Zurück zum Content

Kategorie: Feuilleton

Was willst Du mehr?

Bei dem Treffen der Paten der Leipziger Buchmesse erschienen, wie berichtet, u.a. die drei Preisträger und viele der weiteren Nominierten und waren zum großen Teil uns Bloggern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich war informiert worden, dass auch Klaus Binder, der Übersetzer von Lukrez, sein Kommen angekündigt hatte. Nicht im klassischen Sinne aufgeregt war ich, sondern vielmehr gespannt auf den Austausch und etwas sorgenvoll, ob der kritischen Nachfragen, die kommen könnten, schließlich hatte ich offen mit meinen mangelnden Lateinkenntnissen kokettiert und bin auch kein versierter Philosophiekenner. Doch Herr Binder kam nicht. Nachts erhielt ich stattdessen eine Email, die ich in Ausschnitten veröffentlichen möchte.* Weiterlesen Was willst Du mehr?

7s Kommentare

Bloggerpate

Ich hatte zu dieser Buchmesse in Leipzig die Freude – die war es! – Bloggerpate zu sein. Ob es eine Ehre war, weiß ich (noch) nicht. Evaluieren wir:

Ausgangssituation
Als ich vor fast drei Jahren 54books startete, war es bereits kein Problem mehr für die Buchmesse in Frankfurt oder Leipzig ein Akkreditierung zu erhalten. Der Presseausweis erlaubte den freien Eintritt an allen Messetagen, die Nutzung von speziellen Räumen, Parkplätzen etc. pp. In dieser Welt waren die Blogger nicht akzeptiert, aber zumindest geduldet.

In diesem Jahr wollte die Leipziger Buchmesse vieles anders und sollte auch vieles richtig machen. Jeder Nominierte für den Preis der Messe erhielt einen Blogger als Pate. Die Blogger hatten sich hierfür mit Hilfe eines einfachen Fragebogens zu bewerben und aus knapp 80 Bewerbungen wurden 15 ausgewählt. Die Paten erhielten das zugeteilte Werk in zweifacher Ausführung, eine Einladung zur Eröffnung im Gewandhaus mit anschließendem Empfang und eine Pressekarte für die Preisverleihung selbst. Auf der Messe selbst gab es, nicht nur für die Paten, einen eigenen Bereich, die Bloggerlounge, mit freiem W-Lan und Kaffee, günstigeren Snacks als auf dem Rest der Messe, Arbeitsplatz und Ruhe. Leipzig war hier ein Vorreiter und dies ist schon zu loben.

Trotzdem gab es bereits im Vorfeld Kritik. Bei Facebook wurde unter Paten und Außenstehenden diskutiert, warum sich Blogger für diese verhältnismäßig geringe Gegenleistung vor den Werbekarren der Messe spannen lassen. Wäre es nicht adäquat den Paten für den Zeitraum der Messe oder zumindest der Eröffnung und Preisverleihung auch eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, wie viel Gratiskaffee muss man konsumieren, um Hotel- und Reisekosten wieder einzuspielen?

Für mich und, wie ich in persönlichen Gesprächen erfahren habe, wohl die meisten Paten stand bereits vor der Ernennung der Messebesuch fest, ein Zuschuss im Sinne von einigen wenigen Vergünstigungen nahm man gerne mit, mehr zu verlangen, ist in dieser Gratisbranche nicht üblich. Die Frage, ob man nun Geld für eine Rezension zu einem bestimmten, nicht selbstgewähltem Buch und die Eröffnung von Reichweite für Werbung hätte fordern können, sollen, müssen, kann ich hier ebensowenig beantworten, wie die Diskussionen im Facebook und vis à vis dies konnten. Stattdessen möchte ich lieber einige andere Aspekte der Messe und Patenschaft beleuchten.

Begegnung mit Verlagen
Zu Beginn dieser Seite bin ich auf Verlage zugegangen, fast immer netter Kontakt, die Aufnahme in etliche Presseverteiler und die Möglichkeit Rezensionsexemplare zu bestellen, die Folge. Inzwischen, und das fiel mir bei dieser Messe besonders positiv auf, wenden sich Verlage an Blogger. Mehrere Termine waren nicht auf meine Initiative, sondern auf die der Verlage zurückzuführen. Man sitzt beisammen und hier ist die Augenhöhe, die einem von der klassischen Presse verwehrt wird. Bei Manesse und der DVA nehmen sich Verleger, Pressechefin und Lektorat die Zeit mit knapp zehn Bloggern in Austausch zu treten. Während die eine Hälfte zum letzten Termin des Tages aufbricht, lädt Manesse Verleger Dr. Horst Lauinger zum Sekttrinken, der auch Peer Steinbrück, auf meine dreiste Einladung hin, folgt.

Foto: Jochen Kienbaum
Foto: Jochen Kienbaum

Der Suhrkamp Verlag, der ungebrochen viel Aufmerksamkeit im klassischen Radio- und Zeitungsfeuilleton erhält, lädt Blogger zum Kennenlernen einzeln an den Stand, denkt wie Kiepenheuer & Witsch, DuMont oder Hanser darüber nach mehr Aktionen speziell für Blogger zu organisieren, aktiv auf diese zuzugehen. Dies tun sie nicht nur, wie Argwöhner sofort bemängeln werden, um günstige Werbung abzugreifen – die bekommen sie in der klassischen Presse auch – sondern weil der Einfluss dieser ab- und der der Blogger zunimmt.

Begegnung der Paten
Ganz anders und am Anfang sehr ernüchternd verläuft dagegen das Aufeinandertreffen der Nominierten und Paten in der Bloggerlounge. Obwohl eine erfreulich große Anzahl von Autoren und Übersetzern, inklusive der drei Preisträger, erscheinen und sich den Fragen der Mitorganisatorin und Moderatorin Vera Lejsek stellen, geben fast alle sehr offen zu, dass sie von der Patenaktion erst sehr spät – wenn überhaupt – von ihren Verlagen gehört haben und Literaturblogs ihnen zumeist fremd sind. Aber nicht etwa, weil sie hieran kein Interesse hätten, nein vielmehr weil sie über diese gar nicht informiert werden.

Im Gespräch nähert man sich indes immer weiter an, auch weil das Treffen, trotz Podium, ohne jeden Zwang und offen abläuft. Übersetzungs-Preisträgerin Mirjam Pressler ist völlig begeistert von der Aktion und einer Nische der Literaturkritik, die sich ihr bisher entzogen hat. Die Nominierten und Preisträger haben am Ende viel mehr Fragen an die Blogger als umgekehrt. Vor allem Fragen nach der Zeitintensität und wie diese zu bewältigen ist, nach der Motivation ohne pekuniäre Gegenleistung zu schreiben und nach Rezensionsstilen beschäftigen Autoren und Übersetzer gleichermaßen.

IMAG4221Tolle Beispiele für das Potenzial des Modells Bloggerpaten gibt es bereits im ersten Jahr. Tobias Nazemi von Buchrevier hatte im Vorfeld der Messe Kontakt mit Jan Wagner, dem sehr sympathischen Preisträger im Bereich Belletristik, ein Interview kam per Telefon zustande und Tobias hat sich so für Jan gefreut, als sei er selbst ausgezeichnet worden. Nach dem offiziellen Teil stehen sie gemeinsam in einer Ecke und plaudern. Glänzendes Beispiel für den Austausch ist ebenso der Älteste der Nominierten Moshe Kahn. Fast freundschaftlich winken Mara und er sich zu, als er kommt. Sie hatten mehrfach Kontakt, Moshe Kahn hat sogar im Blog kommentiert, ihr von den Schwierigkeiten der Übersetzung und dem Lesen des 1500 Seiten starken, arg verschachtelten Roman Horcynus Orca, erzählt. Besser geht es nicht!

Die Autoren und Übersetzer wussten also leider fast nichts von den Patenschaften und sind umso begeisterter. Was wäre möglich gewesen, wäre im Vorfeld anders kommuniziert worden? Daher muss diese Aktion wiederholt werden, nur unter anderen Vorzeichen! Die Autoren wollen – zum Großteil – sogar einbezogen werden, sind neugierig und haben Spaß daran mit uns zu arbeiten.

