Kategorie: Feuilleton

Von kapitalistischen Vampiren und kommunistischen Gespenstern – Julian Radlmaiers Film ‚Blutsauger‘

von Lukas Betzler und Judith Niehaus

Holt die blauen Bände raus, es ist Marx-Lesekreis: Zu Beginn von Julian Radlmaiers Blutsauger, an “einem Dienstag im August 1928”, wie eine anfänglich eingeblendete Zeitangabe verrät, will eine in den Dünen sitzende Gruppe von Arbeiter*innen das achte Kapitel im ersten Band des Kapital besprechen – Absatz für Absatz. Der Arbeiter Bruno (Bruno Derksen) hat jedoch zu einer Stelle eine brennende, keinen Aufschub duldende Frage. Er zitiert:

[…] ‘Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig’ – Achtung, darum geht’s mir jetzt – ‘die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.’ Und dann ein bisschen später: ‘Die Verlängerung des Arbeitstags in die Nacht hinein … stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut.’ Ja und noch weiter unten steht: ‘daß in der Tat sein Sauger nicht losläßt, solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten’ ist. [1]

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Ein kummergebrandmarktes ukrainisches Lexikon

von Natalia Sadovnik

So lebe ich: als Affe unter Affen

echt kummergebrandmarkt, mit sündiger Stirn,

schleudre ich mich gegen steinharte Wände,

bin ihr Sklave, Sklave, niedrigster Knecht.

Mit gewichtstrunkenen Schritten und firm

paradieren indes die Affen und tun so behände. (Wassyl Stus)

Deutsche Talkshow-Gäste dürfte das besonders freuen: Um die Hintergründe des russischen Krieges gegen die Ukraine zu verstehen, müssten sie nicht einmal Deutschland verlassen. Beginnen können wir in Bad Ems, wo der russische Zar Alexander II einst seinen Spa-Urlaub verbrachte. Die Gedenktafel am Haus der Vier Türme erinnert immer noch an seinen Emser Erlass von 1876, der Bücher, Theaterstücke und Konzerte auf Ukrainisch verbot. Dreizehn Jahre zuvor hatte der Innenminister Pjotr Walujew Ukrainisch bereits aus wissenschaftlichen und religiösen Schriften im Russischen Kaiserreich verbannt. Es war nicht das erste Mal: Bereits Peter der Große hatte das Ukrainische in mehreren Druckereien untersagt, eine ähnliche Sprachpolitik verfolgte auch seine Tochter Ekaterina. 

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Zynischer Nonkonformismus

von Johannes Franzen

Politische Kommunikation ist oft ein Zirkus mit schrecklichen Spätfolgen. Der Podcast „The Flamethrowers“, der die Geschichte des rechten talk radios in den USA erzählt, macht immer wieder deutlich, dass die schwierigen Helden dieser ‚Kunstform‘ als Entertainer auf der Suche nach einer erfolgreichen Nische angefangen haben. Der Meister des rechten Radios, Rush Limbaugh, der zum Zeitpunkt seines Todes im letzten Jahr ein Vermögen von über 500 Millionen Dollar besaß, begann als erfolgloser Moderator. Dann entdeckte er das schier unerschöpfliche Bedürfnis nach einer Stimme, die den angeblich linksliberalen Zeitgeist herausforderte. Sein wütendes Geschrei gegen Feminismus, Anti-Rassismus oder LGBTQ-Aktivismus fand ein riesiges Publikum und wirkte stilbildend für ein rechtes Unterhaltungsformat, das seine Energie aus dem höhnischen Zorn über progressive Anliegen zog.

