Kategorie: Feuilleton

Schwangerschaft erzählen – Zwischen Tabu und Idealisierung

von Clara Sondermann

 

In unserem Viertel sehe ich viele Familien mit kleinen Kindern. Erst seitdem ich Mutter bin, fallen mir auch die schwangeren Frauen auf. „Ich habe nicht gewusst, was eine schwangere Frau ist“, schreibt Anna, die Hauptfigur in Mit arbejde (dt. Meine Arbeit[1]), dem aktuellen Roman der dänischen Autorin Olga Ravn. Der Roman, abwechselnd auch Essay, Drama und Gedicht, erzählt von der Autorin Anna, die kürzlich Mutter geworden ist. Anna möchte sich nicht zwischen Care- und Erwerbsarbeit entscheiden müssen und Ravn stellt ihr, wie um dem Dilemma zu entgehen, eine Erzählerin an die Seite, die so etwas wie ihre Doppelgängerin ist. Schon in den ersten Sätzen zeigen sich Mutter und Autorin wie zwei widerstreitende Pole in ein und derselben Person: „Wer hat dieses Buch geschrieben? Ich, natürlich. Auch, wenn ich gern das Gegenteil beweisen würde.“ Mal schreibt Anna, mal gibt die Erzählerin Annas Aufzeichnungen wieder – oder sieht ihr wie einer Schauspielerin auf der Bühne beim Nachgehen der häuslichen Pflichten zu. Das literarische Motiv der Doppelgängerin macht vielleicht nirgends so viel Sinn wie an dieser Stelle. Ravn zeigt die gespaltene Frau, die versucht, die Erwartungen an sie zu erfüllen und gleichzeitig dagegen zu kämpfen. Weiterlesen

Erzählerischer Universalismus – “Adas Raum” von Sharon Dodua Otoo

von Maryam Aras 

 

Da ist er nun, Sharon Dodua Otoos erster Roman Adas Raum. ‚Erster Raum‘, wollen meine Finger zunächst tippen und vielleicht ist das auch gar nicht so falsch. Natürlich gibt es schon diverse Räume in Otoos schriftstellerischem Denkgebäude – ihre Novellen die dinge die ich denke während ich höflich lächle, die im besten Sinne wirklich kaum in einem Nebensatz zu beschreiben ist, und Synchronicity, die Geschichte einer Grafikdesignerin, die nach und nach ihre Farbsehkraft verliert und die mit der Lebensweise ihrer Vormütter, selbstständig schwanger zu werden, zu leben und zu sterben, hadert. Und natürlich ihre preisgekrönte Bachmann-Kurzgeschichte von 2016 Herr Gröttrup setzt sich hin – ein Meister*innenstück sprachlicher Präzision und Ironie, in der ein störrisches Frühstücksei das bürgerliche Idyll des pensionierten Raketeningenieurs Helmut Gröttrup aus den Angeln hebt. Weiterlesen

Der König ist tot, es lebe der König? – Toxische Maskulinität in der Kultur Frankreichs

von Barbara Peveling und Cécile Calla

 

Toxische Männlichkeit ist ein globales Phänomen. Doch die Zeiten ändern sich glücklicherweise. In Frankreich aber – so scheint es – hat dieses gesellschaftliche Konzept bisher noch viele Anhänger. Die Abwehr gegen die sich ändernden Zeiten wird im Augenblick mit einem gewaltigen sozialen Feuerwerk abgefackelt. Weiterlesen

Der Contest eines Lebens – Über Identität, Castingshows und eine späte Anerkennung

Mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt wird heute das bessere Reality- und Casting-TV gemacht. Die Krone des Genres geht aber nach Bayern: für eine verkannte Lebensleistung.