[Warum nun gerade die Verlage, die ich oben ausdrücklich für Transparenz und Einbeziehung gelobt habe, eine deutlich größere Aktion als normale Besprechungen nicht anders kommuniziert haben, ist mir ein Rätsel.]

Der Unterschied
Blogger begreifen ihr Tun als Spaß, als Hobby und arbeiten daher mit der intrinsischen Motivation nicht für Geld zu schreiben (schreiben zu müssen), sondern aus Freude an und Liebe zur Literatur. Bei einigen Buchbloggern führt das zu kindlichem und jugendlichem Überschwang, der sich nicht selten in völlig inhaltslosen “Klappentext + Ich habe das Buch verschlungen”-Rezensionen niederschlägt, bei den ernstzunehmenden Literaturbloggern zu Leidenschaft und fundierten Besprechungen.

Eins ist klar: allein der wirtschaftliche Unterbau und die Vermarktung trennt Blogger und klassische Presse weiterhin und bis auf weiteres. Warum unsere Besprechungen aber per se von minderer Qualität sein sollen, legt niemand schlüssig dar. Diese These, die viele Journalisten als Monstranz vor sich her tragen, wird leider viel zu selten in den klassischen Medien mit Leistung gerechtfertigt. Die Blogger – und das zeigt diese Messe eindrucksvoll – sind nicht nur auf Augenhöhe mit den Journalisten klassischer Medien, sondern ihre Arbeit ist teilweise sogar besser, man sehe sich nur diese Beiträge an.

21s Kommentare

Über die Natur der Dinge

Mein Patenkind ist sehr alt, hat aber ein anmutiges Äußeres.

Die Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Blogger eingeladen die Verleihung des Preises ebendieser zu begleiten. Hierzu wurden per Aufruf Paten gesucht, die jeder eines der insgesamt 15 Nominierten (je 3x fünf Bücher aus den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung) unter ihre Fittiche nehmen sollten. Die Wahl der Jury fiel auch auf mich und man band mir diesen 2000 Jahre alten Schinken ans Bein. Wehe dem, der sich Klassiker auf die Fahnen schreibt.

Weniger schrecken mich Umfang oder Sprache als die Schwierigkeit einem philosophischen Werk mit derartigem Ruf gerecht zu werden. Entgegen meines eigentlichen Vorhabens mich erst mit massig Sekundärliteratur auszurüsten und vorzuinformieren, nehme ich mir Über die Natur der Dinge in der Neuübersetzung von Klaus Binder erschienen bei Galiani Berlin ohne Einarbeitungsphase vor.

Doch man wird zum Glück nicht direkt in den Text gestoßen, sondern von Stephen Greenblatt kurz aber informativ in das Werk eingeführt, Klaus Binder erklärt vor dem Start noch warum Lukrez lesen und wie, dann kann es losgehen. Vorwort und Kommentare regen immer wieder, der Leser solle sich auf den Text einlassen. Also hinein.

In medias res

Lukrez schreibt an und für Gaius Memmius, den Spross einer alten römischen Aristokratenfamilie und legt ihm in sechs Büchern seine stark an Epikur angelehnte Philosophie dar. Er beginnt mit den Urelementen und erklärt den Aufbau der Welt: Atome und Leere, sonst nichts. Anhand von vier Lehrsätzen wird die Basis des Verständnisses des Buches und der gesamten Philosophie Lukrez‘ in nuce dargelegt.

  • Aus Nichts entsteht nichts.
  • Alle Materie besteht aus kleinen Partikeln.
  • Gibt es Körper, muss es auch Leere geben.
  • Eigenschaften und Ereignisse, beide sind von Körpern nicht zu lösen.

Dem Du des Lesers dröselt Lukrez geduldig die Lehre Epikurs auf und legt dar: Das Universum besteht aus Atomen und Leere – das war’s. Es gibt keine mysteriösen, religiösen Urkräfte, die geschaffen haben. Obwohl Lukrez wohl an die Existenz von Göttern geglaubt hat, sprach er ihnen sämtlichen Einfluss auf die Gestaltung der Welt ab. Gott ist zwar nicht tot, aber er kann nichts. Nach Beweis der Grundlagen seiner Philosophie zerlegt er noch schnell etwaige andere Ansichten von Heraklit und Genossen, Empedokles und Anaxagoras und schreitet in großen Schritten voran die Welt bis ins Kleinste zu entschlüsseln.

Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass vor zweitausend Jahren ein Mensch gelebt hat, der viele Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft vorausgeahnt hat, sogar die Grundzüge des Darwinismus hat Lukrez vorweggenommen, denn seiner Ansicht nach entstand der Mensch nur als Ergebnis des sich immer wieder paarenden Zufalls, der Verbindung der Urelemente. Erschreckend und erstaunlich in wie viel der Autor “einfach” richtig lag. Und doch ist Lukrez vielmehr Denker als Prophet. In den folgenden Büchern werden Seele und Sinne, Liebe und Tod, Natur- und Menschengeschichte, das Werden der Welt und ihre Vergänglichkeit erörtert.

Weil der Autor seinen Adressaten duzt, fühlt sich der Leser immer wieder direkt angesprochen und sich so in den Text einbezogen. Die reichen Kommentare Binders zu Wirkungsgeschichte, Übersetzung, Hintergrund, Geschichte und Rezeption vermitteln das Gefühl der Übersetzer würde in Dialog mit dem Leser treten, als würde man das Werk gemeinsam erschließen.

Gott ist zwar nicht tot, aber er kann nichts

Es gibt wenig was so früh der christlichen Schöpfungsgeschichte derart zuwider gelaufen ist und damit lässt sich auch der Hass Vieler über Jahrhunderte und -tausende erklären, den Lukrez auf sich zog. Ein Gott ohne Macht kann auch keine Angst erzeugen, das Geschäft der Kirche bis in die Neuzeit hinein beruht(e) aber auf dem Schüren von Ängsten – ohne Gott, Teufel und Fegefeuer auch schlechter Absatz von Ablass.

Die zwangsläufigen Gegner des Philosophen versuchten sein Werk zu vernichten und attestierten ihm eine Geisteskrankheit. Im Mittelalter war Lukrez‘ daher nahezu vergessen, bis Poggio Bracciolini 1417 in einem deutschen Kloster die letzte erhaltene Abschrift von De rerum natura entdeckte und die Leser und Bewunderer über Jahrhunderte Namen wie Montaigne, Marx und   Diderot trugen. Einstein schrieb für die Übersetzung Diehls das Vorwort, die Übersetzung durch von Knebel wurde von Goethe angeregt. Die Gründe für die Wiederentdeckung und hymnische Verehrung nennt Greenblatt im Vorwort: die leidenschaftliche Kraft des lukrezschen Denkens, die ungeheure Sprachgewalt seiner Dichtung, ihre wunderbaren Metaphern, ihre stilistische Raffinesse, machten es schier unmöglich, diesen Text einfach zu übergehen.

Ein Lehrgedicht in Prosa.

Eigentlich wollte ich mir den Spaß gönnen, mein seit zehn Jahren nicht, außer zum Hinweis auf meine mangelnden Mathekenntnisse (iudex non calculat), genutztes Latein zu prüfen. Aber bereits der Anfang der von mir erwählten Stelle lässt mich zurückschrecken:

Tum porro quoniam est extremum quodque cacumen
corporis illius, quod nostri cernere sensus
iam nequeunt, id ni mirum sine partibus extat
et minima constat natura nec fuit umquam

Statt mich im Internet bloßzustellen, lasse ich den Google Übersetzer ran, der zumindest die Vokabeln alle kennt:

Dann ist wieder, daß das Ende jedes Gipfels
dieses Körpers, zu sehen, welche der Sinn ist unser
, die sich nicht mehr, die nicht die überraschende Teil war ragt ohne
und er zu den kleinsten der Natur war zu keinem Zeitpunkt ist offensichtlich,

Bereits die Kommasetzung ist eigen, der Text natürlich, wenig überraschend, unverständlich. (Besondere Freude bereitet es übrigens, wenn man Google den Originaltext mit italienischem Akzent vortragen lässt!) Es wird besser liest man eine richtige Übersetzung*:

Da nun ferner ein äußerster Punkt in jeglichem Körper
Da ist, den mit dem Auge wir keinesweges erfassen,
Muss unteilbar er sein, das Kleineste seiner Natur nach.
Niemals hat er besonders für sich als Körper bestanden,
Kann auch nie so bestehn, er ist ja selber des andern
Erster und letzter Teil: es reihen dann ähnliche Teilchen
Eins an das andre sich an und füllen, zusammen in einen
Dichten Haufen gedrängt, des Körpers ganze Natur aus.

