Kategorie: Feuilleton

Anstelle eines Nachrufs – Brief an Fritz J. Raddatz

Sehr geehrter Herr Prof. Raddatz,

die letzten Tage schlief ich schlecht, denn ich bin ein sehr schlechter Schwimmer. Doch seit ich in Hamburg wohne und die Vorstellung Ihrer Tagebücher verpasste, plane ich einen Besuch im Holthusenbad, um Sie bei Ihrem „morning swim“ zu treffen und mit Ihnen zu sprechen. So legte ich mir bereits viele Gesprächseinstiege zurecht die Situation eines Ihnen im Schwimmbad auflauernden jungen Mannes zu erklären. Da ich Sie heute aber nicht antraf, stattdessen nur ein 5 Euro teures Duschbad nahm, ich aber viel hätte sagen wollen, schreibe ich Ihnen diesen Brief.

Die große Zeit des Raddatz’schen Feuilletons in der Hamburger Wochenzeitung liegt vor meiner Geburt und erst vor knapp einem Jahr stieß ich auf Ihre Tagebücher. Zuerst skeptisch, zunehmend angezogen und später wie im Wahn las ich diese, die letzten 500 Seiten des ersten Bandes an einem Stück. Meine Freunde fuhren mir über den Mund und verbaten sich eines Abends, Sie ständig als meine Referenz zu nennen, so sehr war ich in Ihren Aufzeichnungen gefangen, so sehr bestimmten Sie in dieser Zeit selbst mein alltägliches Denken.

Ich las Ihre Autobiographie, weilte auf Sylt, verschlang dreimal, jeweils auf der Hin- und Rückfahrt und einmal am Strand, Ihre Liebeserklärung an die Insel und wartete sehnsüchtig auf den nächsten Band Ihrer Tagebücher. Im Internet sah ich alte Sendungen, in denen Sie zu Gast waren und fand alte Interviews. Nach dem zweiten Band Ihres Diariums las ich „Lieber Fritz“, nun begleiten mich Ihre „Stahlstiche“; „Die Tagebücher in Bildern“ und die Sammlung Ihrer Romane sind bereits geordert. Von wenigen Autoren, und keinem Journalisten, habe ich derart begeistert jegliche Veröffentlichung gelesen, von keinem in derart schnell aufeinanderfolgender Lektüre ohne mich satt zu fühlen.

Aus jedem Ihrer Texte spricht die Leidenschaft für das Sujet, in jedem steckt soviel von Ihrer Persönlichkeit; viele berühren mich tief. In Ihren Tagebüchern sind Sie zuweilen ein spitzzüngiger Spötter, aber eben auch, nein vor allem, dieser sensibler Mensch, dessen menschliche Enttäuschungen und Ängste bewegen. Ihre Ehrlichkeit, Ihre Geschichte und Persönlichkeit, die Sie (allen) Ihren Texte zu Grunde legen, erzeugt eine Authentizität, die mich glauben lässt Sie zu kennen und ich fühle mich Ihnen nah.

Anders als Sie bei der Lektüre der Gide Tagebücher verspürte ich bei den Ihren keine “wachsende Enttäuschung, [weil] doch fast nur dünn aufgegossener Literatur-Klatsch (mit sehr/zu vielen Einschüben von Attacken auf ihn, zumal über Leute und Phänomene, die heute meist vollkommen verblaßt – was allerdings dem Herrn FJR mit seinen Tagebüchern ebenso passieren wird!)”. Auch wenn es nicht zu leugnen ist, dass bereits viele Begebenheiten und Autoren als damaliger Zeitgeist heute nicht mehr viel beachtet werden, verblassen diese nicht, vielmehr leuchten Sie in Ihren Büchern. Hubert Fichte und Paul Wunderlich, um nur zwei zu nennen, waren mir vor der Lektüre Ihrer Bücher unbekannt, ich musste sie erst nachschlagen, heute betrachte ich mit Freude die Bilder, lese mir unbekannte Autoren. Entgegen der von Ihnen geäußerten Bedenken gibt es heute noch genügend, auch junge, Menschen, die sich für Kultur und Literatur dieser Zeit begeistern können, sie brauchen einen Lehrer, ich lerne aus Ihren Tagebüchern.