‚Owning the Libs‘ – Linksliberale provozieren – wurde zu einer der wichtigsten Strategien einer intellektuell entkernten Rechten, die es sich seit den 1970er Jahren zusehends auf dem muffigen Theaterboden der ‚Culture Wars` gemütlich gemacht hatte. Die erfolgreichen Karrieren Limbaughs und anderer Moderatoren, von denen „The Flamethrowers“ erzählt, verweisen aber auch auf die Geschichte eines Geschäftsmodells, das in der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie den Gipfel seiner Lukrativität erreicht hat – das Geschäftsmodell des mutigen Nonkonformisten, der den uniformierten Zeitgeist herausfordert. Es handelt sich um ein Rollenmuster, dessen Attraktivität sich durch alle Register des kulturellen Anspruchs zieht, und auch solche Figuren der jüngeren Kulturgeschichte betrifft, die von einem Limbaugh auf den ersten Blick denkbar weit entfernt erscheinen.

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Muskelmänner, Hoden-Bestrahlung und Faschismus – Von “300” bis zu Tucker Carlson 

von Annika Brockschmidt

Gestählte, schwitzende, nackte Oberkörper, Liegestützen, sich wölbende Muskeln, zwei spärlich bekleidete Männer, eng umschlungen im Kampf – auch sie muskelbepackt. Ein blonder, ebenso durchtrainierter Mann, der auf Plastikflaschen schießt. Plötzlich der Griff einer Männerhand an ein Kuheuter. Dann schwillt die Musik – bisher waren es bedrohliche Paukenschläge – dramatisch an: Wir sehen einen komplett nackten Mann in Erlöser-Pose auf einem Hügel stehen, die sehnigen Arme zum Himmel gereckt. Vor ihm steht etwas, das wie ein gigantischer Covid-Test aussieht und die Sicht auf die Geschlechtsteile verdeckt. 

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Nachdenken über Leben, Kunst und Kollektive

von Barbara Peveling

In ihrem Buch „Schäfchen im Trockenen“ reflektiert Anke Stelling über den Zusammenhang von Gemeinschaft und einem Leben mit der Kunst. Ihre Protagonistin kann bei den Anforderung der Leistungsgesellschaft nicht mithalten und wird deswegen ausgegrenzt. In dem Roman erwähnt sie auch das Kinderbuch von Leo Lionni. In „Frederick“ erzählt dieser die Geschichte einer Maus, die nicht, wie die anderen Mäuse, Vorräte für den Winter sammelt und verteidigt so den Beruf des Künstlers als singuläre Figur in der Gesellschaft, die scheinbar nichts tut. Während alle arbeiten, sammelt Frederick statt Reserven, einen Vorrat an Geschichten für einen langen Winter. Das Kinderbuch ist eine gesellschaftliche Utopie, in der am Ende alle ihre Ressourcen miteinander teilen, ob Kunst oder Nahrung, alles hat denselben Stellenwert, und hilft dabei, Krisenzeiten zu überstehen. In der Realität stehen die meisten Künstler*innen aber am untersten Ende der kapitalistischen Nahrungskette und müssen sich ihren Lebensunterhalt oft mit sogenannten Brotjobs finanzieren. 

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Kein Preis zu hoch? – Über Preise und was sie mit Krieg und Krisen zu tun haben

von Daniel Stähr

Wer sich häufig in sozialen Medien bewegt, kennt vielleicht das Gefühl, sich durch die unzähligen Posts zu wühlen und dabei auch über humoristisch gemeinte Aussagen zu stolpern – meist eine Mischung aus banalen Vergleichen und halblustigen Insider-Witzen. Manchmal aber steckt in dieser scheinbar lustigen Feststellung mehr Wahrheit und mehr Relevanz, als den Nutzer*innen bewusst und uns als Gesellschaft lieb ist. 

Der User El Hotzo wirft hier nämlich implizit eine Frage auf, die uns viel mehr beschäftigen sollte: Wieso haben die Energiepreise in den vergangenen Jahrzehnten so wenig auf die sich immer weiter verschärfende Klimakatastrophe reagiert, sind im Zuge des Krieges in der Ukraine aber gefühlt über Nacht extrem gestiegen? Was treibt Preise? Und vielleicht noch wichtiger – was können uns Preise über die Welt in der wir leben sagen?