 

von Victor Sattler

Als die Literaturwissenschaftlerin bell hooks den Dokumentarfilm „Paris brennt“ (1990) von Jennie Livingston sah – heute ein Meilenstein der LGBTQ+-Bewegung –, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. Weiterlesen

Übertragungen aus dem disruptiven Raum – Eine Grundsatzrede von Irenosen Okojie

Ende November 2020 veranstaltete der britische Verlag Comma Press in Zusammenarbeit mit der Manchester Writing School die erste online “National Creative Writing Industry Conference” in Großbritannien. Den Eröffnungsvortrag hielt die nigerianisch-britische Autorin Irenosen Okojie. Sie sprach über ihre Entwicklung als Schriftstellerin und verband dies mit Ratschlägen an Autor*innen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Der folgende Text bildet den programmatisch-poetischen Beginn ihrer Rede. Anmerkungen zur Autorin finden sich im Anschluss. 

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Keine Hausaufgaben – Wie man spannend über ernste Themen redet [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

 

Im Februar 2011 fand ich die perfekte Serie. Ich hatte mich systematisch durch alle IMDB-Verlinkungen von Diablo Cody geklickt und stieß auf United States of Tara, in der Tony Colette eine dissoziativ erkrankte Mutter und Ehefrau spielt. Ich liebte die Serie für ihre komplexen Figurenkonstellationen, den respektvollen Umgang mit psychischen Krankheiten und der Tatsache, dass sie nicht die Erkrankung sondern die Entwicklung von Tara zentrierte. Nach dem Finale drei Staffeln später versuchte ich, was wir alle versuchen, um unsere Begeisterung nicht zu schnell abflauen zu lassen: Sofort eine weitere Person anzustecken. Die Wahl fiel auf meine Mitbewohnerin. Sie nickte geduldig und schrieb mir ein Jahr später aus dem Osterurlaub, dass sie die Serie auch genial gefunden habe.

Je begeisterter die Empfehlungen, so scheint es manchmal, desto unwilliger das Gegenüber. Ich kenne diese Reaktionen auch von mir selbst. Vielleicht liegt es daran, dass wir bei Lobeshymnen auch den Wunsch der Lobenden einberechnen, beim Empfehlen eine gute Figur abgeben zu wollen. Empfohlen werden nicht der Easy Read oder das Guilty Pleasure sondern das Komplexe, Mehrschichtige, Anstrengende – Hausaufgaben statt Abendunterhaltung. Und dann verschieben und verschieben wir den Konsum dieser Serien, Bücher oder Filme auf den Moment, in dem wir Kapazitäten für noch mehr geistige Arbeit haben. Der Podcast Radiolab scheint auf den ersten Blick eine solche Empfehlung zu sein: Jad Abumrad, Latif Nasser und Lulu Miller hosten ein experimentelles Audioformat, das wissenschaftliche und philosophische Perspektiven in long-form Journalismus verbindet. Urgh, klingt als stünde es auf der To-Do-Liste direkt unter Keller aufzuräumen und Unendlicher Spaß lesen.

Ist es aber nicht. Eine klassische Radiolab-Folge spielt sich im Studio zwischen den abwechselnden Moderator*innenduos ab: Abumrad, Nasser oder Miller hören die Aufnahmen ihrer Produzent*innen (manchmal produzieren sie auch selbst), unterbrechen sie immer wieder mit Bemerkungen und kurzen Gesprächen. Sie stellen die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt und sie tun es in dem ungescriptet klingenden aber präzise formulierten Ton, den nur extrem eingespielte Moderationsprofis draufhaben. Und worüber sie sprechen: Über die Nina Simone-Aufnahme, die die Sängerin drei Tage nach der Ermordung von Martin Luther King aufnahm. Die psychologische Bindung an Dinge. Die sechsteilige Reihe G, die untersucht, wie Intelligenzvorstellungen und v. a. IQ Tests mit Eugenik und umstrittener Genetik verwoben sind. Radiolab sind überhaupt Meister des Spin-Offs und der Sonderreihen: The Other Latif, More Perfect, Dolly Parton’s America, Border Trilogy – scheinbar unermüdlich produziert das Team individuelle Zugänge zu abstrakten und komplexen Fragen, findet Archivmaterial, gestaltet über Sound und Stille beeindruckende Momente.