Immer noch ziemlich kryptisch was Karl Ludwig von Knebel übersetzte, was Hermann Diel wie folgt verarbeitete:

Weil nun ein äußerster Punkt bei jenem Urelemente
Ist, das unseren Sinnen schon nicht mehr zu schauen vergönnt ist,
So kann dieser natürlich nicht weitere Teilchen besitzen,
Sondern ist schlechthin das Kleinste, das nie für sich hat bestanden
Als selbständiger Teil und nie als solcher bestehn wird.
Denn es ist selbst nur des anderen Teil, und zwar nur das eine
Erste, wie andere dann und andere ähnliche Teilchen
Dicht aneinander sich reihen, um so das Atom zu gestalten.

Beides natürlich viel gefälliger als Google oder ich das könnten, aber immer noch beschwerlich. Nun aber aufgepasst. Klaus Binder hat die Ehre:

Für jedes Urelement gibt es stets einen äußersten Punkt, den unsere Sinne längst nicht mehr wahrnehmen können, und dieser kann nicht mehr teilbar sein: Er ist tatsächlich das Allerkleinste. Diese Minima allerdings haben niemals als Ding selbstständig für sich bestanden, werden dies auch niemals tun, denn sie sind ja selbst uranfängliches, zugleich einheitliches Teil von etwas anderem.

Binder selbst spricht von einer Übertragung nicht von einer Übersetzung. Dies ist allein schon daher notwendig, da er die Lyrik in Prosa auflöst und zu dieser Entscheidung kann man nur gratulieren. Den Sprachfluss des Lateinischen Originals wird man zweitausend Jahre später nicht ins Deutsche übertragen können und die Transposition in eine verständliche, aber angemessene Prosasprache tut Werk und Inhalt spürbar gut. Schlussendlich verliert die Sprache Lukrez‘ nichts, sondern scheint vielmehr durch die poetisch, bildhafte Sprache Binders zu gewinnen.

Sieh nur genau hin, wenn die Sonne in einen dunklen Raum zu dringen vermag und ihr Licht in einzelnen Strahlen durch diesen sendet: Viele winzige Stäubchen wirst du sehen, wie sie sich im leeren, vom Licht hellen Raum mischen auf vielerlei Weise: Als lägen sie in endlosem Streit, kämpften pausenlos miteinander in immer neuen Verbänden, angetrieben zu immer neuer Verknüpfung und wieder Trennung. Dies mag dir eine Vorstellung davon geben, wie es sich verhält mit den Urelementen, die im leeren Raum in unaufhörlicher Bewegung begriffen sind.

In der Übersetzung Diels dagegen erkennt man zwar die Schönheit der Sprache, die Aussagekraft des Bildes, aber sie bleibt meiner Meinung nach hinter der Übertragung Binders zurück, der es schafft die Lesbarkeit zu steigern und trotzdem Fluss und Sprache zu erhalten.

Folgendes Gleichnis und Abbild der eben erwähnten Erscheinung
Schwebt uns immer vor Augen und drängt sich täglich dem Blick auf.
Laß in ein dunkeles Zimmer einmal die Strahlen der Sonne
Fallen durch irgendein Loch und betrachte dann näher den Lichtstrahl:
Du wirst dann in dem Strahl unzählige, winzige Stäubchen
Wimmeln sehn, die im Leeren sich mannigfach kreuzend vermischen,
Die wie in ewigem Kriege sich Schlachten und Kämpfe zu liefern
Rottenweise bemühen und keinen Moment sich verschnaufen.
Immer erregt sie der Drang zur Trennung wie zur Verbindung.
Daraus kannst du erschließen, wie jene Erscheinung sich abspielt,
Wenn sich der Urstoff stets im unendlichen Leeren beweget,
Insofern auch das Kleine von größeren Dingen ein Abbild
Geben und führen uns kann zu den Spuren der wahren Erkenntnis.

Und Binder selbst erklärt den Zauber in den wunderbaren Worten Lukrez lesen heißt, (wieder) lernen, sich solchem Taumel und Tanz [der Sprache] zu überlassen. Gibt aber zugleich zu bedenken, dass es sich nicht um Lektüre für Minuten handelt, denn dazu ist uns dieser Text wirklich zu fern, manches wissen wir trotz unserer historisch kaschierten Sinnlichkeit tatsächlich besser, vieles ist nicht für unsere Zeit geschrieben. […] Es geht einzig und allein um den Bewegungs-, den Vorstellungsraum, der sich öffnet, wenn man sich mit Lukrez auf die Reise begibt. Es geht um die Bilder, die uns beim Lesen auftauchen; es geht um lebenspraktische Schlüsse, die wir ziehen, mal von Leselust und ästhetischem Vergnügen angestoßen, dann auch erschreckt; es geht zuletzt darum, dass wir unseren Sinnen, ihren Affekten und Defekten, nicht mehr in jedem Augenblick allein mit Misstrauen oder, von unseren Fetischen geblendet, mit blinder Hingabe begegnen. Besser und treffender ist es nicht auszudrücken, wie beeindruckend sich die Lektüre dieses Wunderwerks auf den Leser auswirkt.

Schmier mir Honig auf den Becher

Ein Lob zuletzt auch dem Galiani Verlag, nicht nur für den verlegerischen Mut und das Vertrauen in Klaus Binder dieses Buch zu wagen, sondern auch für die hervorragende Ausstattung. Nur fehlt ein zweites Lesebändchen, Faulheit im Blättern verleitet doch sonst allzu häufig den umfangreichen Kommentar gar nicht gebührend zu nutzen.

Lasst euch auf Lukrez und Über die Natur der Dinge ein, Binder nimmt euch an die Hand: Ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern durcharbeitet, ein Projekt, ein wunderschönes, immer wieder.

Liegt Ärzten am Herzen, Kindern bitteren Wermut zu geben, streichen sie um den Rand des Bechers süßen, gelb fließenden Honig, und die Arglosen, dazu gebracht, den Becher mit ihren Lippen zu berühren, trinken den herben Wermutsaft – getäuscht werden sie, doch nicht betrogen, denn so, durch dieses Mittel, finden sie erneut zu Kraft und Gesundheit. Das habe auch ich im Sinn. Herb erscheint auch unsere Lehre allen, denen sie nicht im Ganzen entfaltet wurde, zurückschrecken lässt sie das Volk. Darum mein Wunsch, dir meine Gedanken in wohlklingendem Gesang nahezubringen, gleichsam versüßt mit dem Honig der Musen. Möge es mir durch meine Verse gelingen, dich, deinen wachen Geist zu fesseln, bis du die Natur der Dinge im Ganzen erfasst hast und du sie vor die siehst in Form und Gestalt.

*Achtung: Die gewählten Stellen stimmen nicht haargenau überein. Ich habe die Zitate so gewählt, dass sich innerhalb desselben ein Sinn ergibt, so dass man die Sprache des Übersetzers erkennt. Das Zitat sollte in sich schlüssig sein und nicht (nur) zum 1:1 Vergleich dienen.

10246861_894114673968620_4163954473022206511_n

Hinterlasse einen Kommentar

Anstelle eines Nachrufs – Brief an Fritz J. Raddatz

Sehr geehrter Herr Prof. Raddatz,

die letzten Tage schlief ich schlecht, denn ich bin ein sehr schlechter Schwimmer. Doch seit ich in Hamburg wohne und die Vorstellung Ihrer Tagebücher verpasste, plane ich einen Besuch im Holthusenbad, um Sie bei Ihrem „morning swim“ zu treffen und mit Ihnen zu sprechen. So legte ich mir bereits viele Gesprächseinstiege zurecht die Situation eines Ihnen im Schwimmbad auflauernden jungen Mannes zu erklären. Da ich Sie heute aber nicht antraf, stattdessen nur ein 5 Euro teures Duschbad nahm, ich aber viel hätte sagen wollen, schreibe ich Ihnen diesen Brief.