Weiterhin keine wachsende Enttäuschung, weil Sie immer wieder auf frappierende Weise ehrlich sind, nicht nur mit Ihren Mitmenschen, sondern eben auch mit sich selbst. Sie sprechen über eigene Arroganz, Ihren Stolz, über die Enttäuschungen, Angst und den Tod. Niemand gibt so redlich über sein Innerstes Auskunft, schreibt seine Schwächen nicht klein, sondern gesteht sie und das trotz der vielen, häufig so persönlichen und verletzenden, Kritik.

Neben dieser persönlichen Ebene durchleuchten Sie den Kulturbetrieb, die Sehnsucht aller Künstler nach Anerkennung, die Ränkespiele untereinander, Intrigen und Fallen, Sie eröffnen und demaskieren eine Welt, die mir vorher zu großen Teilen unbekannt war, ich lerne aus Ihren Tagebüchern. Dazu schaffen Sie es, fast beiläufig in einem Tagebuchnotat, immer in Ihren großen Kritiken, Literatur auf den Punkt bringen, den Stil eines Autors in einen Satz einzuschmelzen. Sie vermitteln Ihre Liebe und Begeisterung für Literatur und Kunst, Sie erzeugen bei mir ein Bedürfnis alle von Ihnen gelobten Werke sofort zu konsumieren, Sie machen mich neugierig und klüger.

Ihre Bücher bilden seit gut einem Jahr die Grundlage meiner Bildung. Ich verdanke Ihnen viel und möchte dem Menschen, den ich durch die Lektüre intimster Berichte zu kennen meine, danken für die Freude, die Sie mir mit jedem Ihrer Texte machen, alle habe ich mit Gewinn gelesen. Auf diesem Wege, unpersönlicher, aber vollständig bekleidet, möchte ich Ihnen meine Hochachtung übermitteln und erneut aufrichtig danken.

Es grüßt Sie herzlich

[Diesen Brief hat Fritz J. Raddatz über seine Sekretärin Heide Sommer im Mai 2014 von mir tatsächlich erhalten.]

Eine andere Form – ein neues Medium

Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Nikola Richter, die Verlegerin vom mikrotext Verlag, an, ob ich denn auch eBooks besprechen würde und sie mich auf ihren Verlag und eine Publikation aufmerksam machen würde. Pflichtbewusst teile ich also freundlich mit, dass ich ja eigentlich und so weiter, aber dann doch interessiert sei. Denn wer die Augen auf der Branche hat, dem ist Nikolas Arbeit nicht entgangen. Zuletzt mit dem ersten Young Excellence Award des Börsenblatts als herausragende Macherin der Buchbranche ausgezeichnet, verlegt die Autorin eBooks, die nicht als Konkurrenz zum Gedruckten, sondern als selbstständiges Medium wahrgenommen werden wollen.

“Es sind bestimmte Formate, etwa im Netz geschriebene Texte, aktuelle oder wegen ihrer Kürze nicht druckfähige Schubladen-Texte digital viel besser zu veröffentlichen.” Ihr geht es um die ästhetische Erfahrung, wenn ein Text gut geschrieben ist. “Da brauche ich kein Papier.”

So erklärte Nikola ihr Credo der Morgenpost nach Verlagsgründung. Und fährt fort.

“Ich muss so gute Bücher machen, dass die Leute, die noch nie ein E-Book gelesen haben, das lesen wollen und diese Hürde, die sie innerlich aufgebaut haben: ‘E-Lesen ist schrecklich’, dass sie diese überwinden.”

