Kategorie: Feuilleton

Das Unabwendbare schreiben – Vom Erzählen der Klimakatastrophe

von Fabius Mayland

Wie schreibt man Literatur über Umweltschutz und katastrophalen Klimawandel? Das Thema ist mittlerweile überaus relevant, und Literatur hat regelmäßig den Anspruch, auf irgendeine Art relevant zu sein. In den USA gibt es seit nunmehr mindestens fünfzig Jahren eine ökologisch orientierte Untergattung speziell des Science-Fiction-Genres, aus der sich auch beträchtliche Teile des neueren Begriffs climate fiction oder cli-fi erschließen. Doch die Klimakatastrophe setzt auch der Science-Fiction eine Grenze.

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Flucht aus Platons Höhle – Über Bilder und Irritation

von Simon Sahner

Auf dem Foto, das ich von Maudie Giffard auf Twitter finde, schaut mich die junge Frau Anfang 30 zögerlich lächelnd durch die Kamera an. Die Haut in ihrem Gesicht ist leicht gerötet und glänzt etwas, ihr Ausdruck verrät eine Überforderung. Sie sieht aus als wäre sie gerade nach einiger Anstrengung wieder zur Ruhe gekommen. Die schulterlangen braunen Haare sind leicht zerzaust, die ebenso braunen Augen blicken in die Kamera als hätten sie nur wenige Sekunden gehabt, um sich reflexartig auf den Moment der Bildaufnahme einzustellen. Vielleicht ist sie gerade nachts aus einem Club gekommen und jemand hat sie überraschend fotografiert. Maudie ist 31 Jahre alt, lebt in einer offenen Beziehung und wohnt im Stadtteil Moskowski der russischen Hauptstadt Moskau.

Maudie existiert nicht.

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Aus Versehen progressiv – Wie manchmal auf giftigem Boden fortschrittliche Gedanken wachsen

von Jonas Lübkert

Ich liebe Popkultur. Nur manchmal hab ich das Gefühl, Popkultur liebt mich nicht: Jedes mal wenn eine Person of Color aus einem Film gestrichen wird, Frauenfiguren ausschließlich als Blickfang dienen und queere Repräsentation höchstens am Rande eine Rolle spielt. Popkultur versucht oft eine maximale Anzahl von Menschen zu erreichen und bedient dabei leider viel zu oft den kleinsten gemeinsamen Nenner. Manchmal aber, in kuriosen Momenten, bröckelt die Fassade und ein erstaunlich innovativer Gedanke kommt durch. Dieser ist in der Regel hart erkämpft oder – noch seltener –  unabsichtlich. 

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Am Anfang waren die Orishas – Warum Afrofantasy ein politisches Statement ist

von Amanda Godwins

„Afrika ist reich an Mythologie und Märchen. Wie kommt es, dass sie in keinem einzigen Fantasybuch vorkommen?“ Diese Frage stellte sich Hawa Mansaray kurz bevor sie begann, Afrofantasy zu schreiben, ein Genre, das Schwarze Protagonist*innen und afrikanische Kulturen feiert. Im Gespräch mit der Autorin wurde deutlich, dass Afrofantasy ein vielversprechendes Phänomen ist, das kreativ gegen rassistische Unterdrückung vorgeht.

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Das Knirschen im System – Probleme der Videospielindustrie

von Maximilian John

Für viele Menschen scheint die Videospielindustrie von außen betrachtet ein sehr attraktives Berufsfeld zu sein. Das Versprechen, das Hobby zum Beruf zu machen, führt viele Menschen in den Bereich. Jason Schreiers Bücher geben Einblicke in eine Industrie, die viel zu häufig Enthusiasmus ausnutzt, um schlechte Arbeitsbedingungen zu rechtfertigen.

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Politik darf keinen Spaß machen! – Über die angemaßte Unschuld von Videospielen

von Eugen Pfister

Ende Mai 2021 erschien auf der Seite des Spiele-Publishers Ubisoft ein kurzes Statement von Navid Khavari, dem Narrative Director von Far Cry 6, einem First Person Shooter, der im Oktober 2021 erscheinen soll. Titel des 400 Wörter langen Kurztextes: „The Politics of Far Cry 6“. Erster Satz: „Our story is political.“ Punkt. Absatz [1].

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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Zu Automaten gemacht werden – Kazuo Ishiguros „Klara und die Sonne“ aus autistischer Perspektive

von Sebastian Moitzheim

In der Folge vom 9. April 2021 des Literarischen Quartetts besprach Gastgeberin Thea Dorn mit ihren Gästen, den Schriftsteller*innen Dörte Hansen, Marko Martin und Moritz von Uslar, unter anderem Kazuo Ishiguros Roman Klara und die Sonne. Titelfigur und Erzählerin ist eine ”KF”, eine künstliche Freundin — eine hoch­entwickelte Androidin, die die Aufgabe hat, die Einsamkeit einer Teenagerin zu lindern, während diese allein zu Hause eine nicht näher definierte Krankheit bekämpft und ihre schulischen Aufgaben per Videochat mit ihren Lehrer*innen absolviert. Assoziationen mit der Realität der letzten anderthalb Jahre sind wohl unbeabsichtigt, aber unver­meidlich. 

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Weiterleben müssen – Einige Gedanken über vier zuversichtliche Bücher

von Matthias Warkus

Texte, die damit beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, sind oft öde und anstrengend. Es ist nicht ohne Grund ein Klischee, dass schlechte Vorträge bei Poetry-Slams oder offenen Lesungen oft damit anfangen (oder sich gar darin erschöpfen), dass jemand vom Anruf mit der Aufforderung, etwas zum Thema des Abends zu schreiben, erzählt. Daher habe ich erhebliche Skrupel, diesen Text so einzuleiten, aber nachdem ich nun  fast drei Jahre lang daran gescheitert bin, es irgendwie anders zu machen, fange ich tatsächlich mit seiner Entstehung an. Weiterlesen