Eine Folge hat mich am Ende des letzten Jahres besonders bewegt: Ashes on the Lawn behandelte die Frage nach der richtigen, der effektivsten Form von Protest: “When nothing seems to work, how do you make change?”. Der erste Teil der Episode stellt einen weitgehend unbekannten Protest von 1992 vor: 150 Personen, darunter viele Mitglieder der ACT UP-Bewegung, protestierten vor dem Capitol gegen die faktisch nicht vorherrschende HIV-Politik der Bush-Regierung – indem sie, umzingelt von der Mounted Police, der berittenen Polizei, die Asche ihrer Verstorbenen über der Rasenfläche verstreuten. Diese Zeitzeug*innen beschreiben beeindruckende, verzweifelte, wütende Szenen. Nur wenige Medien berichteten anschließend von den Geschehnissen. “I think if you weren’t in D.C. that day at that moment, you probably wouldn’t have known that it happened.”

Zur gleichen Zeit gibt es einen anderen Protest: Den AIDS Quilt, der die Namen und Erinnerungsgegenstände von 800 Verstorbenen trug (“Bomber jackets and high school track medals and things that Mom put on that really tell the story of the person”), und schließlich zur Gründung des Ryan White HIV/AIDS Programs führte. Die ACT UP-Mitglieder blieben kritisch: Der Quilt ist ihnen zu schön, zu peaceful und versöhnlich,  er würde die grausame Realität der AIDS Erkrankungen verschleiern. Auch wenn Lulu Miller und Produzentin Tracy Hunt in dieser Folge mit Archivmaterial und historischen Aufnahmen arbeiten, schwingt die Black Lives Matter-Bewegung der letzten Monate im Subtext immer mit: Wie wollen wir protestieren? Friedlich, radikal, zerstörerisch? Braucht es Wut oder Nachsicht, Verständnis oder Unnachgiebigkeit?

Eine andere Folge, die zu meinen all time favorites zählt, ist Elements, die sich dem Periodensystem auf eine besondere Art nähert. Zusammen mit kurzen Gedichten zu Helium, Sauerstoff oder Uranium (überhaupt-nicht-cringy Highlight: “Happy Valentine’s Day Magnesium” von Jason Schneiderman) erzählt die Folge drei Geschichten überlebenswichtiger Elemente. 

Am 14. Februar 2001 steht Jamie Lowe auf einem Dach und macht ihrem Freund Mike Ryan einen Heiratsantrag. Zuvor hat sie an einer Straßenecke gesungen, in einem Glitzer-BH getanzt, Kumquats und Wein gefrühstückt und behauptet, dass sie im Laufe des Tages eine Debatte mit Al Gore, George W. Bush, Ralph Nader und Fidel Castro führen würde – auf MTV. Jamie Lowe ist Bipolar und benötigt jetzt sehr schnell Lithium, das zur Behandlung eingesetzt wird. Produzent Soren Wheeler erzählt den Valentinstag anhand privater Videomitschnitte von Lowe und Ryan nach, lässt Szenen beschreiben, reichert das Material mit kurzen Erklärungen von Psychiater*innen an. Lithium ist ein Atom, das bereits während des Urknalls entstand, und das, in geringen Mengen, in der Natur auftaucht. Es gibt Studien, erfahren wir in der Folge, die den Zusammenhang zwischen Lithiumgehalt im Trinkwasser und verringerter Suizidalität, Kriminalität und Gewalt untersuchen.

Nachdem sie 16 Jahren mit Lithium behandelt wurde, muss Jamie Lowe Abschied von ihrem Element nehmen. Nach langjähriger Therapie sind Schädigungen der Nieren möglich. Vor dem Medikamentenwechsel besucht sie die Lithiumsalzflächen in Bolivien. “I’m grateful to it for its service. I feel like it’s done a lot for me. It worked so hard to get to me too, from the big bang to now.” Die 30 Minuten Lithium haben es in sich. Für mich sind es Momente wie diese, die einen so umfassenden Blick auf ein völlig anderes Leben geben, dass ich erst durch die Moderationen wieder zurückgeholt werden. “Wait … wait … you’re listening? To Radiolab”.