Die große Zeit des Raddatz’schen Feuilletons in der Hamburger Wochenzeitung liegt vor meiner Geburt und erst vor knapp einem Jahr stieß ich auf Ihre Tagebücher. Zuerst skeptisch, zunehmend angezogen und später wie im Wahn las ich diese, die letzten 500 Seiten des ersten Bandes an einem Stück. Meine Freunde fuhren mir über den Mund und verbaten sich eines Abends, Sie ständig als meine Referenz zu nennen, so sehr war ich in Ihren Aufzeichnungen gefangen, so sehr bestimmten Sie in dieser Zeit selbst mein alltägliches Denken.

Ich las Ihre Autobiographie, weilte auf Sylt, verschlang dreimal, jeweils auf der Hin- und Rückfahrt und einmal am Strand, Ihre Liebeserklärung an die Insel und wartete sehnsüchtig auf den nächsten Band Ihrer Tagebücher. Im Internet sah ich alte Sendungen, in denen Sie zu Gast waren und fand alte Interviews. Nach dem zweiten Band Ihres Diariums las ich „Lieber Fritz“, nun begleiten mich Ihre „Stahlstiche“; „Die Tagebücher in Bildern“ und die Sammlung Ihrer Romane sind bereits geordert. Von wenigen Autoren, und keinem Journalisten, habe ich derart begeistert jegliche Veröffentlichung gelesen, von keinem in derart schnell aufeinanderfolgender Lektüre ohne mich satt zu fühlen.

Aus jedem Ihrer Texte spricht die Leidenschaft für das Sujet, in jedem steckt soviel von Ihrer Persönlichkeit; viele berühren mich tief. In Ihren Tagebüchern sind Sie zuweilen ein spitzzüngiger Spötter, aber eben auch, nein vor allem, dieser sensibler Mensch, dessen menschliche Enttäuschungen und Ängste bewegen. Ihre Ehrlichkeit, Ihre Geschichte und Persönlichkeit, die Sie (allen) Ihren Texte zu Grunde legen, erzeugt eine Authentizität, die mich glauben lässt Sie zu kennen und ich fühle mich Ihnen nah.

Anders als Sie bei der Lektüre der Gide Tagebücher verspürte ich bei den Ihren keine “wachsende Enttäuschung, [weil] doch fast nur dünn aufgegossener Literatur-Klatsch (mit sehr/zu vielen Einschüben von Attacken auf ihn, zumal über Leute und Phänomene, die heute meist vollkommen verblaßt – was allerdings dem Herrn FJR mit seinen Tagebüchern ebenso passieren wird!)”. Auch wenn es nicht zu leugnen ist, dass bereits viele Begebenheiten und Autoren als damaliger Zeitgeist heute nicht mehr viel beachtet werden, verblassen diese nicht, vielmehr leuchten Sie in Ihren Büchern. Hubert Fichte und Paul Wunderlich, um nur zwei zu nennen, waren mir vor der Lektüre Ihrer Bücher unbekannt, ich musste sie erst nachschlagen, heute betrachte ich mit Freude die Bilder, lese mir unbekannte Autoren. Entgegen der von Ihnen geäußerten Bedenken gibt es heute noch genügend, auch junge, Menschen, die sich für Kultur und Literatur dieser Zeit begeistern können, sie brauchen einen Lehrer, ich lerne aus Ihren Tagebüchern.

Weiterhin keine wachsende Enttäuschung, weil Sie immer wieder auf frappierende Weise ehrlich sind, nicht nur mit Ihren Mitmenschen, sondern eben auch mit sich selbst. Sie sprechen über eigene Arroganz, Ihren Stolz, über die Enttäuschungen, Angst und den Tod. Niemand gibt so redlich über sein Innerstes Auskunft, schreibt seine Schwächen nicht klein, sondern gesteht sie und das trotz der vielen, häufig so persönlichen und verletzenden, Kritik.

Neben dieser persönlichen Ebene durchleuchten Sie den Kulturbetrieb, die Sehnsucht aller Künstler nach Anerkennung, die Ränkespiele untereinander, Intrigen und Fallen, Sie eröffnen und demaskieren eine Welt, die mir vorher zu großen Teilen unbekannt war, ich lerne aus Ihren Tagebüchern. Dazu schaffen Sie es, fast beiläufig in einem Tagebuchnotat, immer in Ihren großen Kritiken, Literatur auf den Punkt bringen, den Stil eines Autors in einen Satz einzuschmelzen. Sie vermitteln Ihre Liebe und Begeisterung für Literatur und Kunst, Sie erzeugen bei mir ein Bedürfnis alle von Ihnen gelobten Werke sofort zu konsumieren, Sie machen mich neugierig und klüger.

Ihre Bücher bilden seit gut einem Jahr die Grundlage meiner Bildung. Ich verdanke Ihnen viel und möchte dem Menschen, den ich durch die Lektüre intimster Berichte zu kennen meine, danken für die Freude, die Sie mir mit jedem Ihrer Texte machen, alle habe ich mit Gewinn gelesen. Auf diesem Wege, unpersönlicher, aber vollständig bekleidet, möchte ich Ihnen meine Hochachtung übermitteln und erneut aufrichtig danken.

Es grüßt Sie herzlich

[Diesen Brief hat Fritz J. Raddatz über seine Sekretärin Heide Sommer im Mai 2014 von mir tatsächlich erhalten.]

6s Kommentare

Eine andere Form – ein neues Medium

Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Nikola Richter, die Verlegerin vom mikrotext Verlag, an, ob ich denn auch eBooks besprechen würde und sie mich auf ihren Verlag und eine Publikation aufmerksam machen würde. Pflichtbewusst teile ich also freundlich mit, dass ich ja eigentlich und so weiter, aber dann doch interessiert sei. Denn wer die Augen auf der Branche hat, dem ist Nikolas Arbeit nicht entgangen. Zuletzt mit dem ersten Young Excellence Award des Börsenblatts als herausragende Macherin der Buchbranche ausgezeichnet, verlegt die Autorin eBooks, die nicht als Konkurrenz zum Gedruckten, sondern als selbstständiges Medium wahrgenommen werden wollen.

“Es sind bestimmte Formate, etwa im Netz geschriebene Texte, aktuelle oder wegen ihrer Kürze nicht druckfähige Schubladen-Texte digital viel besser zu veröffentlichen.” Ihr geht es um die ästhetische Erfahrung, wenn ein Text gut geschrieben ist. “Da brauche ich kein Papier.”

So erklärte Nikola ihr Credo der Morgenpost nach Verlagsgründung. Und fährt fort.

“Ich muss so gute Bücher machen, dass die Leute, die noch nie ein E-Book gelesen haben, das lesen wollen und diese Hürde, die sie innerlich aufgebaut haben: ‘E-Lesen ist schrecklich’, dass sie diese überwinden.”

Und genau das gelingt ihr. Heike Geißlers Text über ihre Arbeit in der Weihnachtszeit bei Amazon in Leipzig oder Stefan Adrians Drinklyrik Gin des Lebens sind nur zwei Beispiele für Textformen, die womöglich auch bei klassischen Verlagen in gedruckter Form erscheinen könnten und es doch nicht tuen. Lyrik hat es bei Verlagen und Publikum traditionell schwer, kleine und Kleinstauflagen rechnen sich selten, bei eBooks aber, sind sie erstmal erstellt, sind in der Welt, egal in welcher Zahl. Dagegen könnte ein Text über ein saisonales Thema, wie der Heike Geißlers, der im “Bedarf” ein Stück weit von der Jahreszeit abhängig ist, auf dem herkömmlichen Wege erst so spät erscheinen, dass er  gerade keine Leser fände oder im nächsten Jahr vielleicht schon wieder überholt wäre. Genau für solche Projekte sind eBooks perfekt. [Korrektur: Heike Geißlers Text Saisonarbeit – Volte #2 ist tatsächlich zuerst beim Leipziger Verlag Spector Books erschienen, was zwar mein Argument schwächt, aber nicht ganz unsinnig macht.]

