Kategorie: Feuilleton

Was man lesen kann – Frühjahrsempfehlungen von 54books

Wer einmal über eine der beiden großen Buchmessen Deutschlands in Leipzig und Frankfurt gelaufen ist, hat eine Ahnung davon bekommen, wie viele Bücher jedes Jahr im Frühjahr und in der Herbstsaison erscheinen. Niemand kann da den Überblick behalten, und warum auch? Von den rund 70 000 Büchern, die jährlich in Deutschland auf den Markt kommen, kann und will man nicht einmal einen Bruchteil lesen. Und selbst diejenigen, die man gerne lesen würde, wird man nicht alle innerhalb des Jahres lesen können. Es scheint ein schier unmögliches Unterfangen zu sein, eine Schneise der Empfehlungen in dieses Dickicht aus Neuerscheinungen zu schlagen.
Und dennoch, wir haben es versucht, uns durch eine Liste von 50 Verlagen mit über 500 Neuerscheinungen im Frühjahr 2020 gearbeitet und herausgesucht, was für uns interessant, nennenswert oder auch nur zumindest relevant erschien.

Wir präsentieren euch die 54books-Vorschau des ersten Halbjahres 2020

 

Sprache und SeinWie beeinflusst Sprache unser Denken? Welche normativen Überlegungen folgen aus dem, was wir darüber wissen? Und was hat das alles mit Feminismus zu tun, mit Emanzipation, mit Rassismus, mit Diskriminierung und Befreiung? In Sprache und Sein, einem erzählenden Sachbuch, geht Kübra Gümüşay, immer wieder mit autobiographischer Färbung, diesen Fragen nach.

(Kübra Gümüşay Sprache und Sein, Hanser Berlin, erscheint am 27. Januar 2020)

Der Verbrecher Verlag hat in den letzten Jahren für einige positive Sonne, Mond, ZinnÜberraschungen gesorgt und auch Alexandra Riedels Debüt Sonne Mond Zinn verspricht anhand des ersten Eindrucks der Leseprobe, ein guter Roman zu sein. Über den Inhalt selbst erfährt man nicht viel aus der Vorschau, aber die Haltung, mit der die Erzählfigur in einem lockeren Ton an ein Du gerichtet in den Roman einsteigt, lässt auf ein geschmeidig fließendes Erzählen hoffen.
(Alexandra Riedel Sonne Mond Zinn, Verbrecher, erscheint am 28. Januar 2020)

Der Titel des neuen Roman von Bov Bjerg bietet Raum für Interpretationen. Serpentinen handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit geht. Beinahe metaphorisch, meint man, steht der sich schlängelnde Weg den Berg hinauf für die Reise in die Kindheit des Vaters. Düsterer als Bjergs Bestseller Auerhaus wirkt dieser Roman und der reduzierte, parataktische Stil der Leseprobe verspricht ein zurückgenommenes Erzählen über die Männer einer Familie.
(Bov Bjerg Serpentinen, Claassen, erscheint am 31. Januar 2020)

Tine Høeg Buchcoverhat mit ihrem ersten Roman Neue Reisende den Debütpreis einer Dänischen Buchmesse erhalten und eigentlich schreckt uns die Ankündigung erst ab, denn eine junge Lehrerin lernt auf dem Weg zum ersten Arbeitstag einen verheirateten Mann kennen und dann Affäre und dann Drama, schaut man aber in die Leseprobe, flattern einem die Sätze nur lose gesetzt um die Ohren und es könnte sein, dass das auf 200 Seiten ganz fürchterlich in die Hose geht oder ganz, ganz grandios ist.
(Tine Høeg Neue Reisende, aus dem Dänischen von Gerd Weinreich, Droschl, erscheint am 7. Februar 2020)

Es fällt schwer, sich das Buch Eisfuchs der kanadischen Autorin Tanya Coverbild Eisfuchs von Tanya Tagaq, ISBN 978-3-95614-353-3Tagaq nicht von der Ankündigung des Verlags verderben zu lassen, die nicht nur in der marktschreierischen Rhetorik dieser Texte ein „atemberaubendes Debüt“ ankündigt, sondern auch alle YA-Klischees abdeckt, die in den letzten Jahren bis zum Überdruss verbraten wurden: Kindliche Perspektive, bedrohliche Erwachsenenwelt, Magie, Füchse. Allerdings erreicht uns dieses Buch auch mit einer kurzen sehr positiven Notiz des New Yorker, die uns gespannt macht: “This mystical novel draws on the author’s life to tell the story of a young girl growing up in Nunavut in the nineteen-seventies, in an Inuit community that has experienced ‘government relocation, the shift into capitalism, and the moulting of the Shaman Skin.’” Wir sind optimistisch, und vertrauen in dieser Hinsicht dem New Yorker, der uns einen ernsten poetischen Text verspricht.
(Tanya Tagaq Eisfuchs, aus dem Englischen von Anke Caroline Bruger, Kunstmann, erscheint am 11. Februar 2020)

Interessant klingt allein schon der Titel von Valerie Fritschs Roman Die Herzklappen von Johnson & JohnsonHerzklappen von Johnson & Johnson und auch die Handlung von einem jungen Paar, das ein Kind bekommt, das keinen Schmerz empfinden kann, ist vielversprechend. Wie eine außerhalb der Zeit stehende Litanei ziehen die ersten Seiten dieses Romans die Leser*innen hinein. Dabei spannt die Autorin einen Bogen von den Erinnerungen der Großmutter der kleinen Alma bis in die Gegenwart des Kindes.
(Valerie Fritsch Die Herzklappen von Johnson & Johnson, Suhrkamp, erscheint am 17. Februar 2020)

Der Ruf nach mehr Zeitgeschichte in der Gegenwartsliteratur wird allzuoft mit Romanen beantwortet, die thesenhaft und aufgesetzt allerlei Talking Points zu literarischen Handlungen verrühren. Am Ende hat man dann Palast der Miserableneine Peinlichkeit wie Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen. Von Abbas Khiders neuem Roman Palast der Miserablen, der vom Leben einer Familie im Irak unter Saddam Hussein erzählt, versprechen wir uns im Gegenteil ein Buch, das den Horror der Geschichte nicht nur benutzt, um einen Leitartikel zu vertonen, sondern um echte Literatur zu schaffen. Die Ankündigung des Verlags, uns erwarte ein „persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren“ klingt zwar einigermaßen bedrohlich, aber wir hoffen das Beste.
(Abbas Khider Palast der Miserablen, Hanser, erscheint am 17. Februar 2020)

Liest man durch das Programm von Blumenbar, drängt sich der Eindruck auf, die Voraussetzung in dieses aufgenommen zu werden sei eine Menge Instagram-Follower: Die Gedichte von Yrsa Daley-Ward lesen „im Internet Hunderttausende“ (@yrsadaleyward), Morgane Ortin hat gar aus ihrem https://i0.wp.com/www.aufbau-verlag.de/media/Upload/cover/9783351050795.jpg?resize=246%2C382&ssl=1Instagram Account einen Roman gezimmert (@amours_solitaires). Damit kann Mary Gaitskill nicht dienen, aber mit ihrem „Skandalbuch“ von 1988, dem Kurzgeschichtenband Bad Behavior, der ein Jahr später auf Deutsch erschien, aber nicht mehr lieferbar war. Ihre Geschichten drehen sich um Drogenmissbrauch, Prostitution und BDSM. Die englische Wikipedia fasst das knackig zusammen:
Gaitskill’s fiction is typically about female characters dealing with their own inner conflicts, and her subject matter matter-of-factly includes many “taboo” subjects such as prostitution, addiction, and sado-masochism.
(Quelle: Wikipedia, letzter Abruf 17.1.2020).
Obvious, warum das Buch aktuell ist und warum man sich das ruhig mal auf den Zettel schreiben darf.
(Mary Gaitskill Bad Behavior – Schlechter Umgang, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Blumenbar, erscheint am 18. Februar 2020)

In einer Zeit, in der Ereignisse gemacht werden, um das Konstrukt einer politisierten Realität zu bestätigen, kann man nicht genug darüber lesen, wie die Medien funktionieren, und darüber, was guten und was schlechten Journalismus ausmacht. 2019 erschienen mit Ronan Farrows Catch and Kill und She Said von Jodi Kantor und Megan Twohey zwei Bücher über heroischen Journalismus und die sinistren Kräfte, die sich ihm entgegenstellen. Von den sinistren Kräften innerhalb des Journalismus erzählte Juan Morenos Tausend Zeilen Lügen. Nun veröffentlicht der Secession Verlag das Buch Breaking News. Das Ende des Journalismus und seine Zukunft von Alan Rusbridger, dem ehemaligen Guardian-Chefredakteur. Wir hoffen auf eine spannungs- und anekdotenreiche Geschichte und Analyse des Journalismus in den letzten Jahrzehnten.
(Alan Rusbridger Breaking News – Das Ende der Journalismus und seine Zukunft, aus dem Englischen von Joachim von Zeppelin, Secession, erscheint im Feburar 2020.)

Passend zur Poschardt-Monografie (siehe weiter unten) liefert der Heidelberger Geschichtsprofessor Edgar Wolfrum uns mit Der Aufsteiger, der „ersten historischen Gesamtdarstellung der Berliner Republik“ den Buchdeckel „978-3-608-98317-3Hintergrund. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass Kämpfe um die Deutung der jüngsten Geschichte dieses Landes möglicherweise von größerer Bedeutung sind, als man es noch vor einem knappen Jahrzehnt hätte meinen können. Das Urteil eines seriösen Historikers dazu zu hören kann nicht schaden.
(Edgar Wolfrum Der Aufsteiger, Klett-Cotta, erscheint am 22. Februar 2020)

Wense, Hauptfigur und Namensgeber des Romans von Christian Schulteisz wird als „Universaldilettant“ angekündigt. Sowas bin ich ja auch – sind wir das nicht alle? Von allem ein bisschen, da und dort, reinschnuppern, ausprobieren, weglegen, vergessen.

[I]ch bin kein schriftsteller, kein literat, kein dichter, kein gelehrter, kein musicus, vielmehr nichts als ein mensch, d. h. philosoph, ein rebell!

Aus: Von Aas bis Zylinder. Werke. Das Briefwerk. Hrsg. Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. 2 Bde. Zweitausendeins, Frankfurt 2005.

Der Roman, soviel wird in der Vorschau zumindest verraten, beruht auf dem Leben Jürgen von der Wenses, aus dessen Leben und Werk der blauwerke Verlag auf Twitter postet. Der Wikipedia Eintrag von Wense ist uns zusammen mit dem Wort „Universaldilettant“ bereits Grund genug, diesen Roman auf dem Zettel zu haben.
(Christian Schulteisz Wense, Berenberg, erscheint am 25. Februar 2020)

Im Guardian wurde Saskia Vogels Roman Permission so beschrieben: „Permission is a story about grief, loneliness and sadomasochism.” Und mehr müssen wir eigentlich über dieses Buch gar nicht wissen, um es interessant zu finden. Außer vielleicht die Ankündigung, dass die Klischees von BDSM, die sich durch Heuler wie 50 Shades of Grey in unserer Kultur sedimentiert haben, konsequent unterlaufen werden.
(Saskia Vogel Permission, aus dem Englischen von Benjamin Dittmann, Secession, erscheint am 28. Februar 2020)

Die Fiktionalisierung von Biographien bleibt offenbar Trend. Das Mädchen mit der Leica ist Gerda Taro, eine in 1910 in Stuttgart geborene Fotografin, die 1937 im spanischen Bürgerkrieg starb. Mit 23 verließ Taro das nationalsozialistische Deutschland und ging ins Pariser Exil. Bei ihrer Das Mädchen mit der LeicaBeerdigung führten Pablo Neruda und Louis Aragon den Trauerzug an, ihr Grabmal schuf Giacometti. Dem Leben der ersten weiblichen Kriegsfotografin spürt Helena Janeczek nach, Aufhänger ist die (reale) Wiederentdeckung eines Koffers mit Negativen von Taro in Mexico.
(Helena Janeczek Das Mädchen mit der Leica, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag, erscheint am 2. März 2020)

Der andere Roman dieses Frühjahrs, der mit dem Bild der Serpentinen im Titel spielt, ist Olivia Wenzels Debüt 1000 Serpentinen Angst. Hier 1000 Serpentinen Angstbekommt die Metapher aber noch einmal eine ganze andere Wucht. So atemlos wie der Titel es vermuten lässt, scheint sich auch die Handlung durch die Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik zu winden. Schon die Vorschau ruft einige wichtige Ereignisse der letzten Jahrzehnte auf und positioniert die Erzählerin dazu. Nach einigen Theaterstücken dürfte Wenzels vielversprechender Roman die Autorin auch auf anderen Feldern der Literatur bekannt machen.
(Olivia Wenzel 1000 Serpentinen Angst, S. Fischer, erscheint am 4. März 2020)

Im Dezember 2019 erschien ein Text in der ZEIT, der die 122 Morde an Frauen in Deutschland durch Männer und Lebensgefährten im Jahr 2018 in horrend effektiver Weise einfach aufzählte. Ebenfalls 2019 wurde Rachel Louise Snyders No Visible Bruises, eine Reportage über häusliche Gewalt, auf die Liste der besten Bücher des Jahres gesetzt. Gewalt gegen Frauen als epidemisches und allgegenwärtiges Phänomen ist – viel zu spät – zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden. 2020 veröffentlicht der Kunstmann Verlag nun Christina Clemms Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt. In der Coverbild AktenEinsicht von Christina Clemm, ISBN 978-3-95614-357-1Verlagsvorschau heißt es darüber: „Nach den neuesten Zahlen des BKA ist jede dritte Frau in Deutsch­land von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Welche Lebensgeschichten sich hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen, davon erzählt die Strafrechtsanwältin, empathisch und unpathetisch.“ Wir hoffen vor allem, dass die Vorgaben „emphatisch“ und „unpathetisch“ eingehalten wurden, und ein Buch entstanden ist, das auf nicht-exploitative Art und Weise einem Phänomen, das existieren kann, weil es oft im Privaten stattfinden, mehr Öffentlichkeit verschafft.
(Christina Clemm Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt, Kunstmann, erscheint am 3. März 2020)

Sibylle Berg hasst oder liebt man, und es gibt gute Gründe, sie mindestens anstrengend zu finden. Genau deswegen ist sie wiederum wahrscheinlich die Beste, um mit 17 renommierten Wissenschaftlern über den Zustand unserer Welt zu sprechen. Nerds retten die Welt entstand während der Recherchen zu GRM und wir möchten gerne, dass Sibylle Berg uns auch einmal interviewt.
(Sibylle Berg Nerds retten die Welt, Kiepenheuer & Witsch, erscheint am 05. März 2020)

Nicht nur, aber vor allem in Deutschland kommt spätestens seit Anfang der Nullerjahre keine technikpolitische Diskussion ohne den Verweis auf China aus. Dass irgendetwas Technisches in China schneller, früher oder Die Frage nach der Technik in Chinaenthusiastischer betrieben werde als anderswo, ist ein Standardkommentar geworden. Da kann es nicht schaden, sich damit zu beschäftigen, ob es tatsächliche Unterschiede im Technikdenken zwischen China und »dem Westen« gibt. Der international tätige chinesische Philosoph Yuk Hui, derzeit Dozent in Weimar, beschäftigt sich in dem Großessay Die Frage nach der Technik in China mit der Suche nach einem genuin chinesischen Denken über Technik in Anschluss an „westliche“ und „östliche“ Literatur.
(Yuk Hui Die Frage nach der Technik in China, Matthes & Seitz, erscheint am 6. März 2020)

Der Titel Von den Deutschen lernen ist gewagt und erzeugt allein dadurch schon Aufmerksamkeit. Von der jüdischen amerikanischen Von den Deutschen lernenPhilosophieprofessorin Susan Neiman kann man sich aber tatsächlich eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Frage erhoffen, was an der spezifisch deutschen Art des Umgangs mit dem Bösen in der eigenen Vergangenheit wertzuschätzen sein könnte, ohne dass es in der typisch deutschen Selbstzufriedenheit der „Erinnerungsweltmeister“ versinkt.
(Susan Neiman Von den Deutschen lernen, aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, erscheint am 9. März 2020)

Nicht nur ein Sachbuch, das sich mit dem Thema häusliche Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, erscheint dieses Frühjahr, sondern auch ein schon hochgelobter Roman. In Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau erzählt Meena Kandasamy autobiographisch gefärbt von der Ehe zwischen einer jungen Frau und einem Professor, der sich nach kurzer Zeit vom „perfekten Mann“ zum „perfekten Monster“ (Verlagsvorschau) entwickelt. Die Vorschusslorbeeren, mit denen dieser Roman jetzt nach Deutschland kommt, sind groß, aber man darf zu Recht hoffen, dass er ihnen gerecht wird.
(Meena Kandasamy Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau, aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culturbooks, erscheint am 9. März 2020)