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Zwischen Schöpfung und Erschöpfung – Über Geburt in Film und Literatur

von Susanne Hösel

 

Irgendwann werden wir geboren, fangen wir an. Ohne die Geburt geht es nicht, und wir selbst vergessen alles davon. Die Menschen, die uns auf die Welt gebracht haben, behalten dieses Erlebnis jedoch sehr viel deutlicher in Erinnerung. Gehen diese Stunden und Tage erst immer wieder durch, dann irgendwann seltener. Betasten ihre Erinnerungen wie Glieder einer Kette. Diese Erinnerungen greifen sich mit der Zeit ein wenig ab, verlieren einige ihrer Kanten. Kehren dann wieder mit voller Wucht und eigener Beweglichkeit an den Jahrestagen zurück. Eltern stehen an den Abenden vor Geburtstagen über eine Kuchenglasur gebeugt, mit Geschenkpapier oder mit leeren Händen da. Halb formen sie das, was das Gesicht des nächsten Tages sein wird, halb sind sie ganz woanders. Es bleibt ein Rest Rätsel, wie das alles sein kann: Ein neuer Mensch. Es ist kaum zu  glauben. Weiterlesen

Sex, Sokrates und Ressentiments – Thea Dorn hat einen Corona-Roman geschrieben

von Peter Hintz

 

In den letzten zehn Jahren hat Thea Dorn, bekannt als Kriminalschriftstellerin und Moderatorin, eine fieberhafte Produktivität als meinungsstarke Autorin von Essays und Sachbüchern entwickelt. Ach, Harmonistan (2010) beklagte einen Mangel an deutscher Streitkultur (bevor sie 2020 wieder zur Maßhaltung aufrief), Die deutsche Seele (2011) erklärte unter anderem Wurst und Dauerwelle zur deutschen Essenz und mit Deutsch, nicht dumpf (2018) wollte sie laut Klappentext “Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen”. Weiterlesen

Wir sind hier, und ihr seid es auch – Ein Jahr nach Hanau

von Isabella Caldart

 

Hanau war kein Einzelfall. Wie rassistisch ist die deutsche Gesellschaft? Wie kann Schreiben nach Hanau aussehen? Was kann die Literatur für den antirassistischen Diskurs tun? Diesen und weiteren Fragen widmet sich das dreitägige „Wir sind hier“-Festival für kulturelle Diversität vom Literaturhaus Frankfurt in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank, das am Wochendende aus dem Literaturhaus Frankfurt und dem Kulturforum Hanau live gestreamt wird. Ein Bericht. Weiterlesen

Lächerliche Verbrechen – Über Krimiparodien

von Sandra Beck

 

Kriminalliteratur tritt gegenwärtig auch mal mit einer Covercollage aus Kuckucksuhr, Sekt, Guglhupf, brennenden Geldbündeln und Bombe in Erscheinung. Seit Ende der 1980er Jahre gehört der Regionalkrimi zu den Standardvarianten des Genres. Beginnend mit Jacques Berndorfs Eifel-Krimis um Siggi Baumeister – u.a. Eifel-Blues (1989), Eifel-Gold (1993), Eifel-Filz (1995), Eifel-Schnee (1995), Eifel-Feuer (1996), Eifel-Rallye (1997), Eifel-Jagd (1998), Eifel-Sturm (1999), Eifel-Müll (2000), Eifel-Wasser (2001), Eifel-Liebe (2002), Eifel-Träume (2004), Eifel-Kreuz (2006), Eifel-Bullen (2012), Eifel-Krieg (2013) – hat regional und lokal verortetes kriminalliterarisches Erzählen nach und nach die gesamte Bundesrepublik als Tatort aberzählt. Ein unübersehbarer Schwerpunkt liegt dabei auf der kriminalliterarischen Vertextung von Bayern allgemein, dem Allgäu und der Alpenregion im Speziellen – oder wie Katharina Löffler resümiert: „Lüftlmalerei, erzähltes Ermitteln in Hüttengaudi-Ambiente vor weiß-rot-karierter Szenerie, Kommissare, inmitten von Kuhglockengeläut, hübsch aufbereitete Rustikalität“.1   Weiterlesen