Und genau das gelingt ihr. Heike Geißlers Text über ihre Arbeit in der Weihnachtszeit bei Amazon in Leipzig oder Stefan Adrians Drinklyrik Gin des Lebens sind nur zwei Beispiele für Textformen, die womöglich auch bei klassischen Verlagen in gedruckter Form erscheinen könnten und es doch nicht tuen. Lyrik hat es bei Verlagen und Publikum traditionell schwer, kleine und Kleinstauflagen rechnen sich selten, bei eBooks aber, sind sie erstmal erstellt, sind in der Welt, egal in welcher Zahl. Dagegen könnte ein Text über ein saisonales Thema, wie der Heike Geißlers, der im “Bedarf” ein Stück weit von der Jahreszeit abhängig ist, auf dem herkömmlichen Wege erst so spät erscheinen, dass er gerade keine Leser fände oder im nächsten Jahr vielleicht schon wieder überholt wäre. Genau für solche Projekte sind eBooks perfekt. [Korrektur: Heike Geißlers Text Saisonarbeit – Volte #2 ist tatsächlich zuerst beim Leipziger Verlag Spector Books erschienen, was zwar mein Argument schwächt, aber nicht ganz unsinnig macht.]

Welches Potenzial in dieser Form schlummert zeigt immer wieder auch Christiane Frohmann vom gleichnamigen Verlag. 1000 Tode schreiben heißt die Anthologie, die Christiane in vier Versionen herausbringt. Allein das nahezu aberwitzige Unterfangen tausend Autoren in einem Buch unterzubringen, die ihr Texte nicht nur recyclen können (aber dürfen), sondern zum Teil erst schreiben müssen, ist mit einem einzigen Abgabetermin nicht zu bewältigen. Also wurde dieser eher kurzfristiger gewählt, welche Texte bereits vorlagen wurden veröffentlich, die späteren folgen in Etappen. Eer die erste Version des eBooks mit 135 Texten erwarb, erhält immer bei Erscheinen des Updates dieses kostenfrei – bei einem gedruckten Buch undenkbar! Dazu bietet diese Veröffentlichungsform dem Leser immer wieder Anreiz in diese sagenhafte Sammlung zu blicken, neue und alte Texte zu entdecken – 1000 Texte auf einen Schlag hätte wohl sowieso die meisten überfordert oder abgeschreckt. In der ersten Version tummeln sich bereits bekannte Namen wie Rafael Horzon oder Pia Ziefle, Clemenz Setz oder Daniela Seel, David Wagner, Isabel Bogdan oder Stefan Mesch, weitere werden folgen. Der Gewinn der Produktion geht dazu an ein Kinder Hospiz in Berlin, vorbildlich!
(Eine Besprechung des Buchs findet ihr auch bei Sophie.)

Ähnliche Verlage, wie die von Christiane und Nikola, gibt es inzwischen immer mehr: CulturBooks von Jan Karsten und Zoë Beck verlegen ebenfalls eBook-only, Das Beben bringt die Novelle zurück, es gibt Projekte wie A Story A Day oder Fiktion. Alle diese Unternehmen werden von Menschen betrieben, denen die Literatur am Herzen liegt, alle Produktionen sind sorgfältig verlegte Bücher und Geschichten. Eine goldene Nase hat dort niemand und wird sie sich auch so schnell nicht verdienen, es handelt  sich um die Arbeit von Idealisten.

Ich würde nie auf die Idee kommen meine Lektüre gedruckter Bücher einzustellen und auf das eBook umsteigen, ich würde, vor die Wahl gestellt, nie das eBook wählen, gäbe es auch Papier – aber es gibt Texte, die anders nicht veröffentlicht werden würden, obwohl sie es verdient haben. Um zu sehen was das eBook kann, sollte man die Publikumsverlage ausblenden und zu den eBook-only Verlagen surfen, hier gibt es die neue Art zu lesen, alles andere ist nur die schlechte Kopie eines Buches.

(Ausnahmen bestätigen die Regel, auch Publikumsverlage verwerten nicht ausschließlich ihre bereits gedruckten Werke: die Hanser Box enthält jeden Mittwoch einen Text eines Hanser Autoren, der exklusiv digital erscheint; derweil schraubt Karla Paul bei Hoffmann und Campe an dem digitalen Baby 1781.)

