist übrigens die Personalie Rainer Zitelmann. Ich kannte den vom Namen über eine frühere Mitarbeiterin seiner Immobilienagentur, bevor ich irgendetwas anderes erfahren habe. Der ist eine Figur wie aus einem amerikanischen Roman – Strippenzieher der rechten Erneuerungsversuche nach der Wende, reich geworden mit irgendwas mit Immobilien, Bodybuilder und seit Neuestem »Reichtumsforscher«, das glaubt einem ja keiner.

PN: Ob Gauland nun ein klassischer CDU-Konservativer war hin oder her: Ich behaupte nur, dass die Suche nach einer großen deutschen Erzählung ein spezifisch westdeutsches Projekt war und ist, und dass die Gründe mit dem Geschichtsbild der beiden deutschen Staaten zusammenhängen. Während man im Westen bald zum überheblichen ›Wir sind wieder wer‹ überging, fing man im Osten an, stumpfsinnig Städte zu planieren, radikal geschichtslos zu werden.

MW: Was ich mich da frage, ist, ob die Wiederentdeckung des Nationalen in der DDR in den 80ern (»Sachsens Glanz und Preußens Gloria«, historische Rekonstruktionen usw.) mitgeholfen hat, den Boden dafür zu bereiten, was dann nach der Wende passiert ist.

PN: Es gab im Osten in jedem Fall eine Leerstelle im geschichtlichen Selbstverständnis, die durch keinen historischen Materialismus, keine Internationale aufzufüllen war. Interessant ist, worauf Bezug genommen wird: »Sachsens Glanz und Preußens Gloria« ist vom Gestus nicht so weit von der Weimarer Klassik entfernt. Und die hatte, davon erzählt die Bibliothek deutscher Klassiker, die noch heute jedes Ost-Antiquariat verstopft, in der DDR Hochkonjunktur. Klar, die Literatur der (westdeutschen) Gegenwart war im Handel nicht so frei erhältlich. Trotzdem frage ich mich, ob es darüber hinaus Gründe gab, genau auf diese Geschichte sich zu berufen.

MW: Ich habe übrigens noch Faktoiden für die koloniale Deutung: Soweit ich weiß, ist in der erdrückenden Mehrzahl der Ost-West-Ehen seit der Wende der Mann aus dem Westen und die Frau aus dem Osten. Und ich habe kürzlich bei den »Zeitfragen« auf DLF Kultur eine Diskussion über 25 Jahre Deutschlandradio gehört, in der u.a. Auszüge aus Befragungen von und mit Schülerinnen Ost- und Westberliner Schulen 1992 eingespielt wurden. Ich fand weniger die Inhalte bemerkenswert (Ossis dumm und faul, Wessis arrogant) als die Sprechweise – die Westberliner bemühen sich hörbar, unberlinisch, hochdeutsch-norddeutsch, schnöselig, erwachsen zu sprechen; die Ostberliner sprechen schweren Dialekt und hören sich viel jugendlicher an. Mag Zufall sein, wäre schade.

PN: Die rechten Wahlergebnisse zeigen jedenfalls Kontinuitäten bis zurück vor 1945. Im Osten wie im Westen.

(Der abschließende Teil 3 folgt voraussichtlich am 31. August.)

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