Dass die Deutschen ein ganz eigenes Verhältnis zu ihren kreuzungsfreien Fernstraßen haben, pfeifen die Spatzen von den Heckspoilern. Auf der Buchdeckel „978-3-608-50448-4Autobahn ist der Deutsche ganz bei sich, am liebsten im schwarzen TDI mit 190 auf der linken Spur – oder bei Sanifair und Riesenbockwurst. Soweit das Klischee. Zugleich ist die ohnmächtige Wut auf den Autoverkehr in seiner spezifisch hässlich-deutschen Machart seit Langem nicht so laut und präsent gewesen wie heute. Michael Kröchert hat ein Jahr lang die deutschen Autobahnen bereist: genau zur rechten Zeit.
(Michael Kröchert Autobahn, Tropen, erscheint am 11. März 2020)

Als Katharina Herrmann ihren Beitrag Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen für 54books schrieb, avancierte dieser über Nacht zu dem meistgelesen und -diskutierten Beitrag auf diesem Blog. Rund drei Jahre später erscheint nun bei Reclam das gleichnamige Buch Dichterinnen & Denkerinnen. Von Luise Gottsched bis Marieluise Fleißer: Katharina Herrmann stellt zwanzig Autorinnen und deren (mal mehr, mal weniger) vergessene Werke vor. Wer die Artikel der Autorin kennt, weiß, dass man sich über 200 Seiten bestens unterhalten und hinterher klüger fühlen wird. Ganz klar: absolutes Muss im Frühjahr!
(Katharina Herrmann Dichterinnen und Denkerinnen, Reclam, erscheint am 11. März 2020)

Poschardt? Soll das ein Witz sein? »Drulf«, wie Kenner den schneidigen Franken nennen, der seinen Doktorgrad bei Formularen gerne mit ins Vorname-Feld einträgt, hat seinen Ruhm eher als ständiges mediales Buchdeckel „978-3-608-98244-2Ärgernis erworben denn als seriöser Autor. Von einer Art porschefahrendem Maskottchen der frühen Berliner Republik hat er sich inzwischen zum Chefredakteur bei Springer und Lieblings-Twittertroll der Boomer-Jahrgänge hochgearbeitet, aber: Sollte man denn ein Buch von ihm lesen? Ja, man sollte Mündig lesen, und sei es, um sich fundierter ärgern zu können. Auf Twitter postet er ja keine zusammenhängenden Sätze mehr.
(Ulf Poschardt Mündig, Klett-Cotta, erscheint am 14. März 2020)

Cover ZerstörungÜber das Schreiben in einer Diktatur, die unerwartet über die Erzählerin hereinbricht, erzählt Cécile Wajsbrot in ihrem Roman Zerstörung. Die Inhaltsangabe des Verlags über eine Diktatur, die die Erinnerung an die Vergangenheit auslöscht und Geschichte tilgt, klingt nach einem Roman, der auf aktuelle politische Entwicklungen in Europa und dem Rest der Welt reagiert.
(Cécile Wajsbrot Zerstörung, aus dem Französischen von Anne Weber, Wallstein, erscheint am 20. März 2020)

Da heutzutage jeder Hinz und Kunz im politischen Tagesgeschäft mit irgendwelchen Rekursen auf kulturelle »Eigenbestände« von wem auch immer hausieren geht, ist es dringender denn je notwendig, sich ein wenig fundiert damit auseinanderzusetzen, was ein Kulturelles Erbe überhaupt sein könnte. Sabine Benzer beschäftigt sich im Dialog mit einer Reihe hochkarätiger Expert*innen mit unterschiedlichen Aspekten des Themas. Sicherlich lesenswert und erfreulich dünn.
(Sabine Benzer (Hg.) Kulturelles Erbe, Folio, erscheint am 31. März 2020)

Im April veröffentlicht Rowohlt die Übersetzung des vierten Romans von Khaled Khalifa. Das Buch trägt den Titel Keine Messer in den Küchen dieser Stadt (zuerst veröffentlicht 2013) und erzählt anhand des Schicksals einer Familie in Aleppo die Geschichte des modernen Syrien. Der Erzähler wird geboren während Hafiz al-Assad die Macht im Land an sich reißt. Man kann nur hoffen, dass die Übersetzung das Versprechen dieses Buches einhält. Verheißungsvoll klingt bereits, was der Guardian über die englische Version schreibt: „The writing is superb – a dense, luxurious realism pricked with surprising metaphors.“
(Khaled Khalifa Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, aus dem Syrischen von Hartmut Fähndrich, Rowohlt, erscheint am 21. April 2020)

Ungewöhnlich und vermutlich eine Beschreibung eines Gemäldes ist der Titel von Alena Schröders Roman über drei Frauen Bildergebnis für Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleidim 20. und 21. Jahrhundert. Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid erzählt von den Umwegen, auf denen das Kunstvermögen einer jüdischen Familie im Jahr 2017 zu der 27-jährigen Hannah Borowski gelangt. Nach den unerwarteten Verstrickungen von Lebensläufen klingt die Handlung um die junge Senta Köhler in den 1920er Jahren, die ihr Kind aus erster Ehe beim Vater zurücklassen muss, und Hannah Borowski in der Gegenwart des 21. Jahrhundert. Wer der Autorin in ihrem Podcast sexy und bodenständig im Gespräch mit ihrem Kollegen Till Raether zugehört hat, weiß schon ein paar Dinge über die Entstehung dieses Romans.
(Alena Schröder Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Ullstein, erscheint am 24. April 2020)

Einen Schreibtisch mit Aussicht braucht frau, um zu schreiben. Ausgehend von Virginia Woolfs Aussage, eine Frau brauche nur 500 Pfund im Monat und ein eigenes Zimmer (A room of one’s own), um große Literatur verfassen zu können, versammelt diese Anthologie (herausgegeben von Ilka Piepgras) Essays, in denen sich Schriftstellerinnen mit ihrem Schreiben auseinandersetzen; darunter Autorinnen wie Eva Menasse, Sybille Berg, Zadie Smith, Sheila Heiti und Joan Didion. Der Essayband reiht sich damit ein unter Bände mit unterschiedlichen Autor*innen, die in den letzten Jahren erschienen sind.
(Ilka Piepgras (Hg.) Schreibtisch mit Aussicht, Kein & Aber, erscheint am 12. Mai 2020)

Drei 34-jährige Kulturjournalisten aus Berlin und eine 31-jährige Kulturjournalistin aus Berlin unterhalten sich in Liebe, Körper, Wut & Nazis über „Fragen, die niemand zu stellen wagt“. Das klingt entsetzlich. Man Buchdeckel „978-3-608-50465-1möchte es aber trotzdem gerne lesen, denn entweder ist der „Selbstversuch“ von Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow wirklich aufschlussreich; oder man lernt bei der Lektüre zumindest etwas über Illusionen und blinde Flecke eines bestimmten Segments des Literaturbetriebs. (Offenlegung von Matthias Warkus: Ich habe einmal in einer Marburger WG gewohnt, in der Steffen Greiner ab und zu am Küchentisch saß.)
(Jennifer Beck et al. Liebe, Körper, Wut & Nazis, Tropen, erscheint am 23. Mai 2020)

Das ist sie, die Liste der Neuerscheinungen des Frühjahrs, die das 54books-Team für erwähnens- und empfehlenswert hält. Und nun lest!

Wer hat das Gudbrandstal geschrieben?

Klima, Kunst und Erde: In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

Susanne Christensen, 1969 geboren, ist eine dänisch-norwegische Literatur- und Kunstkritikerin. Der vorliegende Text stammt aus der norwegischen Literaturzeitschrift Vagant und war ursprünglich ein Beitrag zum Kunstprojekt Framtidsruiner (Zukunftsruinen) über Orte im norwegischen Gudbrandstal. Das Gudbrandstal ist eine nahezu mythisch aufgeladene Landschaft: Vom sogenannten „Eidsvoll-Eid“ („Einig und treu, bis der Berg Dovre fällt“), den sich die verfassungsgebende Reichsversammlung 1814 schwor und damit für Norwegens Unabhängigkeit sorgte, bis zu Edvard Griegs Vertonungen des Ibsen-Dramas Peer Gynt ist es für die Ausprägung der norwegischen Nationalromantik von höchster Bedeutung.

2011 wurde Christensen zur norwegischen Kritikerin des Jahres gewählt, im gleichen Jahr erschien ihre Essaysammlung Den ulne avantgarde (Die heikle Avantgarde), 2015 En punkbønn (Ein Punkgebet), ein Buch über feministischen Punk-Aktivismus. 2019 gab sie Leonoras reise heraus, eine theory fiction über die britisch-mexikanische Surrealistin Leonora Carrington, Ökofeminismus, Klimawandel und die prekären Arbeitsbedingungen von Kritiker*innen. Derzeit ist sie Herausgeberin des Norwegischen Jahrbuchs für Kunst. Für Leonoras reise liegen ein Exposé und eine deutschsprachige Leseprobe in Übersetzung von Matthias Friedrich  vor. Das Buch sucht derzeit einen Verlag.

Die im Text mehrfach erwähnte Künstlerin und Filmemacherin Bodil Furu wurde 1976 geboren und lebt in Oslo. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen des Bergbaus, der Repräsentation von Landschaften sowie den fiktionalen Dimensionen des Dokumentarischen und komplexen Narrativen.

 

1.

Ein Zug, der fast schon am Ufer entlangfährt. Genauso fühlt es sich an, mit dem Zug von Oslo ins Gudbrandstal hinauf zu reisen, etwa Richtung Lillehammer. Das ist kein langsamer Zug. Zum Monatswechsel zwischen Mai und Juni, wenn die Tour gerne zum regionalen Literaturfestival führt, tanzt ein eilig wechselndes Flimmern grüner Zweige und Wasserlichtreflexen am Zugfenster vorbei. Dieses Flimmern ist eine treffende Illustration eines sprudelnden Glücksgefühls, einer Euphorie, für mich jedoch folgt darauf blitzschnell eine Warnung vor einem herannahenden Migräneanfall. Einen Staketenzaun zu passieren, der Lichtschimmer für Lichtschimmer hervorruft, hat bei mir früher schon Migräne ausgelöst, ebenso der Anblick einer weißen Tafel, die das von draußen kommende Licht reflektiert. Konkrete Beweise gegen die schädlichen Wirkungen des Stroboskoplichts habe ich keine; bei Konzerten wende ich mich aber gerne ab und schließe die Augen.

Ein flimmerndes, sprudelndes Glücksgefühl im overdrive und eine Antwort meines Gehirns: Sehstörungen in Form eines Lichtkranzes im Augenwinkel. My own private modernism, erschaffen von meinem Gehirn, ein Vorzeichen wahnsinnigen Schmerzes, wie ein das Auge durchbohrendes Schwert. Oft trifft das Phänomen nach einer halben Stunde mit brutalem, weißem Rauschen im Sichtfeld ein. Ein tiefes Tal mit herabbrausendem Wasser in der Mitte, es liegt nahe, diese Landschaft als weiblich zu bezeichnen. Passagiere in einer energischen Blechbüchse auf dem Weg zurück, in den Geburtskanal. Auf dem Literaturfestival penetrieren Oslos Verlagsleute diese mystische Landschaft mit ihren lärmenden Rollkoffern. Die Aussichten, morgens um fünf mitten in einem Kreis lachender Hyänen im Hotel Breiseth zu enden, sind unheimlich groß.

Im Oktober 2013 allerdings fuhr ich an Lillehammer vorbei und weiter landauf- und landeinwärts. Die Station, an der ich ausstieg, hieß Harpefoss, und meine Frage lautete: Was ist ortsspezifische Schrift? Das Laub war nicht mehr grün, es war gelb, orange und rot. Eine Farbpalette, die unmittelbar weniger Migräne verursachte als die schrillen Neonfarben des Frühjahrs. Mein Job war es, in einem Loft herum zu spuken, um Mitternacht ein bisschen auf den Fußboden zu klopfen und nachts schweren Schrittes über die Treppen zu laufen. Vom Vollmond inspiriert, forderte ich die Grenzen heraus, als ich versuchte, Nicos „Janitor of Lunacy“ vom Album Desertshore (1970) mit dem schwachen Stimmchen einer Schneeeule aufzuführen. Die Vertikalität der Bergböschungen da draußen erschloss sich mir nicht. Drückte ich das Gesicht an die kühlen Fensterscheiben meiner Mansardenkammer, sah ich, wie der Mond eine Landschaft beleuchtete, die zwei Jahreszeiten zugleich zu beherbergen schien: Noch immer glühte warm der Herbst im Schoß des Tales, während der Raureif eine strenge Linie über die Baumwipfel zeichnete. Etwas da oben atmete kalt, eine Temperaturgrenze schied die feuchte Tiefe des Tales von den verfrorenen Silberfarben der Berge.

Auf ziellosen Wanderungen durch die Umgebungen und auf Expeditionen zum lokalen Kiwi-Supermarkt versuchte ich, meine Arbeit zu planen und zu dokumentieren. Aber handelte es sich hierbei um ein Werk? Sieh an, ein Lastwagen voller schwarzer Rundhölzer. Die Rundhölzer waren zu lang, die Ladefläche stand offen und bezog sich mit ihrem blauen, metallischen Rechteck auf Rothko. Wenn ich auf meine Zeit in Harpefoss zurückblicke, halte ich allerdings zwei von Richard Long inspirierte Werke für die gelungensten. Die Werke sind Spaziergänge bis an meine absoluten geographischen Außengrenzen. Harpefoss als solches ist keine wiedererkennbare Stadtkonstruktion. Das Harpefoss Hotel, ein ornamentiertes Holzgebäude im Schweizerstil von 1896, in dessen Dachkammer ich wohnte, lässt sich vielleicht als soziales Stadtzentrum beschreiben, wohingegen das Lebensmittelgeschäft Kiwi eher ein Handelszentrum repräsentiert. Auf dem Parkplatz halten die Autos, aus denen scheue Menschenkörper in Richtung des Ladens laufen und mit Tragetaschen wieder zum Auto zurück. Man ist in dieser Landschaft, wie auch in Los Angeles, ohne Wagen aufgeschmissen.

In beiden Werken wollte ich so weit wie nur irgend möglich spazieren und auf meinem Weg in einem Spiel mit meinen Umgebungen eingehen, die sowohl in aktiver als auch in passiver Hinsicht zur Formbestimmung meines Werkes beitragen sollten. Das Werk bestand aus den Linien, die unsere Fußspuren über der Landschaft zeichnen. Das erste Werk zog sich am Fluss Gudbrandsdalslågen nach unten. In diesem Gebiet waren bereits viele Arbeiten im Gange. Es ist unklar, ob diese Tätigkeit etwas mit dem Ausbau der E6 zu tun hatte, nichtsdestoweniger wurden meine Aktivitäten schon bald von Menschen bemerkt, die hier beschäftigt waren. Mit Händen und Füßen vermittelte ich, dass ich gerne am Gewässer entlanggehen wollte. Der Arbeiter, mit dem ich sprach, war in einen astronautenartigen Sicherheitsanzug eingepackt; wir kommunizierten mühevoll, doch er zeigte eine gewisse Offenheit. Bald nahm er mich in seine gelbe Maschine mit und fuhr mich durch das verbotene Gebiet. Dann setzte er mich ab, und ich hatte die Freiheit, das Werk in einer kreisförmigen Improvisation am Gewässer entlang zu vollenden.

2.

Von dem Ort aus, an dem ich dies schreibe, dem Nordwestviertel Kopenhagens, scheint es leicht, das Gudbrandstal als Natur einzuordnen, aber unberührte Natur ist es kaum, es ist Natur, die beständig von vielen Händen geknetet und geformt wird. Man kann wirklich behaupten, dass das Gudbrandstal von Henrik Ibsen (1828-1906) geschrieben wurde: Peer Gynt (1876) spielt genau hier. Dass Ibsen sein Theaterstück im Umkreis von Vinstra ansiedelte, nur sechs Kilometer von Harpefoss entfernt, hat für die Region eine große Bedeutung, sie ist Kronborg, wo Shakespeares Hamlet von 1605 spielt, nicht unähnlich. Am Gålåvatnet, Peer Gynts Geburtsort, findet jetzt jährlich das Peer-Gynt-Festival statt, mit einer Aufführung des Theaterstücks als Höhepunkt. Das Festival ist ein internationaler Publikumsmagnet, und man rechnet damit, dass es jeden Sommer ungefähr 12000 Gäste nach Vinstra lockt. 12000 Paar trampelnde Füße, die an der Landschaft mitkneten.