Nikolas Verlagsprogramm kann man inzwischen als Abo erwerben:

1000 Tode schreiben könnte ihr unter anderem hier erwerben:

Kein CoverChristiane Frohmann: 1000 Tode schreiben
eBook Version 1/4
EPUB, ohne DRM
Frohmann Verlag, Berlin 2014 Buch bestellen

Memo zweier Leben in Berlin

Foto: Norman Weiß
Foto: Norman Weiß

Eigentlich ist es müßig nun auch noch in eines dieser Hörner zu stoßen, von denen gestern bereits der Speichel von Biller, Weidermann, Mangold, Dath, Ungerer, Stahl, Bartels und Konsorten troff. Erster Stein des Anstoßes war wohl Florian Kesslers Kommentar in der ZEIT, in dem er monierte, dass nur Kinder der oberen Mittelschicht heutzutage die deutsche Gegenwartsliteratur bevölkern. Biller schließt sich, ohne sich direkt auf Kessler zu beziehen, an, “seit der Vertreibung der Juden” sei nur noch diese Mittelschicht der Literatur am Ruder, die nur Mittelschicht in der Literatur hervorbringe. Biller wiederum hat damit in den letzten 10 Tagen unzählige, oben verlinkte, Repliken provoziert. Erfreulicherweise nicht nur von älteren Damen und Herren des “Hoch-Feuilletons”, sondern z.B. auch von Sophie bei Literaturen.

Die Gegenwartsliteratur, könnte man die meisten kritischen Stimmen runterbrechen, beziehe sich immer nur auf die Aufarbeitung von Nazideutschland und der DDR. Die wirklich aktuellen, also gegenwärtigen Themen, würden gar nicht behandelt.

Zwangsläufiger Nebeneffekt dieser Diskussion ist das Ausrufen neuer Helden. Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel Endlich Kokain und seinen Autoren Joachim Lottmann als “mögliche Rettung der Gegenwartsliteratur”, Ijoma Mangold lobt Per Leo für die gekonnte Bearbeitung der “Standardsituation” Nazi-Opa und in der FAS von letzter Woche wurde u.a. der neue Roman Feridun Zaimoglus Isabel von Volker Weidermann derart empor gehoben, dass Norman und ich ihn, unabhängig von einander, erwarben.

Unter den Beispielen, die Weidermann nannte, war auch “Isabel” von Feridun Zaimoglu. Ein Buch, das “einem echt den Hut vom Kopf” fege, mit stakkatohafter, schneller und genauer Sprache. Weidermann nennt ihn den “repräsentativste[n] deutsche[n] Autor unserer Zeit. Unser[en] Thomas Mann.”

Norman Weiß zitiert Volker Weidermann

9783462046076Derartig angefixt suche ich also sofort meinen Bücherdealer auf. Hundert Seiten später kann ich sagen: deutsche Gegenwartsliteratur spielt – natürlich – in Berlin, aber nicht dort wo die Hippen aus der Werbebranche Smoothies schlürfen, sondern am Rand der Gesellschaft, die Ausgestoßenen der Generation Praktikum. Isabel titelgebende Protagonistin hat sich gerade von ihrem wohlhabenden Freund getrennt, ist ein etwas in die Jahre gekommenes Model und hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Essen der Wohlfahrt über Wasser. Sie streift durch die Stadt und trifft andere Versprengte, “Verrückte, aber nicht Verkommene”. Nach dem Selbstmord einer ihrer Freundinnen lernt sie deren Ex-Freund, einen Ex-Soldaten kennen und die Welt des desillusionierten Models trifft auf die des desillusionierten Legionärs.

Es tut mir leid Gegenwartsliteratur aber so wirst du nicht gerettet! Bereits die Geschichte, erscheint in ihrem die Hauptstadt-abseits-der-Hippster, abgedroschen und beliebig, als hätte es das nicht schon halb so oft wie den Nazi-Opa gegeben? Ein abgehalfteres Model und ein Soldat sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht werden, aber gerade auch nicht das Gegenteil genug um spannungsgeladene Reibung zu erzeugen. Model und Soldat sind uninspiriert und abgedroschen.