Welches Potenzial in dieser Form schlummert zeigt immer wieder auch Christiane Frohmann vom gleichnamigen Verlag. 1000 Tode schreiben heißt die Anthologie, die Christiane in vier Versionen herausbringt. Allein das nahezu aberwitzige Unterfangen tausend Autoren in einem Buch unterzubringen, die ihr Texte nicht nur recyclen können (aber dürfen), sondern zum Teil erst schreiben müssen, ist mit einem einzigen Abgabetermin nicht zu bewältigen. Also wurde dieser eher kurzfristiger gewählt, welche Texte bereits vorlagen wurden veröffentlich, die späteren folgen in Etappen. Eer die erste Version des eBooks mit 135 Texten erwarb, erhält immer bei Erscheinen des Updates dieses kostenfrei – bei einem gedruckten Buch undenkbar! Dazu bietet diese Veröffentlichungsform dem Leser immer wieder Anreiz in diese sagenhafte Sammlung zu blicken, neue und alte Texte zu entdecken – 1000 Texte auf einen Schlag hätte wohl sowieso die meisten überfordert oder abgeschreckt. In der ersten Version tummeln sich bereits bekannte Namen wie Rafael Horzon oder Pia Ziefle, Clemenz Setz oder Daniela Seel, David Wagner, Isabel Bogdan oder Stefan Mesch, weitere werden folgen. Der Gewinn der Produktion geht dazu an ein Kinder Hospiz in Berlin, vorbildlich!
(Eine Besprechung des Buchs findet ihr auch bei Sophie.)

Ähnliche Verlage, wie die von Christiane und Nikola, gibt es inzwischen immer mehr: CulturBooks von Jan Karsten und Zoë Beck verlegen ebenfalls eBook-only, Das Beben bringt die Novelle zurück, es gibt Projekte wie A Story A Day oder Fiktion. Alle diese Unternehmen werden von Menschen betrieben, denen die Literatur am Herzen liegt, alle Produktionen sind sorgfältig verlegte Bücher und Geschichten. Eine goldene Nase hat dort niemand und wird sie sich auch so schnell nicht verdienen, es handelt  sich um die Arbeit von Idealisten.

Ich würde nie auf die Idee kommen meine Lektüre gedruckter Bücher einzustellen und auf das eBook umsteigen, ich würde, vor die Wahl gestellt, nie das eBook wählen, gäbe es auch Papier – aber es gibt Texte, die anders nicht veröffentlicht werden würden, obwohl sie es verdient haben. Um zu sehen was das eBook kann, sollte man die Publikumsverlage ausblenden und zu den eBook-only Verlagen surfen, hier gibt es die neue Art zu lesen, alles andere ist nur die schlechte Kopie eines Buches.

(Ausnahmen bestätigen die Regel, auch Publikumsverlage verwerten nicht ausschließlich ihre bereits gedruckten Werke: die Hanser Box enthält jeden Mittwoch einen Text eines Hanser Autoren, der exklusiv digital erscheint; derweil schraubt Karla Paul bei Hoffmann und Campe an dem digitalen Baby 1781.)

Nikolas Verlagsprogramm kann man inzwischen als Abo erwerben:

1000 Tode schreiben könnte ihr unter anderem hier erwerben:

Kein CoverChristiane Frohmann: 1000 Tode schreiben
eBook Version 1/4
EPUB, ohne DRM
Frohmann Verlag, Berlin 2014 Buch bestellen
2s Kommentare

Weihnachtsgeschenke 2014

Damit nicht alle Weihnachtsgeschenke auf den letzten Drücker gesucht und gekauft werden müssen, gibt der Kultur- und Serviceblog 54books euch heute schon die ultimativen Tipps, direkt mit dem Link zum vertrauenswerten berliner Online-Buchhändler ocelot.


Zu Erich Kästner habe ich ein besonderes Verhältnis, Emil und die Detektive ist eines meiner Lieblingskinderbücher, mit Fabian hat er mein Erwachsenwerden stark geprägt und seine Lyrik, immer zwischen Komik, Ironie und Mahnung, ist schlicht grandios. Drei Männer im Schnee treffen sich im Winterurlaub, einer von ihnen ist Geheimrat Tobler, der im Preisausschreiben seiner eigenen Firma gewonnen hat und inkognito Urlaub machen will, weil das Hotel aber gewarnt wird, dass einer der kommenden Gäste Millionär und Fabrikbesitzer sei, bereitet man sich entsprechend vor, nur leider wird der Falsche hofiert und der eigentliche Millionär lebt endlich einmal, so wie er es sich schon lange wünscht, das Leben des einfachen Mannes.

Grandiose Unterhaltung für kalte Wintertage, insbesondere auch die Verfilmung mit Klaus Schwarzkopf und Grit Böttcher oder doch lieber die von Paul Hoffmann mit Nicole Hessters?

Kein CoverErich Kästner: Drei Männer im Schnee Taschenbuch
broschiert, 240 Seiten, dtv Buch bestellen

Nie etwas von Andrzej Szczypiorski gehört? Du hast Die schöne Frau Seidenmann nicht gelesen? Die freundliche Mitarbeiterin von Diogenes konnte es bei meinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse kaum glauben und steckte mir dieses Buch in der schönen Deluxe Ausgabe zu. Im Polen des zweiten Weltkriegs wird die Witwe eines jüdischen Arztes von Freunden aus den Händen der Gestapo gerettet und um sie herum gruppieren sich liebevoll gezeichnete Figuren im Kampf gegen die Not unter der Nazibesatzung. Verliebte Jugendliche, widerliche Denunzianten, aufrichtige Freunde und eben die schöne Frau Seidenmann. Ein absolutes Lesevergnügen, vor allem auch weil der Autor mit dem unaussprechlichem Namen immer wieder vorgreift, ganze Lebensläufe mitten in der Geschichte erzählt, denn was soll das Rätselraten, wie der zweite Weltkrieg ausgegangen ist, dürfte jeder Leser wissen. Ein gelungener Kunstgriff, ein überaus gelungener Roman.

Kein CoverAndrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenmann kartoniert/broschiert, 324 Seiten, Diogenes Taschenbuch Deluxe Buch bestellen

Noch eine Buchmessenentdeckung: Der Lilienfeld Verlag aus Düsseldorf und Die Stimme von Walter Bauer. Eine ganz vorsichtig tasende Liebesgeschichte eines deutschen Emigranten in Kanada, der sich trotz oder wegen der vorhandenen Sprachbarriere in eine Einheimische und ihre Stimme verliebt. Allein die enthaltene grandiose (!) Übersetzung von When I am dead, my dearest ist den Kauf dieses handwerklich wunderschön gemachten Buches wert. Wenn ihr aber lieber auf Kurt Tucholsky als auf mich hören wollt: Hier ist alles, aber auch alles, was unsereiner immer sucht und so selten findet: Empfindung, ein Herzenston, Abwesenheit jeder Sentimentalität, voll von echtem Gefühl.

Kein CoverWalter Bauer: Die Stimme, Halbleinen, 118 Seiten, Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2014 Buch bestellen

Die Wiederentdeckung des Winters für mich: Süskinds Der Kontrabaß hat mich in der Inzenierung der Hamburger Kammerspiele derart begeistert, dass ich das Buch immer wieder zur Hand nehme. Wer keine Kammerspiele zur Hand hat, lässt es sich einfach als Hörspiel vortragen.

Kein CoverPatrick Süskind: Der Kontrabaß
Hörspiel, Diogenes VerlagBuch bestellen

Erneut Buchmesse in Frankfurt: bei Kiepenheuer & Witsch, gibt mir Ulrike Meier, die für die Presse zuständig ist den Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Ein kleines Büchlein, das unerwartet zum Bestseller mutierte. Ein völlig absurd-treffender fast ironisch verzerrter Blick auf unsere Nation, am Ende hat man in diesem Buch alles über den Charakter der Deutschen gelesen und weiß was man von ihm zu erwarten hat.