Die Künstlerin Bodil Furu (geb. 1976) arbeitet im Film Landscapes By The Book an einer Art Porträt des Gudbrandstals. Es handelt sich um einen dokumentarischen Film, der aber essayistisch aufgebaut ist. Ohne, dass es zu explizit hervorgekehrt wird, scheint er so etwas wie eine poetische compilation von Faktoren zu sein, die diese Landschaft beeinflussen und verändern. Die Veränderungen werden beobachtet und kommentiert von den etwa neun Hauptpersonen des Films, die sich auf ihre je eigene, spezifische Weise äußern dürfen. Der Tankwart Kristen Bjørgen, der einen afrikanischen Hintergrund hat, hieß früher Jules Kayabal, hat sich jedoch für eine Namensänderung entschieden, weil er – wie er lächelnd sagt – reinpassen will. Bjørgen und ein Freund eröffnen den Film mit der Lektüre eines Volksmärchens über Ulveig, eine Frau, die man für eine Hexe hielt, weil sie heftig gegen das neu eingeführte Christentum opponierte. Der Legende zufolge warf sie Steine auf die Sør-Fron-Kirche, weil sie das Geräusch der Kirchenglocken nicht ertrug. Im Laufe des Filmes gibt es noch mehr ähnliche Zwischenspiele älteren Wissens, dargebracht in Form von erzählten, gesungenen und aufgeführten Volksliedern und Legenden, die dadurch als Kommentar zum zeitgenössischen Gudbrandstal wiederbelebt werden. Ein wehmütiges Volkslied über Liebeskummer zum Beispiel wird mit zwei gelben Traktoren im Hintergrund dargeboten. Migration ist ein verändernder Faktor, aber hier ist es Kristen Bjørgen, der sich verändern lässt, um hineinzupassen, etwas, das er mit Freude und Dankbarkeit zu tun scheint.

Die größten landschaftsverändernden Faktoren sind indes zwei umfangreiche Bauvorhaben: Das inzwischen beerdigte Kåja-Kraftwerk hätte einen Damm quer über den Gudbrandsdalslågen zur Folge gehabt. Furu folgt der Debatte über das Wasserkraftwerk aus mehreren Perspektiven. Ein weiteres Projekt, das sich in der Entstehung befindet, ist die Verlegung der E6-Autobahn, für die die staatliche Straßenbehörde verantwortlich ist. Zwei Vertreterinnen dieser Behörde, gekleidet in neonorange Anzüge, teilen ihre Reflexionen mit uns. Am auffälligsten ist die Sprache, die sie für ihre Arbeit verwenden, sie, die professionell Geschäfte mit dem Wahrnehmbaren treiben: Unter anderem reden sie davon, „Regie“ bei Reiseerlebnissen zu führen. Genauso gut könnten sie davon reden, bei einem Theaterstück oder einem Film Regie zu führen, und wir erhalten Einblick in einen szenischen Gedankengang, der der Methode zugrunde liegt, mit der die „wilde“ Natur des Gudbrandstals inszeniert und, verglichen mit einem Blick aus dem Autofenster, angeordnet wird.

Ein weiterer Ausdruck, den die Frauen von der Staatlichen Straßenbehörde verwenden, lautet „Konsequenzen ohne Preisfestsetzung“. Dabei geht es um diejenigen Schriftsteller aus dem Gudbrandstal, die sich schwerlich berechnen lassen. Es sind keine steinblockwerfenden Hexen, sondern Steinrutsche und Überschwemmungen, die auf eine ähnliche Art die im Tal vor sich gehenden Veränderungen beantworten. Wir müssen annehmen, dass Teile hiervon, nämlich die gewaltigen Überschwemmungen von 2011 und 2013, mit weitaus größeren Erzählungen außerhalb des Gudbrandstals zusammenhängen, nämlich mit den Veränderungen des Klimas. In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

In Mangeurs de Cuivre (Copper Eaters) von 2016 behandelt Furu einige der gleichen Problemstellungen. Vom Gudbrandstal aus haben wir uns in den südöstlichen Kongo begeben, und hier entwickeln sich die Konflikte zwischen einer magischen, von Ritualen und Respekt vor der Natur geprägtem Denkweise und den an Naturressourcen interessierten Geschäftsleuten und Unternehmern als reale lokalpolitische Konfrontationen. Wo Ulveig aus dem Gudbrandstal bloß als Sage existiert, spielen Geister in politischen Diskussionen über die Verwendung des 600 Kilometer langen Kupfergürtels im Gebiet des heiligen Berges Lunsebele tatsächlich eine Rolle. Als die ausländischen Bergbaugesellschaften in der Region ankommen, entstehen mehr Jobs für die Lokalbevölkerung, doch das zieht immer mehr in die Region, sie finden nichts und entscheiden sich für die Kriminalität. Tiefgreifende zivilisatorische Veränderungsprozesse sind im Gang.

Die Unternehmer haben sich mit idealistischen – ja, oder idealistisch-kapitalistischen – lokalen Geschäftsleuten verbündet, die meinen, der schwache Staat könne die Interessen des Kongo nicht wahrnehmen. Als Ausdruck eines Nationalismus, aus Liebe zum Heimatland, entscheiden sich diese Geschäftsleute dazu, als Bindeglied zwischen den ausländischen Firmen und der Lokalbevölkerung aufzutreten. Wir sehen, wie sie in einer orangen Weste, derjenigen der Staatlichen Straßenbehörde nicht unähnlich, mit dem Vorstand der Dörfer verhandeln. Heftig mit den Armen fuchtelnd, sprechen sie zu den lokalen Ortsvorsteherinnen, die eine ausgeprägt defensive Körpersprache an den Tag legen: Dürfen wir? Dürfen wir das Land betreten? Indes ist kaum anzuzweifeln, dass Probebohrungen die Bevölkerung aus der Region vertreiben werden.

Furus Kamera observiert ruhig und offen. Diejenigen Menschen, die im Film erscheinen, betreten oft selbst die Bildfläche und verharren gerne für ein paar Minuten in absoluter Stille, ehe sie zu sprechen beginnen. Mit einer leichten, zitternden Bewegung wie von einem Atemhauch scheint die Kamera passiv-beobachtend darüber zu schweben. Die Art des Filmens ist nahezu frei von rhetorischen Attitüden, der Grad aktiver Inszenierung ist auf ein Minimum beschränkt. Ist die Kamerahaltung aktivistisch? Ja, aber sie steht im direkten Gegensatz zu den überschwänglichen Attitüden des gewöhnlichen Aktivisten.

Ganz zu Beginn von Landscapes By The Book stellt Furu uns einem Strom weißer Lämmer vor; diese wuseln einem Bauern um die Beine, der sie zu füttern versucht. Wir hören die zarten Stimmchen der Lämmer. Der Hof des Mannes wurde von einem durch heftigen Regen verursachten Steinrutsch verwüstet. Steinrutsche werden unter anderem vom Straßenbau ausgelöst, weil man diejenigen Bäume fällt, die mit ihren Wurzeln den Boden zusammenhalten. Keines seiner vierzig Lämmer hat überlebt. Gegen Ende scheinen die Stimmen der Lämmer Furus Film heimzusuchen.

Die vierzig Lämmer wirken wie indirekte Opfer des von der Staatlichen Straßenbehörde vertretenen ästhetischen Gedankengangs, eine Schlussfolgerung, die Furu zu bombastisch erscheint, in meinem Kopf jedoch widerhallt, wenn ich diese blökenden Gespensterlämmer höre. Mein eigener Spukversuch im Harpefoss Hotel im Oktober 2013 führte bloß zu einer Abendesseneinladung von der Familie, die in der Etage unter mir wohnte. Die Grübeleien über die ortsspezifische Schrift resultierten in ein paar Werken, das eine relativ geglückt, das andere nahezu gescheitert. Bei der Evaluierung des ersten Werkes war ich zufrieden mit der spontanen Zusammenarbeit, die dort eine Bruchlinie und eine Wegstrecke erzeugt hatte, wo sich am Ufer des Gudbrandsdalslågen ein spektakuläres Raupenkettenmuster erstreckte. Das zweite Werk indes erhielt eine dunklere Klangfarbe. Hier entschloss ich mich, am Harpefossen und am Solbråfossen vorbeizugehen und das Kraftwerk von Harpefossen anzusteuern. Auch hier schien es nicht unbedingt empfehlenswert, einfach durch die Gegend zu trotten. Ich wusste nicht, ob meine Wanderung gegen das Gesetz verstieß, aber diesmal beschwerte sich niemand über meinen Einbruch, und das, obwohl ich im Gebiet um das Kraftwerk herum ganz sicher gefilmt wurde.

Meine Füße sanken in die weiche Erde ein, und ich schaute auf sie herunter und nach hinten, wo sich Spuren abzeichneten. Ich schreibe, dachte ich, das da ist meine Schrift über der Landschaft. In der Nähe einer Überwachungskamera hielt ich an und versuchte, Kontakt zu ihr herzustellen: „Das ist Kunst!“, sagte ich zuerst, mich auf meine Spuren beziehend, woraufhin ich mich verbesserte: „Ist das Kunst?“ Keine Antwort, nur eine tote Kameralinse. Das Kraftwerk von Harpefossen war nicht auf Zusammenarbeit eingestellt. Es wirkte wie ein dead end, bald schon zwangen mich Wasser und Klippen auf eine Böschung, die an die E6 grenzte. Ich kletterte über die Schutzmauer. Ganz offensichtlich war hier für Fußgänger kein Platz vorgesehen. Autos fuhren in einem wahnsinnigen Tempo vorbei. Nach etwa zehn Metern kam ich heftig ins Zweifeln. War ich wirklich in Gefahr? Dieses Werk, meine Schrift, eingeklemmt zwischen der Schutzmauer und den eilig vorbeifahrenden Autos, gelangte ans Ende. Hier konnte man nicht schreiben, daher wurde das Werk aus dem schnöden Grund abgeschlossen, weil ich leben wollte.

Aus dem Dänischen von Matthias Friedrich.

Ursprünglich veröffentlicht auf der Internetseite der Zeitschrift Vagant.

Feuilleton auf unserem Planeten

Als Tilman Winterling im November 2012 einen Beitrag mit dem Titel “Startschuss!” auf seiner neuen Homepage 54books.de veröffentlichte, stand dort lediglich “Hier soll in nächster Zeit mein Blog entstehen.” Einen genauen Plan gab es damals eigentlich nicht, Tilman hatte sich im Vorfeld nicht mit anderen Blogs, Twitter oder Rezensionen beschäftigt; er war nach eigener Aussage ein Hobbyleser, wie es bis heute Bloggern vorgeworfen wird. 

Aber 54books.de blieb nicht der Blog einer einzelnen Person. Mit dem Einstieg von Katharina Herrmann – die inzwischen wieder auf Kulturgeschwätz bloggt –  erweiterte sich der Blog zu einem Projekt, das immer neue Stimmen in sich vereinte und eine kleine, aber stets lebendige Plattform für Texte über Literatur, den dazugehörigen Betrieb und literarisches Leben wurde. Matthias Warkus fuhr im Bloggerbus nach Görlitz, Berit Glanz rief mal eben schnell #54reads ins Leben, Samuel Hamen entwickelte tendenziöse Thesen zur Literaturkritik, Simon Sahner schlug sich durchs Dickicht des Literaturbegriffs, Johannes Franzen sezierte Robert Menasses Fiktionen und Nichtfiktionen, Elif Kavadar deckte die Absurdität des Zensurvorwurfes auf und Peter Hintz flanierte mit Nobelpreisträgern.

Als Wolfram Eilenberger 54books im Interview mit dem Tagesspiegel als “fast schon zu niveaubetont” bezeichnete, deutete sich an, dass hier vielleicht etwas entstanden war, das man weiterverfolgen und vorsichtig ausbauen sollte. Aber wie? Wir wollen uns Kathrin Passigs Aussage über 54books zu Herzen nehmen: “Ich glaube, das war tatsächlich das erste Mal, dass ich so was Literaturfeuilletonartiges gelesen habe und dachte “Hey! Das spielt ja auf meinem Planeten!”

Wir wollen versuchen mit 54books eine Lücke zu schließen. 54books soll ein Ort sein, von dem einerseits schnell und unkompliziert auf aktuelle Debatten reagiert werden kann, der uns und diversen Gastautor*innen Raum bietet, Gedanken auszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen, und der uns andererseits die Flexibilität gibt, auch Themen zu bearbeiten, die sonst nicht vorkommen oder zunächst auf wenig Interesse stoßen und dabei nicht an Zeichenlängen gebunden zu sein. In sozialen Medien finden so viele spannende und inspirierende Gespräche über Literatur und alles, was damit zusammenhängt statt. Dafür einen ergänzenden Ort zu haben, ist die Idee von 54books.

Wie wäre es also, wenn das Feuilleton ins Internet käme? Wenn all die Menschen, die sich tagtäglich online in Deutschland über Literatur austauschen, selbst auf dem Feuilleton Platz nehmen würden? Wenn es einen Ort gäbe, an dem die langen Threads, die Twitter-Gespräche und Facebook-Diskussionen zu längeren Texten ausgearbeitet werden können? Wo aber auch die Formen und Längen, die im Feuilleton keinen Platz mehr haben, wieder einen Raum bekommen? Diese Vorstellung unter einem Schirm Autor*innen zu versammeln, die sonst auf eigenen Blogs, in Twitter-Threads, längeren Facebook Statusmeldungen oder mal in Magazinen und Zeitungen Rezensionen und Essays veröffentlicht hatten, hat sich aus dem Blog 54books langsam entwickelt. Nun wollen wir 54books auch ganz offiziell zu diesem Raum machen, den wir mit euch gestalten wollen. Dazu nehmen wir gerne Vorschläge für Essays von euch entgegen, die wir dann besprechen können. 

Aus einem Blog, auf dem immer dann etwas erschien, wenn eines der Mitglieder, einen Text geschrieben hatte, soll ein regelmäßiges Magazin für Feuilleton im Internet werden. Im Wochenrhythmus sollen jeden Mittwoch Beiträge veröffentlicht werden. Neben längeren Essays (3x im Monat, jeweils mittwochs) soll monatlich auch ein literarischer Text veröffentlicht werden, so wollen wir den Grundgedanken von www.54stories.de in 54books integrieren. Wir wollen  Gastautor*innen dazu holen, neue Stimmen suchen und schon etablierten einen freieren Raum bieten. Außerdem werden wir selbst Essays beisteuern, fremdsprachige Texte übersetzen (lassen), Gastbeiträge redaktionell betreuen und das Ganze mit einer kürzeren, wöchentlichen Kolumne und einem monatlichen Presserückblick abrunden. Und all das wollen wir bezahlen, zuallererst natürlich die Texte, die Menschen für uns schreiben und übersetzen. Wir sind daher auf Unterstützung durch unsere Leser*innen über Steady und andere Förderungen angewiesen. Dabei legen wir Wert darauf, dass wir die Schreibenden bezahlen können, aber auch darauf, dass Menschen nicht ausgeschlossen werden, die sich ein Abo im üblichen Preisbereich nicht leisten können. Deswegen bleiben wir mit unserem niedrigsten monatlichen Betrag bei Steady unter den gewohnten Abo-Preisen und die Seite wird die erste Zeit ohne Paywall bleiben. 

Alles in allem und kurz gesagt: Wir wollen mit 54books Feuilleton auf unserem und hoffentlich eurem Planeten machen und freuen uns darauf, aus unserem privaten Blog jetzt ein Online-Sofa zu machen. 

Gezeichnet, das 54books-Team 

Flâneur am rechten Rand

Nachdem die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke verkündet worden war, übermittelte die Antaios-Lektorin Ellen Kositza auf Twitter die begeisterte Zustimmung ihres Ehemanns, des Antaios-Verlegers Götz Kubitschek: Per Shelfie zeigte sie die einigermaßen umfangreiche Handke-Sektion des Burgbücherschranks. Tatsächlich hatte Kubitschek, der seit einigen Jahren einem breiten Publikum am besten für seinen Speiseplan und seine Funktion als Ideologe von AfD und Identitärer Bewegung bekannt ist, Handke bereits 2012 als Teil des „Lektürekanons rechter Leser“ (Sezession 45/2011) bezeichnet. Literatur spielt für eine Gruppe, die sich vom Mainstream wahlweise als kulturell enthoben oder eingebunden verstehen will, schließlich keine ganz triviale Rolle.

Doch warum Handke? Zunächst haben die Schnellrodaer Selbstdarsteller*innen die Angewohnheit, ihrer eigenen Marke Publizität zu verschaffen, indem sie sie gebeten (Uwe Tellkamp) oder wahrscheinlich ungebeten (Eugen Ruge) mit etablierten Namen aus dem Kultur- und Literaturbetrieb verknüpfen. Handke ist dabei aufgrund seiner geschichtsrevisionistischen Haltung zum Völkermord im ehemaligen Jugoslawien eine Figur, die sich ähnliche Kritiker*innen wie Kubitschek gemacht hat – Kritiker*innen, die einem positivem Bezug auf Rassismus und Nationalismus weder zustimmen und denen diese Haltung auch nicht egal ist, nur weil sie sich nicht von angeblich kontextbefreiter Ästhetik ablenken lassen.