Die stakkatohafte, schnelle und genaue Sprache ist, gerade ohne packenden Inhalt, derart ermüdend, dass man bei Dialogen wie “Das ist ja schön. – Keine große Sache. – Aber eine Chance, sagte Isabel.” schnell an das Ende der Lektüre denkt. Kurze Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, mögen zu Beginn der Beschreibung (“Staub des Kosovo. Ödland. Schwelender Himmel.”) der Schilderung Zug verleihen, über Absätze schlägt der Effekt ins Gegenteil und am Ende der seitenlangen Ausführungen wird der Leser schlicht gelangweilt.

Man entschuldige dazu mein Brett vorm Kopf, aber die Anführungszeichen, der Volksmund nennt sie Gänsefüßchen, wurden erfunden, damit der Leser der wörtlichen Rede folgen kann, ein Service des Autors an den Leser. Aber auch egal, steht ja immer “sagte xyz” dahinter, selbst Fragen werden gesagt. Das erscheint zwar vordergründig, als kleinlich von mir, nur geben die folgenden drei Zeilen ein sehr deutliches Abbild der Monotonie derartig zerhackter Lektüre.

Wo wollen Sie hin?, sagte die Chefin.
Das hat hier keinen Sinn mehr, sagte Isabel.
Ich habe alles mitbekommen, sagte die Chefin zur Blinden, fast alles.

Prinzipiell kann ich der Vermittlung von Inhalten in klarer Sprache viel abgewinnen, nur möge der Autor bitte die Waage halten zwischen Protokoll und Erzähltext. Mitnichten muss man in überbordendem, blumigen Stil schreiben, um mich, wenn nicht zu begeistern, doch wenigstens zu überzeugen; aber das Memo zweier Leben in Berlin, langweilt mich; in Stil und Inhalt.

Kein Beckett und kein Thomas Mann – aber ein Autor dieser Zeit

Als ich das begann, war’s nicht unter dem Aspekt einer möglichen Publikation. Das mendelte sich erst allmählich heraus, nachdem ich selber mehr und mehr das Gefühl hatte, damit ein Stück zeitgenössischer Kulturgeschichte zu fixieren.

13. Februar 1998

Vor allem durch die Lektüre von Michael Maars Heute bedeckt und kühl – Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf bin ich auf die Tagebücher von Fritz J. Raddatz aufmerksam geworden.

Raddatz war bereits mit 22 Leiter der Auslandsabteilung und stellvertretender Cheflektor des Verlags Volk und Welt in der DDR, nach seiner “Flucht” in die BRD wird er, noch keine 30, Stellvertreter und engster Mitarbeiter von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt im Rowohlt Verlag. Von 1976 bis 1985 leitete Raddatz das Feuilleton der ZEIT, bis er über ein falsches Goethe-Zitat stolperte und abgesägt wurde. Zu jeder Zeit war FJR ein Beobachter und Kritiker, vor allem der Kultur. Befreundet u.a. mit Günter Grass, Rolf Hochhuth und Paul Wunderlich, in Kontakt mit Helmut Schmidt, Susan Sontag, Thomas Brasch, Rudolf Augstein, Kempowski und Frank Schirrmacher und bereits früher Beobachter der Gruppe 47 und der gesamten Literaturszene der BRD.

raddatz_tagebücher_covHört man aus zweiter oder dritter Hand was Fritz J. in seinen Tagebüchern von sich gibt, kann oder muss er einem unsympathisch sein. Niemand, auch nicht seine Freunde, sowieso bei ihm ein sehr vager Begriff, kommt durchweg gut weg. Einzig Frank Schirrmacher wird zu keinem Zeitpunkt “zerstört”, nur mal leise gescholten. Am Schlimmsten aber trifft es Siegfried Unseld, Helmut Schmidt, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Rudolf Augstein.