Kein CoverLeitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944
zweisprachig, gebunden, 160 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014
Buch bestellen

Jonathan Cott vom Rolling Stone traf Ende der 70er in Paris und New York Susan Sontag zu einem zwölfstündigen Interview, das erstmals als The Doors and Dostojewski ungekürzt in Deutschland erscheint. Kurzweiliger kann man nicht in Leben und Werk der großen Intellektuellen einsteigen. Musik, Literatur und ihre Bücher, ihre Ansichten und Schicksalsschläge, geführt durch einen klugen Fragensteller lernt man Sontag kennen. Ich hatte stets den Eindruck, das Vergängliche an vielen Büchern sei der sprachliche Zierrat, ein Stil für die Ewigkeit müsse schmucklos sein – ein Interview für die Ewigkeit.

Kein CoverSusan Sontag: The Doors und Dostojewski
gebunden, 156 Seiten
Hoffmand und Campe, Hamburg 2014
Buch bestellen

Der beste Roman des Jahres soll gefunden werden, aber die Jury hat von Literatur ziemlich wenig Ahnung und so gelangt u.a. ein Kochbuch auf die Shortlist, während jeder Juror versucht seinen Favouriten irgendwie zum begehrten Hauptpreis zu bugsieren, gewährt Edward St Aubyn einen humorvollen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs. Das Buch selbst mag nicht der beste Roman des Jahres sein, aber gute Unterhaltung.

Kein CoverEdward St Aubyn: Der beste Roman des Jahres
gebunden, 256 Seiten
Piper, München 2014
Buch bestellen

Grandiosere Klassik gibt es dieses Jahr im Mainstreambereich wohl nicht als Vivaldis Vier Jahreszeiten recomposed by Max Richter. Trotz Weihnachten darf man zum Festessen ruhig auch die anderen Jahreszeiten hören. Kannst Du Mama in den Socken stecken.

Das beste deutschsprachige Album dieses Jahr kommt von Die Höchste Eisenbahn! Die Supergroup um Francesco Wilking und Moritz Krämer, mit den nicht weniger genialen Felix Weigt und Max Schröder, muss raus aus der Ecke Geheimtipp! Kauf also Schau in den Lauf Hase von Die Höchste Eisenbahn! Kauf Dir das selbst, wenn Du es noch nicht im Regal hast.

Das dürfte wohl eher ein Geschenk für Papa sein. Gov’t Mule ist so ungefähr das Beste was es momentan im Bereich Bluesrock gibt. Warren Haynes ist nicht nur ein herausragender Gitarrist, sondern auch ein begnadeter Sänger. Zum 20-jährigen Bandjubiläum gibt es nun mit Dark Side of the Mule eine Kompilation von gecoverten Pink Floyd Stücken. Papa wird sich freuen!

Hätte Die Höchste Eisenbahn nicht das beste deutschsprachige Album des Jahres veröffentlicht, wäre die neue Scheibe von Spaceman Spiff auf 1. Endlich Nichts kommt mit weniger Fröhlichkeit aus als die Eisenbahn, nicht aber mit weniger Tiefgang. Texte, die sich auch als Gedichte rezitieren lassen mit wunderschön-spärlicher Instrumentierung. Schenk das mal Deiner Schwester!

Ohne Eisenbahn und Spaceman hätte Gloria das beste usw. – Nie hätte ich gedacht, dass Klaas Heufer-Umlauf, als gelernter Friseur und Blödelheini zu einem solchen Album in der Lage wäre. Von vorne bis hinten eine gelungene Platte mit Hymnen, Balladen und ehrlicher deutscher Musik. Hochachtung; bring es Deinem kleinen Bruder mit.


Wenn keiner mehr mit den anderen reden möchte tut es auch mal ein guter Film.

Wes Anderson, inspiriert von Stefan Zweigs Welt von Gestern, noch irgendwelche Fragen? Grand Budapest Hotel!

ocelot_singleRein in die Rente, raus aus dem Polka-Trott in der Provinz und hinein in das aufregende Leben in den USA auf der Suche nach dem Blues und sich selbst: Schultze gets the Blues. (Finde von einem deutschen Film kurioserweise nur den amerikanischen Trailer.)

Die furiose Verfilmung von Joseph Conrads Herz der Finsternis, ist nicht immer was für schwache Nerven. Apocalypse Now also erst nach dem Essen einschmeißen und Oma vorher ins Bett schicken.

Robin Williams starb dieses Jahr von eigener Hand. Einer seiner bekanntesten Filme ist Der Club der toten Dichter, eine Hommage an die amerikanisch Literatur.

ocelot_single

3s Kommentare

54books feat. ocelot

Dieser Text sollte bereits vor fast einem Monat online gehen und bekommt nun eine ganz neue Aktualität. Die situativen Änderungen sind farblich vom Ursprungstext abgesetzt.

Der stationäre Buchhandel ist dem Tod geweiht! Und während 2012 die ganze Branche dem sicheren Untergang entgegenzittert, eröffnet Frithjof Klepp frech in Berlin-Mitte einen neuen Buchladen und startet damit eine Erfolgsgeschichte in der totgesagten Welt: Im Laden Bücher kaufen ist wieder cool! Und nun steht diese Erfolgsgeschichte vor dem Aus, denn ocelot musste Insolvenz anmelden.

Im Eingangsbereich des Geschäfts in der Brunnenstraße 181 wird man von einem großzügigen Tresen und Tischen empfangen, dunkles Holz harmoniert mit der rohen Decke und einfache Spots beleuchten die hohen Regale. Schnell wird dem Besucher klar, dass er nicht in einer normalen Buchhandlung steht, not just another bookstore.

ocelot ist nicht der schusselige Zausel um die Ecke, bei ocelot wird nicht mal reingehuscht, um ein Buch zu kaufen, du sollst hier verweilen, setz dich in den gemütlichen Sessel, schnack mit den Angestellten über Lieblingsbücher oder lies bei einem Kaffee in alle potenziellen Neuerwerbungen rein. Das große Plus ist nicht nur die Optik des Laden, die den Berliner Hipster einlädt, sondern die gekonnte Auswahl aus aktuellen Must Haves und Empfehlungen vom Profi, Perlen, die man sonst nur schwer fände, findest du in der Perle in Mitte – aber, klar Club Mate haben sie auch.

Weil Mitte aber zu klein für alle ist, gibt es ocelot auch im Internet und setzt den Branchenriesen genau das entgegen, was bei ihnen fehlt: Beratung, Menschen kein Algorithmus, einen Blog und die Vernetzung mit Portalen wie We Read Indie und trotzdem versandkostenfreie Bestellung von allen Büchern, 2,4 Millionen Titel zur Auswahl, eBooks, Filme und Hörbücher.

Bundesweit und über Branchengrenzen hinweg wurde dieses ocelot-Konzept bejubelt. Endlich wurde etwas Neues gewagt, endlich gab es dort jemanden, der sich gegen das Sterben stemmte, nicht nur in den Chor des Jammerns mit einstimmte, jemanden der mit neuen Ideen anpackte und das Alte bewahren, aber modifizierend verbessern wollte. Nur eine Stunde nachdem die Insolvenz bekannt wurde, gab es nach den ersten Beileidsbekundungen, auch die ersten Aufrufe, denn wer ocelot retten will, kann dies ganz einfach tun: weiter dort einkaufen, denn das operative Geschäft geht weiter (auch wenn der Online-Shop momentan noch offline ist). Und dafür, dass ocelot die Insolvenz übersteht sprechen auch gute Gründe: das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür, die Fusion von Off- und Online-Buchladen hat auf dem hart umkämpften Markt in Berlin-Mitte gezeigt, dass sie funktioniert und angenommen wird, es wurde in den letzten zwei Jahren eine große deutschlandweite Marke und Reichweite aufgebaut, die weiterhin ziehen wird.

Damit ocelot und damit ein Vorzeigeprojekt nicht stirbt, ist es an uns, dem Markt eine der wenigen Perlen zu bewahren, die Innovation zu erlauben und den Online-Riesen etwas entgegen zu setzen. Geht dieser Laden pleite, wäre das ein katastrophaler Fingerzeig für die ganze Branche. Ave Amazon, morituri te salutant.