Betrachtet man Handkes eigene Jugoslawien-Interventionen, so wird deutlich, dass eine Nähe zur europäischen radikalen Rechten nicht rein zufällig ist. Wie bereits von FAZ und besonders eindrucksvoll von Alida Bremer im Perlentaucher berichtet, gab Handke noch 2011 dem verschwörungstheoretischen Magazin Ketzerbriefe ein Interview, in dem er die Opfer des Massenmords von Srebrenica verhöhnte. Wie weiter zurückliegende Äußerungen Handkes in einschlägigen Publikationen zeigen, hat eine Nähe zu rechten Extremisten bei ihm Tradition. Als Teil seiner Unterstützung Serbiens im Kosovokrieg war Handke 1999 einer der Unterzeichner einer Querfront-“Antikriegspetition” des Gründervaters des intellektuellen Nachkriegsrechtsradikalismus in Europa, des französischen Philosophen Alain de Benoist. Die Erklärung sprach sich unter anderem gegen das “erste Bombardement eines souveränen europäischen Staates durch eine amerikanische Militärallianz” seit dem Zweiten Weltkrieg aus und solidarisierte sich gleich auch noch mit den Palästinensern. Unter den Unterzeichnern fanden sich neben Handke die Schriftsteller Jean Raspail (“Das Heerlager der Heiligen”) und Guillaume Faye (“Ethnische Apokalypse: Der kommende europäische Bürgerkrieg”), sowie viele andere französische, deutsche und amerikanische Autoren aus dem ganzen neurechten, rassistischen Spektrum.

Während andere prominente Unterzeichner, denen der Inhalt des Aufrufs wohl nicht unangenehm genug gewesen war, ihre Unterschrift zurückzogen, als die Initiatoren und Mitunterzeichner noch offensichtlicher geworden waren, geht Handkes Verbindung zur französischen Nouvelle Droite weiter zurück. Bereits 1996, auf der Höhe des Skandals um Handkes Jugoslawien-Reportagen, erschien sowohl in der deutschen Zeitschrift Novo (Nr. 22/1996, wiederveröffentlicht von Suhrkamp) als auch in französischer Übersetzung im Theorieorgan Alain de Benoists, der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Éléments pour la civilisation européenne (Nr. 86/1996, wiederveröffentlicht in Nr. 149/2013), ein Interview mit Handke. Ganz im Duktus der heutigen Lügenpresse-Rufer erzählt Handke darin dem Novo-Chefredakteur Thomas Deichmann (später als Beistand des Kriegsverbrechers Duško Tadić und noch später als “Klimaskeptiker” bekannt), dass die “Medien […] eine Art Viertes Reich bilden” würden, in dem “im Vergleich zum Tausendjährigen Reich, das nur zwölf Jahre gedauert hat, überhaupt kein Ende abzusehen” sei.

Handke kann behaupten, von diesen Assoziationen mit europäischen Faschisten nichts gewusst zu haben, nichts autorisiert zu haben, nicht für das Handeln seiner Fans verantwortlich zu sein. Aber Nichtwissen hat bei ihm Tradition, und das, was er unterschrieben und gesagt hat, spricht für ihn selbst.

Ist das Zensur oder kann das trotzdem weg?

Je mehr über Inhalte gesprochen wird, die bestimmte Gruppen von Menschen benachteiligen, desto häufiger treten Vorwürfe auf, die Redefreiheit werde dadurch eingeschränkt. Nicht nur verschiebt das den Fokus der zu Beginn geäußerten Kritik – es konstruiert auch eine Machtverschiebung und einen Freiheitsverlust, der nicht existiert.

Vor einigen Tagen schrieb Johannes Franzen in der FAZ darüber, warum solcherlei Zensurvorwürfe, die es so vorher nicht gegeben hätte, keine Grundlage haben und ein Vorher erschaffen, in dem alles kritiklos akzeptiert worden sei. Weder entspricht das den historischen Tatsachen, noch ist im Heute eine solche Zensur durch Einwände an manchen Inhalten wirksam. Dennoch wird Kritik an benachteiligenden Inhalten mit inquisitorischen Mitteln verglichen, wie im folgenden Kommentar unter dem Beitrag:

Auch in der kürzlichen Debatte um Sensitivity Reading* flammten Zensurvergleiche auf, wieder wurden Gefahren konstruiert, wieder Verbote der Redefreiheit beteuert. Eine ironische Tatsache, bedenkt man, dass diese vermeintlichen Einschränkungen der Redefreiheit auf großen Portalen wie der ZEIT und dem NDR als Bedrohung dargestellt wurden.
In „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ greift Reni Eddo-Lodge das Phänomen auf:

„Diesem Kampf um die „Redefreiheit“ kann man kaum eine Debatte nennen. Sie ist einseitig, und die mächtige Seite verdreht ständig die Teilnahmebedingungen. Den Widerstand gegen antirassistische Reden und Proteste als einen edlen Kampf um Redefreiheit zu verkaufen ist eine Strategie, um Weiße vor Kritik zu schützen. Manche Weiße scheinen zu glauben, dass der Vorwurf des Rassismus viel schlimmer als der Rassismus selbst ist.“ (S. 140)

Dieser Mechanismus, den oppositionellen Stimmen eine Art diktatorische Macht zuzusprechen und Probleme zu konstruieren, die eigentlich keine sind, greift nicht nur in Debatten um Rassismus, sondern ist in allen Diskursen um Diskriminierung beobachtbar – so auch bei der Erfindung der Feindbilder “Political Correctness” und “Gutmenschen”, wie Katrin Auer schon 2002 analysierte. Vergleiche mit der katholischen Inquisition, bekannten historischen und heutigen Diktatoren und die Bezeichnung als eigentliche Faschist*innen postulieren ein Ende der (Rede-)Freiheit und erschaffen eine Situation, die bedrohlicher nicht wirken könnte – entspräche sie denn den Tatsachen. Das Feindbild einer Art allmächtiger Institution entsteht, welches Mustern antisemitischer Weltverschwörungstheorien gleicht.

“Political correctness ist ein Kampfbegriff, mit dem rechtsextreme Ideologen demokratische Positionen in Frage stellen, um ihre eigene Position um so wirkungsvoller zur Geltung zu bringen. Der Effekt dieser Diskursstrategie steigert sich noch, wenn die vermeintlichen Vertreter von pc mit einer Machtfälle imaginiert werden, die ihresgleichen sucht.” (Jäger/Jäger 1999, zit. n. Katrin Auer)

Das ist auch zwei weiteren Beispielen zu entnehmen, die ich als Mit-Betreiberin der Sensitivity Reading-Website* erhalten habe. Das erste Zitat ist aus einer Mail, das zweite aus einem Kommentar. Besonders erstaunlich ist, dass trotz der angeblich diktatorischen Verhältnisse keine Sorge zu bestehen scheint, all das unter dem Klarnamen zu veröffentlichen.

Die Vehemenz, mit der verteidigt wird, diskriminierende Inhalte weiterhin kritiklos schreiben zu dürfen, erinnert nicht selten an die Taktiken der AfD, die z.B. “die Freiheit Andersdenkender” bedroht sieht, wenn sich das Maxim Gorki-Theater an einer antifaschistischen Demonstration beteiligt. Freiwillige, nicht staatlich vorgegebene Aktivitäten werden rhetorisch zu gehirnwäschenähnlichen Repressionsmaßnahmen erhöht und instrumentalisiert.

Matthias M. Lorenz beschreibt in “Literatur und Zensur in der Demokratie” die Bestrebungen, bestimmte Begriffe wie das N-Wort nicht mehr zu nutzen, als “weder Denkverbot noch Sprachzensur, sondern in erster Linie eine legitime Forderung in der Multikulturalismusdebatte” (S. 192). Es sei die Folge eines demokratischen, nicht eines totalitären Prozesses. Weiterhin zitiert er Wolfgang Fritz Haug, der fragt: „Aber was ist das für ein Handlungsverlangen, das die Fesseln der Moral loswerden, sich von den Werten der Kultur und den Regeln der Demokratie emanzipieren will?“ (ebd.).

Ob sich diese Kommentator*innen rechts positionieren würden oder nicht, so lässt sich eine Aneignung der Rhetorik und der Strategien des rechten Spektrums nicht von der Hand weisen. Inwieweit das ein Symptom für den Erfolg neurechter Denkmuster ist oder dafür, dass demokratische Bestrebungen anfangen, zu fruchten, das weiß ich nicht. Vielleicht ist das Hinausposaunen eines angeblichen Freiheitsverlustes an eine breite Öffentlichkeit ein Zeichen dafür, dass Privilegien angekratzt werden, dass tatsächlich eine Bedrohung existiert – nämlich die, Privilegien und Deutungshoheiten vielleicht irgendwann teilen zu müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet sind solcherlei Kommentare womöglich eine Bestätigung, dass es vorangeht, dass mehr über Themen und Menschen geredet wird, die bisher eine marginale Rolle in der Kultur gespielt haben. Mühselig ist das Ertragenmüssen dieser Symptome nur trotzdem.

*Sensitivity Reading ist ein Angebot, das Autor*innen vor Veröffentlichung eines Manuskripts nutzen können, um ihren Text auf unbeabsichtigte Bias und diskriminierende Inhalte sichten zu lassen. Sensitivity Reader sind ein Glied des Lektorats, sofern der Wunsch besteht, die Expertise von Menschen, die diese Diskriminierungserfahrungen machen, in Anspruch zu nehmen. Mit dem Erstellen einer Plattform für diesen Zweck hat die Kritik an selbiger stetig zugenommen.

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Im Dickicht des Literaturbegriffs – Ein Beitrag zur Debatte um Karen Köhlers “Miroloi”

Es gibt grundlegende Fragen, die scheinen eine offensichtliche Antwort zu kennen. Trotzdem ahnt man meist schon, dass es mit dieser einen Antwort nicht getan ist.
So eine Frage ist „Was ist Literatur?“
Man könnte kurz darauf antworten, Literatur sei „die Gesamtheit des Geschriebenen.“ (Metzler Literaturlexikon, 3. Auflage, 2007, S. 445). Und es wäre nicht falsch. Dennoch ist jedem, der sich auch nur ein wenig mit der Thematik auseinandergesetzt hat, sofort klar, dass es so einfach in den meisten Fällen eben nicht ist. Auch das Literaturlexikon gibt weitere mögliche Definitionen an: Bei Literatur handle es sich um den „Gegenstand der Literaturwissenschaft“, was den Bereich schon weiter eingrenzt, oder es handle sich um die „Gesamtheit aller Texte von bestimmtem Wert.“
Keine dieser Definitionen ist an sich falsch, aber ebenso ist keine von ihnen ausreichend. Abgesehen von der ersten Definition, die ein sofortiges aber zu fordern scheint, bleibt alles im Vagen. Es ist Stärke und Schwäche der geisteswissenschaftlichen Kreise zugleich, dass es sich mit Definitionen in diesen Bereichen häufig so verhält und sie so immer wieder zu Diskussionen anregen.

Wie sonst könnte der Literaturkritiker Jan Drees in seiner Rezension zu Karen Köhlers Roman Miroloi (Hanser 2019) fragen: „Ist das Literatur im eigentlich Sinne, oder nur ein Easy Read für den bildungsbürgerlichen Mittelstand?“ Hier ist Literatur implizit nahe am Sinn der dritten Definition: Nur das schriftlich Aufgezeichnete, das sich nicht schnell konsumieren lässt, sondern dessen Lektüre größere intellektuelle Anstrengungen verlangt, ist Literatur. Aber von bestimmtem Wert steht auch hier kein Wort, das Kriterium wäre am ehesten intellektuelle Anstrengung, eben kein Easy Read. Eine intellektuelle Anstrengung, die unter Umständen sogar über die zerebralen Kapazitäten des bildungsbürgerlichen Mittelstands hinausgeht.
Auch Moritz Baßler, der in der deutschsprachigen Literaturlandschaft unter anderem dafür bekannt geworden ist, der sogenannten Popliteratur zu einem Ansehen in Wissenschaft und Feuilleton verholfen zu haben, setzt sich in der TAZ mit Bezug auf Köhlers Debüt mit der Frage nach der Literatur auseinander: „Wenn das aber Literatur ist, und so sieht’s ja wohl aus, dann hat sich der Literaturbegriff in den letzten Jahren radikal gewandelt und wir brauchen neue Maßstäbe der Schönheit, des Stils und des Geschmacks.“ Auch hier klingt an, dass Literatur nicht einfach nur in Schriftzeichen gegossener Inhalt ist, sondern etwas, das zudem bestimmte ästhetische Maßstäbe erfüllt oder einen wie auch immer gearteten Wert hat.
Wenn also Literatur nicht einfach „die Gesamtheit des Geschriebenen“ ist – und darauf könnte man sich einigen – führt das zu der Frage, welche Maßstäbe und welcher Wert den Unterschied machen könnten und inwiefern sie sich gewandelt haben. Dass diese Frage gerade die feuilletonistischen Gemüter über die Debatte zu dem Roman Miroloi hinaus bewegt, dafür spricht auch der am 3. August in der FAZ erschienene Text Die Zukunft ist nur noch verlängerte Gegenwart von Ernst-Wilhelm Händler. Darin listet er „Sieben Thesen zur Autorschaft heute“ auf und stellt trotz äußerst fragwürdiger Thesen prinzipiell richtig fest: „Es ist sinnlos, eine generelle Definition für qualitätsvolle literarische Erzeugnisse zu geben. Zeitübergreifende Qualitätsmaßstäbe für gute Literatur existieren nicht.“ Hier wird zumindest implizit differenziert zwischen „qualitätsvollen literarischen Erzeugnissen“ und nicht genannten Erzeugnissen von geringer Qualität, die aber wohl immer noch den Begriff Literatur für sich beanspruchen dürfen. Es ist ein unwirtlich Dickicht, durch das man sich hier manövriert und es bleibt am Ende immer die Frage stehen, wer denn eigentlich das verbriefte Recht hat, etwas zu guter Literatur oder auch zu „Literatur im eigentlichen Sinne“ zu ernennen.

Irrungen und Wirrungen der Qualitätsmaßstäbe

Wie willkürlich diese Kriterien sein können, zeigt ein inzwischen legendär gewordener Coup der Satirezeitschrift Pardon. Deren Redaktion schickte im Jahr 1968 nur geringfügig veränderte Auszüge des Romans Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil an 14 renommierte Persönlichkeiten aus der Literaturwissenschaft und dem Feuilleton, sowie an 32 Verlage, unter anderem an den Rowohlt-Verlag, der den Roman verlegte. Das Ergebnis dieses Schabernacks ist so bekannt wie amüsant: Niemand erkannte den Roman und die meisten Antworten waren sich im Urteil über die mindere literarische Qualität der Auszüge einig. Unter anderem fürchtete Urs Widmer, Lektor von Suhrkamp, „leider, daß das, was Sie schreiben, mit unseren Vorstellungen von Literatur nicht ganz übereinstimmt”.
Um ein etwas aktuelleres Beispiel zu nennen, könnte man darauf verweisen, dass Marcel Reich-Ranicki dem Autor Jörg Fauser 1984 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb attestierte, er gehöre hier nicht her und es sei nicht die Sache der Literaturkritik, über das, was Fauser geschrieben habe, zu urteilen. In anderen Worten, Fausers Texte seien es nicht würdig, im Feuilleton oder von der Literaturkritik besprochen zu werden. Das ist die gleiche Aussage, die nun über Karen Köhlers Roman getätigt wird. Nur knappe 35 Jahre später ist Jörg Fausers Gesamtwerk in einer dritten Gesamtausgabe erschienen und wird im Feuilleton ausgiebig besprochen.
Was heißt das für die Frage nach literarischen Qualitätsmaßstäben und den Menschen, die für sich beanspruchen, sie festlegen zu können? Die Maßstäbe, nach denen Baßler und viele andere fragen, sind ja bekanntlich nicht in einem Kriterienkatalog enthalten, den alle lesenden Menschen einer kulturellen Hemisphäre gemeinsam aushandeln würden. Auf keinen Fall sind diejenigen literarischen Qualitätsmaßstäbe gemeint, die man anhand von vergebenen Sternen in Amazon-Rezensionen herausfiltern könnte. Das würde ganz im Sinne des globalen Konzerns dazu führen, dass als gut gilt, was von den meisten lesenden Menschen für gut befunden wird. Ein Kriterium, das unter anderem in den vor nicht allzu langer Zeit eröffneten Buchhandlungen Amazon.books gilt, in denen Bücher mit dem Siegel „the books customers love“ beworben werden. Nicht der studierte Kritiker der New York Times oder des SPIEGEL ist hier der Richter über gute und schlechte Literatur, sondern die Gesamtheit der Leser*innen.

Wo sind die Gatekeeper?