Der – wegen Feuilleton – im Rollkragen auftauchende Schmidt, der vorgibt über alles Bescheid zu wissen, aber von Kultur, so FJR, keine Ahnung hat, die geschönte Widerstandsvergangenheit der Gräfin Dönhoff, der ewig betrunkene “busengrapschende Millionär […] Herr Wurm” Augstein, der spießige Millionär Bucerius in seinen Strickhemdchen, der sich anmaßt zu urteilen, weil er besitzt usw. usf.

Dass seine Tagebücher nicht “ein einziges Sammelsurium von Gemeinheiten, Lügen oder auch bösartigst-voyeuristisch notierten wahren Begebenheiten”, wie FJR über die Tagebücher von Hubert Fichte notiert, werden, liegt daran, dass man mit voranschreitender Lektüre den Menschen hinter den Zeilen kennenlernt und lieb gewinnt. Raddatz mag ein spitzzüngiger Spötter sein, aber er ist eben auch ein sensibler Mensch, dessen menschliche Enttäuschungen sich in seinen, wohl zu Beginn nicht zur Veröffentlichung gedachten, Tagebüchern notiert. Ständig kämpft er damit nicht als Autor, obwohl er Romane schreibt, sondern nur als Journalist, als Schreiberling über die Werke der anderen wahrgenommen wird. Fehlende Anerkennung, ein dünnes Fell und eine gehörige Portion Wehleidigkeit dies macht auch einem gefeierten Journalisten mit Zweitwohnsitz auf Sylt, Champagner und erlesenen Kunstwerken zu schaffen.

Warum aber verspürt man keine “wachsende Enttäuschung, [weil] doch fast nur dünn aufgegossener Literatur-Klatsch (mit sehr/zu vielen Einschüben von Attacken auf ihn, zumal über Leute und Phänomene, die heute meist vollkommen verblaßt – was allerdings dem Herrn FJR mit seinen Tagebüchern ebenso passieren wird!)” wie Raddatz über die Lektüre der Tagebücher von André Gide notiert? Weil FJR immer wieder auch auf frappierende Weise ehrlich ist, nicht nur mit seinen Mitmenschen, sondern eben auch mit sich selbst. Er spricht über die eigene Arroganz und seinen Stolz bis zum Dünkel, über die Enttäuschungen und den Tod. Er weiß, dass wohl wenige so hohe Ansprüche an ihre Mitmenschen haben wie er und Helmut Schmidt im Gegensatz zum Großteil der Deutschen sicher ein ausgemachter Kulturfachmann ist. (Wahrscheinlich ist Raddatz in Hamburg, Nizza oder auf Sylt explodiert, als Schmidt in der ZEIT seine Kunstsammlung vorstellen durfte.) Mit dieser Ehrlichkeit durchleutet er den Kulturbetrieb, die Sehnsucht aller Künstler nach Anerkennung, die Ränkespiele untereinander, Intrigen und Fallen, er selbst meist nur Beobachter und Erzähler, er demaskiert die Welt um sich herum, zu der wir alle keinen Zugang haben.

 Die Gruppe 47 in Berlin im November 1965 (v. l. n. r.): Walter Höllerer (dahinter Fritz J. Raddatz), Erich Fried, Marcel Reich-Ranicki, Walter Mannzen, Andrej Wirth © von Mangold
Die Gruppe 47 in Berlin im November 1965
(v. l. n. r.): Walter Höllerer (dahinter Fritz J.
Raddatz), Erich Fried, Marcel Reich-Ranicki,
Walter Mannzen, Andrej Wirth
© von Mangold

Fritz J. Raddatz mag ein Zyniker sein, er ist aber auch ein der bedeutensten Literaturkritiker unseres Landes und auch in dieser Funktion scheut er nicht vor der Demontage großer Namen. Proust? “Stefan Zweig ist ja Kafka dagegen.” Dürrenmatt? “Mir schien nämlich schon bei der Vorbereitungslektüre, daß Dürrenmatt etwas dumm ist.” Döblin? “Niemand, der so und derlei heute schriebe, käme damit durch. Und es ist nicht Zeitgebundenheit, sondern pure Sorglosigkeit, wenn nicht schriftstellerisches Unvermögen.” Wie Raddatz Literatur auf den Punkt bringen kann, er vermag den Stil eines Autoren in einem Satz einzuschmelzen – verblüffend.