Die Berliner mögen bitte weiter bei ocelot einkaufen, die zu erwartenden Rettungsaktionen besuchen (Karen Köhler hat beispielsweise direkt eine Gratislesung im Dezember anberaumt) oder, sobald er wieder zur Verfügung steht, im Online-Shop einzukaufen, wenn ihr mögt auch gerne über mich, denn:

… weil die Coolen der Welt zusammenhalten müssen, gibt es ab sofort:

54books feat. ocelot,

Will heißen: unter jeder neuen Rezension (und irgendwann auch unter den meisten alten), findet ihr ab sofort einen Kasten mit Informationen zum besprochenen Buch, darin enthalten ein Link auf den ihr klicken könnt und der euch direkt in den ocelot-Shop bringt, wo ihr das Buch bestellen könnt, woraufhin ein fröhlicher, wahrscheinlich nicht fürstlich aber anständig bezahlter, Mensch es in eine Kiste packt und diese portofrei bei euch zu Hause landet.

Vorteil für euch: kein Verlust an Karmapunkten trotz Onlinebestellerei.
Vorteil für ocelot: ein neuer Kunde, den sie von ihrem tollen Service überzeugen können.
Vorteil für mich: von jedem über einen solchen Klick verkauften Buch erhalte ich 5 % des Netto-Gewinns. Wer jetzt mal flux durchrechnet wie viel 5 % des Netto-Gewinns bei einem 9,95 € Taschenbuch sind, dem möge genauso schnell der Unkenruf nach meiner Käuflichkeit im Halse stecken bleiben, denn hierbei handelt es sich tatsächlich um einen feuchten Furz auf meinem Girokonto. Ich nehme stattdessen an diesem Programm teil, weil ich von dem Konzept des Ladens überzeugt bin und mich daran freue, dass engagierte Menschen endlich zeigen wie man Bücher heute verkaufen kann – komfortabel, aber mit persönlichem Einschlag und Lust am Produkt, nicht am Profit – davon möchte ich ein Teil sein. Und so sollen auch weiterhin meine Besprechungen sein, engagiert, mit persönlichem Einschlag und hoffentlich Mehrwert für die Leser.

Seid ihr also in Berlin besucht ocelot, seid ihr im Internet besucht 54books und bestellt bei ocelot – nur so können wir die Welt retten!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Meldung zur Insolvenz.

13s Kommentare

Memo zweier Leben in Berlin

Foto: Norman Weiß
Foto: Norman Weiß

Eigentlich ist es müßig nun auch noch in eines dieser Hörner zu stoßen, von denen gestern bereits der Speichel von Biller, Weidermann, Mangold, Dath, Ungerer, Stahl, Bartels und Konsorten troff. Erster Stein des Anstoßes war wohl Florian Kesslers Kommentar in der ZEIT, in dem er monierte, dass nur Kinder der oberen Mittelschicht heutzutage die deutsche Gegenwartsliteratur bevölkern. Biller schließt sich, ohne sich direkt auf Kessler zu beziehen, an, “seit der Vertreibung der Juden” sei nur noch diese Mittelschicht der Literatur am Ruder, die nur Mittelschicht in der Literatur hervorbringe. Biller wiederum hat damit in den letzten 10 Tagen unzählige, oben verlinkte, Repliken provoziert. Erfreulicherweise nicht nur von älteren Damen und Herren des “Hoch-Feuilletons”, sondern z.B. auch von Sophie bei Literaturen.

Die Gegenwartsliteratur, könnte man die meisten kritischen Stimmen runterbrechen, beziehe sich immer nur auf die Aufarbeitung von Nazideutschland und der DDR. Die wirklich aktuellen, also gegenwärtigen Themen, würden gar nicht behandelt.

Zwangsläufiger Nebeneffekt dieser Diskussion ist das Ausrufen neuer Helden. Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel Endlich Kokain und seinen Autoren Joachim Lottmann als “mögliche Rettung der Gegenwartsliteratur”, Ijoma Mangold lobt Per Leo für die gekonnte Bearbeitung der “Standardsituation” Nazi-Opa und in der FAS von letzter Woche wurde u.a. der neue Roman Feridun Zaimoglus Isabel von Volker Weidermann derart empor gehoben, dass Norman und ich ihn, unabhängig von einander, erwarben.

Unter den Beispielen, die Weidermann nannte, war auch “Isabel” von Feridun Zaimoglu. Ein Buch, das “einem echt den Hut vom Kopf” fege, mit stakkatohafter, schneller und genauer Sprache. Weidermann nennt ihn den “repräsentativste[n] deutsche[n] Autor unserer Zeit. Unser[en] Thomas Mann.”

Norman Weiß zitiert Volker Weidermann

9783462046076Derartig angefixt suche ich also sofort meinen Bücherdealer auf. Hundert Seiten später kann ich sagen: deutsche Gegenwartsliteratur spielt – natürlich – in Berlin, aber nicht dort wo die Hippen aus der Werbebranche Smoothies schlürfen, sondern am Rand der Gesellschaft, die Ausgestoßenen der Generation Praktikum. Isabel titelgebende Protagonistin hat sich gerade von ihrem wohlhabenden Freund getrennt, ist ein etwas in die Jahre gekommenes Model und hält sich mit Gelegenheitsjobs und dem Essen der Wohlfahrt über Wasser. Sie streift durch die Stadt und trifft andere Versprengte, “Verrückte, aber nicht Verkommene”. Nach dem Selbstmord einer ihrer Freundinnen lernt sie deren Ex-Freund, einen Ex-Soldaten kennen und die Welt des desillusionierten Models trifft auf die des desillusionierten Legionärs.

Es tut mir leid Gegenwartsliteratur aber so wirst du nicht gerettet! Bereits die Geschichte, erscheint in ihrem die Hauptstadt-abseits-der-Hippster, abgedroschen und beliebig, als hätte es das nicht schon halb so oft wie den Nazi-Opa gegeben? Ein abgehalfteres Model und ein Soldat sind nicht der Stoff aus dem Helden gemacht werden, aber gerade auch nicht das Gegenteil genug um spannungsgeladene Reibung zu erzeugen. Model und Soldat sind uninspiriert und abgedroschen.

Die stakkatohafte, schnelle und genaue Sprache ist, gerade ohne packenden Inhalt, derart ermüdend, dass man bei Dialogen wie “Das ist ja schön. – Keine große Sache. – Aber eine Chance, sagte Isabel.” schnell an das Ende der Lektüre denkt. Kurze Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, mögen zu Beginn der Beschreibung (“Staub des Kosovo. Ödland. Schwelender Himmel.”) der Schilderung Zug verleihen, über Absätze schlägt der Effekt ins Gegenteil und am Ende der seitenlangen Ausführungen wird der Leser schlicht gelangweilt.

Man entschuldige dazu mein Brett vorm Kopf, aber die Anführungszeichen, der Volksmund nennt sie Gänsefüßchen, wurden erfunden, damit der Leser der wörtlichen Rede folgen kann, ein Service des Autors an den Leser. Aber auch egal, steht ja immer “sagte xyz” dahinter, selbst Fragen werden gesagt. Das erscheint zwar vordergründig, als kleinlich von mir, nur geben die folgenden drei Zeilen ein sehr deutliches Abbild der Monotonie derartig zerhackter Lektüre.

Wo wollen Sie hin?, sagte die Chefin.
Das hat hier keinen Sinn mehr, sagte Isabel.
Ich habe alles mitbekommen, sagte die Chefin zur Blinden, fast alles.

Prinzipiell kann ich der Vermittlung von Inhalten in klarer Sprache viel abgewinnen, nur möge der Autor bitte die Waage halten zwischen Protokoll und Erzähltext. Mitnichten muss man in überbordendem, blumigen Stil schreiben, um mich, wenn nicht zu begeistern, doch wenigstens zu überzeugen; aber das Memo zweier Leben in Berlin, langweilt mich; in Stil und Inhalt.

2s Kommentare

Kein Beckett und kein Thomas Mann – aber ein Autor dieser Zeit

Als ich das begann, war’s nicht unter dem Aspekt einer möglichen Publikation. Das mendelte sich erst allmählich heraus, nachdem ich selber mehr und mehr das Gefühl hatte, damit ein Stück zeitgenössischer Kulturgeschichte zu fixieren.