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Wiederentdeckungen – Gabriele Tergits komplizierter Nachruhm

von Sandra Beck

Die kulturpolitische und literaturwissenschaftliche Daueraufgabe einer kritischen Auseinandersetzung mit dem literarischen Gedächtnis wird in den Feuilletons der Gegenwart vor allem im Begriff der ‚Wiederentdeckung‘ greifbar. Dies ist eine wohlfeile, auch auf marktökonomische Interessen abgestimmte Floskel, allerdings auch eine mächtige Handlungsvokabel. Denn einerseits trägt sie Publikum und Literaturwissenschaft ein Nachzuholendes auf und korrigiert ein kulturelles Gedächtnis, das zu lange und zu Unrecht vergessen hat. Andererseits schützt sie vor dem Vorwurf der Missachtung, der gänzlich fehlenden Rezeption, denn wiederentdecken lässt sich nur, was man einmal bereits kannte.

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Ist das Kunst oder kann ich das haben? – Über Wolfgang Ullrichs „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

von Christina Dongowski

Winckelmann beginnt sein Projekt, die erste Geschichte der Kunst überhaupt zu schreiben, in dem Bewusstsein, dass es seit Praxiteles, Skopas und Lysippos keine wahre Kunst mehr gibt – und dass sie es auch nicht wieder geben wird. Siebzig Jahre später erklärt Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik (1835/36): „In allen diesen Beziehungen ist und bleibt die Kunst nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung für uns ein Vergangenes. (…) Die Kunst lädt uns zur denkenden Betrachtung ein, und zwar nicht zu dem Zwecke, Kunst wieder hervorzurufen, sondern, was die Kunst sei, wissenschaftlich zu erkennen.“ 

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Gesundheit! – Über Juli Zeh und über Juli Zeh über Juli Zeh

von Matthias Warkus

Die Pandemie ist irgendwie von Amts wegen beendet, und allmählich weicht auch das große Kopfschütteln und Händeringen über die Reaktionen der Intellektuellen einer Art Rückschau. Vielleicht nicht der schlechteste Zeitpunkt, um auf etwas zurückzuschauen, was selbst eine Rückschau ist. Im Juli 2020 veröffentlichte die Brandenburger Landesverfassungsrichterin Juli Zeh ein enorm ungewöhnliches Buch namens »Fragen zu Corpus Delicti« (btb, München; im Folgenden zitiert unter F). Cover des Buchs »Fragen zu Corpus Delicti«Ungewöhnlich ist nicht nur die Form – es handelt sich um ein Selbstinterview, ein Format, das man in Deutschland hauptsächlich von der dezent cringigen taz-Kolumne »Die Woche« von Friedrich Küppersbusch kennt, nur eben mit buchfüllender Länge. Ungewöhnlich ist zudem der Gegenstand, das Buch bietet nämlich erschöpfende Erläuterungen zu Zehs Roman Corpus Delicti von 2009, gerichtet »an Schüler und Studenten« (F10). Die Autorin liefert Lehrenden und Lernenden direkt die Sekundärliteratur für ihr eigenes fantastisch erfolgreiches, bis 2019 allein 380.000-mal verkauftes und vielerorts zur Schullektüre gewordenes (F188) Werk. Der Rückentext spricht unbescheiden von einem »unverzichtbare[n] Begleitbuch«. Weiterlesen

Was ist eigentlich mit _____ passiert?

von Anonymous

im Original erschienen bei Longreads

übersetzt aus dem Englischen von Tobias Eberhard

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Niemand bin ich! Und du? / Ein Niemand – noch dazu?

Emily Dickinson, 1891 (Übersetzung G. Kübler)

Ich möchte behaupten, dass es sich bei Anon, verantwortlich für so viele Gedichte ohne Signatur, oftmals um eine Frau handelte.

Virginia Woolf, 1929

Kein Name? Nun, die Straßen sind voller namenloser Mädchen.

George RR Martin, A Feast for Crows

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