Zwar gibt es nicht eine Person, die festlegen könnte, was diese Maßstäbe sind, aber sie werden doch ausgehandelt unter Lesenden, die im Sinne Bourdieus ein gewisses kulturelles Kapital im literarischen Feld angesammelt haben, auch Gatekeeper genannt. Das sind nicht nur Literaturkritiker*innen, sondern im weiteren Sinne Menschen, denen man qua Ausbildung, Position im Literaturbetrieb und über Jahrhunderte entwickelten Strukturen im literarischen Feld die Fähigkeit zuspricht, über gute und schlechte Literatur zu Gericht sitzen zu können. Das schließt natürlich nicht alle lesenden Menschen mit ein, sondern einen bestimmten Personenkreis, dem man eine ausreichende literarische Bildung zuspricht, um solche Maßstäbe ansetzen zu können. Was aber heißt es für diesen Anspruch des Kreises literarische Qualitätsmaßstäbe setzen zu können, wenn einem Roman, der bei Erscheinen gefeiert wurde und der als einer der wichtigsten deutschsprachigen Romane gilt, nur wenige Jahrzehnte später von Personen mit entsprechendem kulturellen Kapital das „Niveau eines üblichen Unterhaltungsromans ohne Anspruch“ attestiert wird?
Letztlich ist es die gleiche Frage, die auch Baßler umtreibt, wenn er in Bezug auf Köhlers Debüt feststellt, dieser Roman brauche keine Gatekeeper mehr, er würde seine Leser*innen auch so finden. Diese Gatekeeper sind für gewöhnlich Kritiker*innen. Was ist deren Aufgabe und werden sie überhaupt gebraucht? Diese Frage kommt einem in den Sinn, wenn Amazon Bücher aufgrund von Bewertungen von Leser*innen sortiert und wenn Romane, die von der Kritikerzunft als minderwertig oder als reine Unterhaltungsliteratur abgestempelt werden, trotzdem ihre tausenden Leser*innen finden. Auch Jan Drees lässt es gelten, dass schon immer „Romane für die Masse geschrieben“ wurden, „Schnulzen, Schmonzetten und Erbaulichkeitstraktate,“ diese sollten nur nicht vom Feuilleton betrachtet werden, wie es jetzt bei Köhlers Miroloi der Fall sei. Demnach wären es bestimmte schriftlichen Erzeugnisse gar nicht erst wert vom Feuilleton, also von der Literaturkritik beachtet zu werden. Irritierend ist in diesem Fall, dass Miroloi offenbar als so minderwertig angesehen wird, dass es gar nicht kritik- oder rezensionswürdig sein kann. Vor allem vor dem Hintergrund des oben genannten Beispiels Jörg Fausers, der ja offenbar nur 35 Jahre warten musste, bis er zu dem ernannt wurde, was hier als „Literatur im eigentlichen Sinne“ betrachtet wird, ist das seltsam.

Was wäre denn aber einer näheren Betrachtung durch die Literaturkritik würdig? Oder anders gefragt, was sind eigentlich die Aufgaben der Literaturkritik? Folgt man dem Band von Thomas Anz und Rainer Baasner zur Literaturkritik, könnte man auflisten: sie verschafft Orientierung im Dickicht des unübersichtlichen Buchmarkts, sie selektiert zwischen rezensionswürdig und -unwürdig, sie vermittelt „Wissen und Fähigkeiten, die zur Lektüre solcher literarischen Texte notwendig sind“, sie weist auf qualitative Schwächen und Stärken von literarischen Werken hin, sie stärkt und befeuert die öffentliche Diskussion von Literatur und sie hat innerhalb des Feuilletons auch unterhaltende Funktion. (Literaturkritik: Geschichte – Theorie – Praxis, S. 195f.)
Auch hier kein Wort davon, nach welchen Maßstäben all das geschehen soll, Maßstäbe, nach denen Baßler fragt und die Drees anscheinend kennt. Immerhin meint er, Köhlers Roman den Status Literatur entziehen zu können und damit die Berechtigung von der Literaturkritik bewertet zu werden. Wenn nun aber Elke Schmitter im SPIEGEL, Lisa Kreißler beim NDR und Katharina Frohne vom Weser-Kurier den Roman positiv bewerten und Sandra Kegel in der FAZ offenbar keine Wertung finden mag, wie Drees feststellt, muss die Frage erlaubt sein, warum er es vermag, Miroloi die Kritikwürdigkeit abzuerkennen. Anscheinend will sich doch das halbe deutsche Feuilleton über diesen Roman austauschen. Seine Vermutung, die auf den Kern des scheinbaren Problems führt, ist, dass der Roman besprochen – und teilweise positiv besprochen – wird, weil er vorgibt feministisch zu sein. Es ginge also nicht mehr um die Literatur an sich, sondern darum, dass dieser Roman ein derzeit wichtiges Thema bespielt: „[…] würde das Buch ohne das Trend-Thema Feminismus auskommen; kein Hahn würde nach ihm krähen.“

Literatur an sich?

Aber wann ging es jemals um die Literatur an sich? Und was ist Literatur an sich? Ging es um die Literatur an sich als Martin Walsers Gar alles oder Briefe an eine Unbekannte vor zwei Jahren besprochen wurde oder fordert der Name Martin Walser und seine Einbettung in die Literaturgeschichte eine Auseinandersetzung mit seinem Werk – auch wenn man ahnte, zu welchem Schluss man kommen würde? Ging es um Literatur an sich, als Lukas Rietzschel letztes Jahr mit Mit der Faust in die Welt schlagen in aller Munde war, oder war es einfach das richtige Thema zur richtigen Zeit? Das Feuilleton hat Literatur noch nie allein anhand von ästhetischen Wertmaßstäben für kritikwürdig oder -unwürdig gehalten und die Forderung das zu tun, ist grundsätzlich immer der versteckte Versuch die eigene Macht als Türhüter im literarischen Betrieb zu erhalten.

Warum sollten ästhetische Maßstäbe die alleinigen Kriterien sein? Literatur hat schon immer auf wichtige Diskurse reagiert, sie hat sich an aktuelle Strömungen angepasst oder sich im richtigen Moment gegen sie gestellt, ebenso wurde sie nach stetig wandelnden Kriterien bewertet und nicht immer sind diese ästhetisch. War der Nobelpreis für Literatur, bevor sich die Akademie selbst demontierte, ein Garant für das, was in der Diskussion um Miroloi so vehement als literarische Maßstäbe verteidigt wird? Oder waren Entscheidungen des Nobelpreiskomitees nicht grundsätzlich auch politische Entscheidungen? War vor zwei Jahren wirklich Robert Menasses Die Hauptstadt der beste deutsche Roman oder traf er durch seine Auseinandersetzung mit dem Konstrukt EU nicht einfach den Nerv der Zeit, wie es auch in der DLF Rezension von Jan Drees anklingt: „der erste große europäische Roman.“ Literatur hat nicht die eine Funktion, die darin bestünde bestimmten ästhetischen und/oder inhaltlichen Maßstäben zu genügen, die eine Hand voll Kritiker*innen festlegt. Sie kann emanzipierende, sie kann aufklärende und sie kann unterhaltende Funktion haben, ebenso kann sie eine ästhetische Funktion haben und viele andere mehr.

Vielleicht sollte und kann es nicht die Aufgabe der Literaturkritik sein, einem Roman das Prüfsiegel Literatur oder Literatur an sich zu verleihen. Vielleicht ist ihre Aufgabe vielmehr, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, die Literatur stellt und auf gesellschaftliche Debatten, die sich in der Literatur spiegeln, zu reagieren. Auch kann sie Strömungen der Literatur erkennen und einordnen und sollte versuchen, dem auf den Grund zu gehen, was Literatur über gesellschaftliche Entwicklungen aussagt.
Das kann und muss auch mit Wertungen einhergehen, die sich immer wieder neuen und sich manchmal wiederholenden Diskursumständen anpassen und dementsprechend ausgehandelt werden. Und vielleicht ist Miroloi von Karen Köhler auch unter Anwendung unterschiedlicher Kriterien wirklich kein guter Roman. Literatur ist es allemal, und damit berechtigt besprochen und diskutiert zu werden. Für den Fall, dass dieser Roman den Buchpreis gewinnen sollte, können wir fröhlich weiter darüber diskutieren, warum, ebenso wie wir bei allen anderen Romanen darüber reden werden. Man sollte sich dann nur darüber im Klaren sein, dass sieben Menschen darüber entscheiden, welches der beste deutschsprachige Roman wird. Diese sieben Menschen werden – so hofft man – so objektiv und informiert wie möglich urteilen, aber es kann doch niemand ernsthaft glauben, dass es sich bei dem Roman, der letztlich in Frankfurt prämiert wird, wirklich um den objektiv und allein unter literarisch-ästhetischen Geschmackskriterien besten deutschsprachigen Roman des Jahres 2019 handelt.

Wer das glaubt, der glaubt wahrscheinlich auch noch, dass es überzeitliche Kriterien für gute Literatur gibt, die immer und allzeit anwendbar sind und an denen man festmachen kann, was Literatur an sich ist.

Kanon-Wrestling bei den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur #tddlKanon

Aktuell findet in Klagenfurt wieder der Bachmannpreis statt, dessen Lesungen in den sozialen Medien eifrig begleitet werden. Es ist interessant zu beobachten, welche Namen und Werke in den Jury-Diskussionen genannt werden, da sich eben diese Nennungen im Kontext von Diskussionen und Gesprächen über Literatur als performative Kanonisierungspraxis beschreiben lassen. Welche Namen und Werke werden als bekannt vorausgesetzt oder durch eine Nennung indirekt empfohlen? Beziehen sich die Empfehlungen eher auf Filme und Serien oder auf literarische Texte?

Ein Kanon bezieht sich auf einen Korpus von Texten, die als gemeinsame Gesprächsgrundlage vorausgesetzt oder als wichtig für die kollektive Identität befunden werden. Waren früher die Kanones oft verschriftlicht, beispielsweise in Leselisten mit Texten, die jede*r Studierende der Germanistik kennen sollte, so sind die Kanones mittlerweile deutlich offener und werden eher implizit vermittelt. Aus expliziten und impliziten Kanones lässt sich ableiten, welche Texte für eine Gesellschaft oder eine Gruppe wichtig sind. Die Veränderung von Kanones wird unter dem Begriff der Kanondynamik gefasst.

Als Ensemble von Texten, die von einer sozialen Gruppe für wertvoll gehalten werden (vgl. Worthmann 1998, 14), dient Kanon der Absicherung und Stabilisierung von Werten, Normen und kollektiven Vorstellungsbildern, zugleich auch der Abgrenzung nach außen. Ein literarischer Kanon umfasst in diesem Sinne Texte, die den Absicherungs- und Abgrenzungsbedürfnissen einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt entsprechen und für diese spezifische Bedürfnisstruktur spezifische Antworten liefern. Wandeln sich diese Bedürfnisstrukturen, so wandelt sich auch der Kanon als Gruppe jener Texte, die auf diese Bedürfnisse reagieren.

(Gerhard Kaiser u.a.: Vom literarischen Kanon zur Kanonpluralität. In: Gabriele Rippl / Simone Winko (Hgg.): Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Stuttgart, 2013. 85-119. Hier: S. 103)

Inspiriert davon schrieb ich auf Twitter, dass mich die gesammelten Referenzen in Bezug auf Kanonisierung und Medienwandel interessieren würden. Daraufhin antwortete Nikola Richter mit dem Vorschlag gemeinsam unter dem Hashtag #tddlKanon zu sammeln:

 

Folgend nun die Auflistung von Referenzen aus den Moderationen und Jury-Diskussionen des ersten Tages. Obwohl sich einige Menschen beteiligt haben, kann es durchaus sein, dass etwas vergessen oder überhört wurde. Bei Titeln, die sich sowohl auf ein Buch als auch auf einen Film bzw. eine Serie beziehen können, wurde aus dem Kontext abgeleitet, was gemeint war. Hinweise auf Korrekturen und Ergänzungen können gerne kommentiert werden, auch unter dem Hashtag #tddlKanon.

Tag 1 – 27. Juni 2019:

Filme & Serien:

Star Wars, Annihilation, Avatar, Avengers, Star Trek, Chihiros Reise ins Zauberland, Coco – Lebendiger als das Leben, Handmaid’s Tale, Solaris (Buch von Stanislaw Lem, Insa Wilke bezieht sich jedoch in der Diskussion explizit auf den Film von Andrei Tarkowski)

Literarische Quellen:

1984 (George Orwell), Simplicissimus (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen), Roman eines Schicksalslosen (Imre Kertész), Stella (Takis Würger), Augsburger Kreidekreis (Bertolt Brecht), Die Liebe im Ernstfall (Daniela Krien)

Autor*innen literarischer Werke:

Ursula K. LeGuin, Sibylle Lewitscharoff, Elfriede Jelinek

Ernst Jünger, Gerd Gaiser, Thomas Bernhard, Josef Winkler, Stephen King, Andreas Maier, Michael Kumpfmüller, Daniel Kehlmann, Franz Kafka, Michael Köhlmeier

Nicht literarische Werke:

Schiffbruch mit Zuschauer (Hans Blumenberg)

In der Diskussion zum Text von Silvia Tschui spielte Hildegard Keller auf Rousseaus “Émile” an, Autor oder Werk wurden jedoch nicht explizit genannt.

Sonstiges:

Märchen, Sage, Kain und Abel (Bibel)

Tag 2 – 28. Juni 2019:

Filme & Serien:
Taxi Driver

Regisseur*innen:
Alfred Hitchcock, Woody Allen

Literarische Quellen:
Faserland (Christian Kracht), Rohstoff (Jörg Fauser), Malina (Ingeborg Bachmann)

Autor*innen literarischer Werke:

Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann

Peter Weiss, Peter Handke, Franz Kafka, Samuel Beckett, Carlos Castaneda, J.G. Ballard, Raymond Chandler, Richard Ford, Cormac McCarthy

Nicht literarische Werke:
Masse und Macht (Elias Canetti), Engel der Geschichte (unklar ob Bezug auf Paul Klee oder auf den Essay von Walter Benjamin), Kunst aufräumen (Ursus Wehrli)

Sonstiges:
Elegie, Reportage, Familienreportage, Carolin Emcke, Theodor Adorno, Musikvideo „Close To Me“ von The Cure, Lucky Luke, Lassiter Hefte,

Tag 3 – 29. Juni 2019:

Filme & Serien:
The Big Lebowski, Aus der Mitte entspringt ein Fluss (Verweis auf Brad Pitt, nicht auf den Autor Norman Maclean der Romanvorlage), The Life Aquatic, Arielle

Literarische Quellen:

Die Klosterschule (Barbara Frischmuth),

Mutter Courage (Bertolt Brecht), Brief an den Vater (Franz Kafka),
Überm Rauschen (Norbert Scheuer), “Eine Geschichte vom Fliegenfischen”(Paulus Hochgatterer), Doktor Faustus (Thomas Mann),

Autor*innen literarischer Werke:
Ingeborg Bachmann

Thomas Brasch, Thomas Bernhard, Josef Winkler, Ernest Hemingway, Adalbert Stifter,

Nicht literarische Werke:
Die Banalität des Bösen (Hannah Arendt)

Sonstiges:
Gleichnis, „Mein Freund der Baum“ Lied von Alexandra (fälschlicherweise Nicole zugeordnet),

Ein Juror erzählte den Wettstreit der Maler Zeuxis und Parrhasios, der in Plinius’ Naturgeschichte überliefert ist.

An Tag 3 kommt es außerdem zu einem weiteren interessanten Phänomen:

Der harte Kerl des Literaturbetriebs? – Über die eindimensionale Sicht auf Jörg Fauser

Mit murmeltierhafter Regelmäßigkeit entdeckt das deutschsprachige Feuilleton alle paar Jahre einen Autor der bundesrepublikanischen Literatur wieder, den es bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 1987 weitestgehend ignoriert hatte: Jörg Fauser (geboren 1944) ist gerade wieder in aller Munde und einige größere und kleinere Literaturteile der Feuilletons widmen ihm zum Anlass der neuen Werkausgabe, die dieses Jahr bei Diogenes erscheint, eine Eloge und etliche werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch folgen, schließlich feiert er im Juli auch seinen 75. Geburtstag (bisher Süddeutsche, WELT, Aargauer Anzeiger, Tagesanzeiger und eine Besprechung im Lesenswert Quartett).

Jörg Fauser, das ist der repräsentative Säufer, Kneipen- und Drogenliterat und Rebell des deutschen Literaturbetriebs, den man immer wieder aufs Neue vom Barhocker weg ins Rampenlicht zerren muss, um zu zeigen, dass auch die sonst so blutleer geschriebene deutschsprachige Literatur der letzten Jahrzehnte ihre alkoholisierten Haudraufs hatte – Jörg Fauser: Unser Charles Bukowski. Offenbar braucht man ihn. Wieso sonst sollte ein Autor, der bis heute von der Forschung und seinerzeit vom Literaturbetrieb weitestgehend vernachlässigt wurde, nur 32 Jahre nach seinem Ableben schon die dritte Werkausgabe bekommen? Selbst einem Lesepublikum, das Fauser nicht abgeneigt ist, mag eine solch dichte Folge von Werkausgaben in insgesamt drei Verlagen (1990 bei Rogner & Bernhard, ab 2004 im Alexander-Verlag, 2019 bei Diogenes) seltsam vorkommen.