[Über Adolf Muschg]

Das [Gespräch] verlief nett, routiniert, flach: wie seine Literatur. Sie ist ohne Fehl und Tadel, ordentlich gebaute Sätze schmoren auf der Flamme einer kleinen Phantasie; nie und nirgendwo wird die Sphäre des „ganz brav“ durchstoßen: mit einem Wort: gefällig. Gehobene Unterhaltungsliteratur für das gebildete Publikum.

28. August 1993

Dazu kommen herrliche Anekdoten aus dem deutschen Literatur- und Kulturbetrieb: Grass kann in hohem Alten noch einen Kopfstand machen, wer bei wem mit wem Essen war und dabei zu tief in Glas schaute, wie Horst Jansen Ernst Bloch beleidigt, später ins Bett bringt und dann die Füße küsst.

Dass ein Fritz J. Raddatz nicht ohne Kritiker bleibt, und seine Äußerungen wiederum Kritik nach sich ziehen, zeigt nicht nur der oben verlinkte ZEIT Artikel von Theo Sommer, seinem damaligen Chefredakteur, auch aus den Tagebuchnotaten geht hervor, dass FJR zumeist aufgrund seiner streitbaren Persönlichkeit heftiger Wind entgegenweht. Die Tagebücher waren ein absehbarer Skandal.

Sie sind die Geschichte eines Intellektuellen und Menschenfeindes, eines Genießers und eines Zweifelers, eines Spötteres und Kritikers, Raddatz war Verleger, Journalist, Essayist und Autor oder wie Theo Sommer schreibt: „Genie, Geck, Galan – Paradiesvogel, Polemiker, Provokateur“. Die Tagebücher sind aber auch die Geschichte des Nachkriegsjournalismus, der deutschen Literatur nach 1945 und einer interessanten Persönlichkeit.

Wie er selbst (allerdings in Bezug auf seine Romane) sagt, ist FJR zwar kein Beckett und kein Thomas Mann – aber eben ein Autor seiner Zeit.

Am 7. März erscheinen bei Rowohlt die Tagebücher 2002-2012, ein weiterer Skandal ist vorprogrammiert.

Die schönste Buchhandlung Deutschlands

Die Negativschlagzeilen über Amazon, aber auch die Notwendigkeit seinen Wohnort als Wirtschaftsstandort zu unterstützen habe ich bereits ansatzweise in meinem Artikel Global denken, lokal kaufen verarbeitet, trotzdem bin ich weiterhin sprunghaft in meinem Kaufverhalten. Bin ich zwar standhaft geblieben keine Bücher mehr über Amazon zu bestellen, fehlt mir für das konsequente lokale Kaufen der Buchhändler, bei dem ich mich richtig wohl und aufgehoben fühle. In Münster gibt es zwar mit Poertgen-Herder einen sehr gut sortierten Buchhandel, der allerdings von Thalia geschluckt wurde und daher ein gewisses “Geschmäckle” hat, in den kleineren Buchhandlungen war mir z.T. der Service zu unfreundlich, die Auswahl nicht nach meinem Geschmack. In Dortmund, wo ich arbeite, kenne ich nur die Mayersche, die zwar die Fahne der Tradition sehr hochhängt, aber auch viel Nippes feilbietet und starke Großbuchhandlungsanwandlungen hat. In Bad Hersfeld ist die Stadt wohl leider zu klein und Amazon zu übermächtig, als dass sich eine Buchhandlungskultur abseits des Mainstreams halten könnte (die Hoehlsche schlägt sich zumindest tapfer).