13. Februar 1998

Vor allem durch die Lektüre von Michael Maars Heute bedeckt und kühl – Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf bin ich auf die Tagebücher von Fritz J. Raddatz aufmerksam geworden.

Raddatz war bereits mit 22 Leiter der Auslandsabteilung und stellvertretender Cheflektor des Verlags Volk und Welt in der DDR, nach seiner “Flucht” in die BRD wird er, noch keine 30, Stellvertreter und engster Mitarbeiter von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt im Rowohlt Verlag. Von 1976 bis 1985 leitete Raddatz das Feuilleton der ZEIT, bis er über ein falsches Goethe-Zitat stolperte und abgesägt wurde. Zu jeder Zeit war FJR ein Beobachter und Kritiker, vor allem der Kultur. Befreundet u.a. mit Günter Grass, Rolf Hochhuth und Paul Wunderlich, in Kontakt mit Helmut Schmidt, Susan Sontag, Thomas Brasch, Rudolf Augstein, Kempowski und Frank Schirrmacher und bereits früher Beobachter der Gruppe 47 und der gesamten Literaturszene der BRD.

raddatz_tagebücher_covHört man aus zweiter oder dritter Hand was Fritz J. in seinen Tagebüchern von sich gibt, kann oder muss er einem unsympathisch sein. Niemand, auch nicht seine Freunde, sowieso bei ihm ein sehr vager Begriff, kommt durchweg gut weg. Einzig Frank Schirrmacher wird zu keinem Zeitpunkt “zerstört”, nur mal leise gescholten. Am Schlimmsten aber trifft es Siegfried Unseld, Helmut Schmidt, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Rudolf Augstein.

Der – wegen Feuilleton – im Rollkragen auftauchende Schmidt, der vorgibt über alles Bescheid zu wissen, aber von Kultur, so FJR, keine Ahnung hat, die geschönte Widerstandsvergangenheit der Gräfin Dönhoff, der ewig betrunkene “busengrapschende Millionär […] Herr Wurm” Augstein, der spießige Millionär Bucerius in seinen Strickhemdchen, der sich anmaßt zu urteilen, weil er besitzt usw. usf.

Dass seine Tagebücher nicht “ein einziges Sammelsurium von Gemeinheiten, Lügen oder auch bösartigst-voyeuristisch notierten wahren Begebenheiten”, wie FJR über die Tagebücher von Hubert Fichte notiert, werden, liegt daran, dass man mit voranschreitender Lektüre den Menschen hinter den Zeilen kennenlernt und lieb gewinnt. Raddatz mag ein spitzzüngiger Spötter sein, aber er ist eben auch ein sensibler Mensch, dessen menschliche Enttäuschungen sich in seinen, wohl zu Beginn nicht zur Veröffentlichung gedachten, Tagebüchern notiert. Ständig kämpft er damit nicht als Autor, obwohl er Romane schreibt, sondern nur als Journalist, als Schreiberling über die Werke der anderen wahrgenommen wird. Fehlende Anerkennung, ein dünnes Fell und eine gehörige Portion Wehleidigkeit dies macht auch einem gefeierten Journalisten mit Zweitwohnsitz auf Sylt, Champagner und erlesenen Kunstwerken zu schaffen.

Warum aber verspürt man keine “wachsende Enttäuschung, [weil] doch fast nur dünn aufgegossener Literatur-Klatsch (mit sehr/zu vielen Einschüben von Attacken auf ihn, zumal über Leute und Phänomene, die heute meist vollkommen verblaßt – was allerdings dem Herrn FJR mit seinen Tagebüchern ebenso passieren wird!)” wie Raddatz über die Lektüre der Tagebücher von André Gide notiert? Weil FJR immer wieder auch auf frappierende Weise ehrlich ist, nicht nur mit seinen Mitmenschen, sondern eben auch mit sich selbst. Er spricht über die eigene Arroganz und seinen Stolz bis zum Dünkel, über die Enttäuschungen und den Tod. Er weiß, dass wohl wenige so hohe Ansprüche an ihre Mitmenschen haben wie er und Helmut Schmidt im Gegensatz zum Großteil der Deutschen sicher ein ausgemachter Kulturfachmann ist. (Wahrscheinlich ist Raddatz in Hamburg, Nizza oder auf Sylt explodiert, als Schmidt in der ZEIT seine Kunstsammlung vorstellen durfte.) Mit dieser Ehrlichkeit durchleutet er den Kulturbetrieb, die Sehnsucht aller Künstler nach Anerkennung, die Ränkespiele untereinander, Intrigen und Fallen, er selbst meist nur Beobachter und Erzähler, er demaskiert die Welt um sich herum, zu der wir alle keinen Zugang haben.

 Die Gruppe 47 in Berlin im November 1965 (v. l. n. r.): Walter Höllerer (dahinter Fritz J. Raddatz), Erich Fried, Marcel Reich-Ranicki, Walter Mannzen, Andrej Wirth © von Mangold
Die Gruppe 47 in Berlin im November 1965
(v. l. n. r.): Walter Höllerer (dahinter Fritz J.
Raddatz), Erich Fried, Marcel Reich-Ranicki,
Walter Mannzen, Andrej Wirth
© von Mangold

Fritz J. Raddatz mag ein Zyniker sein, er ist aber auch ein der bedeutensten Literaturkritiker unseres Landes und auch in dieser Funktion scheut er nicht vor der Demontage großer Namen. Proust? “Stefan Zweig ist ja Kafka dagegen.” Dürrenmatt? “Mir schien nämlich schon bei der Vorbereitungslektüre, daß Dürrenmatt etwas dumm ist.” Döblin? “Niemand, der so und derlei heute schriebe, käme damit durch. Und es ist nicht Zeitgebundenheit, sondern pure Sorglosigkeit, wenn nicht schriftstellerisches Unvermögen.” Wie Raddatz Literatur auf den Punkt bringen kann, er vermag den Stil eines Autoren in einem Satz einzuschmelzen – verblüffend.

[Über Adolf Muschg]

Das [Gespräch] verlief nett, routiniert, flach: wie seine Literatur. Sie ist ohne Fehl und Tadel, ordentlich gebaute Sätze schmoren auf der Flamme einer kleinen Phantasie; nie und nirgendwo wird die Sphäre des „ganz brav“ durchstoßen: mit einem Wort: gefällig. Gehobene Unterhaltungsliteratur für das gebildete Publikum.

28. August 1993

Dazu kommen herrliche Anekdoten aus dem deutschen Literatur- und Kulturbetrieb: Grass kann in hohem Alten noch einen Kopfstand machen, wer bei wem mit wem Essen war und dabei zu tief in Glas schaute, wie Horst Jansen Ernst Bloch beleidigt, später ins Bett bringt und dann die Füße küsst.

Dass ein Fritz J. Raddatz nicht ohne Kritiker bleibt, und seine Äußerungen wiederum Kritik nach sich ziehen, zeigt nicht nur der oben verlinkte ZEIT Artikel von Theo Sommer, seinem damaligen Chefredakteur, auch aus den Tagebuchnotaten geht hervor, dass FJR zumeist aufgrund seiner streitbaren Persönlichkeit heftiger Wind entgegenweht. Die Tagebücher waren ein absehbarer Skandal.

Sie sind die Geschichte eines Intellektuellen und Menschenfeindes, eines Genießers und eines Zweifelers, eines Spötteres und Kritikers, Raddatz war Verleger, Journalist, Essayist und Autor oder wie Theo Sommer schreibt: „Genie, Geck, Galan – Paradiesvogel, Polemiker, Provokateur“. Die Tagebücher sind aber auch die Geschichte des Nachkriegsjournalismus, der deutschen Literatur nach 1945 und einer interessanten Persönlichkeit.

Wie er selbst (allerdings in Bezug auf seine Romane) sagt, ist FJR zwar kein Beckett und kein Thomas Mann – aber eben ein Autor seiner Zeit.

Am 7. März erscheinen bei Rowohlt die Tagebücher 2002-2012, ein weiterer Skandal ist vorprogrammiert.

5s Kommentare