Fauser im Feuilleton – immer wieder das gleiche 


Bei all dem feuilletonistischen Brimborium, das zu runden Geburts- und Todestagen, Werkausgaben und aktuell wieder um Fauser gemacht wird, zeigt sich immer wieder eine Rezeptionstendenz der letzten drei Jahrzehnte des Schriftstellers Fauser: Trotz aller Begeisterung bekommt man den Eindruck, dass er nur teilweise oder gar nicht gelesen wird. Denn dafür, dass Fausers komplettes Werk im Buchhandel erhältlich ist, beschränkt sich die Rezeption meist auf den berühmten autofiktionalen Roman Rohstoff – der erschreckend oft als Quelle für Fausers Leben gelesen wird, was schlicht unzulässig ist. Verwiesen wird zudem gerne auf die beiden Krimis Das Schlangenmaul und Der Schneemann. Selten unerwähnt bleibt auch die Anekdote von Fauser beim Wettbewerb um den Bachmann-Preis 1984, wo ihm die gesamte Kritikerjury, einschließlich Marcel Reich-Ranicki, bescheinigte, dass er allenfalls wertlose Trivialliteratur schreiben würde. Auch Fausers Vorbilder werden regelmäßig aufgerufen, all die großen Renegaten der amerikanischen Literatur wie William S. Burroughs, Jack Kerouac und Charles Bukowski werden genannt, so als wolle man sagen: „So einen haben wir auch.“ (Wer an dieser Stelle häufig vergessen wird ist Christian Dietrich Grabbe, der für Fauser eine große Rolle spielte, der aber nicht in diese amerikanische Kulturreihe von vermeintlich coolen Männlichkeitsliteraten passt) Verknüpft wird dies alles mit Hinweisen auf Fausers Biographie, die Heroinerfahrungen in Istanbul, die Kneipennächte in Frankfurt, München und Berlin. All dies autobiographische Material habe er in Literatur umgesetzt. Michel Decar lässt sich beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung zu solchen Sätzen verleiten:

Dabei sein, einfach mal machen, auf die Fresse bekommen, leben. Die Welt der Kioske, Nachtzüge und Teehäuser. Szenen am Stehausschank, Szenen in der Morgendämmerung der Bahnhofsviertel, in den Frühlokalen und Imbissbuden, im Zwischengeschoss!

In der selben Rezension schwingt sich Decar noch zu einer Feier all dieses Drogenkonsums auf und bedauert schließlich in seltsamen Worten den Verlust dieser Kneipen- und Fixerkultur:

35 Jahre später ist diese Welt beinahe verschwunden, zu Tode kommerzialisiert und marginalisiert. Hier und da schimmert sie noch durch zwischen den Back Factorys, Coffee Fellows und Rewe-to-gos der Innenstädte. Sicher werden am Frankfurter Hauptbahnhof noch heute Nadeln in Venen gejagt, aber auch hier hat sich die Nachbarschaft zum Schrecklichschönen verändert.

Fauser, das Vorbild für ‚echte Männerliteratur‘?

In der Literatur seit Mitte der 1990er Jahre hat Fauser ebenfalls treue Gefolgsleute, die sich in den Nach- und Vorworten der letzten Werkausgabe im Alexander-Verlag versammeln, allen voran Benjamin von Stuckrad-Barre, der im Nachwort zu Rohstoff zwar lediglich zu diesem spezifischen Roman schreibt, aber doch immer im Plural von den ‚Helden‘ Fausers spricht, bei denen er nicht nur „die volle Wahrheit“, sondern auch Würde, „das sogenannte Leben“ und „abgerockte Schönheit“ zu finden meint. Franz Dobler ergeht sich in Der Blues geht nicht weiter in Lobeshymnen zu Fausers früher Lyrik, in denen er „keine Pose, nichts Erfundenes“ zu erkennen meint und schließlich über sein eigenes Schriftstellerdasein zu lernen glaubt, „daß ich nur aus Feigheit in den Universitätsgängen herumlungerte und daß das kein würdiges Verhalten für einen Schriftsteller war.“ Auch Maxim Biller sieht in Fauser einen Gewährsmann für seine realitätstriefende Literatur. Wie gut er ihn allerdings gelesen hat, bleibt zumindest fraglich, da er 1999 in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk behauptete, der Roman Rohstoff von 1984 sei aus den 1970ern. Aber auch 2011 stellt er in der FAZ fest:

Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch. Denn Jörg Fauser hat den Siebziger-Jahre-BRD-Horror, den er beschreibt, Wort für Wort, Niederlage für Niederlage, genauso selbst erlebt. Eine gute literarische Investition.

Auffällig ist, dass es in der Fauser-Rezeption in den meisten Fällen nur um Rohstoff geht, aus dem dann oft die Lebensgeschichte Fausers abgeleitet wird. Als würde der eine – ohne Frage gute – Roman, den Fauser im Alter von 40 Jahren geschrieben hat, reichen, um eine generelle Aussage über sein Werk tätigen zu können.

Fausers Helden – Vorbilder für ‚echte Kerle‘ ?

Liest man die Feuilletonbeiträge und die Lobeshymnen der auf ihn folgenden Autorengeneration könnte man den Eindruck gewinnen, dass Fauser intensiv und detailliert gelesen wurde. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Christiane Rösinger schrieb 2004 für den Tagesspiegel einen kritischen Artikel über Jörg Fauser als Autor für „coole Jungs“, in dem sie auf die Begeisterung einging, die Fauser offensichtlich vor allem bei spätpubertierenden Jungmännern auslöst, die mit Hilfe seiner Literatur aus ihrer bürgerlichen Existenz in die zwielichtigen Eckkneipen fliehen wollen. Und sie zitiert darin auch die FAZ: „„Sie nahmen Frauen hart ran und vertragen einen kräftigen Schluck“ hieß es 1990 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Fausers Helden.“ Diese Beobachtung der Autorin über die identifikatorische Beliebtheit von Fausers Literatur bei einer bestimmten Gruppe junger Männer führt sie auf die vermeintliche stereotype Männlichkeit der Romane zurück:

Jörg Fauser wurde so zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach Männerromane.

Das Bild, das Rösinger hier von der Rezeption zeichnet, trifft zu, so wird die Literatur Fausers für gewöhnlich dargestellt. Es stellt sich jedoch die Frage, wie bei der Lektüre von Jörg Fauser der Eindruck entsteht, hier würde jemand die vorbildhaften lässigen, harten Jungs vom Tresen beschreiben. Anscheinend dürften die wenigsten Fausers ersten Roman Tophane (1972) gelesen haben, der nicht erst in der Junkie-Szene in Istanbul einsetzt, sondern bereits im Frankfurter Bahnhofsviertel:

Schmutzig sinkt die Sonne über den Fassadenhimmel in ihren Untergang – haltet euren Bauch, Bürger, frei von Fäulnis und Gier, den Bauch dieser Stadt die euch mit den Süchtigen betrügt – schützt eure Kinder vor den Anlagen in denen der Spritzenmann im Dunkeln lauert – zerreißt die Seiten vergast die Föten vertilgt die Frauen die ihre Fotzen betrachten – stellt sie in den aseptischen Regen und überlaßt sie der Nacht.

Jörg Fauser: Tophane. In: ders.: Alles wird gut. Gesammelte Erzählungen und Prosa I, Zürich 2009, S. 312.

Von dort an wird der Ton nur rauer, da ist keine Spur der ambivalenten Junkie-Romantik, die Michel Decar in seinem Artikel im heutigen Frankfurt vermisst. Tophane ist Literatur am Abgrund und ein Kampf für jeden, der es liest. Der Roman mäandert über 150 Seiten ohne Handlung und Struktur – das ist keine kultige Kneipenliteratur im Stile eines Charles Bukowski. Diese wiederum schreibt Fauser in den siebziger Jahren tatsächlich, allerdings wimmelt es hier nur so von Männern, die man nicht zum Vorbild haben und denen man schon gar nicht zu nahe kommen will. Wie dem Wirt in Zuhause hab ich keine Zeit, der darüber fantasiert seine Frau, die ihn verlassen hat, umzubringen und von seinem Wehrdienst zu berichten weiß:

Beim Bund hatten wir solch einen Waschlappen, erinnerte er sich. Sie hatten ihn an ein Bett gefesselt und die Sado-Susi auf ihn angesetzt. Erst als das Bett wieder gebraucht wurde, hatte man ihn losgebunden und festgestellt, daß er tot war, der Drückeberger.

Jörg Fauser: Zuhause hab ich keine Zeit. In: ders.: Mann und Maus. Gesammelte Erzählungen II, Zürich 2009, S. 64.

Oder die Protagonisten in Der Sieger kehrt heim und Die Bornheimer Finnin, die beide verzweifelt auf der Suche nach Nähe und einem Dach über dem Kopf sind und keines von beidem finden:

Hinter den Flammen unserer Feuerzeuge tappten wir durch ein leeres verpißtes Haus auf der Suche nach Sex, nach einem scharfen Zahn, wahrscheinlich auf der Suche nach der Frau fürs Leben.

Jörg Fauser: Die Bornheimer Finnin. In: ders.: Alles wird gut. Gesammelte Erzählungen I, Zürich 2009, S. 193.

Keiner dieser Männer ist auch nur annähernd cool, lässig oder auf eine möglicherweise nachahmenswerte Art authentisch männlich. Sie alle verkrampfen sich in der zwanghaften Performanz einer toxischen Männlichkeit im Angesicht der sich wandelnden Gesellschaft der siebziger Jahre. Jörg Fauser beschreibt diese Männer manchmal mit Mitleid, manchmal mit Abscheu und wenn ein hilfloser Typ in seinen Erzählungen am Tresen sitzt, der fertig gemacht wird oder am meisten leidet, dann ist diese Figur seinem Autor oft am nächsten, wird als „Dichter“ bezeichnet oder heißt auch mal Harry – nach Fausers Alter Ego Harry Gelb. Sieht man ihn 1984 in der Sendung Autor-Scooter im Interview mit Jürgen Tomm und Hellmuth Karasek, bekommt man eher den Eindruck eines biederen Schriftstellers, der sich zwar in der zwielichtigen Halbwelt auskennt, aber doch ein eher spießiger Autor ist.

Und der im Herzen konservative Spießer wäre er wohl auch heute noch, wenn er nicht so früh und tragisch verstorben wäre. Gerade deswegen wundert es umso mehr, dass das Feuilleton ihn immer wieder für seine Grenzüberschreitungen feiert. Seine Literatur, seine Reportagen und Essays sind voller rassistischer Ansichten, Homophobie und Misogynie, da werden Männer als Schwuchteln beschimpft und Frauen sind grundsätzlich Sexobjekte. Fauser, der sich selbst als unpolitisch betrachtete, würde heute wohl gegen ‚politische Korrektheit‘ wettern und sich ‚weder rechts noch links‘ oder ‚Freidenker‘ in die Twitterbio oder die Selbstbeschreibung auf Facebook schreiben. In welchen Kreisen sich Fauser in den 80ern bewegte, zeigt sich auch daran, wer heute davon schwärmt mit ihm befreundet gewesen zu sein. Franz Josef Wagner besäuft sich in einer Erinnerung zum 20. Todestag im SPIEGEL fast daran mit Fauser gut bekannt gewesen zu sein und am Abend vor seinem Tod mit ihm getrunken zu haben:

Die Geburtstagsgesellschaft lief angenehm betrunken am frühen Abend dann ins “Schumann’s” ein. Gott, wie oft schon waren wir beide, Jörg und ich, als Schnapsleichen aus dem Schumann’s hinausgetorkelt. Zwei Schritte vor, drei Stolperschritte zurück, und hinter uns Eichinger oder Wondratschek. München 1987.

Auch Matthias Matussek rühmte sich 2017 in seinem Text Wie ich von links nach rechts gelangte in der ZEIT noch damit mit Jörg Fauser bekannt gewesen zu sein. Während sich das tendenziell linksliberale Feuilleton aus guten Gründen von Wagner und Matussek weitestgehend fernhält, kann man Fauser weiter umgarnen – er wurde nicht alt genug, um auf einer Kiste stehend Parolen zu schwingen. Bei all der Feier dieser vermeintlich authentischen Literatur könnte man allerdings erwarten, dass mehr gelesen würde als seine Trinkerstories. Seine Erzählungen, Romane, Gedichte und seine Essays sind neben der vielen aus heutiger Sicht problematischen Teile voll von exakten Beobachtungen über die BRD, wie dieser hier:

Carl starrte auf den Krempel in seinem Karren. Pastis, Rasierwasser, Zahnbürsten, Honigmelone, Dosensuppen, Plastikwurst, Tintenschreiber, Nähnadeln, Büchsenbier, Sahnejoghurt, Unterhosen, Kartoffelchips, Diätmargarine, was ergab das für einen Sinn? Waren das die cleveren Marktmethoden gewissenloser Supermarktmultis, oder welcher Warenhunger hatte diesen Karren gefüllt? Dieser Karren, dachte Carl, ist zehn Jahre Einsamkeit, und der Karren des Kahlkopfs vor dir mit seiner Sülze, seinem Scheuerlappen, seinen Weichspülern, seinem Magenbitter, seinen Käsestangen ist zwanzig Jahre Einsamkeit, und der Karren der Schlampe hinter dir mit seinem Fruchtlikör, seiner Fernsehzeitschrift, seinen Lockenwicklern, seinem Katzenfutter ist dreißig Jahre Einsamkeit, und der Karren des Türken mit seinen drei Kilo Mischbrot und seinen fünf Dosen Vierfruchtmarmelade ist die Einsamkeit eines Kontinents im Exil, und all die Karren im Supermarkt und alle Supermärkte sind die Insignien und in Beton gemauerten Zeichen unserer Niederlagen.

Jörg Fauser: Das Weiße in den Augen. In: ders.: Mann und Maus. Gesammelte Erzählungen II, Zürich 2009, S. 34f.

Und vielleicht hat kein Autor die westdeutsche Republik so trist und treffend beschrieben wie Fauser in seiner Deutschland-Reportage Kein schöner Land. Doch in all diesen Texten, so genaue Beobachtungen sie auch enthalten mögen, erkennt man den performativ männlichen Blick zwischen den Zeilen, es wimmelt von Frauen, die als ‚Schlampen‘ und ‚Huren’ bezeichnet werden und gerade in frühen Jahren findet sich manches rassistische Klischee und offene Homophobie.

Dass Jörg Fauser und sein Werk mit kleinen Ausnahmen bis heute keine differenzierte Auseinandersetzung in Feuilleton und Wissenschaft erfahren, die sich auch diesen ausgesprochen problematischen Facetten widmet und das Werk in seiner Gesamtheit mit allen Stärken und Schwächen wahrnimmt, mag zum einen an einer kursorischen Lektüre liegen und zum Anderen daran, dass sich meist nur diejenigen wissenschaftlich und literaturkritisch mit ihm befassen, die ihn als Idol oder wenigstens als genialen Undergroundschriftsteller verehren – nur so kann es auch dazu kommen, dass beinahe überall seine spießige und teilweise diskriminierende Weltsicht entweder verharmlost oder verschwiegen wird. Das beste Beispiel dafür ist die Ankündigung der Großen Jörg-Fauser-Sause, die anlässlich seines 75. Geburtstages im Juni in Berlin stattfindet (Danke für den Hinweis an Holger Schulze (@mediumflow)), in der es heißt:

Das Gespräch über einen, dem der deutsche Literaturbetrieb bis heute nicht die Ehren erweist, die er ehemaligen SS-Männern oder faschistoiden Popdichtern gar nicht genug nachwerfen kann.

Jörg Fauser wurde gerade erst im Lesenswert Quartett besprochen, bekommt die dritte Werkausgabe und wird zu jedem Todes-, Geburtstag und wieder aufgelegtem Text aufs Neue als der dreckige Undergroundschriftsteller besungen. Mit ein Grund, warum Fauser wieder und wieder hervorgeholt wird, dürfte sein, dass Authentizität im aktuellen Literaturbetrieb groß geschrieben wird. Und männliche Authentizität bedeutet in vielen Fällen immer noch eine vermeintlich harte Männlichkeitsprosa. Dazu passt das landläufige Bild von Fauser als kultiger Kneipenliterat dann wie die Faust aufs Auge. Das ist viel der Ehre, nur leider die falsche.