Nun, im Osterurlaub im Schwarzwald, habe ich die Buchhandlung gefunden. Die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg zeigt wie es gemacht wird! Eine Buchhandlung in der grundsätzlich (!) alle (!) Bände der Bibliothek Suhrkamp, Insel Bücherei, Manesse Bibliothek, auch in Leder, die Bibliothek Deutscher Klassiker, ebenso auch in Leder, und die Bände der Reihe Winkler Weltliteratur in Dünndruckausgaben vorgehalten werden und mir beim Betreten schon die gesamte Reihe der Hanser Klassiker-Neuübersetzungen anbietet, kann (bei mir) nur gewinnen. Dazu kommen einige wenige ausgewählte Weine und wunderschöne Skulpturen, die aber nicht, wie bei Thalia, ihren eigenen Wühltisch mit Handytaschen und Knetgummi teilen, sondern sich in den Regalen fast verstecken – das Buch bleibt immer im Vordergrund. Zu der erlesenen Auswahl aus dem Klassikerbestand kommen im vorderen Teil des Ladens ausgesuchte Neuerscheinungen; ausgewählte antiquarische Bücher muss man nicht erst aus einem Wust von Reiseführern der Ukraine von 1964, Salatkochbüchern der 50er und vergilbten Krimis suchen, sondern auch hier haben Herr Bader und sein Team bereits sortiert – jeder Griff ein Treffer.

Gerade diese Auswahl ist es, die eine solche Buchhandlung abhebt, denn man braucht eben nicht ein Angebot von allem, sondern man hat seinen Buchhändler der aus den Neuerscheinungen, Klassikern und antiquarischen Büchern bereits ausgewählt hat.

Weitere Vorzüge im Schnelldurchlauf: es gibt eigene Sondereditionen der Buchhandlung zum Wetzstein im Rahmen der 5plus Buchhandlungen, einer Empfehlungsgemeinschaft einer kleinen Gruppe von Buchhandlungen, viele aktuelle signierte Bücher (z.B. von Coetzee, Enzensberger, Nooteboom, Rushdie u.v.a.m.), einen regelmäßig erscheinenden Wetzsteinbrief mit Empfehlungen und Lesungen von Hochkarätern wie Bruno Ganz oder Cees Nooteboom.

Aber, und hier gebe ich zu, ohne zu übertreiben, hatte ich fast Tränen in den Augen, was in so mancher Vitrine in dieser “Buchhandlung” (ein Begriff, der spätestens jetzt nicht mehr passt) steht, liegt und hängt, lässt einem nicht nur das Herz höher schlagen, sondern jagt einem eine Gänsehaut über den Rücken: Briefe von Erika, Heinrich und Thomas Mann, eine Postkarte von Thomas Bernhard, ein Brief von Ingeborg Bachmann, Briefe von Heidegger und ein Brief von Friedrich dem Großen, um nur einige Highlights zu nennen; in weiteren Vitrinen eine Reihe von Erstausgaben Thomas Manns und Werkausgaben vieler weiterer großer deutschsprachiger Schriftsteller, bewacht von dem berühmten Goethebild von Joseph Karl Stieler und auch hier die Liste nicht annähernd abschließend.

Weiteres Highlight handgeschriebene Gedichte und Zitate großer deutscher Lyriker, die es käuflich als einzelne Bögen, aber auch in Mappen zu erwerben gibt; dieselbe wunderschöne Handschrift ziert auch die Preisschilder, die kleinen Informationen, die manchen Bücherstapel schmücken und die Kategoriewegweiser der Regale.

Zu guter Letzt ist das Team der Buchhandlung zum Wetzstein nicht nur freundlich und zuvorkommenden, sondern, wie man bereits an deren Vorauswahl sieht, äußerst kompetent und hilfsbereit. Bei meinen zwei Besuchen habe ich mich in einer Atmosphäre der Gleichgesinnten sehr wohl gefühlt und lägen nicht 543 km zwischen meinem Wohnort und meinem Bestimmungsort – ich käme täglich und sei es nur zum musealen Schauen und Verweilen.

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Ich danke Herrn Bader und seinem Team für die beiden freundlichen Gespräche und vor allem dafür, dass es einen solchen Laden in Deutschland noch gibt – möge er uns erhalten bleiben. Falls Nachwuchs gesucht wird, bin ich gerne zu einem Umzug nach Freiburg bereit!

Zum Nachruf auf Thomas Bader