Auf nassem Grund – Strategien des Aufmerksamkeitsbusiness in unklaren Zeiten

Das Aufmerksamkeitsbusiness ist kein leichtes. Wie soll man als Journalist*in dafür sorgen, dass die Leute die eigenen Texte lesen, wenn das ganze Internet voll von Texten ist? Es ist zur Zeit ein schwieriges Unterfangen publizistische Aufmerksamkeit zu bekommen und gleichzeitig die politische Integrität als im eigenen Verständnis demokratischer, weltoffener und eher links gesinnter Mensch zu behalten. Natürlich kann man es wie Rüdiger Safranski machen und sich einmal mit einem großen Schritt nach Rechts bewegen, in den Abgrund des Rechtspopulismus blicken und dann entscheiden, dass man sich von dem Windstoß, der von dort hochkommt, tragen lässt, aber dann wird man sehr schnell (und sehr) zurecht in die kalte rechte Ecke gestellt. Wenn man aber in die Vielklang der linken, feministischen, antinationalistischen und weltoffenen öffentlichen Stimmen einsteigt, dann hört einen dort, wo man Gehör finden will, niemand, denn da stehen zum Glück nicht wenige.

Strategie 1: Etablierung als scheinbar streitbare und unabhängige intellektuelle Stimme

Thea Dorn hat dieses Problem erkannt und zeigt seit einiger Zeit, wie man sich geschickt konservativen und teilweise neurechten Positionen annähert, bestimmte Grenzen aber nie überschreitet. Diese kommunikative Strategie begann vielleicht nicht mit dem Buch Deutsch, aber nicht dumpf (auch hier auf 54books rezensiert von Matthias Warkus), aber da nahm es seine jetzige Form an. Dorn entwirft darin eine Variante des Patriotismus oder sagen wir ruhig Nationalismus, den sie jedoch nicht rechts verortet, sondern, den sie im Gegenteil gegen rechte Vereinnahmung verteidigen will. Anders gesagt, man solle den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen. Damit schlägt sie zwei Fliegen mit einer rhetorischen Klappe. Sie grenzt sich zum Einen von neurechten Positionen ab, was sie weiterhin tragbar, interviewbar und publizierbar für das im Selbstverständnis generell dem Pluralismus verpflichtete deutschsprachige Feuilleton macht, zum Anderen winkt sie aber mit bestimmten Begriffen den Menschen zu, die nicht die AfD wählen würden, denen aber feministische, antinationalistische und identitätspolitische Entwicklungen zu weit gehen – denen das alles nicht so ganz geheuer ist. Eine Taktik die im englischsprachigen Raum als Dogwhistling bezeichnet wird, das Pfeifen mit einer Hundepfeife, deren Töne nur für Hunde hörbar sind. In diesem Kontext heißt das, es wird mit Begriffen hantiert, die bestimmte Gruppen ansprechen, die aber im öffentlichen Diskurs per se unproblematisch sind.

Gerade steht sie wieder auf diesem sehr schmalen Grat und blickt nach unten, mit einem Meinungsessay in der ZEIT und einem anschließenden Interview mit der WELT.
Darin äußert sie jeweils Positionen, die nicht per se neurechts sind, die sich aber in Sichtweite neurechter Positionen befinden. Es wird immer so viel davon gesprochen, man müsse mit den Rechten reden, um sie zu verstehen. Davon ist wenig zu halten, das soll später noch zur Sprache kommen. Viel wichtiger ist, dass man diejenigen verstehen sollte, die sich weltoffen geben, Essays in großen Feuilletons veröffentlichen und selbstverständliche Gäste in allen Zeitungen und Talkshows sind und dennoch der diskursiven Strategie des Dogwhistling verfallen. Eine Möglichkeit diese Stimmen zu verstehen, ist sich solche Essays und Interviews, wie die von Thea Dorn, genauer anzuschauen.

In dem Essay plädiert sie dafür, sich bitte an den Fortschritten einer offenen und toleranten Gesellschaft zu erfreuen und es nun aber erstmal gut sein zu lassen, damit diejenigen, die von der ganzen Toleranz und dem, was man jetzt alles ungestraft auf offener Straße darf, etwas verwirrt sind, sich an diese Umwelt, die alle Menschen gleich behandeln und nicht diskriminieren will, gewöhnen können.

Wollen wir unsere Gegenwart so beschreiben, dass ihr vordringlichstes soziales Ziel darin liegen müsste, die Emanzipationskämpfe der letzten Jahrzehnte mit Schärfe fortzusetzen? Oder wollen wir sie so beschreiben, dass viele emanzipatorische Erfolge errungen sind und es nun zunächst einmal darum gehen muss, denjenigen, die von diesen Erfolgen nicht profitiert haben und deren einstige soziale Gewissheiten und Ordnungsvorstellungen erschüttert worden sind – dass wir diesen Teilen unserer Gesellschaft Zeit geben, sich erst einmal mit den bisherigen Veränderungen zu arrangieren?

Was Thea Dorn in diesem Ausschnitt heruntergebrochen auf den Inhalt sagt ist schlicht: Es ist in Ordnung, dass sich jetzt auch bisher Diskriminierte zumindest juristisch gesehen frei bewegen können und frei leben dürfen, aber das finden nicht alle gut, auf die sollte man Rücksicht nehmen. Sie fährt dann fort damit, zu erklären, dass wir, die Fürsprecher*innen einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft, zu denen sie sich zählt, doch in den letzten Jahrzehnten so viel erreicht hätten, dass man nun doch mal Ruhe geben sollte.

Ich erwähne dies alles nicht, um in Manier des schlecht gelaunten Patriarchen auf den Tisch zu hauen und zu donnern: “Undankbare Brut, schaut, was ich euch alles erlaubt habe – jetzt ist aber mal Schluss mit den ewigen Forderungen!” Ich erwähne es, weil ich bisweilen den Eindruck habe, dass wir – und mit diesem “Wir” meine ich die Emanzipationsgewinner, zu denen ich mich selbst zähle – bisweilen vergessen, wie viel wir in relativ kurzer Zeit erreicht haben. Und wie wenig selbstverständlich dies ist.

Das Perfide an diesem Absatz ist, dass sie zwar nicht die Rolle des hier skizzierten „schlecht gelaunten Patriarchen“ einnimmt, dass sie ihn aber in seiner Haltung versteht und unterstützt. Sie fordert letztlich genau das, was er in scharfen Worten fordert, bloß auf sehr viel mehr Zeichen breitgewälzt. Dabei stellt sich Dorn nicht direkt auf die Seite, des von ihr geschaffenen Popanzes, sondern sagt „Nehmt Rücksicht auf diesen armen Kerl.“ Das Ergebnis ist jedoch letztlich das gleiche, nur dass sie sich eine Hintertür offenhält, indem sie immer wieder betonen kann, dass diese Thesen nicht ihre Thesen sind, sondern die des „schlecht gelaunten Patriarchen“.
Zur Unterstützung ihrer Grundforderung, dass auch die diskriminierten Gruppen Toleranz zeigen müssten, verfällt sie zudem in das altbekannte Argument, dass eigentlich die linke Identitätspolitik Schuld am Aufstieg Donald Trumps sei – sie betritt diesen argumentativen Raum zwar durch die rhetorische Hintertür, aber die Aussage steht trotzdem in demselben:

Ihre Botschaft [die zweier amerikanischen Psychologen] ans linksliberale Lager lautet: Eure zentralen Anliegen wie die Sorge um Minderheitenrechte, sozialstaatliche Fürsorglichkeit und Gerechtigkeit sind zentrale Anliegen. Aber ihr begeht einen gravierenden Fehler, wenn ihr die konservativen Anliegen wie Schutz der (traditionellen) Familie, Religion oder Patriotismus in Bausch und Bogen als veraltete, nicht mehr legitime Werte abqualifiziert. Schaut euch um, sowohl in der Geschichte eurer eigenen Staaten als auch in der übrigen Welt, und ihr werdet feststellen, dass ihr die “seltsame” Minderheit seid und nicht diejenigen, die an Familie, Religion und Patriotismus glauben.

Zum Glück sind ihr bei “seltsame“ Minderheit noch Anführungszeichen reingerutscht, aber trotzdem ist die Aussage fragwürdig. Erstens ist immer noch nirgendwo klar geworden, wer etwas dagegen hat, dass Menschen in familiären Strukturen aus einem heterosexuellen, verheirateten Paar mit 1-4 Kindern in einem Reihenhaus wohnen und in die Kirche gehen, und zweitens ist die Aussage „Schaut euch um, die Mehrheit ist konservativ“ kein Argument dafür, dass man selbst nicht für die eigenen Rechte kämpfen sollte
Ihr Fazit ist schließlich, dass auch die Diskriminierten, die endlich zu mehr Freiheiten und einem angstfreieren Leben gekommen sind, dass auch die nun tolerant gegenüber den konservativ und traditionell denkenden Menschen sein müssten. Sie greift dabei ganz tief in die Wohlfühlkiste des konservativen Bürgertums:

Zum anderen müssten wir neu über Toleranz nachdenken. Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen? Indem sie wütend losfauchen, sobald einer sie fragt, wo sie geboren sind? Indem sie jeden schlechten Witz auf Kosten der queeren Community zum Skandal aufbauschen?

Bei der Phrase „Gendersternchen vorschreiben“ geht ein Raunen durch die bildungsbürgerlichen Studierstuben und es gibt starke stille Zustimmung, „Ja, genau, Vorschreiben wollen die uns das!“ , die Karnevalsgesellschaften erfreuen sich des Verständnisses der studierten Philosophin für ihren platten und diskriminierenden Humor und der ältere Herr, der eben der Bedienung noch gesagt hat, dass ihre Oberweite in dem Kleid aber fesch aussehe, legt zufrieden die ZEIT beiseite.

Nachschlag im Interview mit der WELT

Das Interview, das vorgestern in der WELT erschien, schließt direkt an diesen Essay und die Kritik daran an. Hier geht Dorn, flankiert von den Fragen des WELT-Feuilletons, noch einen Schritt weiter, indem sie die Forderungen nach Gleichberechtigung, Freiheit und Offenheit von diskriminierten Gruppen gleichsetzt mit den Rechten, die sich in ihrem Patriotismus und ihren diskriminierenden Ansichten gekränkt sehen:

Das permanente Beleidigtsein beschränkt sich nicht auf ein Milieu, sondern ist Ausdruck einer politischen Radikalisierung.

Für Thea Dorn sind das zwei Seiten einer Medaille. Mit Blick auf die Kritik an ihrem Essay, die beispielsweise von Margarete Stokowski kam, äußert sie:

Ich bin überzeugt, dass man als Intellektueller heute zwischen allen Stühlen sitzen muss – anstatt das Geschäft der gesellschaftlichen Radikalisierung und Spaltung zu betreiben. Wenn Sie sich umschauen auf der Welt, stellen Sie fest, dass die offene, pluralistische Gesellschaft ein krasser Sonderfall ist. Und ich möchte ergänzen: ein fragiler Sonderfall. Vor 90 Jahren haben wir in Deutschland erlebt, was geschieht, wenn sich gesellschaftliche Aggressionen gegenseitig hochschaukeln.

Nehmen wir das kurz auseinander. Sie setzt sich als Intellektuelle zwischen die Stühle, während Menschen wie Margarete Stokowski und andere, die Dorn kritisiert haben, die Gesellschaft spalten, weil sie nicht begriffen haben, wie privilegiert sie bereits jetzt schon sind. Genau dieses Verhalten habe vor 90 Jahren zum Verfall der Weimarer Republik und letztlich zum Nationalsozialismus geführt. Ergo: Wenn Stokowski und Co. so weitermachen, sind sie noch Schuld, wenn wir wieder Zustände wie 1933 bekommen. Täter-Opfer-Umkehr als rhetorische Strategie, klassische neurechte Rhetorik.
Letztlich gehen die restlichen Aussagen in dem Interview in dieselbe Richtung, es geht Thea Dorn darum, dass man auch als jemand, der diskriminiert ist, tolerant sein muss und zwar gegenüber den Befindlichkeiten derjenigen, die einen diskrimieren. Ihre Strategie besteht darin sich nach radikal Rechts abzugrenzen, die Tür aber nicht komplett zu schließen. Sie sagt deutlich, dass man gegen „aggressive Pöbler und tatsächliche Volksverhetzer“ vehement einschreiten müsse, dass man aber dem verklemmten Vater, der nicht will, dass sich ein homosexuelles Paar vor den Kindern im Café küsst, Toleranz und Gleichmut entgegenbringen solle. Sie will nicht, um beim Beispiel zu bleiben, dass Homosexuelle beschimpft und attackiert werden, aber wenn es Leute stört, dass sie gleichberechtigt sein wollen, dann sollte man das tolerieren.

Warum ist dieses Vorgehen so geschickt und warum funktioniert es? Es funktioniert, weil sich Thea Dorn damit als vermeintlich streitbare Intellektuelle etabliert, die scheinbar über den gesellschaftlichen und politischen Kämpfen steht und stattdessen das große Ganze im Blick hat. So bekommt sie Widerspruch von links, Zuspruch von halbrechts und ein anerkennendes Nicken von ganz rechts und insgesamt sehr viel Aufmerksamkeit, ohne sich klar in einem politischen Diskursfeld zu verorten, das es ihr erschweren würde ihre Essays in der ZEIT platzieren zu können und das sie ihren Platz im Literarischen Quartett kosten könnte. Gleichzeitig bedient sie aber verschiedene Sparten des Aufmerksamkeitsspiels: Sie bezeichnet sich als links und weltoffen, zeigt aber Verständnis für gegenteilige Positionen. Dabei geht sie sogar soweit, ihren Kritiker*innen von hinten durch die Brust ins Auge vorzuwerfen, dass sie gesellschaftliche Spaltung betreiben und damit den Rechten in die Arme spielen würden. So bespielt sie alle Seiten gleichermaßen, indem sie rechte Positionen anzitiert, sich bis zu einem gewissen Grad zu eigen macht, aber bestimmte Linien nie überschreitet.

Strategie 2: Schmücken mit dem Gruselfaktor von Rechts

Eine zweite Strategie, um Aufmerksamkeit zu generieren, ist nicht das Einnehmen latent rechter Positionen unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesellschaft, wie Thea Dorn es pflegt, sondern sich selbst mit dem Grusel rechter Politiker*innen unter dem Deckmantel des Verstehen-Wollens zu schmücken. Raphael Thelen, freier Journalist unter anderem beim SZ-Magazin, geriet vergangene Woche wegen eines Portraits des rechtsradikalen AfD-Politikers Markus Frohnmaier in die Kritik, besonders aber auch wegen des Tweets, in dem er das Portrait ankündigte:

Kritik an Portraits mit rechtsradikalen Politiker*innen gab es in letzter Zeit häufig und zurecht, da es zu einem beklemmenden Trend unter Journalist*innen geworden zu sein scheint, den Inszenierungsversuchen der AfD auf den Leim zu gehen. Da wird Kubitschek immer wieder auf seinem Rittergut besucht – wie schön, er wohnt auf einem Rittergut, wie gut lässt sich das in eine Spiegel-Geschichte packen – und Höcke wird auf einem Waldspaziergang begleitet – deutscher Wald – der Assoziationsraum hat hier keine Wände so weit ist er. Thelen aber folgt vordergründig nicht dem Framing Frohnmaiers als provokanter Redner, der aber sagt, was Sache ist, sondern begleitet ihn anderthalb Jahre vor allem in beruflichen Kontexten als Bundestagsabgeordneter. In einem Interview für übermedien.de grenzt sich Thelen sogar dezidiert von solchen AfD-Homestories ab:

Das Problem mit einem Besuch auf dem „Rittergut“ oder an einem Waldspaziergang ist ja, dass das das Framing der Rechten ist. Ich bewundere viele der Kollegen, die diese Texte geschrieben haben, aber ich wüsste nicht, dass ich irgendwo Frohnmaiers Framing gefolgt bin. Er wollte mir immer das Framing aufdrücken, dass er über Steuern schreibt und Rentensysteme und Entwicklungspolitik. Wir haben Stunden damit verbracht, darüber zu reden. Ich habe mir das alles angehört, aber das war alles nicht überzeugend.

Und es stimmt, Thelen geht nicht zu Frohnmaier nach Hause, nach eigener Aussage kennt er nicht mal die Namen von dessen Frau und Kindern. Was man Thelen viel eher vorwerfen kann, ist anderthalb Jahre Recherchezeit, in denen er Unterdrückten und Diskriminierten hätte zuhören und sie zu Wort hätte kommen lassen können, an einen dauerprovozierenden AfD-Politiker verschwendet zu haben. Denn das Schlimmste an dem Portrait ist, dass nichts von dem, was wir hier über Frohnmaier erfahren, überraschend ist. Die meisten Informationen hatte man schon vorher und hätte man sich durch ein bisschen Assoziation und Vermutung erschließen können. Die interessanteste Information, nämlich die Verquickung Frohnmaiers mit dem russischen Geheimdienst hat Thelen in seiner langen Recherche nicht entdeckt. Thelen bestätigt mit seinem langen Portrait nur die Vorannahmen über den AfD-Politiker, ändert aber nichts an dem Wissen über die Person Frohnmaier: Markus Frohnmaier ist ein permanent provozierender, rassistischer Lautsprecher aus einfachen Verhältnissen, der in seiner Jugend in rechtsradikalen Kreisen verkehrte und jetzt versucht, das Bild eines weitgehend seriösen, aber lauten Politikers abzugeben. Damit entspricht er zwar nicht dem elitären AfD-Politikertypus, wie Gauland, Höcke oder Weidel ihn verkörpern, dieses Bild vermittelt er aber auch nicht. Wer Frohnmaier bei öffentlichen Auftritten sieht, bekommt den Eindruck, er sei der kläffende Kampfhund, den sich Gauland, Höcke und Co. für die unflätigen, lauten Töne halten. Das erkennt man aber auch ohne Portraits nach anderthalb Jahren Recherche.
In dem Interview, das Stefan Niggemeyer für übermedien.de mit Thelen führte, wird dieser nicht nur als der einsame Held für die gute Sache inszeniert, der seine „gesamten Ersparnisse“ für die Recherche geopfert habe, sondern Thelen verteidigt sich leider auch schlecht. Seine Argumente sind a) man muss Frohnmaiers Aussagen nicht kommentieren, wenn man ihn nur zeigt, wie er ist, dann entlarvt er sich selbst und b) wir müssen die Rechten verstehen, damit wir sie bekämpfen können. Das Problem an Argument a) ist, dass man seit Jahren sieht, dass das nicht funktioniert, genauso hielt man es als die ersten AfD-Fraktionen in Landesparlamente einzogen und genauso hielt man es, als die AfD in den Bundestag einzog. Und es stimmte nicht. Rechte entlarven sich nicht selbst, sondern müssen als antidemokratische Kräfte konstant und nachhaltig von einer pluralistischen Gesellschaft, die bereit ist, ihre Werte zu verteidigen, gestellt und aktiv entlarvt werden. Sonst bleiben ihre antidemokratischen und rassistischen Parolen unkommentiert stehen und werden normalisiert. Das Problem an b) ist, dass er zwar recht hat, dass man aber deswegen einem Politiker nicht anderthalb Jahre folgen muss. Es gibt Studien, die genau das tun: zum Nachvollzug der Denk- und Handlungsweisen von Rechtsradikalen und Rechtspopulist*innen beitragen, ohne dass man dafür mit ihnen Rum trinken und Essen gehen müsste. Schlimmer wird das alles nur durch das Interview mit übermedien.de:

Der Nachmittag endet damit, dass die beiden [Frohnmaier und ein syrischer Rapper, den er trifft] bei Frohnmaier im Büro sitzen und Rum trinken. Und ich sitze dabei, und natürlich trinke ich auch Rum, denn ich will das ja verstehen.

Hier steht die einfache Frage im Raum: Warum? Wieso muss Thelen hier Rum trinken, um zu verstehen, was da passiert? Was davon bleibt, ist: Raphael Thelen, das ist doch der, der mit Frohnmaier Rum getrunken hat. Dass dieses Bild und die damit verbundene Aufmerksamkeit entstehen, dafür hat Thelen mit seinem Post gesorgt.

Außerdem äußert er in dem Interview, er würde sich auch mit Nazis treffen, um zu verstehen, wie sie agieren. Wozu? Es gibt zahlreiche wissenschaftlich fundierte Arbeiten, die genau das tun: Erklären, wie Nazis agieren. Das Frohnmaier-Portrait, in dem berichtet wird, wie er auf einer Hauptschule erlebte, dass seine muslimischen Klassenkameraden den 11. September feierten, so erzählt es wenigstens Frohnmaier, argumentiert genauso, wie die Rezensionen, die im letzten Herbst Lukas Rietzschels Mit der Faust in die Welt schlagen zur Erklärung für die rechten Strukturen im Osten herbeischreiben wollte. Denn natürlich ist diese Anekdote, die Frohnmaier erzählt, die perfekte Geschichte, um sie in einem Portrait zu erwähnen. Nur weiß das zum Einen auch Frohnmaier, deshalb erzählt er sie Thelen, und zum Anderen ist das keine Kausalkette. So ein Erlebnis führt nicht automatisch zu Fremdenhass. Genauso wie die beschriebene Jugend in Rietzschels Roman nicht automatisch zu Hetzjagden in Chemnitz führt. In beiden Fällen, dem fiktionalen und dem faktualen, werden eine Kindheit und eine Jugend dargestellt und suggeriert, dass diese letztlich im Rechtsradikalismus enden mussten. Wenn Thelen im Interview sagt: „Alles hat die Funktion, seine Politik zu erklären. Selbst der autobiografische Part dient dazu, sein Dauer-Provozieren zu erklären und seinen Drift nach rechts […],“ und später anfügt: „Ich finde, es hilft, sich anzugucken, warum jemand so handelt, um dann die Ursachen bekämpfen zu können,“ dann meint er genau das.

Vergleichbar ist Raphael Thelens Frohnmaier-Portrait mit Thea Dorns Essays und Interviews, weil beide den Aufschwung von Rechts von ihrem per se linken Standpunkt aus für sich nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Thea Dorn, indem sie durch Verständnis für Konservative und provokante Aussagen zur streitbaren Intellektuellen wird, und Raphael Thelen, indem er den Grusel und den Schauder, der Personen wie Markus Frohnmaier anhaftet, für sich und seine Clickbait-Reportage nutzt. Sein Tweet ist der pure Ruf nach Aufmerksamkeit: Ich war mit dem Rechtsradikalen Rum trinken. Vielleicht glaubt Thelen wirklich, dass er das als Journalist machen muss, um Aufklärung zu betreiben, dann wäre er naiv, die Aussagen im Interview und seine Reaktion deuten darauf hin. Selbst wenn es so ist, dann ist es immer noch dem SZ-Magazin vorzuwerfen, das aus aufmerksamkeitstechnischen Gründen zu befeuern. Letztlich zeigen beide Fälle, dass man den Aufstieg des neurechten Populismus für sich nutzen kann, ohne selbst wirklich nach rechts abzurutschen. Denn die Aussage von Thelen gegenüber seinen Kritiker*innen: „ Die hätten wissen können, dass der Raphael kein Nazi ist und hätten schnell nochmal googeln können, was ich sonst so schreibe.“ ist korrekt, aber das war auch nie der Vorwurf.

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Romanerfolg für alle! Zur Buchmesse verschenkt 54Books fünf Romanideen

Die Pitch-Meetings für die Buchmesse sind geplant, der Kalender ist voll mit Terminen. Nur eine Sache fehlt: Die zündende Idee für einen Roman, der Kritik und Leserschaft gleichermaßen begeistert, der den Buchmarkt rettet, die zig Millionen Leser*innen zurückbringt, die über die Jahre verloren gegangen sind und der die deutschsprachige Literatur endlich wieder konkurrenzfähig macht. 54Books hilft und verschenkt an dieser Stelle fünf Romanideen, komplett mit Titel, Inhalt und Leseprobe: You’re welcome!

 

Ginsterträume (400 Seiten)

Nach dem Tod ihrer geliebten Leguane nimmt die Literaturprofessorin Friederike Weißner ein Freisemester und zieht in ein kleines Dorf im Südschwarzwald, um ihr Buch über Adalbert Stifter endlich zu Ende zu schreiben. Auf ihren täglichen Spaziergängen durch die unverdorbene Wildnis schweifen ihre Gedanken ab wie Kinder, die sich verirrt haben. Ginsterträume ist eine tiefe Meditation über den Tod, die Natur und das Leben. Der handlungsarme Roman – es gibt keine weiteren Figuren, außer eine vage weise lächelnde Bäckerin – wird in 12 Spaziergängen erzählt (Die Kapitel heißen „Spaziergang 1“ etc.) . Es handelt sich um ein leises, subtiles Buch, das es seinen Leser*innen nicht leicht macht. Man muss sich auf die Naturbeschreibungen bewusst einlassen, um diesem betörenden Meisterwerk seine tiefen Weisheiten abzulauschen. Es empfiehlt sich, während der Lektüre das Handy auszumachen.

Auszug: Den Hang hinab konnte man Krähen hören, deren vielstimmiges Krächzen den Wald mit einer dunklen Aura erfüllte. Elisabeth verharrte vor dem majestätischen Farn, fasziniert von der grünen Symmetrie seiner Blätter. Auch Stifter, dachte sie, hatte Harmonie in der Natur gesucht, aber hatte er sie gefunden? Wie lange hatte sie sich nicht mehr in ein einzelnes Phänomen so stark versenkt wie in diesen Farn? Im Hintergrund ihrer Gedanken konnte sie das ferne unruhige Rauschen der Hauptverkehrsstraße in der Stadt hören. Fern – Farn, fern – Farn … fast unwillig verscheuchte sie die Gedanken an das Anderswo und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.

 

Klinger (350 Seiten und eine Weltkarte von 1809)

Der historische Roman befasst sich mit dem Leben des vergessenen Dichters Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831), der heute wenn überhaupt dafür bekannt ist, dass der Titel seines Dramas Sturm und Drang der Epoche ihren Namen gab. Zu Beginn befinden wir uns im Jahr 1830. Der greise Klinger sitzt in einem Zimmer in Dorpat, Estland und sinniert über sein ereignisreiches Leben. Insbesondere die Erinnerung an seine Zeit als Wegbereiter des ‚Sturm und Drang‘ lassen ihn nicht los. In der retrospektiven Erzählung wird deutlich, wie der umtriebige Goethe Klinger erst um seine große Liebe und dann um den verdienten literarischen Ruhm gebracht hatte. Dem Roman liegen ausgiebige Recherchen zugrunde (Safranski, Wikipedia) und er ist randvoll mit saftigen historischen Details; er ist das Beispiel für eine Erzählkunst, die der deutschen Literatur leider abhandengekommen ist.

Auszug: Klinger konnte sehen, wie der Herzog erst blass dann rot im Gesicht wurde, sich unwirsch abwandte und unverwandt einen Blick auf Goethe warf. Ob es denn wirklich wahr sei, rief er voller Zorn. Das Brokat seiner Ärmel spiegelte die Farbe seines Gesichts. Goethe wurde kerzenbleich, die bläulichen Schatten unter seinen Augen traten deutlich hervor. Er wich zurück und schien im Begriff, mit der Wand zu verschmelzen. Der Fürst verlangte ein weiteres Mal zu wissen, ob es wahr sei und trat dabei einen Schritt auf den Dichter zu. Es sei wahr, erwiderte Goethe mit einer Stimme, die heiser war wie ein ungestimmtes Cembalo. Dabei beugte er sein Haupt in der Art, als wolle er mit der Nasenspitze den Marmor des Bodes berühren. Selten hatte Klinger, der eine gepuderte Perücke trug, ein erbärmlicheres Schauspiel gesehen. Er dachte an Lenz, der ihm damals zuerst gesagt hatte, man dürfe Goethen nicht vertrauen. Oh guter Lenz, was war aus ihm geworden?

 

Was uns verbindet (250 Seiten plus achtseitige Danksagung an anonyme Menschen, ohne die dieser Roman nicht hätte geschrieben werden können.)

Lars Lange ist erfolgreicher CEO in einem großen Unternehmen. Die Lehren des Neoliberalismus hat er tief verinnerlicht. Als er im Zuge der #metoo-Bewegung seine Job verliert, rutscht er durch den obsessiven Konsum salafistischer Propaganda im Internet in die ostdeutsche Neonaziszene ab. Erst die Liebe der veganen Aktivistin Claudia, die er auf einem Spaziergang im Hambacher Forst kennenlernt, lässt ihn neuen Lebensmut schöpfen. Nachdem er seine Leidenschaft für Crystal Meth überwunden hat, beginnt er, sich für den Klimaschutz zu interessieren und wird  einer der Wegbereiter von #fridaysforfuture. Was uns verbindet ist ein Roman, der sich nicht scheut, aktuelle Themen aufzugreifen; ein Roman von geradezu überbordender Welthaltigkeit, erzählt in ehrlichen kurzen Sätzen, die nichts verschleiern. Der Autor hat alles, was im Roman passiert selbst erlebt oder mit Menschen gesprochen, die etwas ähnliches erlebt haben. Ein Roman, der weh tut, der seine Leser*inne nicht kalt lässt.

Auszug: Es war die Ruhe vor dem Sturm. Gleich begann der Tanz auf dem Vulkan. Öggie liest die Flasche Korn noch einmal kreisen. „Let’s rumble“, brüllte er und schlug sich mit beiden Fäusten gegen den rasierten Schädel. „Let’s rumble“, kam es aus Zweidutzend Kehlen zurück. Man konnte ihn spüren, den Hass, die Wut. Die Straße gehörte ihnen! Öggie stürzte los und die anderen hinterher. Alles war jetzt nur noch Schreie und Tritte. Rückspiegel krachten, Autoscheiben barsten. In der Ferne Sirenen. Lars sah nur noch Leiber, er roch nur noch Schweiß. Geil, einfach nur geil. Es gab keinen Lars mehr, es gab nur noch das Rudel.

 

Wetterleuchten (200 Seiten)

Der autobiographisch eingefärbte Roman erzählt von einer Jugend im Karlsruhe Anfang der 2000er. Karl ist 18 Jahre alt und wird von allen Seiten mit Fragen bombardiert: Was willst du studieren? Wo willst du dein freiwilliges soziales Jahr verbringen? Welches Auto sollen wir dir kaufen? Lieber Apple oder Windows? Ihn quälen diese gesellschaftlichen Imperative, aber vor allem quält ihn seine unerhörte Liebe zu Lisa, der Tochter des Rektors am H-Gymnasium. Mit seinen Freunden Thorben (der Dicke), Jan (der Liebe) und Olav (der Versoffene) klaut er den Ford seines Vaters (Zweitwagen), um einen letzten Trip an die Nordseee zu machen. Die Geschichte eines verzauberten Sommers zwischen Kindheit und Erwachsenensein, gleichzeitig auch ein zarter Freundschaftsroman, der in den kleinen Anekdoten der Jugend die ganz großen Fragen stellt.

Auszug: Ich weiß nicht mehr genau, wann wir auf die Idee gekommen sind, noch ein letztes Mal rauszukommen. Bevor alles auseinander ging, bevor wir endlich „Entscheidungen“ treffen mussten, dem „Ernst des Lebens“ ins Gesicht schauen. Wir saßen jedenfalls im Schlossgarten, den alle nur „Schlo“ nannten, tranken Zäpfle und hörten Robbie Williams auf unseren iPods. Es war eine dieser Nächte, die voller Geräusche war und dem Geruch von Flieder. „Fuck den Ernst des Lebens“, lallte Olav, der gerade aus den Fichten hervortrat und sich umständlich den Hosenladen zuzog. Olav war der Clown der Truppe, immer zu Späßen aufgelegt, aber er hatte auch Schlag bei den Weibern. Ein echter Gentlemen, aber wir sprachen uns damals alle mit „Gentlemen“ an.

 

Strobodreams (140 Seiten und zehn zusammenhangslose Fotografien von Parkbänken)

Was wiegt die Seele im Spätkapitalismus? Gibt es Ironie nach Lacan? Ist Berlin ein state of mind? Diese Fragen versucht der popmoderne Kurzroman Strobodreams zu beantworten. Flip, Mo und Finn sind zeitgenössische Stadtpiraten und das Berliner Nachtleben ist ihr Atlantik. Zwischen DJ-Gigs, Konzeptkunst und Chemsexparties diskutieren sie, was Deleuze mit Ketamin zu tun hat, wie Žižek den Kotti gesehen hätte und warum man seit Jordan Peterson nicht mehr ins Berghain gehen kann. Ausgestattet mit rätselhaften Einkommen, die nie thematisiert werden, ziehen diese drei Mittzwanziger durch die Nächte, feiernd und redend, redend und feiernd – so, dass man am Ende nicht mehr erkennen kann, wo der Diskurs aufhört und die Party anfängt.

Auszug: Verirrt im Darkroom, während der Bass rhythmisch über sie zu lachen scheint. Mo stolpert über Leiber, und das Miasma aus Fleisch und Latex machte sie unglaublich glücklich. Das Teilchen hat gekickt und die angenehme Kälte ihrer Hände machte sie wach wach wach. Von Links sieht sie Janosch an die Wand gelehnt; die Goldrandbrille tief auf der Nase, die Mütze bedeckt diskret die leicht Tonsur auf seinem Hinterkopf. Janosch schreit ihr ins Ohr: Ranciere hat mich abgefuckt! Rancier ist der MC des Grauens! Hilfesuchend schaut sie sich um, wo ist Finn? Janosch packt sie an der Schulter, seine Augen flackern panisch: Woher kommen die Cyborgbabies? Mo reißt sich los, geht drei Schritte, der Bass klingt anthropomorph, höhnisch, ha ha ha. Zuckende Konturen halbnackter Körper, Priester des Exzess. Hände wippen, wirbeln. Was ist Identität, denkt Mo und nimmt einen Schluck von ihrer Fritz-Cola, was ist Leben?

 

Photo by Artem Bali on Unsplash